kontext 72: "wahnsinnige liebe" und die borderline-gesellschaft

ein presseartikel, über den ich eher zufällig gestolpert bin: Wahnsinnige Liebe - droht eine Borderline-Gesellschaft? ich sehe da einerseits ein paar rote fäden zu den themen des gestrigen beitrags zum "freiherrn"; aber natürlich wissen stammleserInnen, dass der begriff der "borderline-gesellschaft" sich schon seit einigen jahren, wenn nicht jahrzehnten, immer mal wieder unheilverkündend irgendwo manifestiert. der artikel bietet nun einmal anhand einer fallgeschichte den versuch, einige der bekannteren symtome der bps nachvollziehbar zu machen, zum anderen werden begleitend einige der aktuelleren forschungsergebnisse und ansätze zum umgang (nicht nur) mit borderline dargestellt. und da findet sich nun ein absatz, der mich gestern hellwach gemacht hat, als ich ihn das erstemal las:

(...) "Nach neuesten Erkenntnissen verschwimmen die Grenzen zwischen den bisher bekannten Persönlichkeitsstörungen. "Dies liegt daran, dass wir inzwischen sehr viel differenziertere Diagnosen stellen können", sagt der Hamburger Psychiater Dr. Birger Dulz, 58 Jahre, Chefarzt der Fachabteilung für Persönlichkeitsstörungen in der Asklepios-Klinik Nord in Ochsenzoll. "Wir stellen immer häufiger fest, dass praktisch kein Betroffener jeweils nur eine einzige Störung aufweist, sondern dass es zwischen Soziopathen, Narzissten oder Borderlinern eine Vielzahl von Überschneidungen in den signifikanten Verhaltensmustern gibt."

na endlich, bin ich geneigt auszurufen - schon immer war die "reine le(e)hre" der diagnostischen kataloge icd und dsm - letzteres als primär psychiatrische klassifikation mehr als erstere in ihrer betonung der strengen trennung zwischen den verschiedenen diagnosen gerade aus dem bereich der persönlichkeitsstörungen mehr oder weniger realitätswidrig, weil kaum jemand bspw. irgendwann irgendwo jemanden gesehen hätte, der / die als "borderline in reinform" hätte gelten können. nein, gerade im psychiatrischen bereich sind differenzierungen nicht grundlos und zufällig so schwierig vorzunehmen, und kaum jemand der betroffenen rennt mit nur einer einzigen diagnose durch die welt. was aber bemerkenswert ist, auch wenn sich die tendenz bereits vor jahren abzeichnete - nicht nur das borderline-buch von mertz, sondern auch das "handbuch der bl-störungen", an dem dulz übrigens als einer der bekanntesten hiesigen theoretiker und praktiker beteiligt war, beschäftigten sich jeweils speziell mit dem komplex "antisozialität" (beide siehe literaturliste) - , was also bemerkenswert ist, ist das eingeständnis, dass sich in der realität narzisstische und borderline-ps tatsächlich in vielen (nicht allen!) fällen in ihren symptomen und ihrer jeweiligen individuellen prägung kaum bis gar nicht von der antisozialen ps unterscheiden lassen, bzw. teils fließend ineinander übergehen zu scheinen.

"Daher hat sich seit einiger Zeit der übergeordnete Begriff der "Antisozialen Persönlichkeitsstörung" (APS) durchgesetzt. Die am häufigsten vorkommenden Symptome sind eine enorme Wandlungsfähigkeit, pathologisches Lügen sowie fehlendes Mitgefühl und Reue. Antisoziale Menschen sind zumeist sehr impulsiv, gelten sogar als "gerissen" und sind häufig nicht in der Lage, aus Fehlern zu lernen. Das APS-Syndrom ist durch die Missachtung sozialer Verpflichtungen gekennzeichnet. Oft weisen die Erkrankten auch eine geringe Frustrationstoleranz sowie eine niedrige Schwelle für aggressives und gewalttätiges Verhalten auf."

ich frage mich beim ersten satz nur, ob der autor dieses artikels da etwas falsch verstanden hat, oder ob das tatsächlich eine neue praxis darstellen sollte? die antisoziale ps ist in den katalogen schon lange enthalten, und - klar ich bin hier aus gründen redundant - nicht automatisch gleichzusetzen mit der "echten", strukturellen soziopathie, auch wenn die oben geschilderten symptome bei letzterer überwiegend auch zu finden sind. aber wenn hier jemand aktuell im psychiatrischen bereich beschäftigte/r mitliest, würde mich eine antwort auf die frage sehr interessieren. werden borderline und narzisstische ps aktuelle wirklich öfter als antisoziale ps geführt?

dann kommt so ein satz, wo ich einfach nur mal wieder mit dem kopf schütteln kann, weil ich mich frage, wie autor und verantwortliche redaktion die einen direkt anspringende sinnwidrigkeit der folgenden aussage kommentarlos durchgehen lassen können:

"Sie sind in der Regel zwar bindungsunfähig, aber dennoch in der Lage, ständig neue Beziehungen einzugehen." (...)

wenn der erste teil stimmt - wofür es viele gründe gibt, das als realität anzunehmen, muss der zweite teil in der form falsch sein. meine korrektur dürfte nicht groß überraschen:

"...aber dennoch in der lage, ständig neue beziehungssimulationen einzugehen."

bekanntlich einer der themenschwerpunkte hier im blog von beginn an, interessierte stöbern bitte im
index (ja, der muss dringend aktualisiert werden, aber es lässt sich zu den fraglichen themen trotzdem etliches finden).

ist´s nur wieder die übliche zu beobachtende scheu, ausdruck von nichtwissen oder zurückschrecken vor den gewaltigen konsequenzen, die es hätte, sich die existenz von großen oder gar allen teilen ihres lebens simulierenden menschen einzugestehen, die zu solchen sätzen wie dem zitierten führt? mertz war bisher der einzige mir bekannte autor, der zumindest fragmentarisch den versuch unternahm, diesen komplex mal näher zu untersuchen. und er erntete bekanntlich bis heute dröhnendes schweigen von der scientific community.

es folgt im artikel weiter eine zwangsweise grob verkürzte charakterisierung der jeweiligen ätiologie der drei persönlichkeitsstörungen, wobei sich da dann bei der antisozialen ps ein deutlicher sachlicher fehler finden lässt:

(...) "Bei Patienten mit klassischen APS-Symptomen vermutet man dagegen inzwischen auch biopsychologische Gründe für die Erkrankung, denn die Betroffenen weisen überproportional oft einen erhöhten Anteil langsamer Gehirnwellen (Alpha-Wellen) auf. Darüber hinaus besitzen sie stärkere Hautwiderstände sowie eine geringere zentral- und periphernervöse Erregung. Das "antisoziale Verhaltensmuster" könnte daher Ausdruck ihrer Suche nach Aufregung sein, um die Aktivität im zentralen und vegetativen Nervensystem zu stimulieren." (...)

der fehler liegt darin, bezgl. narzisstischer und borderline-ps "biopsychologische" (etwas unglückliche wortwahl) gründe nicht zu erwähnen - tatsächlich sind alle beziehungskrankheiten, von denen die drei hier thematisierten zu den fatalsten gehören, nur psychophysisch zu verstehen. auch nix neues, aber in - eigentlich ganz brauchbaren - populistischen artikeln wie diesem ärgern mich solche fehler sehr.

es geht weiter mit der richtigen schilderung der mangelhaften versorgung in den zuständigen psychiatrischen bereichen, um dann am ende tatsächlich die täter-opfer-dialektik zwar nicht direkt zu benennen, aber immerhin zu umkreisen:

(...) "Doch können kranke Menschen (...) wirklich "Täter" sein?" (...)

die frage gehört vom kopf auf die füsse gestellt: gibt es bei verbrechen innerhalb der menschlichen sozialität (und auch bei destruktiven aktionen gewisser art gegen nichtmenschliches leben) wie z.b. vertrauensbrüchen, ausbeutung, mobbing bis hin zu angriffen direkt gegen körperliche gesundheit und leben täter, die überwiegend nicht als krank gelten müssen? meine persönliche antwort ist an vielen stellen im blog nachzulesen.

am ende dann noch eine frage, die wie angedeutet in den 1990ern und in der ersten hälfte des vergangenen jahrzehnts öfter als heute gestellt wurde:

(...) "Leben wir im Bewusstsein von rund zehn Millionen psychisch Kranken in Deutschland bereits in einer "Borderline-Gesellschaft"? Spiegelt das "bruchstückhafte Gefühl der Borderline-Persönlichkeit von Identität und Stabilität" (Jerold J. Kreisman) möglicherweise die Zerschlagung beständiger Werte in unserer Gesellschaft wider?" (...)

wer darauf eine antwort haben will, setzt sich am besten einfach mal in irgendeiner einkaufszone in einer großstadt ein paar stunden hin und beobachtet nur die mitmenschen - wie sie sich bewegen, was sie für mimiken zeigen, etc.

und stellt sich danach die frage, was er oder sie denn als "beständige werte" ansieht. denn deren defintion ist mit entscheidend dafür, was für antworten am ende herauskommen.
Quetzalcoatl (Gast) - 2. Mrz, 00:37

Selbsttest!?

Wie erkenne ich, ob ich selbst aus einem simulativen Modus heraus reagiere?

monoma - 2. Mrz, 21:49

ich schwanke immer noch ein bißchen...

...dabei, ob ich diese frage ernst nehmen soll (nein, ich mache mich nicht darüber lustig, aber sie hat in mir ratlosigkeit erzeugt).

worauf ist sie genau bezogen? haben Sie schon mal bewußt gelogen? andere getäuscht? (beides ohne moralische wertungen gefragt; es gibt durchaus situationen, in denen beides überlebensnotwendig, ausdruck von rücksicht, ein freundschaftsdienst etc. sein kann).

aber wenn Sie solche momente kennen, haben Sie bereits eine antwort auf die frage. weitere hinweise finden sich vielleicht in diesem beitrag, falls Sie ihn noch nicht kennen.

eine präzisierung wäre durchaus hilfreich, falls Sie etwas anderes meinen. längere simulative als-ob-beziehungen wären vielleicht so etwas, was ich mir vorstellen könnte - aber das würde dann eine längere antwort erfordern.
xxx (Gast) - 2. Mrz, 14:06

forum

ich möchte gerne dieses forum hier verlinken.

http://gewaltigekindheit.forumieren.com/

lass mich dabei bitte anonym bleiben. das hat auch etwas mit würde zu tun.

monoma - 2. Mrz, 21:40

hallo xxx,

ja, beides kein problem (letzteres auch deswegen nicht, weil ich weder weiß, wer Sie sind / Du bist, noch interesse habe, das herauszufinden.)

hm, das forum ist völlig neu - und ich weiß nicht, ob ein quasi offenes forum für dieses thema so eine gute idee ist. vielleicht sehen Sie / Du sich mal das hier an? ebenfalls dürfte ein großer teil von betroffenen in einem der vielen missbrauchs- und suizidforen zu finden sein, ebenfalls in vielen borderlineforen. trotzdem viel glück beim projekt.
Quetzalcoatl (Gast) - 3. Mrz, 02:44

Präzisierung

Ich kenne Zustände in denen ich von meinen Gefühlen abgespalten zu sein scheine bzw. sie erst verzögert wahrnehme!

Bei starker Neugierde setzt bei mir auch schon mal das Gewissen aus (z.B. half ich einem Borderliner
bei seiner Selbstverletzung -----> Peitschen + Verbrennung mit Zigaretten)

Der zuständige Arzt schätze dieses Verhalten zwar nicht als pathologisch ein, obwohl es ihn stark irritierte!

Offiziell wurde bei mir eine eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeits-
störung diagnostiziert!

Lena Fentrop (Gast) - 3. Mrz, 12:02

Kernberg ist endlich tod

Dieser Kernberg ist letzte Woche gestorben. Der hatt seit einigen Jahren einen Hirntumor. Vielleicht hat der deshalb so viel Unfug geschrieben.
monoma - 3. Mrz, 14:46

@"lena fentrop"

ich lasse Ihren kommentar hier nach einiger überlegung als nachdrückliches beispiel stehen - und zwar als beispiel für etwas, was sich durchaus als borderline-artige wahrnehmung sowie dazu passenden ausdruck verstehen lässt:

1. bei Ihrem todeswunsch - "endlich" - scheint eben dieser wunsch die mutter des gedankens zu sein - es ist weit und breit nichts an informationen zu finden, was die behauptung des todes in der letzten woche bestätigen würde (ausser ein anonymer eintrag in der zur person gehörenden wikipedia-diskussion; dort ebenfalls ohne jegliche quelle).

2. man kann über kernbergs arbeit durchaus geteilter meinung, und bei orthodox beeinflussten psychoanalytikern, wie er einer ist, habe ich durchaus viele einwände. nichtsdestotrotz werden seine beiträge zur borderline-diskussion selbst von scharfen kritikern in aller regel als inspirierend angesehen; ich würde also um die präzisierung des "unfugs" bitten.

3. ein hirntumor - falls das überhaupt stimmt - kann durchaus in bestimmten fällen tatsächlich zu beeinträchtigungen der kognitiven fähigkeiten führen, allerdings bleibt so etwas ebenfalls nicht über jahrzehnte unentdeckt. und kernberg hat seine fundamentalen arbeiten bereits vor mehreren jahrzehnten geschrieben.

4. grundsätzlich und generell: wer solche infos wie die über todesfälle hier anbringt, muss die auch belegen können. in diesem falle mache ich einmal eine ausnahme - gründe siehe anfang.
monoma - 3. Mrz, 15:15

@quetzalcoatl

danke erstmal für Ihre offenheit; meine persönliche meinung zu dem geschriebenen sieht in kürze so aus:

1. abspaltung / verdrängung - können symtome oder besser ausdruck von dissoziation und de-realisation sein; wobei beides auch erstmal per se zu den allgemeinen menschlichen fähigkeiten dazugehört und nicht von anfang an pathologisch ist - auf´s maß und die intensitäten kommt es an. auf das bezogen, was ich hier an anderen stellen als "objektivistischen modus" bezeichne, der im entsprechenden modell als produzent simulativer zustände gelten kann: ich glaube, dass es zwischen diesem modus und dissoziativen zuständen verbindungen gibt, die mir aber durchaus nicht völlig verständlich sind. aus meinen eigenen erfahrungen mit dissoziativen zuständen bei mir selbst und bei anderen denke ich aber auch, dass beide ebenfalls in einer relativen eigenständigkeit auftreten können.

um zu entscheiden, was sich jeweils konkret abspielt, müsste ein solcher zustand dann im moment des auftretens schon ausgiebig von möglichst vielen seiten aus untersucht werden.

2. wenn Sie in der beschriebenen situation neben der neugier nichts weiter als primär eine distanziertheit und ungerührtheit im angesicht der szene empfunden haben sollten, würde ich diesen moment durchaus als dominanz einer objektivistischen/objektivierenden wahrnehmung betrachten. und für diesen eindruck ist vor allem die neugier verantwortlich - distanziertheit und empfindungslosigkeit können (!) innere schutzmechanismen darstellen.

eine simulation kann ich anhand Ihrer beschreibung nicht sehen; das wäre zb. dann der fall gewesen, wenn Sie entgegen Ihrer selbstwahrnehmung entsetzen und mitleid vorgespielt hätten. Sie drücken ja selbst aus, dass Sie Ihre jeweiligen emotionalen zustände durchaus unterscheiden können, und, noch wichtiger, nach meinem eindruck auch drüber nachdenken. die menschen, von denen im blog hier überwiegend die rede im zusammenhang mit simulationen und objektivität ist, können und machen beides in aller regel eben nicht.

3. anmerkung: obiges ist meine rein persönliche und relativ spontane einschätzung, und natürlich keine art von irgendeiner diagnose.
Quetzalcoatl (Gast) - 3. Mrz, 19:52

???

@ Monoma

Vielen Dank für Ihre erhellenden Worte!

Seit ein oder zwei Jahren bin ich überwiegend in einem Zustand, der von Gedankenruhe und Freude geprägt ist!

Früher dagegen wurde ich oft von meinem "inneren Kritiker/
Über-Ich" gequält durch ständige Gedanken an die Zukunft und Vergangenheit, was ich falsch gemacht habe und was mit mir und anderen nicht stimmt!

Besondere Merkmale waren SELBST-
MITLEID, SELBSTHASS, SELBST-
ZWEIFEL und auch unpassende Vergleiche mit anderen Menschen...

...ich war im Unfrieden mit mir und meiner Umgebung...

Es ist jetzt sehr viel angenehmer und entspannter!


Welcher Modus war das? Und warum ist er jetzt einfach weg?

User Status

Du bist nicht angemeldet.

US-Depeschen lesen

WikiLeaks

...und hier geht´s zum

Aktuelle Beiträge

Es geht ihm gut? Das...
Es geht ihm gut? Das ist die Hauptsache. Der Rest...
Grummel (Gast) - 23. Jan, 21:22
Im Sommer 2016 hat er...
Im Sommer 2016 hat er einen Vortrag gehalten, in Bremen...
W-Day (Gast) - 23. Jan, 14:49
Danke, dir /euch auch!
Danke, dir /euch auch!
Grummel - 9. Jan, 20:16
Wird er nicht. Warum...
Wird er nicht. Warum auch immer. Dir und wer sonst...
Wednesday - 2. Jan, 09:37
Ich bin da, ein Ping...
Ich bin da, ein Ping reicht ;) Monoma wird sich...
Grummel - 15. Sep, 16:50
Danke, Grummel. Das Netzwerk...
Danke, Grummel. Das Netzwerk bekommt immer grössere...
Wednesday - 13. Sep, 10:02
Leider nicht, hab ewig...
Leider nicht, hab ewig nix mehr gehört.
Grummel - 12. Sep, 20:17
Was ist mit monoma?
Weiss jemand was? Gruß Wednesday
monoma - 12. Sep, 14:48
Der Spiegel-Artikel im...
Den Spiegel-Artikel gibt's übrigens hier im Netz:...
iromeister - 12. Jun, 12:45
Texte E.Mertz
Schönen guten Tag allerseits, ich bin seit geraumer...
Danfu - 2. Sep, 21:15

Suche

 

Status

Online seit 4800 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 23. Jan, 21:22

Besuch

Counter 2


assoziation
aufgewärmt
basis
definitionsfragen
gastbeiträge
in eigener sache
index
kontakt
kontext
lesen-sehen-hören
notizen
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren