assoziation: götz eisenberg - "die `psychopathen´ kommen" [update]

nachdem ich kürzlich schon einmal eine empfehlung für seinen text zu den britischen riots auf den "nachdenkseiten" gegeben hatte, kommt nun eine weitere: klar, dass ich bei diesem titel aufmerksam wurde - auszug:

(...) "Die vom Markt propagierten und für ein erfolgreiches Agieren auf dem ökonomischen Parkett erforderlichen Eigenschaften und Haltungen sind inzwischen bis in die Poren des Alltagslebens vorgedrungen. Eine allumfassende Rücksichtslosigkeit, ein zur Egomanie gesteigerter Individualismus, Zynismus und Gleichgültigkeit prägen den zwischenmenschlichen Umgang. So geht das „Zeitalter des Narzissmus“ bereits mit der nächsten psycho-historischen Entwicklungsstufe schwanger. Das Innenleben des allseits kompatiblen und fungiblen Menschen, den Markt, Wirtschaft und Pädagogik propagieren, weist eine große Ähnlichkeit mit dem eines Menschentypus’ auf, den wir heute noch als „Psychopathen“ stigmatisieren und den Gefängnissen und forensischen Psychiatrien überantworten. Wenn hier vom „Psychopath“ die Rede ist, ist nicht die umgangssprachliche Bedeutung gemeint, die darunter einen „durchgeknallten, unberechenbar-brutalen Typ“ versteht, sondern eine psychiatrische Diagnose, die in jüngerer Zeit von den amerikanisch-kanadischen Psychiatern Cleckley und Hare formuliert wurde. Die Diagnosemanuale beschreiben den „Psychopath“ als zur Einfühlung in andere unfähig, oberflächlich charmant, anpassungsfähig, zynisch-kalt, bindungs- und skrupellos und ausschließlich an privater Nutzenmaximierung interessiert. Das sind genau die Eigenschaften, die die Hasardeure und Gurus der New Economy und der Finanzwelt aufweisen, die uns an den Rand des Abgrunds manövriert haben und weiter manövrieren.

Vor einigen Jahren haben Paul Babiak und Robert Hare unter dem Titel „Menschenschinder oder Manager“ (München 2007) ein Buch herausgebracht, in dem sie die Unternehmen und die Finanzwelt vor dem Vordringen von „Psychopathen“ in Führungspositionen warnten, weil ihre Skrupellosigkeit und grenzenlose Risikofreude ihnen langfristig großen Schaden zufügen würden. Eine Psychologie, die ihre Erkenntnisse ans Business verschachern will, muss die Systemfehler beim einzelnen Mitarbeiter suchen und nicht bei den Strukturvorgaben einer kapitalistischen Wirtschaft. Die akademische Psychologie ist auf dem gesellschaftlichen Auge blind und versucht deshalb, wie Peter Brückner bemerkte, „den Stand der Gestirne bei bereichsweise bedecktem Himmel zu bestimmen“. Sie kann nicht erkennen, dass die beklagten Phänomene eine Begleiterscheinung des neuen kapitalistischen Zeitalters darstellen, das sich im Abschied von der traditionellen „stakeholder value“- zugunsten der „shareholder value“-Orientierung Ende der 90er Jahre ankündigte. Die entfesselt und hemmungslos, also, wenn man so will, „psychopathisch“ gewordene Geldwelt zieht wie ein Magnet „psychopathische“ Menschen an und produziert sie." (...)


tja. ich weiß nicht mehr, wie oft ich mich in den vergangenen sechs jahren hier im blog u.a. genau diesen entwicklungen von verschiedenen seiten gewidmet habe. immerhin - und leider - werden diese trends zunehmend von anderen wahrgenommen. "leider" deshalb, weil ich mich am ende in diesen fragen ganz gerne geirrt hätte, auch wenn mir meine intuition ebenso wie meine objektivistische vernunft meistens deutlich etwas anderes sagt.

ich hatte gerade mal blogintern recherchiert, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich zu den erwähnten (nicht zitierten) entwicklungen innerhalb der diagnostischen modellwelt des manuals dsm, die eisenberg als aufhänger benutzt, nicht schon mal ein paar worte geschrieben habe, konnte aber nichts finden. tatsächlich habe ich schon vor monaten etwas über die geradezu als spektakulär zu bezeichnenden revisionen im "neuen" dsm gelesen und weiß noch, dass mir besonders die geplante streichung der narzisstischen persönlichkeitsstörung ebenso wie einige tiefgehende veränderungen (bzw: war´s nicht auch die völlige abschaffung der diagnose?) im modell der borderline-ps schwer zu denken gaben. in
"wahnsinnige liebe" und die borderline-gesellschaft ist einiges von der veränderten psychiatrischen wahrnehmung besonders bei den beiden genannten störungen zu lesen, und im prinzip wird da bereits in anderen worten das formuliert, was eisenberg oben ausdrückt.

ich möchte seinen text ausführlicher kommentieren, werde da aber frühestens erst zum wochenende zu kommen. mehr dann an dieser stelle. aber schließlich können Sie sich selbst schon mal ein paar gedanken machen.

*

letztere mache ich mir gerade auch über ein video, welches die britische bbc veröffentlicht hat und das sich seit ein paar tagen wachsender und großer öffentlicher aufmerksamkeit erfreut - unter dem titel
goldman sachs regiert die welt hat das blog von cashkurs sowohl das video verlinkt als auch eine deutschsprachige übersetzung der gesamten geschichte. gerüchte, dass es sich bei dem interview um einen fake handelt, womöglich gar von den genialen yes men initiiert, geistern ebenfalls durchs netz - aber bis jetzt konnte ich diesbezgl. keine wirkliche aufklärung finden. bis auf weiteres muss das interview also als authentisch angesehen werden. und solange das so ist, stellt es in gewisser weise eine aktuelle und sehr deutliche untermauerung genau des diagnostischen befundes dar, den eisenberg thematisiert. wobei: selbst als fake würde es der realität immer noch sehr nahe kommen, aber orginale aussagen der involvierten sind doch immer noch am aufschlußreichsten.


*

edit am 01.10.: zwei kleine inhaltliche nachträge zunächst - einmal zu meinen sätzen über die angekündigten revisionen im dsm, wo ich hinterher feststellte, dass mich meine erinnerung doch nicht ganz trog, allerdings in einem zentralen punkt falsch lag. anfang 2010 zitierte ich den folgenden satz:
(...) "In der Psychiatrie sind Diagnosen selten eindeutig. Zwar existiert mit dem ICD 10 ein internationales System der WHO, der Weltgesundheitsorganisation. Aber auch dieser Katalog an Kriterien wird ständig überarbeitet, alte Überzeugungen schwinden. In Zukunft wird es beispielsweise die Diagnose "Borderline-Syndrom" gar nicht mehr geben. Die WHO hat sie als zu ungenau eingestuft." (...). es war die icd, die "international classification of deseases" der who, die formal im gesamten medizinischen bereich leitgebend ist, aber innerhalb der psychiatrie nicht nur eine art doppelexistenz mit dem dsm fristet, sondern sich in vielerlei hinsicht auch an dieses anlehnt.

dann zum zuletzt erwähnten und weltweit wellen schlagenden interview mit rastani: letzterer ist zwar kein yes man, aber durchaus als hobbytrader und - vor allem -
hochstapler anzusehen. allerdings werden seine aussagen dadurch nicht unbedingt weniger treffend.

und zum schluß: ich schlage mich gerade wieder anlässlich des eisenberg-artikels mit dem seit jahren mehrfach verschobenen, überarbeiteten und mehrfach neu begonnenem basis-beitrag "soziopathie" herum - ich verspreche jetzt aber mal nichts. überfällig wär´s allerdings.
Mrs. Mop (Gast) - 27. Sep, 19:33

"I dream of another recession"

Zum BBC Video mit Alessio Rastani: Forbes hat mit ihm ein Interview geführt zwecks Verifizierung der Yes-Men-Unterstellung. Befund: negativ. Er scheint ein ganz normaler, durchschnittlicher, sozial unauffälliger (!) soziopathischer Trader zu sein.

http://www.forbes.com/sites/emilylambert/2011/09/27/trader-or-prankster-we-called-alessio-rastani-and-asked/4/

monoma - 27. Sep, 19:38

danke für die prompte aufklärung

dann ist das ja wirklich ein allerliebstes herzbüblein, das sich da quasi um kopf und kragen redet. in den clans, in denen sich solche leute bewegen, wird das vermutlich nicht so gut ankommen.
Mrs. Mop (Gast) - 27. Sep, 19:54

"I dream of another recession"

Ja, da hat sich einer ein bisschen weit aus dem Fenster gehängt. "The BBC moderators shit bricks listening to him", habe ich in einem Blogkommentar gelesen :).

Hier ist ein Artikel von Jesse's Café Américain zum Thema Psychopathie in der Finanzwelt, der Dich interessieren könnte:

http://jessescrossroadscafe.blogspot.com/2011/09/psychopaths-among-us.html

Grummel (Gast) - 28. Sep, 10:16

Was tun?

Ich halte diese Analysen für zutreffend, auch beginne ich langsam zu verstehen was mit "Objektivistischer Modus" gemeint ist und in welcher Differenz dieser zu der Multiplizität anderer Geisteszustände steht.

Eine Frage beschäftigt mich dann aber noch...
Da es nicht möglich ist sich dem Einfluss solcher Leute nachhaltig zu entziehen, wie geht man dann mit diesen um?
Gesellschaftlich, Persönlich?

monoma - 28. Sep, 19:28

was tun?

@grummel: einer der für mich wichtigsten punkte im umgang mit dieser - hm, sehr speziellen klientel lässt sich im verlauf dieses beitrags finden:

"(...) "TR: Wie behandelt man einen Soziopathen?

Stout: Wenn er sich tatsächlich in Therapie befindet, ist das eine eher mechanische Sache, normale Therapieformen greifen kaum. Es geht darum, das Verhalten zu kontrollieren. Soziopathen werden ganz anders motiviert als normale Menschen. Es hat etwas Erzieherisches: "Wenn Du das machst, gehst Du ins Gefängnis" oder "Das Verhalten hat diese materiellen Konsequenzen für Dich". Es geht um sehr, sehr einfache, grundlegende Dinge – A folgt auf B, wie ein Lehrer vor kleinen Kindern.

Ich habe mich einmal mit einem Mann unterhalten, der ein Programm für Menschen leitet, die wegen Alkohol am Steuer mehrfach verhaftet wurden. Ihm wurde irgendwann klar, dass sich darunter viele Soziopathen befanden. Er stellte seinen Ansatz daraufhin um: Früher versuchte er den Leuten zu erklären, dass sie anderen Menschen durch ihr Verhalten Schaden zufügen oder sie sogar töten könnten. Es stellte sich aber heraus, dass das diesen Delinquenten ziemlich egal war.

Inzwischen erzählt er seinen Kandidaten einfach die kalten, harten Fakten: Sie werden jedes Mal verhaftet, verlieren ihren Führerschein, sie werden nicht mehr mobil sein und so weiter. Das war die einzige Chance, ihr Verhalten zu ändern."


und damals hatte ich dazu geschrieben:

sehen Sie das (tatsächlich behavioristisch anmutende) prinzip? und schauen Sie sich mal um, wo das überall angewendet wird oder aber durchschimmert (nebenbei: in den obigen sätzen von stout steckt auch die erklärung dafür, warum appelle an "ethik & moral" großen teilen unserer "eliten" so selbstverständlich an einem ohr hinein und sofort wieder am anderen hinaus gehen. es hilft auf dieser ebene wirklich nur, ihnen die "kalten, harten fakten" für sie selbst deutlich vor augen zu halten).

das betrachte ich als einen ganz entscheidenden und fundamentalen punkt für den umgang. mehr zum ganzen thema wie gesagt in den nächsten tagen.
Grummel (Gast) - 29. Sep, 10:08

Was tun?

Hmm ... ich befürchte dieser Ansatz ist nicht immer Anschlussfähig, dazu brauchts eine Machtposition?
Entweder eine die man "ausleiht" (Gesetz) oder eine "Reale" ?
Wie sieht es aber aus wenn der Soziopath in einer solchen sitzt?
Eine Auseinandersetzung ist relativ aussichtslos, da in dieser eher die (sozialen?) Positionen und nicht das Gemeinsame im Mittelpunkt stehen werden.
Ich schätze auch das die wenigsten dieser Charaktere einer systemtheoretischen Betrachtung zugänglich sind in welcher ihr Verhalten letztendlich auf sie zurück wirkt.

Es läuft also darauf hinaus den fehlenden empathischen Bezugsrahmen durch einen Objektivistischen (?) zu ersetzen welcher die gleiche Funktion erfüllt?
Erinnert an Recht/Gesetz, obwohl ich nicht glaube das diese Prinzipien wirklich geeignet sind von solchen Menschen verinnerlicht zu werden.

Grüblender Gruß, Grummel
Mrs. Mop (Gast) - 28. Sep, 21:24

"Was tun?"

Aber beißt sich hier nicht die Katze in den Schwanz?

„...warum appelle an "ethik & moral" großen teilen unserer "eliten" so selbstverständlich an einem ohr hinein und sofort wieder am anderen hinaus gehen. es hilft auf dieser ebene wirklich nur, ihnen die "kalten, harten fakten" für sie selbst deutlich vor augen zu halten“

Es werden ihnen ja eben nicht die „kalten, harten Fakten“ deutlich vor Augen gehalten, geschweige denn in die Tat umgesetzt - meines Wissens wurde bis heute noch keine einzige der für den Finanzcrash verantwortlichen Großbanken (bzw. deren soziopathische Protagonisten) strafrechtlich verfolgt. Sitzt einer von denen im Knast? Außer Bernie Madoff keiner, und der war kein Banker und im übrigen das, was man ein Bauernopfer nennt.

So viel zum (gesellschaftlichen) Umgang mit diesen Leuten. Unsere Gesellschaft duldet dieses Verhalten nicht nur straffrei, sie belohnt es. Schließlich gehen die Soziopathen regelmäßig als Gewinner aus dem Desaster hervor, das sie selbst verursacht haben. Für mich heißt die Frage daher: Was ist von einer Gesellschaft zu halten, die Soziopathen hervorbringt, duldet und belohnt?

(Übrigens, mo, das ist eine Antwort auf Deine „Was tun?“ Antwort, aber leider finde ich unter Deiner Antwort keinen „Antworten“-Button, wo finde ich den denn?)

Mr. T (Gast) - 28. Sep, 22:03

Du hättest den Antwort-Button bei Grümmels Kommentar nehmen müssen und dann wäre er direkt unter dem von monoma erschienen.
Mrs. Mop (Gast) - 28. Sep, 22:09

genial

Funktioniert. Danke.

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