kontext 30: auf der suche nach der verlorenen zeit (update)

so lässt sich die - mehr oder weniger willkürliche - zeitmarkierung "neues jahr" auch beginnen - mit dem langsamen lesen dieses artikels:

(...) "Anfang November las ich in verschiedenen wissenschaftlichen Studien folgende Fakten: Ehepaare reden am Tag durchschnittlich acht Minuten miteinander; 40 Prozent der leitenden Angestellten leiden unter Stress; das Lebenstempo hat sich in den letzten 200 Jahren verdoppelt; vier von fünf Kindern in Deutschland fühlen sich unter Zeitdruck; der Einsatz von Beruhigungsmitteln, Antidepressiva und Muntermachern steigt jährlich um acht bis zehn Prozent; und Untersuchungen der Historikerin Juliet Schor zufolge haben Amerikaner seit Mitte der 1970er Jahre 37 Prozent ihrer Freizeit eingebüßt." (...)

ich hatte schon früher anhand der geschichte von herr fusi etwas zur meiner meinung bisher meist unterschätzten rolle der objektivistischen pervertierung unserer lebenszeit geschrieben, und die folgenden sätze lassen sich als nahtlose ergänzung/erweiterung verstehen:

(...) "Seit es die Räderuhr als pures Messgerät gibt, um sich von der Naturuhr unabhängig zu machen, ist das Naturwesen Mensch zunehmend vertaktet und vermessen worden. »Die Uhr quantifiziert und objektiviert den Menschen«, schreibt der kulturkritische Trendforscher Jeremy Rifkin, »sein Leben wird mit der Uhr gleichgeschaltet, mit den Erfordernissen des Zeitplans und den Diktaten der Effizienz.« Dieses System arbeitet forciert vor allem an der Aufhebung von Verbindlichkeit. Je mehr Verbindungen angeboten werden, desto weniger verbindlich sind sie." (...)

verbindlichkeit aber - das steckt bereits im wort selbst - bedeutet eine wesentliche soziale fähigkeit, die für das menschliche beziehungsleben unverzichtbar ist. der bereits an vielen stellen hier thematisierte und inzwischen unverkennbare angriff der "objektivistischen maschinerie" auf eben diese grundlegende basis allen sozialen lebens mittels des zeitdiktats ist aber ein - ja, kriegsschauplatz, auf dem wir im gegensatz zu anderen mehr möglichkeiten haben: das wiederzulassen der eigenen (körper)zeit und der bruch der dominanz der fremdbestimmten zeit kann unter den heutigen bedingungen zu einem subversiven, ja schon revolutionären akt werden - und das könnte bereits in kleinen schritten funktionieren. entwöhnung von uhr und kalender, bei gleichzeitiger wiederentdeckung der eigenen rhythmen, wäre z.b. einmal ein wirklich schöner neujahrsvorsatz

*

edit am 02.01.07: sozusagen auf die schnelle hier ein paar weitere lese- und suchanregungen, wobei ich Ihnen gerade bei letzteren etwas arbeit aufbürde.

Wie das Zeitgefühl entsteht gibt einen komprimierten überblick zu einigen aspekten des aktuellen wissenstandes - und vor allem das folgende möchte ich herausheben:

(...) Darum hängen der Sinn für Bewegung und das Gefühl für die Zeit untrennbar zusammen. Wenn - etwa durch einen Schlaganfall - eines von beiden gestört ist, geht meist auch das andere verloren. Für das Gehirn ist Zeit Bewegung." (...)

körperbewegung.

mir fällt beim thema der zeitwahrnehmung dazu immer wieder ein, dass sich selbige v.a. im autistischen spektrum, ebenso bei zuständen, die heute als psychotisch begriffen werden und bei nutzung psychoaktiver substanzen teils krass und spektakulär ändert. ich kann Ihnen sehr empfehlen, einfach mal in diesen und diesen treffern herumzuschmökern. der aspekt des verlustes der eigenen, inneren zeit wird in etlichen materialien nachdrücklich deutlich. und damit wird ein weiterer gedanke klarer: die allgegenwärtige strukturierung unseres alltags mittels eines objektivistischen zeitrasters lässt sich u.a. als angepasste struktur begreifen - und zwar vor allem für menschen, die mehr oder weniger stark vom gerade erwähnten verlust der eigenen zeit betroffen sind. dieser gedanke wiederum verlangt geradezu nach einer vertiefenden betrachtung - zu der ich momentan aber nicht kommen werde. was natürlich aber keinesfalls ausschließen soll, dass Sie sich ebenfalls gedanken machen, die dann bestenfalls auch hier zu lesen sein werden (jaja, der zaunpfahl...;-)
Mondschaukel (Gast) - 3. Jan, 16:57

Hallo mo,

erst mal vielen Dank für den Zeit-Artikel über die Zeit und Deine wie immer anregenden Gedanken. Man könnte das ganze vielleicht auch etwas pathetisch überschreiben mit der Frage „Wer ist ´Herr´ über unsere Zeit?“.

Freiheitlicher, emanzipierter Umgang mit der eigenen Zeit ist in unserem kapitalistischen System nicht gewollt. Grund: emanzipierte Menschen, die Zeit haben, fangen an zu denken und Zusammenhänge herzustellen. Viele beginnen, die umfassende Zerstörungskraft dieses ausbeuterischen Systems zu erkennen, sich zu entziehen, sich zu verweigern. Würde das um sich greifen, klappte das System sehr schnell zusammen (was m.E. sowieso irgendwann geschehen wird, weil es im Kern nicht logisch ist und gegen die Natur arbeitet). Unter anderem deshalb muss „der Mensch“ immer in Bewegung, in Ablenkung gehalten werden. So etwas wie eine allgemeine Zeit-Souveränität darf gar nicht erst aufkommen: damit wir nicht aufwachen. Es geht letztendlich um Manipulation zur Ausbeutung. Echte Muße macht eigenmächtig.

Diejenigen von uns, die im Arbeitsleben stehen, müssen aufgrund des zum Naturereignis erklärten Globalisierungs-, Leistungs- und Profitdrucks immer mehr in immer weniger Zeit erledigen, werden ausgequetscht, beuten sich selber aus, was sich leider oft auch auf die Freizeit, die Beziehung zu Familie und Freunden überträgt. Am Ende eines solchen Arbeitslebens bleibt oft das schale Gefühl, am „echten Leben“ vorbei gehyped zu sein, ohne das Wesentliche gelebt zu haben.

Die Beantwortung der Frage, was denn das Wesentliche unseres Lebens sei und wie wir mit unserer Lebenszeit so umgehen können, dass wir sie als sinnvoll und befriedigend erleben, wird in Anbetracht der (trotz der geschönten Arbeitslosen-Statistiken) immer größer werdenden Gruppe der „Überflüssigen“ und der immer geringer werdenden Anzahl der Arbeitsplätze wohl eine der größten Herausforderungen der Zukunft. Die meisten Menschen, die unfreiwillig aus der Maschinerie der Arbeitswelt ausgespuckt werden, haben es nicht gelernt, sind es nicht gewohnt, mit ihrer Zeit eigenmächtig umzugehen, den Tag selbst zu strukturieren, sich und die eigenen (Zeit-) Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen nachzugehen. Gleiches gilt oftmals für Rentner oder chronisch Erkrankte. Hier macht Umgang mit Eigen-Zeit erst mal Angst, und unter anderem dies treibt viele in Depression und Sucht-Flucht-Verhalten. Allerdings, so meine Erfahrung, kann man sich das Leben zu einem großen Teil wieder zurück holen – was allerdings den Mut kostet, sich auf sich selbst, mit allem, was da ist, einzulassen ...

Die im Zeit-Artikel beschriebenen Menschen haben sich eine Freiheit von der Fremdbestimmung durch Einsatz von Kapital erkauft. Das ist nur einem kleinen Teil unserer Gesellschaft möglich. Für Arme, prekär Beschäftigte, ´Illegale´ etc. - eine Gruppe, die trotz gegenteiliger Behauptungen und des beschwörenden Herbeiwünschens des ´großen Aufschwungs´ einen immer breiteren Raum in unserer Gesellschaft einnimmt - geht es oftmals um die nackte Existenz. Allein deshalb lohnt sich der Einsatz für ein Grundeinkommen, das wirklich bedingungslos ist, mithin jedem zusteht, allein, weil er/sie lebt. Aber selbst, wenn diese Existenz denn irgendwann wirklich gesichert sein wird, geht es m.E. bezüglich des Umgangs mit unserer Lebens-Zeit immer wieder um die Auseinandersetzung mit den „großen“ Fragen, die uns alle direkt im Kern betreffen: Wer bin ich? Was will ich? Was „soll“ ich hier?

Viele Grüße
Mondschaukel

monoma - 5. Jan, 12:42

hallo mondschaukel...

...ich möchte ein paar deiner gedanken kommentieren - fragmentarisch:

Würde das um sich greifen, klappte das System sehr schnell zusammen (was m.E. sowieso irgendwann geschehen wird, weil es im Kern nicht logisch ist und gegen die Natur arbeitet).

vielleicht kommt es an wie definitionshuberei, aber ich sag´s trotzdem: "gegen die natur" kann selbst dieses system nicht arbeiten, weil es - trotz aller leugnung und aller versuche, sich selbst außerhalb der natürlichen prozesse zu positionieren - immer und ewig ein teil derselbigen bleiben würde. nur der größenwahn von sich als beziehungslos und total autark erlebenden profiteuren und propagandisten der herrschenden destruktiven kann eine derart unmögliche position halluzinieren. kurz: es ist nicht möglich, für niemanden und zu keiner zeit, aus der natur "auszusteigen". nur mittels wahrnehmungsdefekten kann sich jemand einbilden (lies: sich eine virtuelle realität konstruieren), das er oder sie nicht mehr in das untrennbare beziehungsgeflecht eingebunden ist - und natürlich kann diese person auch so handeln, als ob das der fall wäre - muss sich dann aber nicht über sehr böse überraschungen wundern. auch unsere ökologischen probleme hängen sehr stark mit bestimmten wahrnehmungsmodi zusammen.

ich möchte die halluzinationen dieses system nicht noch unterstützen, in dem ich ihnen eine "realität" zugestehe, die sie niemals hatten und haben werden und können. fallen wir nicht auf die mythen rein, mit denen sich die gestörten eine position geben möchten, die ihrem allmachtswahn schmeichelt.

Die meisten Menschen, die unfreiwillig aus der Maschinerie der Arbeitswelt ausgespuckt werden, haben es nicht gelernt, sind es nicht gewohnt, mit ihrer Zeit eigenmächtig umzugehen, den Tag selbst zu strukturieren, sich und die eigenen (Zeit-) Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen nachzugehen. Gleiches gilt oftmals für Rentner oder chronisch Erkrankte. Hier macht Umgang mit Eigen-Zeit erst mal Angst, und unter anderem dies treibt viele in Depression und Sucht-Flucht-Verhalten. Allerdings, so meine Erfahrung, kann man sich das Leben zu einem großen Teil wieder zurück holen – was allerdings den Mut kostet, sich auf sich selbst, mit allem, was da ist, einzulassen ...

große zustimmung! diese art entfremdung ist ein ganz zentrales problem für alle veränderungsversuche, und sie wird imo nicht unwesentlich durch traumatische mechanismen erzeugt. die utopie von kollektivität, die sich zwanglos aus den eigenen bedürfnissen heraus entwickelt, ist leider für viele, die von diesen mechanismen geprägt sind, eine sehr beängstigende vorstellung - das gilt es zu begreifen.

Die im Zeit-Artikel beschriebenen Menschen haben sich eine Freiheit von der Fremdbestimmung durch Einsatz von Kapital erkauft. Das ist nur einem kleinen Teil unserer Gesellschaft möglich. Für Arme, prekär Beschäftigte, ´Illegale´ etc. - eine Gruppe, die trotz gegenteiliger Behauptungen und des beschwörenden Herbeiwünschens des ´großen Aufschwungs´ einen immer breiteren Raum in unserer Gesellschaft einnimmt - geht es oftmals um die nackte Existenz.

ja. wobei ich hier einhaken möchte: meine lebenssituation ist gleichfalls "prekär", ich lohnarbeite (teilzeit) und liege unter der "offiziellen" armutsgrenze - aber ich lasse mich - bisher zumindest - nicht in die position treiben, jede lebensregung unter dem diktat der sog. ökonomischen vernunft einerseits und der existenziellen panik andererseits zu bewerten. eine gewisse entspanntheit, eine ungezwungene einsicht in die notwendigkeit eines materiellen verzichts (das möchte ich klar trennen von der verzichtsideologie von oben! diese gesellschaft ist auf einem sehr schädlichen konsumniveau anbelangt, welches irgendwann im historischen rückblick vermutlich als groteske und gefährliche entwicklungsphase eines teils der menschheit betrachtet werden wird) und das zunehmende bewußtsein, dass es innerhalb der systemlogik keine, aber auch wirklich keine menschliche perspektive mehr gibt, tragen zu dem inneren freiraum bei, den ich existenziell nötig empfinde - und das bestreben geht dahin, entsprechende äußere freiräume zu schaffen.

ich weiß, dass ich zu diesem punkt erst nach langer innerer arbeit gekommen bin. aber genau dieser prozeß ist einer, der imo massenhaft stattfinden müsste. und das heißt, das wir u.a. verstehen müssen, welches förderliche und welches hemmende bedingungen sind.

grüße zurück
mo
Mondschaukel (Gast) - 5. Jan, 23:01

"vielleicht kommt es an wie definitionshuberei, aber ich sag´s trotzdem: "gegen die natur" kann selbst dieses system nicht arbeiten, weil es - trotz aller leugnung und aller versuche, sich selbst außerhalb der natürlichen prozesse zu positionieren - immer und ewig ein teil derselbigen bleiben würde. ... "

Vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Hierüber muss ich noch mal nachdenken. Mir erscheint das System in dem wir leben, so sehr als böse "Kopfgeburt" und so sehr gegen die Natur gerichtet, dass ich mir im Moment nicht vorstellen kann, dass auch das ein Teil der Natur sein soll. Obwohl es sich ja doch quasi aus den Menschen heraus entwickelt hat, die Teil der Natur sind ...

Gruß, Mondschaukel

Mondschaukel (Gast) - 7. Jan, 12:11

Also, ich bin damit noch mal spazieren gegangen.
Für mich hat "der Mensch" das System der Verdinglichung, wie Du es, glaube ich, nennst, erschaffen - es ist mithin eine "Kultur-Leistung", welche mittlerweile gegen das Leben generell arbeitet und letztendlich dazu führt, sich selbst - langsam und qualvoll - aufzulösen, mitsamt allem, was damit in Berührung gekommen ist. Tut mir leid, aber in mir wehrt sich buchstäblich alles dagegen, dies als zur Natur zugehörig anzuerkennen. - Es sei denn, man definiert den Begriff Natur als "Alles, was ist". Mir hat es gezeigt, wie schwierig dieser Begriff zu fassen ist.
Wednesday - 7. Jan, 13:17

Ich möchte "Natur" und "Kultur" nicht scharf trennen; der Drang, Kultur zu schaffen, ist im Menschen angelegt, er strebt offensichtlich danach. Daß mensch natürliche Anlagen in vielerlei Sinne pervertieren kann, zeigt vielleicht das Beispiel, daß u.U. aus dem Drang zu spielen die Lust am Wettbewerb bis hin zur Lust am Töten entwickelt wird. Das Interesse an der Verdinglichung (o. die Kultivierung der Verdinglichung) wurzelt denke ich in der Religiösität.
sansculotte (Gast) - 7. Jan, 13:38

Es gibt kein Natur versus Kultur

Hallo mondschaukel,

'tschuldigung, dass ich mich einmisch':-). Vielleicht hilft Dir das weiter: stell Dir die beiden Begriffe Natur und Kultur nicht als Gegensätze vor (diese Dichotomie ist selbst wieder ein menschliches Konstrukt). Sieh es eher entwicklungsgeschichtlich: im Ablauf der Entwicklungsgeschichte ist die Natur sämtlicher Kultur vorgeordnet. Zuerst wirken die Gesetze der Natur und die biologischen Abläufe, diese Ebene ist weitaus grundlegender als die kulturelle.

Es entspricht allerdings der "menschlichen Natur", dass der Mensch mittels seines Gehirnes und dem verbundenen Organismus (Körper und Gehirn sind biologische Dinger!) Kulturleistungen hervorbringt. MaW: die menschliche Natur ist die Natur eines kulturerzeugenden Wesens. Die Biologie des Menschen beinhaltet sein Potenzial zur Kulturformung. Deswegen geht jede Kulturleistung letztendlichauf die menschliche Biologie zurück. Und - wenn man so will - die Belastbarkeit der menschlichen Natur ist folglich die Grenze und Schranke jeder Kulturentwicklung, es sei denn, der Mensch greift in seine biologischen Grundlagen ein (ich fürchte wir sind unerfreulicherweise an dem Punkt angelangt, an dem die menschliche Natur gerade den Kulturvorstellungen einiger Eliten gemäß angepasst werden soll).

Gruß, s
sansculotte (Gast) - 7. Jan, 14:34

Anmerkung

Die Überschrift oben war vielleicht ein wenig reisserisch: ich meinte, dass es entwicklungsgeschichtlich kein "Natur versus Kultur" gibt, weil Kultur nur innerhalb der Grenzen der Natur möglich ist.

Sollten Kultur und Natur (ohne dass sie grundsätzliche oder echte konzeptionelle Gegensätze sind) dennoch konfligieren, weil die Kulturerzeugnisse die natürlichen Anpassungsleistungen überlasten, dann bleibt im Zweifelsfall die hierarchisch übergeordnete Instanz, die Natur, bestehen. Auch wenn sie auf einem verwüsteten Planeten "von vorne beginnen" muss (oder irgendwo anders im Universum).
monoma - 7. Jan, 15:00

hallo mondschaukel,

grundsätzlich kann ich mich den aspekten anschließen, die w-day und v.a. sansculotte schon erwähnt haben. da ich über den fraglichen punkt schon viele diskussionen hatte, noch etwas anderes:

mir fällt immer wieder auf, dass in vielen menschen eine eigenartige und sozusagen doppelte spaltung vorhanden zu sein scheint: "die natur" wird erstmal als positiv besetztes gegen alles "künstliche" gesetzt - aber es ist keinesfalls die gesamte natur damit gemeint, sondern eine eher - hm, romantisierende vorstellung derselben, die am ehesten noch der vorstellung von einer halbverwilderten parklandschaft nahe kommt, in der löwe und schaf friedlich miteinander koexistieren. und in der bspw. knollenblätter- und schimmelpilze, vogelspinnen, viele insekten und raubtiere, aber auch "unansehnliche" pflanzen und erst recht krankheitserzeugende bakterien nicht vorzukommen scheinen. und mit erdbeben, tsunamis, vulkanen u.ä. hat diese vorstellung ebenfalls nicht viel im sinn.

deshalb ist sie als eine reine fiktion zu begreifen. viele natürliche prozesse wirken aus menschlicher perspektive tatsächlich grausam, wobei ich dieses gefühl für grundsätzlich sinnhaft halte - es gibt uns informationen darüber, von welchen bereichen wir uns möglichst fernhalten sollten, bzw. was für verhaltenspraktiken für uns angemessen und welche nicht sind. es lässt sich - ebenso wie zb. ekel - als eine art natürlicher detektor begreifen, mit dem wir in dieser welt besser zurechtkommen können (mit der wichtigen einschränkung, dass diese wahrnehmungsprozesse nicht statisch sind, sondern sich teils extrem - aufgrund gesellschaftlicher einflüsse - in richtungen verschieben können, in denen sie dysfunktional werden - rassistisch geprägter ekel vor anderen hautfarben etwa.)

und die weitaus größten bereiche der menschlich unberührten natur sind für uns als menschen entweder schlicht unerreichbar, und/oder aber nur mittels extremer technischer ausstattung überhaupt betretbar. der für uns ohne viel aufwand belebbare teil der natürlichen räume ist im vergleich ein geradezu lächerlich kleiner - auf der erde setzen wüstenregionen, hochgebirge, das meer und die räume rund um die pole bereits grenzen, die bis heute nur sporadisch zu überwinden sind.

verlasse ich fiktiv mal die erde, so wird das, was ich meine, voll deutlich - lichtjahre um lichtjahre von menschen unberührte natur - und gleichzeitig absolut tödliche natur. und zwar so tödlich, dass selbst die versuche unserer hiesigen antisozialen und soziopathischen fraktion, tödliche techniken immer weiterzuentwickeln, dagegen schlicht als jämmerliche pfuscherei wirken.

von daher ist also das empfinden, welches du oben beschreibst - das system vs. die natur - aus meiner perspektive ein zwiespältiges: einerseits steckt da die - durchaus zutreffende - information drinne, dass sich die heutigen menschlichen gesellschaften selbst mittels großflächiger zerstörerischer prozesse selbst in der absoluten mehrheit den ast absägen, auf und von dem sie existieren - andererseits ist das notwendigerweise ein prozess der selbstzerstörung - und alleine das macht das reale verhältnis, in dem wir individuell wie kollektiv zur natur stehen, schon mehr als deutlich. eine folgerung daraus im übrigen: "die natur" ist in ihrer und durch ihre erscheinungsform "mensch" sowohl zu einer art selbstbewußtheit als auch zur selbstzerstörung in der lage.

grüße
mo
Mondschaukel (Gast) - 7. Jan, 20:49

Also ...

... wenn ich es recht verstanden habe, meint Ihr, es gehöre zur menschlichen Natur, solche selbstzerstörerischen Systeme zu erschaffen, allein deshalb, weil der Mensch ein Wesen ist, in dessen Natur es liegt, Dinge zu erschaffen.

Hm.

Also ich merke, dass ich wohl noch ein bisschen spazieren gehen muss. Kann ja sein, dass ich einen zu romantischen bzw. gespaltenen Begriff von der Natur habe. - Ich weiß selbstverständlich, dass es seit jeher Mechanismen gibt, die das Vorhandene zerstören (Naturkatastrophen, Bakterien, Krankheiten etc.), und habe diese Vorkommnisse auch immer als „in der Natur der Natur“ liegend gesehen. Für mich ist es allerdings immer noch so, dass ich den Menschen selbst schon als zur Natur zugehörig empfinde, das System oder die Dinge, die wir Menschen erschaffen, aber als der Kultur zugehörig.

Aber vielleicht habt Ihr Recht, und man kann beides nicht so scharf voneinander trennen, und wie mo und/oder Sansculotte schon sagen, stehen wir an einem Punkt, wo es drauf ankommt, ob unsere menschliche Natur unsere Fähigkeit zur Kultur dazu nutzt, uns zu zerstören oder dazu, bewusst zu werden, was wir da tun und das Ruder noch mal „rumzureißen“.

Hat evtl. jemand ´nen Lesetip für mich, in der Richtung (Natur-Kultur-Problem)?

Ach ja, und ich empfinde es gar nicht als Einmischung, Sansculotte. Bist ja nicht „von oben herab“, und ich lass mich ja gern belehren, wenn ich etwas (noch?) nicht so ganz begriffen habe ...

Grüße, vorerst (werd jetzt erstmal bei mo´s Trauma-Ausarbeitung weiterlesen)
Mondschaukel
mo (Gast) - 7. Jan, 20:58

"Hat evtl. jemand ´nen Lesetip für mich, in der Richtung (Natur-Kultur-Problem)?"

zu einigen aspekten besonders des europäischen - wisenschaftlich geprägten verhältnisses zur natur bzw. seiner möglichen grundlagen habe ich anhand der person von isaac newton vor langer zeit einiges geschrieben. das dort erwähnte buch von morris berman finde ich hinsichtlich der thematik durchaus brauchbar.

grüße vom müden
mo
sansculotte (Gast) - 10. Jan, 18:09

@mondschaukel

Danke für Deine netten Zeilen! Bezüglich Lektüreempfehlung: ich möchte das zwar nicht als Literatur über das Kultur-Natur_Problem_ empfehlen, allerdings eher als gelungene Darstellung der "Natürlichkeit" der menschlichen Kulturleistungen: "Menschen - wie wir wurden, was wir sind" von Marvin Harris. Auf sehr unterhaltsame Weise beschreibt der Autor, ein Anthropologe, wie aus den verschiedensten "Anforderungen der Natur" menschliche Kultur entstanden ist - als Bewältigungsstrategie, als Erweiterung der natürlichen Fertigkeiten oder als Kompensation. Dabei wirkt dieses Buch überhaupt nicht belehrend. Ich hab es in einem Zug durchgelesen und erst am Ende hab ich festgestellt, wieviel ich eigentlich über die biologischen Wurzeln der menschlichen Kultur erfahren habe (Hmm, vielleicht sollte ich jetzt Provision vom Verlag verlangen ;-).
netten Gruß, s
Quasar (Gast) - 16. Jan, 22:31

schöne Anmerkungen zur Erfahrung bewegter Zeit. ich habe das gefühl, das nicht wenige Menschen verlernt haben, müßig zu sein, sich für sich mehr zeit zu nehmen, stichwort frei(e)-zeit-streß. allerorten herrschen Fremd(zeitraum)bestimmtheit und Konsumzwang(sneurosen) anstatt Freiheitlichkeit.
Gruß Quasar

verzerrtes Zeit- Wort : "knisure"

Mondschaukel (Gast) - 24. Jan, 11:34

@ sans culotte ;-)

Vielen Dank für Deinen Lesetipp. Witzigerweise habe ich dieses Buch 1991 schon mal gelesen, seit dem steht es im Regal ... Was den Gegensatz von Kultur und Natur angeht, muss ich sagen, dass ich mich langsam immer mehr dahin bewege, die Kultur als eine Funktion der Natur anzusehen. Wir sprechen ja z.B. bei Ameisen, die an ihrem Bau arbeiten, auch nicht von einer Kultur, die nicht zur Natur der Ameisen gehört. Dennoch ist diese Sichtweise sehr unbequem für mich ...

Gruß, M.

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