notiz: kevin - oder wenn verdinglichung, ökonomische logik und konstruierte "sachzwänge" zur tödlichen waffe werden

was seit bekanntwerden der geschichte des getöteten kindes immer wieder vermutet worden war (und ebenso regelmäßig von den involvierten "führungspersonen" der bremischen politik abgestritten wurde), ist jetzt durch eine aussage eines ehemals leitenden beamten vor dem entsprechenden untersuchungsausschuß bekräftigt worden - das gesamte statement ist hier zu finden, ich möchte nur ein paar kernaussagen wiedergeben - "AfSD" ist übrigens das kürzel für "amt für soziale dienste":

(...)"Ich wollte ihre Aufmerksamkeit auf institutionelle, atmosphärische und fachliche Rahmenbedingungen lenken, innerhalb derer das Fehlverhalten möglich war und zugelassen wurde. Für die Arbeit im AfSD wäre auch ohne den tragischen Tod des kleinen Kevin eine Zäsur dringlich angezeigt gewesen, damit notwendige fachliche Weichenstellungen vorgenommen würden. Der Maßnahmenkatalog der neuen Senatorin zu beabsichtigten Veränderungen im AfSD macht unübersehbar deutlich, welche Mängel es gab und gibt, die erst jetzt mit der Aufarbeitung des Kevin-Falles offen angesprochen werden.(...)

Ich möchte mit ihrer Erlaubnis mit einem Selbstzitat beginnen. 1999 habe ich in einer Entgegnung zum Gesamtkonzept für die ambulanten Dienste in einem internen Papier formuliert:

`Die Praxis der Jugendhilfe gerät in Gefahr, dass die von ihr erbrachten und zu erbringenden Leistungen künftig nur noch unter monetären Gesichtspunkten betrachtet werden. (…) Zu warnen ist davor, dass sozial benachteiligende Lebenslagen der Adressaten aus dem Blickfeld geraten und die Sicht öffentlicher Verantwortung und Aufgabenwahrnehmung verschwindet.´

Der Fall Kevin ist ein krasses und tragisches Beispiel dafür, dass die Warnungen ihre Berechtigung hatten. Die Kritik an dem Konzept wurde auch in ausführlichen Fachartikeln mit den Überschriften „Zur Tyrannei des Wegschauens“ und „Neue Steuerung und Systemik – eine verhängnisvolle Affäre“ publiziert. Eine offene Diskussion darüber hat die Amtsleitung nicht zugelassen, sondern als `Energievergeudung` diffamiert.

In den Jahren der Umsetzung dieses Konzeptes ist im AfSD ein Kostendruck-Regime errichtet worden. Eine kleine Gruppe von Leitungskräften, die nicht alle nach fachlicher Eignung und Erfahrung ausgewählt wurden, hat - durch die Weitergabe des Drucks an die Mitarbeiter - daran mitgewirkt, dass es bei einem Teil der Fachkräfte zu einer Deformation des fachlichen Selbstbewusstseins gekommen ist."(...)


dieses "kostendruck-regime" ist ganz maßgeblich durch vorschläge einer sog. unternehmungsberatung initiiert worden, also einer der verkörperungen jenes wahnzustandes, in dem nichts anderes mehr wahrgenommen werden kann als (pseudo-)"sachzwänge", "leistungsfähigkeiten" und "kosten-nutzen-rechnungen" - der mensch reduziert zu einem antisozialen und quasi-autistischen homo oeconomicus.

(...)"Das Fazit meiner Analyse ist, dass bei den Veränderungen im AfSD betriebswirtschaftliche Denk- und Handlungsmuster eine die Fachlichkeit überlagernde Eigendynamik entfaltet haben, die zu Lasten gründlicher fachlicher Abwägungen in der Alltagspraxis des Amtes ging. Das AfSD hat sich zu einem Exerzierfeld zur Einführung des neoliberal ausgerichteten „Neuen Steuerungsmodells“ entwickelt. Der Amtsleitung fungierte als Sparkommissar und sah sich beauftragt, die Sanierung des Bremischen Haushaltes zu unterstützen. Sie hat diesen Auftrag in unerträglich autoritärer und auch m.E. den gesetzlichen Aufträgen widersprechender Weise umgesetzt."(...)

das ist erstaunlich deutlich, und lässt mich wiederum mein vorläufiges fazit, welches ich damals gezogen hatte, präzisieren: das handeln des direkt verantwortlichen täters, also des vaters, erhält durch die immer deutlicher werdenden behördeninternen abläufe seinen realistischen kontext zurück. will sagen: es gab einen (im objektivistischen modus befindlichen und selbst nach den herrschenden psychiatrischen kriterien als gestört anzusehenden) täter, dessen handeln aber mindestens bei einer funktionierenden sozialen matrix (zu der in diesem fall auch behördliche sozialarbeit gehört hätte, die sich eben nicht primär im zustand der unterwerfung unter konstruierte "sparnotwendigkeiten" befindet) früher auffällig geworden wäre, wenn nicht gar verhindert hätte werden können. nun wird der täter derzeit psychiatrisch begutachtet - aber lassen sich nicht strukturelle verwandschaften zwischen ihm, den untätigen verantwortlichen behördenmitarbeitern sowie der handelnden in politik und "beratung" finden, die sich auf den gemeinsamen nenner "verdinglichende wahrnehmung von menschen" bringen lassen? es bleibt bis auf weiteres ein wunschtraum, dass die letzteren ebenfalls einmal bezgl. ihrer allgemeinen wahrnehmungs(un)fähigkeiten genauso begutachtet werden, wie es im falle des vaters von kevin für normal erachtet wird.

*

ein weiterer nachtrag: ich hatte ja damals bereits die befürchtung, dass die ganze geschichte auch von seiten der nazis als propaganda in ihrer typischen verzerrt-emotionalen art und weise benutzt werden könnte - und genau das ist mittlerweile passiert, wenn auch glücklicherweise vorläufig im kleinen rahmen. wobei das problem darin liegt, dass die nazis mit einiger wahrscheinlichkeit mehr stillschweigende zustimmung von der sich immer als "schweigende mehrheit" definierenden gruppe der opportunistischen recht-und-ordnungsfixierten bevölkerungsgruppe bekommen, als es aus dem anblick der kläglichen kundgebung heraus zunächst zu schließen wäre:

(...)"Am Ende mahnten sie allein und im Regen. Keine 25 Personen folgten am Samstagvormittag dem Aufruf des rechtsradikalen "Bündnis Keine Gewalt" zu einer "Mahnwache" gegen die Therapierung von "Kindermördern" vor dem Osterholzer Friedhof. Hintergund der von NPD-Kreisen sowie der Hooligan-Truppe "Backstreet Skinheads" organisierten Kundgebung ist die Verwahrung des Ziehvaters des getöteten Jungen Kevin in der Psychiatrie des Zentralkrankenhauses (ZKH) Ost."(...)

das sich die möchtegern-nachfolger von massenmördern unter dem namen "bündnis keine gewalt" versammeln, passt dabei perfekt in diese zeit.

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