basis: "als-ob-persönlichkeiten" - leben als totale simulation (2)

4. das gleiche muster: ein modell des soziopathen (psychopathen) - und etliche spekulationen zum pränatalen leben

"Der amerikanische Psychiater Hervey Cleckley schreibt in seinem grundlegenden Werk The Mask of Sanity über ein Phänomen, das innerhalb der psychiatrischen Krankheitsbilder ein ungelöstes Rätsel blieb. Bei allen `orthodoxen´ Psychosen gibt es mehr oder weniger deutliche Veränderungen im Denkprozeß oder andere die Persönlichkeit verändernde Merkmale, seien es Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder völlig alogisches Denken. Nicht so beim Psychopathen. Ist er auf irgendeine Weise auffällig geworden und unter psychologische oder psychiatrische Beobachtung gekommen, dann ergibt sich folgendes Bild:

`Der Beobachter ist mit einer überzeugenden Maske von geistiger Gesundheit konfrontiert. Die Außenansicht dieser Maske ist vollkommen intakt; man kann sie nicht mit Fragen durchstoßen, um zu den tieferen Schichten vorzudringen. Der Prüfende trifft nie auf das Chaos, das man manchmal unter der Oberfläche des paranoiden Schizophrenen findet. Das Denken verläuft unter psychiatrischen Gesichtspunkten in ganz normalen Bahnen, und in Tests, die verborgene Störungen aufdecken könnten, kommt nichts zutage.´

Geboten werden die soliden Strukturen einer gesunden und vernünftigen Persönlichkeit. Auch alle Ausdrucksformen des Gesichtes und der Sprache sowie die geistigen und emotionalen Werturteile entsprechen dem.

`Nur sehr langsam steigt der Verdacht auf, daß es sich trotz dieser Intaktheit ... hier nicht im geringsten um einen intakten Menschen handelt, sondern um eine subtil konstruierte Reaktionsmaschine, die eine menschliche Persönlichkeit perfekt nachahmen kann. Dieser einwandfrei arbeitende psychische Apparat bringt nicht nur unermüdlich Proben richtigen Denkens hervor, sondern auch die passenden Nachahmungen normaler menschlicher Gefühle, die auf nahezu alle Reize des Lebens reagieren. Die Kopie eines vollkommenen und normalen Menschen ist so perfekt, daß niemand, der einen solchen Menschen in der klinischen Situation untersucht, in wissenschaftlich objektiven Begriffen darlegen kann, wie und warum er nicht real ist. Und doch wissen oder fühlen wir, daß er keine Realität im Sinn eines voll und gesund erfahrenen Lebens hat.´

Cleckley macht den Vorschlag, dies auf eine Wahrnehmungsstörung zurückzuführen: Es fehlt die `Fähigkeit, gewahr zu werden, was die grundlegenden Lebenserfahrungen für andere Menschen bedeuten.´ Damit meint er die emotionale Grundausstattung und die damit verbundenen Ziele und Verantwortungen. Im Psychopathen ist die Ganzheit dieser Erfahrung beseitigt, blockiert oder abgetrennt."

(arno gruen, "der wahnsinn der normalität"; siehe literaturliste; s. 161/162)


ich habe mich beim lesen des obigen schon oft gefragt, ob cleckley bei der entwicklung seiner definition kenntnis des modells von helene deutsch hatte - zu deutlich gleichen sich beide beschreibungen bis in details hinein. und das wäre nicht nur aus psychiatriehistorischer sicht interessant zu wissen, sonder eher deswegen, weil eine von deutsch´s definition unabhängige forschung, die zum gleichen ergebnis kommt, als weiteres indiz dafür zu begreifen wäre, das das modell der simulativen persönlichkeit etwas reales beschreibt. ich kenne cleckleys buch nicht selbst (und wenn Sie sich die horrenden preise im obigen link betrachten, sehen Sie dafür auch einen ganz pragmatischen grund), aber falls hier jemand mitliest, der/die weitere kenntnisse genau über die aufgeworfene frage besitzen sollte - und vielleicht hat cleckley ja irgendwo hinweise auf helene deutsch gegeben - , dann wäre ich sehr dankbar für eine entsprechende information.

nun habe ich mich hier vor einiger zeit bereits mit dem klassischen soziopathen beschäftigt, und dabei auf eine durch die neuere forschung entdeckte neurophysiologische besonderheit dieser menschen hingewiesen, nämlich die unfähigkeit zu angstempfindungen, die dann in der konsequenz bedeutet, dass soziopathen auch durch sie ausgelöste ängste bei anderen nicht wahrnehmen bzw. verstehen können. objektiv beobachten können sie hingegen auch die ängste bei anderen, aber - wie schon gesagt - es findet keine innere berührung statt. von diesem punkt aus lässt sich also eine praktische identität zwischen simulativer persönlichkeit und soziopathie annehmen. nicht mehr so einfach wird es aber bei dem gedanken, dass es sich beim modell der als-ob-persönlichkeit auch um ein modell eines eigenständigen und sozusagen "höher" organisierten (simulationsfähigen) autismus´ handelt. der klassische autismus, selbst in seiner (relativ) realitätstüchtigsten aspergervariante, ist - ich verweise wieder einmal u.a. auf entsprechende aussagen von temple grandin - ja eher von einer ständigen und möglicherweise allumfassenden weltangst geprägt, was sich u.a. in der von grandin beschriebenen permanenten anspannung des nervensystems manifestiert. ebenso spielen existenzielle ängste bei (als solchen diagnostizierten) borderline- und narzisstischen persönlichkeiten eine große rolle, und nicht zuletzt natürlich auch im traumakontext. andererseits gibt es aber bei den letztgenannten störungsbildern auch wieder massive hinweise auf simulative zustände teils sehr umfassender art - wie lässt sich also dieser ganze komplex am besten verstehen?

ich persönlich muss mich an dieser stelle auf meine ganz eigenen spekulationen beschränken, die auf das folgende szenario hinauslaufen, natürlich grob reduziert: erstens deutet für mich einiges darauf hin, bei den verbreitesten beziehungskrankheiten von einem spektrum auszugehen in dem sinne, dass die elemente "starke behinderung bis totaler wegfall der beziehungsfähigkeit" sowie - als kompensation - "eine objektivistische bewältigung dieses elementaren mangels mittels mehr oder weniger umfassenden simulationen" zentrale gemeinsamkeiten darstellen. zweitens können sich diese strukturellen gemeinsamkeiten aber in teils sehr unterschiedlichen individuellen formen manifestieren, was drittens mit einem in der pränatalen phase liegenden beginn der katastrophalen entwicklung zu tun haben könnte. ich gehe nach meiner bisherigen kenntnis der pränatalen forschung von der möglichkeit aus, das sowohl die klassische soziopathie (in dem sinne, wie ich sie in den entsprechenden beiträgen versucht habe zu definieren, also nicht gleichgesetzt mit der antisozialen ps), die klassischen autismusformen als auch die mehrzahl der persönlichkeitsstörungen durch die überhaupt frühstmöglichen (sozialen) einflüsse entscheidend mitverursacht werden: während der pränatalen entwicklung der grundlagen der (selbst-)wahrnehmungs- und beziehungsfähigkeiten im mutterbauch. es existieren für die jeweilige psychophysische entwicklung jeweils teils sehr enge zeitfenster, in denen sich die nötige basis für praktisch unser gesamtes gesundes menschliches funktionieren entwickeln muss. gleichfalls kann, ohne das hier im einzelnen genauer zu beschreiben, davon ausgegangen werden, dass gerade im bereich der basis der sozialen fähigkeiten die beziehungsfähigkeit der mutter zum embryo eine notwendige voraussetzung darstellt, um diese basis überhaupt zu ihrer entwicklung zu stimulieren / anzuregen.

davon ausgehend, ließe sich nun mit der these arbeiten, dass die bisher bekannten verschiedenen beziehungkrankheiten in ihren zentralen eigenschaften jeweils die besonderheiten des zugehörigen pränatalen zeitfensters sowie des im hintergrund vorhandenen psychophysischen zustands der mutter wiederspiegeln: das kanner-autistische kind bspw. den totalausfall jeglicher authentischen und simulativen zuwendung bzw. stimulierung seitens der mutter zumindest in der entscheidenden pränatalen phase; beim asperger-autist gleiches, mit einem minimum an simulativer beziehung (was sich in den fragmenthaft vorhandenen simulationsfähigkeiten bei aspergerbetroffenen niederschlagen würde). in einer uns unfaßbaren art und weise wäre das für die embryos als überhaupt früheste denkbare und existenziellste ablehnung erfahrbar, die überhaupt möglich erscheint - noch nicht einmal ganz da, und schon ignoriert/abgelehnt (was nichts mit einem bewußten tun seitens der mutter zu tun haben muss - das ist wichtig.) ist es unter dieser prämisse so abwegig, anzunehmen, dass die quasi natürliche reaktion des werdenden menschen auf eine solch entsetzliche erfahrung auch darin liegen kann, eine ebenso existenzielle angst als grundlegende prägung der eigenen wahrnehmung zu entwickeln? ich verweise in diesem zusammenhang auch auf diesen älteren beitrag (es geht da um die letzte meldung), wo diese möglichkeit etwas konkreter sichtbar wird.

wenn sich die mutter selbst in einem überwiegend objektivistischen bzw. simulativen modus befindet (was ganz verschiedene gründe haben kann), führt das bekanntlich zwangsläufig zu einer offen oder verdeckt vorhandenen extrem verdinglichenden selbst- und fremdwahrnehmung. so wie sie sich als quasi dinghaft wahrnimmt, so würde sie auch den embryo in sich als fremdes ding wahrnehmen, im schlechtesten fall noch dazu als störendes. in dieser letzten konstellation dürfte der schlüssel zu vielen der hier im blog thematisierten fälle von infantizid zu suchen sein. kann sie sich hingegen eine einigermaßen haltbare identität z.b. anhand der gesellschaftlich vorgegebenen mutterrolle konstruieren, so wird diese simulation die verdinglichende wahrnehmung zwar verdecken, nicht jedoch beseitigen. der embryo wäre in der bzw. den für die entwicklung seiner beziehungsfähigkeiten entscheidenden phase(n) nicht mit einem authentischen, sondern mit einem simulativen als-ob-angebot konfrontiert, bei dem er mit der verdinglichenden qualität zwangsweise irgendwie umgehen müsste. und wie es gesündere menschen in einer solchen situation im späteren leben meist auch tun, allerdings nicht alternativlos, so würde er in einem solchen fall - ohne jegliche ausweichmöglichkeit - seine gesamte beziehungsbasis, die sich gerade erst entwickelt, auf diese simulative qualität hin reduzieren müssen, weil nichts anderes zur verfügung steht. anders: das objektivistische bewusstsein als werkzeug würde extrem früh aktiviert werden müssen, um mit dieser art von (fehl-)stimulierung umgehen zu können. und es wird sich - wieder eine hypothese, aber von einiger wahrscheinlichkeit - in einer monopolposition innerhalb der selbst- und weltwahrnehmung des werdenden menschen installieren.

und das wäre die eigentliche geburtsstunde für diejenigen, die später unter diagnosen wie soziopathie und auch (mit einschränkungen) borderline und narzissmus sowie in modellen wie der als-ob-persönlichkeit von ihrer mitwelt erfasst werden. beim soziopathen mit der besonderheit der hier als negativ zu begreifenden angstfreiheit ließe sich eine durch besondere prozesse verursachte spezielle anpassung hinsichtlich der massiv angsterzeugenden pränatalen konstellation vermuten, die nicht nur die angstwahrnehmung faktisch ausschaltet, sondern dadurch auch das objektivistische bewusstsein hinsichtlich seiner späteren simulationsfähigkeiten noch in eine bessere ausgangspostion bringt.
bei borderline sieht es imo etwas anders aus, aber nur auf den ersten blick: wenn die these von mertz zutreffen sollte, dass es sich bei der blanden form von borderline um die "eigentliche" und ursprüngliche borderlinekrankheit handelt und die auffälligen symptome entweder - immer noch mertz - daraus resultieren, dass das grundsätzlich blande simulative funktionieren des menschen aus was für gründen auch immer nicht mehr klappt und sich erst daraus die klassischen bl-symptome entwickeln; oder aber - mein eigener eindruck - die bl-diagnose fälschlicherweise auf viele menschen mit postnatalen (oder auch perinatalen) traumatischen erlebnissen gepappt wird, so lässt sich schon vermuten, dass mit einiger sicherheit gerade dort, wo sich bei einer bl-diagnose kein (post-)traumatischer hintergrund im weitesten sinne finden lässt, eine pränatale genese ungefähr der art wie oben skizziert vorhanden sein könnte. ich hatte schon im bl-beitrag geschrieben, dass sich nach meiner erfahrung auffällig häufig schlechte bis sehr schlechte verhältnisse zur eigenen mutter bei bl-diagnostizierten menschen finden lassen, was sowohl ein indiz für das obige pränatale modell sein könnte, als auch die schlußfolgerung nahelegen würde, dass die (nicht-)beziehung zur mutter sowie überhaupt die verhältnisse innerhalb der mütterliche linie in den jeweiligen familien als zwingendes kriterium bei der diagnose von borderline zukünftig zu berücksichtigen wäre. aber gehen Sie mal mit dieser forderung in die offiziellen psychiatrischen bzw. psychologischen zuständigen institutionen...

eins noch zur konfusion zwischen borderline und posttraumatischen störungen (ptbs): mein schon früher ausgesprochener verdacht, dass es sich bei der bl-diagnose aus einer bestimmten perspektive betrachtet auch um eine der psychiatrietypischen und gesellschaftsentlastenden vertuschungsdiagnosen - in diesem fall hinsichtlich der folgen sexualisierter gewalt - handelt, bleibt für mich weiterhin gültig. vor dem hintergrund des oben umrissenen ergibt sich aber noch eine weitere erklärungsmöglichkeit für die auffälligen überschneidungen zwischen bl und ptbs: es kann mit sicherheit davon ausgegangen werden, dass menschen, deren beziehungsmäßig relevante wahrnehmungsfähigkeiten bereits pränatal schwer bis total geschädigt worden sind, natürlich im späteren leben nicht über die nötige intuition/empathie verfügen können, um für sie gefährliche situationen und menschen früh genug zu erkennen. das ist das eine. dann: sie können aus dem gleichen grund nur schlecht bis gar nicht grenzen setzen (wer sich selbst als dinghaft erlebt, wird auch - gerade als frau - die entsprechenden zuschreibungen verinnerlichen). stichwort frau: wenn sich bl-frauen ihre identitäten zwangsläufig anhand vorhandener frauenbilder und -rollen konstruieren, so gibt es bei der vielzahl von patriarchal definierten frauenbildern, die bis heute auf dem markt für identitäten verfügbar sind, noch genügend vorhandene, in denen die begriffe des opfers und der (sich) opfernden eine zentrale rolle spielen. eine solche identität vor dem hintergrund zusätzlich fehlender wahrnehmungsmöglichkeiten betrachtet, erhöht die wahrscheinlichkeit doch ganz extrem, irgendwann einmal tatsächlich zum opfer gemacht zu werden.

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so. schnaufen Sie einmal tief durch. wenn Sie sich bis hierhin vorgearbeitet haben, dann werden Sie den rest auch noch schaffen.

bevor ich gleich zum letzten aspekt der simulativen persönlichkeit komme, den ich erwähnenswert finde, noch ein paar (präventive) bemerkungen zum ganzen pränatalen komplex: erstens, hinsichtlich der mütter halte ich es nach wie vor für sinn- und zwecklos, hier mit moralischen kategorien wie "schuld" o.ä. zu arbeiten. verantwortlichkeit trifft es eher, wobei ich diese nur als gesamtgesellschaftlich begreifen kann. die rolle der mütter in der menschlichen geschichte ist und bleibt sowohl zentral als auch schwer ambivalent: einerseits sind sie für unser aller existenz unverzichtbar und auch - in einem gewissen sinne - für viele mögliche deformationen dieser existenz verantwortlich; andererseits lässt sich letztlich aber auch so ziemlich jeder tatsächliche zivilisatorisch-gesellschaftliche fortschritt auf das wirken von liebesfähigen müttern zurückführen (lesen Sie dazu, wie zu vielem anderen, deMause).

zweitens: natürlich gibt es auch dokumentierte fälle, in denen bspw. soziopathische persönlichkeiten durch postnatale geschehnisse entstehen; natürlich gibt es gerade auch narzisstische problematiken, die sich innerhalb der ersten drei bis vier lebensjahre entwickeln; und die vermutlich größere zahl von fälschlichen bl-diagnosen hatte ich gerade erst erwähnt. all das sind aber nicht unbedingt argumente gegen das modell der pränatalen genese vieler beziehungskrankheiten, erst recht dann nicht, wenn sie regelrecht totalitär - im sinne von weitreichend und existenziell - daherkommen. gerade die letzteren eigenschaften sprechen imo doch für eine ganz grundsätzliche und ebenso totalitäre verursachung, die sich eben als möglichkeit am ehesten im pränatalen geschehen verorten lässt.

drittens: das in etlichen fällen der hier erwähnten beziehungskrankheiten auch einflüsse aus ganz anderen ecken beteiligt bzw. verantwortlich sein könnten, sollte ebenfalls im hinterkopf bleiben. damit meine ich noch nicht mal primär mögliche genetische komponenten (die entwickeln in den allermeisten fällen erst im zusammenspiel mit den sozialen bedingungen ihre wirkung), sondern bspw. unerkannte vergiftungen, primär organische störungen oder auch infektionskrankheiten, geburtskomplikationen sowie - im trauma- und auch borderline-kontext - postnatale ursachen, die sich deutlich an negativen äußeren bedingungen festmachen lassen. eine ptbs kann bspw. auch nach einem verkehrsunfall oder dem erleben einer naturkatastrophe entstehen; ich kenne borderline-geschichten, die z.b. durch einen längeren krankenhausaufhenthalt traumatischer natur während der kindheit ausgelöst worden sind (wobei wir da wieder bei der frage landen, ob derlei nicht korrekter als ptbs bezeichnet und behandelt werden sollte), u.a. selbst bei den meisten der eben genannten beispiele lassen sich aber mehr oder weniger große einflüsse der herrschenden sozialen verhältnisse aufspüren, die jedoch verdeckt als strukturelle gewalt wirksam sind und meistens nicht wahrgenommen oder aber toleriert werden. die schulterzuckende akzeptanz von tausenden verkehrsopfern pro jahr sowie einer mehr oder weniger großen kontamination unserer gesamten umwelt mit synthetischen und teils eindeutig giftigen stoffen gehört dazu genauso wie klimatische extremereignisse, durch die in den nächsten jahrzehnten ganze regionen v.a. in der sog. dritten welt unbewohnbar werden, was für flüchtlingsbewegungen größten ausmaßes mit allen dazugehörigen (und potenziell traumatischen) folgen sorgen wird. aber machen Sie sich bitte auch klar, dass die frauen, die unter solchen bedingungen irgendwann einmal mütter werden, eben auch in großer gefahr sind, simulative zustände als fluchtpunkt und "normalität" in eigentlich unerträglichen sozialen verhältnissen anzusehen - und damit wären wir wieder beim eigentlichen thema. wobei mir dieser letzte absatz jetzt auch eine einigermaßen passende überleitung zum nächsten punkt möglich macht:


5. soziologische und politische implikationen der simulativen existenz

"Die gleiche Leere und der gleiche Mangel an Individualität, die das emotionale Leben so unübersehbar beherrschen, kommen auch in der moralischen Struktur zum Vorschein. Volkommen ohne Charakter, gänzlich prinzipienlos ... die Moral der Als-Ob-Individuen, ihre Ideale, ihre Überzeugungen sind bloß ein Reflex auf andere Personen, gute oder böse. Wenn sie sich sozialen, ethischen und religiösen Gruppen anschließen, was ihnen sehr leicht fällt, so versuchen sie dadurch ihrer inneren Leere Inhalt und Realität zu verleihen und sich ihrer Existenz auf dem Weg der Identifikation zu versichern...´

`Ein weiteres Charakteristikum der Als-Ob-Persönlichkeit ist die Tatsache, daß aggressive Tendenzen fast vollständig maskiert werden...´, wobei diese arglose Fassade `jederzeit in Bösartigkeit umschlagen kann´. Die Als-Ob-Person ist steckengeblieben in einer `Entwicklungsphase, in der triebhafte Impulse ausschließlich durch den unmittelbaren Eingriff äußerer Autoritäten im Zaum gehalten werden.´ Destruktive Tendenzen und Impulse werden, wie wir wissen, von den `äußeren Autoritäten´ gewöhnlich `gezügelt´, um sie dann im Bedarfsfall gezielt auf diese oder jene, ziemlich beliebige Objekte ausrichten zu können. Die Als-Ob-Persönlichkeit jedenfalls kann einem etwaigen destruktiven Ansinnen der Umwelt prinzipiell keine authentischen, aus der eigenen Lebenserfahrung resultierenden Widerstände entgegensetzen."


kurz etwas zum moralbegriff bei helene deutsch: je mehr und öfter ich über "moral" nachdenke, desto zweifelhafter erscheint mir das ganze konzept. moralische normen beschreiben eigentlich nur jeweils sozial gewünschtes verhalten, was von vorneherein darauf hindeutet, dass eine gesellschaft die eigentlich mögliche entwicklungsebene von individueller und kollektiver selbstregulierung noch nicht erreicht hat und sich stattdessen mit formal gefassten und auf papier geschriebenen gesetzen nicht nur justizieller, sondern auch z.b. religiöser art als eine art surrogat behelfen muss. authentisch soziales verhalten bei gesunden menschen entwickelt sich spontan und wird durch authentische und vielfältige soziale beziehungserfahrungen geprägt und geformt. wenn jemand wirklich moralisches verhalten zeigt, besteht eigentlich kein nachvollziehbarer grund, groß darüber zu reden - wenn es selbstverständlich wäre.

nun hatte "moral" in den bürgerlichen kreisen der helene deutsch in der mitte des letzten jahrhunderts auch noch eine andere bedeutung als heute, von daher möchte ich nicht unbedingt scharf urteilen. und für simulative persönlichkeiten ist eine formale moral womöglich eine möglichkeit, offene antisozialität zu vermeiden. aber auch das deutet darauf hin, dass sich moral eher als indiz für grundsätzlich vorhandene pathologische sozialstrukturen ansehen lässt.

ein anderer aspekt, der bei ihren überlegungen deutlich wird: der jeweilige zeitgeist spielt zwangsläufig eine große rolle für die identitätskonstruktionen von simulativen persönlichkeiten. und das hat beim weiterdenken ernste konsequenzen bei der betrachtung der heutigen gesellschaftlichen angebote auf dem identitätsmarkt. da die eher starreren masken und rollen der letzten beiden jahrhunderte hier im westen seit ein paar jahrzehnten breit ins rutschen gekommen sind, ist es in gewisser hinsicht für simulative persönlichkeiten sowohl leichter als auch gleichzeitig schwieriger geworden, sich akzeptierte soziale identitäten zu konstruieren. leichter in der hinsicht, das die auswahl größer geworden ist und auch identitäten mit offen pathologischen aspekten toleriert werden - solange sie gemäß den gesellschaftlichen konventionen "erfolgreich" sind und gewisse formale regeln beachten. dazu spielt eine allgemein größerer verbreitung simulativer bzw. virtueller realitäten eine rolle, die das "unterschlüpfen" für entsprechend strukturierte persönlichkeiten leichter macht. schwieriger ist es aber gleichzeitig womöglich deswegen, weil die jeweils angesagten identitätsmodelle immer schneller unter modediktaten zu wechseln scheinen und bisher nur sehr "trainierte" simulative persönlichkeiten in der lage scheinen, derart schnelle wechsel ohne ernsthaftere komplikationen (die sich womöglich als symptome manifestieren) hinzubekommen. unter diesem aspekt ließe sich auch das sog. neurolinguistische programmieren als eine art von konstruktivistischem training zur identitätsbildung begreifen. der bezug von nlp zu der sog. "philosophie des als-ob" von vaihinger wurde hier ja schon erwähnt, wenn auch noch nicht ausführlicher thematisiert.

jedenfalls stellt eine zunehmende allgemeine gewöhnung an simulative realitäten grundsätzlich ein milieu dar, in dem als-ob-zustände auch bei - in relation - gesunden menschen eine immer größere rolle spielen. für simulative persönlichkeiten hingegen bergen sie geradezu monströse entwicklungschancen. so ist bspw. die verbreitung von virtueller kommunikation in virtuellen räumen bestens dazu geeignet, die tatsächlich vorhandenen existenziellen defizite der simulativen persönlichkeit faktisch unsichtbar zu machen. virtuelle kommunikation ist nämlich in sich grundsätzlich immer und unter allen umständen eine simulative kommunikation. warum? weil die entscheidende bedingung der körperlich-materiellen präsenz der kommunizierenden wegfällt, was alle beteiligten zwangsläufig in den bereich der konstruktivistischen wahrnehmungssurrogate des objektivistischen bewusstseins hineinzwingt. ich kann mir niemals sicher sein, wer im chat, hinter der mail oder dem forumsnick steckt und noch weniger darüber, wie der aktuelle psychophysische zustand des anderen tatsächlich aussieht - beste projektionsflächen also, um sowohl meine eigenen fiktionen unterzubringen als auch zum objekt fremder fiktionen zu werden. für beziehungsfähige menschen ist diese art der simulativen kommunikation irgendwann reizlos oder gar frustrierend, weil zuviele bedürfnisse virtuell eben nicht erfüllt werden können. für simulative persönlichkeiten hingegen ist die simulierte kommunikation eher befreiend, weil sie nicht mehr in der gefahr sind, mit den irritationen ihrer authentischen mitmenschen umgehen zu müssen - sie können völllige normalität simulieren, weil das simulieren selbst die normalität in virtuellen räumen darstellt. vor diesem hintergrund bekommen phänomene wie internetsucht oder auch das "versacken" in virtuellen rollen eine weitere und sehr unschöne bedeutungsebene.

im autismusbeitrag sind von temple grandin ein paar überlegungen hinsichtlich der eigenschaften von computern und virtueller kommunikation dokumentiert, die die bedeutung für autistische - also offen beziehungsunfähige - menschen deutlich machen. zu dem thema ließe sich etliches sagen, was aber hier endgültig den rahmen sprengen würde. deshalb dazu am ende nur ein gedanke: die verbreitung von computern und virtuellen räumen sowie die heutige dominanz dieser technologie an praktisch allen öffentlichen (und auch vielen privaten) orten lässt sich meiner meinung nach nur vor dem hintergrund der existenz strukturell autistischer und simulativer einflüsse in unserem sozialen leben tatsächlich begreifen. ich hatte früher schon mal geschrieben, dass ein sich computer quasi als perfekte materialisation des objektivistischen bewusstsein verstehen lässt. bei interesse lesen Sie bitte hier nach (besonders unter punkt 11).

erhellende worte zum sog. politischen leben:

"Es sind hier, um es einmal ganz unmißverständlich auszudrücken, ausschließlich situative Zufälle, nämlich die günstigen Gelegenheiten oder externalen Kontrollmechanismen der jeweiligen historischen Situation, die aus ein und derselben Als-Ob-Person beispielsweise einen weithin respektierten Moraltheologen oder einen begnadeten Folterer machen. Bei entsprechender Intelligenz und persönlichem Geschick ist auch ein völlig reibungsloser Wechsel von einem zum anderen möglich. Diese außerordentlich glatten und merkwürdig stillen Metamorphosen, besonders auffällig bei unseren Funktionseliten und großen Teilen der Intelligenz, treten vor allem in Erscheinung als massenhaftes und sehr charakteristisches Phänomen beim Übergang von totalitären zu eher demokratischen Verhältnissen ... und umgekehrt. Bürgerliche Schafe verwandeln sich flugs in reißende Wölfe ... und umgekehrt."

(die beiden letzten zitate: mertz, "borderline..."; s. 56)


tja. wenn Ihnen bei diesen worten assoziationen zu nazideutschland gekommen sind, so liegen Sie damit wahrscheinlich leider richtig. der kz-kommandant, der tagsüber massenmörderisch tätig ist und abend zum "liebenden" und sentimentalen vater wird; der eiskalte und wie ein geschmiertes rädchen in der anonymen vernichtungsmaschenerie funktionierende bürokrat/technokrat; und nicht zu vergessen die vielen nach dem krieg urplötzlich zu unauffälligen "demokraten" mutierten nazis, von denen es offensichtlich außer hitler und seinen engsten kumpanen niemals welche in d-land gegeben hat - gerade vor dem hintergrund der fakten, die z.b. die psychohistorie zur realität der kindererziehung in diesem land während langer phasen zusammengetragen hat, und die auf vielfältige und allgemein verbreitete beziehungskrankheiten und traumatisierungen schließen lassen, ergibt eine solche betrachtungsweise wie die obige erschreckenden sinn. ohne jetzt das folgende mit dem ns in einen totalitarismus-eintopf schmeißen zu wollen: aber die ddr-wortkreation "wendehälse" bringt derlei personen und ihr verhalten fast auf den punkt. es könnte sich tatsächlich um wendeidentitäten handeln, die tatsächlich wie wendejacken gehandhabt werden. und vor diesem hintergrund lässt sich auch gleich der begriff opportunismus mit neuem inhalt füllen: psychophysisch könnte sich dahinter in vielen fällen die manifestation einer als-ob-person verbergen. "könnte" deshalb, weil als-ob-verhalten prinzipiell jedem menschen zugänglich ist und in für das eigene überleben als gefährlich wahrgenommenen situationen eine verhaltensoption sein kann. aber ich weiß nicht, ob diese relativierung wirklich als tröstlich betrachtet werden sollte.

existenzielle gleichgültigkeit und die ständige suche nach dem neuen "kick" können ebenfalls als merkmale von soziopath und simulativer persönlichkeit betrachtet werden. ein weiteres und sehr prägnantes kennzeichen stellt gerade unter den heutigen bedingungen ein im wahrsten sinne des wortes identitätsschaffendes ding dar - der besitz von dingen (wozu umstandslos auch menschen zählen können) im allgemeine sinne, zu dem patricia highsmith ihren mr. ripley sinnieren lässt:

"Er liebte Besitz, nicht etwa massenhaft Besitztümer, sondern ein paar ausgesuchte Objekte, von denen er sich nie trennte. So etwas verlieh einem Menschen Selbstachtung. Nicht Prunk, sondern Qualität und Kennerschaft. Besitz erinnerte ihn daran, daß er existierte (sic!), und bewirkte, daß er sich seiner Existenz erfreute. So einfach war das. Und war das etwa nichts? Er existierte."

(highsmith, "der talentierte mr. ripley"; s. 286)


besitz als verifikation der eigenen (defekten und beschädigten) existenz - es gehört nicht allzuviel phantasie dazu, hier einen möglichen mitbeteiligten grund für die dominanz der kapitalistischen ökonomie zu vermuten, zumal sich identitätsprobleme bei allen beziehungskrankheiten finden lassen.
ripley konstruiert sich selbst eine sehr bohèmehafte und betont lässig-bürgerliche identität, voll mit attributen, die er berechtigterweise (zumindest teilweise) als anerkannte zeichen für den ausgewählten lebensstil betrachtet. er existiert tatsächlich nur in seinen fiktionen (tagträumen), in denen er sich selbst als weltmännischen und kunstsinnigen lebemann betrachtet. alleine diese betrachtungen verschaffen ihm einzig und alleine so etwas wie einen genuß - allerdings einen surrogatgenuß. ripley lässt sich neben vielen anderen pathologischen zügen auch eine existenzielle anhedonie, also genußunfähigkeit, attestieren - einen wirklichen, realistischen bezug hat er weder zur kunst noch zu dingen. und in der konfrontation mit anderen menschen ahnt er immer wieder die wahrheit über seinen eigenen zustand:

"Es hieß, durch die Augen könne man in der Seele lesen, könne man die Liebe sehen, sie seien der einzige Ort, der es ermögliche, zu sehen, was wirklich in einem anderen vorging, doch in Dickies Augen war für Tom nicht mehr zu erkennen, als würde er auf die harte, blutleere Oberfläche eines Spiegels blicken. Tom verspürte ein schmerzliches Ziehen in der Brust und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Ihm war, als hätte man ihm Dickie unversehends entrissen. Sie waren keine Freunde. Sie kannten einander nicht. Tom war, als offenbarte sich ihm eine schreckliche Wahrheit, die für alle Zeiten galt, für alle Menschen, die er einst gekannt hatte und einst kennen würde: Jeder einzelne hatte ihm gegenübergestanden und würde ihm gegenüberstehen, und er würde immer wieder wissen, daß er keinen von ihnen jemals kennen würde, und das schlimmste daran war, daß er immer wieder für kurze Zeit der Illusion erliegen würde, er kenne sie und er und sie seien einander völlig ähnlich und in völliger Harmonie miteinander. Für einen Augenblick schien der wortlose Schock dieser Erkenntnis mehr zu sein, als er ertragen konnte. Ihm war, als schüttelten ihn Krämpfe und er müsse zu Boden stürzen. (...) Er fühlte sich von Fremdheit und Feindseligkeit umzingelt."

(highsmith, "der talentierte..."; s. 102)


puh. was highsmith hier in stilistisch und sprachlich beeindruckender art und weise beschreibt, ließe sich hinsichtlich der real vorhandenen psychophysischen hintergrundstruktur vielleicht so ausdrücken:

ripley fehlen schlicht die (wahrnehmungs-) fahigkeiten, die ihn in die lage versetzen würden, tatsächlich eine authentische beziehung erleben zu können. er kann andere nicht "lesen" (die betonung der augen in diesem zusammenhang weist auf ein verbreitetes und imo zu reduziertes klischee hin, welches sich eine simulative persönlichkeit aber als "erkenntnis" aneignen könnte). in der beschriebenen situation verlassen ihn für einen moment seine fiktionen darüber, was er als "echten" kontakt ansieht. und sein objektivistischer blick zeigt ihm tatsächlich auszugsweise und bis zur grenze des erträglichen seinen grundsätzlich autistischen status ("der wortlose Schock dieser Erkenntnis"). das er tatsächlich keinerlei authentische beziehungserfahrung kennt, beweisen die sich als solche herausstellenden illusionen: "völlig ähnlich und in vollkommener Harmonie miteinander" zu sein, hat nun wirklich nichts mit einer authentischen beziehung gleich welcher art zu tun, bei der die beteiligten sich wegen ihrer verschiedenheit schätzen, mögen und respektieren. und sich auch darüber im klaren sind, dass ein grundsätzlich fremder anteil des anderen niemals sein geheimnis preisgeben wird, egal wie groß die vertrautheit ist. dazu ist eine authentische beziehung niemals statisch, sondern dynamisch in bewegung, sprunghaft-paradox in ihrer eigenen zeit und mehrdimensional. ripley kocht diese dynamik in seinen fiktionen aber auf einen quasi eingefrorenen und möglichst ewigen eindimensionalen status quo herunter: "völlige ähnlichkeit und völlige harmonie" deutet eher auf ein massives kontrollbedürfnis hin, welches den anderen nicht als anderen erträgt, sondern ihn sich einverleiben will. ein bedürfnisbefriedigendes ding, grundsätzlich nicht verschieden von anderen bedürfnisbefriedigenden dingen. die "völlige harmonie" erlaubt zudem spekulationen in richtung pränataler phase, aber das überlasse ich Ihnen, ob und wie Sie das weiterdenken.

die deutlich psychophysischen reaktionen ("schmerzliches Ziehen", "Krämpfe") lassen sich ebenfalls verschieden deuten: einmal ließe sich hier hypothetisch die (authentische) und schmerzerfüllte reaktion eines völlig verschütteten und erstickenden selbst in höchster not vermuten. das wäre die gutwillige interpretation, die Sie sicher genauso sympathisch wie ich finden. ich fürchte aber, realistisch betrachtet, dass es sich hier eher um simulationen körperlicher art handelt - auch das leiden von ripley besitzt eine grundsätzliche als-ob-qualität, die ihm selbst die fiktion eines (nicht vorhandenen) eigenen kerns vorgaukelt. tiefensimulation nannte mertz das weiter oben. leiden zut er in einem gewissen sinne schon, aber in einigen szenen des romans wird sehr deutlich, dass es sich grundsätzlich immer um verschiedene grade von selbstmitleid handelt, die dann auch noch von der menschlichen mitwelt regelmäßig fehlgedeutet werden, was ripley auch niemals korrigiert.
die "Fremdheit und Feindseligkeit" sind dann, wenn man so will, eine der wenigen wahrnehmungen von ripley, die auf ihre ganz besondere art und weise - hm, authentisch sind: das objektivistische werkzeug kann in der welt keinen immanenten sinn wahrnehmen (der erschließt sich nur in der vollen subjektivität, die ripley nicht (mehr) leben kann) und produziert also wahrnehmungen von existenzieller fremdheit, die quasi automatisch auch die paranoide komponente im der menschlichen struktur auf den plan rufen. was hier als ausnahme erscheint, stellt in wirklichkeit die regel dar: ripley lebt immer in diesem zustand der fremdheit und feindseligkeit (mit der er im übrigen selbst besonders seiner menschlichen mitwelt begegnet), überspielt jedoch die entsprechende wahrnehmung fast ständig mit fiktionen und simulationen - sowohl für sich als auch für andere.

was mich immer wieder überrascht, so oft ich dieses buch in die hand nehme, ist die art und weise, wie die autorin es schafft, beim leser einen eindruck besonderer verletzlichkeit und sensibilität ripleys zu erzeugen - es ist sehr einfach, ihn sympathisch zu finden und mit ihm bzw. seiner einsamkeit mitzufühlen. die puren tatsachen in der geschichte betrachtet, sind diese eindrücke aber sämtlich fehlwahrnehmungen und führen völlig in die irre: ripley ist ein hochstapler und zweifacher mörder, der es sogar noch schafft, seine opfer als irgendwie mitschuldig erscheinen zu lassen. er ist völlig beziehungslos und -unfähig, nimmt andere nur als nützliche oder störende objekte wahr und lebt nur in seinen konstruktionen. dazu zeigt er immer wieder verhaltensweisen, die sich - imo fälschlicherweise - als hochgradig narzisstisch verstehen lassen. kurz, highsmith hat es geschafft, einen simulativ sehr intelligenten und deutlich antisozialen menschen mit klarer soziopathischer bzw. als-ob-struktur bis in die feinen details hinein zu zeichnen. als er einmal knapp an einem dritten mord vorbeischrammt, werden interessante einsichten in sein objektivistisches bewusstsein deutlich:

"Um Haaresbreite wäre es geschehen! Er erinnerte sich an seine kaltblütigen Überlegungen, sie mit dem Schuhabsatz bewußtlos zu schlagen, doch nicht so brutal, daß die Haut riß, sie durch den Eingangsraum und zur Tür hinauszuschleifen, ohne Licht zu machen, damit sie nicht gesehen wurden, und an seine schnell ausgedachte Geschichte, sie sei ausgerutscht und er habe gedacht, sie könne zur Treppe zurückschwimmen und sei deshalb nicht in den Kanal gesprungen und habe nicht um Hilfe gerufen, bis... In gewisser Weise hatte er sich sogar die genauen Worte vorgestellt, die er und Mr. Greenleaf später getauscht hätten, Mr. Greenleaf entsetzt und verwundert, er selbst dem Anschein nach ebenso entsetzt, doch nur dem Anschein nach.

Unter der Oberfläche wäre er so ruhig und selbstsicher gewesen, wie er es nach dem Mord an Freddie gewesen war, weil seine Geschichte unwiderlegbar war. (...) Seine Geschichten waren gut, weil er sie sich intensiv vergegenwärtigte, so intensiv, daß er sie fast selbst glaubte. (ich kann´s mir hier nicht verkneifen: ungefähr nach dem gleichen prinzip funktionieren auch methoden wie das sog. nlp; anmerk. mo).

Einen Moment lang hörte er seine eigene Stimme: `Ich stand draußen auf der Treppe und rief nach ihr, weil ich dachte, sie würde jede Sekunde auftauchen oder sie hätte mir sogar nur einen Schrecken einjagen wollen´ (...) Er verkrampfte sich. Es war, als liefe eine Schallplatte in seinem Kopf, als fände ein kleines Schauspiel in seinem Wohnzimmer statt, dem er nicht Einhalt gebieten konnte. (...) Er sah und hörte sich, wie er mit vollem Ernst sprach. Und wie ihm geglaubt wurde.

Doch was ihn eigentlich erschreckte, war nicht der Dialog oder die Einbildung, er hätte es getan (er wußte, daß er es nicht getan hatte), sondern die Erinnerung daran, wie er mit dem Schuh in der Hand vor Marge stand und sich alles so kühl und gelassen überlegte. Und der Umstand, daß er es zuvor schon zweimal getan hatte. Diese zwei anderen Male waren Tatsachen, nicht Einbildung. (...) Er wollte kein Mörder sein. Manchmal konnte er ganz und gar vergessen, daß er gemordet hatte, fiel ihm ein."


in seinem objektivistischen modus funktioniert ripley ungerührt und mechanisch wie ein computer, er beobachtet die situation prinzipiell auf die gleiche art und weise wie sich selbst auch, er ist - genauso wie er andere zu objekten macht - auch für sich selbst ein objekt, welches sich selbst beobachtet. damit kann er zwar überleben, nicht jedoch leben - in momenten der größten klarheit (wie vorhin schon einmal geschildert) wird sein verdeckter psychotischer zustand gefährlich deutlich, und zwar zunächst gefährlich für ihn selbst:

"Er legte sich zusammengekrümmt auf die Seite, zog die Füße auf das Sofa hoch. Er schwitzte und zitterte am ganzen Leib. Was war nur los mit ihm? Was war passiert? Würde er morgen, wenn er Mr. Greenleaf sah, lauter Unsinn brabbeln - daß Marge in den Kanal gefallen war und er um Hilfe gerufen hatte und ins Wasser gesprungen war, ohne sie zu finden? Würde er durchdrehen, obwohl Marge neben ihnen stand, und alles herausschreien und sich selbst als Irren entlarven?"

(highsmith, "der talentierte..."; beide zitate s. 290 - 292)


konkret: wenn er einerseits probleme mit seiner selbstkonstruierten identität bekommt, weil die realität einzudringen droht - die rolle des eiskalten mörders hat er darin nicht vorgesehen - , und andererseits sein objektivistisches werkzeug probleme mit der realitätsbewältigung innerhalb einer komplexen sozialen welt bekommt und sich zu verheddern droht - dann, ja dann droht sein psychotisches dasein auch für seine mitwelt manifest zu werden, weil er die simulation von normalität nicht mehr durchzuhalten vermag und sich dann "selbst als Irren entlarven" würde. er ist natürlich bereits die ganze zeit schon "irre", aber das fällt faktisch niemandem auf (und auch aus der obigen situation schafft er es innerlich wieder rechtzeitig heraus - mithilfe neuer simulationen...) ripley lässt sich im übrigen - genauso wie der folterer o´brien in orwells "1984" - als radikaler und existenzieller konstruktivist begreifen.

ich war mir beim ersten lesen irgendwann ziemlich sicher, dass patricia highsmith einen großteil von dem, was sie mithilfe ihres objektivistischen werkzeugs so präzise beschrieben hat, selbst in irgendeiner art und weise kennengelernt haben musste - und tatsächlich finden sich in ihrer biographie entsprechende indizien:

"Wesentliche Anregung bekam sie durch das Buch The Human Mind (nicht auf Deutsch erschienen) des deutsch-amerikanischen Psychiaters Karl A. Menninger, das sie im elterlichen Bücherschrank fand. In diesem Buch werden im populären Stil Personen mit den unterschiedlichsten psychischen Defekten geschildert."(...)

"Highsmiths Vater, Jay Bernhard Plangman (1887–1975), ein Sohn deutscher Auswanderer, kam in Fort Worth zur Welt und war Grafiker von Beruf. Auch ihre Mutter, Mary Coates (1895–1991), arbeitete als Grafikerin. Ihre Eltern ließen sich nach nur 18-monatiger Ehe neun Tage vor Patricias Geburt scheiden. Ihre Mutter heiratete 1924 Stanley Highsmith (1901–1970), auch Grafiker von Beruf. Ihren leiblichen Vater lernte Highsmith erst mit zwölf Jahren kennen.
Nach der Scheidung ihrer Eltern wurde Highsmith von ihrer Großmutter Willie Mae Coates in Fort Worth aufgezogen."(...)

"Highsmith galt als sehr zurückhaltende Persönlichkeit, die nur wenige Freunde hatte. Zeitlebens mied sie öffentliche Auftritte und Interviews. Highsmith hatte in ihrem Leben eine Vielzahl von Liebesbeziehungen mit Frauen, die meist ein bis zwei Jahre dauerten und fast immer mit völliger nervlicher Zerrüttung endeten. Sie suchte sich offensichtlich immer wieder den gleichen Typ Frau, der sie nach einiger Zeit völlig dominierte und herumkommandierte.

1963 zog sie nach Europa, wo sie es selten mehr als einige Jahre am gleichen Ort aushielt. Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in dem süditalienischen Fischerdorf und Künstlerort Positano lebte sie von Ende 1963 bis 1967 in Großbritannien, von 1967 bis 1981 in Frankreich in der Gegend von Fontainebleau und schließlich seit 1981 in der italienischen Schweiz. In ihren späten Jahren soll sie zunehmend einsamer und misanthropischer geworden sein und stark dem Alkohol zugesprochen haben."(...)


machen Sie sich selbst Ihren reim drauf.

über die kindheit von tom ripley, besonders die frühen jahre, lässt sich zumindest in diesem ersten buch der ripley-reihe (die anderen kenne ich bisher nicht) recht wenig erfahren - vereinzelt sind aber fragmente eingestreut, die einiges ahnen lassen:

"Plötzlich fiel ihm ein Sommertag ein, an dem er als etwa Zwölfjähriger mit Tante Dottie und einer Freundin seiner Tante auf einer Fahrt über Land in einen Verkehrsstau geraten war. Es war ein heißer Sommertag; Tante Dottie hatte ihn mit einer Thermoskanne zur nächsten Tankstelle geschickt, wo er Eiswasser besorgen sollte, und plötzlich begann die Kolonne sich zu bewegen. Er erinnerte sich, wie er zwischen den großen Autos, die anfuhren, hin und her gesprungen war, immer kurz davor, die Tür von Tante Dotties Wagen zu erreichen, der ihm immer wieder davonfuhr, weil Tante Dottie nicht auf ihn wartete, sondern ununterbrochen aus dem Wagenfenster rief: `Na los, du Trantüte, beeil dich!´ Als er es endlich geschafft hatte, tränenüberströmt vor Wut und Frustration, hatte sie munter zu ihrer Freundin gesagt: `So ein Schlappschwanz! Durch und durch! Wie kann man nur so ein Schlappschwanz sein! Genau wie sein Vater!´"

(highsmith, "der talentierte..."; s. 44)


eine bösartige tante also, und faktisch verschwundene eltern. auch dieser hintergrund passt sowohl zur gesamtgeschichte als auch zur biographie der autorin.

und nun noch eine anmerkung zum schluß: wenn Sie sich etwas in der kriminalliteratur oder auch im science fiction-genre auskennen, werden Sie selbst auf viele andere beispiele kommen, in denen sowohl beziehungskrankheiten als auch simulative zustände - meistens unausgesprochen - so etwas wie die tragende rolle spielen. wenn Sie etwas über die zusammenhänge zwischen sozialer gewalt und traumatisierungen, die neue gewalt hervorrufen können, erfahren möchten, lesen Sie bspw. am besten die wallander-romane von henning mankell. die alten bücher von edgar wallace wimmeln nur so von soziopathischen figuren, während das in einem anderen beitrag schon erwähnte "schweigen der lämmer" gleich zwei soziopathische mörder als hauptdarsteller besitzt. es gäbe noch mehr beispiele zu nennen, aber "mr. ripley" ist nun mal in einer imo anderswo kaum zu findenden detailliertheit gezeichnet, weshalb ich mich auf diesen roman konzentriert habe. generell habe ich vor, das thema "beziehungskrankheiten in film und literatur" einmal gesondert zu bearbeiten, ebenso wird das thema der simulation und der virtuellen welten zukünftig einen schwerpunkt bilden.

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ausblick

das war nun der wahrscheinlich bisher längste beitrag in diesem blog, der dazu noch das namensgebende phänomen behandelt - und was für eins! ich bin ziemlich neugierig auf anmerkungen und diskussionsbeiträge, zumal provokantes material genug vorhanden sein sollte.

mit den nächsten schwerpunktbeiträgen werde ich mir erstmal zeit lassen - "nlp 2" wäre da zum einen, und zum anderen - was mich z.zt. am meisten interessiert - das thema "sensorische deprivation", welches hier noch gar nicht erwähnt worden ist, obwohl es z.b. auch bei der als-ob-persönlichkeit und den meisten anderen beziehungskrankheiten eine vielleicht entscheidende rolle spielt. in der soziopathie-reihe fehlt noch ein beitrag, der sich v.a. mit der arbeit von robert hare sowie der aktuellen kritik am begriff der psycho-/soziopathie beschäftigt. bis es soweit ist, werde ich hier wie üblich fortfahren und spontan mehr oder weniger aktuelle ereignisse und news aufgreifen, die ich interessant finde. das das jeweils viel mehr sind, als ich verarbeiten kann, hatte ich neulich schon mal geschrieben. wundern Sie sich also bitte nicht, wenn hier themen fehlen, die Sie vielleicht erwartet hätten.
yeena (Gast) - 25. Okt, 14:34

Psychopathologie

Hallo,

habe selten einen in sich so schlüsigen Text mit links zu diesem Thema gelesen.
Das Buch von P. H. kenne ich auch sowie andere Lektüre von und über P.H.

Ich denke (als Laie), dass die von Dir angesprochene pränatale Disposition eine wichtigere Rolle spielt als man es sich derzeit denkt.
Kinder (habe davon einige im Bekanntenkreis), die mit "Schreierei" während der Schwangerschaft geboren wurden, haben ein deutliches Klebeverhalten an die Mutter bzw. die Person, die sie nach der Geburt betreute.

Verlustängste spielen große Rollen, ebenso die real existierenden Verluste, die diese Kinder leider oft genug erfahren müssen:
Oma passt aufs Kind auf, Oma stirbt.
Mutter hat einen neuen Freund, ein Brüderchen kommt, neuer "Papa" geht weg, aber das Brüderchen ist noch da.
Noch ein Freund, wieder ein neues Geschwisterkind, neuer Papa ist auch wieder weg.

Ich vermute, dass das, was ein Kind während der Schwangerschaft der Mutter (Eltern) erlebt, hat mehr Einfluss auf die spätere Entwicklung als man es sich derzeit vorstellen kann.

lg
yeena

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