notiz: beschämung als machtritual

ein empfehlenswerter text aus dem aktuellen freitag zum thema:

(...)"Scham ist also auch unter politischen Aspekten ein brisantes Thema. Denn Scham ist der politische Affekt schlechthin. Jede Beschämung setzt voraus, dass der Mensch als zoon politikon (frei übersetzt: als "Gemeinschaftstier") mit anderen Wesen seiner Art in Interaktion tritt. Ekel mag durch üblen Geruch, Angst durch ein Unwetter ausgelöst werden - nichts dergleichen ist bei Schamgefühlen möglich. Scham ist stets anthropogen, ein seelisches man-made-disaster. Infolge dieser Zwischenmenschlichkeit, an deren einem Pol der Beschämende, am anderen der Beschämte steht, kann Scham auch zielstrebig zur Durchsetzung oder zur Bekräftigung von Machtinteressen eingesetzt werden. Das weite Feld der Schamszenen reicht daher von der Ehebrecherin oder dem Dieb, die im Mittelalter am Pranger zur Schau gestellt wurden, von der öffentlich gefolterten und verbrannten Hexe bis hin zum Schüler, der, auch heute noch, auf Geheiß des Lehrers, in der Ecke zu stehen hat. Der Beschämte ist, meist schutz- und wehrlos, den Blicken aller preisgegeben. Oft wird diese Schmach noch unterstützt durch besondere Kleidung, geschorene Haare, Schandmasken oder Brandmale bis hin zur auf den Arm tätowierten Nummer des KZ-Häftlings.

Als Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, eines Abends mit seinem Schwager Franz Hensel bei einer Flasche Wein gemütlich beisammen saß, fragte Hensel, was der Begriff "Untermensch" bedeute. Höß seufzte. "Du fragst immer und fragst und fragst", erwiderte er. "Sieh dir diese Menschen doch an. Sie sind nicht wie wir. Sie sind anders. Sie sehen ganz anders aus. Sie haben kein menschliches Benehmen. Sie tragen Ziffern auf den Arm. Sie sind hier, um zu sterben".

Die Anonymisierung des Menschen, seine Degradierung zur Nummer, ist eine wesentliche Komponente systematischer, machtpolitisch motivierter Beschämung - vor Jahrzehnten in Auschwitz, vor kurzem erst in Abu Ghraib. Die berechtigte Empörung über die Exzesse der Nationalsozialisten sollte uns nicht an der Frage hindern, wie viel Beschämungspotenzial unseren gegenwärtigen Institutionen innewohnt. Den Schulen beispielsweise. Oder auch der Medizin. Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, vor sechzig Jahren Beobachter der Nürnberger Ärzteprozesse, hat sich nicht gescheut, diese Verbindungslinie zu ziehen. Im Vorwort seiner 1947 erschienenen Dokumentation notierte er: "Es ist fast dasselbe, ob man den Menschen als ›Fall‹ sieht, oder als Nummer, die man ihm auf den Arm tätowiert - doppelte Antlitzlosigkeit einer unbarmherzigen Epoche".(...)


und das thema degradierung zur nummer wird immer aktueller.

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