kontext 20: mehr zur alexithymie

(das folgende lässt sich als ergänzung/fortsetzung dieses beitrags lesen.)

*

die zeit arbeitet in einem neuen artikel an der rehabilitation der gefühle, in dem sich u.a. diese behauptung findet:

"Entscheidungen ohne Gefühle gibt es gar nicht. Der Homo oeconomicus, der die Alternativen rein rational abwägt, erweist sich als Fiktion der klassischen Wirtschaftstheorie."

jein. wer sich mit phänomenen wie dem autismus, der klassischen psychopathie und eben auch der alexithymie näher beschäftigt, könnte sehr wohl zu dem schluß kommen, dass es sich hier um versuche zur angleichung an das "ideal" des "homo oeconomicus" handelt (oder aber das modell des "homo oeconomicus" nach den primären strukturellen eigenschaften der genannten störungen konstruiert ist...) - genau diese befürchtung (nicht nur von mir) war ja bereits öfter thema hier. ich hätte mir gewünscht, das das thema der simulation von gefühlen nicht so vollständig unter den tisch fällt.

und hätte sich der autor mal genauer diesen - von ihm selbst oder der redaktion - verlinkten artikel angeschaut, so hätte er selbst entsprechende schlüsse ziehen können. eine art populäre einführung ins thema alexithymie, etliches ist bereits im älteren blogartikel dazu erwähnt - einiges jedoch verstärkt ganz persönliche spekulationen meinerseits:

"Bislang haben Wissenschaftler nur Vermutungen, warum manche Menschen so schlecht mit Gefühlen zurechtkommen. Die beiden plausibelsten: Entweder haben sie es als Kind nie gelernt, oder sie haben es wegen eines traumatischen Erlebnisses wieder verlernt."

man(n) braucht nicht professionell wissenschaftlich tätig zu sein, um mit ein wenig nachdenken selbst darauf zu kommen. und auch darauf, dass das in einem widerspruch zur folgenden behauptung steht:

»Alexithymie ist keine Krankheit, sondern ein gleichmäßig in der Bevölkerung verteiltes Persönlichkeitsmerkmal«, stellt Harald Gündel klar. »Es gibt Menschen, die mit Gefühlen gut umgehen können, und eben welche, die damit schlecht umgehen können.«

das erinnert nicht zufällig an die hier im ersten blogbeitrag zum thema dokumentierte behauptung, dass die alexithymie deswegen keine krankheit sei, weil sie den erfordernissen einer modernen industriegesellschaft ganz gut entsprechen würde. und wieder drängt sich der eindruck auf, dass ein durch prä-, peri- oder postnatale traumatische (in einem weitgefassten sinne) einflüsse erzeugter defekt von einigen leuten unbedingt als quasi zufälliges "persönlichkeitsmerkmal" dargestellt wird - warum, wenn es sich denn bei den genannten wahrscheinlichen ursachen doch um deutlich krankheitswertige einflüsse handelt?

dazu geht es hier nicht um den "guten" oder "schlechten" umgang mit gefühlen, sondern um ihre schlichte wahrnehmung - erstaunlich unpräzise, diese behauptung eines professionellen.

"Manchmal kann es auch praktisch sein, emotionale Zwischentöne einfach zu überhören. Ein alexithymer Uhrenhändler aus Düsseldorf erzählt, dass er ein außergewöhnlich guter Verkäufer sei. Menschen, die schachern wollen, auf die Tränendrüse drücken oder etwas vom letzten Wunsch der Großmutter erzählen, haben bei ihm keine Chance - es perlt an ihm ab. Als ihm seine Frau allerdings neulich weinend erzählte, ein guter Freund sei gestorben, nahm er sie nicht etwa in den Arm und tröstete sie, sondern musste grinsen."

regelmässige leserInnen hier werden sich darüber ihre eigenen gedanken machen können, ebenso wie über folgendes:

"Manche Alexithyme könnten sich aber auch nach einem traumatischen Erlebnis abrupt ihren emotionalen Empfindungen und Wünschen verschlossen haben. Gefühlsblindheit wäre dann eine Anpassungsstrategie des Gehirns, die sie vor dem bewussten Erleben einer Flut negativer Gefühle bewahren soll. Dafür spricht die Entdeckung von Traumaforschern, dass selbst das Gefühlsleben von Erwachsenen noch erstarren kann, wenn sie etwa großer Brutalität ausgeliefert sind."

ich wünsche mir ja dringend forscherInnen, die sich die erkennbaren verbindungen zwischen den bereichen autismus - pränatale prägungen - persönlichkeitsstörungen - psychotraumatologie - sozioökonomische gesellschaftliche strukturen mal systematisch näher betrachten würden - aber es könnte natürlich passieren, dass das schwer verstörende ergebnisse bringen würde.
anaximander - 15. Feb, 20:08

Dieser Satz

»Alexithymie ist keine Krankheit, sondern ein gleichmäßig in der Bevölkerung verteiltes Persönlichkeitsmerkmal«, stellt Harald Gündel klar, macht beinah Angst, denn, handelte es sich um einen wahren Satz, bedeutete er, dass Alexithymie die Normalität wäre und mit Normalität befassen sich weder Psychologen noch Psychiater.

mo (Gast) - 15. Feb, 20:32

das "beinah" lässt sich durchaus streichen, wenn dazu...

...dieser satz (siehe den verlinkten ersten beitrag zum thema) kommt:

"In vielen Berufen sind Alexithymie-Eigenschaften in unserer Industriegesellschaft eine durchaus erwünschte Eigenschaft.
Daraus wird ersichtlich, dass es sich bei der Alexithymie nicht um eine Krankheit handelt."


immer noch eine art logik, bei der sich mir alle nackenhaare aufstellen.
anaximander - 15. Feb, 21:08

also ist

es Normalität. Die Vorstellung ist grauenhaft und weist schon fast schizoide Züge auf.
sansculotte (Gast) - 15. Feb, 22:34

Doch, doch

Psychologen befassen sich insofern mit "Normalität", als sie sich mit den "allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Erlebens und Verhaltens" befassen, doch besteht die Gefahr, dass dort, wo die pathologische Ausprägung von Erleben und Verhalten Allgemeingut geworden ist, sie auch als "normal" missinterpretiert wird. Das hat weitreichende Konsequenzen für die in einer Gesellschaft überhaupt möglichen Menschen- und Weltbilder, und so entsethen aus allgemein weit verbreitetem pathologischen Erleben und Verhalten auch eine pathologische Anthropologie und allerlei pathologische Ideologien oder "Weltbilder".

Interessant ist, dass der Satz: »Alexithymie ist keine Krankheit, sondern ein gleichmäßig in der Bevölkerung verteiltes Persönlichkeitsmerkmal« etwa denselben Erkenntnis- oder Informationswert hat, als würde ich behaupten: "Krebs ist keine Krankheit, sondern eine gleichmäßig in der Bevölkerung verteilte Todesursache". Diese Aussage ist allerhöchstens von ontologischem Wert und ich könnte stattdessen gleich verkünden: "Krebs kommt vor", was dann wiederum den ganzen billigenden Zynismus dieses Urteils entlarven würde.

Irgendwie scheint es aber doch aufzufallen, dass der Alexithymiker "nicht ganz optimal
tickt". Und zwar spätestens, wenn man solche Geschichten wie die vom Uhrenhändler liest. "Praktisch" ist hierbei eine äußerst wohlwollende, wenn nicht gar euphemistische Beschreibung seines Verhaltens. Im Grunde ist er doch gezwungen, immer nur ein ganz bestimmtes Verhaltensprogramm auszuführen, während der Gesunde doch mehrere Optionen hat. Auch der Gesunde kann abwägen, ob Kunden auf die Tränendrüse drücken und mit ihm schachern wollen. (Ich bin mir im übrigen nicht sicher, ob Unerbittlichkeit eine gar so erfolgreiche ökonomische Strategie ist: wenn ich die eine oder andere "Schacherei" großzügig in Kauf nehme, besteht vielleicht sogar eine größere Chance, eine gewisse Stammkundschaft und ein funktionierendes Netzwerk aufzubauen -aber das nur nebembei). Entscheidend aber ist, dass der Gesunde unter mehreren Optionen wählen kann und deshalb auch nicht unter dem Zwang steht, seiner Frau gefühllos zu begegnen.

Ich denke, dass also ein Merkmal eines pathologischen (und was für mich fast wesentlicher ist: pathogenen) Erlebens und Verhaltens die Einengung der Möglichkeiten ist, und damit wird klar, dass Alexithymie als pathologisch zu bezeichnen ist.

Ein Aspekt in der Ätiologie dieser Krankheit ist sicher auch, dass es sich dabei um eine Anpassungsstrategie handelt. Wobei der Betroffene nicht die Freiheit hatte, diese Strategie bewusst zu wählen. In diesem Sinn wäre mir der Begriff "Anpassungsdruck oder -zwang" lieber.

Wer tatsächlich an der Ergründung der Ursachen gefühlsarmen Verhaltens interessiert ist (von den hier Anwesenden weiß ich's ja ;), dem seien die Artikel von Bruce Perry ans Herz gelegt. Der Neurophysiologe und Kinderpsychiater Bruce Perry, weist in seinen Arbeiten nach, dass (schädigende) Umwelteinflüsse so mächtig sind, dass sie die Physiologie und sogar die Anatomie des Gehirns und des gesamten endokrinologischen Systems dauerhaft deformieren können. Missbrauch in der Kindheit führt zu drastischen und peristenten, also dauerhaften und nachhaltigen organischen Schäden im Gehirn.

http://www.trauma-pages.com/perry96.htm

http://www.childtrauma.org/ctamaterials/vio_child.asp

http://www.childtrauma.org/ctamaterials/incubated.asp

http://www.childtrauma.org/ctamaterials/memories.asp

mehr darüber auch hier: http://www.trauma-pages.com/articles.htm

grüße, s
monoma - 16. Feb, 10:52

danke vielmals für die links...

...und die weiteren infos - @sansculotte - außerdem hast du mir einiges an antworten abgenommen.

@anaximander: es dürfte sich in gewissen bereichen um eine art "normalität" handeln, die jedoch - bis jetzt! - keinesfalls die gesamte gesellschaft kennzeichnet. aber mit einiger wahrscheinlichkeit leider schon die verstärkt die sog. "führungsschichten" betrifft. und sich darüber zusehends im sog. gesellschaftlichen wertekanon breit macht - das feld der ökonomie wird praktisch total von dieser normalität beherrscht.

die "logik", die ich erwähnt habe, ist jedoch offensichtlich kurz und knapp so auf den punkt zu bringen: gefühllosigkeit ist innerhalb dieser bereiche der westlichen gesellschaften ein "wert" an sich, sie stellt in den betroffenen hierarchien ein positives selektionsmerkmal dar - und die tatsache alleine ist ein absolutes alarmzeichen. wie es dazu kommt bzw. kommen konnte, ist dabei fast schon zweitrangig - einige erklärungsansätze sind ja hier öfter thema, aber die dringendste frage lautet: wie sind derartige prozesse zu stoppen, wie ist der vormarsch der "mutanten" zu stoppen, die sich ja - aus ihrer sicht - nur die günstigsten bedingungen für sich selbst schaffen?

ps. wieso weist die vorstellung schizoide züge auf? es ist doppeldeutig, was du geschrieben hast.

edit: "fast schon zweitrangig" ist natürlich übertrieben - schließlich ist die einsicht, dass zb. die bedingungen für kinder und mütter eine entscheidende rolle spielen, ein ausgangspunkt für prophylaktische maßnahmen. ebenso wie die wahrscheinlichkeit dafür, dass sozioökonomische verhältnisse in einem noch ungewissen ausmaß die ihnen "kompatiblen" menschen schaffen - und wie solches funktioniert, ist ganz sicher auch für die entwicklung von positiven sozialen prozessen wichtig.

nichtsdestotrotz: ich persönlich werde öfter mal ungeduldig.

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