notiz: krisennews und -gedanken (14)

wenn man sich in diesen tagen quer durch den mainstream von print- und onlinemedien arbeitet, so ist die polarisierung im angesicht des kommenden jahres 2009 nicht zu übersehen - während auf der einen seite wahlweise bilder von scharfkantigen eisbergen, unermesslichen abgründen und verheerenden großbränden dominieren (die durch die krise generierten bilder werden hoffentlich in bälde einmal von psychohistorikern näher betrachtet werden), lässt sich die verfassung der anderen seite auf einen begriff bringen: "crisis? what crisis?" und allerhöchstens wird eine - inzwischen immerhin von "klitzeklein" auf "etwas größer" mutierte - rezession zugestanden, nach der aber "alles wieder so sein wird wie vorher".

letzteres lässt sich mit halbwegs funktionierenden wahrnehmungsfähigkeiten nur als drohung begreifen. weiter mit dem zwang zum exponentiellen wachstum, weiter mit der umverteilung von unten nach oben, mehr konsum, mehr straßen, mehr autos, mehr müll. und vor allem mehr psychophysisches elend bei der ungebremsten expansion der dingwelt. das ist nicht nur der wunsch der "eliten", sondern auch derjenige ihrer medial sedierten und konsum als sinnstiftend empfindenden braven untertanen, für deren idealtypische form das wort "ich-ag" die am treffendsten auf den punkt bringende metapher darstellt. unfähig, sich alternativen auch nur vorzustellen, werden ihnen entweder grenzen gesetzt werden müssen - oder sie werden die real vorhandenen grenzen ihrer irregeleiteten form des versuchs zu überleben an mehr und mehr stellen erreichen und sich blutige köpfe holen.

hinsichtlich der weltwirtschaftskrise sieht diese mischung aus wahrnehmungsunfähigkeiten und fiktionalen wünschen aus offiziellem munde dann zb.
so aus:

(...)"Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zeigt sich optimistisch: Der SPD-Politiker sieht positive Anzeichen, dass Deutschland ohne großen Schaden aus der Finanzkrise hervorgeht. "Es gibt zum Glück auch positive Entwicklungen", sagte er der "Neuen Presse". "Die Benzinpreise gehen zurück, der Wechselkurs hilft der Exportindustrie. Die Inflation ist gesunken. Die real verfügbaren Einkommen steigen. Die Rentenerhöhung zum Juli 2009 wird um 2,5 Prozent höher als in den Vorjahren ausfallen. Es gibt keine Immobilienblase in unserem Land. Deutschland hat die Kraft, die Krise zu bewältigen. Auch wenn das ein schweres Stück Arbeit für uns alle wird", zeigte sich der Finanzminister optimistisch."(...)

ja, es ist eine beleidigung für pippi langstrumpf, wenn Ihnen an dieser stelle der zugehörige titelsong in den kopf kommen sollte. immerhin hatte pippi einen gesunden kontakt zur realität, die sie in ihrem sinne auf den kopf stellte. steinbrück jedoch scheint sich - stellvertretend für viele andere seiner klasse - in einer art parallelwelt zu befinden:

"Die Benzinpreise gehen zurück,..." - was sich selbst mit nur einem fitzelchen verständnis für ökonomische zusammenhänge primär als zeichen für die wucht der krise begreifen lässt (besonders auch bei betrachtung der nichtvorhandenen auswirkungen der förderreduzierung der opec). und ebenfalls bleibt der fakt, dass eine hypothetische reanimation der westlichen art des kapitalismus sofort vor dem hintergrund von peak oil den ölpreis explodieren lassen würde.

"...der Wechselkurs hilft der Exportindustrie." selbst billige maschinen und anlagen werden woanders nicht mehr gekauft werden, wenn ganze industrien den geist aufgeben. und das es gegenwärtig so gut wie keine kredite für investitionen gibt - ein durchaus globales phänomen - ist ihm auch nicht aufgefallen.

"Die Inflation ist gesunken." was sich eben derzeitig genausogut als indiz für eine deflationäre entwicklung begreifen lässt.

"Die real verfügbaren Einkommen steigen." na steinbrück, gehen Sie doch mal in eines der städtischen ballungsgebiete mit vielen erwerbslosen und tröten diesen spruch dort in der gegend herum. auch die vielen teilzeitjobber und zeitarbeiterInnen freuen sich bestimmt über solch frohe botschaft.

"Die Rentenerhöhung zum Juli 2009 wird um 2,5 Prozent höher als in den Vorjahren ausfallen." was sich bei dem für nächstes jahr zu erwartendem wandel der deflationären tendenzen zu einer inflation, die sich gewaschen haben wird, konkret wie auswirken wird?

"Es gibt keine Immobilienblase in unserem Land." was sich bezgl. büroräumen erst noch zeigen wird, wie ich glaube. ansonsten gibt´s hier zustimmung: wir haben hier primär zunächst eine blase von offiziellen simulationen und fiktionen. und wenn diese blase erstmal platzt...

"Deutschland hat die Kraft, die Krise zu bewältigen." wer oder was ist dieses "deutschland"?

"Auch wenn das ein schweres Stück Arbeit für uns alle wird." eine verklausulierte version von blut, schweiß und tränen. und fraglich ist auch, ob es wirklich uns alle treffen wird. aber vielleicht hat der minister ja auch die verteidigung der elitären pfründe im sinn, wenn er von "arbeit" redet - und das dürfte in diesem fall tatsächlich einmal zutreffend sein.

*

angesichts solch hochoffiziellem pfeifen im stockfinsteren walde bekommt nun auch der mediale mainstream
beklemmungen:

(...)"Wer sollte auch antworten? Regierung und Opposition sind ineinander verschlungen, und man weiß nicht, ob sie miteinander ringen oder sich gegenseitig trösten. Die Bundespolitik erweist sich derzeit als geschlossenes und selbstgenügsames System, von dem wenig zu erwarten ist. Aber auch alle anderen gesellschaftlichen Kräfte wirken auf sich selbst zurückgezogen. Es gibt wirklich ein deutsches Problem. Wir machen es uns gerade so richtig gemütlich miteinander. Die Stille im Lande ist nicht bloß ein Ausdruck der Jahreszeit, sie ist ein Symptom: Auf zu vielen Feldern ist das betretene Schweigen das einzig verbliebene Kommunikationsmittel.(...)

Aufklärung ist kein Wert an sich mehr und investigative Kritik ein aussterbendes Handwerk, dem nur noch das Freiluftmuseum fehlt. Nie erfolgt auf einen Skandal oder eine Krise eine Reaktion von einiger Anmut oder gar Originalität. Nie wird mehr zugestanden, als bekannt ist, nie wird das eigene Handeln in eine Geschichte gekleidet und der Öffentlichkeit dargestellt.

Sich bedeckt zu halten, sichert offensichtlich mehr Vorteile als die offene Auseinandersetzung oder gar das umfassende Geständnis. Es ist, als hätten sich die Eliten unserer einst so zivilen Republik die Maxime französischer Kardinäle aus den Zeiten vor der bürgerlichen Öffentlichkeit zu eigen gemacht: Man verlässt die Ambiguität nur zum eigenen Nachteil.

Ist auch bequemer. So bleibt auch das ganze Land schön still."(...)


auch wenn ich das als eine seltsam diffuse symptombeschreibung betrachte: die diagnosen des schweigens und der stille im angesicht des heranziehenden sturmes sind als eine aktuelle spezifisch hiesige art des wegduckens tatsächlich weit verbreitet, unterbrochen nur von den offiziellen durchhalteparolen alá steinbrück. das heisst, manchmal verirren sich auch realistische
wetterberichte in die mediale öffentlichkeit:

(...)"SAP-Mitbegründer Hasso Plattner blickt für seinen Konzern pessimistisch in das neue Jahr 2009. "Schlimmer als schlechte Aussichten sind gar keine. Es herrscht totaler Nebel. Wir haben keine Ahnung mehr, wie es weitergeht"(...)

keine ahnung haben, aber dann trotzdem - oder gerade - noch die unverzichtbare prävention:

(...)"Dennoch übte Plattner auch Kritik am neuerdings kapitalismusfeindlichen Klima - speziell in Deutschland: "Es gibt so eine Stimmung im Land, dass wir Kapitalismus eigentlich gar nicht mehr wollen, sondern was anderes, Netteres. Es existiert aber nichts Besseres, trotz vieler Schwächen und Schattenseiten des Systems", sagte Plattner."

die "eliten" schießen gerade häufiger wirklich schöne eigentore: kapitalismus = nicht nett. ja, so lässt sich das flapsig auch sagen. und weil dieses unnette system gerade für immer mehr hautnah spürbar wird, muss das TINA*-prinzip zur anwendung kommen. aber auch prinzipien können abnutzungserscheinungen aufweisen.

(*"there is no alternative", margaret thatcher)

*

wie sich die krise hierzulande vorwärts frisst: drei beispiele, die immerhin auch einige lektionen über die heutigen globalen ökonomischen zusammenhänge bereithalten. oder wissen Sie, wo Ihr
altpapier so landet?

(...)"Doch so jäh, wie die Bankenkrise über viele hereinbrach, so plötzlich fiel auch das Geschäft mit dem Recyclingmüll in sich zusammen. Von Oktober auf November sank der Preis um 40 Prozent, inzwischen bekommen Papierhändler nicht mehr als zehn Euro für eine Tonne. "Wir bekommen die Krise mit voller Wucht zu spüren", sagt Jörg Lacher vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung. Vor allem die plötzlich nachlassende Nachfrage aus China und Indien lasse die Preise dramatisch purzeln."(...)

sieh an, die vorzeigeländer kapitalistischer entwicklung in asien - was sogar stimmt, wenn man die aussage eingrenzt: entwicklung für ganz wenige.

nun mag altpapier für viele nicht gerade ein existenzielles gut sein, ganz im gegensatz zu
getreide:

(...)"Viele Bauern in Deutschland sind in diesem Herbst wegen der Finanzkrise auf großen Teilen ihrer Getreideernte sitzen geblieben. Die Landhandelshäuser hätten den Landwirten nicht wie sonst die Ernte im großen Stil aufgekauft, weil die Kredite dafür fehlten, sagte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner der Deutschen Presse-Agentur. "Das ist alles auf Kredit finanziert." Dabei sind die Lager weltweit so leer wie seit Jahrzehnten nicht: Dort lagern laut Sonnleitner nur Getreidereserven für etwa zwei Monate.

Erstmals hatte es heuer überhaupt wieder eine der Nachfrage entsprechende Ernte gegeben, nachdem in den Vorjahren immer wieder von den Vorräten gezehrt werden musste. "Die Versorgungslage ist weltweit knapp", warnte Sonnleitner.

Die Situation am Getreidemarkt werde sich im kommenden Jahr weiter zuspitzen. Denn wegen der - wie auch bei anderen Rohstoffen - gesunkenen Preise fehle es den Bauern an Geld für Düngemittel. „Es wird weltweit dermaßen an Düngung gespart und der Anbau von Getreide eingeschränkt, dass wir 2009 eine enorme Minderernte haben werden.“ Die diesjährige Ernte liege inzwischen vielfach immer noch auf den Höfen."(...)


was dann wiederum die stadtbevölkerung zunächst(!) nicht so interessieren mag - wer bspw. in
duisburg lebt, sieht vor einem eventuellen brotmangel erstmal anderen sorgen entgegen:

(...)"Der Regierungspräsident hat die Regie über den städtischen Haushalt übernommen. Gestern erläuterte Regierungspräsident Jürgen Büssow den Kommunalpolitikern sein weiteres Vorgehen. Ohne seine Zustimmung darf die Stadt (mit Ausnahme der Pflichtaufgaben, die allerdings auf ihre Verpflichtung überprüft werden) kein Geld mehr ausgeben. Nach seinen Berechnungen wird die Stadt bereits 2009 ihre letzten Rücklagen aufgebraucht und bis 2012 einen Schuldenberg von fast 350 Millionen Euro aufgehäuft haben. Alle laufenden Sparbemühungen der Stadt reichen nach seinen Einschätzung nicht aus, so dass bis 2013 zusätzlich 100 Millionen Euro eingespart werden müssen – pro Jahr."(...)

mit anderen worten: duisburg hat jetzt eine art insolvenzverwalter vorgesetzt bekommen, und dessen bestrebungen lassen nichts gutes erahnen:

(...)"Gleichzeitig fordert die Bezirksregierung „kostendeckende Gebühren“ und die Anhebung kommunaler Steuern – eine Maßnahme, die bei Oberbürgermeister Adolf Sauerland auf energischen Widerstand stieß. „Gerade Unternehmen, die sich hier ansiedeln wollen und viele Arbeitsplätze schaffen, schrecken wir so wieder ab.“ So habe man auch Multi Development aus Düsseldorf nach Duisburg holen können, obwohl die Gewerbesteuer hier höher liege.

Auch die Forderung nach weiterem Personalabbau bei der Stadt stieß bei Sauerland auf wenig Gegenliebe. „Ich möchte nicht die Verantwortung für ein totes Kind übernehmen wie in Bremen, nur weil bei den Mitarbeitern für den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) gespart wird“, so der OB."(...)


und dann noch eine floskel, die uns in den nächsten jahren zu den ohren herauskommen wird:

"In Duisburg müsse man in den nächsten vier Jahren „den Gürtel noch enger schnallen und den Haushalt konsolidieren.“

vielleicht erinnern Sie sich noch an die information aus den news nr. 12, wo es hieß, dass sich 18 städte aus nrw mit einer art hilfsappell bezgl. ihrer finanziellen situation an die öffentlichkeit gewandt haben? da im obigen artikel faktisch nichts zu den gründen für den duisburger quasi-bankrott gesagt wird, drängt sich der verdacht auf, dass es sich dabei auch um die folgen des sog.
cross-border-leasings handeln könnte. in diesem fall könnte in den kommenden monaten eine neue parole ihren weg gehen: duisburg ist überall.

*

aber ach, ich höre schon einige leserInnen schimpfen - "unbegründeter pessimismus! schwarzmalerei!" okay, speziell für Sie habe ich da die mutmachende
neujahrsansprache unserer aller kanzlerin. ähm, da muss etwas durcheinander gekommen sein - das ist authentisch und war so nicht vorgesehen. fiktionen braucht das land, aber keine fiktionale authentizität.

*

überhaupt, all diese
ansprachen, die jetzt dazu auffordern, zur besinnung zu kommen:

(...)"Nicolas Sarkozy spricht davon, dass die Krise den Franzosen auch vor Augen führen könne, was wirklich wichtig sei im Leben. Der britische Premier Gordon Brown appelliert in einer Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede an die moralische "Charakterstärke und innere Festigkeit", die den Briten in Zeiten der Krise immer schon zugewachsen sei. Die deutschen Bischöfe rufen in ihren Weihnachtsbotschaften angesichts der Finanzkrise zu einer "Rückbesinnung auf nicht materielle Werte" auf. Papst Benedikt XVI. sieht in der Krise die Chance, die Werte neu zu erfahren, für die Weihnachten stehe - "Wärme, Einfachheit, Freundschaft und Verbundenheit". In Dubai übrigens predigten die Imame in der vergangenen Woche ebenfalls von einer Rückkehr zu den alten Werten, in diesem Falle freilich denen des Islams, die "Verrohung der Sitten" in Zeiten des Booms müsse einer Rückbesinnung auf das gottgefällige Leben, auf die traditionellen Werte des Islams weichen."

sollten all diese triefenden appelle tatsächlich einen realen kern enthalten?

"Der Freiraum, der hier beschworen wird, verdankt sich einer ganz substantiellen, nicht zu denunzierenden Sehnsucht. Einer Sehnsucht danach, dass der Markt sich nicht mehr als "ständiges ökonomisches Tribunal aufspreizt" (wie es Foucault schon in den siebziger Jahren formulierte), ein Tribunal, vor dem sich gefälligst all unser Handeln zu verantworten habe. Eine Sehnsucht danach, dass es ein Ende haben möge mit der ideologischen Überprägung des Kapitalismus, dem heilsbringerischen Gerede, man habe sich selbst nur endlich als Ich-AG mit enggeschnalltem Gürtel und die Gesellschaft als totales Profitcenter zu organisieren, dann werde alles gut. Eine Sehnsucht danach, so schlicht und verschwommen das klingen mag, aufrecht, weniger gehetzt durchs Leben zu gehen, frei von der Zwangsherrschaft der Arbeit.(...)

Aber wahrscheinlich steckt hinter solchen Sehnsüchten auch eine Ahnung um die zermürbenden Nebenwirkungen unserer Leistungsethik. Der Soziologe Alain Ehrenberg hat in seinem Buch "Das erschöpfte Selbst" herausgearbeitet, wie sich das freiheitliche Versprechen der Selbstverwirklichung hinter dem Rücken der so wunderbar Selbstverwirklichten schleichend in einen dämonischen Zwang verwandelte: Indem das authentische Selbst umfunktioniert wurde zum produktiven Motor all unseren Handelns, ist die Erschöpfung vorprogrammiert. "Seien Sie besonders, oder Sie werden ausgesondert!"(...)


dann wäre tatsächlich ein grundsätzlicher optimismus angesagt - falls sich zusammenhänge wie oben skizziert nicht nur in diffusen, sondern in nachhaltigen zuständen emotionaler vernunft bei vielen menschen manifestieren würden. aber das ist zur zeit nur ein wunsch. dazu kommt noch, dass es schwer zu erkennen ist, dass es sich bei den erwähnten anforderungen eher um simulationen des authentischen handelt - ein authentisches selbst zu leben, bedeutet in und für dieses system heute den größten anzunehmenden störfaktor.

*

der eine weiter oben zitierte konzernboss hat keine ahnung mehr, wie es weitergeht - aber auch waschechte bankster stochern im
nebel:

„Ich verstehe selbst nicht, warum wir Banker uns immer noch kein Geld leihen.“

mysterien überall, ihr eigenes system ist ihnen vollends zum rätsel geworden. und banker wären momentan also lieber kantinenpersonal. aber wer möchte sich schon von zwielichtigen gestalten bedienen lassen?

*

soweit eine eher zufällige sammlung von stimmen, stimmungen und zuständen aus diesem land, die Sie hoffentlich für ebenso aufschlußreich halten wie ich. und wie schon öfter in der reihe hier ausgeführt: wenn sich diese krise tatsächlich als grundsätzlicher und von strukturellerer art als bisherige zyklische krisen herausstellen sollte, wonach es nach meinem eindruck eben auch aussieht, bietet das ganz ernsthaft wirklich chancen und kann neue räume öffnen. auch, wenn unsere kollektiven und individuellen psychophysischen voraussetzungen dafür, diese räume positiv nutzen zu können, bei realistischer betrachtung eben nicht besonders gut erscheinen. aber ich finde die these von möglichen evolutionären spüngen in diesem zusammenhang recht tröstlich.

und vor diesem ambivalenten hintergrund abschließend ein paar blicke ins sog. ausland. zunächst die vorstellung einer wissenschaftlichen feldforschung aus den usa, die einige hinweise darauf gibt, wie eine
posttraumatische ökonomie funktionieren kann:

"Unter dem Schutz des Gangsterbosses J.T. studierte der Soziologe Sudhir Venkatesh jahrelang die Ökonomie des Chicagoer Untergrundes. Er hospitierte bei den örtlichen Drogendealern - und stellte fest: Sie sind so gut organisiert wie Mittelständler.(...)

Mit Sozialromantik hat das wenig zu tun. Vielmehr beschreibt Venkatesh ein System von Regeln, Standards und rationalen Verhaltensweisen, mit deren Hilfe sich die Außenseiter der Gesellschaft über Wasser halten. Im Chicagoer Ghetto sind das in erster Linie Afroamerikaner. In der Welt der Weißen haben sie kaum eine Chance, aber ihre Untergrund-Ökonomie ist ein wohlorganisierter, vielfältiger Mikrokosmos.

Strafbare Handlungen wie Drogenhandel, Prostitution und Diebstahl gehören ebenso dazu wie Arbeiten, die legal sind, aber eben "außerhalb der Bücher" stattfinden, wie Babysitten, Haareschneiden und Taxidienste. Das Angebot stellt sich hochflexibel auf wechselnde Bedarfe ein: "Im Handumdrehen werden Prediger Friseure, Sänger Nachhilfelehrer, Barmänner Hilfsmechaniker", beobachtete Venkatesh.

Die Mängel des Systems liegen auf der Hand, aber es funktioniert: Über 90 Prozent der Bewohner in den Hochhausburgen waren arbeitslos. Gleichwohl ging im Chicagoer Süden jeder seinen Geschäften nach. Selbst die Obdachlosen suchten sich ihre Schlafstellen mit System aus - indem sie vor Geschäften und in leerstehenden Häusern campierten, fungierten sie als Nachtwächter und bekamen dafür ein paar Dollar.

Da in den Vierteln der Armen Geld ein chronisch knappes Gut ist, spielt Tauschwirtschaft eine bedeutende Rolle. Die Putzfrau, die nebenbei einen kleinen illegalen Catering-Service betreibt, entlohnt den ebenfalls schwarzarbeitenden Elektriker mit kostenlosen Mittagessen. Der Automechaniker nimmt gebrauchte Handys in Zahlung. Ein Obdachloser, der bei seiner Cousine einzieht, stellt statt Mietbeteiligung sein Auto zur Verfügung. Eine Prostituierte vertreibt gelegentlich Drogen für die Gang, damit sie bei Problemen mit Freiern um Schutz nachsuchen kann.

Öffentliche Güter wie Sicherheit und die Garantie von Eigentumsrechten sind knapp; Korruption, Gewalt und Ausbeutung gehören zum Alltag. Schließlich ist ein großer Teil der Geschäfte illegal, und die Polizei kümmert sich kaum um die Probleme der Slumbewohner. Die Ordnungsfunktion übernehmen andere, vor allem Pastoren, die dafür eine Spende erwarten."(...)


ich möchte nicht unken, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es hier und in europa generell in den nächsten jahren gleichfalls gebiete geben wird, in denen etliches von den beschriebenen zuständen realität ist - und damit meine ich nicht die schon existierenden elendszonen vor allem in osteuropa. in einer rezension des gleichen buches in der "taz" fand sich übrigens auch ein vergleich der ghetto-ökonomie bzw. der rolle der ghetto-elite mit dem handeln transnationaler konzerne. ich muss wohl nicht ausführen, was damit gemeint ist.

*

und was gibt´s noch so? in italien wird öffentlich und offiziell die wahrscheinlichkeit für einen
staatsbankrott verhandelt; in großbritannien geht´s jetzt dem einzelhandel und etlichen ketten an den kragen :

(...)"Die Menschen standen Schlange, um die besten Schnäppchen zu erhalten und die Preise auszuhandeln. Woolworth muss trotzdem ein Viertel seiner Häuser schließen, andere Ketten folgen oder sind bereits gefolgt, die Preise sollen weiter fallen, die Verluste steigen. Ende des nächsten Monats dürfte jedes zehnte Geschäft in den Einkaufsstraßen der Städte leer stehen, wird gewarnt. Die Schulden der Geschäfte und Ketten steigen, die Gewinne sinken."(...)

während die situation in griechenland wieder völlig aus den schlagzeilen verschwunden ist, kommen gerade von dort wirklich nachrichten, die
mut machen:

(...)"Gemeindegebäude und Rathäuser wurden in ganz Athen besetzt und überall in Athen und Thessaloniki gibt es mittlerweile offene Plena von Bürger_innen, „Popular Assemblies“. Einer der positivsten Aspekte der Revolte wird nun deutlich: Die Leute nehmen sich ihr Leben zurück, Straße für Straße, Platz für Platz, Viertel für Viertel. Es geht jetzt nicht um den Sturz der Regierung, um „offene Rechnungen“, um diffuse Forderungen, irgendwelche Rechtfertigungen. Die Leute auf der Straße fordern nichts; sie besetzen, sie organisieren sich,, sie wissen, dass es keinen Weg zurück zur Normalität gibt, das diese Normalität zu bekämpfen eine Frage von Leben oder Tod ist."(...)

und es geht auch um ganz konkreten
widerstand gegen das ganz normale kapitalistische alltagsgeschäft:

(...)"Gegen 13 Uhr besetzten rund 100 AnarchistInnen und andere linke und linksradikale Personen die Zentrale der Athener Verkehrsgesellschaft (ISAP), (vergleichbar der BVG in BERLIN) um gegen den Säure-Angriff auf die Gewerkschafterin Constandina Couneva vom 23.12.08, die miesen Arbeitsbedingungen des Subunternehmens IKOMET, die Couneva beschaeftigt und der ISAP, die Subunternehmen wie IKOMET mit der Reinigung ihrer U-Bahnhoefe beauftragt, zu protestieren."(...)

da gibt´s für alle hoffenden hier eine ganze menge zu lernen.

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