Montag, 26. Mai 2008

notiz: spaltungen in einer zeitungsredaktion

oder auch: wenn eine die hand nicht weiß, was die andere schreibt. diese metapher kam mir beim anblick einer rezension
in der "frankfurter allgemeinen" in den sinn, die nun thematisch - und zwar nicht nur wg. einer der seltenen öffentlichen erwähnungen von mertz´ borderline-buch - durchaus interessant ist:

(...)"In daseinsanalytischer Sicht, so schreibt Alice Holzhey-Kunz in ihrem sehr lesenswerten, zusammen mit Alfried Läpple verfassten Buch, steht die Parole "Lebe jetzt!" typischerweise für den Weltentwurf der Borderline-Persönlichkeit.

"Lebe jetzt!" ist, so gesehen, ein Ausdruck der Abwehrform der Spaltung, nicht zu verwechseln mit dem, was man unter Verdrängung versteht. "Wer verdrängt, lebt mit Erinnerungen und Erwartungen, welche die beiden Zeitdimensionen der Vergangenheit und Zukunft offenhalten. Die Spaltung hingegen lässt eine reine, von Vergangenheit und Zukunft abgeschnittene Gegenwart entstehen." Sie "bewirkt also ein Leben im ,Hier und Jetzt' und entpuppt sich unversehens als Ermöglichung eines heute viel gepriesenen Lebensideals, das Befreiung von den Belastungen und Entbehrungen verspricht, die Vergangenheit wie Zukunft der jeweiligen Gegenwart auferlegen".

Die Ratgeberliteratur fürs Leben im Momentanen schickt den Ratsuchenden also geradewegs in den Wahnsinn hinein. Sie verstärkt Facetten des Borderline-Syndroms, das im abrupten Ausleben von Impulsen erscheint, im unberechenbaren Wechsel von Idealisieren und Abmeiern anderer, in einem simulativen Selbstverhältnis, vollkommen blind fürs eigene übergriffige und rein instrumentelle Sozialverhalten: "Der plötzliche Umschlag von Idealisierung in radikale Entwertung einer anderen Person spiegelt die Fragilität des Gefühls der eigenen Stärke und Freiheit wider. Die Borderline-Persönlichkeit ist darauf angewiesen, dass die Umwelt ,mitspielt'. Wer sich von ihrem Machtanspruch nicht beeindrucken lässt, demonstriert damit eine Eigenmacht, die Angst auslöst und deshalb durch Entwertung verkleinert werden muss.(...)

Angesichts von Globalisierung, weltanschaulicher Beliebigkeit und Massenarbeitslosigkeit wird vom Einzelnen nicht mehr eine stabile Ich-Identität, sondern ,Flexibilität' gefordert, die darin besteht, sich mit beliebigen Anforderungen identifizieren zu können, ohne in innere Konflikte zu geraten." Diese neue Form der Anpassungsfähigkeit an sich stetig verändernde, schwer zu kalkulierende Bedingungen sei nur mittels Spaltung zu gewinnen, wie sie zur Symptomatik von Borderline-Persönlichkeiten gehört."(...)


ich frage mich bei solchen rezensionen immer, wie die feuilleton-redaktionen solcher bürgerlich-konservativen und keinesfalls kapitalismuskritischen zeitungen wie der "faz" eigentlich mit ihrer eigenen, berufsspezifischen spaltung klarkommen. in einem fall wie hier besprechen sie zustimmend bücher, die sich letztlich mit den folgen der von ihren kollegen im politik- und wirtschaftsteil propagierten "politik" beschäftigen. also, mich würde so eine situation mehr als ins grübeln bringen.

und wenn der herr geyer mal ins eigene archiv geschaut hätte, wäre ihm vielleicht auch noch der
hier zitierte artikel aufgefallen (der übrigens - leider! - sehr gut zum rezensierten buch passt):

(...)ich bin beim stöbern im netz auf einen artikel der frankfurter allgemeine vom 29.07.04 aufmerksam geworden, thema ist der "mensch nach hartz IV" - auzüge:

„Ökonomisch eigenverantwortlich betrachtet, zahlt es sich da für Langzeitarbeitslose und solche, die es werden können, nicht mehr aus, anders als im Augenblick und allein zu leben. (...) Alles Geld, das in einer ‚Bedarfsgemeinschaft‘ von Eltern, Kindern, Gatten oder Lebensgefährten verdient wird, geht von dem eigenen Anspruch ab. So kommen Ehen, Partnerschaften, Groß- und Kleinfamilien, Patchworkverhältnisse aller Art auf den Prüfstand (...). Das Familienmodell zahlt sich nur aus, wenn noch kleine Kinder im Spiel sind.“ (...) "Hartz IV fördert die zeitliche und räumliche Zersplitterung der Gesellschaft. Seine Zielvorstellung ist die Monade. Der Menschentypus, den Hartz IV favorisiert, ist der Einzelkämpfer, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat und weiter fortlaufend abbricht.“(...)


die autorInnen der "faz" könnten also wissen, was die u.a. von ihnen propagierte "politik" real anrichtet - "vollkommen blind fürs eigene übergriffige und rein instrumentelle Sozialverhalten". aber vielleicht huldigen sie ja ebenfalls dem motto "lebe jetzt", welches in der hier dargestellten interpretation durchaus nichts positives ist. und ein verbreitetes synonym für dieses motto lautet nicht umsonst:

"nach uns die sintflut"

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