Mittwoch, 11. Januar 2012

notiz: tja...

...da hatte ich im letzten beitrag etwas verprochen, was ich dann nicht halten konnte - darum und aus weiteren gründen verzichte ich bis auf weiteres auf entsprechende ankündigungen. ich stelle nach ein paar monaten aktivität bei "echte demokratie jetzt" einfach fest, dass mich das zeitlich mehr "fesselt", als ich vorher dachte - zwei dazugekommene wöchentliche termine plus eine steigende zeit im zugehörigen forum neben meiner lohnarbeit lassen die arbeit am blog momentan etwas ins hintertreffen geraten, und dazu trägt dann auch mein immer noch vorhandenes angewiesensein auf öffentliche onlinezugänge sein scherflein bei - wobei: wenn letzteres anders wäre, hätte ich vermutlich schon länger mit den folgen von schlafmangel zu kämpfen...

nichtsdestotrotz wird es hier natürlich weitergehen, wenn auch wahrscheinlich die nächste zeit erstmal in größeren abständen. um Sie zwischenzeitlich trotzdem auf trab zu halten ;-), gibt´s in der folge ein wahres sammelsurium an links, die mir die letzten wochen aufgefallen sind - alles zu themen, die hier schon irgendwo und irgendwann angesprochen wurden und geeignet, um vieles zu vertiefen, aufzufrischen oder auch neu zu betrachten. ich wünsche einige anregende lesestunden!

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"Konformität - Wem gehört mein Leben?"

gut lesbarer artikel mit einem schwerpunkt der kritik am in dieser gesellschaft verbreiteten begriff der "individualität", die ja nicht nur meiner meinung nach keine ist - jedenfalls keine authentische -, sondern real eher auf vereinzelung hinausläuft, bei der dann mittels gesellschaftlich vorgegebener schablonen mittels konsum individualität simuliert wird.

(...) "Innerhalb bestimmter Vorgaben haben wir unendliche Bewegungsfreiheit. Wir dürfen entscheiden, ob wir blaue, rote oder weiße T-Shirts kaufen. In welcher Disco wir uns abends die Birne zuknallen. Ob wir am Ende unseres Lebens lieber ein traditionelles oder modernes Begräbnis haben wollen – wie uns derzeit die Hamburger U-Bahn-Werbung wieder erinnert. Und was ist mit dem Rest?" (...)

könnte sein, dass die ernsthafte beschäftigung mit dieser frage umstandslos zu depressionen führt.

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ein zusammenhang, der sich als verdacht schon länger aufdrängt:
"Kinder mit geringerem IQ neigen später eher zum Rassismus:

(...) "Wer als Zehnjähriger in Intelligenztests schlecht abschneidet, pflegt als Erwachsener eher rassistische Vorurteile, berichten Psychologen um Gordon Hodson von der Brock University in Kanada (Psychological Science, online).

Rechts-konservative politische Anschauungen spielten dabei die Rolle als Katalysator, argumentieren die Psychologen: Menschen mit geringeren kognitiven Fähigkeiten neigten eher politischen Meinungen vom rechten Rand zu, "weil diese Stabilität und Ordnung im psychologischen Sinne bieten". Da diese Ideologien den Erhalt des Status quo betonten, förderten sie Vorurteile gegen andere soziale Gruppen, die diesen vermeintlich gefährdeten. Die Psychologen analysierten Daten aus zwei Langzeitstudien mit etwa 16.000 Briten.

In einer zweiten Studie untersuchten die Psychologen die Einstellung von etwa 250 US-Studenten zur Homosexualität. Je geringer die Fähigkeit der Probanden zu abstraktem Denken war, desto heftiger fiel auch die Ablehnung gegen Homosexuelle aus." (...)


wobei ich sagen muss, dass ich die ergebnisse erstens nicht überraschend finde, zweitens aber die betonung / focussierung auf die primär kognitiven (instrumentell-analytischen) fähigkeiten ihrerseits für einen denkfehler. es wäre aufschlussreicher, wenn hier nicht nur der "intelligenzquotient" beforscht worden wäre, sondern vor allem der jeweilige psychophysische status der probanden in verbindung mit ihrer sozioökonomischen situation. "kognitive defizite" können ( nicht müssen) symptome für traumatische biographien sein; ebenso (und oft genug in verbindung damit) für ökonomische armut, die wiederum stark verdächtig ist, direkt auf die
frühkindliche (hirn-)entwicklung negativ einzuwirken. immer noch ist die etablierte wissenschaft so ziemlich aller bereiche im netz ihrer eigenen dissoziierung ("fachidiotentum") gefangen. würde sie sich darüber hinausentwickeln (einzelne tun das durchaus), müsste sie quasi sofort zu einer analyse der heutigen sozialen verhältnisse kommen, die in ihrer radikalität kaum vorstellbar wäre - es wäre eine vernichtende analyse. ansätze dazu finden sich zaghaft übrigens u.a. in den neurowissenschaften.

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stichwort dissziation:
"Bin ich viele?" . ein text, der einen ganz brauchbaren überblick zum aktuellen status der diagnose "dissoziative persönlichkeitsstörung" liefert:

(...) "Unter extremer Belastung könne der Mensch Gefühl und Verstand voneinander trennen. Er könne Teile seines Gedächtnisses, seiner Wahrnehmung oder seines Identitätsgefühls von seinem Bewusstsein abspalten. Doch heute seien diese Symptome weniger stark ausgeprägt als früher, zum einen, weil der Umgang mit Missbrauch und Misshandlungen offener geworden ist: "Die Patienten sind eher bereit über solche Erfahrungen zu sprechen, damit gelingt die Integration der abgespaltenen Funktionen leichter." Zum anderen auch, weil Therapeuten heute mehr Erfahrungen mit dissoziativen Störungen haben. (...)

als jemand, der bereits jahrzehntelang mit einem dissoziierten ("multiplen") menschen sehr gut befreundet ist, kann ich sowohl die existenz als auch den teils skandalösen umgang mit diesem phänomen seitens großer teile der medizinischen zunft bestätigen. und es ist typisch, das im gegensatz zu anderen, wesentlich zweifelhafteren diagnostischen modellen gerade dieses regelrecht zur anerkennung durchgekämpft werden musste. zu einer spezifischen und primär körperlichen variante von dissoziationen siehe übrigens
diesen beitrag hier von neulich.

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das thema mafia - als synonym für eine global verbreitete form hoher strukturierter organisierter kriminalität - gehört ja aus gründen zu den inhaltlichen dauerbrennern hier. und das folgende passt darum nicht nur in den kontext "wirtschaftskrise":
"Mafia ist Italiens solideste Bank":

(...) "Das organisierte Verbrechen kann mit einer Liquidität von 65 Milliarden Euro rechnen, so viel wie kein Geldhaus im Stiefelstaat, geht aus dem Jahresbericht des Kaufleuteverbands Confesercenti hervor. "In dieser Krisenphase ist die Mafia AG die einzige Struktur, die über liquide Mittel für Investitionen verfügt", warnte Confesercenti-Präsident Marco Venturi.

Die Mafia nutze die Krise aus, um immer tiefer in das Wirtschaftssystem in Nord- und Mittelitalien einzudringen. Das organisierte Verbrechen sei Italiens Unternehmen mit dem höchsten Umsatz. Wie aus der Studie hervorgeht, steht die Kriminalität in dem Mittelmeerland mit 140 Milliarden Euro Umsatz für sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Der Jahresbericht von Confesercenti nannte illegale Müllentsorgung, Schutzgelderpressung, illegalen Geldverleih, Diebstahl, Betrug und Schmuggel als Hauptgeschäftsbereiche der kriminellen Organisationen.

Die Mafia dringe jedoch auch immer tiefer in den Verkehrs- und Logistikbereich sowie in die Glücksspielbrache und in den Sport ein." (...)


da muss ich dann nochmal ein "tja!" hinterherschieben.

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vor einigen wochen hatte ich "occupy nigeria!" angekündigt - pläne von gewerkschaften und anderen gesellschaftlichen gruppen, gegen die streichung der subventionierung von benzin für die bevölkerung dort mittels taktiken und bezugnahme auf die globale occupy-bewegung anzugehen. sie haben sich dort an ihren zeitplan gehalten; seit letzten montag kommt es zu diversen aktionen und teils militanten massenprotesten, die hierzulande fast völlig im medialen rauschen um die islamistischen anschläge in nordnigeria untergehen - darum hier eine mediale ausnahme, weil sich die zustände dort inzwischen in die richtung eines
unerklärten generalstreiks entwickeln:

(...) "Während des landesweiten Streiks in Nigeria gegen die stark gestiegenen Benzinpreise hat die Polizei am Montag nach Gewerkschaftsangaben einen Demonstranten erschossen. Der Vorfall habe sich in der Wirtschaftsmetropole Lagos ereignet, teilte der Vorsitzende des Nigeria Labour Congress (NLC), Abdulwahed Omar, mit. In der nördlichen Stadt Kano gab es laut Rotem Kreuz bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizisten mindestens 14 Verletzte, davon sieben mit Schusswunden. (...)

Ein AFP-Reporter berichtete aus Kano, die Polizei habe in die Luft geschossen und Tränengas eingesetzt, als tausende Demonstranten versuchten, das Büro des Gouverneurs zu stürmen. Einige Demonstranten setzten zwei Fahrzeuge in Brand und versuchten, das Haus von Zentralbankgouverneur Lamudi Sanusi anzuzünden, wurden aber von der Polizei daran gehindert. (...)

Es wird erwartet, dass nicht nur Angestellte der Ölindustrie, sondern auch Mitarbeiter zahlreicher anderer Branchen die Arbeit niederlegen werden. Der britische Sender BBC berichtete, dass sich unter anderem auch Anwälte und Studenten an den Protesten beteiligen wollten. Wie lange der Streik dauern wird, war zunächst offen. Obwohl der Krisenstaat das größte Öl-Förderland Afrikas ist, leben die meisten Menschen weiter in bitterster Armut." (...)


im prinzip auch ein streik gegen
"shell" (ganz nach unten im beitrag scrollen). die proteste werden übrigens nicht nur in den usa wahrgenommen.

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überhaupt occupy / democracia real ya!: lassen Sie sich nicht vom abflauen des medialen hypes täuschen - in sehr vielen ländern sind seit dem letzten herbst arbeits- und tragfähige strukturen entstanden, die sich allesamt auf ein turbulentes und womögliches entscheidendes jahr 2012 vorbereiten. ich werde den letztens angekündigten beitrag zu meinen eigenen erfahrungen noch nachreichen; für den moment ist es für leserInnen in diesem land vielleicht am interessantesten, sich jetzt schon mit einigen terminen des frühjahrs vertraut zu machen. ganz nah ist bereits der
15. januar - der kommende sonntag stellt weltweit für die diversen occupy-bewegungen den start ins jahr dar. der 31. märz wurde nicht aus dem occupy-umfeld initiiert, was aber erstens nichts macht und zweitens auch niemanden von der teilnahme abhalten soll und wird. der european day of action against capitalism wird bisher von linken gruppen und basisgewerkschaften aus d-land, griechenland, spanien, polen und österreich getragen und soll die erste - logische -aktion des jahres werden, die die zwar zunehmende und nötige, aber immer noch unzureichende vernetzung des europäischen widerstands gegen die aufdiktierten krisenmaßnahmen bündelt und ausdrückt.

mit ähnlichen intentionen wird gleichzeitig bereits der
15. mai vorbereitet. als zentrales datum der spanischen bewegung "m-15" anlaß für "jubiläumsfeiern" größeren ausmaßes:

"...seit 2011 findet die Krise ihren Widerhall endlich auch in einer Vielzahl von Assambleas und Besetzungen weltweit: Tunis, Kairo, Madrid, Barcelona, Tel Aviv, Athen, New York, Oakland... Seit Monaten belagern Zelte der occupy-Bewegung auch die EZB in Frankfurt. Den Finanzplatz Frankfurt im Visier zu behalten, ist von entscheidender Bedeutung: hier trifft sich die Troika von EZB, IWF und EU-Kommission, hier wird ausgehandelt, was die deutsche Bundesregierung und ihre Verbündeten europaweit durchsetzen wollen.

Deshalb wollen wir mit einer europaweiten Mobilisierung nach Frankfurt ein unübersehbares Zeichen der internationalen Solidarität und des antikapitalistischen Widerstandes setzen. Wir wollen zeigen, dass auch in Deutschland, dem Herzen der Bestie der europäischen Krise, keine Ruhe mehr herrscht. Wir wollen zeigen, dass sich die Bewegungen in Europa nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern den Kampf gegen die Kürzungsdiktate der Troika gemeinsam führen. Wir wollen zeigen, dass handzahmer Protest gegen die sozialen Angriffe nicht ausreichend ist, sondern dass es europaweit massenhaften und entschlossenen Widerstand geben muss.

Deshalb rufen wir zu ungehorsamen Massenaktionen im Mai auf: Machen wir Frankfurt dicht, blockieren wir den Verkehr, die Banken, die ganze Stadt. Unterbrechen wir das Geschäft derer, die uns für ihre Krise in Haft nehmen wollen ..."


occupy usa mobilisiert dazu noch für den 29. februar (doch, den gibt´s dieses jahr) für einen us-weiten aktionstag unter dem motto...


shut down the corporations

shutdown the corporations. es wird also keinerlei große pausen geben, schon deshalb nicht, weil sich trotz solcher (nötigen) internationaler großaktionen die wichtigste arbeit im alltäglichen abspielt, in den camps, virtuellen und realen foren und asambleas der bewegung. aber zu letzterem wie gesagt in einem der nächsten beiträge mehr.

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