assoziation: wenn die masken fallen - und weiteres zum (nicht nur) *schrecklichen gelächter* (2)

(eigentlich war das folgende als update zu diesem beitrag gedacht (falls Sie ihn noch nicht gelesen haben sollten, tun Sie es für Ihr eigenes verständnis jetzt) - dann wurde es lang und länger, und hätte zusammen mit dem ersten teil vermutlich den platz gesprengt. so wird das also ein eigener zweiter teil, mit dem ich das gewisse lachen dann auch erstmal wieder verbannen möchte).

*

wie schon öfter, so haben auch die verschiedenen aspekte dieses beitrags (teil 1) es vermocht, zunächst noch eher nebelhafte erinnerungen bei mir anzustoßen, die sich dann vor ein paar tagen geklärt haben - zum schrecklichen gelächter nun ein paar gedanken von klaus theweleit und kate millet. zunächst zitiert theweleit ausgiebig rigoberta menchú, die von einem vorfall in einer indigenen siedlung in guatemala anfang der 1980er jahre berichtet:

"Das Militär ist da. Das ganze Dorf ist zum Antreten befohlen, damit es eine Ansprache `des Offiziers´ entgegennehme. Der Hauptmann hat vor, eine Lehrstunde abzuhalten über gefangene `Guerilleros´ und eine Demonstration, was mit denen geschieht, die sich mit der Guerilla einlassen."(...)

(dieses und alle folgenden zitate aus: klaus theweleit, "das land, das ausland heißt"; dtv, münchen 1995; isbn 3-423-30449-9; s. 50 - 53)


die soldaten hatten gefolterte gefangene mitgebracht, deren schicksal immer wieder während der mehrstündigen ansprache als abschreckendes beispiel angeführt wurde:

"Allen Gefolterten gemeinsam war, daß sie keine Fingernägel mehr hatten und daß man ihnen Teile der Fußsohlen abgeschnitten hatte. (...)

Der Offizier fing wieder mit seiner Rede an und sagte, daß wir uns mit dem zufrieden geben müßten, was wir hätten, uns damit begnügen müßten, unsere Tortillas mit Chili zu essen, und uns nicht von kommunistischen Ideen fortreißen lassen dürften."(...)


der kommunismus war damals ein synonym für terrorismus - der letztere hat bekanntlich als schreckgespenst überdauert.

ich möchte die weiteren grausamen einzelheiten des geschehens hier überspringen und gleich zum "höhepunkt" dieser tatsächlichen machtdemonstration kommen:

"Dann befahl der Offizier, die nackten, geschwollenen Mißhandelten an eine Stelle zu bringen, von der aus das ganze Volk sie sehen konnte. Sie wurden hingeschleift, weil sie nicht mehr gehen konnten. Dann rief er die schlimmsten aller Verbrecher, die Kaibiles. Sie tragen eine andere Uniform als die normalen Soldaten. Sie sind besonders ausgebildet und werden zur Guerillabekämpfung eingesetzt. Er rief also die Kaibiles, und sie fingen an, die Gefolterten mit Benzin zu übergießen. (...)

Dann zündeten sie jeden einzelnen an. Viele riefen um Hilfe. Als sie so da standen, schienen sie mehr tot als lebendig, aber als die Körper Feuer fingen, riefen sie um Hilfe. Einige schrien, andere sprangen und hatten keine Stimmen mehr. Das Feuer nahm ihnen sofort den Atem.

Das Volk kochte vor Zorn. Es war unglaublich; einige hatten zwar ihre Macheten dabei, die meisten aber waren völlig unbewaffnet, und doch wollten alle sofort losschlagen, als sie sahen, daß die Soldaten Feuer legten. Sie wollten ihr Leben einsetzen, trotz all der Waffen."


(nebenbei gesagt, und besonders all jenen antisozialen ignoranten ins stammbuch geschrieben, die den "freien westen" mit seiner "demokratie" achso toll finden: das obige - wie auch viele, viele weitere, ähnliche ereignisse in vielen ländern - geschah ersten im namen dieses "freien westens", zweitens letztlich mit wissen und unter kontrolle des letzteren - und zwar in gestalt der damaligen us-administration (reagans amtszeit, zu dem herrn komme ich gleich nochmal); und drittens können Sie getrost davon ausgehen, dass die damaligen verantwortlichen - gerade der höheren grade - bis heute noch frei herumlaufen.)

nun aber die stelle, die für das thema dieses beitrags besonders aufschlußreich ist:

"Die Armee merkte, daß die Leute wütend waren, und der Hauptmann gab den Befehl zum Rückzug. Die Soldaten zogen sich mit den Waffen in der Hand zurück und brüllten Parolen wie auf einer Fiesta.

Ihnen machte es Spaß. Sie lachten und riefen: `Viva la Patria! Viva Guatemala! Es lebe der Präsident! Es lebe die Armee!"(...)


"sie lachten" also mal wieder - theweleit macht sich anschließend an den versuch, aus seiner perspektive - die ich hier nicht weiter kommentieren möchte, weil damit ein ganzes, v.a. psychoanalytisch inspiriertes, gedankengebäude verbunden ist - das geschehen zu verstehen. einige auszüge:

"In ihrem Buch `Entmenschlicht. Versuch über die Folter´ schreibt Kate Millet: (...)`Die Folter wird heute in einem Maße praktiziert, das die Welt bisher noch nie gekannt hat und das selbst die Jahrhunderte der Inquisition in den Schatten stellt´ (...); und das, obwohl die Folter in allen Verfassungen aller Länder offiziell verboten ist. Ein merkwürdiger Widerspruch. Was hat es auf sich mit diesem `Verbot´? Ich glaube, der Bericht von Rigoberta Menchú gibt eine Antwort auf diese Frage:

Warum schießen die Soldaten nicht in die aufgebrachte Menge, die sich anschickt, sie anzugreifen? Es wäre ein leichtes...sie tun es auch sonst ohne Umstände. Aber nicht in diesem Moment...es würde ihn zerstören...sie genießen das Produkt ihres Mordtheaters: sich selbst als Teil einer übergeordneten Macht, die dies alles erlaubt...sie handeln aus dem Zentrum des Gesetzes heraus. Der Kern der Aktion ist die *erlaubte Übertretung ins Verbrecherische*...eine Befreiung...und diese feiern sie mit ihrem Gelächter...es ist Fiesta...(...)

Unser Impuls, das mit Begriffen wie `Satanismus´ oder `Sadismus´ zu belegen, ist so richtig (an der Oberfläche unserer Empörung) wie falsch zur Bezeichnung dessen, was tatsächlich geschieht: Dies schreckliche `Lachen´ ist mir aufgefallen in so vielen Berichten von Folterungen. Berichten, die die Folterer selbst gegeben haben oder Berichten von Augenzeugen von Folterungen. Nur in den Berichten von Überlebenden der Folter fehlt es. Sie haben diesen Moment des `Freudenausbruchs´ des Folterers nicht erlebt; sie waren schon bewußtlos, von Schmerz überwältigt, ausgelöscht in der Wahrnehmung, wenn das `erlösende Lachen´ eintrat bei ihrem Quäler, und die meisten, die davon hätten berichten können, sind tot.

Der Gequälte kann den psychophysischen Vorgang beim Folterer nicht bis zu `seinem Ende´ sehen. Auf ganz andere Weise erlebt aber auch der Folterer die Qual und das Sterben der Opfer nicht. Er ist mit seinem hocherregten Körper und mit seiner Wahrnehmung ganz woanders, er ist absorbiert von seinem eigenen Wachstum, vom Durchbruch in den neuen riesigen Körper, den er hier enthält: Körper einer männlichen Gewaltinstitution, die all dies absegnet, gutheißt, die ihn erhebt für das, was er tut, ihn bezahlt, ihn belohnt."


ich möchte mal den versuch wagen, das obige mit meinen eigenen überlegungen zur folter hier (ziemlich weit unten) zu verbinden bzw. zu ergänzen: der "körper" der institution ist nicht nur metaphorisch von der qualität einer halluzination, also ein produkt des objektivistischen modus - da der folterer zwingend nur im zustand einer extremen wahrnehmungsreduktion überhaupt foltern kann, wird er von seinem psychophysischen defektzustand dahin gebracht, das "angebot" der macht auf "teilhabe" und vor allem sicherheit anzunehmen - eine kompensation realer beziehungsunfähigkeiten massiver art, die der gleichgültige objektivistische modus als werkzeug in eine pseudobeziehung mit den jeweiligen machtinstitutionen verwandelt. und das eine derartige verwandlung u.u. eine art irrer `freude´ auslösen kann - und das dazugehörende gelächter - scheint mir durchaus eine realistische möglichkeit zu sein.

einen weiteren aspekt finde ich ebenfalls ziemlich interessant:

"Kate Millet betont in ihrem Buch immer wieder, daß die Folter nicht im `Illegalen´ passiert, sondern streng staatlich geregelt ist. Die Folter kommt aus dem Zentrum der offiziellen staatlichen Macht, bezeichnet aber einen Umschlagspunkt dieser Macht, den Umschlag ins Kriminelle:

`Das Vorbild ist nicht die Ethik des Kriegers oder des Offiziers, sondern die Mafia, die Kriminalität. Aber es ist eine hochtechnisierte und hochentwickelte kriminelle Gewalt, die alle Vorteile der Verbindung mit der Regierungsmacht auf ihrer Seite hat: Ihr technisches Kernstück ist das große Kommunikationszentrum im Nationalpalast, wo alle Geheimdienstinformationen koordiniert und die Befehle für die Todesschwadronen ausgegeben werden.´

`...denn das Wesen der Folter ist ihre bewußte Grausamkeit, ihre gewollte Unmoral, ihre willentliche Ungerechtigkeit. Ein höhnisches Lachen."


wobei ich finde, dass es auch mit der "ethik des kriegers oder offiziers" im zweifelsfall nicht so weit her ist, da es sich ebenfalls um ein objektivistisches konstrukt handelt. aber die herausarbeitung einer - wieder einmal! - fließenden grenze zur hochorganisierten (staatlichen) kriminalität mit offen terroristischen zügen (und hier ist das wort terror einmal wirklich angebracht) finde ich denn doch ebenso bemerkenswert wie schwer beunruhigend.

*

im ersten teil dieses beitrags hatte ich mit ronald reagan begonnen, und der kreis schließt sich jetzt sozusagen, wenn ich auch mit ihm ende - und mit einem ganz besonderen lachen, welches sich von den bisher erwähnten beispielen doch um einiges unterscheidet. zunächst aber ein paar informationen zu einer ganz bestimmten neurologischen störung:

"Aphasie ist eine Störung, bei der der Patient die Bedeutung von Wörtern nicht mehr erkennen kann, obwohl er sie akustisch hört. Man kann aber nachweisen, daß solche Patienten verstehen können, was ihnen gesagt wird, wenn die Signale, die normalerweise das Sprechen begleiten, vorhanden sind: Ton und Tonfall der Stimme, die Art der Betonung, Gesichtsausdruck, Gestik, Körperhaltung. Sie werden über das vegetative Nervensystem und die propriozeptiven Bahnen, die die Tiefensensibilität der Muskeln übertragen, vermittelt. Diese Tiefensensibilität ist auch Teil unserer empathischen Wahrnehmungen."

(dieses und alle folgenden zitate: arno gruen, "der wahnsinn der normalität"; siehe literaturliste; s. 64/65)


Sie erinnern sich vielleicht - die propriozeptive wahrnehmung, besonders ihre möglichen schädigungen, hat hier schon öfter eine rolle gespielt.

"Sprachliche Kommunikation besteht also nicht nur aus Wörtern; sie ist eingebettet in Ausdrucksformen jenseits des rein Verbalen. Die Wahrnehmung dafür ist bei aphasischen Menschen besonders stark ausgeprägt.

`Emotional stark aufgeladenen Äußerungen können´, wie Oliver Sacks schreibt, `vollständig verstanden werden, auch wenn kein Wort in seiner richtigen Bedeutung getroffen wird... Ich hatte - wie jeder, der mit Aphasikern arbeitet - manchmal das Gefühl, daß man Aphasiker nicht belügen kann. Sie erkennen die Wörter nicht, also kann man sie auch nicht mit Wörtern täuschen; aber sie erfassen mit unfehlbarer Sicherheit die Ausdrucksweise, die die Wörter begleitet, und dies so treffend, spontan und unabsichtlich, wie es nie vorgetäuscht werden könnte, was mit Wörtern allein nur allzu leicht möglich ist.´

Dies zeigt deutlich, daß wir uns beim Erlernen der Sprache nicht nur Kultur aneignen, sondern auch Denkschablonen übernehmen, die uns der Gesellschaft anpassen und unsere Wahrnehmungen verzerren. Entsprechend beseitigt eine sprachliche Hemmung durch einen Gehirnschaden auch die Hemmung unserer früher vorhandenen elementaren Wahrnehmungsmöglichkeiten, also unserer empathischen Fähigkeiten, die mit dem Spracherwerb zurückgedrängt wurden."


dies zur nötigen einführung für das folgende - und für alle, die sich schon die ganze zeit fragen, was zum teufel aphasie, gelächter und reagan miteinander zu tun haben, kommt nun die auflösung - und zwar eine auflösung, die bei mir beim ersten mal für schiere verblüffung, gefolgt von einem "warum wunder ich mich eigentlich so?", gesorgt hat - bitte sehr:

"Oliver Sacks erzählt nun, daß ihm, als er einmal die Abteilung mit den Aphasikern betrat, großes Gelächter entgegenschallte. Die Patienten sahen gerade den Beginn einer Fernsehansprache von Präsident Reagan und waren begierig, sie weiter zu sehen. `Sie sahen den alten Charmeur, den als Schauspieler geübten Redner, sein theatralisches Talent, seine emotionale Ausstrahlung - und die Patienten bogen sich vor Lachen...Der Präsident wird gewöhnlich als eindrucksvoller Redner anerkannt - aber bei den Patienten erregte er ganz offensichtlich nur Gelächter...*Man lügt wohl mit dem Mund*, schrieb Nietzsche, *aber mit dem Maule, das man dabei macht, sagt man doch die Wahrheit.*

Auf Grimassen, auf Falsches oder Unrichtiges im Auftreten oder in der Körperhaltung reagieren Aphasiker mit außergewöhnlicher Sensibilität. Und wenn sie den Sprechenden - dies gilt besonders für blinde Aphasiker - nicht sehen können, haben sie ein untrügbares Ohr für jede akustische Nuance, den Ton, den Rhyrthmus, die Stimmführung, die Musik, für subtile Modulationen und Intonationen, die der menschlichen Stimme Überzeugung geben oder nehmen. Was echt und was unecht ist, können sie auf diese Weise erkennen, ohne die Bedeutung der Wörter zu verstehen. Die Grimassen, das Theatralische, die Gesten und vor allem Ton und Stimmführung des Präsidenten wirkten auf diese wörterlosen, aber hochsensiblen Patienten vorgetäuscht. Sie reagierten auf die eklatanten, ja grotesken Ungereimtheiten und Unaufrichtigkeiten. Sie ließen sich nicht irreführen und waren nicht irrezuführen durch Wörter...Deshalb lachten sie über die Ansprache des Präsidenten.´


tja. was bleibt da eigentlich noch hinzuzufügen? für unsere wahrnehmungsfähigkeiten im allgemeinen stellt diese episode absolut kein gutes zeugnis aus - ich kann mich selbst noch an die allgemeine bewunderung für reagans auftreten nicht nur in den usa erinnern. und im zusammenhang mit dem (biographischen) material, welches lloyd deMause zu reagan und seiner präsidentschaft zusammengetragen hat, wird eher das bild einer schwer geschädigten (u.a. durch eine traumatische kindheit) und die grenze zum offen kriminellen handeln sehr oft überschreitenden antisozialen persönlichkeit mit stark simulativen zügen sichtbar - und das dürfte tatsächlich der authentischen realität eher entsprechen, als alle (posthume) bewunderung für den "alten charmeur".

vielleicht sollten wir einfach fordern, dass jegliche personen innerhalb der sog. "eliten" von aphasikern auf ihre simulativen züge hin überprüft werden? ich fürchte nur, es wäre des gelächters kein ende...

"Damit erhebt sich die Frage, ob es diesen Patienten möglich gewesen wäre, zu ihrer tieferen Wahrnehmung vorzudringen, wenn sie keinen Gehirnschaden gehabt hätten. Es haben alle Menschen empfindungsfähige Wurzeln (bis auf die bereits entsprechend strukturell pränatal geschädigten, anmerk. mo), sie unterscheiden sich jedoch im Grad der Bewußtheit. Da aber der Spracherwerb Teil jenes Prozesses ist, in dessen Verlauf wir die Verbindung zu unserer Empfindungsfähigkeit verlieren, lassen wir uns meistens von äußeren Erscheinungsformen in die Irre führen. Entsprechend folgerte Sacks:

`So listig wurden täuschende Wörter eingesetzt, kombiniert mit täuschender Stimme, daß nur Gehirngeschädigte nicht getäuscht werden konnten´.


wir haben´s wahrlich weit gebracht mit dieser "zivilisation".
archenoe - 30. Okt, 16:54

Das "perfekte Böse"

Danke!

Du schreibst: "...da der folterer zwingend nur im zustand einer extremen wahrnehmungsreduktion überhaupt foltern kann, wird er von seinem psychophysischen defektzustand dahin gebracht, das "angebot" der macht auf "teilhabe" und vor allem sicherheit anzunehmen ..."

Frage: Könnte es nicht sein, dass der Folterer gerade in einem Zustand der extremen Wahrnehmungsschärfung die Foltermacht ausagiert? Könnte es nicht sein, dass der psychophysische Zustand des Folterers keinen Defekt indiziert, sondern exakt gegenteilig perfektes Funktionieren darstellt, so dass gleichzeitig (in eins fallend) der Folterer als Instrument der übergeordneten Mächte und als (Selbst-)Befriedigungskörper fungiert? Sozusagen das "perfekte Böse"?

Könnte es sein, dass "wir" angstgefüllt den letzten Schritt der Analyse nicht wagen, weil wir die Erkenntnis nicht aushalten wollen, ein Mensch könne ohne einen Defekt das "perfekte Böse" sein?

Falls es so ist, müssten "wir" die "Täter" noch viel differenzierter, als "wir" es ohnehin versuchen, betrachten und analysieren, weil der von "uns" nicht gewollte und sich dem Verstehen möglicherweise entziehende "Fall" des "perfekten Bösen" zu all den Defektvarianten hinzukäme. Falls es so ist, müssten "wir" erst einmal Willen und Mut aufbauen, um "uns" mit solchen Überlegungen überhaupt beschäftigen zu können. Außerdem müssten "wir" auch das radikal psychophysisch und (!) gesellschaftlich denken und nicht etwa das "perfekte Böse" als angeblich genetisch Vorprogrammiertes in einem letzten Rettungsversuch für "unser Seelenheil" aus der "normalen Menschlichkeit" ausschließen wollen.

Bedrückt.

monoma - 6. Nov, 14:31

so, eine etwas verspätete antwort, die mir aber wichtig ist:

"Frage: Könnte es nicht sein, dass der Folterer gerade in einem Zustand der extremen Wahrnehmungsschärfung die Foltermacht ausagiert? Könnte es nicht sein, dass der psychophysische Zustand des Folterers keinen Defekt indiziert, sondern exakt gegenteilig perfektes Funktionieren darstellt, so dass gleichzeitig (in eins fallend) der Folterer als Instrument der übergeordneten Mächte und als (Selbst-)Befriedigungskörper fungiert? Sozusagen das "perfekte Böse"?

dazu fallen mir vor allem zwei aspekte ein: erstens wird mir viel zuwenig darüber nachgedacht, dass das "böse" v.a. eine bestimmte wahrnehmungsposition darstellt, die ich für mich gerne mit der ekelwahrnehmung vergleiche: letztere lässt sich ja so interpretieren, dass sie dem selbstschutz - bspw. vor verdorbener und schädlicher nahrung - dient. das wäre hinsichtlich der nichtmenschlichen umwelt eine sinnvolle funktion.

und auch in dieser kategorie würde ich bspw. als "böse" empfundene krankheiten empfinden - rein "sachlich" lässt sich einem hiv-erreger zb. nicht wirklich "bösartigkeit" im gewollten sinne unterstellen, aber die wahrnehmung "böse" gibt uns erstens informationen über unsere position dazu, und stellt dazu auch eine art alarmsignal dar.

wie lässt sich das nun auf die zwischenmenschliche beziehungswelt übertragen, in der sowohl bösartigkeit als auch ekel ebenfalls als wahrnehmungen vorkommen? ich denke, dass sie dort prinzipiell ähnliche funktionen wie in der auseinandersetzung mit der nichtmenschlichen welt erfüllen - aber das sie hier wie da sozusagen auch "verzerrt" auftreten können, in der hinsicht nämlich, dass sie bei reduktionistischen wahrnehmungsprozessen zu sehr dominieren können, was auf ein insgesamt gestörtes inneres gleichgewicht hindeutet. wenn mir andere "böse" vorkommen, dann steckt da meist mindestens eine weitere information dahinter, die aber bei der erwähnten dominanz nicht mehr decodiert werden kann - und dementsprechend kann diese wahrnehmung auch nicht mehr angemessen verarbeitet werden in dem sinne bspw., dass es - und damit komme ich zum zweiten punkt - für jegliches, als bösartig wahrgenommenes verhalten von menschen, immer (!) auch gründe gibt - und damit verliert der begriff dann seine quasi metaphysische dimension - die mir bei dir erstaunlicherweise aufscheint - und wird sozusagen auf seinen rechten platz gerückt.

"Könnte es sein, dass "wir" angstgefüllt den letzten Schritt der Analyse nicht wagen, weil wir die Erkenntnis nicht aushalten wollen, ein Mensch könne ohne einen Defekt das "perfekte Böse" sein?"

ich meine: nein.

die wahrnehmung von bösartigkeit verweist imo immer auf defizite/defekte/schäden, die hinter den entsprechend wahrgenommenen handlungen stehen. ich halte das nicht für anders möglich, wenn ich die uns bestimmenden psychophysischen gesetze berücksichtige.

*ächz* ich schreibe gerade mit einem ziemlich brummschädel (nein, keine alkoholbedingte beeinträchtigung) und komme mir leicht "grippig" vor. daher kriege ich meine gedanken nicht so auf den punkt, wie ich das eigentlich möchte. ich würde eigentlich gerne noch was zur relativität dessen schreiben, was als böse jeweils wahrgenommen wird - ein nazi zb. würde andere sachen als böse empfinden als *wir* -aber das bekomme ich grad nicht so recht hin. ich hoffe aber, dass oben meine position dazu etwas deutlicher geworden ist.
Wednesday - 30. Okt, 18:41

Über den Prozeß der Zivilisation

sansculotte (Gast) - 31. Okt, 14:40

Wie im Großen so im Kleinen

Hervorragender Beitrag. Hat bei mir sehr viel Überlegenswertes hinterlassen. Z.B. der Absatz, der die Bindung des Folterers zur Herrschaft beschreibt;
" - da der folterer zwingend nur im zustand einer extremen wahrnehmungsreduktion überhaupt foltern kann, wird er von seinem psychophysischen defektzustand dahin gebracht, das "angebot" der macht auf "teilhabe" und vor allem sicherheit anzunehmen - eine kompensation realer beziehungsunfähigkeiten massiver art, die der gleichgültige objektivistische modus als werkzeug in eine pseudobeziehung mit den jeweiligen machtinstitutionen verwandelt."

Besser kann man's nicht ausdrücken. Mir sind dabei "Familienbande" eingefallen: ist es nicht auch so, dass sehr viele Menschen ihre realen Beziehungsbeeinträchtigungen kompensieren, indem sie etwa das Angebot der Familie, einer gößeren Institution und Herrschaftsordnung also, auf Teilhabe und "Geborgenheit" unter Aussicht auf "stützende" Pseudobeziehungen bereitwillig annehmen? Und was bedeutet es, wenn genau die Institution, die die Deformation verursacht, auch das "Hilfsangebot" bereitstellt?

gruß, s

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