Mittwoch, 15. Februar 2006

kontext 20: mehr zur alexithymie

(das folgende lässt sich als ergänzung/fortsetzung dieses beitrags lesen.)

*

die zeit arbeitet in einem neuen artikel an der rehabilitation der gefühle, in dem sich u.a. diese behauptung findet:

"Entscheidungen ohne Gefühle gibt es gar nicht. Der Homo oeconomicus, der die Alternativen rein rational abwägt, erweist sich als Fiktion der klassischen Wirtschaftstheorie."

jein. wer sich mit phänomenen wie dem autismus, der klassischen psychopathie und eben auch der alexithymie näher beschäftigt, könnte sehr wohl zu dem schluß kommen, dass es sich hier um versuche zur angleichung an das "ideal" des "homo oeconomicus" handelt (oder aber das modell des "homo oeconomicus" nach den primären strukturellen eigenschaften der genannten störungen konstruiert ist...) - genau diese befürchtung (nicht nur von mir) war ja bereits öfter thema hier. ich hätte mir gewünscht, das das thema der simulation von gefühlen nicht so vollständig unter den tisch fällt.

und hätte sich der autor mal genauer diesen - von ihm selbst oder der redaktion - verlinkten artikel angeschaut, so hätte er selbst entsprechende schlüsse ziehen können. eine art populäre einführung ins thema alexithymie, etliches ist bereits im älteren blogartikel dazu erwähnt - einiges jedoch verstärkt ganz persönliche spekulationen meinerseits:

"Bislang haben Wissenschaftler nur Vermutungen, warum manche Menschen so schlecht mit Gefühlen zurechtkommen. Die beiden plausibelsten: Entweder haben sie es als Kind nie gelernt, oder sie haben es wegen eines traumatischen Erlebnisses wieder verlernt."

man(n) braucht nicht professionell wissenschaftlich tätig zu sein, um mit ein wenig nachdenken selbst darauf zu kommen. und auch darauf, dass das in einem widerspruch zur folgenden behauptung steht:

»Alexithymie ist keine Krankheit, sondern ein gleichmäßig in der Bevölkerung verteiltes Persönlichkeitsmerkmal«, stellt Harald Gündel klar. »Es gibt Menschen, die mit Gefühlen gut umgehen können, und eben welche, die damit schlecht umgehen können.«

das erinnert nicht zufällig an die hier im ersten blogbeitrag zum thema dokumentierte behauptung, dass die alexithymie deswegen keine krankheit sei, weil sie den erfordernissen einer modernen industriegesellschaft ganz gut entsprechen würde. und wieder drängt sich der eindruck auf, dass ein durch prä-, peri- oder postnatale traumatische (in einem weitgefassten sinne) einflüsse erzeugter defekt von einigen leuten unbedingt als quasi zufälliges "persönlichkeitsmerkmal" dargestellt wird - warum, wenn es sich denn bei den genannten wahrscheinlichen ursachen doch um deutlich krankheitswertige einflüsse handelt?

dazu geht es hier nicht um den "guten" oder "schlechten" umgang mit gefühlen, sondern um ihre schlichte wahrnehmung - erstaunlich unpräzise, diese behauptung eines professionellen.

"Manchmal kann es auch praktisch sein, emotionale Zwischentöne einfach zu überhören. Ein alexithymer Uhrenhändler aus Düsseldorf erzählt, dass er ein außergewöhnlich guter Verkäufer sei. Menschen, die schachern wollen, auf die Tränendrüse drücken oder etwas vom letzten Wunsch der Großmutter erzählen, haben bei ihm keine Chance - es perlt an ihm ab. Als ihm seine Frau allerdings neulich weinend erzählte, ein guter Freund sei gestorben, nahm er sie nicht etwa in den Arm und tröstete sie, sondern musste grinsen."

regelmässige leserInnen hier werden sich darüber ihre eigenen gedanken machen können, ebenso wie über folgendes:

"Manche Alexithyme könnten sich aber auch nach einem traumatischen Erlebnis abrupt ihren emotionalen Empfindungen und Wünschen verschlossen haben. Gefühlsblindheit wäre dann eine Anpassungsstrategie des Gehirns, die sie vor dem bewussten Erleben einer Flut negativer Gefühle bewahren soll. Dafür spricht die Entdeckung von Traumaforschern, dass selbst das Gefühlsleben von Erwachsenen noch erstarren kann, wenn sie etwa großer Brutalität ausgeliefert sind."

ich wünsche mir ja dringend forscherInnen, die sich die erkennbaren verbindungen zwischen den bereichen autismus - pränatale prägungen - persönlichkeitsstörungen - psychotraumatologie - sozioökonomische gesellschaftliche strukturen mal systematisch näher betrachten würden - aber es könnte natürlich passieren, dass das schwer verstörende ergebnisse bringen würde.

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