notix: kurzes reinschauen auf der virtuellen durchreise

doch doch, der autismusbeitrag kommt noch diese woche. (ein beispiel dafür, nicht zu voreilig etwas zu versprechen. bis der beitrag wirklich hier steht, sage ich dazu jetzt nichts mehr.) bis dahin noch einige fangfrische fische aus dem virtuellen infomeer.

*

ein nachtrag zum letzten beitrag:

Angesprochen auf die Reaktion des Bundeskanzlers auf das Wahlergebnis vom Sonntag, sagte der Sloterdijk: "Schröder leidet nicht an Realitätsverlust, im Gegenteil, er genießt ihn. Außerdem ist der Ausdruck ,Verlust' irreführend. Schröder hat die wichtige Entdeckung gemacht, dass es auch ohne Realität geht." Realität sei "nur ein depressives Konstrukt für Leute, die sie noch nötig haben".

realitätsfähigkeit, die immer auch etwas mit psychophysischer gesundheit zu tun hat, als kultureller selektionsnachteil - wahrlich, wir haben´s weit gebracht! und wenn die realität depressiv macht (ich erinnere nur an die zwanzig millionen packungen verkaufter antidepressiva pro jahr in deutschland), dann bist du, sind Sie selbst schuld - schließlich lassen sich ja beliebige wunschrealitäten konstruieren. ein verkappter aufruf für ein leben im permanenten wahn? ich bezweifle stark, dass sloterdijk hier ironisch sein wollte. und selbst wenn, so hat er doch unfreiwillig das realitätsprinzip aller konstruktivisten kurz und bündig umschrieben.

*

was sog. vernünftige ausgewogenheit für folgen haben kann, macht die schriftstellerin juli zeh in einem beitrag für die zeit deutlich:

"Um Missverständnisse zu vermeiden: Hier soll nicht in banal-kapitalismuskritischer Absicht die Bedeutung ökonomischer Zusammenhänge für unser Leben kritisiert werden. Auch geht es nicht darum, die grundsätzliche Wirtschaftsversessenheit unserer Gesellschaft zu beklagen. Diese ist Konsequenz eines zunehmenden Pragmatismus, der wiederum denknotwendig aus dem wünschenswerten Zurücktreten ideologischer Haltungen resultiert. Trotzdem sollte sich die Politik um ihrer selbst willen davor hüten, ihre Inhalte und ihr äußeres Erscheinungsbild zunehmend in ökonomischen Angelegenheiten aufgehen zu lassen."

also, ich lese: erstens, kapitalismuskritik ist banal, wenn die totalitäre durchökonomisierung aka verdinglichung unseres lebens kritisiert wird. zweitens sollte das erst recht nicht beklagt werden. und drittens ist all das pragmatisch (eines der lieblingswörter - neben dem berüchtigten sachzwang - der sog. realisten, die allerdings seltsamerweise immer nur das als realität anerkennen, was ihnen in ihren konstruktivistischen kram passt), von daher wünschenswert. viertens aber wird der autorin bei derlei viel realität dann doch etwas unheimlich, und bitte bitte liebe politik, ein wenig regulieren und abfedern soll´s schon sein. mäh! schafe blicken auf, und schafe schreiben eben manchmal auch bücher. und schafe machen auch bocksprünge, wenn eine ideologie namens "pragmatismus" als nicht-ideologie bezeichnet wird.

*

warum nur fällt mir dazu dieses ein?

"Ein Mann darf nicht weinen", weiß er. Und so setzt er sich an den Schreibtisch und feiert die Macht, über die er nicht mehr verfügt. Stoisch rühmt er die Realpolitik, die ihn zerschlagen hat. Er preist die Treulosigkeit, die Gewalt und die Heuchelei, rechtfertigt den Erfolg der Ruchlosen, den Sieg der Grausamen und die List der Betrüger - mit einem grundlegenden Argument: So ist nun einmal das Leben."

In der Politik sei alles erlaubt, dekretiert er. Es gebe kein Gut und kein Böse - nur taugliche und untaugliche Mittel. Verwerflich sei nur der Mangel an Entschlusskraft - "dass die Menschen weder verstehen, in Ehren böse noch mit Vollkommenheit gut zu sein". Das Recht zur Grausamkeit hänge nur "davon ab, ob die Grausamkeiten gut oder schlecht angewandt sind". Und vom richtigen Timing: "Gewalttaten muss man alle auf einmal begehen, damit sie weniger empfunden werden und dadurch weniger erbittern", rät er.

ja, so ist nun einmal das leben. was für ein gnadenlos beschissener satz, der immer und immer wieder nur dazu dient, mörderische zustände zu rechtfertigen, die niemals so sein müssten, wie sie sind. die relative popularität von machiavelli gehört auch zu jenen dingen, die eigentlich alles essentielle über diese sog. zivilisation hier aussagen.
Wednesday (Gast) - 3. Okt, 12:55

Mertz

Monoma, hast Du mal daran gedacht, Mertz anzuschreiben und zu fragen, ob er es nicht merkwürdig findet, daß die Fachwelt auf sein Buch nicht reagiert hat, und ob er weiterhin von seiner Theorie überzeugt ist, und vor allem, woran und wie er Echtheit erkennt? Mich hat das Buch leider nachhaltig verstört, ich wünschte momentan, ich hätte es nie gelesen, und das hab ich bisher nur über sehr wenige Bücher gesagt, zB über American Psycho...

monoma - 4. Okt, 11:50

hallo w-day,...

...die nachhaltige verstörung kann ich absolut nachvollziehen.

zu deinen fragen: er hat ja praktisch schon selbst an mehreren stellen im buch, u.a. im nachwort, diese nichtreaktion prophezeit. aber er ist nicht alleine davon betroffen - ähnlich geht es arno gruen in der sog. fachwelt, und die in der literaturliste vorhandene untersuchung zur psychopathologie hitlers ist ebenfalls bis auf ein paar ausnahmen mit stillschweigen bedacht worden. wofür mertz auch ein paar erklärungen liefert. und frag dich doch mal selbst: was wäre denn die konsequenz daraus, wenn es ins breitere öffentliche bewußtsein rücken würde, dass nicht nur ein hitler (dieser sehr sicher), sondern auch andere teile der sog. eliten schlicht und einfach irre sind? was würde das über die aussagen, die diesen eliten bis heute folgen?

ich würde im übrigen eher von theoretischen fragmenten denn von einer vollständigen theorie sprechen - fragmente allerdings, die mich diese aktuelle weltvariante hier so radikal wie niemals zuvor und existenziell in frage stellen lassen. seine ausführungen zum scheingegensatz objektivität vs. subjektivität haben verschiedenste vorläufer und sind imo weitgehend zutreffend. neu ist allerdings für mich die herleitung dieser zustände gewesen.

und was die bedeutung der pränatalen phase anbelangt, sowie die dort möglichen prägungen, so wird sein ansatz grundsätzlich durch neuere forschungen eher gestützt.

echtheit ist imo ein gefühl, ein untrügliches - nenn es intuition. es ist völlig und zwangsläufig subjektiv und hat eine neurophysiologische basis.
interessant aber auch hier die wertigkeit von "nur" subjektiven" gegenüber den angeblich unbestechlichen "objektiven" realitäten. woher kommt diese bewertung, dieses gefühl eigentlich?

auch in diesem zusammenhang fand ich mertz hinsichtlich seiner anmerkungen zu verschiedenen (zeit-)geistigen stömungen sehr aufschlussreich - das dissen von authentizität in diversen geisteswissenschaftlichen disziplinen z.b. ist bezeichnend. und eine mögliche motivation dafür macht er sichtbar.

ich fürchte mittlerweile, dass wir schon sehr bald irgendwann vor der frage aus "matrix" stehen werden: "möchtest du die rote oder die blaue pille?"...

ps: würde mich interessieren - warum fragst du nicht selbst?
Wednesday (Gast) - 5. Okt, 17:23

u.U.

So recht glaubt man doch seinen eigenen Prophezeiungen nicht, oder? ;-) Anscheinend kam doch nicht die geringste Reaktion hoch, nicht einmal ein Verriss, was sehr seltsam ist.
Daß Menschen wie Hitler "einfach irre" sind, und mit ihnen eine ganze Reihe berühmter und bei vielen umjubleter Staatsleute dem Wahn verfallen, weiss der anständige Anarchist ja sowieso. Fragt sich nur, ob er sich der Konsequenz bewusst ist, daß dieses Irresein nicht nur die "charismatischen" Führer betrifft, und diese Erkenntnis tut ja u.U. dann doch schon sehr weh...

Warum ich ihn nicht selber frage? Weil ich nicht _noch_ mehr Leuten auf den Geist gehen will, zum Beispiel. ;-) Ich fühle mich dann auch nicht kompetent, ein Gespräch, ein Interview mit einem Mertz anzufangen.

Ciao!
bibi2005 - 5. Okt, 19:50

@wednesday,

denn sie wissen nicht , was sie tun?

nun ja, aber ich glaube, ein beginn etwas zu verändern oder einfach auch seine eigene Daseinsberechtigung zumindest von einer Person anerkennen zu lassen- nämlich Dir selbst - wäre durchaus hilfreich.

Etwas schnöselig ausgedrückt, aber: Trau doch einfach Deiner eigenen Wahrnehmung und :
Mut zum Mittelmaß!!

Ich finde, auch und gerade das "auf den Geist gehen" etwas sehr Weltbewegendes, wie Du hier sehen kannst,
oder glaubst Du, wir hätten nicht alle diese Ängste?

Ist es uns etwa gegeben, flauschig und Perwoll-gewaschen, sprich angepasst und es allen recht machend, durchs leben zu gehen?

Ich musste mich damit allerdings auch erst "arrangieren": ich bin einfach nicht die liebe, kleine, unterwürfig-ergebene von nebenan-

schade auch- da mußte ich doch glatt selbst mal nachdenken: wer bin ich denn eigentlich?

Und: Wo fange ich an, und wo höre ich auf?

Naja, usw und in diesem Sinne: Nur Mut!

Wie in der Sesamstraße: ...und wer nicht fragt, bleibt dumm...

lg, Bibi

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