kontext 76: psychophysische mutanten unter uns

"Könnte ich die Psychopathen nicht im Gefängnis studieren - an der Wall Street würde ich genug von ihnen finden."

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der obige satz ist schon mehrere jahre alt, und er erschien damals im zusammenhang mit dem ersten blogbeitrag, der das thema der
psychopathen im big business aufgriff. in großen abständen kam es seitdem immer wieder mal zu ähnlichen artikeln in den medien, ohne dass jedoch vertiefend gegraben worden wäre. dabei reicht das vorliegende material in form einiger studien sowie der gesamten bisherigen erkenntnisse über den komplex der soziopathie (aus gründen bevorzuge ich diesen begriff) eigentlich hinreichend aus, um schlüsse zu ziehen, die erstens über eine reine anerkennung des phänomens hinausgehen und zweitens auch den absolut nötigen bogen von den konkreten personen hin zum sie umgebenden system schlagen. an beidem mangelt es bis heute, wie es vor ein paar wochen anlässlich einer neuen studie auch der schweizer "tagesanzeiger" einmal mehr belegte:

"Die Wallstreet tickt nicht richtig. Psychopathen sind anscheinend überdurchschnittlich repräsentiert. (...) Neu entbrannt war die amerikanische Diskussion über die geistige Befindlichkeit der Banker nach der Publizierung einer Studie im einflussreichen Branchenblatt «CFA Magazine». Gestützt auf Interviews mit Wallstreet-Psychologen schrieb die Verfasserin Sherree DeCovny, dass rund zehn Prozent der an der Wallstreet Arbeitenden «klinische Psychopathen» seien – zehnmal mehr als in der amerikanischen Gesamtbevölkerung." (...)

ich spekuliere, dass sich diese diagnose dabei v.a. an den arbeiten des in den usa immer noch in dem bereich sehr relevanten robert hare orientiert hat. die im artikel folgende auflistung der markanten soziopathischen eigenschaften sollte allen bekannt sein, die sich mit dem bereich schon einmal beschäftigt haben. neu ist vielleicht letztlich nur dieser hinweis:

(...) "Laut DeCovny sind die psychopathischen Charakterzüge der Banker meistens schon vorhanden, bevor sie an der Wallstreet anheuerten, in manchen Fällen aber entwickelten sie sich unter dem Druck der Arbeit. Einer im Jahr 2000 veröffentlichten Studie zufolge leidet zudem fast ein Viertel der Wallstreeter an Depressionen, andere Untersuchungen attestierten ihnen vermehrt Alkoholismus, Schlaflosigkeit, Herzbeschwerden, Esskrankheiten und extrem kurze Lunten." (...)

wobei ich gerade keine ahnung habe, was ich unter "extrem kurzen lunten" nun genau verstehen soll. aber unabhängig davon wäre die gesamte aussage bestens dafür geeignet, sich näher mit der sozialen umgebung sowie den (als-ob)-biographien der identifizierten soziopathen zu beschäftigen. inhaltlich sind beide genannten stränge plausibel; im interesse von prävention jedoch wäre die möglichst genaue rekonstruktion der entwicklung von - funktional - antisozialem verhalten bis hin zu einer womöglich strukturellen soziopathie eigentlich eine der dringendsten aufgaben nicht nur der klinischen psychiatrie. aber weder solche noch andere auf der hand liegende schlüsse bzw. forderungen werden im artikel gestellt.

die gleiche studie hat die "new york times" ebenfalls im gleichen zeitraum zum anlass genommen, um unter dem titel
Capitalists and Other Psychopaths immerhin ein auge auch auf die systemischen umstände zu werfen. das der autor auch dabei nicht groß über die befunde herauskommt, die vor jahren bereits die dokumentation "the corporation"...



...in beeindruckender weise zusammengetragen hat, ist so ärgerlich wie bezeichnend. denn der zusammenhang zwischen der im film herausgearbeiteten diagnose "psychopath" für die juristische person "konzern" mit der ebenfalls deutlich antisozialen ideologie des neoliberalismus und den (a-)sozialen verhältnissen in familien über schulen bis hin zu unternehmen, plus den diesen zustand unterfütternden medialen produktionen - diesen zusammenhang einmal in allen schattierungen und konsequenzen nachvollziehbar darzustellen, wäre genau jene "große erzählung", die der selbsterklärten "postmoderne" heute fehlt (und dieses fehlen ist nicht zufällig).

das die nyt dann am ende ein paar tage später noch eine korrektur bezgl. der studienergebnisse hinterherschob, ändert nichts am grundsätzlichem befund, der da lautet, dass die global dominierende form des kapitalismus mitsamt seiner propagierten ideologie ideal kompatibel mit der bösartigsten form des wahnsinns ist, die sich überhaupt vorstellen lässt: der echten soziopathie. und an einen zufall sollte bei diesem fakt wiederum niemand glauben. ich gehe inzwischen übrigens mehr und mehr davon aus, dass die soziopathie eher vorhanden war als die ihrem wesen am deutlichsten gemäße ökonomische form.

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grummel und sansculotte haben am ende in ihren
kommentaren zum letzten beitrag einiges an weiterem material zusammengetragen, welches in diesen kontext gehört. das möchte ich ergänzen um eine meldung, die anfang des monats wie so vieles andere im medialen rauschen ziemlich unterging, aber eigentlich alle kriterien für eine böse sensation erfüllt:

"Ein auch in Deutschland gängiges Schädlingsbekämpfungsmittel verursacht bleibende Schäden am Gehirn von Kindern im Mutterleib. Selbst bisher als ungiftig geltende Mengen des Insektizids Chlorpyrifos greifen bereits in die Gehirnentwicklung der Ungeborenen ein. Sie lassen wichtige Bereiche der Großhirnrinde schrumpfen und führen später zu spürbaren Einbußen in den geistigen Leistungen der Kinder, wie US-amerikanische Forscher im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences berichten. (...)

„Unsere Ergebnisse sind besorgniserregend“, schreiben Virginia Rauh von der Columbia University in New York und ihre Kollegen. Denn das Insektizid Chlorpyrifos werde in der Landwirtschaft weltweit noch immer häufig eingesetzt. In Deutschland wird Chlorpyrifos vor allem im Obst- und Weinbau verwendet, ist aber auch in frei erhältlichen Mitteln zur Bekämpfung von Schädlingen in Haus und Garten enthalten. „So einen Befund muss man daher schon ernst nehmen“, kommentierte Hans Drexler, Direktor des Instituts für Arbeits-, Sozial-, und Umweltmedizin der Universität Erlangen. Die Ergebnisse seien biologisch plausibel. Das Bundesverbraucherministerium wollte sich auf Anfrage der Nachrichtenagentur dapd zunächst nicht äußern.

Viele schwangere Frauen und kleine Kinder in ländlichen Gebieten seien hohen Dosen dieses Mittels ausgesetzt, warnen Rauh und ihre Kollegen. Wahrscheinlich sei die Belastung bei ihnen sogar noch weit höher als bei den in dieser Studie untersuchten Stadtkindern. Über Pestizidreste auf landwirtschaftlichen Produkten gelange das schädliche Mittel aber auch in die Nahrung der breiten Bevölkerung." (...)


und was sind jetzt die genauen folgen?

(...) „Wir haben bei den stärker belasteten Kindern signifikante Anomalien in der Hirnoberfläche gefunden“, berichten die Wissenschaftler. Besonders betroffen seien Gehirnregionen, die für Aufmerksamkeit, Emotionen, Impulskontrolle und soziale Beziehungen zuständig seien. Die Hirnrinde dieser Gebiete sei geschrumpft, die darunter liegende weiße Substanz dagegen erweitert." (...)

"aufmerksamkeit, emotionen, impulskontrolle und soziale beziehungen". tja, die oben erwähnte "große erzählung" müsste auch in bereiche schauen, die auf den ersten blick anscheinend völlig abwegig sind. die ganze geschichte ist jedenfalls ein weiteres indiz für den schon früher hier geäusserten verdacht, dass womöglich nicht nur unsere gestörten sozialen beziehungswelten mittels trauma für nachschub bei den problematischen psychophysischen zuständen sorgen, sondern wir uns alle selbst mittels langsamer vergiftung mehr und mehr in diese pathologischen zonen befördern.

*

in eigener sache: auch passend zum thema wird am freitag der zweite gastbeitrag von
j. erik mertz folgen, bzw. den ersten dann ersetzen. nur als kleine erinnerung an alle interessierten.
Mrs. Mop (Gast) - 28. Mai, 15:03

Die Attraktivität der extrem kurzen Lunten

Empfehlung: "Why We Love Sociopaths" von Adam Kotsko. Er untersucht die Anziehungskraft, die sozioapathische Persönlichkeiten auf viele Menschen ausüben (in den Medien, speziell im TV). Spannend und leicht verständlich geschrieben.

Die Einleitung zu seinem Buch ist hier zu lesen:

http://thenewinquiry.com/features/why-we-love-sociopaths/

Adam Kotsko schreibt auf einem sehr lesenswerten Blog mit dem wunderbaren Namen "An und für sich"(!):

http://itself.wordpress.com/

Hier die Seite mit Publikationen über sein o.g. Buch:

http://itself.wordpress.com/category/why-we-love-sociopaths-the-book/

Mrs. Mop (Gast) - 28. Mai, 15:04

Jessas. "Sozioapathisch" habe ich geschrieben. Na ja, auch nicht verkehrt :).
monoma - 28. Mai, 15:18

danke für den hinweis, das kannte ich noch nicht. und sozioapathisch passt schon...
Wednesday - 29. Mai, 10:28

Gemütszustand

"Kurze Lunte haben: rasch aufbrausend, ungeduldig sein; leicht böse werden; in die Luft gehen", im veralteten Sprachgebrauch. In unseren Worten wohl: seine Affekte nicht unter Kontrolle habend.

monoma - 29. Mai, 23:46

thx

hätte ich eigentlich auch selbst drauf kommen können - explosivkörper, na klar... ;-)
Grummel (Gast) - 29. Mai, 14:42

Zitat:
Brave New World

Die Epsilons hingegen, die niedrigste Kaste, entstehen, indem man den Embryos Sauerstoff entzieht und sie so zu geistig beschränkten Menschen heranzüchtet, die dementsprechend untergeordnete Aufgaben übernehmen.
/Zitat

Ich könnte wetten .. wenn die Kontrolle nicht mehr alleine "persuasiv" über Medien/Umfeld/Prägung etc. möglich ist, sondern parallel dazu subtil auf Chemischem Weg (ist im dem Fall ja keine Pille, sondern "Unsichtbar", wirksam über Generationen) ... dann wird das kommen (ob diese Wirkung den Verantwortlichen bewusst war/ist weiß ich nicht, ich hoffe nicht).

Wäre doch sehr bequem der eigenen "Kaste" Zugang zu "sauberen" Lebensmittel etc. zu verschaffen und den Rest dumm, schwach und ängstlich zu halten.
(das eine solche "Kaste" existiert lässt sich anhand ihrem "selbstreferentem"/objektivistischem Verhalten/Wahrnehmung/Entscheidungen ... ableiten)

Ich finde in dem ganzen (umfassend systemischen) Kontext kommt man sehr schnell an einen Punkt an dem es nicht mehr nur um Recht/Unrecht geht, sondern um´s Leben/Überleben (möglicherweise der ganzen Spezies).
Das rührt an einer Dimension die den aller meisten gar nicht bewusst ist.

Wednesday - 29. Mai, 17:57

Überleben

Nein, bitte keine Verschwörungstheorie. Wir werden nicht "kontrolliert", sondern leben angepasst in einer manipulativen Umwelt, und die Eliten sind da mit eingeschlossen. Es gibt keinen Masterplan, nicht um eine Verschwörung gegen arbeitende Arme, Versager, Verlierer, Ungebildete handelt es sich, sondern um Nicht-Begreifen, Desinteresse und Ignoranz der meisten Menschen gegenüber den Mechanismen in ihrer Umwelt, die, verstärkt durch ein räuberisches Wirtschaftssystem, auf Jahrtausende hinaus das Leben auf Erde unwirtlich machen werden.

Und es ist denjenigen Menschen, die Macht haben, erst recht denjenigen, die von Geburt an privilegiert sind, einfach egal, wie es dir und mir und erst recht irgendwelchen Nigerianern oder Kolumbianern geht. Wir sind quengelnder Schmutz, aber verblödet darf der nicht sein, denn er entwickelt und liefert die Qualitätsarbeit, die unter anderem auch die Elite benötigt.
Grummel (Gast) - 29. Mai, 19:37

Hmm .. Okay, vielleicht ein "wenig" extrem.
Ich kanns weder belegen noch wiederlegen .. nur scheint es möglich zu sein und was möglich ist ... besitzt eine gewisse Wahrscheinlichkeit.

Verschwörungstheorie, Masterplan, wie beurteilst du das Geschehen der letzten hmm .. 30-100 Jahre (?)
Wie sieht es aus mit der Verwissenschaftlichung und Anwendung von Propaganda/Masenpsychologie etc.? ... Denkst du das Erbe des kalten Krieges verrottet ungenutzt?
Wie sieht es aus mit den Organisationsstrukturen, der globalen Vernetzung?
Der Trennung von Staat und Wirtschaft?
Der Etablierung einer Verpflichtenden Ideologie die das ganze stützt und selektiert?

Kontrolle ist der Schlüssel zur Macht, natürlich wird diese ausgeübt!
Im Lauf deines Lebens wirst du ständig kontrolliert, dein Verhalten, deine Leistungsfähigkeit, deine Intelligenz, deine Zuverlässigkeit, deine Nützlichkeit ... du unterliegst einer Selektion die bestimmt wie du dich entwickeln darfst, einer ständigen Konditionierung auf systemkonformes Verhalten.
Wer setzt denn die Standards mit welchem Ziel? Widerstand/Fehlverhalten hat Gewalt zur Folge, strukturell oder direkt.



Konzertiertes globales Handeln ist Realität, auch wenn es sich für dich "fremd" anfühlt und nicht gerade dem subjektiven Erfahrungshorizont entspricht.
Mensch darf nicht den Fehler machen dem Gegenüber das gleiche Mindset zu unterstellen wie sich selbst.
Es bist nicht du der das tut, also sieh genau hin!
Und verteidige solches Handeln nicht mit Dummheit und Ignoranz, wir reden von der Elite (die sich beliebige Expertise leisten kann)!

Nichts ist unmöglich. Es unterscheidet sich nur durch Wahrscheinlichkeiten.
Und nach dem was ich gelesen und beobachtet habe bin ich der Meinung das viel viel mehr möglich ist/am laufen ist als man vermuten möchte.
Wednesday - 30. Mai, 10:17

> Kontrolle ist der Schlüssel zur Macht, natürlich wird diese ausgeübt!
> Im Lauf deines Lebens wirst du ständig kontrolliert, dein Verhalten, [...]

Das bestreite ich nicht; ich bestreite, daß es etwas wie einen Masterplan gibt. Also etwas in der Form, daß sich Leute zusammensetzen und beschließen, 9 Zehntel der Menschheit zu beherrschen, indem man sie auf unterschiedliche Weisen zu "Untermenschen" macht.

> Wer setzt denn die Standards mit welchem Ziel? Widerstand/Fehlverhalten
> hat Gewalt zur Folge, strukturell oder direkt.

Erziehung zu Anpassung geschieht von frühester Menschheitsgeschichte an, und Tiere machen das ebenso. Man passt sich der Umwelt an, um in ihr zusammen mit den anderen zu überleben, und dieses Verhalten ist unter Menschen im Laufe der Jahrtausende hochkomplex geworden.
Wir können nicht leugnen, daß Kontrolle auch dem Überleben des Einzelnen wie der Gruppe dient; womit wir Probleme haben, sind die Auswüchse: Kontrollwahn und das Unvermögen, jene, die in Machtpositionen sitzen, zu kontrollieren.

> Konzertiertes globales Handeln ist Realität, auch wenn es sich für dich "fremd" anfühlt
> und nicht gerade dem subjektiven Erfahrungshorizont entspricht.

Nein, es fühlt sich für mich nicht fremd an. Wovon Du redest, ist das System, in welchem wir uns gefangen fühlen. Und von dem habe ich mehr als genug Erfahrungshorizonte. Wir leben im für die meisten Menschen mörderischen Kapitalismus. Trotzdem alle Welt ihn, da und dort etwas reformiert, erhalten will und auf die Heilkräfte des Marktes hofft, ist er kein konstruiertes Instrument zur Beherrschung der Massen. Kapitalismus ist kein Masterplan. Kapitalismus begreifen wir und unsere Kapitäne und Kapitäninnen nicht, das sehen wir an den Beispielen, die ihm schlicht ein freundliches Antlitz geben wollen, zB durch Gesetze gegen Spekulationen, Bedingungsloses Grundeinkommen oder durch Freigeld.
Wir spielen mit einem Instrument, das sich nicht beherrschen lässt. Alles, was wir als Kontrolle und Gewalt erfahren, um das System zu erhalten, das uns lebenswichtig scheint, sind Beweise dafür.
Grummel (Gast) - 30. Mai, 13:15

>> Kontrolle ist der Schlüssel zur Macht, natürlich wird diese ausgeübt!
>> Im Lauf deines Lebens wirst du ständig kontrolliert, dein Verhalten, [...]

>Das bestreite ich nicht; ich bestreite, daß es etwas wie einen Masterplan gibt. Also etwas in der Form, daß sich >Leute zusammensetzen und beschließen, 9 Zehntel der Menschheit zu beherrschen, indem man sie auf >unterschiedliche Weisen zu "Untermenschen" macht.

Ob es ein Masterplan gibt spielt eigenltich keine Rolle, die Entwicklung geht in die Richtung.
Die systemische Voraussetzungen sorgen dafür, auch dafür das sich das ganze in einer art Masterplan organisiert.
Entmenschlichung funktioniert in diesem Sinne (ist ausreichend erprobt), einerseits durch die Abkopplung sozialer Subsysteme, andereseits durch die Funktionalisierung eben dieser Menschanismen.
Eine Diskussion ob das Gewollt war/ist oder nicht erübrigt sich ab einem gewissen Punkt genau so wie das Rätseln über Henne und Ei .. es wird System und damit untrennbar.
Allerdings benötigt der Entwurf einer Ideologie wie zB. des Neoliberalismus einiges an Wissen/Ressourcen und sollte eigentlich im Lauf der Zeit durch genug Hände gegangen sein um substantiell geprüft und einer konstruktiven Kritik unterzogen worden zu sein. Das ist nicht geschehen, warum? An mangelnder Kompetenz kann es nicht gelegen haben, also eher eine Instrumentalisierung eines in sich geschlossenen Weltbildes?

Es gibt böse Menschen und leider haben diese mehr zu sagen als uns gut tut.

>> Wer setzt denn die Standards mit welchem Ziel? Widerstand/Fehlverhalten
>> hat Gewalt zur Folge, strukturell oder direkt.

>Erziehung zu Anpassung geschieht von frühester Menschheitsgeschichte an, und Tiere machen das ebenso. Man passt >sich der Umwelt an, um in ihr zusammen mit den anderen zu überleben, und dieses Verhalten ist unter Menschen im >Laufe der Jahrtausende hochkomplex geworden.
>Wir können nicht leugnen, daß Kontrolle auch dem Überleben des Einzelnen wie der Gruppe dient; womit wir >Probleme haben, sind die Auswüchse: Kontrollwahn und das Unvermögen, jene, die in Machtpositionen sitzen, zu >kontrollieren.

Na klar, Tiere reduzieren den Nachwuchs auf "messbares" um ihn in ein generalisiertes Schema zu pressen und wenn die Tiere schon ihre Artgenossen permanent observieren um sie möglichst effektiv zu unkritischen Konsumenten zu machen müssen wir das natürlich auch tun. Ganz zu schweigen von dieser tierischen Elite die sich vom Rest durchfüttern lässt.

Ich hoffe dir ist der Unterschied zwischen dem Fördern/ der Integration eines Mitmenschen und der Objektivierung zur optimalen Verwertung klar.

>> Konzertiertes globales Handeln ist Realität, auch wenn es sich für dich "fremd" anfühlt
>> und nicht gerade dem subjektiven Erfahrungshorizont entspricht.

>Nein, es fühlt sich für mich nicht fremd an. Wovon Du redest, ist das System, in welchem wir uns gefangen >fühlen. Und von dem habe ich mehr als genug Erfahrungshorizonte. Wir leben im für die meisten Menschen >mörderischen Kapitalismus. Trotzdem alle Welt ihn, da und dort etwas reformiert, erhalten will und auf die >Heilkräfte des Marktes hofft, ist er kein konstruiertes Instrument zur Beherrschung der Massen.

Konstruiert oder nicht, er spielt dabei eine Rolle.
Soweit mir bekannt wurden massenpsychologische Konzepte von vorne rein in diese Entwicklung mit einbezogen.

>Kapitalismus ist kein Masterplan. Kapitalismus begreifen wir und unsere Kapitäne und Kapitäninnen nicht, das sehen wir an den >Beispielen, die ihm schlicht ein freundliches Antlitz geben wollen, zB durch Gesetze gegen Spekulationen, >Bedingungsloses Grundeinkommen oder durch Freigeld.
>Wir spielen mit einem Instrument, das sich nicht beherrschen lässt. Alles, was wir als Kontrolle und Gewalt >erfahren, um das System zu erhalten, das uns lebenswichtig scheint, sind Beweise dafür.

"Unsere" "Kapitäne" sehen mehr als du denkst, wie schamlos sie mit "uns" spielen sieht man immer wieder wenn einer davon beim "Lügen" erwischt wird und man sich im Nachhinein ansieht was wirklich alles gelaufen ist/dabei Kommuniziert wurde. Dieses Verständnis von "Führung" hat absolut nichts mit dem zu tun was "uns" als Demokratie verkauft wird.

Dieses Instrument wird beherrscht, allerdings liegt das "System Mensch" nicht innerhalb seiner Prioritäten.
Die Verantwortung abzugeben in dem man "Machtlosigkeit" postuliert und sich den Symptomen widmet wird sich rächen.
Wednesday - 30. Mai, 15:17

> Na klar, Tiere reduzieren den Nachwuchs auf "messbares" um ihn in ein generalisiertes
> Schema zu pressen und wenn die Tiere schon ihre Artgenossen permanent observieren
> um sie möglichst effektiv zu unkritischen Konsumenten zu machen müssen wir das natürlich
> auch tun. Ganz zu schweigen von dieser tierischen Elite die sich vom Rest durchfüttern lässt.

Ich habe versucht, eine Diskussion zu beginnen, und nicht etwa, den Kontrollwahn zu rechtfertigen. Auch in einer herrschaftsfreien Gesellschaft wird Kontrolle ausgeübt werden, um Herrschaftsansprüche zu unterbinden. Kontrolle im sozialen Miteinander spielt eine wichtige Rolle, allein schon um Schwächere gegen Stärkere zu schützen.

Die Kritik an der Elite allein bringt's nicht. Zumal sie tatsächlich "Leistung" bringt, zumindest gelten ihre Tätigkeiten in unserer wahnhaften Welt als Leistung, und diese Elite hat dafür, innerhalb unserer Systembedingungen, ein Recht darauf hat, Nahrung zu erhalten. Oder gehts Du davon aus, es genüge, "Elite" auszuhungern, um den Weltfrieden zu erlangen?
Solange wir alle in einem eher soziopathischen Gesellschaftssystem als in einem empathischen leben, werden Reförmchen, mit dem Ziel, die Soziopathen zu zähmen, nichts bringen.

> [Kapitalismus] Konstruiert oder nicht, er spielt dabei eine Rolle.
> Soweit mir bekannt wurden massenpsychologische Konzepte von vorne rein in diese
> Entwicklung mit einbezogen.

Der Kapitalismus ist keine aus der Retorte der Freimaurer entsprungene Idee, die dann mit Plan und Ziel in die Welt gesetzt wurde, um Epsilons zu züchten. Würdest Du bitte auf dem Boden der wissenschaftlichen Erkenntnisse und belegbaren Tatsachen bleiben?
grummel (Gast) - 30. Mai, 16:53

?

>Ich habe versucht, eine Diskussion zu beginnen, und nicht etwa, den Kontrollwahn zu rechtfertigen. Auch in einer herrschaftsfreien Gesellschaft wird Kontrolle ausgeübt werden, um Herrschaftsansprüche zu unterbinden. Kontrolle im sozialen Miteinander spielt eine wichtige Rolle, allein schon um Schwächere gegen Stärkere zu schützen.

Schön, dann Lege ich mal die Grundlage in Form einer Definition.
Kontrolle als Feedbackschleife resonanter Systeme.

Im emphatischen Sinne als fördern und Integrieren, orientiert am Menschen und seiner Identität wie an der eigenen und der Gesellschaftlichen/Kulturellen/Umfeld. Der Mensch ist das System und dieses ist in seiner "Lebendigkeit" zu fördern und zu schützen.

Im Objektivierten Sinne, Formen und Generalisieren eines Subjekts, orientiert an Ökonomisierung und Anforderungen "des Systems" sonst an nichts, auch mit dem Mittel diverser Formen von Gewalt.

Der Kontrollwahn wie du es nennst ersetzt nicht nur die empathische Interaktion, er schafft ein Ungleichgewicht an Information, eine Asymmetrie der Beziehung und damit auch Macht. Er ist ein Folge des Objekt-Fetischismus (?) der sich in Wechselwirkung mit soziopathischen Elementen beinahe Zwangsläufig entwickelt und sich in seiner Natur immer weiter fortsetzt (der Vergleich einer Psychose passt, schon deshalb weil korrektives Feedback auf Grund von "Nichtwahrnehmung" ausfällt).

Gewalt würde ich als (auch versuchte) Dominanz von Systeme/Identitäten interpretieren, mit dem Ziel die Idendität des "Agressors" auf die des "Opfers" zu übertrage, bzw. die des Opfers zu liquidieren (im Größeren Maßstab zB. bei Indigenen Völkern zu beobachten ... oder bei der tracht Prügel bei "Fehlverhalten"). Das Resultat und Ziel ist "Macht"(Dominanz einer Identität über eine andere).

Ich hoffe du bemerkst den Unterschied der Qualitäten.


>Die Kritik an der Elite allein bringt's nicht. Zumal sie tatsächlich "Leistung" bringt, zumindest gelten ihre Tätigkeiten in unserer wahnhaften Welt als Leistung, und diese Elite hat dafür, innerhalb unserer Systembedingungen, ein Recht darauf hat, Nahrung zu erhalten. Oder gehts Du davon aus, es genüge, "Elite" auszuhungern, um den Weltfrieden zu erlangen?
Solange wir alle in einem eher soziopathischen Gesellschaftssystem als in einem empathischen leben, werden Reförmchen, mit dem Ziel, die Soziopathen zu zähmen, nichts bringen.

Hier stellt sich die Frage wie man "Elite" definiert.
Der Begriff für sich beinhaltet eine Differenz, eine Aufwertung auf der einen wie eine Abwertung auf der anderen Seite. Die Abwertung von Menschen, oder im Extrem auch Entmenschlichung, macht diesen zum Subjekt/Objekt über das beliebig Verfügt werden kann. Die Folge ist Antisoziales/Objektivierendes/Soziopathisches Verhalten gerade von denen die sich "aufgewertet" haben. Von der "Elite" bis zum Herrenmensch" ist es nicht mehr weit (die Storry kennst du sicher).
Aus Sicht der "Elite" hat diese immer recht weil sie "besser" ist.
"Leistung" als Selektionsmerkmal Elite/keine Elite, ist aus meiner Sicht nur eine Art Taschenspielertrick der dafür sorgt das produktive Elemente aus der kommunikativen Matrix isoliert und instrumentalisiert werden können.
Der Begriff wird noch nicht lange in diesem Kontext genutzt.

Und ja, ich denke das "aushungern" von Eliten in diesem Sinne ist ein erster Schritt zu einer besseren Welt.
Und ja, das ausrotten von sozio/Psychopathischen Tendenzen in "der Führung" hätte eine Welt auf "Augenhöhe"/mehr Menschlichkeit zur Folge und damit ganz sicher weniger Kriege und anderer Nebewirkungen des aktuellen "Systems".
Wobei "Führung" ansich wieder "Eliten" produzieren würde, dieses Konzept also überdacht werden muss.

Man kann ja sehen was diese anrichten.



>Der Kapitalismus ist keine aus der Retorte der Freimaurer entsprungene Idee, die dann mit Plan und Ziel in die Welt gesetzt wurde, um Epsilons zu züchten. Würdest Du bitte auf dem Boden der wissenschaftlichen Erkenntnisse und belegbaren Tatsachen bleiben?


Du willst diskutieren und kommst mit Unterstellungen .. ganz großes Kino, ganz schlechter Stiel.
Die Freimaurer sind mir zB. recht sympathisch, ich kann mich in vielen dieser Ideen wieder finden.
Keine Ahnung warum du diese in einen solchen Bezug setzt.

Die Epsilons stammen aus einem Buch von Aldous Huxley und passen in ihrer Analogie perfekt in ein mögliches Szenario.
sansculotte - 29. Mai, 22:16

Psychopathie und Evolution

Ich wünschte, ich könnte so optimistisch hinsichtlich der Beurteilung der Psychopathie als bloße Pathologie, Aberration oder logisch konsistente Fehlentwicklung aus traumatischen Bedingungen sein.

Besonders letzterer Einschätzung kann ich durchaus zustimmen. Wenngleich ich das "Fehl-" aus dieser Klassifizierung streichen würde und es einmal dabei belasse, es eine "logisch konsistente Entwicklung aus traumatischen Bedingungen" heraus zu nennen.

Bloß macht das die Sache nicht einfacher. Wir alle wissen mittlerweile um die Vererbarkeit von über Umwelteinflüsse erworbenen Eigenschaften (Epigenetik). Betrachten wir das mal wertfrei aus evolutionärer Sicht, dann müssen wir feststellen, dass es sich bei Psycho- oder Soziopathie um eine ziemlich konstante Erscheinung über die dokumentierte Geschichte der Menschheit (und vielleicht sogar über die gesamte Stammesgeschichte) hinweg handelt.

Das Handeln der "großen Führungspersönlichkeiten" in der Geschichte, die den Gang derselben entscheidend beeinflusst haben (z.B. Alexander, Cäsar, Napoleon,...), soweit es hinreichend dokumentiert ist, weist definitiv Merkmale auf, die in die Kategorie Psycho- bzw. Soziopathie gehören. Solche Persönlichkeiten treten aber immer wieder erfolgreich in Erscheinung. Sie sind "nicht umzubringen", ja sie üben sogar charismatische Anziehungskraft auf die Zeitgenossen aus. Ein Hinweis darauf, dass unsere Neigung, einen gewissen Typ von Psychopathen zu akzeptieren und diesem sogar bereitwillig zu folgen, eine sehr hartnäckige Eigenschaft des homo sapiens und möglicherweise in unseren Gehirnen sogar "fest verdrahtet" ist.

Warum? Haben Psychopathen einen evolutionären Vorteil?

Ich behaupte: ja, den haben sie. Einige Typen von Psychopathen sind extrem stressresistent und handlungsfähig. Unter traumatischen Bedingungen - wie sie im Laufe der Geschichte dieses Planeten schon allein durch wiederkehrende (Natur)katastrophen regelmäßig sich ergeben - bleiben diese Menschen allein emotional unberührt und handlungsfähig, weil sie nicht den konventionellen Stress-Coping-Strategien unterliegen. Sie "freezen" nicht, sie dissoziieren nicht, und sie weisen auch sonst keine Anzeichen von Ängstlichkeit und Furcht auf.

Eine Gruppe/Sippe/ein Stamm (=die kleinste überlebensfähige Einheit der Gattung Mensch) mag davon enorm profitieren. Unter Bedingungen, an denen alle anderen zerbrechen würden, sind diese Psychopathen allein fähig, so etwas wie eine "Ordnung" aufrechtzuerhalten, die anderen Gruppenmitglieder zum Weiterfunktionieren zu zwingen und somit einen Rest der Gruppe - tatsächlich koste was es wolle - über die Runden zu bringen. Nicht etwa aus sozialen Motiven, sondern weil sie einfach Dinge tun, die andere nicht tun. Und weil sie - ohne sozial-emotionale Rücksichtnahme - mögliche Szenarien einfach ausprobieren, kann sich hier auch ein auf simplem trial-and-error basiertes innovatives Lösungspotenzial entfalten. Psychopathen sind unter bestimmten Umständen eine evolutionäre Überlebensstrategie.

Einen Hinweis darauf mag auch die durchaus ambigue / zwiespältige Figur des Alpha-Männchens geben. Was alle Alpha-Männchen eint, sind die Eigenschaften Dominanz, Zielstrebigkeit und Handlungsfähigkeit. Diese Eigenschaften üben auf das andere Geschlecht große Attraktivität aus, sodass Alphas auch größeren Fortpflanzungserfolg haben (man könnte auch sagen, dass Alpha-Merkmale evolutionär erfolgreich sind). Die Ambiguität ergibt sich nun daraus, dass sich Alphas durchaus in ihrer Soziabilität, ihrer Fähigkeit, sich sozial zu verhalten, unterscheiden können. Dominanz, Zielstrebigkeit und Handlungsfähigkeit können nämlich entweder aus einer gewissen emotionalen Souveränität heraus ausgeübt werden oder sich ganz einfach dadurch ergeben, dass die entsprechenden "Module" zur sozialen Rücksichtnahme vollständig fehlen (Psychopathie).

Es gibt so 'nen verbreiteten Spruch in den englischsprachigen Ländern: Chicks dig jerks. Ich glaube diese Verhaltenstendenz entstammt dem Unvermögen, zwischen diesen beiden Alpha-Typen hinreichend gut unterscheiden zu können. Deshalb haben auch die "jerks" evolutionär weiterhin ihre Chancen.

just2cents, sans

monoma - 29. Mai, 23:44

für vergangene historische epochen...

...sehe ich das ähnlich (dazu ist mir auch dieser jahrealte beitrag wieder eingefallen, gerade der schluß ist in diesem kontext interessant).

will sagen: solange es noch v.a. räumliche grenzen zu überschreiten (die doppelbedeutung in diesem zusammenhang fällt mir tatsächlich erst jetzt auf) gab, also neue länder und kontinente "entdecken", sich mit den naturgewalten herumschlagen, als pioniere irgendwo zu landen etc., als das leben also in klassischer hinsicht alltäglich gefährlich war - da hat diese besondere innere ausstattung in bestimmten momenten tatsächlich evolutionär sinn gemacht, wie Du es schon aufgezeigt hast. gerade die angst- nein, nicht freiheit, sondern unfähigkeit sehe ich dabei ebenso hervorgehoben.

robert hare hat in einer arbeit mal die zustände im historischen "wilden westen" der usa als paradigmatisch für einen "idealen soziopathischen lebensraum" skizziert - die meiste zeit immer noch zu überwindende grenzen (im westen) vor augen, feinde ("indianer") zur verfügung, kaum übergreifende (staatliche) strukturen, ein totalitäres freiheitsideal, ungebundenheit, betonung von körperlicher und auch waffentechnischer stärke, "das gesetz in den eigenen händen", rache als akzeptierte verhaltensform etc.

ein solches gesellschaftsbild lässt sich nicht nur bei großen teilen der "tea party" wiederfinden, sondern ebenso auch bspw. bei von hayek als mastermind des neoliberalismus. im grunde hat der "wilde westen" von damals auch viele strukturelle ähnlichkeiten mit den heutigen "failed states" alá somalia.

was ich damit sagen will, geht ungefähr in die folgende richtung: für komplexe und technisierte gesellschaften mit einer gewissen bildungsbreite und - selbst nur relativen - fortschritten beim umgang mit kindern, was die option auf reduzierte allgemeine traumatische strukturen mit sich bringt, halte ich die soziopathie auch im evolutionären sinne für deutlich dysfunktional. wenn ich als ein zentrales merkmal der soziopathie auch immer eine weitgehende wahrnehmungsreduktion setze, dann wird eine derartige innere struktur für alle komplexeren gesellschaften schlicht lebensgefährlich, weil komplexität eine weitgehende zusammenarbeit, letztlich also arten von kollektivem bewusstsein -> im kern liebesfähigkeit, voraussetzt, für die soziopathen aus diversen gründen nicht nur unfähig sind, sondern an denen sie aus ihren eigenen reduzierten perspektiven aus auch überhaupt kein interesse haben können. ich glaube, in diesem bereich liegt eine wesentlicher teil der konflikts zwischen der "restmenschheit" und ihren mutanten. auf einer anderen ebene ließe sich auch behaupten, dass das von den heutigen "eliten" zunehmend erzeugte anomische chaos in vielen weltregionen auch von der sehnsucht nach globalen wild-west-zuständen motiviert ist.

erstmal schluß. btw: willst Du nicht auch mal ein gastbeitrag schreiben? ;-)
sansculotte - 29. Mai, 23:57

Die Mühlen der Evolution

mahlen langsam... :( Take in account: seit wann gibt es komplexere Gesellschaften, in denen das von dir zuletzt so schön Beschriebene unzweifelhaft eine große Rolle spielt?

Danke für deine Antwort! Full Ack.

lg, s
Wednesday - 30. Mai, 09:46

Kill your idols

> Einige Typen von Psychopathen sind extrem stressresistent und handlungsfähig. [...] Unter
> Bedingungen, an denen alle anderen zerbrechen würden, sind diese Psychopathen allein
> fähig, so etwas wie eine "Ordnung" aufrechtzuerhalten, die anderen Gruppenmitglieder zum
> Weiterfunktionieren zu zwingen [...]

Ich vertraue dem nicht ganz. Auch "normale" Menschen können in extremen Stress handlungsfähig bleiben und andere schützen. Mit anderen Worten, wir unterscheiden zwischen Menschen, die aus altruistischen Gründen handeln bzw. ist ihr Bedürfnis, aus Empathie Mitmenschen zu schützen, sehr stark, und solchen, die die Chance wittern, durch ihr Handeln zB Macht zu erhalten und Herrschaft an sich zu reissen (im Kleinen innerhalb einer Familie, im Großen: Firma, Glaubensgemeinschaft, Staat).

Das Problem ist, daß dieser Typ nicht einfach bzw. zu spät zu erkennen ist. Wer zB eine revolutionäre Bewegung in einer Krise retten will, ist nicht immer der "Psycho", aber er setzt sich meist durch, und dann haben wir den Dschugaschwili. Warum sind die meisten von uns von Durchsetzungskraft, Energie, Charme und Charisma so verführbar? Bei mir klappt das nicht, weil mich diese Attribute stets mißtrauisch gemacht haben (aber warum?); handelt es sich um ein Urschema, das uns verführbar macht, und von dem sich jeder einzelne lösen lernen muss?

> [Alpha-Männchen ] Diese Eigenschaften üben auf das andere Geschlecht große
> Attraktivität aus, sodass Alphas auch größeren Fortpflanzungserfolg haben

Naja, wenn wir bei der Klassifizierung bleiben wollen, gibt es ebenso "Alpha-Weibchen".

Ciao
W-Day
sansculotte - 3. Jun, 11:59

Not my idols

Die Machtfrage spielt für Psychopathen eine eher untergeordnete Rolle. "Macht" ist ja ein Abstraktum, das summarisch viele verschiedene Verhaltensweisen unter einem Begriff zusammenfasst. Psychopathen interessieren sich nicht für diese Art von Theoretisieren.

Materielle Basis für die Psychopathie ist eine in vielen entscheidenden Strukturen veränderte Gehirnphysiologie. Zu diesen Strukturen dürfte auch das Belohnungssystem zählen (obwohl es bis dato darüber mWn keine syst. Studien gibt?). Entsprechend können wir bei Psychopathen eine groteske Freude am Manipulieren, Quälen, Unterwerfen, Demütigen und Verletzen von anderen Menschen beobachten, und dies alles in sehr konkreten Handlungen, was eben vermuten lässt, dass das Initiieren dieser Handlungen für Psychopathen mit Belohnung verbunden ist.

Eben weil sich Psychopathen in ihrer materiellen Basis so erheblich unterscheiden, unterscheiden sie sich auch in ihrer Stressantwort erheblich. Sicher gibt es auch unter den "Normalos" überaus stressresistente Individuen, aber früher oder später schnappt auch bei ihnen die Stressreaktion ein (Flight-Fight-Freeze oder Tend & Befriend). Psychopathen zeigen aber überhaupt gar keine Stressreaktionen. In entsprechenden Untersuchungen blieb die Amygdala, die Gehirnstruktur, die die Furchtreaktion auslöst (der Beginn der Stressantwort), nahezu komplett inaktiv.

Ja, ich glaube eben, dass unsere Neigung, charismatischen Führungspersönlichkeiten zu verfallen, ein stammesgeschichtlich "fest verdrahtetes" Erbe ist, etwas, was du als "Urschema" bezeichnest. Aus vielen Gründen, die Überlebensvorteile mit sich brachten.

Natürlich gibt es auch Alpha-Weibchen, aber im allgemeinen sind Dominanz, Zielstrebigkeit und Handlungsfähigkeit keine sexuellen Attraktionsmerkmale bei ihnen, weil der Selektionsdruck nicht in diese Richtung geht.

grußgruß ;)
Wednesday - 3. Jun, 12:42

Danke. Da Macht dem Psychopathen ja ungestraft zu demütigen usw. ermöglicht, ging ich davon aus, daß es ihm um Macht geht, aber so gesehen... ist Macht eine Art sich nebenbei ergebendes und praktisches Abfallprodukt?
Was aber lässt einen Menschen, den wir als "Psychopathen" bezeichnen, manchmal schrecklich ausrasten, wonach er dann erklärt, man hätte ihn so gestresst, daß er geradezu gezwungen wurde, dich halb totzuschlagen? Ist das eine Lüge? Oder bezeichnen wir einen Menschen mit den von Dir genannten Vorlieben vorschnell als psychopathisch? Moment, ich vergesse, daß ein Psychopath den Wortschatz benutzt, den alle benutzen, was soll er sonst sagen, er reflektiert sich ja nicht kritisch, um sich zurücknehmen zu lernen.

Baba! ;-)
sansculotte - 3. Jun, 13:18

Verschiedene Typen von Psychopathie

Ja, deine Beobachtung bringt die definitorische Ungenauigkeit des Begriffs "Psychopath" so ziemlich auf den Punkt. Robert D. Hare hat in seiner Checkliste bereits zwei Dimensionen von Psychopathie unterschieden, einerseits die ausnützerische Dimension (manipulative) und zum zweiten die impulsive Dimension.

http://de.wikipedia.org/wiki/Psychopathie#Unterdimensionen

Ich nehme an, dass es sich auf einem gewissen Kontinuum um zwei unterschiedliche Typen von Psychopathen handelt, den impulsiven Typ und den "kalten" Psychopath, die sich auch in ihren Gehirnmustern unterscheiden.

Als ich die Untersuchungen über Psychopathie und Amygdala erwähnt habe, dacht ich zuerst einmal an die Studie von Glenn et al. aus dem Jahr 2009

http://tinyurl.com/89znz7r

und hier insbesondere an folgendes Ergebnis:

Participants with higher psychopathy scores showed reduced activity specifically
in the amygdala during emotional moral decision-making (Fig. 1). Furthermore,
reduced amygdala activity was associated with each of the four factors of psychopathy.

In der Studie heißt es aber auch:

... we find that more psychopathic individuals show reduced activity in the amygdala during emotional moral decision-making, with particularly conning and manipulative individuals showing reduced activity in the entire moral neural circuit.

Ein Hinweis darauf, dass es solche und solche gibt ;-)

lg, b
Wednesday - 1. Jun, 09:16

Wie Ungleichheit auch unserer Umwelt schadet.

monoma - 2. Jun, 20:57

dazu nur zum angesprochenen punkt verzicht: das haben wir ja immer wieder als thema hier; und mittlerweile finde ich es notwendig, dass der begriff definiert wird. und selbst dann liege ich weiter zum linken bzw. linksradikalen mainstream in dieser frage konträr, weil ich der meinung bin, dass in diesem spektrum immer noch und größtenteils unhinterfragt die westliche fortschrittsideologie und ein naiver glaube an technische "lösungen" zu den altlasten des denkens zählen. und das begann bekanntlich schon bei marx; und in einem gewissen sinne ist das heutige treiben der expliziten "antideutschen" der deutlichste aktuelle ausdruck, wenn man sich ihre affinität zum fortschrittsbegriff betrachtet.

insgesamt spiegeln diese tendenzen aber für mich hauptsächlich nur den (westlichen) menschlichen größenwahn ("natur unterwerfen" usw. ) wieder, was nun kein wunder ist, da "die linke" untrennbar selbst einen teil dieser kulturellen unheilvollen tradition bildet. unheilvoll deshalb, weil diese tradition im kern selbst sozusagen einen soziopathischen anteil in der art enthält, dass die vielfältigen grenzen, denen wir nun mal als teil des beziehungsgeflechtes der planetaren biosphäre unterworfen sind, mehr oder weniger stillschweigend geleugnet werden. und das lässt sich nicht anders als ein defekt in der realitätswahrnehmung begreifen, die primär nicht den beziehungscharakter unserer gesamten existenz sieht, sondern "den menschen" in einer exzentrischen und irrealen sonderrolle bzw. position sehen will. in diesem punkt spiegeln sich gleichfalls christliche und patriarchale vorstellungen auch nicht zufällig.
Wednesday - 3. Jun, 09:44

Verzicht, dazu zählt für mich das nicht Einlassen auf allgemeines Modebewustssein von Kleidung über Trendnahrung (zB für die Wälder abgeholzt werden, oder Meere überfischt werden) bis zu technischem Schnickschnack, was alles zur Produktion von sehr kurzlebigen Waren führt (inkl. extremer Ausbeutung auch von Menschen und gefährlicher Arbeitsbedingungen, ich führe Einzelbeispiele nicht extra auf, da uns diese bewußt sind).
Verzicht bedeutet für mich nicht, im Winter die Heizung nicht mehr hochzufahren oder mir den Kauf von Büchern und Kleidung gänzlich zu untersagen.
Verzicht hört sich für mich nach Bestrafung bei Widerhandlung an, es erinnert an Kloster und Gefängnis, auch an die Art, wie "Linke" in den 80ern mir, der naja Aussenstehenden, das umweltbewusste deutsche Leben beigebracht haben (was manchmal was militärisch zackiges hatte, faschostylish), weshalb mir das Wort quer liegt.
Mit Verzicht wird gerne bestraft, hat aber nicht wirklich "Erziehungswert".
Auf Ausbeutung, Raub, Unterwerfung verzichten, ja. Aber das erzählen sich immer die, für die Bescheidenheit oder Genügsamkeit sowieso der Normalfall ist.
grummel (Gast) - 1. Jun, 14:09

Kann nicht sein, was nicht sein darf ?!


Grummel (Gast) - 1. Jun, 14:22

wer einen Eindruck gewinnen will wie eiskalt gelogen wird ...

http://www.youtube.com/watch?v=9XcN5lBMOko

Lief mal auf der ARD.

Nur so als Beispiel ... aus der Ecke gibt es viel mehr, viel krasseres.

grummel (Gast) - 1. Jun, 20:42

Noch ein Klassiker,

http://www.youtube.com/watch?v=GqqZzpdSF_E

Immer wieder Mensch gegen Mensch, immer ähnliche Mechanismen.
Mal die Ideologie, dann vermeintliche Rassen (das Apartheitsregime hat anscheinend versucht selektive Biowaffen gegen Schwarze zu entwickeln) ... oder Klassen (ich erinnere mich an einen prominenten mittelalterlichen Autor der Bauern als minderwertige Rasse klassifiziert hatte).

Immer hat man es mit verschiedenen Systemen zu tun, kulturellen, Ideologischen, Soziale ... die gegeneinander antreten.
Das System definiert dabei die Realität ob Mensch als Mensch wahrgenommen wird (assoziativ) oder nicht (Objektivierung).

Der Grad der Entmenschlichung/Objektivierung ist nicht selten absolut.
Das ist auch heute/jetzt so, wird zwar nicht direkt kommuniziert, wer will entdeckt das aber an jeder Ecke.
Für Empathen unerträglich, in "der Welt" relativ normal.


Der Mensch hat Atombomben, Viren, Bakterien und Kampfstoffe entwickelt, Techniken zur Persuation/Manipulation/Folter und Kontrolle, er hat ein gewaltiges destruktives Potential angehäuft und dabei bewiesen das der Mindset dieses ein zu setzten vorhanden ist.

Das einzige was er nicht entwickelt hat ist die konstruktive Seite.
Gesellschafts und Kultursysteme die das Leben bejahen und fördern.
Strategien und Taktiken wie man aus dem ganzen eine Welt für alle machen kann.
Anstrengungen das gewaltige Potential dem Menschen ansich dienstbar zu machen Resilienz/Widerstandskraft gegen destruktive Einflüsse gezielt zu stärken und das Voranschreiten in diese Richtung voran zu treiben/ fest in der Realität zu verankern.
Ich hab oft das Gefühl das in diesen Dingen irgend wo nach der Aufklärung/ Franz Revolution stehen geblieben ist/ wir uns rückwärts bewegen.

Grummel (Gast) - 6. Jun, 13:51

"Eliten sind Teil des Problems"

Interview mit Wilhelm Heitmeyer (Soziologe)


http://www.fr-online.de/politik/konfliktforscher-eliten-sind-teil-des-problems,1472596,16292364.html
Grummel - 12. Jun, 13:57

Zitat:
Viele Patienten in Deutschland bekommen Medikamente zweiter Wahl, der Grund dafür sind Lieferengpässe. Manche Kliniken greifen in ihrer Not auf veraltete Methoden zurück.

Die Mitarbeiter von Irene Krämer mischen seit einiger Zeit wieder häufiger selbst. Es ist eine pragmatische Lösung für ein gravierendes Problem: Wenn es nicht genügend Arzneimittel zu kaufen gibt, muss man sie eben selber herstellen, zum Beispiel Augentropfen: Atropin, Pilocarpin, Dorzolamid, Fluorescein. Doch wären es nur die Augentropfen, das Problem wäre überschaubar. So ist es aber nicht.

Denn auch wichtige Antibiotika, Krebsmedikamente und andere Arzneimittel bekommt Irene Krämer kaum noch, gar nicht mehr oder nur zu überteuerten Preisen. „Ein ständiges Problem ist der Lieferengpass von Aspirin zur intravenösen Verabreichung“, sagt Krämer, die Leiterin der Apotheke der Uniklinik Mainz. „Das braucht man im Notarztwagen für jeden Patienten, der mit dem Verdacht auf Herzinfarkt in die Notaufnahme eingeliefert wird.

Der Mangel ist chronisch
/Zitat

http://www.fr-online.de/wirtschaft/arznei-engpaesse--den-kliniken-gehen-die-pillen-aus-,1472780,16341350.html


Würde mich interessieren was wirklich dahinter steckt.
Es werden nicht einfach von heute auf morgen mehr Medis verbraucht.


1. Pharmafirmen betreiben ein Boykott um die Zulagen der Krankenkassen hoch zu treiben.
oder ... kann man Medikamente an der Börse handeln? ... wäre ein Analogon zu Lebensmittelspekulationen...
2. Die Medikamente werden wo anders gebraucht (aber wo braucht man solche Massen?)
3. die Infrastrukturen wurden kaputt "optimiert"

4. Es hapert an Ressourcen, zB. deshalb ...
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/geoforschung-erdoel-produktion-uebersteigt-peak-oil-a-837620.html#ref=rss



Hat was von McCaine (Vorsicht VT ;) )
http://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Billion_Dollar

Grummel - 15. Jun, 11:47

Autismus und Propionsäure

Eine Hypothese?
http://www.arte.tv/de/2191934,CmC=6702718.html

Falsche Ernährung, falsche Darmflora.

Die "Verkettung" geht so, Clostridien setzen Kohlenhydrate zu Propionsäure und anderem um.
Diese simplen Moleküle (nur "wenig" größer wie zB. Ethanol) überwinden die Blut-Hirnschranke und lagern sich in die Lipidhüllen der Gehirnzellen ein.
Die Veränderten Eigenschaften der Zellen erzeugen ein anderes Verhalten.
Mögliche Einflüsse auf Aktivierung spezifischer DNA-Abschnitte etc ...

Die Doku kam gestern, die erste Arbeit zum Thema wurde vor ca. 10 Jahren verfasst, der Ansatz aber nicht weiter verfolgt.
Ich hoff die findet sich irgend wann mal bei Arte zum angucken.

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