Sonntag, 25. September 2011

assoziation: peak oil & "burn-out" - energetisches und psychophysisches ausbrennen - zwei seiten einer medaille?

nicht nur eine kleine diskussion in den kommentaren zum letzten beitrag bildet den anlaß zu diesem thema, sondern unabhängig davon sah ich gestern (oder war´s freitag?) im supermarkt von weitem die schlagzeile des papiernen totschlägers mit den vier buchstaben: "Volkskrankheit Burn Out - 9 Millionen Deutsche fragen sich: bin ich nur erschöpft oder schon ausgebrannt?". diese "plötzliche" themensetzung hat wie bei derlei medialen konjunkturen üblich ihren konkreten anlaß im rücktritt eines "prominenten" aufgrund eines erschöpfungssyndroms, in diesem fall des bundesligatrainers von schalke 04. ich möchte aber zu dieser speziellen sache eigentlich nur sagen, dass das einzig positive womöglich eine art vorbildfunktion ist, analog zu anderen prominenten fällen von burn out und depressionen, die es mehr menschen zukünftig vielleicht ermöglicht, in ihren jeweiligen umfeldern noch rechtzeitig die reißleine zu ziehen.

aber der rote faden, den ich jetzt verfolgen will, ist ein anderer und geht von einem satz von yurun aus, der in den oben verlinkten kommentaren zu lesen ist:

"so nah an der Seele ist das Öl nun wirklich nicht"

wirklich nicht?

*

zunächst zwei videos, die mir bis heute beide unbekannt waren - das eine stammt aus dem letzten jahr und ist ein beitrag des zdf-magazins "frontal":



wenn Sie die bisherigen beitrage im blog zu peak oil kennen, wird Ihnen das meiste davon vertraut sein. allerdings sind die erwähnten projekte sowohl der us-army als auch des schwedischen staates zwar bei näherer betrachtung wirklich spektakulär, aber hierzulande kaum thema. die statements aus dem hiesigen wirtschaftsministerium lassen auch erahnen, warum. im übrigen halte ich das für typische versuche der systeminternen "bewältigung" einer situation, die eben in diesem rahmen ganz und gar nicht mehr zu bewältigen sein wird. mehr und neue technik soll´s wieder mal richten - dieser ansatz kommt jahrzehnte zu spät und hätte das ende des ölzeitalters nur insgesamt etwas abfedern (was allerdings zukünftig als nicht unwesentlich empfunden werden könnte), aber nicht aufhalten können. was man von einer "grünen und ölfreien" luftwaffe halten soll, können eh nur zyniker am besten erklären, ähnlich beim "ölfreien" autoverkehr.

und dann ein video aus einer mir unbekannten quelle, welches sich bei yt unter dem keyword burn-out findet und dessen machart und vor allem symbolik ich interessant finde:



der ganze beitrag strotzt vor spachlich-bildlichen metaphern aus dem energiebereich: fahrende und stehende autos, ausgehende lichter, stromleitungen und vor allem das ausbrennen - kraft- und beziehungslosigkeit. nun braucht es sicher psychophysische energie, um überhaupt beziehungen leben können - energie, deren basis für uns heute zu großen teilen aus der nahrungsproduktion der industriellen landwirtschaft herrührt. aber das ist für mich gerade ein eher nachrangiger apspekt, eher erscheint es nötig, genauer zu fragen, wer da spricht und was für beziehungen eigentlich gemeint sind.

ich hatte ebenfalls im letzten jahr mal versucht, die
bedeutung der fossilen brennstoffe für das leben in westlich ausgerichteten industriegesellschaften zu skizzieren, u.a. mit dieser liste:

"die rolle der fossilen brennstoffe lässt sich in ihrer ganzen bedeutung (...) kurz zusammenfassen: öl (und gas) haben

- wesentlich für eine unglaubliche zahl von bahnbrechenden wissenschaftlich-technischen fortschritten gesorgt
- incl. aller medizinischen fortschritte
- die industrielle landwirtschaft mit ihrer massiven produktivität ermöglicht
- darüber dann auch das wachstum der menschlichen bevölkerung global explodieren lassen
- für die heutigen stadtlandschaften gesorgt; incl. der mega-cities
- die mikroelektronische "revolution" mitsamt all ihrer ausprägungen - u.a. das internet - zu verantworten
- die kriegsführung bzw. die dazu verfügbaren mittel so tödlich wie nie zuvor gemacht
- natürlich auch für diverse kriege unmittelbar gesorgt
- die allgemeine mobilität in ungeahnte dimensionen getrieben
- vorher unbekannte ökologische zerstörungen globaler bedeutung ausgelöst (direkte ölverschmutzungen, müllprobleme, smog, klimaveränderungen, landschaftsversiegelung etc. etc.
- und natürlich auch die sog. globalisierung (der ökonomie) sowie die expansion des totalitären kapitalismus mitsamt seiner überproduktions- und sonstigen krisen erst möglich gemacht; in diesen
zusammenhang gehört auch die mittlerweile absolut unerträglich gewordene umverteilung gesellschaftlichen reichstums an eine in relation wirklich winzige minderheit incl. der damit verbundenen
machtungleichgewichte
- durch all das dann indirekt auch zur allgemeinen beschleunigung, zu stress und letztlich vielen schwer gestörten psychophysischen zuständen mit beigetragen"


ich schlage vor, den letzten punkt mal als eine art lupe zu nutzen und sich dadurch alle vorherigen punkte zu betrachten.

*

dabei komme ich zu folgenden ergebnissen: erstens haben die erwähnte wissenschaftlich-technischen fortschritte massiv arbeitswelten und -bedingungen beeinflusst. stichworte sind hier
beschleunigung (nicht nur der produktion) sowie rationalisierung, u.a. mit der massiven konsequenz steigender erwerbslosigkeit - beides ganz direkt mit dem thema burn-out verbunden. zweitens ist die erwähnte entwicklung hin zu mega-cities eine, die insgesamt viel zu wenig reflektiert wird - es gibt begründete hinweise darauf, dass in zusammenballungen von millionen von menschen auf engstem raum das risiko für psychophysische störungen massiv steigt - hier ist das zentrale stichwort stress in allen formen. wir sind zwar sozusagen gruppentiere, aber die größe dieser gruppen dürfte idealerweise weit unter den heutigen maßen liegen. drittens sind die "fortschritte" in sachen kriegsführung, auch viele (öl-)kriege selbst, direkt mitverantwortlich für eine große zahl von kriegstraumata - das gilt dabei sowohl für das militär als auch die zivilbevölkerung. viertens gibt es überzeugende indizien dafür, dass auch ökologische zerstörungen analoge psychophysische zerstörungen bei menschen anrichten. damit sind nicht primär direkte oder indirekte vergiftungen gemeint, sondern eher quasitraumatische prozesse, die über das ohnmächtige miterlebenmüssen der zerstörung der eigenen lebensräume sowie nichtmenschlichen lebens induziert werden. fünftens lässt sich das stichwort internet direkt als symbol für die schon oft thematisierte explosion virtueller und simulativer prozesse in unseren sozialstrukturen vor allem in den letzten zwei bis drei jahrzehnten ansehen - diese entwicklung ist ebenfalls nicht ohne handfest-materielle energieflüsse denkbar, die aus der sicht sozusagen auf dieser seite einiges von unseren heutigen kompensationsmöglichkeiten der negativen folgen eben dieser flüsse in anderen bereichen ermöglichen - stichwort flucht (vor unerträglichen psycho-sozial-ökonomischen realitäten) in virtuelle welten.

man könnte das sicher fortführen und weiter präzisieren, aber worauf ich hinaus will, sollte deutlich geworden sein. natürlich kann es nur so sein: wenn die fossilen brennstoffe die absolute und totalitäre basis unserer art der ökonomie darstellen, dann stellen sie auch die absolute und totalitäre basis aller materialität der heutigen "zivilisation" dar; und damit zwangsläufig auch die basis für alle anscheinend "immateriellen", "psychischen" und virtuellen prozesse, die heute unsere "normalität" darstellen. ich betone das "heute" deshalb, um missverständnisse dahingehend auszuschließen, dass sich das alles nur im ölzeitalter hätte abspielen können, was nicht stimmt. stresszustände zb. dürften solange eine rolle spielen, solange es die menschliche spezies gibt, und ich teile die ansicht, dass wir auf ein gewisses maß an stress nicht nur psychophysisch eingestellt sind, sondern ihn sogar als trigger für entwicklungen benötigen. aber auch hier macht die dosis das gift, und das ölzeitalter hat diese dosis zweifellos in unerträgliche höhen geschraubt.

*

apropos gift: dabei fiel mir auch wieder jener beitrag mit dem titel
das schwarze gift ein, bei dem ich damals schon ähnliche schlüsse gezogen hatte wie jene, die sich aus dem obigen aufdrängen:

"peak oil erweist sich unter solchen aspekten immer mehr als regelrechter segen - wenn diese sog. "zivilisation" sich angesicht des peaks und angesichts der schlichten normalen unerträglichkeiten bei der ölförderung und auch der verarbeitung als unfähig erweisen sollte, sich selbst zu transformieren, hat sie nichts weiter als den untergang verdient.

in den früheren beiträgen zu peak oil kam öfter mal das gleichnis mit einem junkie oder auch alkoholiker, die auf ihren stoff nicht mehr verzichten wollen und können. in beiden fällen hilft nur der konsequente entzug. das gilt auch für das öl, wobei das angesichts der rolle, die dieser basale rohstoff für die industriellen gesellschaften spielt, gleichzeitig ihr ende bedeuten wird. so oder so. das eine so steht für das (in peak oil-kreisen beliebte) "mad-max-szenario" - eine dystopie nach dem gleichnamigen film. das andere so wäre eine kollektive, rasche und bewusst eingeleitete abkehr vom ölzeitalter - mit allen konsequenzen auch des (scheinbaren oder realen) verzichtes, die das individuell und kollektiv mit sich bringen würde. ich muss wohl nicht mehr schreiben, welches so ich in der derzeitigen situation für wahrscheinlicher halte... der auf öl basierende kapitalismus wird aufgrund seiner inneren widersprüche und der äusseren grenzen des exponentiellen wachstums zur hölle fahren, aber er wird dabei vermutlich auch die eh schon schwer beschädigte menschliche sozialität an den rand des abgrunds bringen."


es ist ein vielleicht aussagereicher zufall, dass das störungsbild, welches medizinisch-psychiatrisch heute mit dem begriff des burn-out erfasst wird, inzwischen mehrheitlich als vorstufe zur depression angesehen (und derart diagnostisch von dieser abgegrenzt) wird. der gleiche begriff, der allgemein auch für den als schlimmsten angesehenen ökonomischen krisenzustand benutzt wird. und dieser letztere wird bei unserer weitgehenden kollektiven und hartnäckigen ignoranz des peaks folgerichtig eintreten. so, wie die persönliche depression ebenso bei ignoranz der persönlichen vorzeichen folgt.

ich bin von solchen analogien immer persönlich fasziniert, erwarte aber durchaus nicht, dass Sie mir bei dieser faszination folgen - aber warum ich hier eine andere meinung habe als kommentator yurun, sollte inzwischen klar geworden sein.

die global in allen industriellen gesellschaften verbreitete plage von zuständen wie depressionen und burn-out (andere psychophysische störungen spielen auch eine rolle; so lässt sich bspw. auch der vielbeklagte pathologische narzissmus aus dieser sicht als ölbefeuert betrachten, und soziopathen "lieben" eh prozesse der beschleunigung und des virtuellen) könnte man aus dieser perspektive ebenfalls als eine art peak betrachten, nämlich den der menschlichen anpassungsfähigkeiten an die durch die spezifischen energetischen eigenschaften des öls produzierte heutige menschliche welt. und passend zur erschöpfung der förderung auf vielen ölfeldern setzt auch die große erschöpfung in der menschlichen welt ein - in beiden fällen heißen die konsequenzen: zusammenbruch, u.a. durch die unfähigkeit bedingt, sich eine andere art & weise des lebens auch nur vorstellen zu können. dabei könnte die eine erschöpfung paradoxerweise die andere heilen helfen...

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