notiz: krisennews und -gedanken (5)

schwer tue ich mich heute damit, den neuesten teil meiner keinesfalls eingeplanten reihe zu schreiben - je mehr ich mich mit den aktuellen ereignissen befasse, desto mehr steigt tag für tag meine fassungslosigkeit. es ist so, wie in einem vollbesetzten bus zu sitzen, dessen fahrer - halluzinierend im delirium vor sich hin brabbelnd ("es iiiissst alllles in ooordnung", so schallt´s von zeit zu zeit aus dem bordlautsprecher) - mit vollgas kurs auf einen abgrund genommen hat. und sich die meisten passagiere strikt weigern, auch nur einen hauch der realen situation wahrzunehmen und stattdessen ihre galgenfrist wahlweise damit verbringen, angeregt über ihre neuen klamotten, den jüngsten vip-skandal oder das wetter zu plaudern. andere liegen tief schlafend mit kopfhörern in ihren sesseln, während der große rest gebannt auf das bord-tv starrt, auf dem die daily-soap gerade einem neuerlichen höhepunkt entgegenstrebt. das bedenkliche schlingern des fahrzeugs durchaus ignorierend, stopfen sie sich dabei mit cola und chips voll.

"ich raff es nicht. sind die alle unter hypnose...?" stellte gestern ein user bei telepolis hinsichtlich der bisher fehlenden massenreaktionen bezgl. der krise eine frage, auf die ich am ende des beitrags noch einmal zurückkommen werde.

*

zunächst aber eine reihe von links, bei denen ich trotz ihrer durchweg unerfreulichen bis bedrohlichen inhalte zu intensiver lektüre rate.

der im letzten teil erwähnte "baltic dry index" bezieht sich nicht auf fertigprodukte und containertransporte, sondern auf rohstoffe in form von massengut - das können sowohl bspw. metalle, kohle, aber auch getreide sein. das zum beginn als klarstellung, weil ich mich neulich mißverständlich ausgedrückt hatte. meine folgerung jedoch betreff möglicher versorgungsengpässe innerhalb absehbarer zeit wird davon nicht tangiert, da die fraglichen rohstoffe eine wichtige basis der ökonomischen prozesse darstellen. und es ist weiter
keine entspannung der situation erkennbar:

(...)"Der Baltic Dry Index fiel heute zum ersten Mal seit 6 Jahren unter die 1000 Punkte Marke.(...)

Gewaltige 90% des Welthandels werden über dem Seeweg abgewickelt und auch hier funkt die Kreditkrise ordentlich dazwischen, denn Ursache für die wegbrechenden Frachtraten sind neben der wegbrechenden Nachfrage, die mangelnden Akkreditive, eine Art Zahlungsversprechen der Bank eines Importeurs, für die Ware eines Exporteur Zahlung zu leisten! Für die Zahlung muss der Importeur eine entsprechende Kreditlinie bei seiner Bank haben und diese werden gerade massiv gestrichen! In Folge stürzen nicht nur die Frachtpreise, sondern auch die Frachtraten, Teile des Welthandels kollabieren.(...)

Wenn sich die negativen Auswirkungen der Kreditkrise auf den internationalen Welthandel per Seeweg sich nicht zügig auflösen, wird es in ein paar Monaten zu Versorgungsengpässen kommen, denn die wegbrechende Nachfrage ist nur für einen Teil des Einbruchs beim BDI auf den tiefsten Stand seit 2002 verantwortlich!"


(nochmals dank für die erläuterung der situation an wirtschaftsquerschuss.)

real bedeutet das dann folgendes - ein
beispiel:

(...)"Geradezu erschreckend sind Berichte über Brasilien, wo das Eisenerz in den Häfen liegt, und nicht zu den Abnehmern in China verschifft werden kann, weil Kreditbürgschaften von Banken für die Reedereien nicht mehr verfügbar sind. Die Gewinne der Hafenbetreiber in Brasilien, aber auch in China und an anderen wichtigen Umschlagplätzen der Welt sind um 30 bis 40 Prozent gefallen."(...)

wobei die gewinne der hafenbetreiber das kleinste problem darstellen, wenn diese entwicklung in der form weitergeht. was auch an entsprechenden
nachrichten aus den usa deutlich wird:

(...)"Große Unterbrechungen sind im Verteilungssystem zu beobachten. Aktivkredite werden routinemäßig von jenen Exportnationen nicht mehr gewährt, die den US-Quellen misstrauen. Es wird von einem Einbruch des Lieferverkehrs zu westlichen US-Häfen von 10% - 20% berichtet. Schiffe liegen in asiatischen Häfen leer, einige sind sogar beladen, werden aber abgehalten von ihren Reisen zu US-amerikanischen und europäischen Häfen. Selbst einige Hersteller von Frachtcontainern sind schwer davon betroffen, da die Kredite auch ihre Produktionsprojekte unterbrechen. Indische Produzenten fordern oft 100% Vorkasse gegenüber den Einzelhändlern an der Ostküste - was wiederum zeigt, wie stark das Misstrauen ist. Fast die gesamte Aufmerksamkeit galt den Banken, Kreditmärkten und Aktienmärkten. Die US-Wirtschaft bewegt sich von einer Rezession hin zu etwas anderem, als es das Wort Depression beschreiben würde. Die aktuellen Unterbrechungen sollten in Wirklichkeit eher als Auflösungsprozesse betrachtet werden. Kurzfristige Kreditvergabe müsste schon bald die Verteilungskanäle Straße und Schiene im Innenland stark in Mitleidenschaft ziehen - sehr ähnlich dem Chaos, das dem Überseehandel durch die Aktivkredite entstanden ist."(...)

lesen Sie im übrigen ruhig den ganzen beitrag durch, um einen eindruck davon zu erhalten, in was für einem stadium des verfalls sich die us-amerikanische ökonomie und gesellschaft inzwischen befindet. es geht dort drüben definitv zu ende.

*

und zwar zu einem ende mit wahrscheinlich großem
schrecken:

(...)"Wie die „Washington Post“ in ihrer Montagsausgabe berichtet, hat die Nachfrage nach Schusswaffen in den USA seit dem Jahresbeginn um acht bis zehn Prozent zugenommen.

„Sehen Sie sich die politische und die Finanzlage an. Das ist der gesunde Menschenverstand. Die Menschen sind erschrocken“, sagte der Inhaber der Waffenhandlung Russell's Gun Emporium in Hagerstown (Maryland).

„Jetzt bereiten sich die Menschen auf eine Katastrophe vor. Das ist eine Art Versicherung. Wenn der Markt zusammenbricht, die Menschen ihre Arbeit verlieren und es dazu noch illegale Einwanderer gibt, ist die Wahrscheinlichkeit von Ausschreitungen sehr hoch“, so ein Kunde eines Waffenladens in Manassas (Virginia)."(...)


(mehr zum gleichen thema auch bei
tp.)

und wer gestern abend zufällig auf arte die dokumentation über den schusswaffengebrauch in großen us-amerikanischen städten gesehen hat, kann sich ungefähr ausmalen, welches szenario sich da anbahnt. da macht die bereithaltung aktiver armee-einheiten für den einsatz im inneren aus sicht der "eliten" schon sinn.

*

hinsichtlich der finanzmärkte (und auch vieler staatlicher währungen) bahnt sich eine weiterer crash in
osteuropa an:

(...)"Aber es ist insbesondere die Entwicklung in den Ländern des sogenannten Neuen Europa, welche die reale Gefahr eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs heraufbeschwört. Die droht, sich als zweite Welle mit noch verheerenderen Folgen auf den bereits stark angeschlagenen Finanzsektor der westeuropäischen Kernländer der EU auszuwirken. Denn die osteuropäischen Länder (ohne Rußland), die insgesamt die gigantische Summe von 1,6 Billionen Dollar geliehen haben, haben zunehmende Probleme, die Zinsen und die Tilgung zu bewältigen, zumal es wegen der eingefrorenen Kreditmärkte nicht länger möglich ist, die alten Kredite mit neuen zu bezahlen.

Da die neue Bourgeoisie in Osteuropa ihren westlichen Vorbildern in nichts nachstehen wollte, hatte sie sowohl ihre Investitionen als auch ihren aufwendigen Lebensstil weitgehend auf Pump errichtet, wobei das nötige Geld vorwiegend aus Westeuropa kam. Damit wurden glitzernde Prestigeprojekte und Shoppingcenter mit Luxusläden errichtet, in denen die neue Oberschicht ihren Reichtum ungeniert zur Schau stellte. Nun aber ist auch diese Blase geplatzt, und Finanzexperten befürchten, daß das Chaos an der EU-Peripherie schon bald zu einer Kettenreaktion innerhalb der Eurozone führen könnte."(...)


zur abwendung des staatsbankrotts musste sich ungarn bereits einen kredit vom internationalen währungsfond beschaffen; weitere staaten - und zwar nicht nur in osteuropa - werden folgen. wer sich ein wenig mit der geschichte des iwf und seinem durchweg unheilvollen wirken auskennt, wird über die
folgen der kreditaufnahme in ungarn nicht erstaunt sein:

(...)"Im Gegenzug für ein Hilfspaket des Internationalen Währungsfonds (IWF) muss die ungarische Regierung ihnen Sparkurs weiter verschärfen.Ein Teil der 13. Monatsrenten werden gekürzt, und das 13. Monatsgehalt wird für einen Großteil der öffentlich Bediensteten gestrichen."(...)

denn diese verschärfungen (im haushaltsplan) der hilfesuchenden staaten sind regelmässig die pferdefüße der iwf-kredite, bei denen es in der folge dann zu einer breiten und massenwirksamen allgemeinen verarmung der bevölkerung kommt - besonders krass zu besichtigen in der vergangenheit vieler südamerikanischer staaten. der iwf ist kein altruistischer club, sondern eine organisation, die ebenso wie die weltbank primär den imperialen interessen vornehmlich der westlichen "eliten" dient.

*

aber warum in die ferne schweifen, wenn im zuge der krise fast wöchentlich dinge sichtbar werden, die bei näherer betrachtung aufgrund ihrer immanenten frechheit sprachlos machen? wenn Sie gestern die grotesken entwicklungen rund um die vw-aktie verfolgt haben, wird Sie vielleicht ein beitrag bei weissgarnix interessieren: zur
skizzierung eines bösen verdachtes.

*

vor diesem hintergrund wünscht man sich glatt mehr aktionen wie vorgestern von attac - egal, wie man im einzelnen zu ihren durchaus nicht weit genug gehenden forderungen steht. für alle, die´s noch nicht gesehen haben:



*

zwei neue warnungen, die aus der finanz-/banken-/investoren-szene kommen:
warnung vor einer weltweiten krise sowie die warnung vor einem mega-domino-day des weltfinanzsystems.

ich kann nur nochmal meine meinung von neulich zum besten geben: wenn diese strukturen zusammenbrechen sollten, ist das eigentlich aufgrund ihrer immanenten destruktivität ein grund zur freude, die jedoch stark dadurch getrübt wird, dass es bisher keine sichtbaren zeichen einer alternativen und qualitativ sozialeren ordnung gibt, die kurzfristig und von vielen menschen getragen einspringen könnte. "revolutionäre situation ohne revolutionäre", so wurde das neulich in einer privaten mail auf den punkt gebracht. und das deutet auf verdammt unerfreuliche zustände hin.

*

zustände (zunächst noch primär ökonomische), die im nächsten link spezifisch für d-land ohne dramatisierung versucht werden zu beschreiben:
wie schlimm kann es kommen?

*

ein problem bei den sich primär auf die sich entfaltende weltwirtschaftskrise beziehenden ausblicken und analysen liegt meiner meinung allerdings darin, dass sie den möglichen symptomcharakter der krise nicht berücksichtigen - symptom in dem sinne, dass sich hier eine grundsätzliche und möglicherweise finale krise der gesamten industrialisierten und westlich verfassten / orientierten welt anbahnt - wir stoßen in jeder hinsicht auf unsere
grenzen:

(...)"Hat man gestern erst erfahren, dass der Credit Crunch laut Bank of England geschätzte Verluste im Wert von 2,8 Billionen Dollar mit sich bringt, so beziffert der aktuell veröffentlichte Living-Planet-Bericht die ökologischen Kosten, die durch die Ausbeutung der Erde entstehen, auf 4 bis 4,5 Billionen US-Dollar pro Jahr. Die Umrechnung basiert wiederum auf einem UN-Bericht, der die wirtschaftlichen Kosten berechnet, die durch den Ausfall bestimmter Teile des Ökosystems entstehen.

In Prozentzahlen sieht das Ergebnis des Berichts allerdings nicht weniger beindruckend aus: Um 30 Prozent übersteigt unser Ressourcenverbrauch die Menge dessen, was die Erde jährlich wieder regenerieren kann. Die Folgen der Ausbeutung kennt man in diesen Stichpunkten seit Jahrzehnten: Entwaldung, erschöpfte Böden, verschmutzte Luft, verschmutztes Wasser, Überfischung, Schwund der Arten."(...)


ich will mich jetzt nicht schon wieder über die grundsätzlich pervertierte wahrnehmungsweise auslassen, die da die gesamte natur nur noch in ökonomischen (was nichts anderes heisst als: objektivistischen bzw. objektivierbaren) kategorien erfassen kann. wenn allerdings auch innerhalb dieser kategorien alle lampen auf grellrot springen, so ist das als weiteres menetekel an der wand zu betrachten. es geht letztlich darum, das und
wie unser wirtschaftssystem die erde tötet.

der westen (als repräsentant des kapitalismus) hat im wahrsten sinne des wortes abgewirtschaftet.

*

und damit zurück zum beginn des beitrags - es ist vor dem eben umrissenen eigentlich kein wunder, dass bei der aussicht auf derart gewaltige um- und zusammenbrüche eine mehrheit der hiesigen bevölkerung nichts mitbekommen will - ja, will. denn auch wenn die materie gerade bezgl. der ökonomie komplex ist, so sind doch für alle interessierten die nötigen informationen (noch) vorhanden, um sich ein wie rudimentär auch immer ausfallendes bild der situation machen zu können. bezgl. dieses punktes gibt es keine entschuldigung. es muss also etwas mit der eigenen motivation, den verbreiteten inneren strukturen und auch mit der eigenen wahrnehmung zu tun haben, wenn hier bisher weiter "alltag" gespielt wird. ein wichtiger punkt ist dabei sicherlich die schon neulich aufgegriffene
soziale trance, zu der die propagierung von "privatheit" (in der form als synonym von vereinzelung) sicher viel beiträgt. will sagen: uns fällt jetzt die allgemeine schädigung der beziehungsfähigkeiten (und damit auch schädigung der fähigkeiten zum kollektiven handeln) voll auf die füße. und als eine folge davon werden wir im zuge der weiteren eskalation der krise mit zunehmend destruktiver werdenden ängsten und aggressionen rechnen müssen - hatte ich zwar neulich ebenfalls schon mal ausgeführt, aber ich halte es für sehr wichtig, sich über diese aspekte ganz klar zu werden. und speziell über diese punkte muss dringend mehr geredet werden.
Peter (Gast) - 29. Okt, 19:10

Merci

Danke fürs Verlinken! :-) Und danke auch für den interessanten Artikel - ich habe mir Deinen Blog gleich mal gebookmarkt, hier werde ich sicher noch des öfteren herein schauen.

Tschüß,
Peter
(http://konsumpf.de)

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