kontext 27: von der gewalt gegen kinder, schreibtischtätern und dem schrei nach disziplin (update)

ein thema, welches hier mit trauriger regelmäßigkeit eine rolle spielt - zuerst ein paar neue zahlen des schreckens:

(...)"Mindestens 275 Millionen Kinder weltweit sind von Gewalt in der Familie betroffen. "Es ist gegenwärtig eine der meist verbreiteten Menschenrechtsverletzungen." Sie bleibe ein größtenteils verborgenes Problem, dem sich nur wenige Länder stellen, hieß es in dem Bericht."(...)

und die potenziellen - und belegbaren - folgen sollten sich langsam mal herumgesprochen haben:

(...)"Die Folge solcher - oft traumatischer - Erfahrungen auf psychischer und physischer Ebene können Lernschwierigkeiten und eingeschränktes Sozialverhalten sein. Kinder, die in gewaltgeprägten Familien aufwachsen, können gewalttätiges, leichtsinniges oder kriminelles Verhalten an den Tag legen, leiden an Depressionen oder schweren Angstzuständen, kamen die Experten zum Schluss. Auf Grund der begrenzt verfügbaren Daten in manchen Teilen der Welt bezeichnete UNICEF die Zahl von 275 Millionen Kindern als "vorsichtige Schätzung". Wer in seinen ersten Lebensjahren Zeuge von Gewalt in der Familie wird, für denjenigen erhöhen sich die Chancen enorm, später wieder mit Gewalt in Berührung zu kommen - sei es als Opfer oder als Täter."(...)

in mindestens 275 millionen biographien also "erhöhte chancen", die gewalt in den verschiedenen aspekten zu re-inszenieren (und hier geht es "nur" um die familiäre gewalt gegen kinder; die durch bspw. krieg traumatisierten müssen dazugerechnet werden) - falls wir uns immer noch über die achsounbegreifliche neigung unserer spezies wundern, sich selbst das leben zur hölle zu machen, dürfen und müssen wir uns einfach einzigartige kollektive und selbstmörderische dummheit hinsichtlich unseres nichtwissens über unser psychophysisches funktionieren attestieren. wobei dummheit in einer gewissen hinsicht auch hauptsächlich nichts weiter als ein moralisch wertendes synonym und symptom gestörter wahrnehmung darstellt, letztere ebenso häufig als folge traumatischer gewalt auftritt - und sich so die katze in den eigenen schwanz beißt. diesen absolut fatalen kreislauf des wahnsinns endlich, endlich zu durchbrechen - das stellt imo weiterhin die sinnvollste und dringendste aufgabe unserer zeit dar.

(und nein, bitte keine mißverständnisse: ich möchte traumatisierte menschen damit keinesfalls pauschal als dumm bezeichnen - machen Sie sich vielleicht einfach mal gedanken darüber, was dummheit eigentlich ausmacht. und ich möchte mich bei der quelle für den hinweis auf die obige nachricht bedanken, beim forum der subfrequenz, welches ich als sammlung sehr wichtiger und interessanter informationen nur empfehlen kann. das zugehörige fraktallog ist aus gleichem grund eh bereits verlinkt.)

*

vor dem hintergrund des obigen sind diskussionen besonders bizarr, bei denen es hauptsächlich darum geht, die im angesicht einer gewaltverseuchten welt durchaus nachvollziehbar renitenten kids mit den mitteln aus dem arsenal einer totalitären pädagogik wieder zur ordnung zu rufen - einen lesenswerten kommentar dazu gibt es hier zu lesen:

(...)"Der neueste Katastrophenmanager heißt Bernhard Bueb, war dreißig Jahre lang Leiter der Internatsschule Schloss Salem und präsentiert ein Traktat, mit dem er den Geist der 68er endgültig aus den deutschen Klassenzimmern exorzieren will: Lob der Disziplin heißt sein Werk, das schon kurz nach Erscheinen einen kollektiven Erlösungsseufzer unter den ratlosen Erziehern hervorgerufen hat. Und auch die Journaille schlägt mit den Flügeln vor Begeisterung angesichts des »erfrischenden Tabubruchs«. Kaum eine Zeitung, kaum ein Sender, in der Bueb seine schmalen Thesen nicht immer wieder aufs Neue zum Besten geben darf. Flankiert von Bild,FAZ und Spiegel, soll »Deutschlands strengster Lehrer« in den Schulen für »Recht und Ordnung« sorgen. Gerade noch wurde anlässlich der Fußball-WM der angeblich entspannte Patriotismus gefeiert – in dessen Gefolge die NPD nun im Osten ihre Wahlsiege feiert –, schon sollen die Hacken zusammengeschlagen werden.

Bueb fordert »Strenge, Härte, Disziplin«. Mehr noch: »die vorbehaltlose Anerkennung von Autorität und Disziplin«. Denn: »Erziehung bedeutet immer Führung.« Und: »Wer führt, erwartet Gefolgschaft.« Natürlich will auch er nur das Beste für unsere Kinder: »Die Fürsorge gebietet manchmal Disziplin ohne Debatte.« Gebetsmühlenhaft bläut er dem Publikum die wenigen Maximen seiner Kasernenhofpädagogik ein. Es ist, als wolle er die Prinzipien seiner Kindererziehung erst mal an den erwachsenen Lesern seines Buches exekutieren, indem er ihnen die Lektüre als Strafe auferlegt.

Keine Frage: Tugenden sind gut. Wären sie schlecht, hießen sie Untugenden. Nur muss eine Tugend sich immer danach fragen lassen, für welche Werte sie eingesetzt wird. Mit Disziplin kann man ein Haus bauen, Geige spielen lernen und einen Fünftausendmeterlauf gewinnen. Mit Disziplin kann man den Regenwald abholzen, in den Krieg ziehen und, wie Oskar Lafontaine in seinen lichteren Momenten formulierte, »ein Konzentrationslager führen«.

»Ja, ohne harte Disziplin kann man das Lager nicht in Schuss halten Sie müssen ja durchgreifen.« Sagt nicht Bernhard Bueb, sondern sagte während des Frankfurter Auschwitz-Prozesses der Angeklagte Stefan Baretzki, ehemals Angehöriger der SS und Kommandoführer in Birkenau. Es gibt Begriffe, Bilder, Wendungen, die vor dem Holocaust vergleichsweise harmlos geklungen haben mögen, die seitdem aber so nachhaltig kontaminiert sind, dass, wer sie verwendet, dies selten unschuldig tut.

Dass ein Hörfunkjournalist Bueb darauf hinweisen konnte, dass sein Buch, würde man nur wenige Passagen streichen, auch als das bildungspolitische Programm der NPD gelesen werden könne, dafür trägt der Autor die Verantwortung. Wenn er schreibt: »Die Nationalsozialisten waren Meister der Gemeinschaftserziehung, das darf man nicht verschweigen.« Oder wenn er sagt: »Gehorsam verlor in den letzten vierzig Jahren jedes Ansehen in der Pädagogik, aber nicht in der Armee.« Und man bekommt mehr als eine Ahnung, wofür er seine Schüler fit machen will, wenn er feststellt: »Soziale Tugenden, die Menschen für Extremsituationen qualifizieren, wie sie der Krieg mit sich bringt, bedürfen der Übung wie andere Tugenden auch.«


dem bleibt eigentlich wenig hinzuzufügen. vielleicht schweben dem herrn bueb ja bootcamps nach us-muster vor? es ist eine sache, notwendige und haltbare grenzen bei und für menschen zu setzen, die diese nicht (mehr) bei sich und anderen wahrnehmen können. das dürfte in unserer lage leider unverzichtbar sein. aber gerade bei kindern und jugendlichen mit den erwiesenermaßen gewaltfördernden und offen menschenverachtenden mitteln aus totalitären institutionen wie zb. dem militär zu arbeiten, ist letztlich als verbrechen zu werten. der ruf nach härte und disziplin stellt einerseits das symptom von hilflosigkeit dar, andererseits ist er ebenso ausdruck des bereits oben erwähnten nichtwissens über die psychophysischen menschlichen strukturen, deren funktionsgesetzen wir alle individuell und kollektiv unterworfen sind. im schlimmsten fall werden die effekte aus solcherlei gehirnwäsche auch bewußt eingesetzt bzw. angestrebt - auch dafür stellt der militärische drill das nachdrücklichste beispiel dar (immer noch die eindrucksvollste und sehenswerteste inszenierung dieses drills und seiner folgen: der erste teil von "full metal jacket" von stanley kubrick).

"Nicht das revolutionäre, aber immerhin das kecke Aufbegehren gegen die Obrigkeit (wie es sich in den Werken von Heine über Tucholsky bis Erich Kästner findet) galt lange Zeit in den gescheiteren Teilen des nachwachsenden Bürgertums als Tugend. Irgendetwas ist seitdem geschehen. Denn jetzt werden, wie eine von dieser Zeitung zitierte Umfrage belegt (ZEIT Nr. 37/06), Polizei und Bundeswehr von den Jugendlichen zu den attraktivsten Ausbildungsunternehmen gezählt. Traumberufe, in denen die Strukturen der Demokratie weitgehend außer Kraft gesetzt sind, wo stattdessen Befehl und Gehorsam gelten. Das scheint Buebs Behauptung Recht zu geben, dass die orientierungslos gewordene Jugend für ein gewisses Maß an Härte geradezu dankbar sei. Die Frage ist nur, ob man als Pädagoge diesem Unterwerfungsbegehren folgen oder ob man ihm entgegenarbeiten sollte.

»Das gepriesene Hart-Sein, zu dem da erzogen werden soll«, schreibt Adorno in seiner berühmten Rede Erziehung nach Auschwitz, »bedeutet Gleichgültigkeit gegen den Schmerz schlechthin."


also funktional eine selbstwahrnehmungsreduktion.

"Dabei wird zwischen dem eigenen und dem anderer nicht einmal so sehr fest unterschieden. Wer hart ist gegen sich, der erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz, dessen Regungen er nicht zeigen durfte.« Anders gesagt: Zum Kuscher gehört der Mucker. Und wer klein gemacht wurde, gibt das, einmal aufgestiegen, nach unten weiter. Der Glaube, man müsse der Natur nur ihren Lauf lassen, dann werde sich das Gute schon Bahn brechen, hat die Pädagogik auf einen kurzen Irrweg geführt. Größer, langlebiger, folgenreicher war der Irrglaube, man müsse den Willen der Kinder brechen, um aus ihnen Menschen zu machen."(...)

und u.a. genau dieser zuletzt erwähnte irr- und aberglaube übelster prägung beschert uns bis heute genau die verhältnisse, die weiter oben im bericht von unicef angesprochen werden. all das hat mit "zivilisation" nichts, aber auch gar nichts, zu tun.

(...)"Die Sehnsucht nach der harten Hand, die Ergebenheit vor dem päpstlichen Mummenschanz, der patriotische Taumel während der Weltmeisterschaft, das Wiedererstarken der NPD, die dramatisch sinkenden Wahlbeteiligungen, all das weist auf eine wachsende Demokratiemüdigkeit hin. Das verbliebene Restbürgertum, ebenso denkfaul wie hinfällig, seiner eigenen Geschichte ungewiss oder überdrüssig, hat dem nichts entgegenzusetzen. Lieber sinkt es mit lasziver Eleganz dem starken Mann in die Arme, als sich weiter den Mühen der eigenen Einsichten und Errungenschaften zu unterziehen."(...)

der letzte satz ist zwar schön formuliert, jedoch lässt sich arg bezweifeln, ob das "bürgertum" jemals wirklich daran interessiert war zu begreifen, aus welchen gründen seine und die mitglieder anderer sozialer klassen so "ticken", wie sie´s denn tun. freud hat zwar die tür aufgeschlossen (was sein ewiger verdienst bleiben wird, jenseits aller nötigen und berechtigten kritik), ist letztlich aber noch lange nicht ausreichend zum verstehen unserer selbst. und genau das wird letztlich über sein oder nichtsein der menschheit entscheiden - manchmal finde ich die perspektive eines evolutionären intelligenztestes gar nicht so weit hergeholt. momentan muss am bestehen leider stark gezweifelt werden.

*

edit am 04.10: war ja klar, dass es ergänzungsbedarf verschiedenster art geben würde - also:

- einen sehr, sehr finsteren aspekt habe ich - unzulässigerweise, wie ich finde - auf das militär beschränkt. und zwar einfach die sehr reale variante, dass das brechen gerade, aber nicht nur, von kindlichen persönlichkeiten von denjenigen gewollt und propagiert wird, die selbst in unbeschreiblicher art davon wissen, dass sie auf diese weise erstens eine art sklaven zur persönlichen verfügung bekommen (die eher innerfamiliäre variante), und/oder von den heute herrschenden a-sozialen gesellschaftlichen machtverhältnissen profitieren und ebenfalls wissen, dass eingeschüchterte, verängstigte und zur freien kollektivität unfähige menschen keine bedrohung für den status quo darstellen (diejenigen, die auf die gewalt selbst mit gewalt reagieren, können ebenfalls instrumentalisiert werden - so funktioniert das militär - oder aber sind eine aufgabe für die repressionsapparate und geben dazu noch prächtige gesellschaftliche feind- und schreckbilder ab). im kommenden traumaschwerpunkt werde ich u.a. dem schon früher geäusserten verdacht nachgehen, dass massenhafte traumatisierungen durch soziale gewalt vielleicht einen bisher völlig unterschätzten baustein für hierarchische systeme aller art darstellen.

- zum teil des adorno-zitats mit der erwähnten "gleichgültigkeit gegen schmerz" (bei sich und anderen) hatte ich angemerkt, dass ich das funktional für eine reduktion von selbstwahrnehmung halte. das sollte ruhig ergänzt werden: wieder vor dem hintergrund der eigenheiten traumatischer strukturen lässt sich erkennen, dass die erzeugte gleichgültigkeit sich tatsächlich bereits als posttraumatisches symptom verstehen lässt, vielleicht sogar als symptom von dissoziation. derart können posttraumatische strukturen in einem menschen bei entsprechenden inneren und äußeren dispositionen mindestens zu einer art soziopathie führen - das wäre dann die materialisierung der täter-opfer-dialektik.

- nochmals zur dummheit: ich habe mich da ungeschickt ausgedrückt, bin aber gerade nicht in der lage, das zu präzisieren. das ausmaß und die konsequenzen dessen, was so als dummheit verstanden wird, sind in meinen augen jedenfalls wesentlich weitreichender, als ich so als angenommen unterstelle. der dummheit immanent scheint ihre notorische unterschätzung zu sein, und all das hat sehr sehr viel mit unseren jeweiligen wahrnehmungsfähigkeiten zu tun. anders: bestimmte wahrnehmungstunnel erzeugen das phänomen namens dummheit - und diese tunnel, so meine hypothese, können in bestimmten fällen wiederum auch zu den posttraumafolgen gezählt werden. die untertanen dumm zu halten, was die eigene machtbasis anbelangt, ist jedenfalls bis heute eine tägliche beschäftigung von sog. eliten weltweit.

- vielleicht überflüssig, aber ich möchte es trotzdem erwähnen: mit liebe haben die geschilderten praktiken und vorschläge nichts, aber auch gar nichts, zu tun. sicher, ein grundsätzlich liebevoller umgang mit kindern beinhaltet auch die option, bei auftretender notwendigkeit grenzen zu setzen. aber das "wie" ist hier entscheidend. ich glaube, dass bei einer - potenziell erreichbaren - wesentlich verbesserten individuellen und kollektiven psychophysischen selbstregulation viele der heute zu beobachtenden probleme gerade hinsichtlich eigener und fremder grenzen, die wir uns gar als "normal" anzusehen angewöhnt haben, keine große rolle mehr spielen würden. dabei wären dann auch wesentlich mehr als heute bereits die pränatale phase sowie die umstände der schwangerschaft zu berücksichtigen.

- und zum schluß möchte ich noch auf einen ganz frischen tp-artikel zum thema hinweisen.
mo (Gast) - 4. Okt, 12:14

zum obigen thema möchte ich auch noch "Warte nur, bis Papa kommt" als weiteren passenden lesestoff empfehlen.

wildwuchs - 5. Okt, 09:33


che2001 - 11. Okt, 08:34

Warum greift Bueb nicht gleich auf Wellington zurück: "Only a soldier, who made closed contact with the nine o´tailled cat whip is a good soldier"?
matt vinyl (Gast) - 12. Okt, 20:28

Bueb und seine Folgen

Interessant an Herrn Bueb ist sein Wirkungsort und somit seine Zöglinge. Das "Elite Internat" Salem und was dieses so hervorbringt. Wenig verwundern kann, bei Betrachtung der Schülerlisten diese Internats, die asoziale Haltung in Politik und Wirtschaft.

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