Mittwoch, 25. Februar 2009

basis: traumageschichte(n) 5 - tradierte traumata - eine mail

die im folgenden (mit einverständnis) dokumentierte mail stammt von einer frau, die sich seit jahren mit dem existenziellen erbe auseinandersetzen muss, als kind in eine familie hereingeboren worden zu sein, in der die erwachsenen eltern unbegriffen und unaufgearbeitet ihre eigenen schäden aus ns-zeit, weltkrieg und nicht zuletzt auch der "ganz normalen erziehung" an ihr ausagiert haben. als kind erlebte sie innerhalb der familie emotionale vernachlässigung, körperliche gewalt und sexualisierte gewalt.

mit welcher dynamik und mit welchen (gesamtgesellschaftlichen) folgen tradierte traumata wirken, macht der folgende text eindrucksvoll deutlich, der sich auch als vertiefung und ergänzung zum beitrag der traumareihe bezgl. der "sehr deutschen" pseudodiagnose
vegetative dystonie lesen lässt. die erwähnte gesprächspartnerin der frau ist eine fachärztin für psychiatrie & neurologie.


Hallo ....

ich hatte heute nacht schlimme Albträume. wenn du weiter liest, wirst du auch verstehen, warum. Ich möchte dir etwas von dem Gespräch mit Frau M.erzählen, weil es mich so sehr beschäftigt. Kann sein, dass ich es noch nicht so gut ausdrücken kann, weil es noch so sehr in mir wogt.

Vieles darin wird dir vertraut sein, aber vielleicht gibt es auch durch meine Art, Hintergründe verstehen zu wollen und Zusammenhänge herzustellen, doch noch das eine oder andere neue für dich.

Im Gespräch gestern ging es unter anderem um die Generation unserer Eltern, die ihre eigenen, nicht aufgearbeiteten Traumata an uns, ihre Kinder weiter gegeben haben. Meine Geschichte ist zwar individuell, aber sie ist, was die Ursachen dafür und deren Folgen angeht, kein Einzelfall.

Sie sagte, dass unsere Eltern, die als Kinder im 2. Weltkrieg aufgewachsen sind, von ihren Eltern, deren Väter zum grossen Teil als Soldaten am 1. Weltkrieg teilgenommen haben (manche sogar an beiden Kriegen), gelernt haben, unglaublich viel auszuhalten und die eigenen Gefühle nicht zu spüren. Das wurde unseren Eltern durch ihre Eltern "beigebracht". Die Erziehung unserer Eltern durch ihre Eltern war eine brutale Erziehung.

Für die Eltern unserer Eltern war es überlebenswichtig, nichts zu spüren, sonst wären sie an dem, was sie erlebt haben, verrückt geworden. Weil vieles so schlimm war, dass man damit nicht einfach weiter leben kann. Und die Eltern unserer Eltern haben die im Krieg erlebten Grausamkeiten nicht aufgearbeitet, sondern sie haben die erlebte Gewalt an ihre Kinder - unsere Eltern - weiter gegeben, um sich selbst emotional zu entlasten. Durch die Art ihrer Erziehung, in ihrem eigenen autoritären Verhalten, in den brutalen Strafen, in der emotionalen Vernachlässigung ihrer Kinder haben sie die eigene erlebte Gewalt weiter gegeben.

Auch unsere Eltern haben wie ihre Eltern einen Krieg erlebt - als Kinder, sie wuchsen darin auf. Sie haben von ihren Eltern Gewalt durch die Erziehung erlebt (siehe vorheriger Abschnitt). Und auch sie wurden so erzogen, möglichst nichts zu fühlen, möglichst viel auszuhalten. Zusätzlich zu dieser Erziehung haben sie den 2. Weltkrieg als Kinder erlebt, mit allem Furchtbaren und allen Entbehrungen. Diesen haben sie erlebt mit dem in sie durch die Erziehung eingehämmerten: Du sollst nichts spüren. Du musst aushalten.

Und unsere Eltern haben die durch ihre Eltern erlebten Grausamkeiten nie aufgearbeitet und verarbeitet. Sie haben es genau so gemacht wie ihre Eltern: sie haben die erlebte Gewalt an uns weiter gegeben, um sich emotional selbst zu entlasten (was natürlich eine Pseudoentlastung ist, denn ohne Aufarbeitung kann man diese erlebte Gewalt nicht überwinden).

Unsere Eltern haben dann kräftig am Wirtschaftswunder mitgearbeitet. So mussten sie sich nicht auf ihre eigenen Gefühle konzentrieren, die Verletzungen spüren. So haben sie weggeschoben, was notwendig gewesen wäre: die Auf- und Verarbeitung ihrer Vergangenheit. Unsere Eltern hätten die Chance gehabt, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten - auch später noch. Aber die meisten konnten es nicht - und wollten es auch nicht. So haben sie ihren Müll an uns weiter gegeben.

Frau M. sagte, dieser Sadismus, mit dem viele unserer Großeltern ihre Kinder traumatisiert haben - durch die Erziehung beeinflusst von den unverarbeiteten Kriegserlebnissen - sei unvergleichlich. Diesen Sadismus haben auch viele unserer Eltern an uns weiter gegeben / uns zugefügt. Auch heute gibt es noch Traumatisierungen bspw. durch emotionale Vernachlässigung, aber diesen ganz speziellen Sadismus der beiden Kriegsgenerationen gibt es darin so nicht mehr.

Sie sagte: Wenn jemand im Krieg war und das nicht verarbeitet hat, gibt er das als unglaublichen Sadismus weiter. Auch als Kind im Krieg aufgewachsen zu sein und Schlimmes erlebt zu haben, erzeugt Sadismus. Aber wenn jemand selbst als Soldat im Krieg war, bei Gewalttaten zugesehen hat und an Gewalttaten beteiligt war, ist das noch viel schlimmer. Das ist meine Erfahrung hier in der Praxis - die am schlimmsten Traumatisierten sind die Menschen, die solche Eltern haben.

Sie sagte auch: Wenn man das eigene Trauma nicht aufarbeitet und irgendwann verarbeitet, gibt man es weiter.

Nach all dem, was ich gestern im Gespräch erfahren habe, denke ich jetzt:

Unsere Eltern konnten und wollten auch später - in "Friedenszeiten" ihre Gefühle nicht fühlen. Sie haben uns den ganzen Rotz weiter gegeben:

- Die Haltung: Es ist gut, möglichst nichts zu fühlen, möglichst viel aushalten zu können.
Was für eine lebensfeindliche Haltung!!!!!!!!!
- Sie haben an uns die Gewalt weiter gegeben, die sie selbst erlebt haben - als Kinder ihrer autoritären, oft
sehr brutalen Eltern.

Ihre Erziehung bestand darin, dass aus ihnen "brave" Kinder gemacht wurden = Kinder, die keine unbequemen Fragen stellten, Kinder, die aufgefordert waren, taub, blind, stumm und lahm zu sein! In einem solchen Sinne erzogen wuchsen sie im Faschismus auf, erlebten ihn unhinterfragt, waren Teil darin, angepasst, waren "mucksmäuschenstill".

- Als solche fügig gemachten, angepassten, verängstigten Kinder erlebten sie dann auch den Krieg - mit
seinen Gräueltaten und Entbehrungen.

Unsere Eltern haben nichts von ihrer eigenen Vergangenheit aufgearbeitet und verarbeitet - dafür hätten sie all die vielen verleugneten und verdrängten, unglaublich schmerzhaften Gefühle fühlen müssen. So sieht die Bearbeitung eines Traumas aus, anders kann es nicht verarbeitet werden. Schwerstarbeit, ich weiss es!

Unsere Eltern sind diesem schwierigen, schmerzvollen Prozess ausgewichen. Sie haben uns ähnlich erzogen, wie ihre Eltern sie erzogen haben. Sie haben uns ihre eigenen Deformationen weiter gegeben, aufgedrückt. Mit den kämpfen wir jetzt! Diese versuchen wir jetzt aufzulösen! Um aus der Gewaltspirale auszusteigen, um erlebte Traumata, um erlebte Zerstörung nicht mehr weiter zu leben und nicht mehr weiter zu geben. Was für ein Erbe!!!!!!!!!

Und was mich aufregt: Ich habe meine Mutter SIEBZEHN! Jahre lang aktive Angebote gemacht, sich mit den Gewaltstrukturen in unserer Familie, einschliesslich ihrer eigenen an uns weiter gegebenen Gewalt, auseinander zu setzen. Sie hat sich geweigert! Sie hat alles beschwichtigt und bagatellisiert! Sie hat sich nichts vorzuwerfen! Sie ist über alle Kritik erhaben! Kinder haben ihre Eltern nicht zu kritisieren - Punkt!
Das macht mich fassungslos!

Ich sehe mit einer Deutlichkeit wie nie zuvor. Ich bin entsetzt! Ich könnte schreien! Das ist unsere Gesellschaft!!!!!!! Und diese Auf- und Verarbeitungsprozesse dauern so lang! Ich erlebe es ja an mir. Und anders kann sich nichts ändern! Sonst wird es immer nur eine Wiederholung geben - in neuen Gewändern. Ist das nicht wahnsinnig???????

Wir sprachen in diesem Zusammenhang auch über die RAF, mit der ich als Jugendliche sympathisierte, weil sie sich gegen all das wehrte, was ich damals gefühlt, aber unbegriffen mit meinen Eltern in Verbindung brachte. Frau M. sagte: Die RAF hat versucht, die Geschichte der deutschen Kontinuität zu brechen - aber mit der gleichen Methodik. Sie haben mit der gleichen Brutalität gehandelt, wie sie sie selbst erfahren haben - als Kinder kriegstraumatisierter, sadistischer Eltern. Sie haben versucht, einen Bruch zu machen - die Ideologie war eine andere, aber das Vorgehen darin war genau so gewalttätig und brutal. Sie hätten ihre eigene Geschichte aufarbeiten müssen, mit der Gefühlsverleugnung und -verdrängung brechen müssen! So haben sie etwas davon weiter gegeben, was sie selbst erleben mussten. Die Geschichte der RAF war kein Bruch, sie war eine Fortsetzung. Nur die Ideologie war eine andere.


*

ich möchte dazu nur zwei anmerkungen machen: erstens glaube ich, dass sowohl die wahrscheinlichkeit als auch die zeitliche dauer für und von heilungsprozessen ganz anders aussehen würde, wenn es eine breite und spürbare gesellschaftlich positive resonanz und auch akzeptanz für die elementare wichtigkeit dieser arbeit gäbe.

und zweitens sehe ich den aspekt hinsichtlich der raf ähnlich, halte diesen jedoch als alleinigen hintergrund für zu eindimensional, weil gerade die ersten aktionen der raf mit bezug auf den vietnamkrieg etwas waren, was sich im historischen rückblick sehr wohl als begründet und allgemein menschlich legitimiert betrachten lässt - ohne den spezifisch deutschen hintergrund der raf, der auch in der
kommandoerklärung zu einem ihrer ersten anschläge auf das us-hauptquartier in stuttgart 1972 zum ausdruck kommt, zu vergessen.

tatsächlich war diese institution eine entscheidende koordinierungsstelle für die bombardements, die sich als verbrechen betrachten lassen. und ist eben deshalb auch für den wunsch, dieses verbrechen wirkungsvoll zu stören, die passende anlaufstelle gewesen - immer vor dem hintergrund, dass weder die regierung noch die bevölkerung der damaligen brd willens gewesen ist, hier wirkungsvoll einzugreifen.

tatsächlich aber sind auch die gezogenen vergleiche mit auschwitz und dresden ausdruck einer nicht begriffenen inneren verwirrung seitens der guerilla, die hier gleich mit ihrem beginn ihren psychohistorischen hintergrund deutlich machte. und in diesem verlauf auch noch täter und opfer gleich setzt. nichtsdestotrotz hatten diese vietnambezogenen aktionen der raf einen charakter, der sich primär durch die damalige aktuelle situation entschlüsseln lässt - auch, wenn sie zumindest in hinsicht auf die inneren motivationen der akteure teilweise auf der matrix von ns-zeit und weltkrieg stattgefunden haben.

dazu sollte man sich dann auch einmal die herkunft vieler der ersten aktivistInnen anschauen, die sich der raf anschlossen: einige kamen aus dem
sozialistischen patientenkollektiv heidelberg und waren als - hm, patientInnen mit verschiedenen psychiatrischen diagnosen durchaus repräsentativ für das gesammelte psychophysische elend, das in der alten brd unter dem deckmäntelchen von wohlstand & ordnung jahrzehntelang unter den teppich biederer bürgerlichkeit gekehrt wurde. einige andere kamen aus solchen heimen, in denen kinder & jugendliche mit extrem repressiven und traumatischen methoden direkt aus der "schwarzen pädagogik" bis weit in die 1970er jahre hinein traktiert wurden. der wunsch nach dem bruch und "zurückschlagen" ist von daher durchaus verständlich.

ich möchte aber hier ausdrücklich keine raf-debatte, jedenfalls im ideologisch-politischen sinne, anstoßen - das thema steht in der überschrift, und die raf und ihre geschichte sind dabei - wie sich an der mail erkennen lässt, nicht nur aus meiner perspektive - zwar ein sehr spektakulärer, aber keinesfalls der einzige punkt.

notiz: zehn minuten konfrontation mit der realität

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