Montag, 28. Mai 2012

kontext 76: psychophysische mutanten unter uns

"Könnte ich die Psychopathen nicht im Gefängnis studieren - an der Wall Street würde ich genug von ihnen finden."

*

der obige satz ist schon mehrere jahre alt, und er erschien damals im zusammenhang mit dem ersten blogbeitrag, der das thema der
psychopathen im big business aufgriff. in großen abständen kam es seitdem immer wieder mal zu ähnlichen artikeln in den medien, ohne dass jedoch vertiefend gegraben worden wäre. dabei reicht das vorliegende material in form einiger studien sowie der gesamten bisherigen erkenntnisse über den komplex der soziopathie (aus gründen bevorzuge ich diesen begriff) eigentlich hinreichend aus, um schlüsse zu ziehen, die erstens über eine reine anerkennung des phänomens hinausgehen und zweitens auch den absolut nötigen bogen von den konkreten personen hin zum sie umgebenden system schlagen. an beidem mangelt es bis heute, wie es vor ein paar wochen anlässlich einer neuen studie auch der schweizer "tagesanzeiger" einmal mehr belegte:

"Die Wallstreet tickt nicht richtig. Psychopathen sind anscheinend überdurchschnittlich repräsentiert. (...) Neu entbrannt war die amerikanische Diskussion über die geistige Befindlichkeit der Banker nach der Publizierung einer Studie im einflussreichen Branchenblatt «CFA Magazine». Gestützt auf Interviews mit Wallstreet-Psychologen schrieb die Verfasserin Sherree DeCovny, dass rund zehn Prozent der an der Wallstreet Arbeitenden «klinische Psychopathen» seien – zehnmal mehr als in der amerikanischen Gesamtbevölkerung." (...)

ich spekuliere, dass sich diese diagnose dabei v.a. an den arbeiten des in den usa immer noch in dem bereich sehr relevanten robert hare orientiert hat. die im artikel folgende auflistung der markanten soziopathischen eigenschaften sollte allen bekannt sein, die sich mit dem bereich schon einmal beschäftigt haben. neu ist vielleicht letztlich nur dieser hinweis:

(...) "Laut DeCovny sind die psychopathischen Charakterzüge der Banker meistens schon vorhanden, bevor sie an der Wallstreet anheuerten, in manchen Fällen aber entwickelten sie sich unter dem Druck der Arbeit. Einer im Jahr 2000 veröffentlichten Studie zufolge leidet zudem fast ein Viertel der Wallstreeter an Depressionen, andere Untersuchungen attestierten ihnen vermehrt Alkoholismus, Schlaflosigkeit, Herzbeschwerden, Esskrankheiten und extrem kurze Lunten." (...)

wobei ich gerade keine ahnung habe, was ich unter "extrem kurzen lunten" nun genau verstehen soll. aber unabhängig davon wäre die gesamte aussage bestens dafür geeignet, sich näher mit der sozialen umgebung sowie den (als-ob)-biographien der identifizierten soziopathen zu beschäftigen. inhaltlich sind beide genannten stränge plausibel; im interesse von prävention jedoch wäre die möglichst genaue rekonstruktion der entwicklung von - funktional - antisozialem verhalten bis hin zu einer womöglich strukturellen soziopathie eigentlich eine der dringendsten aufgaben nicht nur der klinischen psychiatrie. aber weder solche noch andere auf der hand liegende schlüsse bzw. forderungen werden im artikel gestellt.

die gleiche studie hat die "new york times" ebenfalls im gleichen zeitraum zum anlass genommen, um unter dem titel
Capitalists and Other Psychopaths immerhin ein auge auch auf die systemischen umstände zu werfen. das der autor auch dabei nicht groß über die befunde herauskommt, die vor jahren bereits die dokumentation "the corporation"...



...in beeindruckender weise zusammengetragen hat, ist so ärgerlich wie bezeichnend. denn der zusammenhang zwischen der im film herausgearbeiteten diagnose "psychopath" für die juristische person "konzern" mit der ebenfalls deutlich antisozialen ideologie des neoliberalismus und den (a-)sozialen verhältnissen in familien über schulen bis hin zu unternehmen, plus den diesen zustand unterfütternden medialen produktionen - diesen zusammenhang einmal in allen schattierungen und konsequenzen nachvollziehbar darzustellen, wäre genau jene "große erzählung", die der selbsterklärten "postmoderne" heute fehlt (und dieses fehlen ist nicht zufällig).

das die nyt dann am ende ein paar tage später noch eine korrektur bezgl. der studienergebnisse hinterherschob, ändert nichts am grundsätzlichem befund, der da lautet, dass die global dominierende form des kapitalismus mitsamt seiner propagierten ideologie ideal kompatibel mit der bösartigsten form des wahnsinns ist, die sich überhaupt vorstellen lässt: der echten soziopathie. und an einen zufall sollte bei diesem fakt wiederum niemand glauben. ich gehe inzwischen übrigens mehr und mehr davon aus, dass die soziopathie eher vorhanden war als die ihrem wesen am deutlichsten gemäße ökonomische form.

*

grummel und sansculotte haben am ende in ihren
kommentaren zum letzten beitrag einiges an weiterem material zusammengetragen, welches in diesen kontext gehört. das möchte ich ergänzen um eine meldung, die anfang des monats wie so vieles andere im medialen rauschen ziemlich unterging, aber eigentlich alle kriterien für eine böse sensation erfüllt:

"Ein auch in Deutschland gängiges Schädlingsbekämpfungsmittel verursacht bleibende Schäden am Gehirn von Kindern im Mutterleib. Selbst bisher als ungiftig geltende Mengen des Insektizids Chlorpyrifos greifen bereits in die Gehirnentwicklung der Ungeborenen ein. Sie lassen wichtige Bereiche der Großhirnrinde schrumpfen und führen später zu spürbaren Einbußen in den geistigen Leistungen der Kinder, wie US-amerikanische Forscher im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences berichten. (...)

„Unsere Ergebnisse sind besorgniserregend“, schreiben Virginia Rauh von der Columbia University in New York und ihre Kollegen. Denn das Insektizid Chlorpyrifos werde in der Landwirtschaft weltweit noch immer häufig eingesetzt. In Deutschland wird Chlorpyrifos vor allem im Obst- und Weinbau verwendet, ist aber auch in frei erhältlichen Mitteln zur Bekämpfung von Schädlingen in Haus und Garten enthalten. „So einen Befund muss man daher schon ernst nehmen“, kommentierte Hans Drexler, Direktor des Instituts für Arbeits-, Sozial-, und Umweltmedizin der Universität Erlangen. Die Ergebnisse seien biologisch plausibel. Das Bundesverbraucherministerium wollte sich auf Anfrage der Nachrichtenagentur dapd zunächst nicht äußern.

Viele schwangere Frauen und kleine Kinder in ländlichen Gebieten seien hohen Dosen dieses Mittels ausgesetzt, warnen Rauh und ihre Kollegen. Wahrscheinlich sei die Belastung bei ihnen sogar noch weit höher als bei den in dieser Studie untersuchten Stadtkindern. Über Pestizidreste auf landwirtschaftlichen Produkten gelange das schädliche Mittel aber auch in die Nahrung der breiten Bevölkerung." (...)


und was sind jetzt die genauen folgen?

(...) „Wir haben bei den stärker belasteten Kindern signifikante Anomalien in der Hirnoberfläche gefunden“, berichten die Wissenschaftler. Besonders betroffen seien Gehirnregionen, die für Aufmerksamkeit, Emotionen, Impulskontrolle und soziale Beziehungen zuständig seien. Die Hirnrinde dieser Gebiete sei geschrumpft, die darunter liegende weiße Substanz dagegen erweitert." (...)

"aufmerksamkeit, emotionen, impulskontrolle und soziale beziehungen". tja, die oben erwähnte "große erzählung" müsste auch in bereiche schauen, die auf den ersten blick anscheinend völlig abwegig sind. die ganze geschichte ist jedenfalls ein weiteres indiz für den schon früher hier geäusserten verdacht, dass womöglich nicht nur unsere gestörten sozialen beziehungswelten mittels trauma für nachschub bei den problematischen psychophysischen zuständen sorgen, sondern wir uns alle selbst mittels langsamer vergiftung mehr und mehr in diese pathologischen zonen befördern.

*

in eigener sache: auch passend zum thema wird am freitag der zweite gastbeitrag von
j. erik mertz folgen, bzw. den ersten dann ersetzen. nur als kleine erinnerung an alle interessierten.

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