Sonntag, 22. Februar 2009

basis: zum "institutionellen autismus" der wirtschaftswissenschaften aus sicht der postautistischen ökonomie

die derzeitige ökonomische krise ist auch eine krise der bisher dominierenden strömungen der orthodoxen wissenschaftlichen ökonomie, deren prognosefähigkeiten nicht nur grundsätzlich angezweifelt werden müssen, sondern die auch während der laufenden krise mehrheitlich wie das kaninchen vor der schlange erstarrt ist und offensichtlich mit der immer breiter werdenden kluft zwischen ihren modellen und simulationen einerseits sowie der realität andererseits nicht mehr so recht klar kommt.

irgendwann im jahr 2005, als dieses blog schon einige zeit existierte, wurde ich zufällig auf die website des
arbeitskreis postautistische ökonomie aufmerksam, und angesichts dieses begriffs natürlich sofort sehr neugierig. worum geht es denn da?

"Alles begann sehr unspektakulär im Juni 2000 an der Sorbonne in Paris. In einer Petition Autisme-Économie protestierte eine kleine Gruppe von Wirtschaftsstudierenden gegen „autistische Wissenschaft“ im Internet. (etwas unglücklich fomuliert, sie protestierten "im internet gegen...", anmerk. mo) Die unkontrollierte Anwendung der Mathematik und formaler Modelle dürften nicht Selbstzweck sein. Sie forderten Wissenschaft statt Szientismus, Pluralismus statt neoklassischem Monotheismus, empirischen Realismus statt deduktiver Abstraktionen und riefen ihre Professoren auf, die Ökonomik aus ihrem autistischen und sozial unverantwortlichen Zustand zu retten (...). Die Protestierenden forderten eine Économie Post-Autiste (Autisme-Économicie 2001)."


(geschichte des arbeitskreises)

auf der alten webpräsenz des deutschen ablegers des ak (noch zu erreichen über den link rechts in der sidebar) fanden sich in einem grundsatzpapier zur einleitung die markanten sätze:

"Das Menschenbild des Homo Oeconomicus ist autistisch: Die sozialen und kooperativen Wesenszüge des Menschen bestimmen ebenfalls sein Handeln."

das fand ich natürlich schon damals alles äusserst spannend, zumal ich, von einer anderen, eher kritisch psychiatrisch-psychologischen seite her kommend, die beziehungskrankheiten und ihren aus meiner sicht vorhandenen strukturell oder funktionell autistischen kern sowie ihre zusammenhänge mit der gesellschaftsformation, in der sie sich entwickeln, für das blog zum leitthema gewählt hatte. und nicht nur deshalb fand ich sowohl den begriff als auch die dahinterstehenden inhalte der postautistischen kritik bemerkenswert, schienen hier doch menschen aus einem ganz anderen bereich für diesen ähnliche beobachtungen und gedanken gemacht zu haben.

es war dabei zu erwarten und auch notwendig, dass innerhalb der postautistischen strömung zur nutzung des wortes autismus bis heute diskussionen stattfinden, vielleicht inhaltlich denen ähnlich, die ich hier im blog schon an einigen stellen mit offiziell als autistisch diagnostizierten leuten zu meinem verständnis von autismus hatte. bisher wird der begriff bekanntlich sowohl hier als auch bei paecon weiter verwendet, und wie ich finde, aus durchaus berechtigten gründen.

in den inzwischen international agierenden paecon-gruppen kursiert speziell zum thema des vergleichs zwischen klinischem und institutionellem autismus schon seit längerem ein thesenpapier des us-amerikanischen ökonomen
james devine, der das nicht nur hinsichtlich seiner kenntnis der eigenen zunft formulierte, sondern auch als vater eines autistischen sohnes aus ganz eigener erfahrung verständnis von der klinischen seite des autismus besitzt - wobei ich allerdings betonen möchte, der "offiziell" anerkannten. wie ich erst vor kurzem erfreut feststellte, gibt es dieses papier - Psychologischer Autismus, institutioneller Autismus und die Ökonomik - inzwischen auch in deutscher übersetzung. und daraus möchte ich im folgenden ein paar grundlegende dinge zitieren und kommentieren, wobei ich mich dabei auf die punkte konzentrieren möchte, zu denen ich andere ansichten habe - implizit beziehe ich mich dabei vor allem auf diejenigen, die ich im basisbeitrag autismus beschrieben habe.

zunächst zu divines sicht auf den klinischen autismus:

(...)"Als ein in Psychologie interessierter Laie habe ich, beruhend auf Forschung anderer und Gesprächen mit anderen Eltern autistischer oder teilweise autistischer Kinder, ein grundlegendes Verständnis von Autismus erworben. Eine „autistische Erkrankung“ besteht in der Störung sozialer Kommunikation und in Entwicklungsstörungen, die sich in „eingeschränkten, sich wiederholenden und stereotypen Verhaltensmustern, Interessen und Aktivitäten“ zeigen. In meiner Interpretation sind diese Symptome das Ergebnis eines organischen (neurobiologischen) Problems bei der Sinneswahrnehmung, welches das genaue Gegenteil von Taubheit ist. Anstatt zu wenig zu hören, hört eine autistische Person wahrscheinlich zu viel, da sie unfähig ist Lärm, also Unwichtiges, herauszufiltern. Sie ist nicht in der Lage, die empfangene Information nach Wichtigkeit zu ordnen und sie so verständlich zu machen. Die externen Reize, die von den meisten als normal empfunden werden, scheinen für autistische Personen ein dauerndes Sperrfeuer von Geräuschen zu sein, ähnlich denen, die an der Tafel quietschende Kreide erzeugt. Nicht überraschend, dass sich eine autistische Person die Ohren zuhält, um diesem sinnlosen Missklang zu entgehen. Leider tritt dieses Übermaß an Information bei autistischen Personen nicht nur bei Geräuschen, sondern auch bei allen anderen Sinneswahrnehmungen (Sehen, Schmecken, Riechen, Tasten) und bei internen Empfindungen auf."(...)

ich habe das thema der - aus meiner sicht bei einigen autismus-formen bzw. betroffenen - durchaus vorhandenen reizüberflutung mit der folge des abschottens der jeweils betroffenen wahrnehmungsbereiche hier bisher nur am rande erwähnt; speziell in der wahrscheinlichkeit, dass sich hier auch die diagnostischen schnittstellen zum aufmerksamkeitsdefizit(hyperaktivitäts)syndrom ad(h)s finden lassen. für die individuellen und kollektiven implikationen von autistischen zuständen ist es aus meiner sicht erstmal nachrangig, aus welchem grund sich jemand im autistischen spektrum - und das definiere ich weiter als die offizielle sichtweise - befindet, da es im endeffekt zu ähnlichen konsequenzen führt, ob eine reizüberflutung oder aber eine grundsätzliche störung der (selbst-)wahrnehmungsfähigkeiten überhaupt in der form vorliegt, dass sich diese fähigkeiten aus diversen gründen gar nicht oder nur sehr unvollständig entwickeln konnten. die reizüberflutung mag dabei durchaus ein möglicher ausdruck / eine folge der zuletzt genannten konstellation sein.

(...)"Einige Personen, aber längst nicht alle, kompensieren ihre Verarbeitungsprobleme in einem Bereich mit außerordentlichen Fähigkeiten in einem anderen, wie z.B. der Rainman aus dem gleichnamigen Kinofilm. Es gibt außerdem Abstufungen darin, wie stark eine Person von den neurobiologischen Problemen betroffen ist – und darin, wie viele emotionale und intellektuelle Fähigkeiten sie besitzt, um diesen Einschränkungen entgegen zu wirken. Deswegen sprechen Wissenschaftler von dem „autistischen Spektrum“, das Kontinuum vom extremen Autismus, über den high-functioning autism, das Asperger Syndrom, den Borderline Autismus (AS), bis hin zu der bei Professoren, Buchhaltern und Computerspezialisten so verbreiteten Einzelgängermentalität.

Personen aus dem autistischen Spektrum neigen dazu, sich von der Außenwelt zu isolieren, haben Probleme bei der Kommunikation mit anderen, verharren in sich wiederholenden Bewegungen, beharren auf Gleichheit, Wiederholung und Routine und behandeln andere scheinbar als Objekte."(...)


der begriff "borderline autismus" dürfte hier nicht für die art bzw. das modell von simulationsfähigem autismus stehen, wie es von j. erik mertz entwickelt wurde und für mich eine grundlage bildet, sondern eher als beschreibend im wortwörtlichen sinne für die asperger-variante - in den grenzgebieten zwischen schon autistisch und noch vorhandener psychophysischer gesundheit. so jedenfall verstehe ich den satz. das wort "scheinbar" jedoch würde ich vor dem hintergrund solcher
forschungen streichen - diese wahrnehmungsmässige verwandlung von lebendigem in unbelebtes stellt für mich einen höchst problematischen kern der ganzen geschichte dar.

(...)"Menschen mit Autismus haben es sehr schwer damit, nicht nur innerhalb ihrer eigenen Welt zu leben, unabhängig davon, wie freundlich die soziale Umgebung ist.

Es überrascht deshalb nicht, dass eine autistische Mutter, die ich kenne, ihren zwei autistischen Kindern erklären musste, dass es „da draußen“ etwas gibt, das sich „Gesellschaft“ nennt, mit Normen und Sitten, die sie lernen und befolgen müssen. Menschen aus dem autistischen Spektrum erleben Baroness Thatchers Hypothese, wonach es so etwas wie Gesellschaft nicht gibt, sondern nur Individuen, als selbstverständlich."


ach ja, die thatcher - "There is no such thing as society, only individual men and women and their families" - auch, wenn im originalzitat vor society noch "free" gestanden haben mag, ändert das aus meiner sicht wenig an der tatsächlichen aussage, die sich, wie devine deutlich macht, tatsächlich als ausdruck strukturell autistischer wahrnehmung begreifen lässt. und in der überlieferten form zum kernbestand neoliberaler ideologie gehört. und das "lernen und befolgen müssen" sozialer regeln wird bei simulationsfähigen autistischen menschen wie bspw. temple grandin zu einer art theaterspiel, dazu mehr im oben verlinkten basisbeitrag autismus.

aufgrund des sich hier implizit bereits andeutenden, aber von devine nicht weiter verfolgten problems der simulation bei strukturell autistischen zuständen kommt er aus meiner sicht bei seinen nächsten ausführungen - und wir begeben uns jetzt in das gebiet der ökonomischen wissenschaften - auch zu einem fehlschluss:

"Dass orthodoxe Ökonomen a priori mit der Hypothese von Thatcher einverstanden sind – beispielsweise das verbindliche Einverständnis mit dem methodischen Individualismus – legt den Schluss nahe, dass der Homo oeconomicus (HO) aus dem Textbuch autistisch ist. Zum Beispiel haben autistische Personen, wie der HO, häufig Präferenzen, die kaum von ihrer sozialen Umgebung beeinflusst sind (oder zumindest für frustrierte Eltern oder Partner so scheinen). Aber es gibt entscheidende Unterschiede. Erstens sind Probleme bei der Informationsverarbeitung, anders als bei normalen Personen und beim HO, entscheidend für Autismus, wie bei Herbert Simons bounded rationality. Zweitens haben Menschen mit Autismus, anders als der HO, aber wie normale Menschen auch, ein Bewusstsein, werden von mentalen und emotionalen Konflikten zerrissen und wünschen sich sozialen Kontakt zu anderen Personen, wenn sie dazu in der Lage sind."

und in einer fußnote zum abschnitt heißt es:

"Abgesehen davon, dass dem HO ein Bewusstsein fehlt ist er nicht sozio- oder psychopathisch, denn eine Person mit asozialem Charakter benutzt die Gesellschaft meist für ihre eigennützigen Ziele. Das verdeutlicht, dass es ein Verständnis von Gesellschaft gibt, das weder der HO noch eine autistische Person besitzt."

hier sehe ich gleich mehrere punkte grundlegend anders: erstens ist das konstrukt des HO (ich bleibe mal bei dieser abkürzung) tatsächlich auf eine mechanistische art der instrumentellen rationalität sowie die behauptung eines "natürlichen" und extrem egozentrischen eigennutzens gebaut, wobei letzterer dann im angeblichen zusammenspiel bzw. der konkurrenz mit den eigennützigen anderen für eine optimale leistungsentfaltung sorgen soll. dabei ist jedes verständnis für sinn und notwendigkeit sozialer beziehungen, ja überhaupt die wahrnehmung der eigenen untrennbaren eingewobenheit in die menschliche gesellschaft, extrem reduziert bis nicht vorhanden. das aber beschreibt wesentliche merkmale des klinischen soziopathen, der gerade letzteres aufgrund gestörter und/oder nicht vorhandener entsprechender wahrnehmungsfähigkeiten tatsächlich nicht als realität erkennen kann - aber aufgrund seiner psychophysischen ausstattung kompensatorisch soziales verhalten simulieren, so tun als ob, kann. das lässt sich zweitens durchaus als "problem der informationsverarbeitung" sehen. und drittens besitzt der soziopath tatsächlich eine art von verständnis der gesellschaft, die aber in ihrem wesen auf ein objektivistisches und konstruktivistisches "verständnis", also letztlich auf ein konstrukt bzw. eine simulation hinausläuft. und das hat mit einem authentischen verständnis der gesellschaft bzw. der sozialen beziehungen, die eine gesellschaft eigentlich ausmachen, nichts zu tun. der soziopath simuliert die gesellschaftlichen regeln für sich aus einem anpassungsdruck heraus, um über die runden zu kommen und nicht auffällig zu werden (wenn er denn eine gewisse intelligenz besitzt, die ihm den qualitativen unterschied zwischen ihm und anderen menschen deutlich macht).

die unterschiede zum "klassischen" autismus sehe ich einerseits im grad der fähigkeit zur simulation, die bei soziopathen tatsächlich extrem ausgeprägt sein können. andererseits sind die, wie fragmentarisch auch immer ausgebildeten, wünsche nach sozialität bei autisten ein weiterer, wenn nicht sogar der entscheidende, unterschied, an dem sich die soziopathie vom "offiziellen" autistischen spektrum trennt. von daher ist die abwehr von als autistisch diagnostizierten auf den vergleich mit der soziopathie zwar einerseits verständlich und auch berechtigt, wenn man nur auf der eben skizzierten ebene vergleicht. gehe ich aber - wofür es in meinen augen gute gründe gibt - auf eine andere ebene, so erscheint auch die simulationsfähige, aber komplett beziehungsunfähige soziopathie als ein strukturell autistisches phänomen, wobei der autismus hier eben als synonym für für weitgehende bis totale beziehungsunfähigkeit steht. die sich daneben funktionell wenn nicht aus den gleichen, dann doch aus sehr ähnlichen gründen wie bei "klassischen" autisten entwickeln dürfte - auch, wenn sich der soziopath später ganz anders entwickelt und auch in der gesellschaft ganz andere rollen einnehmen kann. dazu auch:
als-ob-persönlichkeiten - leben als totale simulation.

kurz: das problem der einordnung des konstrukts "homo oeconomicus" als autistisch oder nicht ergibt sich ebenso wie die frage nach der soziopathischen qualität dieses konstrukts nur dann, wenn es weder einen begriff von strukturellem autismus noch einen von den fähigkeiten zur simulation im menschen gibt. mit den beiden begriffen hingegen ist die einordnung nicht nur möglich, sondern sogar zwingend.

"Statt autistisch zu sein, ist der HO eher roboterartig bzw. kybernetisch. Die Anwendung dieses eindimensionalen Menschenbildes in der Theorie passt zu einer Wissenschaft, die auch unter „institutionellem Autismus“ leidet (siehe unten). Jemand mit Autismus behandelt andere Menschen wahrscheinlich, als wenn sie Möbelstücke oder Automaten sind. Anders gesagt, vermisst die dominante Vorstellung von ökonomischen Wissenschaftlern eine „Theorie des Verstands/Geistes“. Das bedeutet, dass die, die den HO als theoretisches Modell verwenden, wie autistische Individuen auch, „nicht verstehen, dass andere Menschen ihre eigenen Pläne, Gedanken und Ansichten haben ... und Schwierigkeiten beim Verstehen von Überzeugungen, Haltungen und Emotionen anderer.“(...)

den ersten satz verstehe ich nicht als widerspruch, wenn ich mir klar mache, dass die für strukturelle autistische zustände kompensatorische instanz in uns allen, der objektivistische modus, durchaus ähnlich wie ein computer arbeitet - und gerade die teils autistischen savants mit ihren einzigartigen fähigkeiten wie fotografischem gedächtnis bzw. der verblüffenden informationsverarbeitung in einem einzigen beschränkten bereich bei gleichzeitig vorhandener weitgehender sozialer behinderung zeigen aus meiner sicht ganz gut funktion und arbeitsweise diese modus wie in einem kleinem fenster an.

aber inzwischen sind wir bei devines betrachtung der institutionellen autistischen tendenzen innerhalb seiner profession angelangt, und das finde ich ebenfalls durchaus aufschlußreich. ich überspringe dabei ein paar seiten, auf denen er weitere vergleiche sowohl zwischen vorherrschenden ökonomischen postulaten / methoden als auch den ökonomen persönlich und dem klinischen autismus vornimmt, weil ich hier grundsätzlich die verhältnisse - mit dem verweis auf das, was ich oben geschrieben habe - ähnlich sehe. in einem nächsten schritt macht devine ebenfalls berechtigt darauf aufmerksam, dass es womöglich - analog den diagnostischen unterscheidungen im klinischen autistischen spektrum - auch nichts schaden kann, die autistischen tendenzen in der ökonomik ebenfalls mit einem solchen raster zu betrachten:

(...)"Wie bei psychologischem Autismus auch, existiert ein Spektrum an Abstufungen. Der extreme Autismus, der zu einer Abschottung von der sozialen Umwelt führt, kann am deutlichsten in der spezifischen, hoch abstrakten und axiomatischen („Bourbakist“) Schule gesehen werden, gegen die die Studierenden protestierten. Weiter in Richtung Mitte des Spektrums findet sich mit der Betrachtung der Welt als ein Objekt der eigenen Lehrtätigkeit oder Machtausübung eine Herangehensweise (wie beim Asperger Syndrom), für die der Internationale Währungsfond (IWF) exemplarisch ist. Der IWF wendet die gleiche vorgefasste Vorstellung eines idealen Marktes (und die gleichen neoliberalen Politikmaßnahmen) auf jedes Land an. Am anderen Ende des Spektrums stehen all die Ökonomen, die für Regierungen, Unternehmen, Stiftungen und auch Gewerkschaften arbeiten. Die Tatsache, dass diese Institutionen der „realen Welt“ bereit sind, für diese Ökonomen zu bezahlen, zeigt, dass die soziale Vernetzung der Ökonomen für ihre Aufgabe ausreicht. Sie mögen zwar abstrakte Mathematik oder Ökonometrie verwenden, aber es wäre verleumderisch ihnen das autistische Etikett anzuhängen.

Dass es Abstufungen im Autismus gibt, heißt aber nicht, dass der wissenschaftliche Betrieb selbst weniger autistisch sei. Die autistische Ökonomik der „Bourbakists“ und ihrer angloamerikanischen Gegenstücke oder des IWF’s und ähnlicher Organisationen stellen den am meisten privilegierten Teil des Berufsstandes dar, dem „junge geschäftstüchtige Ökonomen auf der Karriereleiter“ gerne nacheifern möchten. Deswegen werden die „großen Namen“ der ökonomischen Institutionen, wie der Fachzeitschriften, Universitäten, Berufsorganisationen und Lehrbücher, von autistischen Tendenzen dominiert.(...)"


nun, an den punkt, den iwf als ein institutionelles äquivalent zu einer asperger-person zu betrachten, bin ich bisher nicht gekommen - andererseits hat das durchaus was für sich, wenn ich mir die kernthese des films "the corporation" in erinnerung rufe, in der anhand des besonderen juristischen status von us-konzernen als juristische personen diese sich den vergleich anhand der üblichen diagnostischen kriterien für soziopathen gefallen lassen müssen, und dabei dann auch als solche klassifiziert werden (das das auch eine menge über das zugrundeliegende ökonomische - kapitalistische - und politische, demokratiesimulierende system aussagt, deutet der film leider nur implizit an).

ich kann aber beim obigen spektrum, das divine skizziert, dem letzten teil nicht zustimmen. eine authentische "soziale vernetzung" der betreffenden ökonomen daran festzumachen, dass sie von diversen institutionen für ihre arbeit bezaht werden - hallo? wenn es darüber hinaus auch noch reale soziale persönliche kontakte und beziehungen gibt, ist das was anderes - aber gerade das benannte kriterium ist durchaus kein maßstab für das vorhandensein authentischer sozialität.

ich überspringe jetzt wieder einen weiteren teil, in dem sich divine speziell mit dem einfluss der mathematischen modelle sowie den internen hierarchischen strukturen im wissenschaftsbetrieb und ihren selektierenden mechanismen befasst, und komme zu einem anderen punkt:

(...)"Der institutionelle Autismus der Ökonomik muss in seinem sozialen Kontext betrachtet werden. Der ökonomische Wissenschaftsbetrieb kann nicht ohne seine Abgrenzung zu den anderen Sozialwissenschaften verstanden werden. Während des letzten Jahrhunderts hat sich die ökonomische Wissenschaft über die Abgrenzung zu anderen Wissenschaften definiert. Diese Tatsache hat, im Zusammenspiel mit ihrer selbstzufriedenen Anwendung der mathematischen Kunst, dazu geführt, dass Ökonomen über andere Disziplinen, insbesondere über die Sozialwissenschaften, spötteln (so wie sich die Hutmachergilde über die einfachen Arbeiter lustig machte) – oder sie versuchen die Sozialwissenschaften zu erobern, wie es Becker und seine Schule versucht. In jedem Fall geht der Fluss an Informationen von der Ökonomik zu anderen Fachgebieten und nicht umgekehrt. Dieses elitäre Denken im Stil des Asperger Syndroms führt dazu, dass der Berufsstand eine ganze Reihe an Fragen und Teilen der Gesellschaft von ihrer Analyse ausschließt. Damit werden die empirischen und theoretischen Informationen, die Ökonomen für ihre Arbeit zur Verfügung stehen, eingeschränkt, um Ordnung in die komplexe und konfuse Wirklichkeit zu bringen. Das ermöglicht Ökonomen an ihren geliebten Voraussetzungen, wie unrealistisch sie auch sein mögen, festzuhalten."(...)

das lässt sich auch als klassische komplexitätsreduktion betrachten, wie sie bei individuen sowohl beim normalen als auch pathologischen funktionieren des objektivistischen modus beobachtet werden kann. was nicht weiter verwunderlich ist, ist das doch eine der hauptaufgaben dieses werkzeugs: ordnung schaffen, um in der (scheinbar) geordneten welt überleben zu können.

ich finde ja die andockpunkte vom bereich der ökonomischen wissenschaften hin zu den beziehungskrankheiten und ihren gesellschaftlichen voraussetzungen, wie sie teils von devine, wenn auch unter etwas anderen prämissen, beschrieben werden, eigentlich augenfällig. dazu kommt noch ein aspekt, den ich hier nicht zitiere: es geht um den von ihm konstatierten neid der wissenschaftlichen ökonomie auf die "exakte" physik, die mit ihren jeweils wie in stein gemeisselten ergebnissen und ihrem anspruch an verifizierbarkeit eigentlich für die meisten wissenschaftlichen disziplinen als mehr oder weniger unausgesprochenes leitbild gilt. nun hat aber auch die physik ihre beziehungskranken leichen im keller; eine davon habe ich in der vergangenheit unter dem namen
isaac newton näher beschrieben, dessen leben und weltwahrnehmung in gewisser hinsicht als paradigmatisch für die westliche kultur angesehen werden kann. aus dieser perspektive kann der verfassung nicht nur der ökonomischen wissenschaft nicht nur nicht überraschen, sondern stellt sich als eine art fataler zwangsläufigkeit dar. ich erwähne das deshalb, weil mir der hinweis wichtig erscheint.

eine art fazit von devine:

(...)"Die Neoklassik kann durch das Festhalten an folgenden Prinzipien charakterisiert werden: (1) häufige Anwendung mathematischer Methoden, (2) Utilitarismus und methodologischer Individualismus, (3) Gleichgewicht, (4) Naturalismus und (5) Positivismus.18 Nicht zu vergessen, zeichnet sich das neoklassische Ideal dadurch aus, dass (6) alle menschlichen Handlungen als von Märkten organisierter Tausch gesehen werden, entweder als realer oder als modellhafter.

Im Sinne der vorherigen Diskussion spiegeln alle diese Punkte, zumindest in Teilen, die autistische Geisteshaltung der Ökonomen wider. Die zwei zuerst genannten Punkte wurden bereits diskutiert. Die weiter unten in der Liste stehende Fixierung auf gleichgewichtige Zustände scheint ein Symptom völlig autistischer Denkweisen zu sein, bedenkt man, dass wir in einer kapitalistischen Gesellschaft leben, in der endogene Veränderungen – manchmal sehr drastische, wie beispielsweise große Finanzkrisen – die Normalität darstellen. Damit in Zusammenhang steht Punkt (4), also die Ansicht, dass von Menschen erschaffene Institutionen wie Märkte, genauso wie individuelle Präferenzen und Technologie, zu „Naturkräften“ reduziert werden können. Dabei wird die Komplexität und Künstlichkeit von menschlichen Institutionen abstrahiert oder vergessen. Der Positivismus, also die Überzeugung, dass eine wertfreie Forschung erreichbares Ideal sei, dass der Beobachter von dem System, dessen Teilnehmer er ist, nicht beeinflusst würde und dass ernsthafte philosophische Reflexion unnötig sei, stimmt ebenfalls mit generellen autistischen Verhaltensmustern überein.

Die Betonung von Märkten und Tausch – im Gegensatz zu anderen menschlichen Institutionen wie Tradition, demokratische Kooperation und Hierarchie – sind eindeutig Teil der Welt, in der Ökonomen leben und lernen. Auch wenn die neoklassische Vorstellung von Tausch und Märkten übermäßig vereinfacht, idealisiert, formalisiert, statisch und individualisiert ist (alles Symptome autistischer Verhaltensweisen), gibt uns die Tatsache, dass auch Ökonomen von realweltlichen Problemen berührt werden, einen Hoffnungsschimmer."(...)


naja, was den letzten satz anbelangt, so sehe ich bei betrachtung der aktuellen reaktionen von diversen ökonomen diesen schimmer bisher nicht. sie sind nicht nur von der realität "berührt" worden, eher ist die realität wie ein riesiger meteorit in all ihre luftschlösser eingeschlagen. dabei könnte die ökonomik durchaus ihren beitrag zu einer sozialeren und emanzipativen entwicklung der menschlichen welt leisten - was sieht divine für heilmittel?

(...)"Wie kann nun der ökonomische Wissenschaftsbetrieb von seinem institutionellen Autismus geheilt werden? Es wird wohl keinen überraschen, dass es keine einfache Lösung gibt. Die Beharrlichkeit autistischer Symptome (wie sie von den französischen Studierenden beschrieben wurden) hat seinen Grund in der Hierarchie und dem Konkurrenzmechanismus, der den Aufstieg regelt. Dieser Autismus wird durch die Verweigerung der gleichberechtigten Kooperation mit anderen sozialen Wissenschaften noch unterstützt bzw. verstärkt. Zusätzlich zu Bemühungen, unnötige Hierarchie und Konkurrenz loszuwerden, können Außenseiter und Abweichler den Berufsstand eventuell in seiner Entwicklung vorantreiben und so den Solipsismus verringern. Diese Anstrengungen werden vielleicht durch den Lauf der Dinge unterstützt, so wie beispielsweise der Schock durch die Große Depression den Berufsstand ein Stück von der Neoklassischen Ökonomik zu Keynes verschoben hat. Auf jeden Fall muss die Bemühung, den Berufsstand in eine aktive Auseinandersetzung mit der Realität einzubinden, im Mittelpunkt stehen.

Aber solche Kritik aus empirischer Sicht reicht nicht aus. Genauso wie eine autistische Person Hilfe braucht, um die Realität zu verstehen, braucht es eine Theorie, um eine andere abzulösen. In den meisten Fällen bedeutet das nichts anderes, als dass wir eine der Neoklassik überlegene Theorie benötigen, die die empirisch ermittelte Realität besser versteht und erklären kann. Diese Theorie wäre sich der Grenzen der sinnvollen Anwendung mathematischer Methoden bewusst, würde die Heterogenität der Wirklichkeit umfassen, würde ein tieferes Verständnis der Psychologie beinhalten, würde die Ökonomik als pfadabhängige Entwicklung begreifen, institutionelle Aspekte untersuchen, den Anspruch auf eine ungerechtfertigte wissenschaftliche Objektivität aufgeben und es vermeiden, alle Aktivität auf den Tausch zu reduzieren. Dazu müsste sie von anderen sozialen Wissenschaften dazulernen."(...)


also mit anderen worten: weitgehende interdisziplinarität, eigene bescheidenheit bezgl. des wissenschaftlichen anspruchs sowie ein ordentlicher schuß wissen um das menschliche psychophysische funktionieren in kombination mit einer internen grundsätzlichen neustrukturierung. und da das forderungen sind, die aus meiner sicht auch an viele andere gesellschaftlich relevante wissenschaften zu stellen wären, würde ich vorschlagen, diese punkte einfach mal als eine der nötigen konsequenzen festzuhalten, die gesellschaftlich als lehre aus der aktuellen systemkrise zu ziehen sind.

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