Dienstag, 24. Mai 2011

assoziation: wachsende widersprüche - wachsende wut ? [update am 25.05.]

(...) "Die Welt muss sich auf weitere Atomkatastrophen wie in Tschernobyl und Fukushima einstellen, hat UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon gestern gemahnt. Diese düstere Wahrheit verlange weitere Verbesserungen bei der internationalen Zusammenarbeit, sagte Ban in Kiew anlässlich einer Konferenz zum bevorstehenden 25. Jahrestag des Reaktorunglücks von Tschernobyl.

Die stärkere Nutzung der Kernenergie ist nach Bans Darstellung unausweichlich. Atomenergie «ist eine relativ saubere und logische Wahl in einer Ära zunehmender Rohstoffknappheit», sagte Ban. «Die bedauernswerte Wahrheit ist, dass wir wahrscheinlich weitere Katastrophen erleben werden.» (...)


(quelle)

(...) "Seit mehreren Monaten ist die Welt einer ständigen Abfolge geopolitischer, wirtschaftlicher und finanzieller Schocks ausgesetzt, die nach unserer Auffassung Vorzeichen für ein Ereignis von traumatischer Folge sind. (...) Das internationale System hat nunmehr die Phase seiner strukturellen Schwächung hinter sich gelassen und ist (...) in die Phase seines Zerfalls eingetreten, in der die alten Koalitionen sich auflösen, während neue Interessengemeinschaften sich rasch bilden. (...)

Zentralbanker dem Wahnsinn verfallen, die großen Regierungen ohne Vision und Plan, Volkswirtschaften in Rezession oder gar Depression, steigende Inflation, Währungszusammenbrüche, volatile Rohstoffpreise, westliche Staatsschulden außer Kontrolle, Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhe, Gesellschaften vor sozialen Zerreißproben... Es kann keinen Zweifel geben: Die explosive Verschmelzung all dieser Trends wird das entscheidende Ereignis des zweiten Halbjahrs 2011 sein!"

(aus dem aktuellen
geab 55)

"It´s a beautiful day, sunshine... smiling on my face... it´s a beautiful day and i´m feeling good...sunshine...let the sunshine in...let the sunshine in...let the sunshine in."



*

das erste zitat ganz oben ist nun schon ein paar wochen alt, und offensichtlich kaum öffentlich wahrgenommen worden. im zusammenhang mit den jüngsten entwicklungen nicht nur in japan, sondern auch in den nuklearen anlagen anderer länder, lässt sich das nur noch als ausdruck einer unfaßbaren frechheit und hochgradig antisozialer gesinnung betrachten, ebenso allerdings als beleg eines bewußtseins, welches sich in einer totalen wahrnehmungsmässigen sackgasse befindet und sich nichts anderes mehr als den bestehenden dreckhaufen als lebensraum und -weise vorzustellen vermag.

das zweite zitat stammt aus dem aktuellen geab, das vergangene woche veröffentlicht wurde. die autoren bekräftigen nochmals ihre sicht der dinge, wie sie sie zum
jahresbeginn umschrieben haben. wenn ich mir diesen beitrag heute nochmals betrachte, mit den damals gerade ersten wahrnehmbaren eruptionen der afrikanischen und arabischen aufstände, so kommt mir das schon bizarr fern vor - die ereignisdichte seitdem hat ein fast unerträgliches maß erreicht.

und bei all dem empfinde ich es von tag zu tag schwieriger, ins alltagsleben abzutauchen. vieles allzu gewohnte erscheint inzwischen regelrecht obszön; die ganze bisherige art des lebens in einer westlichen metropole ist bei genauerer betrachtung derart fragwürdig, dass ich mich schon geraumer zeit mit wachsenden inneren konflikten herumschlage.

die werden nicht zuletzt auch durch den ständig stärker werdenden eindruck genährt, dass sich nicht nur die hiesige gesellschaft rasend schnell auf zustände zu bewegt, die heute noch unfaßbare und tiefgreifende veränderungen bis in die sog. allerpersönlichsten bereiche mit sich bringen werden. die frage ist nicht mehr ob, sondern nur noch: wann?

*

und die allseits sichtbaren zeichen dafür verstellen mittlerweile in alle richtungen den horizont: sei es das inzwischen zu einem medialem lückenfüller degradierte
atomare desaster in japan, bei dem inzwischen alleine bei betroffenen menschen das ganze ausmaß langsam erkennbar wird (es geht im bericht um tausende von arbeitern, die in den letzten monaten in und um fukushima herum aktiv waren und bei denen jetzt eine stark erhöhte innerliche strahlenbelastung nachgewiesen wurde, d.h. die haben radionuklide entweder eingeatmet oder sonstwie aufgenommen, was besonders bei alphastrahlern eine wirklich üble geschichte darstellt.) die ganzen lügen, schönfärbereien und simulationen der japanischen und globalen atombranchemafia, aber auch der japanischen regierung sowie internationaler institutionen wie der iaea und der who werden zukünftig noch ganze generationen von historikern beschäftigen, die nicht zuletzt aus diesem material den zusammenbruch der blase namens "westliche industriezivilisation" rekonstruieren werden können - falls sie nicht nur mit ihrem eigenen bloßen überleben beschäftigt sind.

*

oder sei es die nicht mehr abreißende kette von (kleinen und großen) protesten, demonstrationen und aufstandsähnlichen situationen bis hin zu laufenden revolutionären umwälzungen auf inzwischen faktisch allen kontinenten (nehmen wir die antarktis mal aus), die für unsere hypothetischen historiker ein weiteres und inzwischen nur noch schwer überschaubares reservoir an material ergibt. entgegen allem geschwätz, welches sich vor allem hierzulande hartnäckig hält: die seit 2008 offen sichtbare globale finanz- und wirtschaftskrise ist in vielen regionen dieser welt niemals wirklich zuende gegangen, manifestiert sich jedoch in teils sehr unterschiedlichen formen und zuständen. es deutet aktuell sehr viel darauf hin, dass wir in kürze diesbezgl. in eine weitere und umfassendere phase dieser krise eintreten, deren verwobenheit mit grundsätzlichen ressourcen-, energie- und ökologischen krisen keinerlei auswege mehr innerhalb der herrschenden systemlogik zulässt. und da spielen aus meiner sicht nicht nur die vielfach und zu recht kritisierten inneren logiken des kapitalismus eine rolle, sondern auch damit assoziierte, aber teils ältere und tieferliegende wahrnehmungsmuster innerhalb der westlichen kulturellen traditionen. letztlich dürfte die gesamte bisherige art der westlich geprägten ego-formen zur disposition stehen.


*


von permanenten katastrophen:

(...) "Bei der "Deepwater Horizon" strömte das Öl schon 153 Tage lang weitgehend ungehindert ins Meer. Es war eine Katastrophe neuen Typs, für die es eigentlich auch ein neues Wort geben müsste, handelte es sich doch um eine Katastrophe in Permanenz. Die Betreiberfirma des havarierten japanischen Atomkraftwerks in Fukushima hat unterdessen verkündet, das "Problem" in sechs bis sieben Monaten lösen zu wollen. Die permanenten Katastrophen beginnen also bereits, sich gegenseitig zu überlagern - und uns zu langweilen. Das ist die Signatur unserer Zeit, eine schleichende Eingewöhnung ins Unausweichliche. (...)

Fest steht nur, dass wir jetzt unseren sanften Abstieg ins Tal einer ölfreien Zivilisation beginnen müssen - oder weitermachen wie bisher und uns alsbald am Rande einer sehr, sehr, sehr hohen Klippe wiederfinden werden. Spätestens an dieser Stelle drängt sich regelmäßig die rührende Frage auf: "Was muss noch passieren, damit wir umdenken?" Es wird noch viel mehr passieren, und wir werden nicht umdenken. Weil wir die Faust nicht öffnen, vom Errungenen unmöglich lassen können.

Man muss kein Apokalyptiker sein, keine Kassandra und auch kein Al Gore, um das einzusehen. Und doch wiegen wir uns in dem sehr menschlichen Fortschrittsglauben, dass es "irgendwie" doch noch eine angenehme Lösung geben wird, einen alternativen Sockel für unsere Zivilisation. Es wird wahrscheinlich wirklich etwas geben, das man eine "Lösung" nennen könnte. Nur wird sie uns womöglich nicht angenehm sein, weil sie, um eine Lösung zu sein, das Ende der Zivilisation bedeuten muss, wie wir sie kennen." (...)


wieder mal ein (auch schon ein paar monate alter) kommentar sehr grundsätzlicher art in der "taz", den ich in seinem fazit voll unterschreibe. ich möchte nicht falsch verstanden werden: wenn ich hier sowohl den aktuellen europäischen protesten als auch den arabisch-afrikanischen aufständen hier deutlich sympathisierend raum gebe, dann deshalb, weil ich sie erstens bitter nötig und völlig legitim finde, sie aber zweitens ebenfalls nur als beginn eines langen und bisher weitgehend unbekannten weges in regionen jenseits aller bisherigen systemlogiken betrachte. es wird in spanien, in griechenland und überall sonst genügend menschen geben, die primär ihre partizipation an dem ihnen von kindheit an als "alternativlos" und "allein glücklich machendes" modell von konsum, karriere und "erfolg" einfordern. die dämmernde erkenntnis, dass dieses "lebens"modell nicht nur wegen seiner inneren hohlheit, vielfältigen destruktivität und letztlich expliziten sinnlosigkeit nicht nur nicht zum glück führt, sondern auch schlicht nicht planetenweit umsetzbar ist (über die vielfältigen gründe für diese unmöglichkeit gab es in der vergangenheit schon einiges zu lesen) und auch deshalb aus emanzipatorischer sicht völlig unakzeptabel ist, wird in naher zukunft ganze gesellschaften zusätzlich in große und gefährliche turbulenzen versetzen. trotzdem sind die derzeitigen proteste bitter nötig, ist doch die darin entfesselte kommunikation zwischen sehr vielen menschen über ihre situation der erste schritt dazu, die unausweichlichen massiven veränderungen einigermaßen in einem rahmen zu halten, der als emotional-rational bezeichnet werden könnte. eine garantie darauf gibt es nicht, aber das stellt aus meiner sicht schon mal eine nötige basis dar.




*

updates zur aktuellen protestlage in europa: in spanien bleiben auch weiterhin nach den "wahlen" in vielen städten die zentralen plätze besetzt, so in madrid, barcelona, valencia... mit der option, die dort bisher entwickelten formen einer rudimentären selbstverwaltung auch in die stadtviertel zu tragen. das kann eine sehr spannende geschichte werden, deren brisanz womöglich seitens der "eliten" noch unterschätzt wird. verschiedene berichte zur entwicklung dort:
eins; zwei. mrs.mop berichtet in ihren roten schuhen inzwischen ausführlich über diverseste aspekte der "spanish revolution" und hat letzte woche eine art zusammengefasster grundsatzerklärung der bewegung veröffentlicht, die sowohl grenzen als auch möglichkeiten deutlich macht. erstaunlich daran finde ich die geduld, die diesem system selbst im zugespitzten und von vielen persönlich erlebtem verfall noch entgegengebracht wird - noch.

die gewerkschaften dort sind alle von der dynamik überrascht und -rannt worden, das gilt auch für die in spanien historisch schon immer besonders starke fraktion der anarchosyndikalisten. die cnt hat sich inzwischen eindeutig
positioniert.

eine art "twitter-portal" bietet einen überblick zu den aktuellen weltweiten
solidaritätscamps und -aktionen, die oft, aber nicht nur, von spanischen studentInnen initiiert worden sind.

italien: seit vergangenen freitag kommt es tatsächlich in vielen städten jeden tag zu kleinen und größeren aktionen, incl. camps. die beteiligung reicht dabei bisher von einigen dutzend bis zu einigen hundert leuten; ein italienisches
blog berichtet seit freitag jeden tag zusammenfassend über die situation, und auch wer wie ich kein italienisch spricht, kann sich anhand von fotos und videos einen eindruck verschaffen.

griechenland: hier scheint sich - fast erwartungsgemäß, könnte ich sagen - die spanische bewegung besonderer aufmerksamkeit und sympathie zu erfreuen.
bericht aus athen vom vergangenen wochenende. ansonsten war in den letzten tagen auffällig, dass erstmals auch im medialen mainstream die sich seit monaten in griechenland ausbreitenden aktionen von "zivilem ungehorsam" bis hin zur (versteckten) sabotage staatlicher maßnahmen erwähnung finden.

die fülle an vielen ähnlichen aktionen europaweit - hier bspw. in
bristol - ist wie schon gesagt kaum noch zu überblicken und wird von anderen seiten besser und ausführlicher dokumentiert, als ich es hier vermag. für einen ersten eindruck sei einmal mehr auf twitter verwiesen, die entsprechenden hashtags hatte ich im vorletzten beitrag schon vorgestellt.



*

soweit für heute - ich werde bis in die nächste woche aus vielen gründen kaum dazu kommen, hier etwas längeres zu schreiben. das finde ich durchaus ganz persönlich bedauerlich, weil die zeiten gleichzeitig spannend, aber auch in vielerlei hinsicht schrecklich sind, was das schreiben gleichsam oft genug zu einem therapeutischen akt werden lässt. aber ich kann die umstände gerade nicht ändern.

wer sich über die musik wundert, findet
hier auf- bzw. erklärungen. und den immer noch nicht aktualisierten index habe ich nicht vergessen; das wird aber vermutlich ein projekt für einen langen verregneten sommernachmittag.

*

edit am 25.05.: ganz frisch und medial zumindest im deutschsprachigen raum bisher kaum vorhanden: in
griechenland wurde heute abend das erste mal deutlich spürbar der ruf aus spanien aufgenommen:

(...) "Das Motto lautete: „Ohne Parteien und Ideologien verkünden wir friedlich unsere Empörung.“ Als Replik auf den spanischen Slogan „Pssst, die Griechen schlafen“ prangte auf einem Transparent in Athen: „Wir sind wach geworden“.

Allein in der griechischen Hauptstadt strömten nach Schätzungen von Medien rund 8000 Menschen zum zentralen Syntagma-Platz vor dem Parlament. Richtung Volksvertretung skandierten sie Parolen wie „Diebe, Diebe“. Auch in den Hafenstädten Thessaloniki und Patras sowie auf Kreta und der Halbinsel Peloponnes gingen tausende Menschen auf die Straße, berichtete das Staatsradio weiter." (...)


nach den ersten vagen berichten unterscheidet sich das heute in mehrerer hinsicht deutlich von den bisherigen protesten in griechenland: gewerkschaften, die relativ starke griechische kommunistische partei und auch offensichtlich die dort ebenfalls starke autonom-anarchistische linke sind anscheinend nicht der motor. und entgegen der aussage im artikel besteht nach anderen informationen die absicht, es in sachen dauerpräsenz in öffentlichen räumen der spanischen bewegung gleich zu tun. damit ist griechenland jedenfalls das erste land, in dem die spanischen aktionen deutlich merkbare resonanz bekommen. italien, portugal und inzwischen auch frankreich befinden sich hingegen nach dem, was ich so mitbekomme, noch in etwas, was sich als mögliche phase vor dem durchbruch zu einer fühlbaren massenbewegung nach dem spanischen muster interpretieren lässt. ich mag keine prognose abgeben, wie´s in all diesen ländern demnächst weitergeht - reine episode oder tatsächlich die zündfunken für einen europäischen flächenbrand?

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