kontext 4: den bock zum gärtner machen?

auf der seite aspergia.de findet sich unter anderem ein interessantes .pdf-dokument ,welches ein möglicherweise unerwartetes schlaglicht auf die innere struktur der westlichen zivilisation wirft. in einem artikel aus dem "svenska dagbladet" aus dem november 1999 wird dort ein psychiater u.a. mit folgenden gedanken zitiert:

"Der Psychopath ist zum Heldenidol der neuen Wirtschaft erhoben worden. Der charismatische und unzuverlässige Psychopath ist das Ideal der neuen Wirtschaft, während mehr introvertierte aber zuverlässige Persönlichkeiten geringgeschätzt werden."

es ist ganz interessant zu sehen, wie sich eine wahrscheinlich der realität entsprechende sichtweise - dass der westliche kapitalismus in seinen strukturen personen mit einer ausgeprägten antisozialen ader extrem fördert - doch so öffentlich an der einen oder anderen stelle wiederfinden lässt.

was aber die dann folgenden überlegungen anbelangt, wird es bizarr:

„Man muß sich die Frage stellen, warum die Eigenschaften, die zu Persönlichkeitstypen wie Asperger gehören, nicht höher geschätzt werden. Statt dessen werden die Verhaltensweisen bevorzugt, die mit dem Gegensatz einer Aspergerpersönlichkeit verknüpft sind, nämlich mit dem Psychopathen.“

„Der Psychopath ist der glänzende Soloartist der sozialen Akrobatik, ein unübertroffener Manipulator, aber ohne Bezug zu den Begriffen von Ehre der Gesellschaft. Die Aspergerpersönlichkeit ist hingegen absolut lojal gegenüber den eigenen Idealen und geht lieber eigene Wege, anstatt sich anzupassen.“

Es braucht die Extreme.
Er meint, daß man beide Extremvarianten, den Asperger und den Psychopathen, für die Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft braucht, „vielleicht vor allem deshalb, weil beide Grenzüberschreiter sind.“

„Der Psychopath ist“, schreibt er, „ein extrovertierter Eroberer neuer Märkte. Die Aspergerperson ist ein introvertierter Produktentwickler, der die Konkurrenten der Firma alt aussehen läßt.“


ja, ein wahrhaftiges duo infernale, welches ob seiner rücksichtslosigkeit und "effizienz" jedem aufsichtsratsmitglied die freudentränen in die augen schießen lässt. was aber hier merkwürdig ist: asperger-autistInnen lassen sich mit einiger berechtigung (und sind es früher auch "offiziell") selbst als eine psychopathische variante betrachten. die extreme objektwahrnehmung geht einher mit einer ebenso extremen empathielosigkeit (und komme mir niemand damit, dass autistische menschen irgendwie tatsächlich zugang zu solchen fähigkeiten wie empathie oder auch intuition hätten - wie in diesem blog noch gezeigt werden wird, handelt es sich dabei regelmässig um surrogate, "als-ob"-kompensationen, die allerdings manchmal täuschend "echt" wirken können).

jedenfalls propagiert dieser psychiater letztlich die funktionalisierung von durch einen schweren sozialen defekt entstandenen kompensationen im bereich der kalten und objektiven intelligenz (wobei diese kompensationen keinesfalls bei allen autistischen menschen vorhanden sind) im dienste der herrschenden ordnung. eine bemerkenswerte logik, wie ich finde.

Auf Nachfrage des PM-Redakteurs antwortet Olle Hollertz, daß es schwierig sein kann, reinrassige Psychopathen namentlich zu nennen, aber „es ist nicht schwer, Personen mit psychopathischen Zügen im eigenen Umfeld zu finden. Sie befinden sich nicht selten in der Wirtschaft, wo man manchmal nur schwer ein Finanzgenie von einem Hochstapler unterscheiden kann.“


yo...

"Vielleicht hängt das Überleben von Staaten wie auch Firmen davon ab, wie gut man diese gegensätzlichen Persönlichkeiten vereinen kann. Das christliche Europa hatte seine geniale Lösung für diesen Gegensatz. Die Begabung von Aspergerpersönlichkeiten wurde in Klöstern gefördert, während man die Psychopathen hinaus in die Welt auf Kreuzzüge und Entdeckungsreisen schickte. Der christliche Glaube bildete den Kitt oder die Waffen, die verhinderten, daß die Gesellschaft zersplitterte oder auf Grund lief.“

hier habe ich mir dann doch die augen gerieben - die von den kreuzzügen "beglückten", und von den europäischen kolonialisten "zivilisierten" bewohnerInnen der amerikanischen und afrikanischen kontinente dürfen sich in dieser logik also glücklich schätzen, dass das damalige europa all seine fiesesten psychos hinaus in die welt geschickt hat. soso. wenn das so ist, dann dürfen wir mit einiger berechtigung also auch hitler den status eines "grenzüberschreiters" und "extrovertierten eroberers" verleihen. klingt doch gleich viel besser als "soziopathischer massenmörder" - oder?
mo (Gast) - 20. Aug, 14:13

ein beispiel...

...für die in den letzten absätzen oben vertretene these lässt sich womöglich - zumindest, wenn ich mir die rezension anschaue - beim folgende besprochenen buch über carl peters finden:

http://www.faz.net/s/RubCB85F279145C457C8259D20FF00682A9/Doc~E18A241171ADD41EEA356AD6519D06DE8~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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