sansculotte - 29. Mai, 22:16

Psychopathie und Evolution

Ich wünschte, ich könnte so optimistisch hinsichtlich der Beurteilung der Psychopathie als bloße Pathologie, Aberration oder logisch konsistente Fehlentwicklung aus traumatischen Bedingungen sein.

Besonders letzterer Einschätzung kann ich durchaus zustimmen. Wenngleich ich das "Fehl-" aus dieser Klassifizierung streichen würde und es einmal dabei belasse, es eine "logisch konsistente Entwicklung aus traumatischen Bedingungen" heraus zu nennen.

Bloß macht das die Sache nicht einfacher. Wir alle wissen mittlerweile um die Vererbarkeit von über Umwelteinflüsse erworbenen Eigenschaften (Epigenetik). Betrachten wir das mal wertfrei aus evolutionärer Sicht, dann müssen wir feststellen, dass es sich bei Psycho- oder Soziopathie um eine ziemlich konstante Erscheinung über die dokumentierte Geschichte der Menschheit (und vielleicht sogar über die gesamte Stammesgeschichte) hinweg handelt.

Das Handeln der "großen Führungspersönlichkeiten" in der Geschichte, die den Gang derselben entscheidend beeinflusst haben (z.B. Alexander, Cäsar, Napoleon,...), soweit es hinreichend dokumentiert ist, weist definitiv Merkmale auf, die in die Kategorie Psycho- bzw. Soziopathie gehören. Solche Persönlichkeiten treten aber immer wieder erfolgreich in Erscheinung. Sie sind "nicht umzubringen", ja sie üben sogar charismatische Anziehungskraft auf die Zeitgenossen aus. Ein Hinweis darauf, dass unsere Neigung, einen gewissen Typ von Psychopathen zu akzeptieren und diesem sogar bereitwillig zu folgen, eine sehr hartnäckige Eigenschaft des homo sapiens und möglicherweise in unseren Gehirnen sogar "fest verdrahtet" ist.

Warum? Haben Psychopathen einen evolutionären Vorteil?

Ich behaupte: ja, den haben sie. Einige Typen von Psychopathen sind extrem stressresistent und handlungsfähig. Unter traumatischen Bedingungen - wie sie im Laufe der Geschichte dieses Planeten schon allein durch wiederkehrende (Natur)katastrophen regelmäßig sich ergeben - bleiben diese Menschen allein emotional unberührt und handlungsfähig, weil sie nicht den konventionellen Stress-Coping-Strategien unterliegen. Sie "freezen" nicht, sie dissoziieren nicht, und sie weisen auch sonst keine Anzeichen von Ängstlichkeit und Furcht auf.

Eine Gruppe/Sippe/ein Stamm (=die kleinste überlebensfähige Einheit der Gattung Mensch) mag davon enorm profitieren. Unter Bedingungen, an denen alle anderen zerbrechen würden, sind diese Psychopathen allein fähig, so etwas wie eine "Ordnung" aufrechtzuerhalten, die anderen Gruppenmitglieder zum Weiterfunktionieren zu zwingen und somit einen Rest der Gruppe - tatsächlich koste was es wolle - über die Runden zu bringen. Nicht etwa aus sozialen Motiven, sondern weil sie einfach Dinge tun, die andere nicht tun. Und weil sie - ohne sozial-emotionale Rücksichtnahme - mögliche Szenarien einfach ausprobieren, kann sich hier auch ein auf simplem trial-and-error basiertes innovatives Lösungspotenzial entfalten. Psychopathen sind unter bestimmten Umständen eine evolutionäre Überlebensstrategie.

Einen Hinweis darauf mag auch die durchaus ambigue / zwiespältige Figur des Alpha-Männchens geben. Was alle Alpha-Männchen eint, sind die Eigenschaften Dominanz, Zielstrebigkeit und Handlungsfähigkeit. Diese Eigenschaften üben auf das andere Geschlecht große Attraktivität aus, sodass Alphas auch größeren Fortpflanzungserfolg haben (man könnte auch sagen, dass Alpha-Merkmale evolutionär erfolgreich sind). Die Ambiguität ergibt sich nun daraus, dass sich Alphas durchaus in ihrer Soziabilität, ihrer Fähigkeit, sich sozial zu verhalten, unterscheiden können. Dominanz, Zielstrebigkeit und Handlungsfähigkeit können nämlich entweder aus einer gewissen emotionalen Souveränität heraus ausgeübt werden oder sich ganz einfach dadurch ergeben, dass die entsprechenden "Module" zur sozialen Rücksichtnahme vollständig fehlen (Psychopathie).

Es gibt so 'nen verbreiteten Spruch in den englischsprachigen Ländern: Chicks dig jerks. Ich glaube diese Verhaltenstendenz entstammt dem Unvermögen, zwischen diesen beiden Alpha-Typen hinreichend gut unterscheiden zu können. Deshalb haben auch die "jerks" evolutionär weiterhin ihre Chancen.

just2cents, sans

monoma - 29. Mai, 23:44

für vergangene historische epochen...

...sehe ich das ähnlich (dazu ist mir auch dieser jahrealte beitrag wieder eingefallen, gerade der schluß ist in diesem kontext interessant).

will sagen: solange es noch v.a. räumliche grenzen zu überschreiten (die doppelbedeutung in diesem zusammenhang fällt mir tatsächlich erst jetzt auf) gab, also neue länder und kontinente "entdecken", sich mit den naturgewalten herumschlagen, als pioniere irgendwo zu landen etc., als das leben also in klassischer hinsicht alltäglich gefährlich war - da hat diese besondere innere ausstattung in bestimmten momenten tatsächlich evolutionär sinn gemacht, wie Du es schon aufgezeigt hast. gerade die angst- nein, nicht freiheit, sondern unfähigkeit sehe ich dabei ebenso hervorgehoben.

robert hare hat in einer arbeit mal die zustände im historischen "wilden westen" der usa als paradigmatisch für einen "idealen soziopathischen lebensraum" skizziert - die meiste zeit immer noch zu überwindende grenzen (im westen) vor augen, feinde ("indianer") zur verfügung, kaum übergreifende (staatliche) strukturen, ein totalitäres freiheitsideal, ungebundenheit, betonung von körperlicher und auch waffentechnischer stärke, "das gesetz in den eigenen händen", rache als akzeptierte verhaltensform etc.

ein solches gesellschaftsbild lässt sich nicht nur bei großen teilen der "tea party" wiederfinden, sondern ebenso auch bspw. bei von hayek als mastermind des neoliberalismus. im grunde hat der "wilde westen" von damals auch viele strukturelle ähnlichkeiten mit den heutigen "failed states" alá somalia.

was ich damit sagen will, geht ungefähr in die folgende richtung: für komplexe und technisierte gesellschaften mit einer gewissen bildungsbreite und - selbst nur relativen - fortschritten beim umgang mit kindern, was die option auf reduzierte allgemeine traumatische strukturen mit sich bringt, halte ich die soziopathie auch im evolutionären sinne für deutlich dysfunktional. wenn ich als ein zentrales merkmal der soziopathie auch immer eine weitgehende wahrnehmungsreduktion setze, dann wird eine derartige innere struktur für alle komplexeren gesellschaften schlicht lebensgefährlich, weil komplexität eine weitgehende zusammenarbeit, letztlich also arten von kollektivem bewusstsein -> im kern liebesfähigkeit, voraussetzt, für die soziopathen aus diversen gründen nicht nur unfähig sind, sondern an denen sie aus ihren eigenen reduzierten perspektiven aus auch überhaupt kein interesse haben können. ich glaube, in diesem bereich liegt eine wesentlicher teil der konflikts zwischen der "restmenschheit" und ihren mutanten. auf einer anderen ebene ließe sich auch behaupten, dass das von den heutigen "eliten" zunehmend erzeugte anomische chaos in vielen weltregionen auch von der sehnsucht nach globalen wild-west-zuständen motiviert ist.

erstmal schluß. btw: willst Du nicht auch mal ein gastbeitrag schreiben? ;-)
sansculotte - 29. Mai, 23:57

Die Mühlen der Evolution

mahlen langsam... :( Take in account: seit wann gibt es komplexere Gesellschaften, in denen das von dir zuletzt so schön Beschriebene unzweifelhaft eine große Rolle spielt?

Danke für deine Antwort! Full Ack.

lg, s
Wednesday - 30. Mai, 09:46

Kill your idols

> Einige Typen von Psychopathen sind extrem stressresistent und handlungsfähig. [...] Unter
> Bedingungen, an denen alle anderen zerbrechen würden, sind diese Psychopathen allein
> fähig, so etwas wie eine "Ordnung" aufrechtzuerhalten, die anderen Gruppenmitglieder zum
> Weiterfunktionieren zu zwingen [...]

Ich vertraue dem nicht ganz. Auch "normale" Menschen können in extremen Stress handlungsfähig bleiben und andere schützen. Mit anderen Worten, wir unterscheiden zwischen Menschen, die aus altruistischen Gründen handeln bzw. ist ihr Bedürfnis, aus Empathie Mitmenschen zu schützen, sehr stark, und solchen, die die Chance wittern, durch ihr Handeln zB Macht zu erhalten und Herrschaft an sich zu reissen (im Kleinen innerhalb einer Familie, im Großen: Firma, Glaubensgemeinschaft, Staat).

Das Problem ist, daß dieser Typ nicht einfach bzw. zu spät zu erkennen ist. Wer zB eine revolutionäre Bewegung in einer Krise retten will, ist nicht immer der "Psycho", aber er setzt sich meist durch, und dann haben wir den Dschugaschwili. Warum sind die meisten von uns von Durchsetzungskraft, Energie, Charme und Charisma so verführbar? Bei mir klappt das nicht, weil mich diese Attribute stets mißtrauisch gemacht haben (aber warum?); handelt es sich um ein Urschema, das uns verführbar macht, und von dem sich jeder einzelne lösen lernen muss?

> [Alpha-Männchen ] Diese Eigenschaften üben auf das andere Geschlecht große
> Attraktivität aus, sodass Alphas auch größeren Fortpflanzungserfolg haben

Naja, wenn wir bei der Klassifizierung bleiben wollen, gibt es ebenso "Alpha-Weibchen".

Ciao
W-Day
sansculotte - 3. Jun, 11:59

Not my idols

Die Machtfrage spielt für Psychopathen eine eher untergeordnete Rolle. "Macht" ist ja ein Abstraktum, das summarisch viele verschiedene Verhaltensweisen unter einem Begriff zusammenfasst. Psychopathen interessieren sich nicht für diese Art von Theoretisieren.

Materielle Basis für die Psychopathie ist eine in vielen entscheidenden Strukturen veränderte Gehirnphysiologie. Zu diesen Strukturen dürfte auch das Belohnungssystem zählen (obwohl es bis dato darüber mWn keine syst. Studien gibt?). Entsprechend können wir bei Psychopathen eine groteske Freude am Manipulieren, Quälen, Unterwerfen, Demütigen und Verletzen von anderen Menschen beobachten, und dies alles in sehr konkreten Handlungen, was eben vermuten lässt, dass das Initiieren dieser Handlungen für Psychopathen mit Belohnung verbunden ist.

Eben weil sich Psychopathen in ihrer materiellen Basis so erheblich unterscheiden, unterscheiden sie sich auch in ihrer Stressantwort erheblich. Sicher gibt es auch unter den "Normalos" überaus stressresistente Individuen, aber früher oder später schnappt auch bei ihnen die Stressreaktion ein (Flight-Fight-Freeze oder Tend & Befriend). Psychopathen zeigen aber überhaupt gar keine Stressreaktionen. In entsprechenden Untersuchungen blieb die Amygdala, die Gehirnstruktur, die die Furchtreaktion auslöst (der Beginn der Stressantwort), nahezu komplett inaktiv.

Ja, ich glaube eben, dass unsere Neigung, charismatischen Führungspersönlichkeiten zu verfallen, ein stammesgeschichtlich "fest verdrahtetes" Erbe ist, etwas, was du als "Urschema" bezeichnest. Aus vielen Gründen, die Überlebensvorteile mit sich brachten.

Natürlich gibt es auch Alpha-Weibchen, aber im allgemeinen sind Dominanz, Zielstrebigkeit und Handlungsfähigkeit keine sexuellen Attraktionsmerkmale bei ihnen, weil der Selektionsdruck nicht in diese Richtung geht.

grußgruß ;)
Wednesday - 3. Jun, 12:42

Danke. Da Macht dem Psychopathen ja ungestraft zu demütigen usw. ermöglicht, ging ich davon aus, daß es ihm um Macht geht, aber so gesehen... ist Macht eine Art sich nebenbei ergebendes und praktisches Abfallprodukt?
Was aber lässt einen Menschen, den wir als "Psychopathen" bezeichnen, manchmal schrecklich ausrasten, wonach er dann erklärt, man hätte ihn so gestresst, daß er geradezu gezwungen wurde, dich halb totzuschlagen? Ist das eine Lüge? Oder bezeichnen wir einen Menschen mit den von Dir genannten Vorlieben vorschnell als psychopathisch? Moment, ich vergesse, daß ein Psychopath den Wortschatz benutzt, den alle benutzen, was soll er sonst sagen, er reflektiert sich ja nicht kritisch, um sich zurücknehmen zu lernen.

Baba! ;-)
sansculotte - 3. Jun, 13:18

Verschiedene Typen von Psychopathie

Ja, deine Beobachtung bringt die definitorische Ungenauigkeit des Begriffs "Psychopath" so ziemlich auf den Punkt. Robert D. Hare hat in seiner Checkliste bereits zwei Dimensionen von Psychopathie unterschieden, einerseits die ausnützerische Dimension (manipulative) und zum zweiten die impulsive Dimension.

//de.wikipedia.org/wiki/Psychopathie#Unterdimensionen

Ich nehme an, dass es sich auf einem gewissen Kontinuum um zwei unterschiedliche Typen von Psychopathen handelt, den impulsiven Typ und den "kalten" Psychopath, die sich auch in ihren Gehirnmustern unterscheiden.

Als ich die Untersuchungen über Psychopathie und Amygdala erwähnt habe, dacht ich zuerst einmal an die Studie von Glenn et al. aus dem Jahr 2009

//tinyurl.com/89znz7r

und hier insbesondere an folgendes Ergebnis:

Participants with higher psychopathy scores showed reduced activity specifically
in the amygdala during emotional moral decision-making (Fig. 1). Furthermore,
reduced amygdala activity was associated with each of the four factors of psychopathy.

In der Studie heißt es aber auch:

... we find that more psychopathic individuals show reduced activity in the amygdala during emotional moral decision-making, with particularly conning and manipulative individuals showing reduced activity in the entire moral neural circuit.

Ein Hinweis darauf, dass es solche und solche gibt ;-)

lg, b

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