Donnerstag, 2. Juni 2011

assoziation: nachdenken über EHEC [6. update am 10.06.*]

(...) "Die behandelnden Ärzte sprechen derweil von zunehmenden neurologischen Symptomen bei den HUS-Patienten. "Wir haben Patienten, die überhaupt keinen Durchfall haben, aber schwere neurologische Symptome", sagte der Direktor der Nephrologie am Kieler Uniklinikum, Professor Ulrich Kunzendorf. Andere Ärzte sprachen von "völlig abgedrehten Patienten".

Der Gastroenterologe Professor Stefan Schreiber von der Uni Kiel sprach von einer "Situation medizinischer Hilflosigkeit". Die jetzige Welle sei vergleichbar mit anderen großen Seuchen, etwa der Pest." (...)


("Ärztezeitung")

*

nein, ich habe durchaus nicht vor, die gegenwärtigen ereignisse in südeuropa, japan/fukushima oder auch in nordafrika und arabien zu ignorieren. allerdings merke ich in den letzten tagen, dass mich das treiben jener e. coli-bakterien dann doch aus verschiedenen gründen immer mal wieder ausgiebig beschäftigt. aus mehreren gründen: einmal, weil ich selbst in einer stadt (noch) am rande jener zone lebe, in der - aus guten gründen, später mehr - eine oder mehrere aktive quellen der infektion zu suchen sein dürften. zweitens, weil sich auch in den hiesigen krankenhäusern inzwischen die intensivstationen beängstigend schnell füllen. drittens habe ich während meiner beruflichen ausbildung auch mit interesse am bereich epidemiologie geschnuppert - das liegt zwar schon ein paar jährchen zurück, aber momentan kommen immer wieder erinnerungen an ein paar grundlagen hoch. und schon damals rührte mein interesse auch davon her, dass epidemiologen in vielen fällen nicht sehr viel anders als kriminalisten an den ausbruch einer krankheit herangehen (müssen) - mögliche kausalketten aufrollen, ereignisse rückverfolgen, situationen rekonstruieren, plausibilitäten abschätzen, stück für stück geschehnisse bewerten und entweder ausschließen oder aber als basis für weitere ermittlungen nutzen.

und viertens lebe ich seit jahrzehnten (lakto-)vegetarisch, und esse eigentlich sehr gerne frischen gurkensalat - natürlich "bio", mit gewaschener schale, in hauchfeine scheiben gerieben, mit gutem olivenöl, echtem balsamico, kräutersalz, pfeffer und viel (am besten frischem) dill.

dieses schöne bild wurde nun in den letzten wochen von ganz anderen szenen überlagert, was mich persönlich nicht nur ärgert, sondern auch motiviert, jetzt hier meine ebenso persönlichen gedanken dazu loszuwerden. was ich hinsichtlich der bisher bekannten fakten so schreibe, werde ich nicht in jedem fall mit links unterlegen, weil das einfach zu viele werden würden. aber ich konnte jede der folgenden infos über das netz soweit nachprüfen und -vollziehen, das ich das mit gutem gewissen so schreiben kann wie ich´s schreibe.

1. kurz und knapp - der erreger

escherichia coli ist ein eigentlich
bestens bekanntes bakterium, welches in seinen gutartigen formen - und am richtigen platz - für unsere existenz durchaus positive aspekte aufweist. ausserhalb des darmes und in seinen pathogenen formen jedoch kann es sehr schnell zu unschönen bis schwer bedrohlichen zuständen führen. und während es bisher immer hieß, dass der aktuell verantwortliche ehec-strang aus der e. coli-familie schon lange bekannt sei, aber bisher niemals auffällig - schon gar nicht so verbreitet und vor allem so aggressiv - geworden ist, kamen vor ein paar stunden weitere informationen an die öffentlichkeit:

(...) "Die vorläufige genetische Untersuchungen hätten ergeben, dass der Stamm eine mutierte Form aus zwei E.-coli-Bakterien ist, sagte die WHO-Expertin für Lebensmittelsicherheit, Hilde Kruse. Weiter sagte sie, ein solcher Stamm sei noch nie bei Patienten isoliert worden. Der neue Stamm weise Merkmale auf, die ihn mehr Giftstoffe produzieren ließen." (...)

das dürfte nun weiteres wasser auf die mühlen jener stimmen darstellen, die in den letzten tagen immer deutlicher vernehmbar an vielen stellen im netz das wort "biowaffenanschlag" vor sich hinmurmeln. ich sehe dafür weit und breit bisher bei dem, was so an informationen kursiert, keine wirklich überzeugenden indizien und betrachte die entsprechende meinung als reines konstrukt, welches allerdings durch eine durchaus mangelhafte informationspolitik seitens der verantwortlichen behörden gefördert wird.

aber noch mal zum erreger, dessen bisher sichtbare eigenarten durchaus beunruhigend sind:
  • resistent gegen die allermeisten antibiotika
  • tatsächlich sehr toxisch - die produzierten gifte können das darmgewebe derart angreifen, dass bereits bei einigen betroffenen teile des darms herausoperiert werden mussten. ebenfalls wurde von schweren entzündungen des gesamten magen-darm-traktes berichtet
  • die zahl derjenigen, die schwere nierenkomplikationen (HUS) im gefolge der zerstörung von roten blutkörperchen entwickeln, ist überproportional hoch
  • diejenigen antibiotika, die noch wirkung zeigen, führen als reaktion bei den bakterien offensichtlich zu einem nochmals erhöhten ausstoß an toxinen
  • ebenfalls ziemlich rätselhaft sind die meines wissens so noch nie bei einem ehec-ausbruch beobachteten neurologischen ausfälle, die von epileptischen anfällen über halluzinationen und sprachverluste bis hin zu kleinen schlaganfällen reichen können
  • sind bei früheren ausbrüchen vor allem überdurchschnittlich viele kinder betroffen gewesen, so reicht das spektrum aktuell von kindern bis sehr alten menschen, mit einer großen zahl von bisher "recht gesunden" (das ist bekanntlich interpretationssache) erwachsenen. dabei wiederum sind frauen stark vertreten (das ist ein interessantes und wichtiges indiz, wie ich finde)
  • es ist eine normalerweise für bakterien lächerlich geringe zahl an exemplaren - zwischen zehn und hundert - für eine infektion ausreichend
  • schmierinfektionen sind möglich, ebenso kann eine mensch-zu-mensch oder auch tier-zu-mensch-übertragung nicht ausgeschlossen werden (ist in der vergangenheit beides schon nachgewisen worden)
  • überraschenderweise fällt es mir aus was für gründen auch immer bisher schwer, ein klare antwort auf die frage nach der überlebensquote von ehec / e. coli außerhalb eines lebenden körpers zu finden. sporenbildung findet nicht statt, aber es gibt etliche hinweise darauf, dass ehec-erreger zumindest einige zeit auch außerhalb von ihren bevorzugten darmmilieus existieren können. vermutlich habe ich eine entsprechende klare ansage bisher nur nicht gefunden oder übersehen, wobei gerade eine solche für einige hypothesen über den ausbruch sehr wichtig wäre
  • und ja, ehec stammt mit sicherheit aus tierdärmen, bevorzugt rinderinnereien, aber auch aus denen von schafen und ziegen; schweine können den erreger zwar auch tragen, sind allerdings normalerweise zu vernachlässigen
  • inkubationszeit: zwischen zwei und zehn tagen
alles zusammengenommen ein wirklich unerfreuliches wesen, und mit einigen eigenschaften, die mich den verdacht äußern lassen, dass wir möglicherweise gerade den beginn von etwas erleben, was zumindest ich keinesfalls erleben möchte. das sei übrigens auch all jenen in stammbuch geschrieben, die - sicher mit einer gewissen berechtigung - auf tote durch autounfälle, rauchen, grippevieren, resistente krankenhauskeime etc. etc. hinweisen und fragen, warum in diesen fällen nicht vergleichbarer krach geschlagen wird. nun, damit werden bei mir einerseits offene türen eingerannt, andererseits betrachte ich persönlich ehec nicht als "einfache infektion, die mal halt immer wieder vorkommt", sondern in diesem fall als - wiedermal - von menschen selbst produziertes desaster, welches durchaus beängstigend werden kann bzw. zumindest das potenzial dafür hat.

*

2. die norddeutschen hot spots - das elbe-weser-dreieck...

von anfang an war sehr klar, dass es einen oder mehrere regional deutlich eingrenzbare(n) infektionsherd(e) geben muss - immer noch sind sehr viele der infizierten, die aus anderen bundesländern oder auch dem europäischen ausland gemeldet werden, nachweislich vor dem ausbruch ihrer symptome in norddeutschland unterwegs gewesen. neben dieser tatsache verweist die zahl der bestätigten erkrankungen und verdachtsfälle im norden selbst auf diese besonderheit. es ist durchaus interessant, sich die bisherige verbreitung mal genauer zu betrachten.

auffällige cluster von fallzahlen werden aktuell aus folgenden gebieten und städten gemeldet (Sie können gerne selbst nachrecherchieren; "ehec" und stadtname reicht): hamburg natürlich, region und stadt cuxhaven, die kleinstadt rotenburg/wümme, harburg (kurz westlich vor hamburg), lüneburg. jetzt schauen wir mal auf die folgende karte:

elbeweserdreieck

(für die süddeutschen leserInnen: das "elbe-weser-dreieck" ist analog zum "weser-ems-gebiet" ein gebräuchlicher begriff). das "dreieck" wird markiert durch cuxhaven im norden, sowie bremen und hamburg im westen und osten. südöstlich schließt sich die lüneburger heide an, incl. lüneburg (auf der karte ganz unten im südosten).

die ganze gegend ist sehr ländlich geprägt; kleinstädte und dörfer wechseln sich ab. an der küste spielt natürlich der tourismus eine gewisse rolle; ebenso ist das alte land am westlichen elbufer (rund um stade) ein überregional bekannter begriff für ein traditionelles obstanbaugebiet.

zu dem, was sich östlich der elbe abspielt, komme ich gleich. zunächst ein blick nach westen, über die weser: hier werden bisher nur vereinzelte fälle von infektionen gemeldet; der landkreis wesermarsch (etwa nordwestlich von bremen hoch an der weser entlang bis an die küste) hatte bis gestern zwei bestätigte fälle; der sich südlich bzw. südwestlich daran anschließende landkreis oldenburg nur einen. weitere einzelfälle wurden bspw. aus kirchweyhe (bei bremen) sowie diepholz (schon eine ganze ecke weiter südlich von bremen) gemeldet. worauf ich hinauswill: bisher ist das kein vergleich mit dem geschehen östlich der weser. was ein epidemiologisch nicht ganz unwichtiger faktor sein dürfte. die krankenhäuser in bremen und bremerhaven sind übrigens z.zt. hauptsächlich voll mit infizierten aus dem elbe-weser-dreieck - ähnliches gilt auch für hamburg, wo gleichzeitig viele betroffene aus schleswig-holstein versorgt werden. das ist auch das nächste stichwort

*

3. ... und schleswig-holstein

es gibt
hier auf einer offiziellen seite einen link zu einem pdf, welches die aktuelle ehec-verteilung im land zeigt. deutlich erkennbar sind die cluster östlich / nordöstlich rund um hamburg in den kreisen pinneberg und storman, aber auch kiel und lübeck an der ostseeküste sowie der bereich rund um flensburg an der dänischen grenze weisen auffällig erhöhte zahlen auf.

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4. (un-)wahrscheinlichkeiten

wenn ich mal das gedankenexperiment veranstalte, selbst auf basis der öffentlich verfügbaren informationen auf epidemiologische spurensuche zu gehen, dann kommt dabei ungefähr das folgende heraus:

erstens: der erreger stammt bevorzugt aus dem verdauungstrakten von wiederkäuern wie rindern, schafen und ziegen. zweitens: die antibiotikaresistenzen weisen als allererstes auf eine mutation hin, die aus der industrialisierten massentierhaltung stammt. das ist für mich einfach eine wesentlich näherliegende erklärung als spekulationen über ominöse (womöglich gar noch "islamistische") laborpanschereien mit e. coli. drittens: wenn ich mir die betroffenen regionen betrachte, so sind kühe/rinder dort absolut keine seltenheit und müssen auch oft genug in massentierhaltung ihr dasein fristen. schafe sind in den küstenregionen besonders auf den deichen keine seltenheit, aber auch an deichen der grossen und kleineren flüsse der betroffenen regionen anzutreffen; ebenfalls durchstreifen vereinzelte schäfer mit ihren herden das hinterland, in der lüneburger heide auch mit heidschnucken. massentierhaltung ist bei ihnen regional aber meines wissen dort ebensowenig ein thema wie bei ziegen. was bedeutet, sich vorzugsweise auf rinder/kühe als ausgangspunkt zu konzentrieren (und gleichzeitig breitflächig präventiv einmal die frei laufenden schafe zu untersuchen).

viertens: der bisher enorme anteil von infizierten frauen weist meiner meinung nach deutlich auf kontaminierte lebensmittel hin; das lässt sich besonders in den ländlichen regionen damit begründen, dass hier frauen immer noch "traditionell" für den küchenbereich zuständig sind. der nachweislich mit ehec infizierte und alleine lebende, in seiner wohnung tot aufgefundene mann in hamburg dürfte aller wahrscheinlichkeit nach selbstversorger und sein eigener koch gewesen sein. fünftens: die bekannten fälle von nach ihrer durchreise erkrankten in anderen bundesländern / im ausland weisen auf ein oder mehrere lebensmittel hin, die sich auch in hotels, pensionen, restaurants, raststätten... finden lassen müssen und womöglich einen regionalen ursprung haben. sechstens: es ist unwahrscheinlich, dass es einen einzigen räumlichen und engbegrenzten hot spot im sinne wie bspw. hamburger großmarkt o.ä. gibt. großmärkte sind als umschlags- und handelsplätze auch für regionale produkte natürlich verdächtig, aber wenn ich mich mal spekulativ über das einkaufsverhalten älterer (infizierter) damen auch in kleineren norddeutschen städten weitab von hamburg äußern darf, so sind diese dann doch eher auf (wenn vorhanden) wochenmärkten sowie in kleinen lebensmittelläden / kleinsupermärkten anzutreffen. das hängt nicht zuletzt mit den ländlichen infrastrukturen zusammen. und die beinhalten auch direkte lieferungen von regionalen erzeugern.

siebentens: und gerade diese älteren frauen schließen auch ursächlich eher aus, dass sich eine originäre quelle für den erreger direkt in hamburg finden lässt. dieser gedanke liegt zunächst nahe, wenn man sich klarmacht, dass hamburg ein großes einzugsgebiet - sagen wir mal einen umkreis von ca. 200 km - für pendler hat, die täglich kommen und gehen, gerade aus den oben dargestellten cluster-regionen. aber alte damen pendeln bekanntlich eher nicht jeden tag in großstädte. achtens: die focussierung auf gemüse ist nicht nachvollziehbar, vor allem nicht, wenn laut aussagen von ärzten etliche infizierte in den fraglichen zeiträumen bspw. gar keine gurken gegessen haben. ebenfalls sind bisher alle untersuchungen von regionalem gemüse in norddeutschland auf ehec ohne befund. tatsächlich essen jüngere frauen wahrscheinlich mehr salat als männer, aber wiederum ist gerade auf dem land der konsum von fleisch (und assoziierten produkten) immer noch die norm. und es erscheint ebenfalls nicht nachvollziehbar, warum in diesem fall praktisch von anfang an fleisch und milchprodukte als mögliche quelle(n) von vorneherein faktisch ausgeschlossen wurden.

kurzes zwischenfazit: ich würde also bevorzugt etwas regional produziertes suchen, was entweder auf dem acker oder feld kontakt mit fäkalien von kühen/rindern gehabt haben kann, oder direkt ein tierisches erzeugnis darstellt, bei welchem die kontamination dann eigentlich nur aus nachlässigkeit oder bewusster und krimineller ignoranz stattfindet. erst, wenn dabei nach abschluß aller möglichen ermittlungen nichts herauskommt, würde ich transportwege und -mittel als weitere möglichkeit in betracht ziehen.

und dabei springt einen in allen betroffenen norddeutschen regionen ein mögliches oberthema geradezu an.

*

5. aus scheiße gold machen - das (nicht nur norddeutsche) gülle-problem

das thema hätte eigentlich nicht nur einen eigenen artikel, sondern ein ganzes eigenes blog verdient. aber aufgrund des umfangs und der vielfältigen implikationen muss ich das stark straffen und verweise interessierte auf das selbst recherchieren. gülle ist selbst ohne einen möglichen bezug zu ehec ein ökologisches problem ersten ranges, und verweist gleichzeitig auf das unser verkorkstes verhältnis zur tierwelt.

es gibt noch ein weiteres "dreieck" hier im norden, welches allerdings nur inoffiziell mit seinem namen genannt wird - das "goldene gülle-dreieck" rund um cloppenburg und vechta im sog. oldenburgischen münsterland, im südwestlichen niedersachsen mit fließenden grenzen zum westfälischen. "golden" deshalb, weil die praxis der industrialisierten massentierhaltung - nicht nur schweine und in geringer zahl rinder, sondern auch geflügel - mit millionen von tieren in einem räumlich recht begrenzten gebiet nicht nur materiellen "wohlstand" für große teile der dortigen bevölkerung gebracht hat, sondern inzwischen auch die gesammelten und konzentrierten hinterlassenschaften
vergoldet werden:

(...) "Die Gegend ist flach und gepflegt: akkurat gepflasterte Dorfstraßen, saubere Fassaden. Die Felder nicht zu groß, gesäumt von Hainen, Sträuchern und Eichen. Dahinter stehen halb versteckt die Wahrzeichen der Region: langgezogene Baracken mit kleinen Fenstern und Kaminen. 39 Millionen Masthähnchen, Legehennen, Puten und Schweine leben darin. Jeder der 300.000 Einheimischen könnte 130 gefiederte und berüsselte Wesen um sich scharen; im bundesweiten Mittel kommen auf einen Bürger zwei sogenannte Nutztiere. Doch kaum jemand darf zu ihnen, selbst der Tierarzt nur im Notfall – groß ist die Angst vor Vogelgrippe und Schweinepest. (...)

Über 600.000 Kubikmeter überschüssigen Dünger pro Jahr karren „Güllebomber“ nun rund 100 Kilometer weit ins Umland. Edelhard Brinkmann, Geschäftsführer des Transportunternehmens Güllebank Weser-Ems, sagt, es müsste viel mehr exportiert werden. Weil niemand die Betriebe ordentlich kontrolliere, kippten sie mehr als erlaubt auf die eigenen Felder. So sparten sie Kosten. Die Spediteure werden von den abgebenden und den empfangenden Bauern bezahlt. Letztere freuen sich über die schwappende Fracht, seit die Preise für Kunstdünger steigen und sie die Fäkalien durch Schleppschläuche gezielt auftragen können. Dank dieser Technik stinkt es auch nicht mehr so bestialisch.

So wird aus Gülle Geld – umso mehr, seit sie sich gewinnbringend in Strom verwandeln lässt. Biogasanlangen sind das jüngste Glied in der agrartechnologischen Wertschöpfungskette. Drei große Hersteller haben sich hier angesiedelt und allein das Oldenburger Münsterland mit 100 Fermentern bestückt." (...)


die genannten "100 kilometer ins umland" reichen übrigens auch ins elbe-weser dreieck. in der region selbst sieht der alltag oft genug so aus, wie zufällig ausgewählte unfall- und polizeiberichte zeigen:
13.000 liter gülle nach traktorunfall ausgelaufen (2009); fahrer lässt über kilometer weit gülle auslaufen; abwässer einer tiermehlfabrik verschmutzen fluß (2011). wobei gerade letzteres in regionen mit hohem gülleaufkommen ein bundesweites problem darstellt und oft genug die ursache für kleinere und größere fischsterben ist (auch, wenn es in der letzten meldung nicht explizit um gülle geht - aber die industrialisierte tierhaltung und -verwertung produziert vielfältigste destruktive folgen).

aus schleswig-holstein kommt ein beitrag, der deutlich macht, dass auch dort die gülle schon längst ein problem darstellt und dazu einen möglichen bezug zum aktuellen ehec-ausbruch präsentiert - aus dem
januar 2011:

"Es stinkt zum Himmel. Immer mehr Bürger melden sich - teils anonym - beim NABU und haben nur eine Frage: Ist es erlaubt, dass Landwirte trotz gefrorenen Bodens und auch in der Nähe von Gewässern Gülle großflächig ausbringen? (...) Der Sachverhalt ist einfach geklärt, die Frage eindeutig zu beantworten. Nein - Gülle und gefrorener Boden passen auch rechtlich nicht zusammen.

Der seit Wochen andauernde Frost bringt Tiere haltende Landwirte mehr und mehr in Bedrängnis: Die bei der Haltung von Kühen und Schweinen anfallende Gülle darf nach der Düngeverordnung des Bundes zum Schutz der Gewässer bei gefrorenem Boden grundsätzlich nicht ausgebracht werden, um ein Ausschwemmen der das Wasser gefährdenden Inhaltsstoffe zu vermeiden. Doch die Güllebehälter der Landwirte sind nach dem frühen Winterbeginn jetzt vielfach randvoll. Selbst wenn die Temperaturen tagsüber ins Positive drehen, sind die Böden noch längst nicht aufgetaut, da manchmal in der Nacht weiterhin Bodenfrost zu erwarten ist. Zudem wurden bereits in den letzten Tagen mit starken Frösten größere Mengen Gülle ausgebracht." (...)


letzteres ist wie gesagt eigentlich - eigentlich - verboten. überhaupt: wann darf gülle wie auf welche felder? im konventionellen landbau wird nach aussagen von gemüsebauern gülle "höchstens" lange vor der aussaat zwecks nährstoffanreicherung auf die felder gebracht, und auch dann nur nach "gemessenem bedarf". auf wachsendes gemüse darf gülle überhaupt nicht ausgebracht werden, weil das u.a. den geschmack elementar und deutlich beeinflussen würde. im originären (also nicht die betriebe, die nur mit dem "eu-bio-siegel" hausieren gehen) bio-landbau hingegen dürfen tiere gar nicht unter umständen gehalten werden, die gülle überhaupt in nennenswerten mengen anfallen lassen (also in großer zahl und auf laufgittern, unter denen sich kanäle befinden, in denen alles, was von oben herunterfällt und -plätschert, gesammelt wird). hier wird lediglich mit mist gedüngt, und zwar auch niemals direkt auf gemüse, sondern auf brachliegende felder zur verbesserung der nährstoffsituation. wenn man davon ausgeht, dass hier auch der antibiotikaeinsatz entweder gar nicht oder aber nur in fällen von notwendiger veterinärmedizinischer indikation stattfindet, so ist es wahrscheinlich, dass derartige betriebe als originäre verursacher aus der verlosung sind.

für alle anderen gilt aber ein großes fragezeichen. bei den praktiken in der industrialisierten landwirtschaft, die voll der konkurrenz der globalisierung unterworfen ist, sind krankheiten bei mensch und tier nicht nur nichts besonderes, sondern sogar unausweichlich. nicht nur die ständig wiederkehrenden tierseuchen (trotz massivem antibiotikaeinsatz) bestätigen das, sondern bspw. auch ein artikel, der bereits 1999 unter der überschrift
Landluft macht krank u.a. festhielt:

(...) "Vor allem Kinder leiden unter den Emissionen der Massentierhaltung: Im "goldenen Gülledreieck" zwischen Cloppenburg und Vechta, der Region mit der größten Viehdichte Deutschlands, erkranken Kinder etwa doppelt so häufig an den Atemwegen wie in anderen Teilen des Bezirks Weser-Ems. Auch die Stadtkinder aus Hannover und Braunschweig leiden wesentlich seltener an Asthma und Allergien als ihre Altersgenossen vom Lande. (...)

Zwar sterben Bakterien außerhalb der feuchtwarmen Stallluft schnell ab. Ihre Toxine aber werden erst beim Zerfall der Mikroben frei und werden ebenso wie Viren, Pilze und deren Giftstoffe bis zu 50 Kilometer weit vom Wind getragen. Der Durchmesser dieser Partikel ist so winzig, dass sie - ähnlich wie Asbestfasern - bis in die kleinsten Lungenzipfel vordringen können." (...)


na, auch erst gestutzt beim letzten absatz? aber bitte keine schnellschüsse, es geht hier bakterien primär aus geflügelställen und nicht um ehec. nichtsdestotrotz machen diese dinge durchaus deutlich, dass uns wie soviele andere "zivilisatorische errungenschaften" die gesamte praxis der industrialisierten fabrikmässigen tierhaltung und landwirtschaft über kurz oder lang mächtig um die ohren fliegen wird - ehec könnte da nur eine besonders schrille und misstönende overtüre darstellen.

*

6. die mögliche verbindung - "biogas" aus gülle

zum letzten teil noch das: das ausbringen von gülle auf gefrorene oder auch wegen dürre ausgetrocknete böden hat zur folge, dass die bestandteile der gülle zwar eintrocknen, aber auf dem und nicht im boden. sie können daher auch nicht von den bodenbakterien verarbeitet werden (ein vorgang, der mögliche pathogene keime schon mal zu einem großen teil inaktiv macht), sondern bleiben trocken bis zur wachstumsphase an der oberfläche und geraten dann auch direkt mit pflanzenteilen in kontakt. und sollte es dazu noch auf diesen ausgetrockneten böden mal stürmen, wird die ganze pracht mit allen möglichen resistenten sporen oder sonstwie geschützten erregern als feinstaub in der luft verteilt. mit ein wenig phantasie ist ein solches geschehen auch im aktuellen fall denkbar.

aber zurück zum biogas: wenn man sich einmal betrachtet, wie so ein
fermentierer arbeitet, dann wird deutlich, dass sich kaum ein prachtvollerer brutreaktor auch für pathogene keime vorstellen lässt. gülle von diversen arten kommt mit pflanzlichen resten zusammen, wird ordentlich durchmixt und gärt zwischen 30° und 37° grad vor sich hin - ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es in diesem bakteriellen paradies erstens nicht zu allerlei spontanen mutationen kommt, die zweitens auch bei der vielzahl an tierischen fäkalien mit den vorhandenen antibiotikaresten auf ihre weise fertigwerden - nämlich resistent werden. wenn das material sozusagen fertig "verbrannt" ist, werden die festen - und weitgehend geruchsfreien - reste ebenfalls als begehrter dünger verwendet. incl. aller vorhandenen bakteriellen sporen und aktiven kulturen.

ich würde also ebenfalls mal genauer betrachten, ob und aus welchen biogasanlagen so ca. im letzten halben jahr verbreitet dünger ins elbe-weser-dreieck und nach schleswig-holstein geliefert worden ist. nur mal so als persönliche idee.

*

7. zum schluß noch ein kurzes wort nach spanien

liebe spanische produzenten, erstens sind die bedingungen, unter denen in der region
almeria produziert wird, in so ziemlich jeder hinsicht ein einziger großer skandal. zweitens haben ehec-bakterien auf gurken auch dann nichts verloren, wenn sie nicht zur offensichtlich spezifischen norddeutschen mutation klassifiziert werden können. und drittens ist die idee schlicht wahnsinnig und kriminell, bei dürre und wassermangel euer gemüse einfach mit abwässern zu versorgen. eure beschwerden sind deshalb ein höchst schlechter witz. vielen dank.

(*hinweis: aufgrund der bereits vorhandenen länge dieses beitrags packe ich updates in die kommentarsektion. bisherige updates: 1. 03.06.; 2. + 3. 05.06.; 4. 06.06.; 5. 08.06.; 6. 10.06.)

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