Freitag, 9. Februar 2007

assoziation: einsamkeit, stress, alter und alzheimer

möglicherweise erinnern Sie sich noch an diesen beitrag, in dem es u.a. um die zunehmende verbreitung von sozialer isolation und einsamkeit in den usa geht. ich möchte das nochmalige lesen empfehlen, denn zusammen mit den gleich folgenden informationen geht es hier um fatale konsequenzen gesellschaftlicher realitäten, die nicht erst seit gestern für die große mehrheit aller lebenden menschen bedrohliche formen angenommen haben.

*

jetzt zu den eben erwähnten informationen, die ich zwei artikeln des deutschen ärzteblattes entnommen habe. zum einen gibt es dort unter der überschrift Deutliche Zunahme neurologischer Erkrankungen zu lesen:

(...)"Offensichtlich ist dagegen der Grund für die Zunahme der Alzheimer-Erkrankungen: die steigende Lebenserwartung. Sie zählt mit 67 von 1.000 US-Amerikanern zu den häufigsten (schweren) neurologischen Erkrankungen. Auch die Zahl der Parkinsonerkrankungen, an der heute 10 von 1.000 US-Amerikaner erkranken, wird weiter ansteigen. In einem weiteren Beitrag prognostiziert Ray Dorsey von der Rochester Universität eine Verdopplung der Zahlen bis zum Jahr 2030 (Neurology 2007 68: 384-386)".(...)

(das der artikel auch aussagen über die hier bereits öfter erwähnten steigenden zahlen von diagnosen aus dem "offiziellen" autistischen spektrum macht und dazu kurz den immer noch laufenden streit über die interpretation dieser zahlen streift, soll hier ausnahmsweise einmal nicht das thema sein).

eine komprimierte zusammenfassung des derzeitigen informationsstands zur alzheimer-demenz findet sich hier. wobei zu sagen ist, dass ergänzend eigentlich diese studienergebnisse dazugehören. und wie schon gesagt: erinnern Sie sich nochmals an das ausmaß der verbreitung von sozialer isolation in den usa.

"Menschen, die sich einsam und verlassen fühlten, erkrankten den Ergebnissen einer Kohortenstudie zufolge mehr als doppelt so häufig an einer Alzheimer-Demenz wie gesellige Menschen. Die Autoren glauben in den Archives of General Psychiatry (2007; 64: 234-240) nicht, dass der soziale Rückzug ein Frühsymptom der Erkrankung ist, haben aber keine Erklärung, wie negative Emotionen die doch massiven strukturellen Veränderungen im Gehirn des Alzheimerkranken auslösen könnten.(...)

Mit dem Memory and Aging Project erforschen Mediziner der Rush Universität in Chicago seit Jahren die vielfältigen Aspekte der Alzheimer-Demenz. Dazu gehört die Tatsache, dass viele Personen bereits vor dem Ausbruch der Erkrankung zunehmend sozial isoliert sind. In der aktuellen Studie zeigen Robert Wilson und Mitarbeiter, dass allein schon das Gefühl der sozialen Isolierung mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko assoziiert ist. Die 823 Senioren, die sich seit Ende 2000 an dem Projekt beteiligen, wurden in einem Fragebogen zu Beginn der Studie und danach jährlich wieder nach ihren Gefühlen befragt."(...)


die tatsache, dass alleine schon das gefühl der sozialen isolierung (und das ist hier nun mal wahrnehmungsmäßig relevant) "mit einem erhöhten erkrankungsrisiko assoziiert" ist, stellt dabei keineswegs eine besonders neue erkenntnis dar - und sie ist auch bei weitem nicht nur im hinblick auf alzheimer von belang. mit dem fortschreitenden wissen der neurowissenschaften wird immer mehr das deutlich, was im nächsten absatz an erster stelle steht:

(...)"Die Studie zeige, dass soziale Interaktionen einen spürbaren Einfluss auf das Gehirn haben, meint Susanne Sorensen von der britischen Alzheimer's Society, welche die Studie auf ihrer Internetseite kommentiert. Ähnlich äußert sich Rebecca Wood vom Alzheimer's Research Trust, einer britischen Stiftung. Mahnend weist sie auf Fragmentierungstendenzen in der Gesellschaft mit der Zunahme sozial isolierter Menschen hin, die langfristig einen „echten“ Einfluss auf die mentale und physische Gesundheit der Bevölkerung haben könnte."

das "könnte" streichen wir an dieser stelle mal. wichtig wäre nach diesem schritt eher, die art und weise dieses einflusses und seine folgen möglichst genau zu bestimmen - aber diese aufgabe würde eine veränderung im menschen- und weltverständnis erfordern, die offensichtlich auch für wissenschaftlerInnen nicht so einfach zu realisieren ist:

"Weder die Autoren noch die Kommentatoren haben jedoch eine Idee, wie die psychosozialen Faktoren in die Pathophysiologie der Alzheimer-Erkrankung einwirken und wie sie zum massiven Untergang von Hirnzellen betragen könnten."

ach? wirklich überhaupt keine idee?

(...)"Unsere Versuche bestätigen, dass soziale Isolation der mit Abstand größte Stressfaktor ist, weit vor Elektro- oder Kälteschocks", erklärt Professor Bauke Buwalda von der niederländischen Universität Groningen den Sinn dieses Experiments."(...)

stress nun wiederum, und das ist meines wissens mittlerweile wirklich keine spekulation mehr, stress kann psychophysisch sehr fatale wirkungen mit sich bringen:

(...)"Zwischenmenschliche Belastungen, Überforderungen oder bereits kleinere psychische Anspannung schalten im Hirn Stressgene an, deren Produkte über den Blutweg die Nebenniere erreichen, wo vermehrt Cortisol produziert wird. Letzteres unterdrückt die Produktion von Sexualhormonen und die Immunabwehr. In diesem Sinne werden heute in der Psychoneuroimmunologie mögliche Zusammenhänge zwischen Stress und Krebs diskutiert. Aber auch zur Alzheimer-Entstehung bieten sich Verbindungen an: Stressgene hemmen andere Gene, die Nervenwachstumsfaktoren produzieren. Auch vermag laut Bauer Stress ein bestimmtes Protein Alzheimer-typisch zu verändern."(...)

vielleicht sollten sich die autoren der oben erwähnten alzheimer-studie einfach mal mehr außerhalb ihrer vermutlichen wahrnehmungstunnel bewegen?

*

ich habe vor langer zeit selbst mal ein halbes jahr auf zwei pflegestationen eines privat (lies: kommerziell) betriebenen sog. "alten- und pflegeheims" gearbeitet. und von den vielen in diverser hinsicht unangenehmen erinnerungen ist mir das miterleben des in einem atemberaubenden tempo vor sich gehenden dementen verfalls eines alten mannes als eine der nachdrücklichsten im gedächtnis. dieser mann kam in einem durchaus "fitten" zustand in die station, d.h. er konnte sich um seine sachen selbst kümmern, war geistig klar und orientiert, kommunikationsfähig, nicht bettlägerig und - neben einigen heutigen alterstypischen beschränkungen - durchaus jemand, zu dem das attribut "rüstig" gepaßt hat.

all das änderte sich in nur zwei- bis drei monaten des stationären aufenthaltes in extremer und erschreckender hinsicht.

neben einem etwas schleichender vonstatten gehenden körperlichen verfall fielen als erstes kleine vergeßlichkeiten auf, ebenso wie unsicherheiten in form längerer pausen im gespräch. diese symptome steigerten sich im laufe der - kurzen - zeit zu einer mehr oder weniger vollausgebildeten allgemeinen demenz.

wie gesagt, diese geschichte liegt schon über zwei jahrzehnte zurück und natürlich könnte auch eine zufällig gerade in dieser zeit voll "aktiv" gewordene primär "hirnorganische" krankheit mit verantwortlich gewesen sein - das kann ich nicht mehr rekonstruieren. aber selbst in diesem falle würde sich die frage nach dem oder den auslösern dieser aktivität stellen.

und damit zu dem, was heute immer als psychosoziale bedingungen bezeichnet wird: das klima - und zwar sowohl allgemein als speziell das arbeitsklima - dieser station war ein durchaus desolates: eine autoritär auftretende und willkürlich handelnde stationsleiterin, medikamenten- und alkoholprobleme bei teilen des personals - und einige phänomene mehr, die heute wohl unter den begriffen mobbing und burn-out laufen würden (supervision war natürlich völlig unbekannt). das verhältnis zu den "patientInnen" wiederum war unter diesen umständen - wie konnte es auch anders sein? - ein verdinglichendes in dem sinne, dass die reibungslosigkeit des betriebs vorgeordnet an erster stelle stand, weit vor allen etwaigen bedürfnissen der alten. dazu wurde großzügig von medikamenten, v.a. psychopharmaka, gebrauch gemacht. die reine befriedigung der körperlichen grundbedürfnisse wurde zwar gewährleistet, jedoch wurde auch hier der formale rahmen an die erste stelle gesetzt. was konkret bspw. bedeutete, dass der wunsch einer alten frau nach einem zusätzlichen nachtisch beim mittagessen glatt abgeschmettert wurde - "aus prinzip". es blieb jeden tag einiges an essensportionen über, und diese reste wurden jeden tag in den "schweineeimer" geschmissen und entsorgt. an der verfügbarkeit eines zweiten nachtisch lag es also nicht.

aber am "prinzip". was hier als synonym dafür zu lesen ist, dass ein großteil des personals die alten als störend und lästig empfand - gerade und besonders dann, wenn sie bedürfnisse äußerten, die über die vorgeschriebene minimalversorgung hinausgingen. ich will hier generell kein altenpflegerInnen-bashing betreiben: dieser beruf ist aus meiner perspektive einer der schwierigsten, den es gibt. die ständige konfrontation mit verfall, krankheit und v.a. dem tod unter bedingungen von personalknappheit (Sie wissen schon: die "betriebswirtschaftliche logik"...) und grotesk schlechter bezahlung verlangt eine enorme persönliche stärke, die aber unter den herrschenden gesellschaftlichen bedingungen niemals ausreichen kann. das nur am rande.

"minimalversorgung" jedenfalls meinte damals auch, dass die bedürfnisse nach aktivität und kommunikation - sofern noch vorhanden - seitens der bewohnerInnen in der art "befriedigt" wurden, dass diejenigen, die nicht ständig bettlägerig waren, nach dem frühstück angezogen wurden und bis zum - am späten nachmittag stattfindenden - abendessen in einen scheußlich eingerichteten raum vor den fernseher gepackt wurden - programm nebensächlich - und dort unter weitgehender sprachlosigkeit und sich selbst überlassen vor sich hindämmerten, bis sie wieder ins bett befördert wurden.

manifeste lieblosigkeit - auch ein synonym für soziale isolation. ich habe in den paar monaten dort selbst psychophysische symptome entwickelt, und bin nach einer schweren auseinandersetzung mit der erwähnten stationsleiterin auf eine andere station versetzt worden, auf der ich eine art gegenmodell zum gerade beschriebenen kennenlernen konnte. ein pflegeteam, das aus den eigenarten und den persönlichen fähigkeiten seiner mitglieder heraus sowohl insgesamt ein ganz anderes arbeitsklima etablieren konnte und v.a. seine aufgaben auch jenseits des vorgeschriebenen minimalismus suchte und fand. so wurden zb. spielnachmittage und ausflüge organisiert, und besonders jeden tag und immer wieder das gespräch mit den alten gesucht - und sich zeit genommen. ich kann von heute aus nicht sagen, ob die verantwortliche stationsleitung dazu besondere kämpfe mit der heimleitung ausfechten musste. ich vermute eher, dass lediglich die vorhandenen möglichkeiten konsequent ausgeschöpft wurden.

und als basis dafür braucht es u.a. ein empfinden dafür, es bei pflegerischen tätigkeiten eben nicht mit irgendwelchen dingen zu tun zu haben, die sich beliebig in die ecke stellen lassen - und später wieder rausgeholt werden.

*

warum ich diese geschichten gerade erwähnt habe, sollte eigentlich deutlich sein. und seit damals muss ich immer wieder über einige aspekte von demenz nachdenken, die mir deutliche botschaften zu enthalten scheinen, welche unter berücksichtigung des themas soziale isolation noch deutlicher zu werden:

demenz bedeutet vergessen. und ich kann mir kaum etwas in einem gewissen sinne wirkungsvolleres vorstellen als strukturelle hirnveränderungen, um einsamkeit, schmerzen, demütigungen und allgemeinen stress ein für alle mal anscheinend zu entkommen.

demenz bedeutet selbstverlust. und damit verschwindet die angriffsfläche für die gerade genannten negativen zustände.

demenz bedeutet einen funktional autistischen zustand immer weiter um sich greifender (scheinbarer) beziehungslosigkeit. die sich speziell und konkret in den sozialen beziehungen manifestiert. das lässt sich als sehr umfassenden rückzug aus dem wichtigsten bereich des menschlichen lebens interpretieren.

und mit all dem obigen ganz eng zusammen hängt für mich der letzte aspekt, den ich erwähnen möchte: demenz bedeutet letztlich eine rückkehr in die früheste kindheit. zu meinen alltäglichen arbeiten damals gehörten füttern, windelwechsel sowie waschen - alte babys. ein zustand der zunehmenden hilflosigkeit, in dem die elementarsten körperfunktionen eine - wie auch immer konkret aussehende - zuwendung und aufmerksamkeit praktisch "erzwingen". ich kann mir nicht helfen: auch das lässt sich als ein - nicht "bewußt" durchgeführter und aus bestimmter perspektive kreativer - ausweg aus einer position der isolation interpretieren, bei dem selbstachtung, scham- und stolzgefühle keinerlei hindernisse mehr darstellen können, weil sie schlicht vergessen werden.

*

was aus dem obigen für folgerungen bezgl. unserer lebensverhältnisse zu ziehen sind, möchte ich Ihnen überlassen.

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