Samstag, 19. November 2005

notiz: sprachlos

vielleicht werfen Sie vor den nächsten sätzen nocheinmal einen blick hierauf, um ein gefühl für die verbreitung gewisser wahrnehmungsarten, die gewisse handlungsarten erst möglich machen, zu bekommen.

und jetzt setzen Sie sich besser gut hin - nicht nur ich bin bei der folgenden meldung kurzzeitig total fassungslos geworden:

es geht um die gesetzlichen regelungen für versuche mit pestiziden - keine medikamente - an menschen in den usa, zu denen in einem tp-artikel heute folgendes zu lesen ist:

"Menschenversuche werden nach Recherchen von Frontal21 bei Pestizidherstellern immer beliebter. Im Auftrag von Bayer etwa wurde Versuchspersonen in Holland ein radioaktiv versetztes Insektizid auf die Haut aufgetragen. Andere Versuchspersonen inhalierten das Insektizid Cyfluthrin - es findet sich etwa in dem Insektenspray Blattanex von Bayer."

in den usa ergab sich folgende entwicklung:

"Die Umweltbehörde akzeptiert nach heftigen Diskussionen seit 1998 keine von der Industrie finanzierten Forschungsergebnisse mit Versuchen an Menschen mehr. Die Vorteile solcher Tests an Menschen sind, dass keine Versuche an Tieren notwendig sind und die Einschätzung des Risikopotenzials genauer ist. Bei Tierversuchen muss berücksichtigt werden, dass diese weniger empfindlich für bestimmte Pestizide sein könnten. Der Sinn der Tests an Menschen für die Industrie ist einerseits Kostenersparnis und andererseits die Chance, die Grenzwerte hochsetzen zu können. Gegen die Entscheidung, Tests an Menschen nicht mehr zur Beurteilung zuzulassen, hatten die Pestizidhersteller 2002 Beschwerde eingelegt, nachdem die Umweltbehörde unter der neuen Bush-Regierung bereits an die National Academy of Sciences gewandt hatte, um das Verbot wieder zu lockern. Das Berufungsgericht entschied 2003, die EPA dürfe nur dann Ergebnisse der von der Industrie finanzierten Forschung zurückweisen, wenn sie für Versuche an Menschen klare Richtlinien vorgibt. Eine solche Richtlinie hat nun die EPA im September im Kontext von Pestizid-Tests veröffentlicht."

und das, was ist in diesen richtlinien offensichtlich enthalten ist, ist mit dem begriff "perfide" nur unzureichend beschrieben:

"Was eigentlich erst einmal ziemlich eindeutig klingt, erweist sich dann doch eher als Regelwerk zur Öffnung von Ausnahmen für das angeblich strikte Verbot, Tests an schwangeren Frauen und Kindern durchzuführen. Dabei werden Schutzmaßnahmen, die ansonsten für die medizinische Forschung vorgeschrieben sind, weit unterlaufen. So heißt es beispielsweise, dass der Independent Review Board (IRB) bei Kindern (unter 18 Jahren) überprüfen muss, ob die Zustimmung dieser zu den Tests erfolgt ist. Wenn aber "die Fähigkeit einiger oder aller Kinder so beschränkt ist, dass (man) sie nicht vernünftig befragen kann … so ist die Zustimmung der Kinder nicht zwingend für die Fortführung der Forschung." Doch selbst bei Kindern, die ihre Zustimmung geben könnten, wären Ausnahmen möglich. Zustimmen müssten auch die Erziehungsberechtigten. Bei Eltern würde es auch reichen, wenn nur ein Elternteil zustimmt."

aufgeweichte gesetzliche bestimmungen, wie sie in allen möglichen bereichen so zu finden sind also. deutlich bereits hier ein schwächerer status von kindern. das ist aber nicht alles:

"Es sind aber noch weitere Ausnahmen vorgesehen. So sollen Tests an Kindern oder Menschengruppen erlaubt sein, für die die Zustimmung der Eltern oder des Vormunds keine "vernünftige Anforderung für den Schutz der Versuchspersonen" darstellen. Als Beispiele werden "vernachlässigte oder missbrauchte Kinder" genannt."

ich lese einmal, stutze, ich lese zweimal, stutze wieder - und merke, wie die information dieser sätze sich sehr langsam mit ihrer vollen wucht als erkenntnis breit macht. was zum teufel steht da? steht da wirklich, dass irgendwelche bürokraten auf druck von konzernlobbys ernsthaft vorschlagen, vernachlässigte oder missbrauchte kinder als geeignete menschliche testobjekte für die wirkungen von schädlingsbekämpfungsmitteln zu betrachten? mit der "begründung", dass ja die (täter-)eltern dieser kinder sowieso nicht die geeigneten personen zum schutz derselben wären?

ja. genau das steht da.

haben Sie auch schon mal dran gedacht, einfach amok zu laufen, wenn die zumutungen der dingweltbewohner schier unerträglich werden?

"Vorgesehen ist auch, dass die Regeln für Tests, die außerhalb der USA durchgeführt werden, teilweise oder ganz ausgesetzt werden können. Danach können die Chemiekonzerne ihre Tests im Ausland durchführen lassen, wo es keine oder kaum Schutzmaßnahmen gibt. Die Ergebnisse würden dennoch anerkannt werden. Und wenn es sich um wissenschaftlich gültige, aber ethisch nicht korrekte Tests (ethically deficient) handelt, können diese herangezogen (werden), wenn die Umweltbehörde damit ihren Aufgaben nachkommen und beispielsweise Grenzwerte festlegen kann. Man würde dies auch gerne dann zulassen, wenn dabei schwangere Frauen und Kinder absichtlich Pestiziden ausgesetzt wurden."


sprachlos. hatte ich gestern von neidischen mafiosi geschrieben? nun, die eine mafia ist verboten.

notiz: weiteres zum heutigen umgang mit kindern

vielleicht haben Sie noch die worte des hier zitierten experten im kopf? das extreme vernachlässigung (und, so ist hinzuzufügen, auch offene gewalt) gegen kinder in der heutigen realität wesentlich verbreiteter ist, als es sich die meisten von uns vorstellen (oder auch eingestehen) können? einmal mit offenen augen durch die medialen welten gegangen, und Sie erhalten eine art chronik des terrors (ein anderes wort wäre eine verharmlosung) - alle meldungen sind von heute oder aus den letzten tagen:

"Berlin (ddp-bln) Beamte des Landeskriminalamts haben in einer Wohnung in der Schäferstraße in Spandau zwei vernachlässigte Kinder entdeckt. Die Jungen im Alter von drei und sieben Jahren seien unter «katastrophalen» hygienischen Zuständen untergebracht gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Auf den Fall aufmerksam geworden seien Mitarbeiter eines Krankenhauses. Dort sei der 45-jährige Vater der Kinder mit Schnittverletzungen erschienen, die er sich nach eigenen Angaben beim Basteln mit seinen Kindern zugezogen habe. Er habe behauptet, das sich eine Nachbarin um diese kümmere und das Jugendamt nicht informiert werden müsse.(...)"
19.11.2005

*

"Bexbach (ddp) Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken hat nach dem Tod eines zweieinhalb Monate alten Säuglings aus Bexbach Mordanklage gegen den Vater erhoben. Das teilte die Staatsanwaltschaft heute mit. Das Kind war Anfang Juli nach schweren Misshandlungen an einer Schädelfraktur mit schwerem Schädelhirntrauma gestorben.

Laut Anklage soll der 27-jährige Staplerfahrer sein Kind heftig geschüttelt, geschlagen und anschließend gegen einen Heizkörper geworfen haben. Der Säugling starb noch am selben Tag in einer Kinderklinik. Die Obduktion hatte ergeben, dass er schon in der Vorzeit häufig misshandelt worden war.(...)
Die Ermittlungen gegen die 23 Jahre alte Mutter des Kindes dauern nach Angaben der Staatsanwaltschaft noch an. Möglicherweise muss sie sich wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassung verantworten, weil sie von den fortdauernden Misshandlungen wusste, aber nicht dagegen einschritt."
17.11.2005

*

"Geseke (ddp-nrw) Nach dem Fund einer Babyleiche in Geseke (Kreis Soest) haben sich bislang keine Hinweise auf ein Gewaltdelikt ergeben. Bei der Obduktion des am Dienstag in einer Kühltruhe entdeckten Neugeborenen seien keine Anhaltspunkte für äußere Gewalt festgestellt worden, teilten die Kreispolizeibehörde Soest und die Staatsanwaltschaft Paderborn mit. Das männliche Baby habe bei der Geburt gelebt und sei offenbar kurze Zeit später gestorben.

Da sich zwischen den Aussagen der festgenommenen 33-jährigen Mutter und dem Ergebnis des Rechtsmediziners Widersprüche ergaben, sollte die Frau am Mittwochabend noch einmal vernommen werden. Anschließend werde entschieden, ob ein Haftbefehl gegen sie beantragt werde, hieß es.

Die Polizei hatte am Dienstag die Wohnung der Frau mit Leichenspürhunden durchsucht und dabei das tote Baby gefunden. Die Staatsanwaltschaft Paderborn ermittelt seit Ende vergangenen Jahres gegen die Frau, nachdem Hinweise auf eine möglicherweise abgebrochene Schwangerschaft beziehungsweise auf ein verschwundenes Baby eingegangen waren. Die allein erziehende Frau hat noch zwei weitere minderjährige Kinder, die durch das städtische Ordnungsamt bei Verwandten untergebracht wurden."
17.11.2005

*

"Bochum - Das am Donnerstag gestorbene Baby in Bochum ist absichtlich mit heißem Wasser verbrüht worden. Das hat der Lebensgefährte der Mutter am Freitag gestanden, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Er habe sich über das Geschrei des sieben Monate alten Jungen geärgert, sagte der 28-Jährige. Staatsanwalt Dieter Justinski berichtete, der arbeitslose Dachdecker habe außerdem zugegeben, das Kind schon im Alter von sechs Wochen so geschüttelt zu haben, dass es mit einem Oberschenkelbruch in die Klinik gebracht werden musste."

(...)

"Unterdessen wurde der Bochumer Polizei ein weiterer Fall von Kindesmisshandlung gemeldet. Im Stadtteil Wattenscheid wurde ein 24-jähriger Vater unter dem Verdacht festgenommen, seiner fünf Monate alten Tochter durch brutale Schläge schwere Striemen und Blutergüsse am Kopf beigebracht zu haben.

Nach den Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft hat es in der Familie, zu der noch ein zweijähriger Sohn gehört, schon früher Vorfälle häuslicher Gewalt gegeben."
18.11.2005 AP


die dokumentierten fälle von explizit sexualisierter gewalt gegen kinder habe ich aussen vorgelassen, weil sich die öffentliche wahrnehmung in den letzten beiden jahrzehnten wenigstens hier und zumindest etwas offener dem problem stellt.

ich kann die thesen von deMause zwar an einigen punkten kritisieren, finde jedoch in seinem weiter unten vorgestellten buch nach wie vor einen durch ganze berge von material überzeugend belegten schluß immer noch extrem niederschmetternd: das, was oben dokumentiert ist, stellte über jahrtausende quer durch fast alle kulturen weltweit die normalität des umgangs mit kindern dar! und seine these, dass bis heute innerhalb von gesellschaften auch dieser modus der kinder"erziehung" zusammen mit fortgeschritteneren existiert, macht vor dem hintergrund solcher meldungen wie oben wirklich sinn. ein tatsächlicher sozialer fortschritt lässt sich daran erkennen, dass zumindest ein teil der tatsächlichen gewaltereignisse inzwischen repressiv verfolgt wird, was wenigstens kurzfristig für die opfer eine wichtige schutzmaßnahme sein kann, aber ohne berücksichtigung der hintergründe keine echte verbesserung bewirken kann. dazu müssten wir in unserer absoluten mehrzahl erst selbst in der lage sein, realistisch wahrzunehmen - in einer historischen situation, in der sich als-ob-simulationen von sozialen beziehungen immer mehr breit zu machen scheinen (was sich als eine logische konsequenz des thematisierten gewalttätigen umgangs mit kindern interpretieren lässt), ist diese wahrnehmungsebene immer schwerer zu erreichen. aber das scheint sich mir als eine politische hauptaufgabe allererster priorität abzuzeichnen.

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