notiz: der medienüberblick - liegengebliebenes

so, im schnelldurchlauf jetzt ein paar links aus den letzten wochen, die mir bei meinen sporadischen besuchen in der virtuellen sphäre besonders aufgefallen sind und starken bezug zu den blogthemen hier haben - mit besonderem dank ans nettblog, welches einige spannende artikel gesammelt hat.

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die welt lieferte vor einiger zeit einen neuen beleg dafür, dass sich der qualitative und elementare unterschied zwischen simulierter und authentischer kommunikation zu unser aller schaden noch keineswegs überall herumgesprochen hat:

(...)Aber nicht nur autistische Menschen können durch das Internet und Games mit anderen kommunizieren. Die britische Organisation ARCI setzt Second Life für missbrauchte Kinder ein. Im Spiel lernen die Kinder, wieder mit sozialen Kontakten umzugehen. "Sie kommen leicht mit Personen ins Gespräch, die sie nicht persönlich kennen. Dies bedeutet, dass wir eine soziale Barriere zu durchbrechen scheinen", erzählt Gwyneth Llewelyn, Mitarbeiterin bei ARCI."(...)

"zu durchbrechen scheinen" - eben. die ausblendung der körperlichen präsenz des jeweiligen gegenübers mag sowohl für autisten als auch traumatisierte kinder angstreduzierend wirken (und über die gründe dafür bzw. die aussage, die sich hinter dieser feststellung verbirgt, empfiehlt sich ausgiebiges nachdenken) - aber letztlich ist sie für ein soziales leben, welches diesen namen auch verdient, unverzichtbar.

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bei telepolis gab es gleich eine ganze serie von artikeln zum themenkomplex neurowissenschaften, (straf-)justiz und dem "freien willen". dazu ergänzend nur nochmal die erinnerung an diesen beitrag.

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in der zeit fand sich ein interessanter hinweis auf mögliche zusammenhänge zwischen essstörungen und alexithymie:

(...)"Die Symptome der Alexithymie finden Therapeuten vermehrt auch bei ihren essgestörten Patientinnen. In jüngeren Untersuchungen haben Wissenschaftler außerdem festgestellt, dass die Erkrankten nicht nur ihre eigenen Gefühle nicht wahrnehmen. Auch die Gefühlsregungen ihrer Mitmenschen können sie nur schwer interpretieren. Neele Lehmanns Vermutung: Die Betroffenen sind nicht in der Lage, das Gesicht des Gegenübers nach Hinweisen auf die Gemütslage abzusuchen."(...)

im sinne der hier im blog vertretenen argumentation ist das plausibel: wenn ein virtuelles, quälendes etwas (aka objektivistischer modus in einer pathologischen monopolposition) die herrschaft in einem menschen übernommen hat, wird der körper zum "feind", der hier mittels versuchter kontrolle über die ernährung in die knie gezwungen werden soll. das ein solches projekt und ein solcher seinszustand nicht ohne schwere wahrnehmungsstörungen (besonders bei den empathischen fähigkeiten) abgehen kann, ist dabei nur logisch.

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und vor dem gerade erwähnten hintergrund ist auch das folgende interview ganz aufschlußreich:

(...)"Die Ergebnisse der empirischen Forschung deuten aber stark darauf hin, dass es im klassischen philosophischen Sinn keine Seele gibt, die ohne den Körper existieren könnte, auch keinen essenziellen Ich-Kern."(...)

ärgerlich finde ich dabei nur den luschigen umgang des interviewten mit den begriffen identität und authentizität: die oben erwähnten ergebnisse deuten eben auch darauf hin, dass es weder identität noch authentizität ohne die notwendige körperliche basis geben kann. und nicht darauf, das beides obsolet wäre. im übrigen empfehle ich auch zu diesem interview nochmal den oben verlinkten beitrag zum objektivistischen modus.

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anläßlich des beruflichen tuns des forensischen gutachters hans-ludwig kröber hatte ich vor langer zeit hier einen ordentlichen wutanfall bekommen - nun wurde kröber vor einigen wochen in der zeit u.a. folgendermaßen portraitiert:

"(...)Würde ist für den Psychiater die Kehrseite der Verantwortung. „Die bürgerliche Gesellschaft ehrt den Verurteilten durch die Strafe als einen der Ihren“, so sieht es Kröber. „Sie zeigt ihm: Du bist Mitspieler, und wenn du foul spielst, wird das geahndet. Du bist ein Mensch, der weiß, was er tut. Du bist kein Tier!

Auch deshalb lässt Kröber in seinen Gutachten fast nur klassische psychiatrische Phänomene wie Schizophrenie, Psychosen, Debilität oder andere schwere seelische Abartigkeiten, die die Handlungsfreiheit des Probanden beeinträchtigen, als Grund für eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit gelten. Seelische Notlagen, schlimme Kindheit, Vereinsamung oder andere soziale Verwerfungen, die zur Tat beigetragen haben, sieht er wohl und bedauert ihre Tragik, doch führen sie bei ihm kaum zur Schuldminderung und damit zum Strafrabatt für den Angeklagten. Solcherlei Rücksichtnahmen betrachtet Kröber als Gutachter-Kitsch. „Dass alltägliche Lebensbelastungen zumutbar sind, ihre sozialverträgliche Meisterung in die Verantwortung des Einzelnen fällt, selbst dann, wenn er unattraktiv, minderbegabt und arbeitslos ist, wird mancherorts geleugnet – und zwar nur in Gutachten“, schreibt Kröber in einem Aufsatz.

Ab einem gewissen Alter sei der Mensch „für sein Gesicht selbst verantwortlich“, findet der Sachverständige in Übereinstimmung mit Albert Camus. Was für ihn heißt: verantwortlich auch für den vernünftigen Umgang mit destruktiven Erfahrungen, menschlichen Defiziten und persönlichen Beschädigungen, die wie Hindernisse im eigenen Leben stehen. Und mit Schicksalsschlägen, für die er selber gar nichts kann. „Das ist Erwachsensein: Ein Mensch muss bewirtschaften, was er mitbekommen hat, auch wenn es wenig ist oder schlecht“, sagt Kröber. Das habe mit Ehre zu tun oder manchmal – im umgekehrten Fall – eben mit Verbrechen."(...)


mal abgesehen davon, dass kröber anscheinend kein bewußtsein dafür besitzt, dass die erwähnten "seelischen notlagen" im extrem krankheitsbilder und symptome erzeugen können, die von ignoranten psychiaterInnen als "schizophrenie" und "psychose" fehlgedeutet werden - was sich als beleg dafür nehmen lässt, dass an ihm und seinesgleichen die gesamte psychotraumatologische diskussion der letzten jahrzehnte vorbeigelaufen ist - abgesehen davon also ist es in meinen augen eine frechheit und auch empathielosigkeit eines angeblich "helfenden", traumatisierten menschen (gequälte kinder, folteropfer, vergewaltigte frauen etc.) mit begriffen wie "würde" und "ehre" zu kommen bzw. solche begriffe als begründung dafür anzuführen, das erlebte leid letztlich zu negieren. das ist für mich nix weiter als ideologie im angesicht realen menschlichen elends, und ich sehe deshalb keinen grund dafür, mein damaliges und harsches urteil bezgl. kröber zu korrigieren.

ps: das folgende ist in seiner mörderischen konsequenz meiner meinung nach strukturell sehr verwandt der ideologie eines kröber - nicht genau das gleiche, aber strukturell eine ähnliche vorstellung - ein folteropfer mit der diagnose einer "schizophrenen psychose" zu belegen, ist eh schon fragwürdig (aber vielleicht in diesem fall sogar als schützende diagnose gedacht gewesen) - dann aber faktisch überhaupt keine schwere beeinträchtigung zu attestieren, macht das maß mehr als übervoll:

(...)" Im Gefängniskrankenhaus urteilte der zuständige Psychiater Heinrich Wilmer - ohne Rücksprache mit der Hanauer Klinik -, Mustafa Alcali sei überhaupt nicht krank, er habe nur die übliche Angst vor der Abschiebung. Die anderslautende Stellungnahme des Klinikums Hanau sei ein typisches "Gefälligkeitsgutachten". Der Inhaftierte sei "sowohl reise- als auch abschiebefähig".

Am selben Tag lehnte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge einen Asylfolgeantrag ab, der mit der im Hanauer Klinikum diagnostizierten schizophrenen Psychose begründet worden war; Folter- und Todesängste, so die dortigen Ärzte, prägten die Träume von Alcali, bestimmten seine wachen Gedanken, und immer wieder würden Wahnvorstellungen von ihm Besitz ergreifen. Die Beamten des Bundesamtes fällten ein anderes Urteil: Der Antragsteller sei hinreichend gesund. Und ganz im Sinne der gängigen Rechtsprechung: Die Krankheit liefere ihn nicht mit der "erforderlichen Wahrscheinlichkeit dem sicheren Tod aus".(...)


und den letzten satz sollten wir alle gut im gedächtnis behalten. so sieht empathielosigkeit und objektivistisches konstruieren aus.
Wednesday - 2. Okt, 07:01

Die Krankheit liefere ihn nicht mit der "erforderlichen Wahrscheinlichkeit dem sicheren Tod aus".

Ja; er ist schrecklich, da wird mir ganz kalt...

Ich habe mir "Die Fremde in mir" neulich angesehen, auf die brutalen Szenen hätte ich gern verzichtet. Ich frage mich, warum Regisseure solche Szenen immer realistischer zeigen. Nein, ich frage mich das nicht wirklich...

Foster hat wieder mal klasse gespielt; immer wieder gab es erinnernswerte Szenen. Einmal die Angst, nach dem Trauma wieder unter Menschen gehen zu wollen und sich dann nicht aus dem Haus trauen. Sie bewaffnet sich, um sich zu überwinden. Das andere Mal fragt sie sich, kurz nachdem sie zwei Männer erschossen hatte, warum ihre Hände nicht zittern, warum sie niemand aufhalte. Da dachte ich noch, das sei ein guter Film, die fürchterlichen Rückblenden wären für manche Zuschauer vielleicht notwendig, um sich an die Quelle ihres Terrors zu erinnern, nur ich erschrak jedes Mal fürchterlich, wie gesagt, das war mir zu realistisch... Leider war das Ende der Geschichte nach meinem Verständnis eher eine Einverständniserklärung gegenüber Selbstjustiz.

Bibi (Gast) - 4. Okt, 19:31

habe unlängst

"Das Imperium der Schande" von Jean Ziegler gelesen.

"Jean Ziegler ist UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und emeritierter Professor
für Soziologie der Universität Genf und der Universität Paris-Sorbonne"

"Es kommt nicht darauf an, den Menschen der dritten Welt mehr zugeben,
sondern ihnen weniger zu stehlen."

"Jean Ziegler hält der globalisierten Welt den Spiegel vor.
Er zeigt auf, wie das Gefühl der Schande angesichts von Hunger und Armut auf der Welt
umschlagen und zu einer Macht der Veränderung werden kann.
Ziegler legt eine unbestechliche Bestandsaufnahme der ungerechten Weltordnung vor
und macht entschlossen Front gegen das bestehende neofeudale
Herrschaftssystem."

Kann ich nur empfehlen, wird einem aber auch zwischendurch schlecht.

Gruß,
Bibi

P.S.:

@Mo:
wg den strike bikes: War heute in Bremervörde in einem Fahrradladen, die haben "DAS" schon
gehört und freuen sich auch mit. Ausserdem hast Du natürlich auch recht wegen der Bewegung an sich
und dem hoffentlich erstärkten Bewußtsein für die Zuku

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