assoziation: der umgang mit der krise in deutschland (3)
(zu den bisherigen teilen.)
*
die temperaturen steigen draußen in einem ähnlichen tempo, wie inzwischen fast täglich propagandistische nebelkerzen mit den hauptinhalten "es-wird-alles-nicht-so-schlimm-wir-haben-die-situation-unter-kontrolle-es-geht-wieder-aufwärts" unter die bevölkerungen ganzer ländern geworfen werden. zu einigen der gerade am meisten hierzulande verbreitesten konstrukte: die lüge vom angeblich positiven us-banken-stresstest; der fake vom deutschen export"aufschwung"; die simulation vom positiveren us-arbeitsmarkt. und zusammenfassend wird die situation von einer prominenten stimme aus dem off wie folgt bewertet:
"Die Politiker pumpen Billionen Euro und Dollar in die Wirtschaft, um der globalen Krise Herr zu werden. Alles umsonst, fürchtet Eric Hobsbawm, einer der wichtigsten Historiker der Gegenwart. Er hat Angst, dass der Kapitalismus sich über eine fürchterliche Katastrophe rettet."(...)
und ob diese katastrophe so eintreten wird, hängt nicht zuletzt maßgeblich von den reaktionen relevanter bevölkerungsmehrheiten rund um den globus ab - darum jetzt ein weiterer blick vor die haustür.
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in einem kommentar zu einem der songs in den letzten krisennews hat "argolis" folgendes angemerkt:
"Einige der Songs sind auch ganz nett, nur bei RoboZ - wenn die Rede ist von 'Parasiten', von 'menschlichen Schmarotzern' und das Ressentiment gegen das arbeitslose Einkommen gepflegt wird - wird mir eher übel."
ich greife diese kritik deshalb auf, weil sie direkt zu einigen zentralen punkten der bisherigen "krisenbewältigung" hierzulande führt - der öffentliche diskurs von der "gier einiger weniger schwarzer schafe" ist darin ebenso enthalten wie die dadurch potenziell im raum stehende unheilvolle trennung zwischem (bösen internationalen) "raffenden" und (guten deutschen) "schaffenden" kapital, die damit verbundene these vom "strukturellen antisemitismus" sowie die fragen danach, ob die krise erstens hierzulande in nennenswertem maße bestehende aggressions- und wutpegel steigern und zweitens bis zu ihrem ausbruch triggern kann (diese fragen dürften sich real auch größtenteils hinter der öffentlichen debatte zu den "sozialen unruhen" verbergen).
ich persönlich fand den text größtenteils spontan und emotional erstmal ansprechend, trotz wahrnehmung der erwähnten und sich durchaus aufdrängenden assoziationen. warum? wenn ich diese frage für mich zu beantworten versuche, komme ich zu folgenden schlüssen: erstens benennt er tatsächlich die ständig geleugnete realität einer existierenden klassengesellschaft, in der sich eine immer größer werdende spaltung der materiellen situation zwischen einer im verhältnis tatsächlich sehr kleinen schicht oben und einem größer werdenden unten auftut. zweitens wird die tatsache benannt, dass es tatsächlich konkrete täterInnen innerhalb der strukturen gibt (eine tatsache, die von einer breiten medialen koalition von leuten wie bspw. hans werner sinn bis hin zu teilen der radikalen linken bestritten wird - "es sind die anonymen systemzwänge". ich halte eine derartige argumentation für bestens geeignet, tatsächlich leute in scharen zu einer potenziellen faschistischen massenbewegung zu treiben. erstmal sehe ich einen grundsätzlichen widerspruch zwischen zwei - auch gerne in der linken - gebräuchlichen konstrukten: die "anonymen systemzwänge" (in gestalt der notwendigen profitakkumulation, der eigenen behauptung am markt etc.) beissen sich direkt mit der immer wieder gerne postulierten "(selbst)verantwortungsfähigkeit" "des" menschen, die für viele linke welt- und menschenbilder eine tragende rolle spielt.
wenn man aber diese "verantwortungsfähigkeit" ernstnimmt (ich tue das nur begrenzt, weil ich die nicht von vorneherein als irgendwie gegeben betrachte, sondern als potenzial bzw. option sehe, dessen manifestation direkt von den gesellschaftlichen verhältnissen und der jeweiligen förderung dieser option abhängig ist), so ist das bild des von kapitalistischen zwängen determinierten managers /bankers / unternehmers sehr fragwürdig - was zwingt diese leute schließlich dazu, in ihren positionen zu verharren, wenn sie aufgrund ihrer fähigkeit zum verantwortlichen handeln doch erkennen müssten, dass sie nicht nur andere existenziell gefährden, sondern langfristig auch sich selbst? (eine art tatsächlicher zwang ist nur bei klinischen soziopathen gegeben). sie könnten ja schließlich auch etwas ganz anderes aus ihrem leben machen (dafür gibt es übrigens auch ein paar wenige beispiele).
dann: die "anonymen systemzwänge" mögen ja strukturell durchaus vorhanden sein, aber trotzdem ist zu ihrer materiellen umsetzung in die realität das konkrete tun und lassen ganz konkreter personen notwendig - nicht der "zwang" zur rationalisierung und zur drückung der lohnkosten führt zu massenentlassungen und erwerbslosigkeit, sondern die entsprechenden beschlüsse und die unterschriften unter die kündigungen von wieder ganz konkreten personen. letztere mögen sich zwar auf die "zwänge" berufen, aber sie könnten ebensogut ja auch - zusammen mit der betroffenen belegschaft - nach mitteln und wegen suchen, eine ökonomie zu gestalten, die ohne die dem konkurrenz- und leistungsprinzip immanenten zwänge funktioniert. und auch hier führen die fragen zu den möglichen gründen, warum die sog. "führungspersönlichkeiten" bzw. "leistungsträger" letzteres i.d.r. nicht einmal in erwägung ziehen, direkt zur frage nach ihrer möglichen psychophysischen verfassung.
die genannten systemzwänge sind also nur dann ein relevanter faktor, wenn die handelnden personen aufgrund ihrer persönlichkeitsstruktur tatsächlich ebenfalls so determiniert sind, dass ihnen diese zwänge nicht als solche erscheinen, sondern als quasi "natürliche" und scheinbar alternativlose lebensbedingungen - und das macht es gerade in diesem fall aus meiner sicht noch notwendiger, sich mit den handelnden personen und erst recht mit ihrer isolierung von allen relevanten machtpositionen in politik & ökonomie zu beschäftigen - eine schlußfolgerung, die zwar aus anderen gründen, aber immerhin von anderen teilen der linken gleichfalls gezogen wird:
"Wann, wenn nicht jetzt fordern wir den Bruch mit dem System und den Verantwortlichen?
Weder wird das System des kapitalistischen Verwertungszwangs radikal hinterfragt, noch werden die Verantwortlichen in Politik, Medien und Wirtschaft benannt. Die Tietmeyers, Eichels, Steinbrücks, Merkels, die Asmussens oder die Issings und Ackermanns. Das sind sie. Sie sind die Verantwortlichen für das Desaster. Sie sind die Verantwortlichen aus Deutschland für die drastische Zunahme von Hunger, Elend und Vertreibung durch die Weltfinanzkrise. Sie müssen verschwinden. Und zwar alle. Wie hieß der Schlachtruf 2002 in Argentinien? "Que se vayan todos"! (Alle sollen abhauen)"
der bruch mit dem system und den verantwortlichen - das eine ist ohne das andere nicht schlüssig, nicht sinnvoll, und auch nicht zu haben.
*
und auch wenn man argumentiert, dass die jeweils handelnden personen aus den "eliten" letztlich ja nur austauschbare charaktermasken" darstellen würden, ändert das nichts an der notwendigkeit, ihnen direkt auch ihre persönlichen grenzen - und ihre endlichkeit - aufzuzeigen, notfalls auch in solchen formen, wie sie bspw. in der vergangenheit von günther anders für den fall eines "gesellschaftlichen notstands" skizziert worden sind - dazu kann doch auch das szenario aus dem text der "roboZ" zählen, in den entsprechenden wohnvierteln den "eliten" direkt auf den pelz zu rücken (was eh mehr sinn machen würde als die immer wiederkehrenden rituale der zerstörung von infrastruktur in gerade denjenigen vierteln, wo größtenteils die betroffenen der elitären "politik" wohnen - seien es nun banlieus oder auch, etwas anders gelagert, viertel wie kreuzberg und die schanze).
zu begriffen wie "parasiten" und "schmarotzern" habe ich nun durchaus eine deutliche position, und sehe es trotzdem analog dem text lieber, wenn denn solche begriffe denen zurückgegeben werden, die man inhaltlich treffend noch am ehesten damit belegen kann - und das sind natürlich nicht die erwerbslosen bzw. "hartzer", sondern das ganze antisoziale pack an der macht. will sagen: es gibt auch für mich grenzen der geduld und der verständnis- bzw. reflexionsbreitschaft und -fähigkeit, hinter der mächtige wut und der wunsch danach steht, dass bestimmte leute für ihre ständigen destruktiven aktionen in massendimensionen endlich auch spürbare und schmerzhafte konsequenzen erleiden sollen. und genau solche wünsche und auch die wut, die ich erstens für verständlich und zweitens auch für legitim halte, werden durch ermahnungen in richtung "unzulässiger" personalisierung von "anonymen systemzwängen" seitens bestimmter linker nicht nur ins leere laufen gelassen (wo sie sich selbstverständlich nicht verflüchtigen, sondern sich schlimmstenfalls gegen die eigene person wenden), sondern es werden damit gleichzeitig auch die nötigen psychophysischen prozesse blockiert, die als voraussetzung für späteres (zielgerichtetes und bewußtes) handeln grundsätzlich notwendig sind.
mit anderen worten: bei der notwendigen berücksichtigung der psychophysischen verfassung breiter bevölkerungskreise in diesem land ist jede art von verbot, antikapitalistische impulse und ressentiments auch in personalisierter form zu empfinden, eine fatale und geradezu suizidale dummheit. die meiner meinung nach auch nicht unmaßgeblich in den 1920ger und 30ger jahren seitens der damaligen linken mit zum aufstieg des faschismus beigetragen hat. wer an strukturell mehr oder weniger psychophysisch geschädigte menschen ansprüche hinsichtlich (selbst-)reflexionsfähigkeiten und einsicht in strukturelle gegebenheiten stellt, die diese vorläufig nicht erfüllen können und dazu noch keinen begriff von der elementaren und existenziellen aggression besitzt, die das leben in sich selbst als "zivilisiert" bezeichnenden kapitalistischen gesellschaften mit ihrer ständigen tabuisierung so ziemlich jeglicher - auch positiver und nötiger - aggression ständig produziert, hat eine der wesentlichen lektionen des faschismus schlicht nicht verstanden. die nazis haben nämlich genau mit diesem potenzial erfolgreich "politik" gemacht.
es gilt dabei auch, die enge innere verwandtschaft zwischen depression und aggression (die erstere begreife ich als verwandelte letztere) zu beachten, die unseren "eliten" durchaus bekannt ist und bisher erfolgreich dazu benutzt wird, um zb. das potenziell revolutionäre potenzial der erwerbslosen mittels ständiger öffentlicher stigmatisierungen und demütigungen bis in den tod ruhigzustellen. eine linke, die sich - meiner meinung teils aus mittelklassenbedingter harmoniesucht - weigert, die realität des klassenkampfes zu begreifen und sich entsprechend klar und deutlich zu äussern, macht sich an dieser stelle der mittäterschaft schuldig.
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struktureller antisemitismus: selbst, wenn viele der derzeit aufälligen us-banken und auch manager aus dem finanzbereich jüdische namen tragen mögen - wen interessiert das eigentlich wirklich ausser leuten, die zwanghaft nach zusammenhängen suchen, die am kern des problems vorbeigehen? es ist sachlich schlicht und einfach irrelevant. und den leuten, die sich aus zufälligen religiösen hintergründen selbst verschwörungstheorien basteln, muss konsequent sowohl ihre eigene gestörte logik als auch die realität des treibens des meistens als gegenpol glorifizierten "deutschen" kapitals vor augen geführt werden, welches kein stück besser oder anders agiert als die geschmähte "jüdische us-ostküste". für diese notwendigen maßnahmen jedoch sehe ich nicht, dass abstriche bei der gleichfalls nötigen benennung konkreter verantwortlicher gemacht werden müssen - ganz im gegenteil sehe ich eine realitätsgerechte aufklärung als antidot zumindest für diejenigen an, die aufgrund ihrer eigenen psychophysischen dispositionen, aber auch aufgrund der schwer verständlichen komplexität der krise anfälliger als andere für die entsprechenden reduktionistischen (ein wesentliches merkmal des antisemitismus) konstrukte von rechtsaussen sind.
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und das letzte stichwort des "arbeitslosen einkommens": hier bleibt mir nur zu sagen, dass die benennung der tatsache der fundamentalen ungerechtigkeit des zustands, dass wiederum einige wenige von der ausbeutung der arbeitskraft der vielen, die sich selbst am markt zur bloßen existenzsicherung verkaufen müssen, profitieren, aus meiner perspektive erstmal nichts mit der durchaus wünschenswerten entkoppelung von (lohn)arbeit und materieller existenzsicherung zu tun hat. eher sehe ich hier schon die besondere und fragwürdige glorifizierung von schwerer körperlicher arbeit berührt, wie sie in deutschland trotz wesentlich veränderter bedingungen (incl. eines realen bedeutungsverlustes gerade dieser art von arbeit) eine lange und schlechte tradition besitzt.
klaus theweleit hat in seinen "männerphantasien" zu dieser besonderen - und im naziuniversum auf die spitze getriebenen - fetischisierung dieser besonderen art arbeit einige aspekte herausgearbeitet, die aus meiner sicht bis heute relative gültigkeit besitzen: vor dem hintergrund des weiter oben angesprochenen ständig produzierten aggressionspotenzials in dieser gesellschaft, dessen bloße existenz zu erwähnen bereits vielfältig tabuisiert ist, stellt(e) körperliche arbeit einen der wenigen erlaubten und sogar erwünschten wege der psychomotorischen abfuhr der im genannten potenzial gebundenen energien dar (ein anderer ist bis heute die sportliche betätigung).
das hat aus sicht der "eliten" gleich zwei wünschenswerte konsequenzen: einmal stabilsiert diese abfuhr das gesamte gesellschaftliche gefüge, zum anderen aber lässt sie sich selbstverständlich profitabel nutzen. mit dem zunehmenden verschwinden dieser art der arbeit primär durch automatisierung haben sich die "eliten" also aller wahrscheinlichkeit selbst ein ei ins nest gelegt, welches vermutlich zu argen verdauungsstörungen führen wird bzw. schon führt, wenn man diesen aspekt mal in zusammenhang besonders mit dem verhalten erwerbsloser junger männer betrachtet.
neben der identitätskonstruktion mittels (lohn-)arbeit wäre das also der zweite - und mit dem ersten funktional zusammengehörige - punkt, der bei der betrachtung der bedeutung von "arbeit" in deutschland eine wichtige rolle spielt. er erklärt einerseits die zu beobachtende traumatische wirkung von erwerbslosigkeit bei vielen menschen mit, andererseits aber auch die bisher primär zunehmende depression bei den betroffenen, die jedoch unter bestimmten bedingungen in relativ wahllose und destruktive aggression umschlagen kann (wenn übrigens der worst case eines krieges zwecks "rettung" des systems eintreten sollte, so wird er psychophysisch primär aus dieser quelle mit den nötigen aggressionen gespeist werden).
ich kann mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, dass die verfasser des textes ihre zeilen vor diesem hintergrund geschrieben haben; eher verstehe ich die entsprechenden passagen in dem sinne, wie ich ihn oben eingangs zu diesem abschnitt skizziert habe. ich arbeite unter miesen bedingungen zu einem miesen lohn, während andere direkt davon profitieren und sich ein leben im überfluss (zu allem auch noch allgemein schädlichen überfluss) gestatten? fuck you!
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soweit also anhand des userkommentars einige weitere anmerkungen zum krisenumgang hierzulande. und so wie es aussieht, werden weitere teile in dieser reihe folgen, zumal ich ein paar weitere aus meiner sicht relevante punkte (bspw. den einfluss des fernsehens) noch nicht mal erwähnt habe.
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die temperaturen steigen draußen in einem ähnlichen tempo, wie inzwischen fast täglich propagandistische nebelkerzen mit den hauptinhalten "es-wird-alles-nicht-so-schlimm-wir-haben-die-situation-unter-kontrolle-es-geht-wieder-aufwärts" unter die bevölkerungen ganzer ländern geworfen werden. zu einigen der gerade am meisten hierzulande verbreitesten konstrukte: die lüge vom angeblich positiven us-banken-stresstest; der fake vom deutschen export"aufschwung"; die simulation vom positiveren us-arbeitsmarkt. und zusammenfassend wird die situation von einer prominenten stimme aus dem off wie folgt bewertet:
"Die Politiker pumpen Billionen Euro und Dollar in die Wirtschaft, um der globalen Krise Herr zu werden. Alles umsonst, fürchtet Eric Hobsbawm, einer der wichtigsten Historiker der Gegenwart. Er hat Angst, dass der Kapitalismus sich über eine fürchterliche Katastrophe rettet."(...)
und ob diese katastrophe so eintreten wird, hängt nicht zuletzt maßgeblich von den reaktionen relevanter bevölkerungsmehrheiten rund um den globus ab - darum jetzt ein weiterer blick vor die haustür.
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in einem kommentar zu einem der songs in den letzten krisennews hat "argolis" folgendes angemerkt:
"Einige der Songs sind auch ganz nett, nur bei RoboZ - wenn die Rede ist von 'Parasiten', von 'menschlichen Schmarotzern' und das Ressentiment gegen das arbeitslose Einkommen gepflegt wird - wird mir eher übel."
ich greife diese kritik deshalb auf, weil sie direkt zu einigen zentralen punkten der bisherigen "krisenbewältigung" hierzulande führt - der öffentliche diskurs von der "gier einiger weniger schwarzer schafe" ist darin ebenso enthalten wie die dadurch potenziell im raum stehende unheilvolle trennung zwischem (bösen internationalen) "raffenden" und (guten deutschen) "schaffenden" kapital, die damit verbundene these vom "strukturellen antisemitismus" sowie die fragen danach, ob die krise erstens hierzulande in nennenswertem maße bestehende aggressions- und wutpegel steigern und zweitens bis zu ihrem ausbruch triggern kann (diese fragen dürften sich real auch größtenteils hinter der öffentlichen debatte zu den "sozialen unruhen" verbergen).
ich persönlich fand den text größtenteils spontan und emotional erstmal ansprechend, trotz wahrnehmung der erwähnten und sich durchaus aufdrängenden assoziationen. warum? wenn ich diese frage für mich zu beantworten versuche, komme ich zu folgenden schlüssen: erstens benennt er tatsächlich die ständig geleugnete realität einer existierenden klassengesellschaft, in der sich eine immer größer werdende spaltung der materiellen situation zwischen einer im verhältnis tatsächlich sehr kleinen schicht oben und einem größer werdenden unten auftut. zweitens wird die tatsache benannt, dass es tatsächlich konkrete täterInnen innerhalb der strukturen gibt (eine tatsache, die von einer breiten medialen koalition von leuten wie bspw. hans werner sinn bis hin zu teilen der radikalen linken bestritten wird - "es sind die anonymen systemzwänge". ich halte eine derartige argumentation für bestens geeignet, tatsächlich leute in scharen zu einer potenziellen faschistischen massenbewegung zu treiben. erstmal sehe ich einen grundsätzlichen widerspruch zwischen zwei - auch gerne in der linken - gebräuchlichen konstrukten: die "anonymen systemzwänge" (in gestalt der notwendigen profitakkumulation, der eigenen behauptung am markt etc.) beissen sich direkt mit der immer wieder gerne postulierten "(selbst)verantwortungsfähigkeit" "des" menschen, die für viele linke welt- und menschenbilder eine tragende rolle spielt.
wenn man aber diese "verantwortungsfähigkeit" ernstnimmt (ich tue das nur begrenzt, weil ich die nicht von vorneherein als irgendwie gegeben betrachte, sondern als potenzial bzw. option sehe, dessen manifestation direkt von den gesellschaftlichen verhältnissen und der jeweiligen förderung dieser option abhängig ist), so ist das bild des von kapitalistischen zwängen determinierten managers /bankers / unternehmers sehr fragwürdig - was zwingt diese leute schließlich dazu, in ihren positionen zu verharren, wenn sie aufgrund ihrer fähigkeit zum verantwortlichen handeln doch erkennen müssten, dass sie nicht nur andere existenziell gefährden, sondern langfristig auch sich selbst? (eine art tatsächlicher zwang ist nur bei klinischen soziopathen gegeben). sie könnten ja schließlich auch etwas ganz anderes aus ihrem leben machen (dafür gibt es übrigens auch ein paar wenige beispiele).
dann: die "anonymen systemzwänge" mögen ja strukturell durchaus vorhanden sein, aber trotzdem ist zu ihrer materiellen umsetzung in die realität das konkrete tun und lassen ganz konkreter personen notwendig - nicht der "zwang" zur rationalisierung und zur drückung der lohnkosten führt zu massenentlassungen und erwerbslosigkeit, sondern die entsprechenden beschlüsse und die unterschriften unter die kündigungen von wieder ganz konkreten personen. letztere mögen sich zwar auf die "zwänge" berufen, aber sie könnten ebensogut ja auch - zusammen mit der betroffenen belegschaft - nach mitteln und wegen suchen, eine ökonomie zu gestalten, die ohne die dem konkurrenz- und leistungsprinzip immanenten zwänge funktioniert. und auch hier führen die fragen zu den möglichen gründen, warum die sog. "führungspersönlichkeiten" bzw. "leistungsträger" letzteres i.d.r. nicht einmal in erwägung ziehen, direkt zur frage nach ihrer möglichen psychophysischen verfassung.
die genannten systemzwänge sind also nur dann ein relevanter faktor, wenn die handelnden personen aufgrund ihrer persönlichkeitsstruktur tatsächlich ebenfalls so determiniert sind, dass ihnen diese zwänge nicht als solche erscheinen, sondern als quasi "natürliche" und scheinbar alternativlose lebensbedingungen - und das macht es gerade in diesem fall aus meiner sicht noch notwendiger, sich mit den handelnden personen und erst recht mit ihrer isolierung von allen relevanten machtpositionen in politik & ökonomie zu beschäftigen - eine schlußfolgerung, die zwar aus anderen gründen, aber immerhin von anderen teilen der linken gleichfalls gezogen wird:
"Wann, wenn nicht jetzt fordern wir den Bruch mit dem System und den Verantwortlichen?
Weder wird das System des kapitalistischen Verwertungszwangs radikal hinterfragt, noch werden die Verantwortlichen in Politik, Medien und Wirtschaft benannt. Die Tietmeyers, Eichels, Steinbrücks, Merkels, die Asmussens oder die Issings und Ackermanns. Das sind sie. Sie sind die Verantwortlichen für das Desaster. Sie sind die Verantwortlichen aus Deutschland für die drastische Zunahme von Hunger, Elend und Vertreibung durch die Weltfinanzkrise. Sie müssen verschwinden. Und zwar alle. Wie hieß der Schlachtruf 2002 in Argentinien? "Que se vayan todos"! (Alle sollen abhauen)"
der bruch mit dem system und den verantwortlichen - das eine ist ohne das andere nicht schlüssig, nicht sinnvoll, und auch nicht zu haben.
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und auch wenn man argumentiert, dass die jeweils handelnden personen aus den "eliten" letztlich ja nur austauschbare charaktermasken" darstellen würden, ändert das nichts an der notwendigkeit, ihnen direkt auch ihre persönlichen grenzen - und ihre endlichkeit - aufzuzeigen, notfalls auch in solchen formen, wie sie bspw. in der vergangenheit von günther anders für den fall eines "gesellschaftlichen notstands" skizziert worden sind - dazu kann doch auch das szenario aus dem text der "roboZ" zählen, in den entsprechenden wohnvierteln den "eliten" direkt auf den pelz zu rücken (was eh mehr sinn machen würde als die immer wiederkehrenden rituale der zerstörung von infrastruktur in gerade denjenigen vierteln, wo größtenteils die betroffenen der elitären "politik" wohnen - seien es nun banlieus oder auch, etwas anders gelagert, viertel wie kreuzberg und die schanze).
zu begriffen wie "parasiten" und "schmarotzern" habe ich nun durchaus eine deutliche position, und sehe es trotzdem analog dem text lieber, wenn denn solche begriffe denen zurückgegeben werden, die man inhaltlich treffend noch am ehesten damit belegen kann - und das sind natürlich nicht die erwerbslosen bzw. "hartzer", sondern das ganze antisoziale pack an der macht. will sagen: es gibt auch für mich grenzen der geduld und der verständnis- bzw. reflexionsbreitschaft und -fähigkeit, hinter der mächtige wut und der wunsch danach steht, dass bestimmte leute für ihre ständigen destruktiven aktionen in massendimensionen endlich auch spürbare und schmerzhafte konsequenzen erleiden sollen. und genau solche wünsche und auch die wut, die ich erstens für verständlich und zweitens auch für legitim halte, werden durch ermahnungen in richtung "unzulässiger" personalisierung von "anonymen systemzwängen" seitens bestimmter linker nicht nur ins leere laufen gelassen (wo sie sich selbstverständlich nicht verflüchtigen, sondern sich schlimmstenfalls gegen die eigene person wenden), sondern es werden damit gleichzeitig auch die nötigen psychophysischen prozesse blockiert, die als voraussetzung für späteres (zielgerichtetes und bewußtes) handeln grundsätzlich notwendig sind.
mit anderen worten: bei der notwendigen berücksichtigung der psychophysischen verfassung breiter bevölkerungskreise in diesem land ist jede art von verbot, antikapitalistische impulse und ressentiments auch in personalisierter form zu empfinden, eine fatale und geradezu suizidale dummheit. die meiner meinung nach auch nicht unmaßgeblich in den 1920ger und 30ger jahren seitens der damaligen linken mit zum aufstieg des faschismus beigetragen hat. wer an strukturell mehr oder weniger psychophysisch geschädigte menschen ansprüche hinsichtlich (selbst-)reflexionsfähigkeiten und einsicht in strukturelle gegebenheiten stellt, die diese vorläufig nicht erfüllen können und dazu noch keinen begriff von der elementaren und existenziellen aggression besitzt, die das leben in sich selbst als "zivilisiert" bezeichnenden kapitalistischen gesellschaften mit ihrer ständigen tabuisierung so ziemlich jeglicher - auch positiver und nötiger - aggression ständig produziert, hat eine der wesentlichen lektionen des faschismus schlicht nicht verstanden. die nazis haben nämlich genau mit diesem potenzial erfolgreich "politik" gemacht.
es gilt dabei auch, die enge innere verwandtschaft zwischen depression und aggression (die erstere begreife ich als verwandelte letztere) zu beachten, die unseren "eliten" durchaus bekannt ist und bisher erfolgreich dazu benutzt wird, um zb. das potenziell revolutionäre potenzial der erwerbslosen mittels ständiger öffentlicher stigmatisierungen und demütigungen bis in den tod ruhigzustellen. eine linke, die sich - meiner meinung teils aus mittelklassenbedingter harmoniesucht - weigert, die realität des klassenkampfes zu begreifen und sich entsprechend klar und deutlich zu äussern, macht sich an dieser stelle der mittäterschaft schuldig.
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struktureller antisemitismus: selbst, wenn viele der derzeit aufälligen us-banken und auch manager aus dem finanzbereich jüdische namen tragen mögen - wen interessiert das eigentlich wirklich ausser leuten, die zwanghaft nach zusammenhängen suchen, die am kern des problems vorbeigehen? es ist sachlich schlicht und einfach irrelevant. und den leuten, die sich aus zufälligen religiösen hintergründen selbst verschwörungstheorien basteln, muss konsequent sowohl ihre eigene gestörte logik als auch die realität des treibens des meistens als gegenpol glorifizierten "deutschen" kapitals vor augen geführt werden, welches kein stück besser oder anders agiert als die geschmähte "jüdische us-ostküste". für diese notwendigen maßnahmen jedoch sehe ich nicht, dass abstriche bei der gleichfalls nötigen benennung konkreter verantwortlicher gemacht werden müssen - ganz im gegenteil sehe ich eine realitätsgerechte aufklärung als antidot zumindest für diejenigen an, die aufgrund ihrer eigenen psychophysischen dispositionen, aber auch aufgrund der schwer verständlichen komplexität der krise anfälliger als andere für die entsprechenden reduktionistischen (ein wesentliches merkmal des antisemitismus) konstrukte von rechtsaussen sind.
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und das letzte stichwort des "arbeitslosen einkommens": hier bleibt mir nur zu sagen, dass die benennung der tatsache der fundamentalen ungerechtigkeit des zustands, dass wiederum einige wenige von der ausbeutung der arbeitskraft der vielen, die sich selbst am markt zur bloßen existenzsicherung verkaufen müssen, profitieren, aus meiner perspektive erstmal nichts mit der durchaus wünschenswerten entkoppelung von (lohn)arbeit und materieller existenzsicherung zu tun hat. eher sehe ich hier schon die besondere und fragwürdige glorifizierung von schwerer körperlicher arbeit berührt, wie sie in deutschland trotz wesentlich veränderter bedingungen (incl. eines realen bedeutungsverlustes gerade dieser art von arbeit) eine lange und schlechte tradition besitzt.
klaus theweleit hat in seinen "männerphantasien" zu dieser besonderen - und im naziuniversum auf die spitze getriebenen - fetischisierung dieser besonderen art arbeit einige aspekte herausgearbeitet, die aus meiner sicht bis heute relative gültigkeit besitzen: vor dem hintergrund des weiter oben angesprochenen ständig produzierten aggressionspotenzials in dieser gesellschaft, dessen bloße existenz zu erwähnen bereits vielfältig tabuisiert ist, stellt(e) körperliche arbeit einen der wenigen erlaubten und sogar erwünschten wege der psychomotorischen abfuhr der im genannten potenzial gebundenen energien dar (ein anderer ist bis heute die sportliche betätigung).
das hat aus sicht der "eliten" gleich zwei wünschenswerte konsequenzen: einmal stabilsiert diese abfuhr das gesamte gesellschaftliche gefüge, zum anderen aber lässt sie sich selbstverständlich profitabel nutzen. mit dem zunehmenden verschwinden dieser art der arbeit primär durch automatisierung haben sich die "eliten" also aller wahrscheinlichkeit selbst ein ei ins nest gelegt, welches vermutlich zu argen verdauungsstörungen führen wird bzw. schon führt, wenn man diesen aspekt mal in zusammenhang besonders mit dem verhalten erwerbsloser junger männer betrachtet.
neben der identitätskonstruktion mittels (lohn-)arbeit wäre das also der zweite - und mit dem ersten funktional zusammengehörige - punkt, der bei der betrachtung der bedeutung von "arbeit" in deutschland eine wichtige rolle spielt. er erklärt einerseits die zu beobachtende traumatische wirkung von erwerbslosigkeit bei vielen menschen mit, andererseits aber auch die bisher primär zunehmende depression bei den betroffenen, die jedoch unter bestimmten bedingungen in relativ wahllose und destruktive aggression umschlagen kann (wenn übrigens der worst case eines krieges zwecks "rettung" des systems eintreten sollte, so wird er psychophysisch primär aus dieser quelle mit den nötigen aggressionen gespeist werden).
ich kann mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, dass die verfasser des textes ihre zeilen vor diesem hintergrund geschrieben haben; eher verstehe ich die entsprechenden passagen in dem sinne, wie ich ihn oben eingangs zu diesem abschnitt skizziert habe. ich arbeite unter miesen bedingungen zu einem miesen lohn, während andere direkt davon profitieren und sich ein leben im überfluss (zu allem auch noch allgemein schädlichen überfluss) gestatten? fuck you!
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soweit also anhand des userkommentars einige weitere anmerkungen zum krisenumgang hierzulande. und so wie es aussieht, werden weitere teile in dieser reihe folgen, zumal ich ein paar weitere aus meiner sicht relevante punkte (bspw. den einfluss des fernsehens) noch nicht mal erwähnt habe.
monoma - 9. Mai, 14:13