notiz: ...und es geschah in "der besten aller welten"

"In einem verschmutzten Nachthemd, eine Plastiktüte mit seinen Habseligkeiten zwischen den Zähnen, versucht ein querschnittsgelähmter Mann auf dem Bürgersteig vorwärts zu kriechen. Wenigen Stunden zuvor war er noch in einem Krankenhaus in Los Angeles behandelt worden, jetzt hat ihn ein Fahrer der Klinik laut Polizei im berüchtigten Obdachlosenviertel Skid Row ausgesetzt."(...)

so beginnt ein artikel zu einigen vorfällen in los angeles, bei denen ich dringend davor warne, sie alleine als "einzelfälle" und "versagen bzw. verfehlungen einzelner verantwortlicher" anzusehen. nein, das geschilderte ist eher symptomatisch für das, was zukünftig noch alles zu erwarten ist - wenn wir denn nicht endlich aus unserer sozialen trance erwachen.

(...)"Nach Auskunft der Stadtverwaltung von los Angeles ist der Fall nicht der erste. Immer wieder würden obdachlose, manchmal orientierungslose Patienten dort einfach sich selbst überlassen.

Vor drei Monaten erhob die Staatsanwaltschaft in Los Angeles zum ersten Mal Klage. Auf Videoaufnahmen war damals zu sehen, wie ein 63 Jahre alter Patient in einem Nachthemd und auf Socken in den Straßen von Skid Row umherirrt. Inzwischen hat die Stadt ähnliche Vorwürfe gegen mehr als ein Dutzend Krankenhäuser vorgebracht. Viele haben diese zurückgewiesen, andere räumen ein, Patienten bei Hilfsgruppen in dem wegen Kriminalität berüchtigten Viertel abzusetzen."(...)


schauen Sie sich noch einmal die geschichte von kevin an - und Sie werden feststellen, dass sich in diesem land hier grundsätzlich ähnliche tendenzen des antisozialen feststellen lassen. aber es heißt ja immer, dass "wir" hier den usa um ein paar jahre "hinterher" sind...
Wednesday - 11. Feb, 14:14

Hybris

Irgendwie ist das nichts besonderes, wenn man sich vergegenwärtigt, wie Kranke, Alte und (vor allem weibliche) Neugeborene, sprich: Arbeits- und Kriegsunfähige vor sagen wir 400 oder 4.000 Jahren behandelt worden sind. Der wirtschaftliche Aspekt ist keine Entdeckung der Industriegesellschaft. Die bewusste Vernichtung und Aussetzung ist keine moderne Erscheinung.

Unerträglich und unverständlich ist jedoch, daß das heute, in einer Zeit des unfassbaren Überflusses, weiterhin stattfindet. In solchen Zuspitzungen findet mediale Aufmerksamkeit, was sonst, geschieht es beispielsweise in einem Slum am Rande einer Metropole [Mutterstadt ;-)] oder im Flüchtlingslager im Trikont, keine mehr weckt.

monoma - 11. Feb, 14:39

opfer

ja, das wäre der eine aspekt: die verhältnisse der sog. "dritten welt" breiten sich zonenförmig überall auf dem planeten aus - incl. der abgeschotteten und hi-tec-gesicherten zonen der wohlhabenden. könnte mensch auch (besonders bei betrachtung deines letzten kommentars zu alzheimer-beitrag) als eine ironisch-perfide lektion der geschichte betrachten: ihr habt es nicht für nötig befunden, euch gegen die globalen unerträglichkeiten zu erheben - dann kriegt ihr sie jetzt selbst zu spüren. und zwar genauso willkürlich wie die betroffenen im trikont.

es gibt da immer noch einen langen text von einem ehemaligen tupamaro aus uruguay, der genau diese entwicklung vor über 10 jahren bereits in ihren ansätzen bechrieben hat - werde ich bei gelegenheit mal einscannen.

aber zum wirtschaftlichen aspekt: ich glaube zwar, dass der teils die zentrale rolle spielt (was aber nicht völlig zu begreifen ist ohne verständnis der inneren strukturen jener, die direkt profitieren und/oder das sich daraus ergebende system verteidigen), möchte aber gerade bei vergleichen zur historie auf die religiös codierte doppelbedeutung des wortes opfer hinweisen - möglicherweise ist die tradition der menschenopferung bis heute, nur in zeitgemäßen formen, weiter schwer angesagt.
Kandinsky (Gast) - 14. Feb, 00:52

Auch hier schon etabliert....

Hallo Mo :)

kleines und kurzes Beispiel aus der Bananenrepublik Deutschland:

Ein Freundin von mir, "psychisch Behindert", hat durch die Rentenversicherung einen Rehabilitationskurs machen wollen. Durch Panikattacken und Ängste aber war sie nicht der Lage weiter an der Reha teiltzunehmen. Kurs abgebrochen, attestiert durch Psychologen, Hausarzt und und und...Antrag auf Weiterzahlung voller Erwerbsminderungsrente gestellt. Voraussichtliche Dauer der Bearbeitung des Antrages: 2 Monate
Damit keine Nachteile entstehen Antrag auf ALGII bei der ARGE gestellt. Am 30.1.2007 Antrag gestellt, Laufzettel bekommen, was alles zu erbringen wäre, obwohl sämtliche Daten dort schon vorhanden. Nach 14 Tagen alles zusammen und versucht den Antrag abzugeben, mit Hinweis auf: kein Geld, keine Miete bezahlt, kein Unterstützung möglich von der Familie. Sie hat einen Termin zur Antragsabgabe zum 28.2.2007 bekommen. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen...
Ihr Hinweis, das der Vermieter, bei dem sie zufällig war um Kleinigkeiten zu regeln, ihr schon jetzt für die Februar Miet angedroht hat: "Wir könnten Ihnen jetzt theoretisch fristlos kündigen"
All das ist bei der ARGE bekannt und bekannt gegeben worden. Das juckt die nicht...
Wohlwissend, das Ende Februar die März Miete fällig wird, soll zu diesem Zeitpunkt aber erst der Antrag abgegeben werden können. Zu deutsch: Anfang März wird eine fristlose Kündigung in ihr Haus flattern, obwohl völlig klar ist, das die ARGE Ende März 2007 überhaupt nichts mehr mit ihr zu tun haben wird.

Zu den Panickattacken, zu den Ängsten, gesellen sich nun auch noch Suizid Gedanken und die Gewißheit, das Anfang März die fristlose Kündigung ins Haus steht. An Perversion und Abartigkeit steht eine solch bewußt asoziale Handlungsweise gerade hier und heute in Deutschland, dem, was in Los Angeles passiert ist, in nichts nach. Der Unterschied ist jedoch der, das es hier eindeutig eine sadistische Komponente gibt, die scheinbar ohne Hemmnisse seitens behördlicher Mitarbeiter ausgelebt werden kann. Ihre Ärztin wird so wie es aussieht, sie in die Klinik einweisen, da ihr "das Leben" langsam aber sicher aus den Händen gleitet. Und was ist nach der Klinik? Eine Entlassung in die Obdachlosigkeit? Operation gelungen, Patient tot?

Angesichts dessen, bin ich mir sicher, das das was in Amerika passiert ist, hier auch schon gibt. Ein wenig versteckter, subtiler und so deutlich und öffentlich noch nicht, aber tagtägliche Praxis.

Im Grunde genommen hilflosen Menschen ganz bewußt die Hilfe zu verweigern, das gibt es auch hier.
Nur das es nicht öffentlich ist....

Gruss,
Kandinsky

monoma - 15. Feb, 20:54

Im Grunde genommen hilflosen Menschen ganz bewußt die Hilfe zu verweigern, das gibt es auch hier.
Nur das es nicht öffentlich ist....


ja. wobei es "öffentlicher" werden wird - aber v.a. deswegen, weil die selektion immer offensiver propagiert und auch umgesetzt wird.
Kandinsky (Gast) - 18. Feb, 09:25

Hinweis zu einem anderen Beitrag

Hallo Mo :)

ich habe da gerade eine interessante Seite gefunden. Eine Seite, die den Abschiedsbrief des sog. Amok-Läufers von Emsdetten als Original, und das was Bild und RTL daraus gemacht haben, vergleicht.

Hier der Link: http://www.leckse.net/artikel/misc/abschiedsbrief-im-vergleich

Fragt sich, haben wir von den Chinesen gelernt, oder können die Chinesen von uns lernen?

Gruss,
Kandinsky

monoma - 19. Feb, 18:00

yep, danke für den hinweis. finde ich schon aufschlußreich, was da gestrichen wurde.

allerdings fehlt auch immer der hinweis darauf, das ein sender wie n-tv noch am tag der tat den gesamten brief online präsentierte - und soweit ich mich erinnere, ungekürzt.

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