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"alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen"

wie zur bestätigung dieser treffenden weisheit tauchten gestern auszüge aus einem bericht auf, der eigentlich erst mitte nächsten monats - und vielleicht nicht ganz zufällig erst nach der us-präsidentenwahl - öffentlich gemacht werden sollte. worum es geht? der jahresbericht der "internationalen energieagentur" (IEA) steht an, und die iea hatte es gestern sehr eilig, kurz nach dem ersten durchsickern der wesentlichen aussagen eine stellungnahme herauszugeben, in der sinnngemäß etwa zu lesen ist, dass ja die zahlen noch vor dem offenen ausbruch der finanzkrise erhoben worden seien und der bericht bis zur offiziellen veröffentlichung darum nochmals "überarbeitet" werden würde. sei´s drum, der geist ist aus der flasche, und bringt etwas zum vorschein, was erstens wie eine bestätigung der von mir neulich zitierten prophezeiung eines jeremy rifkin wirkt, zweitens aber möglicherweise zum endgültigen
sargnagel der westlich-industriellen zivilisation in der art, wie wir sie (leider) kennen, werden wird:

(...)" Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt in ihrem Jahresbericht, das Angebot an Öl könnte in den nächsten Jahren knapper werden als bislang gedacht. Derzeit gehe die Produktion auf den Ölfeldern stark zurück, es bestehe Gefahr, dass zu wenig investiert werde, um neue Vorkommen zu erschließen. (...)

Fallende Ölpreise verschärften das Problem, da sie Investitionen unattraktiver machten. Die IEA prognostiziert, dass die Nachfrage in China, Indien und anderen Entwicklungsländern bis 2030 jedes Jahr Investitionen von 360 Mrd. $ erfordern wird. Die Ölfelder der Welt, zum Beispiel in der Nordsee, in Russland oder in Alaska, schrumpfen schneller als bislang angenommen, heißt es in dem Bericht. Ohne Investitionen in die Erschließung neuer Ölquellen betrage der Rückgang 9,1 Prozent jährlich, mit Investitionen nur 6,4 Prozent. Der Rückgang werde aufgrund der nachlassenden Nachfrage vielleicht noch nicht in den nächsten Jahren spürbar werden, aber langfristig seien die Auswirkungen umso größer, wenn wie erwartet weniger investiert wird, sagen Branchenmanager."(...)


was auf den punkt gebracht nichts anderes bedeutet als:

das hochoffizielle eingeständnis der tatsache, dass wir
peak oil entweder schon erreicht haben oder gerade am peak angekommen sind.

lassen Sie sich dabei nicht von der focussierung auf "investitionen" in dem bericht täuschen: die können den fakt der erschöpfung der ressource nicht negieren, sondern die konsequenzen höchsten etwas hinauszögern, und werden dabei auch keinesfalls die ständige verteuerung des immer schwieriger zu fördernden öls aufhalten, ganz im gegenteil. das entscheidende ist in diesen sätzen enthalten:

"Die Ölfelder der Welt, zum Beispiel in der Nordsee, in Russland oder in Alaska, schrumpfen schneller als bislang angenommen, heißt es in dem Bericht. Ohne Investitionen in die Erschließung neuer Ölquellen betrage der Rückgang 9,1 Prozent jährlich, mit Investitionen nur 6,4 Prozent."

ich hatte ja in meinen bisherigen beiträgen zu peak oil immer wieder versucht deutlich zu machen, dass damit noch nicht die totale erschöpfung aller ölvorräte gemeint ist, sondern das allmähliche abflachen der förderung einhergehend mit immer höheren preisen. peak oil, das ende des billigen erdöls.

die zahlen des rückgangs aus dem iea-bericht übertreffen nun selbst die schlimmsten erwartungen derjenigen, die hinsichtlich peak oil eh schon
schwarzgesehen haben. und sie machen gleichfalls nachdrücklich deutlich, dass der aktuell fallende ölpreis tatsächlich nur ein indiz für die beginnende weltwirtschaftskrise darstellt, aber keinesfalls eine grundsätzliche veränderung der situation hinsichtlich des peaks bedeutet.

*

es wird mir ja selbst schon unangenehm, wieder als kassandra auftreten zu müssen - aber wie es aussieht, lässt die realität
keine wahl :

(...)aber zum thema: in späteren historischen rückblicken könnten die derzeitigen tage des mai 2008 vielleicht als wendepunkt erscheinen, an dem zum ersten mal für größere teile der bevölkerungen der westlichen gesellschaften das wetterleuchten am horizont sichtbar geworden ist, welches den finalen akt ihrer - bzw. unserer - bisherigen "lebens"weise ankündigt. aus der perspektive dieses blogs sind nun (...) fragen in der richtung interessant, was eigentlich passiert, wenn die konsequenzen von peak oil auf eine gesellschaft treffen, die erstens in ihren strukturen weitverbreitete psychophysische zustände ihrer mitglieder abbildet, und von der zweitens viele dieser strukturen und zustände mit einiger plausibilität als pathologisch auch in einem klinischen sinn betrachtet werden müssen. wie werden menschen reagieren, die aufgrund ihrer pathologien bspw. den eigenen konsum - oder auch maß- und wahllosen verbrauch von dingen - zum lebenssinn erhoben haben? was werden diejenigen tun, denen bspw. autos als eine art krücke für das beschädigte ego dienen? wie werden alle jene reagieren, die ein problem mit eigenen und fremden grenzen haben, wenn ihnen durch die endlichkeit einer ressource deutlich und unabwendbar eine existenzielle grenze aufgezeigt wird? nicht umsonst wird der umgang besonders mit erdöl auch als suchtartig begriffen, und nicht umsonst häufen sich gerade in vielen öffentlichen stellungnahmen zu peak oil die metaphern aus der drogentherapie .

und ganz zentral: wie kann eine situation, die eigentlich eine solidarische und kollektive zusammenarbeit in breitestem rahmen verlangt, bewältigt werden, wenn eine mehr oder weniger große zahl von menschen in gesellschaften wie dieser aufgrund vielfältigster (post-)traumatischer und maligner antisozialer einflüsse nicht (mehr) über die psychophysischen voraussetzungen verfügt, um solidarität und kollektivität in einer gesunden form leben zu können?(...)


wie Sie sehen, stellen sich genau die gleichen fragen, die ich die letzten tage auch schon hinsichtlich der globalen wirtschaftskrise formuliert habe - aber nachdem ich heute morgen die einleitenden informationen gelesen hatte, kam mir der gedanke, dass wir jetzt aufgrund der schlichten und kaum mehr zu begreifenden überkomplexität der sich beeinflussenden und eskalierenden krisen auch einfach einen zusammenbruch durch überforderung einbeziehen müssen. anders: das gestern in den letzten krisennews entwickelte bild vom auf den abgrund zurasenden bus wurde verdrängt durch das bild einer fieberhaft herumhuschenden ratte in einer lebendfalle ohne ausweg, die irgendwann letztlich erschöpfungsbedingt aufgibt und umfällt.

*

und vor dem hintergrund erhalten aktuelle schlagzeilen wie
Autobauer können auf Milliardenhilfe hoffen einen fast schon tragikomischen beigeschmack (im verlinkten beitrag ganz unten ist übrigens auch zu lesen, dass die autoindustrie die gunst der stunde nutzen will, um klimaschützende maßnahmen zu kippen - das ist aus deren sicht zwar verständlich, passt aber bestens zum bild der ratte.)

die hektischen aktivitäten der politriege machen jedenfalls für mich deutlich, dass von irgendwelchen globalen planungen (im sinne von verschwörungstheoretischen ansätzen einer "geplanten" (finanz-)krise) keine rede sein kann - selbst wenn sich irgendwelche elitären gruppen diesbezgl. verschworen hätten, so werden sie doch unabwendbar die kontrolle verlieren, da die prozesse, die jetzt laufen bzw. beginnen, viel zu überdimensioniert sind. es geht zusehends mehr nur noch um das aufschieben des zerfalls, um des eigenen machterhalts willens. die leute halbwegs (per lohnarbeit) von den straßen zu halten, das system des sedierenden konsums halbwegs aufrechtzuerhalten - das dürften mehr und mehr die alleinigen ziele der politischen "eliten" werden, um zumindest den eigenen arsch bis zu irgendwelchen wahlen zu retten und ins trockene zu hieven. zum schluß wird denen aus ihrer sicht nur noch die nackte gewalt anscheinend helfen. und genau diese systemimmanente wahrnehmungsreduktion ("kurzsichtigkeit") zusammen mit einflüssen wie der ebenfalls immanenten korruption und dem obligatorischen lobbyismus kann uns am ende allen das genick brechen.

ich weiß, dass personalisierte vergleiche wie der folgende als irgendwie unschicklich gelten, aber trotzdem: mich erinnert das verhalten der "eliten" immer mehr an eine soziopathische person, die es über lange zeit geschafft hat, mittels diversen als-ob-konstrukten, illusionen und erzeugen von virtuellen welten mehr oder weniger ihre gesamte umwelt zu manipulieren, zu kontrollieren und in die irre zu führen. und der jetzt aber aufgrund der unvermeidlichen grundlegenden wahrnehmungsdefekte und -einbußen die restlichen fragmentierenden bezüge zur realität flöten gehen und deren (fiktiv) grenzenloser und prassender lebensstil an die real vorhandenen grenzen aller art stößt, bei parallel zunehmender unfähigkeit, selbst objektivistisch ermittelte grenzen als solche zu erkennen. zwangsläufig beginnen die ganzen schönen konstrukte und virtuellen realitäten mehr und mehr zu kollabieren bei gleichzeitigem wilden bemühen, mittels mehr materiellem aufwand eben diese zusammenbrechenden pseudorealitäten noch irgendwie aufrechtzuerhalten.

das kann natürlich unmöglich funktionieren, wird aber zu einem in die länge gezogenen niedergang mit phasen schmerzhaftester agonie führen.

und das ist am heutigen morgen das szenario, welches ich am meisten fürchte. ich halte es (noch) nicht für unabwendbar, denke aber, dass es diesbezgl. eine art zeitfenster gibt, welches mit zunehmendem fortgang der aktuellen entwicklungen immer kleiner werden wird.

*

nachtrag: auch
wirtschaftsquerschuss hat das thema aufgegriffen.
Peter (Gast) - 31. Okt, 20:36

Autobauer

Das ist echt eine Sauerei, dass sich die Autoindustrie a) vom Staat helfen lassen will (wie war das noch mit dem freien Markt, der alles am besten regelt??) und b) auch noch die Umweltziele torpediert. Aber mittlerweile wundert einen eigentlich nichts mehr... :-(

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