notiz: blanke inkompetenz bei gerichtsgutachten

aus österreich kommt die folgende meldung:

"Misshandeltes Baby: 20 Monate Haft für Vater
Am Freitag ist erneut jener Vater vor Gericht gestanden, der seiner sieben Woche alten Tochter 24 Knochen gebrochen haben soll. Das nicht rechtskräftige Urteil: 20 Monate unbedingte Haft. (...)

Das Baby wurde Anfang Dezember 2008 mehrmals untersucht. Am Freitag waren die beiden medizinischen Gutachter Regina Gatternig und Karl Fritz am Wort. Sie hatten sich die Befunde von Anfang Dezember genau angeschaut.

Der Mann gab zu, dem Säugling den Kopf verdreht zu haben, weil er nicht trinken wollte. Zudem gestand er, dem Mädchen den Brustkorb zusammengedrückt zu haben, und rechtfertigte sich mit Überforderung." (...)


so weit, so schlecht und trostlos - aber nicht um zustand und mögliche motivationen des täters soll es gerade gehen, sondern um eine bodenlose ignoranz von "professioneller" seite:

"Dass der Mann das Kind so stark geschüttelt hatte, dass es ein Schädel-Hirn-Trauma davontrug, schlossen die Mediziner aus, ebenso psychische Folgeschäden. Das Kind könne das noch nicht realisieren, sagte Gatternig."

bitte wie?!? "Das Kind könne das noch nicht realisieren". so ein satz von einer medizinerin und gerichtsgutachterin ist im jahr 2010 nichts weiter als eine persönliche bankrotterklärung und die öffentliche zurschaustellung eines katastrophalen informations- und wissensdefizites. jahrzehnte der pränatal- und säuglingsforschung sowie der psychotraumatologischen arbeit sollten eigentlich so eine absurde äusserung schlicht undenkbar gemacht haben - offensichtlich gibt es aber "professionelle", die sich ungefähr auf dem stand der 1950er jahre befinden.

das schlimme daran ist, dass sie damit nicht unbedingt alleine stehen könnte, sondern es womöglich eine kluft gibt zwischen der allgemein "erwachsenenmedizin" einerseits sowie der pädiatrie und den bereichen von psychiatrie und psychologie, die sich mit babys und (klein-)kindern beschäftigen, andererseits. während bei den letzteren i.d.r. der stand so ist, wie zb.
hier zwar sehr "populär", aber durchaus brauchbar, zusammengefasst:

(...) "Dachte man noch Anfang der fünfziger Jahre, ein Neugeborenes könne keinen Schmerz empfinden, so weiß man heute, daß der Schmerzsinn schon lange vor der Geburt ausgebildet ist. Bereits ab dem dritten Schwangerschaftsmonat reagieren Föten empfindlich auf Berührungsreize am Mund. Nicht viel später verfügen sie über eine differenzierte Geruchs- und Geschmackswahrnehmung. So kann man bei Neugeborenen feststellen, daß sie den Geschmack süßer gegenüber saurer Flüssigkeiten bevorzugen. Auch scheinen sie den Geruch des eigenen Fruchtwassers oder des Schweißes der eigenen Mutter gegenüber dem Geruch von fremdem Fruchtwasser bzw. Schweiß zu präferieren.

Die Hörfähigkeiten sind zum Zeitpunkt der Geburt ebenfalls gut entwickelt. Säuglinge interessieren sich für Geräusche und Musik, besonders aber für die menschliche Sprache." (...)


oder auch
hier:

(...) "Es ist ein Mythos, dass Früh- und Neugeborene keine Schmerzen haben oder sich nicht mehr an die Schmerzen erinnern können", sagt Professor Franz-Josef Kretz, Anästhesist am Klinikum Stuttgart. "Diese Märchen sind schuld daran, dass die Schmerztherapie in der Kinderheilkunde noch immer ein Stiefkind ist", klagt der Intensivmediziner.

Stattdessen ist bewiesen, dass Kinder bereits ab der 22. Schwangerschaftswoche im Mutterleib - also dann auch Frühchen - Schmerzen empfinden. Erfahrungen von Kinderärzten zeigen, dass Babys bei einer schmerzhaften Behandlung mit Schreien, Abwehr und Blaufärbung (Zyanose) reagieren. Studien belegen außerdem, dass Kinder ein Schmerzgedächtnis haben. Denn wer in den ersten Lebenswochen Schmerzen ausgesetzt war, zeigt später eine größere Schmerzempfindlichkeit." (...)


- , braucht es anscheinend für die ersteren und offensichtlich auch teile der pädiatrie sowie perinatalen medizin immer noch mehr beweise, um sich vom oben angesprochenen unheilvollen mythos zu verabschieden - anders lässt sich eine meldung wie
diese aus dem jahr 2008 nicht interpretieren:

(...) "Für Ärztinnen und Ärzte, die Frühgeborene, Säuglinge und Kleinkinder betreuen, ist nur annäherungsweise einschätzbar, ob und wie viel Schmerz die kleinen Patienten empfinden. Britische Wissenschafterinnen zweifeln nun im Fachjournal "PLoS Medicine" an, dass die gegenwärtig zur Anwendung kommenden Beurteilungskriterien ausreichend sind. Wie die Forscherinnen schreiben, wird der Schmerz derzeit hauptsächlich anhand von körperlichen Reaktionen und Verhaltensmerkmalen eingeschätzt – wie etwa einer Veränderung des Gesichtsausdrucks.

Das Team um Rebeccah Slater führte Messungen der Gehirnaktivität durch, um auf diesem Weg Aufschlüsse über das Auftreten von Schmerzen zu erhalten. Diese Messungen verglichen die Wissenschafterinnen mit den aktuellen Kriterien der Schmerzerfassung, also Hinweisen auf körperlicher und Verhaltensebene. Dabei kamen Slater und Kolleginnen zu dem Schluss, dass die Schmerzen von Säuglingen gegenwärtig möglicherweise unterschätzt werden." (...)


die gründe dafür genauer zu betrachten, wäre einmal ein lohnendes unterfangen - auch wenn ich fürchte, dass die ergebnisse alles andere als positiv für teile der "professionellen" zunft wären. für den moment aber bleibt mir nur, das angesprochene gutachten als das zu bezeichnen, was es real ist: ein ganz professionelles stabbrechen über ein kaum begonnenes leben - egal ob (bestenfalls) aus unwissenheit oder aber anderen, versteckten und destruktiven motiven.

das baby könnte mit entsprechender unterstützung wahrscheinlich selbst noch einiges von der massiv traumatischen gewalt zukünftig bewältigen - aber dazu müsste diese überhaupt erst einmal gesehen und anerkannt werden.
errorking - 30. Mrz, 19:10

gerichtsgutachter sind die üblichen saufkumpane der staatsanwälte und anwälte. im gasthof wird ohnehin das urteil schon vorher ausgemacht.

zu gerichtspsychiater fällt mir eigentlich vor allem ein name ein:der nazi-arzt und sozi-freund gross

sansculotte - 30. Mrz, 19:36

Ja, ein solchener durfte bis in die Achtziger Jahre in Ö sein Unwesen treiben. Es ist schlichtweg zum Kotzen und sagt eigentlich alles über die Psychiatrie in diesem Land.
errorking - 30. Mrz, 21:54

aus dem spionagenähkästchen

die urteile werden beim adam (gaststätte ) spätestens beim (übrigens ausgezeichneten) kaiserschmarren ausgehandelt.

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