Montag, 3. Mai 2010

notiz: das schwarze gift - von einem fast völlig unbekannten detail der ölförderung

während sich der störfall im golf von mexico zu einem supergau des ölzeitalters zu entwickeln droht - nach ein wenig recherche stinkt es einerseits penetrant nach verharmlosung, die andererseits durch die inzwischen sichtbaren dimensionen immer weniger aufrechtzuerhalten ist - und dazu bis zur stunde überhaupt nicht absehbar ist, wann und ob überhaupt die lecks geschlosen werden können, geschweige denn wie die folgen nicht mehr nur für die dortigen ökosysteme nach womöglich wochen oder gar monaten des ölaustritts aussehen würden - während also solcherlei und noch andere düstere gedanken wie ölschlieren auf dem wasser durch meinen kopf zogen, kam mir dank eines hinweises im "spon"-forum eine information vor augen, die zumindest mir bis heute abend völlig unbekannt gewesen ist und meinen wutpegel in gefährliche höhen getrieben hat. mir fällt für die gleich folgenden tatsachen keinerlei angemessenes wort ein - "skandal" wäre eine verharmlosende untertreibung, und unsere aller (in variationen sicher jeweils mehr oder weniger ausgeprägte, aber grundsätzlich vorhandene), anscheinend unlösbare involvierung in das ölzeitalter machen das folgende schwer erträglich. vielleicht auch eingrund dafür, dass erst ende letzten jahres überhaupt berichte in der medialen öffentlichkeit auftauchten - berichte über die radioaktive verseuchung im ganz normalen betrieb der ölforderung - ehrlich, haben Sie davon schon mal etwas gehört?

(...) "Seit Jahrzehnten produziert die Öl- und Gasindustrie mit jedem Barrel Öl und jedem Kubikmeter Gas radioaktiven Abfall: Abwässer, Schlämme und Ablagerungen, versetzt vor allem mit dem hochgiftigen und langlebigen Radium 226. Jahr für Jahr sind das weltweit einige Millionen Tonnen - weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. (...)

Konkret darauf angesprochen gibt auch die Öl- und Gasindustrie die Existenz der radioaktiven Abfälle unumwunden zu. "Das Thema ist eigentlich ein Thema seit es die Gasförderung in Deutschland gibt, das ist so seit Anfang der 70er-Jahre", erklärt Hartmut Pick, Sprecher des Wirtschaftsverbandes Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG).

Allerdings hat die Industrie das Phänomen der radioaktiven Abfälle bei der Öl- und Gasproduktion bislang konsequent vor der Öffentlichkeit verschwiegen. "Wir haben das natürlich nicht mit der Bevölkerung kommuniziert", sagt Pick. "Wir kommunizieren das Problem mit den Mitarbeitern, die damit beschäftigt sind, mit den Aufsichtsbehörden, die damit zusammenhängen - ja, mit der Branche, innerhalb der Branche."

Der Branchenverband begründet dieses Vorgehen mit der vermeintlichen Ungefährlichkeit der kontaminierten Rückstände. "Wir haben es hier mit natürlicher Radioaktivität in einem relativ geringen aktiven Bereich zu tun, der im Bereich der natürlichen Radioaktivität auch unserer Umgebung liegt", sagt Verbandssprecher Pick.

Diese Aussage ist falsch und widerspricht den eigenen Angaben des Verbandes. Denn danach ist die durchschnittliche Belastung der radioaktiven Öl- und Gasabfälle fast 700 mal höher als die durchschnittliche Belastung des Erdbodens. Dem WDR liegt ein Papier der Firma Exxon vor, wonach die mittlere Belastung der Abfälle sogar 3000 mal höher ist." (...)


und so weiter. eine recherche ergibt auf die schnelle nachweisbare folgen bspw. in kasachstan, nigeria und in den
usa :

(...) "Durch Zufall fand man heraus, dass die Rohre aus den Ölfeldern von Ashland Oil radioaktiv kontaminiert waren. Strahlenschutzexperte Wade Smith hat als Erster systematisch in und um Martha gemessen. "Wir fanden Radioaktivität in Tanks, in Abflüssen und Rohren, in offenen Sickergruben, sogar im Trinkwasser und in einigen Bächen und Flüssen." Als eines der größten Probleme entpuppten sich die ausgedienten Förderrohre. Ashland Oil hatte sie zu Tausenden an Dorfbewohner und Mitarbeiter, an die örtliche Schule und an Farmer verkauft. Und die hatten, ohne von den stark radioaktiven Ablagerungen innerhalb der Rohre etwas zu wissen, daraus Klettergerüste, Zäune, Regale und anderes gebaut.

Rodney Hamilton war früher selbst bei Ashland Oil angestellt. Er nutzte die Rohre, um damit das Fundament seines Hauses zu bauen. Vor zwölf Jahren kam Strahlenschützer Wade Smith in sein Haus und stellte fest: Das ganze Haus ist kontaminiert. "Wir haben Werte gemessen, die lagen bis zu 800 mal über der natürlichen Hintergrundstrahlung," sagt Wade Smith. Für Hamilton war das ein Schock: "Als ich das erfuhr, habe ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern das Haus sofort verlassen." Bis heute steht das verstrahlte Haus leer.

Auch die Schule von Martha musste wegen der Strahlung geschlossen werden. Ashland Oil hat inzwischen überall, wo es ging, die verstrahlten Rohre abgebaut. Tausende Tonnen Erdreich wurden ausgetauscht. Doch die Einwohner von Martha warten noch heute auf Entschädigungen, viele erkrankten an Krebs. Einige sind inzwischen gestorben.

Martha ist kein Einzelfall, sagt Whelma Subra von der US-Umweltorganisation "Earthworks". In der Mehrzahl der 20 Öl produzierenden Bundesstaaten gibt es Probleme mit radioaktiven Abfällen. "In verschiedenen Gerichtsverfahren wurde nachgewiesen, dass die Industrie schon seit den 30er Jahren davon wusste, es aber bis in die späten 80er, frühen 90er Jahre verheimlicht hat," erklärte die Umweltschützerin gegenüber dem WDR." (...)


wenn ich die situation richtig verstanden habe: es betrifft letztlich alle regionen, in denen öl gefördert wird - wie im ersten link hoffentlich deutlich wird, ist die beförderung der radioaktiven stoffe an die oberfläche (das wörtchen " natürlich" als attribut vor der radioaktivität ist in diesem fall völlig bedeutungslos und als implizite verharmlosung gemeint) in verschiedenen konzentrationen eine geradezu zwingende folge der ganz "normalen, unfallfreien" erdölförderung, die auf geologischen und physikalischen gegebenheiten beruht. was seitens der industrie "natürlich nicht in der bevölkerung kommuniziert" wurde.

peak oil erweist sich unter solchen aspekten immer mehr als regelrechter segen - wenn diese sog. "zivilisation" sich angesicht des peaks und angesichts der schlichten normalen unerträglichkeiten bei der ölförderung und auch der verarbeitung als unfähig erweisen sollte, sich selbst zu transformieren, hat sie nichts weiter als den untergang verdient.

in den früheren beiträgen zu peak oil kam öfter mal das gleichnis mit einem junkie oder auch alkoholiker, die auf ihren stoff nicht mehr verzichten wollen und können. in beiden fällen hilft nur der konsequente entzug. das gilt auch für das öl, wobei das angesichts der rolle, die dieser basale rohstoff für die industriellen gesellschaften spielt, gleichzeitig ihr ende bedeuten wird. so oder so. das eine so steht für das (in peak oil-kreisen beliebte) "mad-max-szenario" - eine dystopie nach dem gleichnamigen film. das andere so wäre eine kollektive, rasche und bewusst eingeleitete abkehr vom ölzeitalter - mit allen konsequenzen auch des (scheinbaren oder realen) verzichtes, die das individuell und kollektiv mit sich bringen würde. ich muss wohl nicht mehr schreiben, welches so ich in der derzeitigen situation für wahrscheinlicher halte... der auf öl basierende kapitalismus wird aufgrund seiner inneren widersprüche und der äusseren grenzen des exponentiellen wachstums zur hölle fahren, aber er wird dabei vermutlich auch die eh schon schwer beschädigte menschliche sozialität an den rand des abgrunds bringen.

*

unabhängig davon: meiner wahrnehmung nach sind die obigen informationen noch weitgehend unbekannt. zumindest das können bloggerInnen und auch "nur"-leserInnen ändern - das schwarze gift und die umstände seiner produktion und verarbeitung sind nicht nur hinsichtlich der "rein" chemischen eigenschaften eine gefahr.

*

edit: noch ein zusammenfassendes und vor allem hinsichtlich der bisherigen reaktionen aus wirtschaft und politik sehr aufschlussreiches
manuskript einer radiosendung im dlf.

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