Nur mal so zwischendurch gefragt – ohne der Freude über das nahende Ende jetzt schon des zweiten autoritären Regimes in kurzer Zeit, die erwartbaren Verbesserungen zumindest der immateriellen Existenzbedingungen der Bevölkerungen dort und die Hoffnung auf eine Ausweitung auf weitere Länder in irgendeiner Weise die Berechtigung absprechen zu wollen –, weil ich dann aber doch die Euphorie darüber nicht nachvollziehen kann:
Was genau bleibt nach erfolgreicher Absetzung der bisherigen Machthaber als Perspektive für Tunesien, für Ägypten, vielleicht für weitere Länder?
Gibt es auch nur den geringsten Hinweis darauf, dass dort etwas erheblich Besseres entstehen könnte oder auch nur von kritischen Bevölkerungsmassen gewollt wäre, als es in kapitalistischen "Demokratien" wie beispielsweise Deutschland bereits herrscht, also das, wovon hier wiederum wir – das aber nur als eine verschwindend kleine Minderheit – so überzeugt sind, dass es überwunden gehört, wie aktuell die Revoltierenden dort im Hinblick auf ihre Diktaturen?
Gibt es auch nur den geringsten Hinweis auf eine Chance für wirkliche, breite Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen in Tunesien und Ägypten, die, solange die Welt so funktioniert, wie sie es tut, doch nur von einer gesteigerten, erfolgreicheren volkswirtschaftlichen Profitproduktion herrühren könnte?
ich finde diese einwände auf eine gewisse art und weise sehr "deutsch", und vor allem bilden sie ein geschlossenes system in sich ab, welches an selffulfillig prophecies erinnert.
natürlich ist bzw. wird jetzt nicht alles friede-freude-eierkuchen in den ländern, bloß vergisst du ein paar - aus mener sicht durchaus wesentliche - sachen:
1. wie gestern abend schon angesprochen, sind die erfahrungen, die jetzt millionen machen, unschätzbar - kollektives handeln, der verlust ganz elementarer ängste und die - in vielen fällen erstmalige - findung der eigenen stimme, der ausdruck der eigenen gedanken bilden überhaupt erst mal die basis für alle weiteren möglichkeiten ab. solche erfahrungen nach jahrzehnten der inneren und äußeren erstickung sind nicht mehr aus der welt zu schaffen. und alleine deswegen "lohnt" sich ein aufstand in diesen dimensionen schon.
2. deine rede findet aus einer privilegierten position statt - in einem land mit allgegenwärtiger polizei und geheimdienst, mit alltäglicher folter und täglichen lügen geht es primär erst mal darum, diese zustände schleunigst zu beenden. erst dann können überhaupt gedanken (!) ans danach entstehen. ich betrachte das schlicht als notwehrsituation, und ich finde es anmaßend, darüber von einer abstrakten warte aus, und dann noch mit - anders kann ich das nicht sehen - so etwas wie "effizienzkriterien" darüber zu urteilen (das ist übrigens in anderer form auch etwas, was mich sehr an deiner und auch w-days reaktion zum "kommenden aufstand" ärgert, aber dazu ein andermal.)
3. es wird - und dein unbehagen angesichts dieser tatsache finde ich offensichtlich - in dieser welt niemals einen masterplan für eine "rationale" umwälzung geben können. ich denke, das ich das nicht groß begründen muss. revolution oder auch schon ein "nur" ernsthafter aufstand heisst und hieß schon immer, sich auf einen riskanten, offenen (!) prozeß einzulassen (an dieser tatsache sind imo letztlich auch die bolschewiken gescheitert), in dessem verlauf die eigene persönlichkeit, die eigenen wahrnehmungen und überhaupt das ganze eigene bisherige leben bestenfalls in jeder hinsicht auf den prüfstand kommt, durchgewälzt wird und auch ein stückchen gnadenlos bewertet wird. und nicht vergessen, dass es sich immer auch zwangsläufig um hoch emotionale prozesse handelt - jahre und jahrzehnte der akkumulierten demütigungen, schmerzen, erwungenen und "freiwilligen" unterwerfungen bis hin zu ausgewachsenen traumata lassen sich nicht per purer intellektualität unterbuttern. aus diesem letzteren grund sehe ich auch die notwendigkeit, mit alten "eliten" wirklich öffentlich abzurechnen.
4. natürlich sind die heutigen probleme nicht mehr alleine in einem land, egal welchen, zu lösen, und ebenfalls sehe ich noch nötige, aber bisher fast nicht stattgefundene wahrnehmungsprozesse begl. der nicht mehr stattfinden werdenden zukunft des westlich modells einer technologischen, konsumierenden "zivilisation". aber was jetzt gerade passiert, schafft überhaupt erst eine mögliche (!) basis für solche prozesse. und das, neben den weiter oben angeführten puren notwendigkeiten von sofortigen veränderungen, reicht mir völlig aus, um die aufstände eindeutig zu begrüßen. auch zu diesem punkt ein anderes mal mehr.
vielleicht dazu noch ein interessantes zitat aus einer rumänischen zeitung, welches ungefähr in die gleich richtung geht, die ich meine:
"Afrika brennt. Die Revolution hat begonnen. Die Menschen gehen auf die Straße, weil die Lebensmittelpreise explodiert sind. Sie wollen Freiheit, ein besseres Leben. Das heißt: dasselbe, wofür wir vor 20 Jahren gekämpft haben. Damit wir wie im Westen leben, damit wir all das haben, was die Menschen im Westen haben. Bekommen haben wir die Illusion eines besseren Lebens, in Form von Mobiltelefonen, Farbfernsehern mit 110 Programmen und Häusern, für die auch unsere Kinder werden bezahlen müssen. Wir haben alles, aber auf Pump. (...) Man schreit uns in die Ohren, dass wir frei seien. Aber eigentlich sind wir mit Ketten an den Füßen geboren worden. Wir sind die Sklaven der Mächtigen, derjenigen, die geben."
diese letztgenannte, dämmernde einsicht - die vielleicht auch schon nur in solchen tagen wie jetzt entstehen kann - ist für mich ein letzter schlüssel, um eines nicht mehr allzu fernen tages tatsächlich zu etwas zu kommen, für das wir momentan noch keine worte haben können.
Skepsis als "typisch deutsch" zu definieren, ist echt sowas von fies und gemein.
Spaß beiseite, ich verstehe weder Deine Euphorie noch die Haltung von Leuten, die sich von Ihrem Urlaub am Roten Meer durch nichts abhalten lassen wollen. Ich verstehe auch nicht, warum Du eine so _aufrechte_ Haltung bewahrst und Leute anmaulst, die auf ihre Weise über die Revolten nachdenken. Ich verstehe auch nicht, warum Du Leuten, die der Exit! und konkret-Richtung nahestehen, Zitate wie og ("Afrika brennt") vor die Füße wirfst, als wüssten wir nicht, wohin die supi Marktwirtschaftsrevolutionen geführt hätten.
Abgesehen davon, Afrika brennt nicht. Es ist wieder typisch europäisch, den gesamten Kontinent einzubeziehen, dabei betreffen die Aufstände einige wenige Staaten desselben.
Wann eine Revolution begonnen hat, weiß man erst im Nachhinein. Betrifft die Französische genauso wie die russischen. Viele Änderungsprozesse der letzen 20 Jahre verdienen den Namen Revolution auch gar nicht.
Mir geht vor allem das Pathetische, zu dem Du neigst, schrecklich auf die Nerven. Auch von Freiheit singende Patriotinnen. Ich kann mich an die Lieder der schrecklichen Kroaten und Serben erinnern. Die wollten auch frei sein (Wovon? Ua von einer 2.000-prozentigen Inflation... hat hier niemanden interessiert), und deren Freiheit führte direkt in den Krieg. Daher solltest Du meine Skepsis vielleicht verstehen können.
Auch in Nordafrika wird die EU, die USA und China ihre Finger stecken und Bedingungen stellen. Ohne diese zu erfüllen, werden neue Regierungen nicht im Sinne der Bevölkerung handeln können. Das zu wissen, bedeutet nicht, daß man alles beim Alten lassen will. Sondern, daß man zu Recht befürchtet, daß weltpolitischer Zwang und äussere wirtschaftliche Interessen die aufständischen Menschen knechten werden, nur ein wenig anders als bisher.
Der Südsudan will zB seine Unabhängigkeit. Das kann ich begrüßen oder auch nicht, aber ich kann die Augen nicht davor verschliessen, daß es hier um Öl geht und die Interessen der Menschen zweitrangig sind. Sie sind es, nicht weil ich das so will oder so sehe, sondern weil der Mensch überall auf der Welt nichts wert ist und weggebombt wird, wenn er wirtschaftlichen Interessen Mächtigerer entgegensteht. Das Entsetzliche ist, daß der Mensch noch so viel Lebensfreude und Zuversicht haben kann, er wird unbarmherzig plattgemacht, wenn er im Weg steht, und nichts zeigt mir, daß es in absehbarer Zukunft anders ein wird. Diese Angst, das Mitgefühl und Zuneigung für den Menschen ist legitim und ich lasse mir die nicht nehmen.
demon driver - 2. Feb, 12:32
Differenzen
Mo, wenn wir hier über unsere unterschiedlichen Positionen zu reden versuchen, dann sollten wir vielleicht zuerst einmal nicht auch noch dort Differenzen konstruieren, wo wir gar keine haben.
Für mich ist die Tatsache, dass die ägyptische Bevölkerung gegen ihr autoritäres Regime aufsteht, zuerst einmal uneingeschränkt begrüßenswert. Auch wenn nicht alle Details dieses Aufstands begrüßenswert sind, wie etwa der zuletzt von Wednesday gepostete Video-Link belegt, und auch wenn ich die Perspektiven dieses Aufstands im Hinblick auf eine wirklich bessere Welt, auf eine Emanzipation des Menschen als fast nichtexistent ansehe, aber darauf komme ich nochmal zurück.
Damit erübrigt sich aber schon mal Dein Punkt 2, denn der unterstellt eine Ablehnung, die ich nicht gesagt und nicht gemeint habe.
Dass aber die "privilegierte Position" eines westlichen Beobachters eine Beurteilung der Entwicklung in Ägypten zu einer "Anmaßung" machte, also ich bitte Dich, das ist nur selbst eine groteske Anmaßung. Wäre das so, dürfte hier niemand mehr auch nur darüber reden, Du eingeschlossen. Und nicht nur über Ägypten. Da dürfte man hier über fast gar nichts mehr reden, was in der Welt passiert.
Im übrigen drückt der rumänische Artikel, von Wednesdays Einschränkungen abgesehen, eigentlich genau meine Bedenken aus.
Was die "Erfahrungen" mit dem "kollektiven Handeln" angeht - da verklärst Du, fürchte ich, etwas, was statt in eine emanzipatorische genausogut in eine ganz andere, etwa nationalistisch und rassistisch motivierte Richtung münden kann, auch dazu gibt Wednesdays letzter Link einen Hinweis. Da muss man erst einmal abwarten, was sich in Ägypten noch entwickelt, bevor man in uneingeschränkte Jubelchöre einstimmt, denke ich - zumal die von mir ja schon angedeuteten globalökonomischen Rahmenbedigungen etwas anderes als eine nationalistische Wirtschaftspolitik gar nicht zulassen.
Und da sind wir dann auch bei Deinem eingangs erwähnten "geschlossenen System", das ich Dir jetzt mal freundlicherweise nicht als Pathologisierungsversuch ankreiden will. Aber es ist doch so, dass die Welt ein geschlossenes ökonomisches System *ist*, was Du in deinem Punkt 4 ja zumindest selbst ahnst. Dieses System setzt dem emanzipatorischen Potenzial von solchen zumal regional eng begrenzten Veränderungen, dem Potenzial für eine wirkliche Verbesserung der Lebensbedingungen, *objektive Grenzen*, gegen die keine "Erfahrungen" und kein "kollektives Handeln" irgendetwas entgegenzusetzen haben.
Dass sie das nicht begriffen haben, war übrigens schon im 19. Jahrhundert einer der Gründe dafür, dass prominente Anarchisten vom aufkommenden Marxismus zu Recht als naiv bezeichnet wurden.
Und wenn ich heute Aufrufe zu Aufständen höre ohne Ziel und Plan, weil es ja erstmal um den "Prozess" ginge und sich die Dinge ja im Aufstand quasi erst finden müssten, dann füge ich dem "naiv" auch noch ein "gefährlich" hinzu - gefährlich für die gesamten Bevölkerungen, nicht bloß für die herrschenden Klassen bzw. "Eliten", denn allen droht, wenn da nicht mehr ist als Aufstand um des Aufstands willen, ein schlimmeres Schicksal als vorher.
...bei euch oben werde ich u.a. in einem längeren beitrag aufgreifen, der schon seit einiger zeit mehr und mehr gestalt annimmt - bis dahin werde ich mir - obwohl´s mich durchaus juckt - alles verkneifen, was mir dazu einfällt.
aber ein punkt denn doch, wenn auch (zu) kurz:
"Und wenn ich heute Aufrufe zu Aufständen höre ohne Ziel und Plan, weil es ja erstmal um den "Prozess" ginge und sich die Dinge ja im Aufstand quasi erst finden müssten, dann füge ich dem "naiv" auch noch ein "gefährlich" hinzu - gefährlich für die gesamten Bevölkerungen, nicht bloß für die herrschenden Klassen bzw. "Eliten", denn allen droht, wenn da nicht mehr ist als Aufstand um des Aufstands willen, ein schlimmeres Schicksal als vorher."
definiere bitte mal "schlimmeres schicksal". an diesem punkt sehe ich tatsächlich eine qualitative diffrenz, denn ich bin durchaus der meinung, dass es historische situationen gibt, in denen mensch - und zwar ganz bewußt! - auf "objektive gegebenheiten", scheinbare unmöglichkeiten und besonders auf alle formen von effizienzdenken sch.... muss - und zwar aus einem grund, für den es ein altes und kaum noch gebräuchliches wort gibt, was allerdings das von mir gemeinte auch nur teilweise trifft: würde.
ja, es gibt momente, in denen es nur noch eine möglichkeit gibt, um nicht als mensch innerlich vernichtet zu werden - das klare markieren einer finalen grenze, ein deutliches und großes "nein". egal, mit welchen konsequenzen. das ist eine bestimmte haltung und einstellung, die ich sehr schätze und bewundere, und die meiner meinung nach überhaupt erst vieles von sog. sozialen fortschritten ermöglicht hat.
aber auch zu diesem punkt ein andermal mehr.
demon driver - 2. Feb, 22:53
Schlimmeres Schicksal
heißt schlechtere materielle und immaterielle Lebensbedingungen. Weniger zu essen, weniger Freiheiten, weniger Grund- und Menschenrechte. Vielleicht Geknechtetwerden in einer postkapitalistischen Warlordgesellschaft, oder vielleicht Verhungern in dem Versuch, eine kleine Region den globalen kapitalistischen Verwertungszwängen zu entziehen, der nicht möglich ist, ohne sich von dringend benötigten Gütern und Rohstoffen abzuschneiden. Nichts anderes ist von einem Aufstand zu erwarten, der nur um des Aufstands willen, ohne Ziel und Plan, ohne Sinn und Verstand stattfände. Meine "Würde" sähe ich im Ernstfall wohl eher darin gewahrt, einen solchen Aufstand, der wirklich ohne ein zumindest halbwegs durchdachtes, annehmbares Ablösungsmodell den (regionalen) Sturz des Systems und seiner Strukturen zum Ziel hätte, aktiv zu bekämpfen, als in seiner Unterstützung.
ich habe ja in den letzten drei, vier beiträgen ein paar zitate dringehabt - zu den zuständen auf ägyptischen polizeiwachen, den selbstverbrennungen in algerien und anderswo etc. - ,bei denen ich mich frage, was da noch "schlimmer" werden soll? folter bis zum tod, suizid aufgrund augenscheinlich als unerträglich empfundener lebensbedingungen - also, falls diese argumente deinerseits gegen die aktuellen aufstände auch im süden gedacht sind, kann ich das schon mal nicht gelten lassen. danach wird´s dann komplexer: denn das, was nicht nur du, sondern auch viele andere linke - der trampert-artikel zum "aufstand" war auch so ein beispiel - hier immer wieder beschwören - die relative "freiheit" in den westlichen demokratiesimulationen, der relative wohlstand (zunehmend mehr und mehr für wenige), der relative "rechtsstaat" etc. - all das ist nicht nur mit berechtigung kritisierbar, sondern beruht eben in großen teilen auch auf den eingangs erwähnten zuständen - absolut erbärmlichen und widerwärtigen zuständen - in den meisten regionen des planeten.
(nebenbei: konsequent zueende gedacht, landet man bei der verteidigung all dieser westlichen "zivilisatorischen errungenschaften" dann bei so einem unerträglich reaktionären gesülz, wie es zb. die "bahamas" bis heute produziert. und das ist absolut kein zufall.)
die schlußfolgerungen aus dem obigen, die ich vorläufig ziehe, sind wiederum teil des angesprochenen zukünftigen beitrags.
demon driver - 3. Feb, 13:25
"falls diese argumente deinerseits"
Nein, ich bezog mich nicht auf Ägypten, und es ist mir reichlich schleierhaft, wie Du überhaupt nur die Möglichkeit in Erwägung ziehen kannst - erst recht nach meinem Hinweis auf die "Differenzen" ein bisschen weiter oben. Ich muss sagen, das macht die Auseinandersetzung mit Deinen großenteils ja doch beachtens- und zustimmenswerten Ausführungen in diesem Blog gerade zunehmend unerquicklich.
Was Deine Worte zu unserer westlichen "relativen Freiheit" usw. angeht und die Aussage, dass das Schicksal der Regionen, die nicht mal die haben, mit unserem hier ursächlich verknüpft ist, keine Frage, das ist natürlich so, und Du wirst kaum einen engagierteren Unterstützer dieser Feststellung finden als mich.
Aber auch in dieser Hinsicht frage ich mich, wie man denn glauben kann, ein plan- und zielloser Aufstand hier würde dort irgendetwas verbessern?
Und ich frage mich ernsthaft, was Du aus unserem langen bisherigen Kontakt für einen Eindruck von mir, meinen Haltungen und Überzeugungen mitgenommen hast und wie das passieren konnte, wenn Du heute glaubst, mich davon überzeugen zu müssen, dass die westlichen Zustände schon an sich "mit Berechtigung kritisierbar" seien.
Ich halte nur eine Umsturzlösung, die mangels Ziel und Plan erwartbar und mit Sicherheit schlechtere Lebenswirklichkeiten für alle zur Folge hätte, für keine geeignete Lösung. Zumal unter diesen zu erwartenden Lebenswirklichkeiten auch die "Würde" des Menschen noch ganz anders mit Füßen getreten würde als im Hier und Jetzt (dessen Ende mit ähnlichen Folgen, wenn sich gar nichts ändert, andererseits natürlich auch absehbar ist).
Was sind die Perspektiven?
Was genau bleibt nach erfolgreicher Absetzung der bisherigen Machthaber als Perspektive für Tunesien, für Ägypten, vielleicht für weitere Länder?
Gibt es auch nur den geringsten Hinweis darauf, dass dort etwas erheblich Besseres entstehen könnte oder auch nur von kritischen Bevölkerungsmassen gewollt wäre, als es in kapitalistischen "Demokratien" wie beispielsweise Deutschland bereits herrscht, also das, wovon hier wiederum wir – das aber nur als eine verschwindend kleine Minderheit – so überzeugt sind, dass es überwunden gehört, wie aktuell die Revoltierenden dort im Hinblick auf ihre Diktaturen?
Gibt es auch nur den geringsten Hinweis auf eine Chance für wirkliche, breite Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen in Tunesien und Ägypten, die, solange die Welt so funktioniert, wie sie es tut, doch nur von einer gesteigerten, erfolgreicheren volkswirtschaftlichen Profitproduktion herrühren könnte?
Ich meine: nein, den gibt es nicht.
"stöhn"
ich finde diese einwände auf eine gewisse art und weise sehr "deutsch", und vor allem bilden sie ein geschlossenes system in sich ab, welches an selffulfillig prophecies erinnert.
natürlich ist bzw. wird jetzt nicht alles friede-freude-eierkuchen in den ländern, bloß vergisst du ein paar - aus mener sicht durchaus wesentliche - sachen:
1. wie gestern abend schon angesprochen, sind die erfahrungen, die jetzt millionen machen, unschätzbar - kollektives handeln, der verlust ganz elementarer ängste und die - in vielen fällen erstmalige - findung der eigenen stimme, der ausdruck der eigenen gedanken bilden überhaupt erst mal die basis für alle weiteren möglichkeiten ab. solche erfahrungen nach jahrzehnten der inneren und äußeren erstickung sind nicht mehr aus der welt zu schaffen. und alleine deswegen "lohnt" sich ein aufstand in diesen dimensionen schon.
2. deine rede findet aus einer privilegierten position statt - in einem land mit allgegenwärtiger polizei und geheimdienst, mit alltäglicher folter und täglichen lügen geht es primär erst mal darum, diese zustände schleunigst zu beenden. erst dann können überhaupt gedanken (!) ans danach entstehen. ich betrachte das schlicht als notwehrsituation, und ich finde es anmaßend, darüber von einer abstrakten warte aus, und dann noch mit - anders kann ich das nicht sehen - so etwas wie "effizienzkriterien" darüber zu urteilen (das ist übrigens in anderer form auch etwas, was mich sehr an deiner und auch w-days reaktion zum "kommenden aufstand" ärgert, aber dazu ein andermal.)
3. es wird - und dein unbehagen angesichts dieser tatsache finde ich offensichtlich - in dieser welt niemals einen masterplan für eine "rationale" umwälzung geben können. ich denke, das ich das nicht groß begründen muss. revolution oder auch schon ein "nur" ernsthafter aufstand heisst und hieß schon immer, sich auf einen riskanten, offenen (!) prozeß einzulassen (an dieser tatsache sind imo letztlich auch die bolschewiken gescheitert), in dessem verlauf die eigene persönlichkeit, die eigenen wahrnehmungen und überhaupt das ganze eigene bisherige leben bestenfalls in jeder hinsicht auf den prüfstand kommt, durchgewälzt wird und auch ein stückchen gnadenlos bewertet wird. und nicht vergessen, dass es sich immer auch zwangsläufig um hoch emotionale prozesse handelt - jahre und jahrzehnte der akkumulierten demütigungen, schmerzen, erwungenen und "freiwilligen" unterwerfungen bis hin zu ausgewachsenen traumata lassen sich nicht per purer intellektualität unterbuttern. aus diesem letzteren grund sehe ich auch die notwendigkeit, mit alten "eliten" wirklich öffentlich abzurechnen.
4. natürlich sind die heutigen probleme nicht mehr alleine in einem land, egal welchen, zu lösen, und ebenfalls sehe ich noch nötige, aber bisher fast nicht stattgefundene wahrnehmungsprozesse begl. der nicht mehr stattfinden werdenden zukunft des westlich modells einer technologischen, konsumierenden "zivilisation". aber was jetzt gerade passiert, schafft überhaupt erst eine mögliche (!) basis für solche prozesse. und das, neben den weiter oben angeführten puren notwendigkeiten von sofortigen veränderungen, reicht mir völlig aus, um die aufstände eindeutig zu begrüßen. auch zu diesem punkt ein anderes mal mehr.
vielleicht dazu noch ein interessantes zitat aus einer rumänischen zeitung, welches ungefähr in die gleich richtung geht, die ich meine:
"Afrika brennt. Die Revolution hat begonnen. Die Menschen gehen auf die Straße, weil die Lebensmittelpreise explodiert sind. Sie wollen Freiheit, ein besseres Leben. Das heißt: dasselbe, wofür wir vor 20 Jahren gekämpft haben. Damit wir wie im Westen leben, damit wir all das haben, was die Menschen im Westen haben. Bekommen haben wir die Illusion eines besseren Lebens, in Form von Mobiltelefonen, Farbfernsehern mit 110 Programmen und Häusern, für die auch unsere Kinder werden bezahlen müssen. Wir haben alles, aber auf Pump. (...) Man schreit uns in die Ohren, dass wir frei seien. Aber eigentlich sind wir mit Ketten an den Füßen geboren worden. Wir sind die Sklaven der Mächtigen, derjenigen, die geben."
diese letztgenannte, dämmernde einsicht - die vielleicht auch schon nur in solchen tagen wie jetzt entstehen kann - ist für mich ein letzter schlüssel, um eines nicht mehr allzu fernen tages tatsächlich zu etwas zu kommen, für das wir momentan noch keine worte haben können.
Spaß beiseite, ich verstehe weder Deine Euphorie noch die Haltung von Leuten, die sich von Ihrem Urlaub am Roten Meer durch nichts abhalten lassen wollen. Ich verstehe auch nicht, warum Du eine so _aufrechte_ Haltung bewahrst und Leute anmaulst, die auf ihre Weise über die Revolten nachdenken. Ich verstehe auch nicht, warum Du Leuten, die der Exit! und konkret-Richtung nahestehen, Zitate wie og ("Afrika brennt") vor die Füße wirfst, als wüssten wir nicht, wohin die supi Marktwirtschaftsrevolutionen geführt hätten.
Abgesehen davon, Afrika brennt nicht. Es ist wieder typisch europäisch, den gesamten Kontinent einzubeziehen, dabei betreffen die Aufstände einige wenige Staaten desselben.
Wann eine Revolution begonnen hat, weiß man erst im Nachhinein. Betrifft die Französische genauso wie die russischen. Viele Änderungsprozesse der letzen 20 Jahre verdienen den Namen Revolution auch gar nicht.
Mir geht vor allem das Pathetische, zu dem Du neigst, schrecklich auf die Nerven. Auch von Freiheit singende Patriotinnen. Ich kann mich an die Lieder der schrecklichen Kroaten und Serben erinnern. Die wollten auch frei sein (Wovon? Ua von einer 2.000-prozentigen Inflation... hat hier niemanden interessiert), und deren Freiheit führte direkt in den Krieg. Daher solltest Du meine Skepsis vielleicht verstehen können.
Auch in Nordafrika wird die EU, die USA und China ihre Finger stecken und Bedingungen stellen. Ohne diese zu erfüllen, werden neue Regierungen nicht im Sinne der Bevölkerung handeln können. Das zu wissen, bedeutet nicht, daß man alles beim Alten lassen will. Sondern, daß man zu Recht befürchtet, daß weltpolitischer Zwang und äussere wirtschaftliche Interessen die aufständischen Menschen knechten werden, nur ein wenig anders als bisher.
Der Südsudan will zB seine Unabhängigkeit. Das kann ich begrüßen oder auch nicht, aber ich kann die Augen nicht davor verschliessen, daß es hier um Öl geht und die Interessen der Menschen zweitrangig sind. Sie sind es, nicht weil ich das so will oder so sehe, sondern weil der Mensch überall auf der Welt nichts wert ist und weggebombt wird, wenn er wirtschaftlichen Interessen Mächtigerer entgegensteht. Das Entsetzliche ist, daß der Mensch noch so viel Lebensfreude und Zuversicht haben kann, er wird unbarmherzig plattgemacht, wenn er im Weg steht, und nichts zeigt mir, daß es in absehbarer Zukunft anders ein wird. Diese Angst, das Mitgefühl und Zuneigung für den Menschen ist legitim und ich lasse mir die nicht nehmen.
Differenzen
Für mich ist die Tatsache, dass die ägyptische Bevölkerung gegen ihr autoritäres Regime aufsteht, zuerst einmal uneingeschränkt begrüßenswert. Auch wenn nicht alle Details dieses Aufstands begrüßenswert sind, wie etwa der zuletzt von Wednesday gepostete Video-Link belegt, und auch wenn ich die Perspektiven dieses Aufstands im Hinblick auf eine wirklich bessere Welt, auf eine Emanzipation des Menschen als fast nichtexistent ansehe, aber darauf komme ich nochmal zurück.
Damit erübrigt sich aber schon mal Dein Punkt 2, denn der unterstellt eine Ablehnung, die ich nicht gesagt und nicht gemeint habe.
Dass aber die "privilegierte Position" eines westlichen Beobachters eine Beurteilung der Entwicklung in Ägypten zu einer "Anmaßung" machte, also ich bitte Dich, das ist nur selbst eine groteske Anmaßung. Wäre das so, dürfte hier niemand mehr auch nur darüber reden, Du eingeschlossen. Und nicht nur über Ägypten. Da dürfte man hier über fast gar nichts mehr reden, was in der Welt passiert.
Im übrigen drückt der rumänische Artikel, von Wednesdays Einschränkungen abgesehen, eigentlich genau meine Bedenken aus.
Was die "Erfahrungen" mit dem "kollektiven Handeln" angeht - da verklärst Du, fürchte ich, etwas, was statt in eine emanzipatorische genausogut in eine ganz andere, etwa nationalistisch und rassistisch motivierte Richtung münden kann, auch dazu gibt Wednesdays letzter Link einen Hinweis. Da muss man erst einmal abwarten, was sich in Ägypten noch entwickelt, bevor man in uneingeschränkte Jubelchöre einstimmt, denke ich - zumal die von mir ja schon angedeuteten globalökonomischen Rahmenbedigungen etwas anderes als eine nationalistische Wirtschaftspolitik gar nicht zulassen.
Und da sind wir dann auch bei Deinem eingangs erwähnten "geschlossenen System", das ich Dir jetzt mal freundlicherweise nicht als Pathologisierungsversuch ankreiden will. Aber es ist doch so, dass die Welt ein geschlossenes ökonomisches System *ist*, was Du in deinem Punkt 4 ja zumindest selbst ahnst. Dieses System setzt dem emanzipatorischen Potenzial von solchen zumal regional eng begrenzten Veränderungen, dem Potenzial für eine wirkliche Verbesserung der Lebensbedingungen, *objektive Grenzen*, gegen die keine "Erfahrungen" und kein "kollektives Handeln" irgendetwas entgegenzusetzen haben.
Dass sie das nicht begriffen haben, war übrigens schon im 19. Jahrhundert einer der Gründe dafür, dass prominente Anarchisten vom aufkommenden Marxismus zu Recht als naiv bezeichnet wurden.
Und wenn ich heute Aufrufe zu Aufständen höre ohne Ziel und Plan, weil es ja erstmal um den "Prozess" ginge und sich die Dinge ja im Aufstand quasi erst finden müssten, dann füge ich dem "naiv" auch noch ein "gefährlich" hinzu - gefährlich für die gesamten Bevölkerungen, nicht bloß für die herrschenden Klassen bzw. "Eliten", denn allen droht, wenn da nicht mehr ist als Aufstand um des Aufstands willen, ein schlimmeres Schicksal als vorher.
die meisten angschnittenen themen...
aber ein punkt denn doch, wenn auch (zu) kurz:
"Und wenn ich heute Aufrufe zu Aufständen höre ohne Ziel und Plan, weil es ja erstmal um den "Prozess" ginge und sich die Dinge ja im Aufstand quasi erst finden müssten, dann füge ich dem "naiv" auch noch ein "gefährlich" hinzu - gefährlich für die gesamten Bevölkerungen, nicht bloß für die herrschenden Klassen bzw. "Eliten", denn allen droht, wenn da nicht mehr ist als Aufstand um des Aufstands willen, ein schlimmeres Schicksal als vorher."
definiere bitte mal "schlimmeres schicksal". an diesem punkt sehe ich tatsächlich eine qualitative diffrenz, denn ich bin durchaus der meinung, dass es historische situationen gibt, in denen mensch - und zwar ganz bewußt! - auf "objektive gegebenheiten", scheinbare unmöglichkeiten und besonders auf alle formen von effizienzdenken sch.... muss - und zwar aus einem grund, für den es ein altes und kaum noch gebräuchliches wort gibt, was allerdings das von mir gemeinte auch nur teilweise trifft: würde.
ja, es gibt momente, in denen es nur noch eine möglichkeit gibt, um nicht als mensch innerlich vernichtet zu werden - das klare markieren einer finalen grenze, ein deutliches und großes "nein". egal, mit welchen konsequenzen. das ist eine bestimmte haltung und einstellung, die ich sehr schätze und bewundere, und die meiner meinung nach überhaupt erst vieles von sog. sozialen fortschritten ermöglicht hat.
aber auch zu diesem punkt ein andermal mehr.
Schlimmeres Schicksal
schlimmeres schicksal
(nebenbei: konsequent zueende gedacht, landet man bei der verteidigung all dieser westlichen "zivilisatorischen errungenschaften" dann bei so einem unerträglich reaktionären gesülz, wie es zb. die "bahamas" bis heute produziert. und das ist absolut kein zufall.)
die schlußfolgerungen aus dem obigen, die ich vorläufig ziehe, sind wiederum teil des angesprochenen zukünftigen beitrags.
"falls diese argumente deinerseits"
Was Deine Worte zu unserer westlichen "relativen Freiheit" usw. angeht und die Aussage, dass das Schicksal der Regionen, die nicht mal die haben, mit unserem hier ursächlich verknüpft ist, keine Frage, das ist natürlich so, und Du wirst kaum einen engagierteren Unterstützer dieser Feststellung finden als mich.
Aber auch in dieser Hinsicht frage ich mich, wie man denn glauben kann, ein plan- und zielloser Aufstand hier würde dort irgendetwas verbessern?
Und ich frage mich ernsthaft, was Du aus unserem langen bisherigen Kontakt für einen Eindruck von mir, meinen Haltungen und Überzeugungen mitgenommen hast und wie das passieren konnte, wenn Du heute glaubst, mich davon überzeugen zu müssen, dass die westlichen Zustände schon an sich "mit Berechtigung kritisierbar" seien.
Ich halte nur eine Umsturzlösung, die mangels Ziel und Plan erwartbar und mit Sicherheit schlechtere Lebenswirklichkeiten für alle zur Folge hätte, für keine geeignete Lösung. Zumal unter diesen zu erwartenden Lebenswirklichkeiten auch die "Würde" des Menschen noch ganz anders mit Füßen getreten würde als im Hier und Jetzt (dessen Ende mit ähnlichen Folgen, wenn sich gar nichts ändert, andererseits natürlich auch absehbar ist).