notiz: ist borderline mörderischer *pop*? (und einiges andere)

ein artikel im berliner tagesspiegel versucht, die möglichen zusammenhänge zur popkultur zu thematisieren, und produziert dabei einen seltsamen mix:

Andreas Heinz, Chefarzt der Psychiatrie der Berliner Charité, glaubt, dass sich jeder Kranke „Symptome sucht, die kulturell anerkannt sind“. So spiegelt sich in der Persönlichkeitsstörung auch der gesellschaftliche Wertewandel: „Die Borderline-Patienten folgen instabilen Beziehungsmustern, sie müssen kurzfristig auf was Neues gehen. Diese Impulsivität war früher negativ stigmatisiert. Dagegen fordert unsere heutige Kultur, impulsiv zu sein und zu tun, was einem Spaß macht.“

wie in diesem beitrag schon einmal früher skizziert, ist der begriff "instabile beziehungsmuster" mit vorsicht zu betrachten und spiegelt womöglich nur eine ideologie bzw. ein wunschdenken der orthodoxen psychiatrie wider. hingegen werden unfreiwillig die psychiatrischen diagnostischen grenzen aufgelöst:

"Obwohl Borderline nach Ansicht des Psychoanalytikers Otto F. Kernberg eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist, die auf Vernachlässigung oder Missbrauch durch die Eltern zurückgeht, werden Betroffene nicht als Außenseiter wahrgenommen."

na, das dürfte den herrn kernberg nicht besonders freuen - gerade der psychoanalytische mainstream legt wert auf abgrenzungen der konstruktionen (mal ganz davon abgesehen, dass sich viele betroffene, gerade mit traumatischen biographien, durchaus als außenseiter fühlen, aber bestenfalls ihre umwelt mittels simulationen von normalität vor dem unangenehmen thema gewalt "bewahren"):

"Ein Jahrzehnt nach ihrem Tod begannen amerikanische Psychiater eine neue Krankheit mehr zu konstruieren als zu entdecken: das Borderline-Syndrom, Sammelbegriff für so unterschiedliche Symptome wie Promiskuität, finanzieller Exzess, übermäßiger Drogenkonsum, Kleptomanie, rücksichtsloses Autofahren, Fressanfälle, Stimmungsschwankungen, Wutausbrüche, Selbstmordversuche und Selbstverletzungen sowie Identitätsstörungen. Janis Joplin könnte der erste Prototyp dieses Krankheitsbildes gewesen sein."

also: mal davon abgesehen, das marilyn monroe eher als erstes "symbol" für borderline angesehen werden kann, ist der artikel imo zwar informativ, aber auf eine vertrackte art - die kernberg zugeschriebene sicht ist zwar "offiziell" nicht korrekt, hat jedoch bei betrachtung der möglichen tatsachen einiges für sich. wobei das label "narzissmus" auch nicht ganz zutreffen dürfte. es sieht zwar so aus, als ob - aber ob wirklich, ist die frage, die nicht nur hier im blog immer wieder auftauchen wird. passen die konventionellen psychiatrischen vorstellungen bzw. modelle (auch "konstruktionen" passt) wirklich auf bestimmte menschen, die als produkte geprägt von einer gewalttätigen gesellschaft angesehen werden müssen?

über die bereits zu vielen spekulationen anlaß gebenden verhaltensweisen der stars und sternchen der sog. popkultur im zusammenhang mit borderline und der narzisstischen ps ein anderes mal mehr. das ist ein eigenes thema, welches zeit erfordert, die ich momentan nicht so recht habe. wer sich dafür näher interessiert, sollte einfach mal das keyword "selbstverletzung" mit den namen berühmter schauspielerInnen und musikerInnen kombinieren.

aber wie gesagt, lohnt das lesen - auch wegen solcher sätze:

"So kristallisiert sich in dieser Form des pathologischen Narzissmus, Philosoph Slavoj Zizek zufolge, ein zentraler psychischer Defekt unserer Zeit. Hinter dem Typus des krankhaften Narzissten verberge sich „ein Konformist, der sich als Outlaw begreift“. Und erstrahlt sie nicht in der Tat allabendlich auf der Mattscheibe, die selbstberauschte Allmacht der Medienelite, vom brachialen Wirtschaftsführer, höheren Kulturträger bis zur Politprominenz? Sie jongliert mit Selbstbildern, die vom Augenblickserlebnis und der drohenden Entwertung immer wieder neu befeuert werden."

*

ob der autor des artikels im tagesspiegel heute beim lesen in seinem blatt nachdenklich geworden ist?

"Zugleich bescheinigte der Gutachter der Mutter Angelika B. eine Persönlichkeitsstörung. Bei der 44-Jährigen könne man Symptome des so genannten Borderline-Syndroms diagnostizieren: Unfähigkeit zu sozialen Kontakten, Ängstlichkeit, Impulsivität, Aggressivität, zeitweilige Depressionen. Zu Dennis habe Angelika B. keine richtige Mutter-Kind-Bindung aufgebaut, sagte der Gutachter."
(...)
"In der Folge habe Angelika B. Dennis im Gegensatz zu ihren anderen Kindern als schwierig und quengelig beschrieben. Als der Junge nicht essen wollte, habe er eben nichts bekommen. Als er nachts nicht schlief, wurde er am Bett festgebunden. Der Gutachter bescheinigte Angelika B. weiterhin eine „begrenzte Fähigkeit, auf andere Menschen einzugehen“. Eine gewisse Ich-Bezogenheit, verbunden mit sehr viel Selbstmitleid, sei ihr nicht abzusprechen. So habe sie während des mehrstündigen Gesprächs über ihr Leben nur ein einziges Mal geweint – nicht etwa, als sie das Leiden und den Tod von Dennis beschrieb, sondern als sie schilderte, wie sie sich beim Fenstersturz die Beine brach."


die betreffende geschichte war hier bereits einmal thema. die leserInnen werden sich vielleicht auch daran erinnern, dass diese diagnose im falle einer kindstötenden mutter auch nicht das erste mal auftaucht. als "popkultur" lässt sich das allerdings nur bei einer sehr, sehr zynischen auslegung des begriffs "populär" bezeichnen.

*

ohne weiteren kommentar: eine it-seite weist unter dem titel "Autismus ist unter IT-Profis weit verbreitet" auf einen online-test hin, den "beunruhigte IT-Profis nutzen können".

*

das erinnert mich mal wieder an die fülle noch nicht fertiger beiträge, die hier ausstehen - die fortsetzungen zum autismus, der basisartikel zur psychopathie...ich kann nur versprechen, dass sie erscheinen werden, kann aber keinerlei zeitliche angaben machen. momentan hat die fortsetzung des themas "nlp" priorität, nicht nur wegen der bisherigen resonanz, die darauf schließen lässt, dass hier tatsächlich ein - übelriechender - hund begraben liegt.

und ansonsten bietet unser leben in einer verrückten kultur (stichwort isaac newton) leider täglich derart viel material, dass es einfach schwierig ist, hinterherzukommen - unkommentiert müssen zb. bis auf weiteres die pläne der britischen regierung bleiben, "antisoziales verhalten" bei kindern und ihren eltern zu "ächten" - imo wieder mal ein fall von "den bock zum gärtner machen". wenn real antisozial handelnde beginnen, bei anderen ihre eigenen destruktiven tendenzen zu verfolgen, ist höchste wachsamkeit angesagt. auch, wenn einige der als zielgruppe auserkorenen dieses label zu recht tragen werden.

im forum zum verlinkten artikel bei tp steht übrigens ein beitrag, der einen absatz enthält, der vieles von dem, was ich hier versuche zu beschreiben, kurz und knapp auf den punkt bringt:

"Alle Repressionssysteme folgen den gleichen Mustern: sie verstümmeln und verletzen die Menschen in ihren sozialen Bedürfnissen, provozieren damit verstümmeltes Sozialverhalten und nutzen diese entstellten Motive und Bedürfnisse für ihre eigenen Zwecke. Dort, wo es zur Überlebensmaxime wird, ein "braves Kind" zu geben (zumindest so zu tun, als ob), wo die Motivation der Menschen also danach ausgerichtet wird, von Autoritäten belohnt zu werden, werden die Menschen jeder nur denkbaren Gemeinheit und Niedertracht gegen ihresgleichen fähig werden, um dieser Konditionierung zu gehorchen.
Dass der "Lohn" von seiten der Autorität niemals in der erhofften Erlösung besteht und bestehen kann, verstärkt den Regelkreis nur: als ob der Esel durch das Fixieren der Karotte immer scharfsichtiger würde, muss man die Karotte immer weiter weg hängen."


als antisozial im schlimmsten sinne lassen sich bspw. berechtigt leute bezeichnen, die ernsthaft - und zwar egal, aus welchen "gründen" und mit welcher "rechtfertigung" - mit drohungen über atomwaffeneinsätze in der welt herumtönen. dieser wahnsinn der sog. "politik" wird in einem kommentar im wiener standard vom 21. januar angesprochen, allerdings nur die eine hälfte:

"Im Iran wird derzeit der "Irrsinn zur Staatsdoktrin" erhoben, wie der deutsche Historiker und Holocaustforscher Götz Aly in Spiegel online sagt. Eine große Holocaust-Leugnungskonferenz in Teheran ist in Vorbereitung. Das muss man ernst nehmen – und man muss immer mitdenken, dass die schlimmsten islamischen Radikalen nur einen Staatsstreich vom Zugriff auf die Atomwaffen in Pakistan entfernt sind.
Unter dieser Voraussetzung ist ein "Appeasement", eine Beschwichtigungspolitik, gegenüber dem Iran fragwürdig. Sie fördert nur die Fehleinschätzung und Verachtung gegenüber dem "dekadenten Westen", die auch Hitler motivierte. Aber selbst wenn man der Meinung ist, dass Chirac eine zeitgerechte Warnung an die Verrückten ausgesprochen hat, bleibt doch die Notwendigkeit, die anderen mit einer Summe von Maßnahmen zu unterstützen." (DER STANDARD, Printausgabe 21./22.1.2006)


"der westen" - und damit sind hier all diejenigen honorigen leute gemeint, die ganz rational und leidenschaftslos den gleichen fundamentalismus (der imo berechtigt als wahn anzusehen ist) über jahrzehnte gepäppelt und gehätschelt haben - diese leute also gebärden sich jetzt, da ihnen - wieder einmal - ein bösartiger zögling ausser kontrolle geraten ist, als die "weltretter vor dem bösen". ein atomares desaster einkalkuliert. dabei sind sie sicher ganz objektiv . und gerade deshalb kein stück weniger verrückt als ihr - scheinbarer - gegenpart, der eine ganz eigene version des objektivistischen modus auslebt. es ist und bleibt vorläufig kalt und trostlos. solange, wie wir es uns gefallen lassen. und zu brauchen scheinen.

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