kandinsky (Gast) - 23. Jan, 15:17

Nihilismus

Hallo Mo :)
liebe Mitleser und Mitstreiter,

zuerst mußte ich lachen über diese "fiktionale Glaubwürdigkeit", doch dann mußte ich an einen Habermas Schüler denken, der vor gar nicht langer Zeit den Begriff "mehrdimensionale Gerechtigkeit" in die soziale Debatte dieser Bananen Republik versuchte einzubringen und mir verging dann doch recht schnell das Lachen...

Wo bringen uns solche Möchte-Gern-Intelektuellen eigentlich hin?
Ich nehme an, schnurstracks und ohne weitere Umwege in den Nihilismus, den ich hier mal wie folgt beschreiben möchte:

Nihilismus ist eine "Weltanschauung", dessen oberstes Ziel darin besteht, dem menschlichen Leben jeglichen Wert und Sinn abzusprechen und ihn in tote Bewegungen hinein zu treiben. Neben dem Schüren von Angst findet man in der Struktur des Nihilismus das Untergraben des Triebhaft-Vitalen, die Trennung der Geschlechter, die Infantilisierung und Nivellierung der Persönlichkeit durch die Förderung der sexuellen, religiösen und autoritären Denkhemmung(Freud), das Versprechen von Erlösung und Rettung durch Unterwerfung, die Taktik von Befehl und Gehorsam, Belohnung und Bestrafung, das Aufstellen unerfüllbarer Gebote und nicht hinterfragbarer Verbote, die Diskriminierung von Außenseitern, die Aufrechterhaltung von Analphabetismus und Armut.

Damit verbunden sind auch "bewußte Entgleisung" von Begriffen, die in Gegensätzlichkeiten umdefiniert werden.

Krieg = Frieden
Demokratie = Diktatur
Heiß = Kalt
Sozialinteresse = Terror
Humanismus = Gleichgültigkeit
Oben = Unten

Ist der deutsche Michel erstmal komplett orientierunglos und verrückt gemacht, läßt sich mit solchen demoralisierten Individuen jede neue Schweinerei in Gange setzen, die wir uns nicht vorstellen brauchen, da wir so etwas schon hatten. Aber ich frage mich ernsthaft, wie zum Teufel können wir dem sich abzeichnenden Neo-Genozid Einhalt gebieten? Was ist das Rezept für die Masse der Verängstigten und Konformisten, und der allgemeinen Verblödung durch die Massenmedien?

Ein wenig ratlos....
Kandinsky

Mondschaukel (Gast) - 24. Jan, 11:53

@ Saranya

Hallo Saranya,

Du schreibst:

"... welche Erkenntnis meinst Du? Konsequenzen die von wem zu ziehen wären? Von denen die noch lesen können?"

Na ja, wenn man sieht, welche Art von Persönlichkeitsstruktur überwiegend in den Eliten unserer Gesellschaft vor"herrscht", kommt man nicht umhin, nach Konsequenzen zu fragen. Diese Konsequenzen - wie im einzelnen die aussehen könnten, ohne dass man für verrückt oder zum Staatsfeind erklärt wird - wären m.E. von all denen zu ziehen, die noch "lesen" können, wobei ich das Gefühl habe, dass diese Spezies auch im Verschwinden begriffen ist ...

Dieses "Lesen-Können", eine Form der Wahrnehmung, ist m.E. - wie die Empathie-Fähigkeit - in der Psycho-Physiologie des Menschen verankert. Beide sind, wenn ich es richtig verstanden habe, von vornherein vorhanden, können aber durch prä- oder postnatale Traumata (auch durch diverse Mikro-Traumata) zerstört werden, was wohl auch der Grund dafür ist, dass so viele Menschen sowohl eine Empathie-Störung haben, als auch nicht mehr richtig "lesen" können, wen sie da vor sich haben.

Zitat Saranya: "Ich denke nicht nur die Menschen, die Du als leer (eines sehr treffende Formulierung, wie ich finde) beschreibst - sind gefährlich. Auch die, die nicht sehen wollen und/oder können obwohl sie es könnten - halte ich für "gefährlich" - auf lange Sicht - denn sind es nicht u.a. auch sie, die diese Machtmenschen tragen? Und was ist mit denen, die lesen können - aber schon gar nicht mehr wissen - was sie tun sollten - aus der Erfahrung heraus, dass sie - wenn sie den Mund aufmachen - oft verständnislos angeschaut werden (im besten Falle - im schlechtesten für "nicht normal" gehalten werden). Was gibt es dann noch für eine Konsequenz? Auswandern?"

Ja, oder ziviler Ungehorsam, Aufklärung, passiver Widerstand ...

Zitat Saranya: "Was ich mit dem Unterschied meine? Ein verurteilter Straftäter ist eine Person, die für ihre Taten die Konsequenzen zu tragen hat - aber dieser ist auch ein Mensch, der meiner Meinung nach ein Recht auf menschenwürdige Behandlung verdient hat - weil er Mensch ist - egal was er getan hat. Ich nachdem was so ein Mensch getan hat - kenne ich viele Menschen - die dieser Person dann auch das "Menschsein" absprechen. Aber das allein erschreckt mich nicht so sehr - als die Tatsache (gemäß meiner persönlichen Wahrnehmung) dass eine solche menschwürdige Behandlung oft nicht mal mehr Menschen zuteil wird, die nichts "wirklich schlimmes" getan haben - sondern z.B. einfach nur arbeitslos geworden sind ... "

Ich bin inzwischen sehr sicher, dass diese "Behandlung" von "Verbrechern" eine direkte Folge der Erziehung ist, die Menschen genossen haben. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass ein Mensch, der mit Güte, Nachsicht und Anerkennung seines Wesens, einfach nur, weil er/sie lebt, aufgezogen wurde, anderen Menschen eine solch menschenwürdige Behandlung absprechen könnte - geschweige denn sich weigern würde, nach den tatsächlichen Hintergründen der Taten zu fragen und - selbst wenn danach gefragt wird - sich dann verweigern würde, zu versuchen, die Umstände, die zu diesen Taten führten, so zu verändern, dass ihnen das Wasser abgegraben wird.

So viel erstmal von meiner Seite.

Ebenfalls liebe Grüße, M.
Saranya - 25. Jan, 10:52

@Mondschaukel

Liebe Mondschaukel,

du schreibst:
Dieses "Lesen-Können", eine Form der Wahrnehmung, ist m.E. - wie die Empathie-Fähigkeit - in der Psycho-Physiologie des Menschen verankert. Beide sind, wenn ich es richtig verstanden habe, von vornherein vorhanden, können aber durch prä- oder postnatale Traumata (auch durch diverse Mikro-Traumata) zerstört werden, was wohl auch der Grund dafür ist, dass so viele Menschen sowohl eine Empathie-Störung haben, als auch nicht mehr richtig "lesen" können, wen sie da vor sich haben.

Es gibt auch das Gegenteil - durch traumatische Erfahrung - kann auch eine Empathie-Fähigkeit verstärkt bzw. vielleicht auch durch sie ausgebildet werden. Nicht umsonst findet man bei Traumatisierten oft den Hinweis, dass sie sich selbst als "emotionale Antennen" oder "Gefühlsseismographen" beschreiben. Vielleicht kommt es u.a. auch darauf ein wie (individuell) ein Mensch auf ein Trauma reagiert.

Wobei mir klar ist, dass traumatische Folgen nicht nur durch ein "anerkanntes Trauma" ausgelöst werden können. Es "reichen" bei manchen Menschen "schlechte, andauernde" Erfahrungen z.B. in der Schule oder im Umgang mit anderen Kindern. Es ist ein sehr weites Feld.

Ich denke - durch das Vorleben - Menschen oftmals nicht mehr als solche wahrzunehmen UND durch den meinungsbildenden Effekt vieler Medien heute (ich habe den Eindruck - heute bilden Medien mehr die Meinung von Menschen - als das sie berichten - damit Menschen aus diesen Information sich ihre eigene Meinung bilden).

Ich bin inzwischen sehr sicher, dass diese "Behandlung" von "Verbrechern" eine direkte Folge der Erziehung ist, die Menschen genossen haben. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass ein Mensch, der mit Güte, Nachsicht und Anerkennung seines Wesens, einfach nur, weil er/sie lebt, aufgezogen wurde, anderen Menschen eine solch menschenwürdige Behandlung absprechen könnte - geschweige denn sich weigern würde, nach den tatsächlichen Hintergründen der Taten zu fragen und - selbst wenn danach gefragt wird - sich dann verweigern würde, zu versuchen, die Umstände, die zu diesen Taten führten, so zu verändern, dass ihnen das Wasser abgegraben wird.

Deinen ersten Satz kann ich voll und ganz unterschreiben. Die weiteren werfen bei mir die Frage auf, ob es selbst bei einer "guten" Erziehung nicht auch zu "Scheuklappen" kommen kann. Ich denke der Gruppenzwang ist nicht zu unterschätzen. Wieviele von den Menschen, die eine menschenwürdige Behandlung von Straftätern eigentlich befürworten - trauen sich heute noch - diese Meinung auch Öffentlich kund zu tun?

Wenn ich allein bedenke - was ich in solchen Diskussionen schon so alles zu hören bekam. Mich halt das aber nicht ab meine Einstellungen weiter zu vertreten - doch der Druck, den manche innerhalb solcher Gespräche auszuüben versuchen - ist wirklich nicht ohne.

Da kommen solche Argumente, wie: ich sehe nicht ein, dass ein solcher Menschen mit meinen Steuergeldern durchgefüttert wird oder Warum Therapie - der ist doch einfach nur böse - Jetzt komm nicht wieder mit der schweren Kindheit, etc.

Auch hier fällt mir dann immer wieder auf, dass viele Menschen Ursachenforschung mit Rechtfertigung verwechseln bzw. gleichsetzen. Wie oft habe ich versucht - ab und an sogar erfolgreich - zu vermitteln, dass wir aus solchen Biografien lernen können. Vielleicht sogar das ein oder andere Drama verhindert werden könnte.

Doch wie es so mit verhinderten Katastrophen der Fall ist - sie werden nicht bemerkt!!!!!

Was das Auswandern angeht (ich selbst überlege mir diese Alternative im Moment ernsthaft) - da kommt mir ein Anmerkung eines lieben Menschen in den Sinn - er sagte vor Kurzem zu mir:

Ich werde nicht auswandern. Nicht weil ich nicht schon mit dem Gedanken gespielt hätte - sondern weil ich sehe - wie viele Menschen, die die Lage in dieser Gesellschaft richtig wahrnehmen, auswandern. Wenn das alle tun - so bleibt keiner von denen übrig - um hier anderen Menschen vorzuleben, dass es auch anders geht.

Viele liebe Grüße
Saranya
monoma - 26. Jan, 13:31

@kandinsky

nihilismus lässt sich in den hier thematisierten zusammenhängen höchstens als philosophische metapher benutzen, die ich allerdings etwas verschleiernd finde - stellt mir persönlich wieder zu sehr "das geistige" in den vordergrund.

und ratlosigkeit? sicher, die kenne ich auch. ich finde allerdings das motto "wenn probleme ständig unlösbar erscheinen, sind vielleicht die fragen falsch gestellt" ganz trefflich und versuche hier u.a., angemessenere fragen - und neue antwortmöglichkeiten - zu finden.

grüße
mo

einen tag später habe ich noch einen nachtrag: meinen obigen gedanken zum nihilismus möchte ich um den punkt ergänzen, dass sich bei genauerer betrachtung das elitäre treiben auch als potenziell selbstmörderisch begreifen lässt. und dieser aspekt wäre einer, der die benutzung des wortes zumindest etwas mehr untermauern würde. andererseits führt gerade die betrachtung dieser suizidalen tendenzen sehr schnell wieder in den traumabereich, aber das ein zusammenhang, dessen existenz und implikationen ich selbst erst kürzlich entdeckt habe - und wo mir dementsprechend noch einiges an verständnis fehlt.
monoma - 26. Jan, 13:32

@saranya & mondschaukel

finde eure diskussion sehr inspirierend, und einige punkte haben schon zur halbfertigen existenz eines neuen beitrags geführt - hoffe, ich bekomme ihn am we fertig.
Mondschaukel (Gast) - 27. Jan, 10:30

@Kandinsky

Du schreibst:

"Aber ich frage mich ernsthaft, wie zum Teufel können wir dem sich abzeichnenden Neo-Genozid Einhalt gebieten? Was ist das Rezept für die Masse der Verängstigten und Konformisten, und der allgemeinen Verblödung durch die Massenmedien?"

Hm, das finde ich auch ´ne schwierige Frage. Ich glaube, es bleibt uns am Ende nichts weiter übrig, als in Gesprächen und Diskussionen geduldig immer wieder darauf hinzuweisen, was wirklich abgeht (obwohl Geduld nun wirklich keine meiner besonders ausgeprägten Eigenschaften ist). Außerdem kann man noch Leserbriefe schreiben, sich - wie auch immer - an Entscheidungsträger wenden und die eigene Sichtweise darstellen, wie z.B. auch in Blogs, Foren etc.

Ich weiß im Moment nicht, ob das genügt, und ob wir so viel Zeit haben, bis genügend Leute aufwachen, bevor es zum Riesencrash kommt, aber mir zumindest scheint es zur Zeit der einzig gangbare Weg.

Grüße, M.
Mondschaukel (Gast) - 27. Jan, 10:48

@ Saranya

Du schreibst: "Es gibt auch das Gegenteil - durch traumatische Erfahrung - kann auch eine Empathie-Fähigkeit verstärkt bzw. vielleicht auch durch sie ausgebildet werden. Nicht umsonst findet man bei Traumatisierten oft den Hinweis, dass sie sich selbst als "emotionale Antennen" oder "Gefühlsseismographen" beschreiben. Vielleicht kommt es u.a. auch darauf ein wie (individuell) ein Mensch auf ein Trauma reagiert. "

Ja, klar. Stimmt. Das hatte ich vergessen. Auch die allgemeine "Wachsamkeit" gegenüber anderen Menschen wird durch Traumata natürlich erhöht. Was man inzwischen auch physiologisch nachweisen kann. Die Stress-Achse kann prä- oder postnatal in frühen Jahren so gestört werden, dass eigentlich ständig eine Art erhöhte psycho-physische Wachsamkeit vorhanden ist, was über die Zeit zu einer Überlastung des Organismus führt, woraus dann mit der Zeit z.B. auch psychosomatische Erkrankungen resultieren können.

Weiterhin schreibst Du: "Wobei mir klar ist, dass traumatische Folgen nicht nur durch ein "anerkanntes Trauma" ausgelöst werden können. Es "reichen" bei manchen Menschen "schlechte, andauernde" Erfahrungen z.B. in der Schule oder im Umgang mit anderen Kindern. Es ist ein sehr weites Feld."

Ja, glaub ich auch. Und ein interessantes und spannendes dazu. ;-)

"Ich denke - durch das Vorleben - Menschen oftmals nicht mehr als solche wahrzunehmen UND durch den meinungsbildenden Effekt vieler Medien heute (ich habe den Eindruck - heute bilden Medien mehr die Meinung von Menschen - als das sie berichten - damit Menschen aus diesen Information sich ihre eigene Meinung bilden)."

Ja, und dies wird eben nicht nur in den Medien "vorgelebt", sondern auch und vor allem in den Familien. Ganz interessant zum Thema Familie und Trauma finde ich diesen Artikel:

//de.news.yahoo.com/23012007/336/laquo-schlachtfeld-familie-raquo.html

in dem eine Studie zitiert wird, nach der 20 Prozent der Jugendlichen in Deutschland eine Erziehung mit Gewalt erfahren, und zwei bis drei Millionen Kinder während dieser Zeit mindestens einmal schwer misshandelt werden. Wobei ich persönlich glaube, dass die Dunkelziffer wesentlich höher liegt. Das ist sozusagen direktes Vorleben, dass Menschen nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden, sondern als Besitz ihrer Eltern, mit dem sie tun können, was immer ihnen in den Sinn kommt. Allerdings glaube ich auch, dass diese misshandelnden Eltern oftmals nicht wissen, was sie da tun (was heißen soll, nicht wahrnehmen, dass sie dies als Re-Inszenierung ihrer eigenen Traumen tun), weshalb hier m.E. eine Aufklärung und Ansicht der eigenen Erziehungs-Geschichte für werdende Eltern dringend nötig ist.

Grüße, erstmal wieder
M.

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