assoziation: der umgang mit der krise in deutschland (3)

(zu den bisherigen teilen.)

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die temperaturen steigen draußen in einem ähnlichen tempo, wie inzwischen fast täglich propagandistische nebelkerzen mit den hauptinhalten "es-wird-alles-nicht-so-schlimm-wir-haben-die-situation-unter-kontrolle-es-geht-wieder-aufwärts" unter die bevölkerungen ganzer ländern geworfen werden. zu einigen der gerade am meisten hierzulande verbreitesten konstrukte:
die lüge vom angeblich positiven us-banken-stresstest; der fake vom deutschen export"aufschwung"; die simulation vom positiveren us-arbeitsmarkt. und zusammenfassend wird die situation von einer prominenten stimme aus dem off wie folgt bewertet:

"Die Politiker pumpen Billionen Euro und Dollar in die Wirtschaft, um der globalen Krise Herr zu werden. Alles umsonst, fürchtet Eric Hobsbawm, einer der wichtigsten Historiker der Gegenwart. Er hat Angst, dass der Kapitalismus sich über eine fürchterliche Katastrophe rettet."(...)

und ob diese katastrophe so eintreten wird, hängt nicht zuletzt maßgeblich von den reaktionen relevanter bevölkerungsmehrheiten rund um den globus ab - darum jetzt ein weiterer blick vor die haustür.

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in einem
kommentar zu einem der songs in den letzten krisennews hat "argolis" folgendes angemerkt:

"Einige der Songs sind auch ganz nett, nur bei RoboZ - wenn die Rede ist von 'Parasiten', von 'menschlichen Schmarotzern' und das Ressentiment gegen das arbeitslose Einkommen gepflegt wird - wird mir eher übel."

ich greife diese kritik deshalb auf, weil sie direkt zu einigen zentralen punkten der bisherigen "krisenbewältigung" hierzulande führt - der öffentliche diskurs von der "gier einiger weniger schwarzer schafe" ist darin ebenso enthalten wie die dadurch potenziell im raum stehende unheilvolle trennung zwischem (bösen internationalen) "raffenden" und (guten deutschen) "schaffenden" kapital, die damit verbundene these vom "strukturellen antisemitismus" sowie die fragen danach, ob die krise erstens hierzulande in nennenswertem maße bestehende aggressions- und wutpegel steigern und zweitens bis zu ihrem ausbruch triggern kann (diese fragen dürften sich real auch größtenteils hinter der öffentlichen debatte zu den "sozialen unruhen" verbergen).

ich persönlich fand den text größtenteils spontan und emotional erstmal ansprechend, trotz wahrnehmung der erwähnten und sich durchaus aufdrängenden assoziationen. warum? wenn ich diese frage für mich zu beantworten versuche, komme ich zu folgenden schlüssen: erstens benennt er tatsächlich die ständig geleugnete realität einer existierenden klassengesellschaft, in der sich eine immer größer werdende spaltung der materiellen situation zwischen einer im verhältnis tatsächlich sehr kleinen schicht oben und einem größer werdenden unten auftut. zweitens wird die tatsache benannt, dass es tatsächlich konkrete täterInnen innerhalb der strukturen gibt (eine tatsache, die von einer breiten medialen koalition von leuten wie bspw. hans werner sinn bis hin zu teilen der radikalen linken bestritten wird - "es sind die anonymen systemzwänge". ich halte eine derartige argumentation für bestens geeignet, tatsächlich leute in scharen zu einer potenziellen faschistischen massenbewegung zu treiben. erstmal sehe ich einen grundsätzlichen widerspruch zwischen zwei - auch gerne in der linken - gebräuchlichen konstrukten: die "anonymen systemzwänge" (in gestalt der notwendigen profitakkumulation, der eigenen behauptung am markt etc.) beissen sich direkt mit der immer wieder gerne postulierten "(selbst)verantwortungsfähigkeit" "des" menschen, die für viele linke welt- und menschenbilder eine tragende rolle spielt.

wenn man aber diese "verantwortungsfähigkeit" ernstnimmt (ich tue das nur begrenzt, weil ich die nicht von vorneherein als irgendwie gegeben betrachte, sondern als potenzial bzw. option sehe, dessen manifestation direkt von den gesellschaftlichen verhältnissen und der jeweiligen förderung dieser option abhängig ist), so ist das bild des von kapitalistischen zwängen determinierten managers /bankers / unternehmers sehr fragwürdig - was zwingt diese leute schließlich dazu, in ihren positionen zu verharren, wenn sie aufgrund ihrer fähigkeit zum verantwortlichen handeln doch erkennen müssten, dass sie nicht nur andere existenziell gefährden, sondern langfristig auch sich selbst? (eine art tatsächlicher zwang ist nur bei klinischen soziopathen gegeben). sie könnten ja schließlich auch etwas ganz anderes aus ihrem leben machen (dafür gibt es übrigens auch ein paar wenige beispiele).

dann: die "anonymen systemzwänge" mögen ja strukturell durchaus vorhanden sein, aber trotzdem ist zu ihrer materiellen umsetzung in die realität das konkrete tun und lassen ganz konkreter personen notwendig - nicht der "zwang" zur rationalisierung und zur drückung der lohnkosten führt zu massenentlassungen und erwerbslosigkeit, sondern die entsprechenden beschlüsse und die unterschriften unter die kündigungen von wieder ganz konkreten personen. letztere mögen sich zwar auf die "zwänge" berufen, aber sie könnten ebensogut ja auch - zusammen mit der betroffenen belegschaft - nach mitteln und wegen suchen, eine ökonomie zu gestalten, die ohne die dem konkurrenz- und leistungsprinzip immanenten zwänge funktioniert. und auch hier führen die fragen zu den möglichen gründen, warum die sog. "führungspersönlichkeiten" bzw. "leistungsträger" letzteres i.d.r. nicht einmal in erwägung ziehen, direkt zur frage nach ihrer möglichen psychophysischen verfassung.

die genannten systemzwänge sind also nur dann ein relevanter faktor, wenn die handelnden personen aufgrund ihrer persönlichkeitsstruktur tatsächlich ebenfalls so determiniert sind, dass ihnen diese zwänge nicht als solche erscheinen, sondern als quasi "natürliche" und scheinbar alternativlose lebensbedingungen - und das macht es gerade in diesem fall aus meiner sicht noch notwendiger, sich mit den handelnden personen und erst recht mit ihrer isolierung von allen relevanten machtpositionen in politik & ökonomie zu beschäftigen - eine schlußfolgerung, die zwar aus anderen gründen, aber immerhin von anderen teilen der linken
gleichfalls gezogen wird:

"Wann, wenn nicht jetzt fordern wir den Bruch mit dem System und den Verantwortlichen?

Weder wird das System des kapitalistischen Verwertungszwangs radikal hinterfragt, noch werden die Verantwortlichen in Politik, Medien und Wirtschaft benannt. Die Tietmeyers, Eichels, Steinbrücks, Merkels, die Asmussens oder die Issings und Ackermanns. Das sind sie. Sie sind die Verantwortlichen für das Desaster. Sie sind die Verantwortlichen aus Deutschland für die drastische Zunahme von Hunger, Elend und Vertreibung durch die Weltfinanzkrise. Sie müssen verschwinden. Und zwar alle. Wie hieß der Schlachtruf 2002 in Argentinien? "Que se vayan todos"! (Alle sollen abhauen)"


der bruch mit dem system und den verantwortlichen - das eine ist ohne das andere nicht schlüssig, nicht sinnvoll, und auch nicht zu haben.

*

und auch wenn man argumentiert, dass die jeweils handelnden personen aus den "eliten" letztlich ja nur austauschbare charaktermasken" darstellen würden, ändert das nichts an der notwendigkeit, ihnen direkt auch ihre persönlichen grenzen - und ihre endlichkeit - aufzuzeigen, notfalls auch in solchen formen, wie sie bspw. in der vergangenheit von
günther anders für den fall eines "gesellschaftlichen notstands" skizziert worden sind - dazu kann doch auch das szenario aus dem text der "roboZ" zählen, in den entsprechenden wohnvierteln den "eliten" direkt auf den pelz zu rücken (was eh mehr sinn machen würde als die immer wiederkehrenden rituale der zerstörung von infrastruktur in gerade denjenigen vierteln, wo größtenteils die betroffenen der elitären "politik" wohnen - seien es nun banlieus oder auch, etwas anders gelagert, viertel wie kreuzberg und die schanze).

zu begriffen wie "parasiten" und "schmarotzern" habe ich nun durchaus eine deutliche
position, und sehe es trotzdem analog dem text lieber, wenn denn solche begriffe denen zurückgegeben werden, die man inhaltlich treffend noch am ehesten damit belegen kann - und das sind natürlich nicht die erwerbslosen bzw. "hartzer", sondern das ganze antisoziale pack an der macht. will sagen: es gibt auch für mich grenzen der geduld und der verständnis- bzw. reflexionsbreitschaft und -fähigkeit, hinter der mächtige wut und der wunsch danach steht, dass bestimmte leute für ihre ständigen destruktiven aktionen in massendimensionen endlich auch spürbare und schmerzhafte konsequenzen erleiden sollen. und genau solche wünsche und auch die wut, die ich erstens für verständlich und zweitens auch für legitim halte, werden durch ermahnungen in richtung "unzulässiger" personalisierung von "anonymen systemzwängen" seitens bestimmter linker nicht nur ins leere laufen gelassen (wo sie sich selbstverständlich nicht verflüchtigen, sondern sich schlimmstenfalls gegen die eigene person wenden), sondern es werden damit gleichzeitig auch die nötigen psychophysischen prozesse blockiert, die als voraussetzung für späteres (zielgerichtetes und bewußtes) handeln grundsätzlich notwendig sind.

mit anderen worten: bei der notwendigen berücksichtigung der psychophysischen verfassung breiter bevölkerungskreise in diesem land ist jede art von verbot, antikapitalistische impulse und ressentiments auch in personalisierter form zu empfinden, eine fatale und geradezu suizidale dummheit. die meiner meinung nach auch nicht unmaßgeblich in den 1920ger und 30ger jahren seitens der damaligen linken mit zum aufstieg des faschismus beigetragen hat. wer an strukturell mehr oder weniger psychophysisch geschädigte menschen ansprüche hinsichtlich (selbst-)reflexionsfähigkeiten und einsicht in strukturelle gegebenheiten stellt, die diese vorläufig nicht erfüllen können und dazu noch keinen begriff von der elementaren und existenziellen aggression besitzt, die das leben in sich selbst als "zivilisiert" bezeichnenden kapitalistischen gesellschaften mit ihrer ständigen tabuisierung so ziemlich jeglicher - auch positiver und nötiger - aggression ständig produziert, hat eine der wesentlichen lektionen des faschismus schlicht nicht verstanden. die nazis haben nämlich genau mit diesem potenzial erfolgreich "politik" gemacht.

es gilt dabei auch, die enge innere verwandtschaft zwischen depression und aggression (die erstere begreife ich als verwandelte letztere) zu beachten, die unseren "eliten" durchaus bekannt ist und bisher erfolgreich dazu benutzt wird, um zb. das potenziell revolutionäre potenzial der erwerbslosen mittels ständiger öffentlicher stigmatisierungen und demütigungen
bis in den tod ruhigzustellen. eine linke, die sich - meiner meinung teils aus mittelklassenbedingter harmoniesucht - weigert, die realität des klassenkampfes zu begreifen und sich entsprechend klar und deutlich zu äussern, macht sich an dieser stelle der mittäterschaft schuldig.

*

struktureller antisemitismus: selbst, wenn viele der derzeit aufälligen us-banken und auch manager aus dem finanzbereich jüdische namen tragen mögen - wen interessiert das eigentlich wirklich ausser leuten, die zwanghaft nach zusammenhängen suchen, die am kern des problems vorbeigehen? es ist sachlich schlicht und einfach irrelevant. und den leuten, die sich aus zufälligen religiösen hintergründen selbst verschwörungstheorien basteln, muss konsequent sowohl ihre eigene gestörte logik als auch die realität des treibens des meistens als gegenpol glorifizierten "deutschen" kapitals vor augen geführt werden, welches kein stück besser oder anders agiert als die geschmähte "jüdische us-ostküste". für diese notwendigen maßnahmen jedoch sehe ich nicht, dass abstriche bei der gleichfalls nötigen benennung konkreter verantwortlicher gemacht werden müssen - ganz im gegenteil sehe ich eine realitätsgerechte aufklärung als antidot zumindest für diejenigen an, die aufgrund ihrer eigenen psychophysischen dispositionen, aber auch aufgrund der schwer verständlichen komplexität der krise anfälliger als andere für die entsprechenden reduktionistischen (ein wesentliches merkmal des antisemitismus) konstrukte von rechtsaussen sind.

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und das letzte stichwort des "arbeitslosen einkommens": hier bleibt mir nur zu sagen, dass die benennung der tatsache der fundamentalen ungerechtigkeit des zustands, dass wiederum einige wenige von der ausbeutung der arbeitskraft der vielen, die sich selbst am markt zur bloßen existenzsicherung verkaufen müssen, profitieren, aus meiner perspektive erstmal nichts mit der durchaus wünschenswerten entkoppelung von (lohn)arbeit und materieller existenzsicherung zu tun hat. eher sehe ich hier schon die besondere und fragwürdige glorifizierung von schwerer körperlicher arbeit berührt, wie sie in deutschland trotz wesentlich veränderter bedingungen (incl. eines realen bedeutungsverlustes gerade dieser art von arbeit) eine lange und schlechte tradition besitzt.

klaus theweleit hat in seinen "männerphantasien" zu dieser besonderen - und im naziuniversum auf die spitze getriebenen - fetischisierung dieser besonderen art arbeit einige aspekte herausgearbeitet, die aus meiner sicht bis heute relative gültigkeit besitzen: vor dem hintergrund des weiter oben angesprochenen ständig produzierten aggressionspotenzials in dieser gesellschaft, dessen bloße existenz zu erwähnen bereits vielfältig tabuisiert ist, stellt(e) körperliche arbeit einen der wenigen erlaubten und sogar erwünschten wege der psychomotorischen abfuhr der im genannten potenzial gebundenen energien dar (ein anderer ist bis heute die sportliche betätigung).

das hat aus sicht der "eliten" gleich zwei wünschenswerte konsequenzen: einmal stabilsiert diese abfuhr das gesamte gesellschaftliche gefüge, zum anderen aber lässt sie sich selbstverständlich profitabel nutzen. mit dem zunehmenden verschwinden dieser art der arbeit primär durch automatisierung haben sich die "eliten" also aller wahrscheinlichkeit selbst ein ei ins nest gelegt, welches vermutlich zu argen verdauungsstörungen führen wird bzw. schon führt, wenn man diesen aspekt mal in zusammenhang besonders mit dem verhalten erwerbsloser junger männer betrachtet.

neben der identitätskonstruktion mittels (lohn-)arbeit wäre das also der zweite - und mit dem ersten funktional zusammengehörige - punkt, der bei der betrachtung der bedeutung von "arbeit" in deutschland eine wichtige rolle spielt. er erklärt einerseits die zu beobachtende traumatische wirkung von erwerbslosigkeit bei vielen menschen mit, andererseits aber auch die bisher primär zunehmende depression bei den betroffenen, die jedoch unter bestimmten bedingungen in relativ wahllose und destruktive aggression umschlagen kann (wenn übrigens der worst case eines krieges zwecks "rettung" des systems eintreten sollte, so wird er psychophysisch primär aus dieser quelle mit den nötigen aggressionen gespeist werden).

ich kann mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, dass die verfasser des textes ihre zeilen vor diesem hintergrund geschrieben haben; eher verstehe ich die entsprechenden passagen in dem sinne, wie ich ihn oben eingangs zu diesem abschnitt skizziert habe. ich arbeite unter miesen bedingungen zu einem miesen lohn, während andere direkt davon profitieren und sich ein leben im überfluss (zu allem auch noch allgemein schädlichen überfluss) gestatten? fuck you!

*

soweit also anhand des userkommentars einige weitere anmerkungen zum krisenumgang hierzulande. und so wie es aussieht, werden weitere teile in dieser reihe folgen, zumal ich ein paar weitere aus meiner sicht relevante punkte (bspw. den einfluss des fernsehens) noch nicht mal erwähnt habe.
argolis (Gast) - 13. Mai, 11:00

Ihr Text macht mich ein bißchen ratlos. Einerseits verweisen Sie auf einen früheren Text zu Begriffen wie "Parasiten" und "Schmarotzer" - in dem Sie sehr deutliche Worte zu diesem Ideologem finden - und immunisieren sich damit teilweise gegen Kritik aus eine bestimmten Richtung. Andererseits sind Sie dann doch für den Songtext von RoboZ zu erwärmen, weil er so schön auf die "Klassengesellschaft" hinweist. Wie soll man nun auf sowas antworten?


Ausgesprochen ärgerlich ist es für mich aber auch, mit Hans-Werner Sinn in einen Topf geschmissen zu werden; zwischen der Äußerungen eines Herrn Sinn und z.B. der wertkritischen Position zu unterscheiden ist wohl Ihre Sache nicht. Herr Sinn kann aber aus der Position der neoklassischen Ökonomie heraus zur Analyse der objektiven Seite der Krise nicht viel mehr beitragen als eben jene
schwammigen Bemerkungen über den "anonymen Systemfehler". Das als Entlastungsdiskurs zu Gunsten der "Eliten" zu interpretieren ist einfach. Easy target.


Aber damit nicht genug: Sie wollen den Affekt gegen die Profiteure des Neoliberalismus, der sich im Ideologem vom aussaugenden, schmarotzenden Parasiten zeigt, auch als "antikapitalistischen Impuls" willkommen heißen und versteigen sich zu einer merkwürdigen triebdynamisch begründeten Variante des Leute-da-abholen-wo-sie-sind. "Bestimmte Linke" sind es dann, die nicht nur die geknechete Arbeiterschaft ihrer Aggression berauben und sie in die Depression treiben (wo sie in den Hungerstreik treten um ihren Arbeitsplatz zu retten oder sich gar die Finger abschneiden), sondern auch Schuld waren am Nationalsozialismus und vermutlich auch jetzt schon Schuld sind an der nächsten Katastrophe - da sie die "wesentlichen Lektionen des Faschismus" nicht
verstanden haben. Geht's noch?


Und zu den "konkreten TäterInnen": Der Widerspruch von "anonymen Systemzwängen" und konkret handelnden Personen taucht bei Ihnen zwar auf, wird aber kurzerhand dann gleich im nächsten Absatz zur Subjektseite hin aufgelöst. Bei der thematischen Ausrichtung des Blogs muß so eine subjektivistische Schlagseite der Theorie eigentlich auch nicht verwundern. Falsch ist sie aber trotzdem.


Sicher wird man die Auseinandersetzung zum Teil (!) auch mit ganz konkreten Personen der "Elite" führen müssen, wenn es darum geht zu einem anderen Modus der Vergesellschaftung zu finden. Und wenn diese Personen dabei im Weg stehen müssen sie eben zur Seite geräumt werden. Das ist aber immer noch etwas ganz anderes als die Ideologie, die in diesen Personen die Ursache (!) für die Probleme des "Systems" sieht und folgerichtig dann eben die Personen beseitigen will. Leider ist dabei auch zu beobachten, daß der angebliche "Bruch" mit dem "System" dann doch wieder nur auf ein austauschen von Personen rausläuft und die Grundkategorien von Markt/Staat/Demokratie/Arbeit/Wert/Geld - die eben auch Existenzweisen der Moderne sind und jeder Subjektivität vorrausgehen - nicht angetastet werden sollen.


Begriffen werden müsste stattdessen endlich mal der Unterschied von stofflichem und monetärem Reichtum; die Menschen müssten sich weigern, sich "vorrechnen zu lassen, daß ihre eigene Existenz unrentabel ist" (R. Kurz, aus dem Kopf zitiert) und eine breite soziale Bewegung müsste versuchen jenseits der genannten Kategorien und der Wertverwertung zu einem neuen Modus von Vergesellschaft zu finden.

monoma - 15. Mai, 15:44

zunächst mal sorry...

...für die späte antwort; momentan liegen meine online-zeiten aus diversen gründen meistens an den wochenenden.

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"Ihr Text macht mich ein bißchen ratlos. Einerseits verweisen Sie auf einen früheren Text zu Begriffen wie "Parasiten" und "Schmarotzer" - in dem Sie sehr deutliche Worte zu diesem Ideologem finden - und immunisieren sich damit teilweise gegen Kritik aus eine bestimmten Richtung. Andererseits sind Sie dann doch für den Songtext von RoboZ zu erwärmen, weil er so schön auf die "Klassengesellschaft" hinweist. Wie soll man nun auf sowas antworten?"

ich vermute, die schwierigkeit in der letzten frage liegt darin begründet, weil Sie diesen satz - "ich persönlich fand den text größtenteils spontan und emotional erstmal ansprechend" - anders oder auch vielleicht gar nicht gewichtet haben als ich.

dazu muss ich noch erwähnen, dass ich viele teile des textes nicht nur wg. dem erwähnten hinweis ansprechend finde, sondern auch bspw. wg. der expliziten benennung der funktion der medien.

"Ausgesprochen ärgerlich ist es für mich aber auch, mit Hans-Werner Sinn in einen Topf geschmissen zu werden..."

das nun kann ich durchaus nachvollziehen...

"Das als Entlastungsdiskurs zu Gunsten der "Eliten" zu interpretieren ist einfach."

...aber ich bleibe dabei, dass bestimmte aussagen von links letztlich und vom ergebnis in die gleiche kerbe wie sinn schlagen, wenn sie mit dem hinweis auf die systemstruktur nur eine apersonalisierte kritik als zulässig definieren - warum aber eine auch personalisierende kritik in meinen augen nicht nur zulässig, sondern auch nötig ist, habe ich im beitrag versucht zu skizzieren.

"Aber damit nicht genug: Sie wollen den Affekt gegen die Profiteure des Neoliberalismus, der sich im Ideologem vom aussaugenden, schmarotzenden Parasiten zeigt, auch als "antikapitalistischen Impuls" willkommen heißen und versteigen sich zu einer merkwürdigen triebdynamisch begründeten Variante des Leute-da-abholen-wo-sie-sind."

vielleicht zu schwammig formuliert von mir: ich begreife den "affekt" als anfang, und zwar als nötigen - manchmal habe ich den eindruck, teile der linken, insbesondere aus dem bildungsbürgerlichen und studentischen milieu, haben ein mächtiges problem mit aggressionen - wenn ich wütend bin, bin ich zunächst mal wütend und lasse die entsprechenden impulse nicht als erstes durch die mühle des in bestimmter weise ebenfalls fetischisierten "rationalen verstandes" laufen, weil das aus meiner sicht bereits mit ein teil des allgemeinen problems westlich sozialisierter menschen darstellt.

das oben erwähnte problem mit aggressiven impulsen sehe ich u.a. darin, dass viele leute offensichtlich nicht imstande sind, zwischen gefühlen und einhergehenden phantasien einerseits und dem, was sich dann davon in der realität ausdrückt andererseits zu differenzieren. ich weiß nicht genau, von wem das zitat stammt, dass (sinngemäß) "ein revolutionär zunächst einmal das wahrnehmen müsse, was tatsächlich vorhanden ist". aber das trifft´s ziemlich genau: gefühle und phantasien, aber auch körperliche ausdrücke wie haltung, mimik u.a. sind unbedingt frei von äusseren und bewussten einschränkungen, auflagen, befehlen etc. wahrzunehmen (das sie´s real nicht sind, ist etwas anderes, was ich hier gerade nicht meine). will sagen: das psychophysische "material" zeigt mir selbst über mich und auch andere - leidlich funktionierende wahrnehmungsfähigkeiten vorausgesetzt - den aktuellen und authentischen seinszustand an, und das ist weit und breit, soweit ich sehe, die grundlegendste basis, von der aus alle gesellschaftliche aktivität (oder auch nichtaktivität) von menschen ausgehen kann. und die einzige basis, von der ich "die leute" tatsächlich "abholen" kann. das wörtchen "triebdynamisch" in diesem zusammenhang führt übrigens aus meiner perspektive etwas in die irre, weil die damit implizierte klassische psychoanalyse seit freud (bis auf den frühesten beginn als ausnahme, siehe freuds erste ausführungen zur ursache der weiblichen hysterie) niemals die konsequenzen aus der tatsache gezogen hat, dass die im westen verbreiteten "charaker"- bzw. persönlichkeitsstrukturen" mehrheitlich bereits ausdrücke von sehr alten pathologischen (traumatischen) sozialstrukturen darstellen, und dementsprechend die emotionalen und rationalen ausdrücke und verhaltensweisen der menschen nicht als anthropologische konstante verstanden werden dürfen (denn letzteres führt bei nichtbeachtung dann immer zu solch "fundierten" aussagen wie "der-mensch-ist-grundsätzlich-egoistisch, gierig"-usw.)

""Bestimmte Linke" sind es dann, die nicht nur die geknechete Arbeiterschaft ihrer Aggression berauben und sie in die Depression treiben (wo sie in den Hungerstreik treten um ihren Arbeitsplatz zu retten oder sich gar die Finger abschneiden), sondern auch Schuld waren am Nationalsozialismus und vermutlich auch jetzt schon Schuld sind an der nächsten Katastrophe - da sie die "wesentlichen Lektionen des Faschismus" nicht
verstanden haben. Geht's noch?"


aber klar geht´s noch - erstens ist die "schuld" von Ihnen selbst eingeführt (ich habe von mittäterschaft geschrieben, und das aus meiner sicht auch begründet.) zweitens maße ich mir nicht an, die these vom fatalen linken nichtbegreifen der inneren dynamik des ns selbst in die welt gesetzt zu haben - der allererste war aus meinr sicht wilhelm reich, auch bei ernst bloch finden sich entsprechende aussagen, und zu theweleit muss ich hoffentlich nichts mehr schreiben. drittens aber werte ich den einfluss der heutigen linken auch nicht über (darum das "mit" vor täterschaft): die "eliten" setzen und pushen die diskurse von der "selbstverantwortlichkeit = letztlich selbst schuld an deinen lebensbedingungen" u.a., treiben die diese miesen spielchen nicht verstehenden menschen in selbstanklagen und depressionen - und dann kommen teile der linken und behaupten: "aber ihr dürft diese "eliten" nicht hassen, weil sie ja nur in den systemzwängen handeln" - das ist das gemeinte. und das kritisiere ich. oder erzählen Sie mir doch mal, wie Sie gegen teils hoch abstrakte kategorien wie "arbeit", "wert", oder auch "staat" und "markt" etc. authentische wut empfinden wollen, ohne zuvor größere gedankliche und emotionale verrenkungen zu produzieren? was dabei herauskommen kann, sind - bestenfalls - objektivistische surrogate, die in ihren wirkungen eher lähmend sind. aus dem widerspruch, das bspw. das konstrukt "staat" nicht "für sich" materiell existiert, sondern ständig in jedem augenblick aus der arbeit vieler millionen menschen (re-)produziert wird - minister, parlamentarier, gerichtsvollzieher, knastwärter, finanzbeamte, polizisten etc. etc. - führen Ihre gedanken jedenfalls bis zu dieser stelle nicht heraus.

"Und zu den "konkreten TäterInnen": Der Widerspruch von "anonymen Systemzwängen" und konkret handelnden Personen taucht bei Ihnen zwar auf, wird aber kurzerhand dann gleich im nächsten Absatz zur Subjektseite hin aufgelöst. Bei der thematischen Ausrichtung des Blogs muß so eine subjektivistische Schlagseite der Theorie eigentlich auch nicht verwundern. Falsch ist sie aber trotzdem."

zum ersten satz: und was ist daran, wenn ich an meine letzte obige antwort anknüpfe, so grundlegend falsch? zweitens aber vermute ich, dass sich unsere jeweilige definition von "subjekt" doch stark unterscheidet - meine ist auszugsweisehier nachzulesen; und dann werden Sie vielleicht auch besser verstehen können, warum ich beim (impliziten) vorwurf des "subjektivismus" dann doch eher grinsen muss.

"Sicher wird man die Auseinandersetzung zum Teil (!) auch mit ganz konkreten Personen der "Elite" führen müssen, wenn es darum geht zu einem anderen Modus der Vergesellschaftung zu finden. Und wenn diese Personen dabei im Weg stehen müssen sie eben zur Seite geräumt werden."

d´accord. wobei ich die existenzielle bedeutung, die machtpositionen für bestimmte menschen haben, vermutlich aus meiner sicht anders gewichte und deshalb auch einen ganz zentralen und heftigen konflikt, oder nennen wir´s richtiger krieg, vor uns allen liegen sehe. die lassen sich nicht einfach mal so "eben zur seite räumen".

"Das ist aber immer noch etwas ganz anderes als die Ideologie, die in diesen Personen die Ursache (!) für die Probleme des "Systems" sieht und folgerichtig dann eben die Personen beseitigen will. Leider ist dabei auch zu beobachten, daß der angebliche "Bruch" mit dem "System" dann doch wieder nur auf ein austauschen von Personen rausläuft und die Grundkategorien von Markt/Staat/Demokratie/Arbeit/Wert/Geld - die eben auch Existenzweisen der Moderne sind und jeder Subjektivität vorrausgehen - nicht angetastet werden sollen."

gut, jetzt kommen wir aus meiner sicht zum knackpunkt. Ihren ersten satz würde ich teilweise (!) unterschreiben, aber eben nur teilweise, weil ich jeweilige gesellschaftliche systeme primär als ausdruck / zusammensetzung der jeweils vorhandenen und dominierenden psychophysischen bedürfnisse der handelnden begreife. diese aussage habe ich an vielen stellen im blog immer wieder versucht, deutlich zu machen.

natürlich gibt es dabei auch eine wechselbeziehung zwischen einmal etablieretn systemen und den in sie hereingeborenen menschen, aber im streit um henne und ei nehme ich bei dieser frage ganz klar die antwort "henne". deutlich, was ich meine?

und sicher reicht ein reines austauschen von personen nicht aus, kein widerspruch. ich will eher die entsprechenden positionen dieser personen, oder noch genauer, die bedürfnisse nach diesen positionen, aus der welt haben.

und dazu muss ich nicht - wie das bei Ihnen, und neulich auch bei robert kurz - anklingt, "das" subjekt als kapitalistisches konstrukt denunzieren, sondern eher versuchen, das zu begreifen, was ich in einem beitrag neulich als antwortversuch so formuliert hatte (ganz zum schluß):

"ich betrachte das "subjekt" im kapitalismus immer als ein als-ob-subjekt, weil es sich von seinen dominierenden psychophysischen funktionsweisen her betrachtet eher um ein schwer beschädigtes subjekt handelt, welches diese beschädigungen - die sich vor allem im gesamten bereich der sozialen beziehungen manifestieren - kompensatorisch versucht, mittels verdinglichung/objektivierung seiner selbst und auch aller anderen, genauer gesagt alles lebendigen anderen, auszugleichen - es geht also um überlebensversuche, die bei einer postulierung des subjekts als "eigentlich überflüssig" an stärke und verzweiflung nur noch zunehmen werden. die sog. subjektform, die kurz als identisch mit der "kapitalistischen daseinsform" begreift, ist aus meiner perspektive eigentlich keine authentische subjektform mehr, besser gesagt, es ist ihre totale negierung: nämlich der soziopath (unabhängig davon, unter welchen namen diese extreme manifestation der kapitalistischen normen in körperlicher gestalt nun historisch bisher aufgetreten ist). hier haben wir den meiner meinung nach einzigen tatsächlichen fall, in dem das subjekt aufgrund psychophysischer prozesse tatsächlich zu einer art objekt im totalitären, d.h. allumfassenden sinne, und damit zur kapitalistischen daseinsform, geworden ist.

es bedarf zu einer tatsächlichen emanzipation bei den meisten menschen also eher des zurückdrängens der objektivistischen, konstruktivistischen und simulativen prozesse, was ich gleichbedeutend mit gesundung begreifen würde - und zwar nicht mit einer gesundung im sinne kapitalistischer verwertungs- und leistungsfähigkeit, wie hoffentlich klar sein sollte. wir brauchen gerade mehr authentische subjektivität und auch individualität, um zur authentischen kollektivität zu kommen!"


(und an dieser stelle schließe ich auch nochmal einen kreis zu einer strittigen aussage weiter oben: das bis heute weitgehende (aus meiner sicht) nichtbegreifen des menschlichen psychophysischen funktionierens und der damit assoziierten (un-)möglichkeiten seitens "der linken" - in diesem fall lässt sich berechtigt von einer gesamtheit reden - stellt eben das erwähnte fatale versagen im angesicht des faschismus dar).

"Begriffen werden müsste stattdessen endlich mal der Unterschied von stofflichem und monetärem Reichtum; die Menschen müssten sich weigern, sich "vorrechnen zu lassen, daß ihre eigene Existenz unrentabel ist" (R. Kurz, aus dem Kopf zitiert) und eine breite soziale Bewegung müsste versuchen jenseits der genannten Kategorien und der Wertverwertung zu einem neuen Modus von Vergesellschaft zu finden."

die dominanz des wörtchens "müsste" dürfte Ihnen bei der obigen skizze selbst schon aufgefallen sein, oder? all dieses "müsste" kann aber aus meiner sicht erst zu einem authentischen wollen werden, wenn den leuten ihre letzten bruchstücke von selbstwahrnehmung, so verzerrt und/oder pervertiert diese auch sein mögen, nicht von vorneherein aus den (scheinbaren) höhen des abstrakten verstandes heraus abgesprochen oder gar verboten werden. und auch hier gilt wieder: verständnis ist nicht gleich akzeptanz (was zb. antisemitische affekte betrifft), und auch muss und soll nicht alles reflektionslos ausagiert werden, was da so spontan aus "dem inneren" kommt. aber wahrgenommen werden muss es, dabei bleibe ich - und deshalb auch meine ansicht zum umstrittenen text.

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