assoziation: von bleiernen zeiten und ihrem dahinschmelzen (2)

congratulations and best wishes to the people in egypt! was für ein unglaublicher, bangig-spannender und am ende freudiger tag war das heute! und aller wahrscheinlichkeit nach wirklich einer, der das strapazierte attribut "historisch" verdient. ja, klar: das war allerhöchstens eine erste etappe, wenn politische freiheiten und ökonomische strukturveränderungen zusammengedacht werden; von nötigen psychosozialen veränderungen gar nicht zu reden. auch ist das regime keineswegs geschichte, nur weil der böse oberclown am ende doch hingeschmissen hat - seine basis mag sich in diesen stunden verkrochen haben, aber sie ist nicht aus der welt und wird zumindest teilweise auf boshafte rache aus sein. und klar, der status hat sich momentan vom autoritären polizeistaat in richtung eines - durchaus ungewöhnlichen und wie ich vermute, von bestimmten involvierten fraktionen der armee auch eigentlich nicht gewünschten - militärputsches gewandelt. so jedenfalls meine persönliche einschätzung. es gibt höchstens - allerdings würde ich da eher die das-glas-ist-halb-voll-wahrnehmung bevorzugen - erste schritte zu etwas, was den namen revolution rechtfertigen würde. aber das innerhalb von knapp drei wochen hinzukriegen - touché! (und nein, ich vergessse dabei nicht die jahrelange vorgeschichte sozialer unruhe(n) im land).

und das nörgeln und mäkeln sollte zumindest am heutigen abend erst mal weggepackt werden. trotz aller bedenken über die weitere entwicklung bleiben ein paar sehr wichtige dinge festzuhalten:

1. der lange widerstand des diktators dürfte nicht alleine auf seinem eigenen pathologischen mist gewachsen sein. mubarak war durchaus in verschiedener hinsicht eine symbolfigur, gerade in den vergangenen wochen. nicht nur die versammelte bagage des sog. "freien westens" incl. israels, sondern auch befreundete und nicht so befreundete (syriens assad bspw.) maronettendiktatoren der region dürften sich vor dem heutigen szenario schwer gefürchtet haben - so stark, dass es augenscheinlich bspw. zu
verstimmungen ernsterer art zwischen den saudischen ölprinzen und der us-administration gekommen ist:

(...) "Saudi-Arabien würde einspringen, wenn die USA Ägypten die Finanzhilfe entziehen, weil Kairo die Reformwünsche der USA nicht erfüllt: König Abdullah von Saudi-Arabien soll dies laut der britischen Times US-Präsident Barack Obama bereits Ende Jänner in einem Telefongespräch mitgeteilt haben. Abdullah sei schockiert darüber, wie die USA seinen persönlichen Freund Hosni Mubarak - mit dem er täglich telefonieren soll - demütigen und einen wichtigen Alliierten in der Region einfach fallen lassen." (...)

alle oben genannten parteien haben nachweislich mubarak mehr oder weniger solange rhetorisch oder auch materiell unterstützt, bis sie ihrer opportunistischen ader tribut zollen mussten, als klar war, dass sich der aufstand weder aussitzen noch zusammenschießen lassen würde. die falschen freudengesänge der westlichen politischen "eliten" sind an lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten; israel scheint das unvermeidliche zumindest aktuell hinzunehmen, während - und ich sehe mich genötigt, auch etlichen mainstreamkommentatoren zuzustimmen - bei den marionetten
das große zittern begonnen haben dürfte:

(...) "Ägypten ist das größte und wichtigste arabische Land, Mubarak galt bis vor zwei Wochen als einer der am sichersten im Sattel sitzenden Herrscher der Region - nicht zuletzt, weil er jahrzehntelang vom Westen gestützt wurde. Welcher Machthaber zwischen Atlasgebirge und dem Hedschas kann nun noch ruhig schlafen?" (...)

diese lektion aus ägypten lässt sich nicht mehr aus der welt schaffen - wenn ich mich noch an die vielzahl von sog. experten erinnere, die nach der revolution in tunesien bezgl. ägypten lässig abgewunken und gesagt haben "niemals dort!" mubaraks apparat wäre zu stark, die bevölkerung zu apathisch und überhaupt - dann ist seit heute neben der eindrucksvollen bankrotterklärung jener experten auch eben jenes menetekel an der wand, welches oben skizziert im zitat zu sehen ist. wenn mubarak fallen kann - wer kann dann prinzipiell nicht fallen, trotz aller unterschiede zwischen den diversen ländern? ich glaube, dass das ein im hintergrund ein wichtiger grund für viele interessierte fraktionen gewesen ist, mubarak so lange wie möglich zu "halten". aber in diesem fall haben sie ihre rechnung tatsächlich mal krachend in den wüstensand gesetzt.

2. der aufstand strahlt weltweit aus - ich habe mich in den vergangenen tagen und nächten durch eine vielzahl von internationalen quellen gelesen, und es war auffällig, dass eine klar globale rezeption zu verzeichnen ist - nicht nur in der arabischen welt / in nordafrika, sondern auch im restlichen afrika. glückwünsche aus vielen süd- und mittelamerikanischen ländern, aus asien... und sehr oft werden vergleiche gezogen zur situation im "eigenen" land - und sehr oft endet das mit der feststellung: "ist ja hier genauso wie in ägypten" - korruption, repression, breite verarmung... (interessanterweise scheinen besonders viele us-amerikanerInnen diesen vergleich zu ziehen). und das die botschaft aus kairo, alexandria und suez jetzt lautet: massenproteste, mehr massenproteste, kombiniert auch mit einer entschlossenheit zum militanten agieren, wenn´s nötig sein sollte, können ein als "stabil" begriffenes autoritäres regime schwer ins schwanken bringen - diese botschaft wird weltweit verstanden. und genau diese botschaft liegt den "eliten" von washington über moskau bis peking jetzt schwer im magen, zusätzlich kommt bei den westlichen charaktermasken noch die dämmernde erkenntnis dazu, dass sie sich nicht nur in den selbstproduzierten widersprüchen zwischen den eigenen hohlen phrasen von "demokratie" einerseits und der praktizierten "realpolitik" andererseits komplett verheddert haben, sondern - siehe die reaktion des saudischen dikators weiter oben - sie stehen bei ihren marionetten auch als leute da, die sie im falle des falles ohne weiteres fallen lassen werden. ich könnte mir vorstellen, dass wir demnächst eine stärkere hinwendung einiger dieser marionetten richtung russland und china erleben werden (falls sie solange existieren sollten).

3. die methoden und der verlauf des aufstands enthalten äusserst lehrreiche lektionen, die ebenfalls weltweit aufmerksam studiert werden dürften. die rolle der medien ist dabei durchaus etwas zentrales (und es war überfällig, dass heute in kairo tausende den staatlichen tv-propganda-sender belagert haben). aber ebenso war für mich der umgang mit der armee aufschlußreich, der letztlich zu einem nicht unwesentlichen teil zur jetzigen situation, in der die führenden offiziere sich nicht mehr länger über die loyalität ihrer mannschaften sicher sein konnten, geführt hat. auch die taktiken gegen die provokateure und schlägertrupps des regimes sind aller aufmerksamkeit wert; ebenso die spontan und selbstorganisiert entstandenen selbstschutzgruppen, in denen sich tatsächlich ein embryo einer wahrhaft revolutionären situation sehen lässt.

all diese punkte sind bereits jetzt ge- und erlebte historische erfahrungen der millionen direkt beteiligten, aber auch medial vermittelte erfahrungen von weiteren millionen, die nur von außen wahrnehmen konnten. aber hängen bleibt vor allem eine botschaft, heute abend durch die gigantischen freudenfeiern in ägypten nochmals positiv verstärkt: es ist möglich, wenn menschen zu einem kollektiven handeln kommen.

diese achtzehn tage und das, was noch kommt, werden alleine schon ganze generationen von historikern beschäftigen - von der revolution in tunesien und den weiteren unruhen in anderen ländern der region ganz zu schweigen. die geschichte hat gerade ein tempo angenommen, welches - ich wiederhole mich da zwar, aber sei´s drum - schlicht atemberaubend ist. wenn das jahr so weitergehen sollte... puh.

*

es gäbe noch sehr viel zu sagen, auch zu den sich nun ebenfalls beschleunigenden entwicklungen und reaktionen in anderen staaten der region - aber ein land sollte jetzt neben tunesien und ägypten besonders im focus stehen - nicht nur, weil es dort seit dezember ebenfalls schon kräftig rumort, sondern weil sich für morgen in
algerien ein übles szenario abzeichnet:

(...) "Die Nationale Koordination für den Wandel und die Demokratie (CNCD), ein Bündnis aus unabhängigen Gewerkschaften, Oppositionsparteien, Menschenrechts- und Jugendorganisationen, ruft für den heutigen Samstag - trotz Verbots - zu Großdemonstrationen in der Hauptstadt Algier, der zweitgrößten Stadt Oran sowie mehreren anderen Provinzhauptstädten auf.

Das Ziel der CNCD, die nach den Protesten gegen die hohen Lebensmittelpreise im Jänner ins Leben gerufen wurde, ist die Aufhebung des seit 19 Jahren geltenden Ausnahmezustandes. (...)

20.000 Polizisten werden laut Innenministerium am Wochenende in Algier "mit allen Mitteln" versuchen, den Protestmarsch zu unterbinden. Die Zufahrtsstraßen sollen gesperrt, Züge und Busverbindungen ausgesetzt werden. Alle 50 Meter wird eine Anti-Selbstverbrennungsbrigade stehen: Feuerwehrleute mit Brandschutzdecken und Feuerlöschern. Sie sollen Selbstmordaktionen verhindern. Seit Jahresbeginn gab es laut Presse rund 40 Versuche von Selbstverbrennungen."


bereits am
heutigen abend kam es in algier nach dem sturz von mubarak zu einer spontanen und von der polizei niedergeknüppelten kundgebung:

(...) "Nach Angaben eines Vertreters der Oppositionspartei RCD ("Sammlungsbewegung für Kultur und Demokratie") wurden am Freitagabend zehn Demonstranten verletzt, zwei von ihnen schwer. (...)

Bei den Protesten am Freitagabend seien zehn Oppositionelle vorübergehend festgenommen worden, sagte RCD-Sprecher Mohcine Belabbas der Deutschen Presse-Agentur. Unter den Sicherheitskräften gab es nach ersten Angaben keine Verletzten. RCD-Anhänger hatten sich nach dem Abgang von Präsident Hosni Mubarak in Ägypten spontan zu einem Protestmarsch entschlossen und auf Arabisch gerufen: "Mubarak ist gestürzt. Wir hoffen, dass (Präsident Abdelaziz) Bouteflika der nächste ist!" (...)


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