notiz: krisennews und -gedanken (1)

sammeln wir doch mal ein bißchen - da begab sich vor ein paar tagen in hongkong zb. das folgende:

(...)""Scuffles erupted outside the Bank of China building, as protesters tried to push through the police's barricade, an AFP photographer at the scene said."(...)

kurz: es gab rangeleien von ziemlich wütenden bankkunden mit der dortigen polizei. auf solche meldungen verzichten die hiesigen medien ängstlich - noch. es ist bekanntlich alles in bester ordnung! (mit gehobener stimme / im hintergrund wedelt eine undeutliche person mit einem schlagstock).

*

da wird uns es dann doch auch nicht stören, wenn irgendwo
ein paar waren liegenbleiben?

(...)"Vielen ist nicht bekannt wie wichtig grundsätzlicher Kredit bzw. Kreditbereitschaft tatsächlich ist. So ist zum Beispiel auch der Warenverkehr von solchen Vereinbarungen abhängig. Gerade der Containerverkehr auf den Weltmeeren, bzw. die Löschung von Gütern in den Häfen, immerhin 90% des Welthandels nutzen den Transport via Schiff, ist grundsätzlich auf (Kredit-)Vertrauen angewiesen.

Inzwischen stapeln sich gerade in den USA und Südamerika in einzelnen Häfen Waren, die nicht verladen werden, weil das "Akkreditiv" (engl.: "letter of credit") nicht mehr akzeptiert wird. Ein Akkreditiv stellt ein Zahlungsversprechen dar und wird zum Beispiel von Geschäftsbanken für deren Kundschaft, zum Beispiel Exporteure, ausgesprochen. Ohne Akkreditive müssten beispielsweise in Häfen permanent Barzahlungen für jede einzelne Dienstleistung erfolgen, denn keiner kann wissen ob die Firma XY aus irgendeinem Dorf in der Walachei tatsächlich kreditwürdig ist.(...)

Das aktuelle Problem: Die großen Geschäftsbanken akzeptieren in dieser Phase des Vertrauenszusammenbruches inzwischen auch nicht mehr die unterschiedlichen Akkreditive der Konkurrenz! Sollte sich diese Verweigerungshaltung nicht sofort auflösen, käme in nur wenigen Tagen ein Großteil des Welthandels zum Erliegen. Es käme dann schon sehr schnell auch zu ersten Versorgungsengpässen."(...)


(ich habe gestern aus dem kleinen betrieb, in dem ich arbeite, erfahren, dass es neulich schon probleme mit einer lieferung aus argentinien gab - hm?) jedenfalls ein schönes beispiel für den domino-effekt. vielleicht genießen Sie noch den letzten argentinischen wein oder neuseeländische kiwis, die sich noch bei Ihnen finden - könnte sein, dass Sie demnächst so etwas für lange zeit nicht mehr sehen werden. aber - wäre das eigentlich wirklich ein verlust?

*

nach den letzten tagen angestrengten querlesens in etlichen foren, gerade von denen der großen zeitungen, muss ich sagen, dass ich mich nicht daran erinnern kann, jemals zuvor so quer durch den garten eine derartige menge von häme, zynismus und offener wut auf die tatsächlichen und/oder auch nur vermeintlichen schuldigen vor die augen bekommen zu haben - das verstärkt meinen eindruck von neulich, dass wir als eine von noch vielen unbekannten langzeitfolgen dieser aktuellen situation eine ungeahnte legitimationskrise hinsichtlich "politik" & wirtschaft bekommen werden. aber vermutlich ebenfalls auch eine ordentliche portion zynischer und/oder verzweifelter resignation, wenn es nicht gelingen sollte, diese legitimationskrise in den willen zu transformieren, langfristig mit dem ganzen derzeitigen system radikal schluß zu machen.

*

auch und gerade deshalb, weil die krise - wie neulich ebenfalls schon festgestellt - immer ist, wenn nicht hier, dann woanders. und bei anderen.
tägliches leiden:

(...)"Wer 27 Deckel pro Minute zuschraubt, bekommt natürlich eine Sehnenscheidenentzündung", sagt Marie Pezé. Sie kann die Krankheiten genau ihren Ursprüngen zuordnen. Den ganzen Tag Hähnchen schneiden: chronische Schmerzen in Hand und Arm. Den ganzen Tag telefonieren: kognitive Störungen. Jahrelang zu viel arbeiten: Burnout. Immer Angst um seinen Arbeitsplatz haben: psychische Störungen, von Depressionen über Paranoia bis hin zum Selbstmord. "Das ist eine Orgie der sozialen Gewalt", sagt Pezé."(...)

(danke an wednesday für diesen link). wenn man das jetzt mal zusammendenkt, wird der sog. lohn für solche schindereien, der ja bekanntlich in immer mehr fällen gerade noch zum überleben reicht, bereits in kürze anteilig noch mehr dazu verwendet werden, zb. mittels der davon abgezogenen steuern genau diejenigen großzügig zu unterstützen, die derartige arbeitsbedingungen letztlich fordern, umsetzen und davon profitieren. ich hab´s ja schon öfter gesagt: die klassischen mafiosi dürften sich gerade vor neid auf dem boden herumwälzen. verbrechen in derartigen dimensionen sind tatsächlich das privileg derjenigen, die sich selbst als "eliten" sehen - und immer noch von vielen "gewählt" werden, und zwar nicht nur hinsichtlich der wahlurnen. darin dürfte auch der schlüssel liegen, um mit diesem loop des grauens endlich schluß zu machen.

*

und auch die antwort auf die frage, was für einen menschentypus diese leute gerne unter sich sehen wollen (richtig: ihre eigenen spiegelbilder), ist schon länger bekannt:



"Jedenfalls will es mir dünken, als ob der Menschentypus, der heute auf die Welt kommt, vorweg schon zu einem außerordentlichen Maß in die verwaltete Welt hineinpaßt; daß er gleichsam in sie hineingeboren wird. Starr sind diese Menschen, weil sie eigentlich keine Spontaneität mehr haben; weil sie eigentlich gar nicht mehr ganz leben, sondern weil sie selber sich bereits als die Dinge, als die Automaten erfahren, als die sie in der Welt verwendet werden. Sie müssen in jedem Augenblick bereit sein, an jeder Stelle zu funktionieren, und nur wenn sie diese Bereitschaft ununterbrochen unter Beweis stellen, dann entgehen sie der universalen Drohung der Arbeitslosigkeit."

(mit großem dank an
quirinus für den hinweis )

als-ob-leben, treffend ausgedrückt vom herrn adorno. passend dazu auch nochmal der allererste assoziation-beitrag
hier. ebenfalls stellt das obige meiner meinung nach in größerem maße ebenfalls einen aspekt der sozialen trance dar - vielleicht ist diese der einstieg in die verdinglichung?

*

jedenfalls sind die oben beschriebenen strukturen preis / bedingung / konsequenz unserer bisherigen (post-)traumatischen ökonomischen und politischen strukturen. und falls diese strukturen jetzt demnächst wirklich zusammenbrechen sollten, bleibe ich bei meinem fazit von vor ein paar tagen: lieber ein ende mit schrecken als ein schrecken ohne ende.
quirinus - 13. Okt, 00:05

Alles was entsteht, ist wert, daß es zugrundegeht. (Mephistopheles)

bibi (Gast) - 14. Okt, 03:44

und nochmal eben:

ich weiß natürlich, daß Du diese Punkte auch oft genug erwähnst und erwähnt hast, die Schlussfolgerungen und Konsequenzen- und die Krankheit, über Leichen zu gehen um leben zu können (wenn man das dann noch so nennen darf).

aber es musste einfach mal eben genau so raus....

(...und mein verzerrt angezeigtes Wort um diesen Kommentar abzuschicken, lautet: lived,

na denn..)

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