Sonntag, 4. Juni 2006

kontext 23: herr fusi und der graue herr oder der objektivistische angriff auf die zeit

"Da war zum Beispiel Herr Fusi, der Friseur. Er war zwar kein berühmter Haarkünstler, aber er war in seiner Straße gut angesehen. Er war nicht arm und nicht reich. Sein Laden, der mitten in der Stadt lag, war klein, und er beschäftigte einen Lehrjungen.
Eines Tages stand Herr Fusi in der Tür seines Ladens und wartete auf Kundschaft. Der Lehrjunge hatte frei, und Herr Fusi war allein. Er sah zu, wie der Regen auf die Straß platschte, es war ein grauer Tag, und auch in Herr Fusis Seele war trübes Wetter.

"Mein Leben geht so dahin", dachte er, "mit Scherengeklapper und Geschwätz und Seifenschaum. Was habe ich eigentlich von meinem Dasein? Und wenn ich einmal tot bin, wird es sein, als hätte es mich ne gegeben."

Es war nun durchaus nicht so, daß Herr Fusi etwas gegen ein Schwätzchen hatte. Er liebte es sogar sehr, den Kunden weitläufig seine Ansichten auseinanderzusetzen und von ihnen zu hören, was sie darüber dachten. Auch gegen Scherengeklapper und Seifenschaum hatte er nichts. Seine Arbeit bereitete ihm ein ausgesprochenes Vergnügen, und er wußte, daß er sie gut machte. Besonders beim Rasieren unter dem Kinn gegen den Strich war ihm so leicht keiner über. Aber es gibt eben manchmal Momente, in denen das alles kein Gewicht hat. Das geht jedem so.

"Mein ganzes Leben ist verfehlt", dachte Herr Fusi. "Wer bin ich schon? Ein kleiner Friseur, das ist nun aus mir geworden. Wenn ich das richtige Leben führen könnte, dann wäre ich ein ganz anderer Mensch!"

Wie dieses richtige Leben allerdings beschaffen sein sollte, war Herrn Fusi nicht klar. Er stellte sich nur irgend etwas Bedeutendes vor, etwas Luxuriöses, etwas, wie man es immer in den Illustrierten sah.

"Aber", dachte er mißmutig, "für so etwas läßt mir meine Arbeit keine Zeit. Denn für das richtige Leben muß man Zeit haben. Man muß frei sein. Ich aber bleibe mein Leben lang ein Gefangener von Scherengeklapper, Geschwätz und Seifenschaum."

In diesem Augenblick fuhr ein feines, aschengraues Auto vor und hielt genau vor Herrn Fusis Friseurgeschäft. Ein grauer Herr stieg aus und betrat den Laden. Er stellte seine bleigraue Aktentasche auf den Tisch vor den Spiegel, hängte seinen runden steifen Hut an den Kleiderhaken, setzte sich auf den Rasierstuhl, nahm sein Notizbüchlein aus der Tasche und begann darin zu blättern, während er an seiner kleinen grauen Zigarre paffte.

Herr Fusi schloß die Ladentür, denn es war ihm, als würde es plötzlich ungewöhnlich kalt in dem kleinen Raum.
"Womit kann ich dienen?" fragte er verwirrt, "Rasieren oder Haare schneiden?" und verwünschte sich im gleichen Augenblick wegen seiner Taktlosigkeit, denn der Herr hatte eine spiegelnde Glatze.

"Keines von beiden", sagte der graue Herr, ohne zu lächeln, mit einer seltsam tonlosen, sozusagen aschengrauen Stimme. "Ich komme von der Zeit-Spar-Kasse. Ich bin Agent Nr. XYQ/384/b. Wir wissen, daß Sie ein Sparkonto bei uns eröffnen wollen."

"Das ist mir neu", erklärte Herr Fusi noch verwirrter. "Offengestanden, ich wußte bisher nicht einmal, daß es ein solches Institut überhaupt gibt."

"Nun, jetzt wissen Sie es", antwortetet der Agent knapp. Er blätterte in seinem Notizbüchlein und fuhr fort: "Sie sind doch Herr Fusi, der Friseur?"

"Ganz recht, der bin ich", versetzte Herr Fusi.

Dann bin ich an der rechten Stelle", meinte der graue Herr und klappte das Büchlein zu. "Sie sind Anwärter bei uns."

"Wie das?" fragte Herr Fusi, noch immer erstaunt.

"Sehen Sie, lieber Herr Fusi", sagte der Agent, "Sie vergeuden Ihr Leben mit Scherengeklapper, Geschwätz und Seifenschaum. Wenn Sie einmal tot sind, wird es sein, als hätte es Sie niemals gegeben. Wenn Sie Zeit hätten, das richtige Leben zu führen, wie Sie das wünschen, dann wären Sie ein ganz anderer Mensch. Alles, was Sie benötigen, ist Zeit. Habe ich recht?"

"Darüber habe ich eben nachgedacht", murmelte Herr Furi und fröstelte, denn trotz der geschlossenen Tür wurde es immer kälter.

"Na, sehen Sie!" erwiderte der graue Herr und zog zufrieden an seiner kleinen Zigarre. "Aber woher nimmt man Zeit? Man muß sie eben ersparen! Sie, Herr Fusi, vergeuden Ihre Zeit auf ganz verantwortungslose Weise. Ich will es Ihnen durch eine kleine Rechnung beweisen. Eine Minute hat sechzig Sekunden. Und eine Stunde hat sechzig Minuten. Können Sie mir folgen?"

"Gewiß", sagte Herr Fusi.

Der Agent Nr. XYQ/384/b begann die Zahlen mit einem grauen Stift auf den Spiegel zu schreiben."(...)


(ich kürze diese rechnereien mal ab, in denen die einzelnen zeiteinheiten bis zu den sekunden zerlegt werden - ich bin gerade zu faul zum tippen - und springe direkt zum ergebnis, welches der graue dem armen herr fusi, über dem sich gerade eine raffinierte falle zu schließen beginnt, jetzt präsentiert - mit der hypothetischen annahme einer siebzigjährigen lebensdauer):

"Und er schrieb diese Zahl groß an den Spiegel:

2 207 520 000 Sekunden

Dann unterstrich er sie mehrmals und erklärte: "Dies also, Herr Fusi, ist das Vermögen, welches Ihnen zur Verfügung steht."

Herr Fusi schluckte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Die Summe machte ihn schwindelig. Er hätte nie gedacht, daß er so reich sei.

"Ja", sagte der Agent nickend und zog wieder an seiner kleinen grauen Zigarre, "es ist eine eindrucksvolle Zahl, nicht wahr? Aber nun wollen wir weitersehen. Wie alt sind Sie, Herr Fusi?"

"Zweiundvierzig", stammelte der und fühlte sich plötzlich schuldbewußt, als habe er eine Unterschlagung begangen.

"Wie lange schlafen Sie durchschnittlich pro Nacht?" forschte der graue Herr weiter.

"Acht Stunden etwa", gestand Herr Fusi.

Der Agent rechnete blitzgeschwind. Der Stift kreischte über das Spiegelglas, daß sich Herr Fusi die Haut kräuselte.

"Zweiundvierig Jahre - täglich acht Stunden - das amcht also bereits vierhunderteinundvierzigmillionenfünfhundertundviertausend. Diese Summe dürfen wir wohl mit gutem Recht als verloren betrachten. Wieviel Zeit müssen Sie täglich der Arbeit opfern, Herr Fusi?"

"Auch acht Stunden, so ungefähr", gab Herr Fusi kleinlaut zu.

"Dann müssen wir also noch einmal die gleiche Summe auf das Minuskonto verbuchen", fuhr der Agent unerbittlich fort. "Nun kommt Ihnen aber auch noch eine gewisse Zeit abhanden durch die Notwendigkeit, sich zu ernähren. Wieviel Zeit benötigen Sie insgesamt für alle Mahlzeiten des Tages?"

"Ich weiß nicht genau", meinte Herr Fusi ängstlich, "vielleicht zwei Stunden?"

"Das scheint mir zu wenig", sagte der Agent, "aber nehmen wir es einmal an, dann ergibt es in zweiundvierzig Jahren den Betrag von hundertzehnmillionendreihundertsechsundsiebzigtausend. Fahren wir fort! Sie leben allein mit Ihrer alten Mutter, wie wir wissen. Täglich widmen Sie der alten Frau eine volle Stunde, das heißt, Sie sitzen bei Ihr und sprechen mit Ihr, obgleich sie taub ist und sie kaum noch hört. Es ist also hinausgeworfene Zeit: macht fünfundfünfzigmillioneneinhundertachtundachtzigtausend. Ferner, haben Sie überflüssigerweise einen Wellensittich, dessen Pflege Sie täglich eine Viertelstunde kostet, das bedeutet umgerechnet dreizehnmillionensiebenhundertsiebenundneunzigtausend."

"Aber...", warf Herr Fusi flehend ein.

"Unterbrechen Sie mich nicht!" herrschte ihn der Agent an, der immer schneller und schneller rechnete. "Da Ihre Mutter ja behindert ist, müssen Sie, Herr Fusi, einen Teil der Hausarbeit selbst machen. Sie müssen einkaufen gehen, Schuhe putzen und dergleichen lästige Dinge mehr. Wieviel Zeit kostet Sie das täglich?"

"Vielleicht eine Stunde, aber..."

"Macht weitere fünfundfünfzigmillioneneinhundertachtundachtzigtausend, die Sie verlieren, Herr Fusi. Wir wissen ferner, daß Sie einmal wöchentlich ins Kino gehen, einmal wöchentlich in einem Gesangsverein mitwirken, einen Stammtisch haben, den Sie zweimal in der Woche besuchen, und sich an den übrigen Tagen abends mit Freunden treffen oder manchmal sogar ein Buch lesen. Kurz, Sie schlagen Ihre Zeit mit nutzlosen Dingen tot, und zwar etwa drei Stunden täglich, das macht einhundertfünfundsechzigmillionenfünfhundertvierundsechzigtausend. - Ist Ihnen nicht gut, Herr Fusi?"(...)


nein, ganz entschieden nicht. sind Ihnen übrigens bereits die savant-fähigkeiten hinsichtlich des rechnens beim grauen aufgefallen? und ist es nicht interessant, dass er die verschiedenen momente sozialen lebens als nutzlose dinge bezeichnet?

"Wir sind gleich zu Ende", sagte der graue Herr. "Aber wir müssen noch auf ein besonderes Kapitel Ihres Lebens zu sprechen kommen. Sie haben da nämlich dieses kleine Geheimnis, Sie wissen schon."

Herr Fusi begann mit den Zähnen zu klappern, so kalt war ihm geworden.

"Das wissen Sie auch?" murmelte er kraftlos, "ich dachte, außer mir und Fräulein Daria..."

"In unserer modernen Welt", unterbrach ihn der Agent Nr. XYQ/384/b, "haben Geheimnisse nichts mehr verloren. Betrachten Sie die Dinge einmal sachlich und realistisch, Herr Fusi. Beantworten Sie mir eine Frage: Wollen Sie Fräulein Daria heiraten?"

"Nein", sagte Herr Fusi, "das geht doch nicht..."

"Ganz recht", fuhr der graue Herr fort, "denn Fräulein Daria wird ihr Leben lang an den Rollstuhl gefesselt bleiben, weil ihre Beine verkrüppelt sind. Trotzdem besuchen Sie sie täglich eine halbe Stunde, um ihr eine Blume zu bringen. Wozu?"

"Sie freut sich doch immer so", antwortete Herr Fusi, den Tränen nah.

"Aber nüchtern betrachtet", versetzte der Agent, "ist sie für Sie, Herr Fusi, verlorene Zeit. Und zwar insgesamt bereits siebenundzwanzigmillionenfünfhundertvierundneunzigtusend Sekunden. Und wenn wir nun dazurechnen, daß Sie die Gewohnheit haben, jeden Aben vor dem Schlafengehen eine Viertelstunde am Fenster zu sitzen und über den vergangenen Tag nachzudenken, dann bekommen wir nochmals eine abzuschreibende Summe von dreizehnmillionensiebenhundertsiebenundneunzigtausend. Nun wollen wir einmal sehen, was Ihnen eigentlich übrig bleibt, Herr Fusi."

Auf dem Spiegel stand nun folgende Rechnung:

Schlaf 441 500 000 Sekunden
Arbeit 441 500 000 ,,
Nahrung 110 376 000 ,,
Mutter 55 188 000 ,,
Wellensittich 13 797 000 ,,
Einkauf usw. 55 188 000 ,,
Freunde, Singen 165 564 000 ,,
Geheimnis 27 594 000 ,,
Fenster 13 797 000 ,,
Zusammen: 1 324 512 000 Sekunden

"Diese Summe", sagte der graue Herr und tippte mit dem Stift mehrmals so hart gegen den Spiegel, daß es wie Revolverschüsse klang, "diese Summe ist also die Zeit, die Sie bis jetzt bereits verloren haben. Was sagen Sie dazu, Herr Fusi?"

Herr Fusi sagte gar nichts. Er setzte sich auf einen Stuhl in der Ecke und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirn, denn trotz der eisigen Kälte brach ihm der Schweiß aus.

Der graue Herr nickte ernst.
"Ja, Sie sehen ganz recht", sagte er, "es ist bereits mehr als die Hälfte Ihres ursprünglichen Gesamtvermögens, Herr Fusi. Aber nun wollen wir einmal sehen, was Ihnen von Ihren zweiundvierzig Jahren eigentlich geblieben ist. Ein Jahr, das sind einunddreißigmillionenfünfhundertsechsunddreißigtausend Sekunden, wie Sie wissen. Und das mal zweiundvierzig genommen macht einemilliardedreihundertvierundzwanzigmillionenfünfhundertundzwölftausend."

Er schrieb die Zahl unter die Summe der verlorenen Zeit:

1 324 512 000 Sekunden
-1 324 512 000
0 000 000 000 Sekunden

Er steckte seinen Stift ein und machte eine längere Pause, um den Anblick der vielen Nullen auf Herrn Fusi wirken zu lassen. Und er tat seine Wirkung.

"Das", dachte Herr Fusi zerschmettert, "ist also die Bilanz meines ganzen bisherigen Lebens."

Er war so beeindruckt von der Rechnung, die so haargenau aufging, daß er alles widerspruchslos hinnahm. Und die Rechnung selbst stimmte. Das war einer der Tricks, mit denen die grauen Herren die Menschen bei tausend Gelegenheiten betrogen."

(michael ende "momo"; thienemanns verlag, stuttgart 1973; isbn 3 522 11940 1; s. 58 - 65)


*

ich weiß im moment gar nicht, ob ich noch groß etwas anfügen soll oder muss - ende hat die wesentlichen züge des objektivistischen umgangs mit - oder vielleicht besser: der vergewaltigung - der subjektiven zeit so fein herausgearbeitet, das kaum noch etwas zu ergänzen bleibt. wobei ich ja schon früher hier geschrieben hatte, dass ich zumindest seine mir bekannten bücher lange jahre unterschätzt habe, was ihr potenzial anbelangt. und das meine ich jetzt recht unabhängig von irgendwelchen literaturkritischen aspekten. er hat es imo mit großem erfolg geschafft, bestimmte wahrheiten der aktuellen sozialen menschlichen realität in der westlichen kultur in kreativer weise in einem anderen licht erscheinen zu lassen.

der als letztes geschilderte - wirklich billige - taschenspielertrick des grauen sollte deutlich sein. einige wichtige eigenarten des wesens der grauen, wie sie im roman beschrieben werden, sind mir allerdings wirklich erst in letzter zeit aufgefallen: so wird oben auch deutlich, dass die erzwungene akzeptanz der "objektiven" tunnelrealität - denn objektiv betrachtet, d.h. unter realitätswidriger und fiktionaler auslöschung aller beziehungen des herrn fusi - nicht nur zu menschen, sondern auch zu seiner subjektiven zeit, die sich eben nicht primär zerlegen und durch zahlen beschreiben lässt, ohne schwer geschädigt oder gar zerstört zu werden - nur mittels einer art einschüchterung/verängstigung gelingt, durch die der graue einen veränderten bewußtseinszustand bei seinem opfer hervorruft. der dann zu einer dominanz des objektivistischen modus führt, in dem die logik des grauen denkens die einzig "realistische" zu sein scheint - "sachlich und nüchtern", wie es der graue selbst einfordert.

und so "objektiv" betrachtet ist also die zeit der herrn fusi tatsächlich ein äusserst karges gerippe, eine genau zu definierende menge, begrenzt und endlich, mit der anscheinend gehaushaltet werden muss. und die seltsam abgehoben und irgendwie einen elementaren mangel zu enthalten scheint. reduziert ist hier das treffende wort.

ich weiß, man kann´s mit analogien auch übertreiben. aber die, die hier sichtbar werden, erscheinen mir doch bemerkenswert genug, um nicht von einer überinterpretation zu reden. das ende auch so deutliche hinweise auf savant-fähigkeiten und verdinglichende wahrnehmung gegeben hat (beides ist weiter oben schon erwähnt worden), hat mich selbst wirklich überrascht. neben diesen eigenschaften sollten Sie sich dazu einmal mit den sonstigen beschreibungen der grauen näher beschäftigen (ich nehme übrigens an, dass vielen leserInnen hier das buch bekannt sein dürfte): sie existieren in einem zwangs-/pseudo-kollektiv, sind ohne erkennbare individualität (mit nummern gekennzeichnet), als einzelwesen jederzeit ersetzbar, besitzen eine strikte hierarchie mit extremen machtkämpfen, dazu noch eine deutliche suchtstruktur und sind extrem in ihrer wahrnehmung reduziert - dinge und zahlen stellen das einzige dar, was sie (an-)erkennen können. kontroll- und datenfreaks sind sie auch noch.

und sie haben eigentlich keine eigene, bzw. nur eine elementar sinnlose und v.a. freudlose existenz - sie sitzen quasi, und hier ist dieses wort tatsächlich einmal angebracht, parasitär auf der lebendigen subjektivität der menschen, bei der die subjektive zeit eine untrennbare rolle spielt, und saugen diese ab.

ein grauer herr der neuzeit

(ganz nebenbei gesagt, halte ich übrigens "agent smith" und seine kollegen aus der matrix für die grauen herren der neuzeit - die regisseure der "matrix" haben mit ihrem lustigen zitatewahn im film einmal eine schneise (nicht nur) quer durch die gesamte pop-kultur gezogen, und sich dabei an etlichen, teils sogar noch unerkannten quellen bedient - die grundsätzlichen eigenschaften der grauen jedenfalls sind bei agent smith imo ebenfalls vorhanden, mit betonung der virtuellen pseudoexistenz - und gesteigerter bösartigkeit. aber das, wie gesagt, nur ganz nebenbei).

was der graue wicht im friseursalon dann zwecks zeitsparens empfiehlt, lässt sich unter diesen voraussetzungen lebhaft ahnen - ich füge es trotzdem noch an, auch deshalb, weil es so fatale strukturelle ähnlichkeiten mit gewissem managementgeschwätz unserer zeit besitzt (und das buch wurde immerhin vor über dreissig jahren geschrieben).

"Aber, mein Bester", antwortete der Agent und zog die Augenbrauen hoch, "Sie werden doch wissen, wie man Zeit spart! Sie müssen zum Beispiel einfach schneller arbeiten und alles Überflüssige weglassen. Statt einer halben Stunde widmen Sie sich einem Kunden nur noch eine Viertelstunde. Sie vermeiden zeitraubende Unterhaltungen. Sie verkürzen die Stunde bei Ihrer alten Mutter auf eine halbe. Am besten geben Sie sie überhaupt in ein gutes, billiges Altersheim, wo für sie gesorgt wird, dann haben Sie bereits eine ganze Stunde täglich gewonnen. Schaffen Sie den unnützen Wellensittich ab! Besuchen Sie Fräulein Daria nur noch alle vierzehn Tage einmal, wenn es überhaupt sein muß. Lassen Sie die Viertelstunde Tagesrückschau ausfallen und vor allem, vertun Sie Ihre kostbare Zeit nicht mehr so oft mit Singen, Lesen oder gar mit Ihren sogenannten Freunden. Ich empfehle Ihnen übrigens ganz nebenbei, eine große gutgehende Uhr in Ihren Laden zu hängen, damit Sie die Arbeit Ihres Lehrjungen genau kontrollieren können."

("momo", s. 67)


ein antisoziales programm der selbstgeisselung, welches aber heute bei den propagandistischen predigern der verdinglichung von allem und jedem eine art zustimmendes grunzen hervorrufen dürfte - ende hat da doch tatsächlich so etwas wie einen sehr frühen entwurf zum selbstmanagement einer ich-ag geschaffen...

das ergebnis ist in der fiktion natürlich genauso verheerend wie in der realität - nachdem herr fusi den pakt mit dem unterteufelchen geschlossen hat, sah dann das leben unter zeitsparzwang so aus:

"Und dann kam der erste Kunde an diesem Tag. Herr Fusi bediente ihn mürrisch, er ließ alles Überflüssige weg, schwieg und war tatsächlich statt in einer halben Stunde schon in zwanzig Minuten fertig.
Und genauso hielt er es von nun an bei jedem Kunden. Seine Arbeit machte ihm auf diese Weise überhaupt keinen Spaß mehr, aber das war ja nun auch nicht mehr so wichtig. Er stellte zusätzlich zu seinem Lehrjungen noch zwei weitere Gehilfen ein und gab scharf darauf acht, daß sie keine Sekunde verloren. Jeder Handgriff war nach einem genauen Zeitplan festgelegt. In Herrn Fusis Laden hing nun ein Schild mit der Aufschrift: GESPARTE ZEIT IST DOPPELTE ZEIT!

An Fräulein Daria schrieb er einen kurzen sachlichen Brief, daß er wegen Zeitmangels leider nicht mehr kommen könne. Seinen Wellensittich verkaufte er einer Tierhandlung. Seine Mutter steckte er in ein gutes, aber billiges Altersheim und besuchte sie dort einmal im Monat. Und auch sonst befolgte er alle Ratschläge des grauen Herrn, die er ja nun für seine eigenen Entschlüsse hielt.

Er wurde immer nervöser und ruheloser, denn eines war seltsam: Von all der Zeit, die er einsparte, blieb ihm tatsächlich niemals etwas übrig. Sie verschwand einfach auf rätselhafte Weise und war nicht mehr da. Seine Tage wurden erst unmerklich, dann aber deutlich spürbar kürzer und kürzer. Ehe er sich´s versah, war schon wieder eine Woche, ein Monat, ein Jahr herum und noch ein Jahr und noch eines. (...)

Es war so etwas wie eine blinde Besessenheit über ihn gekommen. Und wenn er manchmal mit Schrecken gewahr wurde, wie schnell und immer schneller seine Tage dahinrasten, dann sparte er nur um so verbissener."

("momo", s. 69)


hier hat ende imo zuwenig vorstellungsvermögen besessen - damals war es eher noch nicht denkbar, dass die grauen herren der märkte ihren lohnarbeitssklaven nicht nur die zeit klauen würden, sondern inzwischen auch ganz ihre seele haben wollen: mürrisch zu sein kann heute schon einen vertraglich festgehaltenen entlassungsgrund darstellen...gute mine zum bösen spiel ist gefordert - simulative fähigkeiten.

ansonsten kam mir gerade noch die assoziation, dass die jahre der vermutlichen entstehung des buches auch jene zeit gewesen ist, in der es zu einigen recht umwälzenden entwicklungen in der industriellen produktion gekommen ist, gerade was die rationelle ausnutzung der arbeitskraft speziell in der fließbandproduktion anbelangte. werde ich nochmal nachschauen.

tja, und das phänomen der immer schneller dahinrasenden zeit ist meiner erfahrung nach als wahrnehmung stark verbreitet. ganz entschieden weniger stark ist jedoch die frage im umlauf, ob diese art der zeitwahrnehmung nicht etwas mit der allgemeinen destruktiven entwicklung unserer sozialen verhältnisse zu tun haben könnte. das wäre sicher ein interessanter diskussionspunkt.

*

haben Sie sich übrigens schon einmal genauer mit der - hm, bewegung beschäftigt, die schon seit einiger zeit unter dem namen slowfood mehr und mehr um sich zu greifen scheint, allerdings bisher hauptsächlich in materiell privilegierten kreisen? es lohnt sich sehr, sich näher mit einigen überlegungen zu beschäftigen:

"Slow Food steht in diesem Zusammenhang für Produkte mit authentischem Charakter, die auf traditionelle oder ursprüngliche Weise hergestellt und genossen werden.(...)

In einer programmatischen Erklärung werden die Ziele der Bewegung erläutert.

* Der Genuss steht im Mittelpunkt - weil jeder Mensch ein Recht darauf hat.
* Qualität braucht Zeit.
* Die ökologische, regionale, organoleptische und ästhetische Qualität ist Voraussetzung für Genuss.
* Geschmack ist keine Geschmackssache, sondern eine historische, kulturelle, individuelle, soziale und ökonomische Dimension, über die durchaus gestritten werden soll.(...)"


"slowfood" besitzt dabei über die thematisierung von qualität und produktion von nahrung durchaus etliche links zu ökonomiekritischen strömungen einerseits, ist aber auch andererseits der auffälligste teil einer gesellschaftlichen strömung noch nicht so recht abschätzbaren ausmaßes, die sich allgemein der verzögerung der zeit widmet:

"Wer hastet, gilt als wichtig. Wer Nächte durcharbeitet, als fleissig, belastbar und erfolgsorientiert. Wer hingegen Zeit hat, gar Lücken im Terminkalender, macht sich verdächtig, ein Nichtsnutz, Tagedieb oder Siebenschläfer zu sein. Tagsüber wird deshalb in unseren Breitengraden nur heimlich geschlafen, hinter heruntergelassenen Jalousien und verschlossenen Klotüren, als ob sich’s hierbei um ein strafbares Vergehen handelte." (von der page des "vereins zur verzögerung der zeit")

mit einer sehr verwandten bis ähnlichen thematik, aber ganz offen bezogen auf die sog. arbeitswelt, beschäftigt sich auch die Initiative zur Rehabilitierung von Muße & Müßiggang aus bremen, die u.a. eine hübsche sammlung von zitaten zum thema bietet.

ich finde es durchaus ein gutes zeichen, wenn sich ein bewußtsein und auch ein gefühl dafür entwickelt, dass dem zugriff des objektivistischen und verdinglichenden wahnsinns, der sich - seinen inneren gesetzen folgend - totalitär auf raum und zeit erstreckt, eben auch auf allen betroffenen ebenen stoppschilder entgegengesetzt werden. die eigene zeit wiederzufinden, ist dazu noch etwas, was als aufgabe von jedem und jeder von uns angegangen werden kann - die eigenen - authentischen - rhythmen zu leben, bspw. was den schlaf angeht, kann in den heutigen sozialen umständen durchaus explosive qualitäten entwickeln.

*

das thema "zeit im objektivistischen modus" oder auch zeit und beziehungskrankheiten wird hier bestimmt nochmal wieder auftauchen. vielleicht sind Sie jetzt aber auch schon selbst auf den geschmack gekommen, sich näher damit zu beschäftigen - seltsamerweise spielt der aspekt der menschlichen zeitwahrnehmung generell kaum irgendwo eine größere rolle. wäre gut, wenn sich das ändert.

zum schluß: habe ich schon mal erwähnt, dass ich seit jahrzehnten ohne armbanduhr und kalender auskomme? und das das ein ziemlich cooler zustand ist, wie ich finde? es gibt durchaus so etwas wie eine innere uhr, die ich in gewissen grenzen auch als "wecker" nutzen kann. und wenn termine wirklich wichtig sind, bleiben sie auch im gedächtnis - wenn sie eine bedeutung für mich haben. ist eine trainings- und gewohnheitssache. ständiges auf-die-uhr-starren jedenfalls macht mich auch dann nervös, wenn ich es bei anderen mitbekomme.

und jetzt bin ich müde genug, um diesen beitrag beenden zu wollen. danke für die zeit, die Sie sich genommen haben.

*

edit bzw. nachtrag:

"ansonsten kam mir gerade noch die assoziation, dass die jahre der vermutlichen entstehung des buches auch jene zeit gewesen ist, in der es zu einigen recht umwälzenden entwicklungen in der industriellen produktion gekommen ist, gerade was die rationelle ausnutzung der arbeitskraft speziell in der fließbandproduktion anbelangte. werde ich nochmal nachschauen."

habe ich noch mal nachgeschaut - und siehe da, die erinnerung trog mich nicht:

"Das MTM-Verfahren (Methods-Time Measurement), in Amerika von einer Gruppe von Wissenschaftlern entworfen, wird vertrieben und verkauft.... (diese angaben dürften heute nicht mehr relevant sein, darum spare ich sie hier aus, anmerk. mo)

An die 300 Firmen in der Bundesrepublik sind bisher auf dieses profitintensivste System abonniert. - Bei MTM geht man davon aus, daß es für jeden Arbeitsvorgang ein meßbares Minimum an notwendigen Bewegungen gibt. Für jede dieser Bewegungen wird eine Normzeit festgesetzt, die von jedem Menschen erreicht werden soll, egal ob es sich um einen jungen oder alten, Mann oder Frau, um einen Starken oder Schwachen, um einen ehemaligen Teppichknüpfer oder einen an Fließbandarbeit Gewöhnten handelt.

Bevor die Methode auf den Markt kam, wurde sie monatelang getestet. Für den Bewegungsvorgang "Gehen" ließ man Menschen von unterschiedlicher Größe, Gesundheit, Hautfarbe, Alter, Geschlecht, entwickelter Intelligenz im Kreis herumlaufen. Immer verfolgt von einem Kameraauge. Aus der Zahl der aufgenommenen Bilder wurde ein Mittelwert errechnet und auf eine Grundeinheit bezogen, die den 100.000. Teil einer Stunde ausmacht. Ergebnis: die sogenannte Normzeit. In der gleichen oder ähnlichen Weise wurden die verschiedenen MTM-Grundbewegungen gemessen. Dabei unterscheiden die Unternehmer und ihre Wissenschaftler drei Arten von Grundbewegungen:

1. Wirksame Bewegungen, z.B. Hinlangen, Greifen.
2. Verzögernde Bewegungen, z.B. Überlegen, Entscheiden, Lesen.
3. Unwirksame Bewegungen, z. B. Sichunterhalten, Träumen, Aufheben eines Teils, das auf den Boden gefallen ist. (die "nutzlosen dinge", die der graue herr oben anprangerte...anmerk. mo) Als Grundbewegungen anerkannt sind Hinlangen, Greifen, Bringen, Loslassen, Fügen, Trennen, Drücken, Drehen, Kurbeldrehen.

Als Blickfunktionen gelten: Anvisieren, Blickverschieben, Lesen.
Körper-, Bein- und Fußbewegungen sind: Seitenschritt, Beugen, Aufrichten vom Beugen, Fuß bewegen, Knien, Sichsetzen, Sicherheben, Körperdrehung, Gehen.

Auf der Basis dieser Normwerte werden die einzelnen Arbeitsplätze analysiert und eingerichtet. Der ökonomische Vorteil dieser Methode wird in einer Informationsschrift eines Unternehmens so angepriesen:

`Es wird versucht, alle nicht unmittelbar zum Arbeitsfortschritt beitragenden Bewegungen zu eliminieren.´

Über den politischen Vorteil heißt es:

`MTM verlagert Beschwerdegründe von subjektiven Beurteilungen auf objektive.´(...)"

(engelmann / wallraff "ihr da oben - wir da unten"; erstausgabe 1973 (das gleiche jahr, in dem "momo" erschienen ist also); ich zitiere hier von s. 110 - 112 der rororo-taschenbuchausgabe von 1976)


"...verlagert Beschwerdegründe von subjektiven Beurteilungen auf objektive." ja-ha, schon verstanden. heisst soviel wie: "wir ignorieren deine primären (selbst-)wahrnehmungen, sie sind vollkommen irrelevant und sogar störend (für uns) - wir tun einfach so, als ob sie nicht vorhanden wären bzw. beweisen dir ganz objektiv, dass du im unrecht bist." implizit wird damit natürlich auch vermittelt, die eigene, primär subjektiv-körperbezogene wahrnehmung als irrelevant zu begreifen bzw. sie derart zu entwerten. was in kulturen, die traditionell genau diesen destruktiven vorgang als festen bestandteil ihrer kindererziehungspraktiken über jahrhunderte verankert haben, natürlich bei den betroffenen menschen auf eine schon entsprechend vorgeprägte struktur trifft.

"MTM", so dachte ich beim lesen des obigen, wird ja wohl heute im zeitalter der pc-arbeitsplätze keine so große rolle mehr wie vor dreissig jahren spielen? dem ist überhaupt nicht so, und zwar nicht nur, was die sphäre der automatisierten produktion in den bereichen anbelangt, die weiterhin auf menschliche (zu-)arbeit angewiesen sind - siehe bspw. hier:

"Dem Labor für Arbeitswissenschaft des Fachbereichs Maschinenbau und Produktion der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg) ist der MTM-AWARD/Förderpreis 2004 verliehen worden.

Methods Time Measurement, kurz MTM genannt, ist ein Verfahren zur Beschreibung, Gestaltung und Planung von Arbeitssystemen mittels definierter Prozessbausteine. Das Verfahren kommt überall zum Ein¬satz, wo verrichtungsorientierte menschliche Arbeit geplant, organisiert und durchgeführt werden muss. MTM-Anwendungen findet man in der Fertigung, Qualitätskontrolle, Logistik und Instandhaltung ebenso wie in der Verwaltung oder im Dienstleistungsbereich. MTM ist heute weltweit das meist verbreitetste Verfahren "Vorbestimmter Zeiten" und bildet damit an jedem Standort global tätiger Unternehmen eine einheitliche Planungs- und Leistungsnorm.(...)"


recherchieren Sie einfach mal selbst - mit der phrase "mtm-verfahren".

User Status

Du bist nicht angemeldet.

US-Depeschen lesen

WikiLeaks

...und hier geht´s zum

Aktuelle Beiträge

Es geht ihm gut? Das...
Es geht ihm gut? Das ist die Hauptsache. Der Rest...
Grummel (Gast) - 23. Jan, 21:22
Im Sommer 2016 hat er...
Im Sommer 2016 hat er einen Vortrag gehalten, in Bremen...
W-Day (Gast) - 23. Jan, 14:49
Danke, dir /euch auch!
Danke, dir /euch auch!
Grummel - 9. Jan, 20:16
Wird er nicht. Warum...
Wird er nicht. Warum auch immer. Dir und wer sonst...
Wednesday - 2. Jan, 09:37
Ich bin da, ein Ping...
Ich bin da, ein Ping reicht ;) Monoma wird sich...
Grummel - 15. Sep, 16:50
Danke, Grummel. Das Netzwerk...
Danke, Grummel. Das Netzwerk bekommt immer grössere...
Wednesday - 13. Sep, 10:02
Leider nicht, hab ewig...
Leider nicht, hab ewig nix mehr gehört.
Grummel - 12. Sep, 20:17
Was ist mit monoma?
Weiss jemand was? Gruß Wednesday
monoma - 12. Sep, 14:48
Der Spiegel-Artikel im...
Den Spiegel-Artikel gibt's übrigens hier im Netz: http://www.spiegel.de/spie gel/spiegelspecial/d-45964 806.html
iromeister - 12. Jun, 12:45
Texte E.Mertz
Schönen guten Tag allerseits, ich bin seit geraumer...
Danfu - 2. Sep, 21:15

Suche

 

Status

Online seit 7183 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Jul, 02:08

Besuch

Counter 2


assoziation
aufgewärmt
basis
definitionsfragen
gastbeiträge
in eigener sache
index
kontakt
kontext
lesen-sehen-hören
notizen
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren