kontext 33: das konsumimperium

ein bemerkenswerter text von eduardo galeano, der vieles von denjenigen katastrophalen entwicklungen aufgreift, die keinen fühlenden und denkenden menschen heute mehr unberührt lassen können.

(...)"Das Recht auf Verschwendung, Privileg von Wenigen, sagt, die Freiheit von allen zu sein. Sag mir, wieviel du verbrauchst und ich sag dir, wieviel du wert bist. Diese Zivilisation lässt weder die Blumen, noch die Hühner, noch die Menschen schlafen. In den Treibhäusern werden die Blumen Dauerlicht unterworfen, damit sie schneller wachsen. In den Eierfabriken ist den Hühnern auch die Nacht verboten. Und die Menschen sind zur Schlaflosigkeit verurteilt, wegen der Kaufsucht und der inneren Unruhe dann bezahlen zu müssen. Diese Lebensweise ist nicht sehr gut für die Menschen, aber sie ist sehr vorteilhaft für die Pharmaindustrie."(...)

(...)„Unglückliche Leute, die leben, um sich gegeneinander abzuschätzen“, bedauert eine Frau im Viertel von Buceo in Montevideo. Der Schmerz nicht mehr das zu sein, wie früher der Tango sang, hat sich in die Schande nicht zu haben, gewandelt. Ein Mensch, der arm ist, ist ein armer Tropf. „Wenn ihr nichts habt, denkt ihr, ihr taugt nichts“, sagt ein Junge im Viertel Villa Fiorito von Buenos Aires. Und ein anderer beweist in der dominikanischen Stadt von San Francisco de Macorís: „Meine Brüder arbeiten für die Marken. Sie leben, Etiketten kaufend und leben Blut und Wasser schwitzend, um die Gebühren zu bezahlen.“

Unsichtbare Gewalt des Marktes: Die Mannigfaltigkeit ist Feindin der Wirtschaftlichkeit und die Einförmigkeit befiehlt. Die Serienproduktion, auf gigantischer Ebene, setzt überall ihre Pflichtnormen des Konsums. Diese Diktatur ist verheerender als jede Einparteiendiktatur: Sie drückt der ganzen Welt eine Lebensweise auf, die die Menschen wie Fotokopien des beispielhaften Konsumenten reproduziert."(...)

(...)"Die Experten verstehen es, Waren in Zaubereinheiten gegen die Einsamkeit zu verwandeln. Die Dinge haben menschliche Bestimmungen: Sie streicheln, begleiten, verstehen, helfen, das Parfüm küsst dich und das Auto ist der Freund, der niemals versagt. Die Kultur des Konsums machte aus der Einsamkeit den lukrativsten der Märkte. Die Öffnungen der Brust füllen sich, vollgestopft mit Dingen, oder davon träumend, es zu tun. Und die Dinge können nicht nur umarmen: Sie können auch Symbole des sozialen Aufstiegs sein, Passierscheine, um die Grenzen der Klassengesellschaft zu überwinden, Schlüssel, die verbotene Türen öffnen. Um so exklusiver, um so besser: Die Dinge wählen dich aus und retten dich aus der Massenanonymität. Die Werbung informiert nicht über das Produkt, das sie verkauft, oder seltene Male tut sie das. Das ist das wenigste. Ihre Funktion besteht in erster Linie in der Frustkompensierung und Fantasien zu nähren: In wen möchten Sie sich verwandeln, wenn Sie diese Rasierlotion kaufen?

Der Kriminologe Anthony Platt beobachtete, dass die Straftaten auf der Strasse nicht nur Folge extremer Armut sind. Sie sind auch die Frucht der individualistischen Ethik. Die gesellschaftliche Besessenheit des Erfolgs, sagt Platt, wirkt sich entscheidend auf die illegale Aneignung der Dinge aus. Ich hörte immer sagen, dass Geld nicht glücklich macht; aber jeder arme Fernsehzuschauer hat genügend Motive zu glauben, dass das Geld etwas ähnliches herstellt, dass der Unterschied eine Angelegenheit von Spezialisten ist."(...)

(...)"Jetzt, wer trifft wen? Trifft die Hoffnung die Wirklichkeit? Der Wunsch, trifft er sich mit der Welt? Und die Leute, treffen sie sich mit den Menschen? Wenn sich die menschlichen Beziehungen auf Beziehungen zwischen Dingen reduziert haben, wie viele Leute treffen sich mit den Dingen?"(...)

(...)"Die Besitzer der Welt benutzen die Erde, als ob sie ausschaltbar wäre: Eine Ware des flüchtigen Lebens, die sich ausverkauft, wie sich, von kurz nach der Geburt an, die Bilder, die das Maschinengewehr des Fernsehers schiesst, und die Moden und die Idole, die die Werbung ohne Waffenruhe auf den Markt wirft, erschöpfen. Aber in welche andere Welt werden wir umziehen? Sind wir alle dazu verpflichtet das Märchen zu glauben, Gott habe den Planeten an einige Unternehmen verkauft, weil er schlecht gelaunt entschied, das Universum zu privatisieren? Die Konsumgesellschaft ist eine Dummenfänger-Falle. Diejenigen, die das Heft in der Hand haben, täuschen vor es zu ignorieren, aber jeder, der Augen im Kopf hat, kann sehen, dass die grosse Mehrheit der Leute wenig konsumiert, sehr wenig oder notwendigerweise nichts, um die Existenz der wenigen Natur, die uns bleibt, zu garantieren. Die soziale Ungerechtigkeit ist weder ein zu korrigierender Irrtum, noch ein zu überwindender Fehler: Sie ist eine grundlegende Notwendigkeit. Es gibt keine Natur, die in der Lage ist ein Shopping-Center in der Grösse des Planeten zu ernähren."


logisch und zwangsläufig, dass die beschriebenen verhältnisse sich in die innersten strukturen der menschen regelrecht einbrennen.
logisch und zwangsläufig, dass dieser prozeß nicht ohne enorme symptome - sowohl bei einzelnen menschen als auch ganzen betroffenen kollektiven - vor sich gehen kann.

und logisch und zwangsläufig, dass der zeitpunkt rasend schnell näherrückt, an dem für jeden und jede die entscheidung fallen muss: alles, was ein menschliches - authentisches - leben ausmacht, im wortwörtlichen sinne verraten und verkaufen für eine welt der simulationen und fiktionen, die bei weitem nicht nur mit geld bezahlt werden?

"Die Kultur des Konsums machte aus der Einsamkeit den lukrativsten der Märkte." ja. und wer ein system - egal ob es sich selbst als "freiheitlich", "demokratisch" oder sonstwelchen phrasen aus der simulationsfabrik der antisozialen "eliten" bezeichnet - stützt, welches genau solche entwicklungen wie nicht nur in diesem blog thematisiert nicht nur hervorbringt, sondern noch als "alternativlos" und "einzig möglich" propagiert, und sich für diese unterstützung mit beliebigen produkten der dingwelt aushalten lässt - wer sich also für den eigenen materiellen wohlstand auf kosten von millionen und milliarden anderer lebewesen prostituiert und zum täter macht - der wird unfehlbar die konsequenzen tragen müssen. und die unausweichlichste wird diejenige sein, die in der eigenen totalen isolation bestehen wird - leerer als eine wüste.

wer freundschaft, liebe und solidarität nur noch als "soft skills" begreift, und sie als leere hüllen instrumentalisierend und simulativ im eigenen egozentrischen interesse einsetzt, verdammt sich selbst zu einer einsamkeit, die unermesslich ist. um diese einfache wahrheit wird keiner der leeren schwätzer von der herrlichkeit der westlichen "kultur" und "zivilisation" herumkommen - es sei denn, er oder sie macht sich selbst zu einem jener mutanten, die bspw. unter dem namen der als-ob-persönlichkeit laufen.
Ubue (Gast) - 21. Apr, 20:48

Galeano

hat da offenbar einen hervorragenden Text geschrieben. Es gibt zwar spätestens seit den 50-er oder 60-er Jahren hunderte, wenn nicht tausende solcher im Geiste ähnlicher Texte, doch es ist immer wieder schön und aus meiner Sicht aufbauend, sowas zu lesen.

Diese Art Texte waren niemals dominant, sie waren immer sozusagen rezessiv. Man kann diese Textlinie wohl sogar in alle großen Kulturen der Vergangenheit zurückverfolgen. Es waren immer die prophetischen Stimmen, die hier vor einem Zuviel, einer Maßlosigkeit oder einer übermäßigen persönlichen Gier gewarnt haben.

Solche Texte haben meistens, wenn überhaupt, nur die eine Schwäche, daß sie trotz der persönlichen Bedeutung überpersönlich argumentieren und in den ganzen Argumentationslinien auch oft etwas allgemein bleiben. Ich selber lese gerade in mahnenden Umwelttexten der 70-er Jahre (Schlüsseltexte), um mal zu vergleichen, was eigentlich damals gedacht wurde und was dabei präzise in der Gedankenführung war oder gut prognostiziert.

Dabei hatte ich den Eindruck, vorherrschend war in sehr vielen Texten eine Linie des allgemeinen Unbehagens. Von der Präzision her sind die Texte nicht überragend. Kann man vielleicht auch nicht erwarten, gäbe aber eine wünschenswerte Richtung vor.

monoma - 21. Apr, 21:33

hallo ubue,

aufbauend - ist schon die richtung, ja. ich würde den text eher berührend nennen, auf einer ganz anderen ebene als zb. deMause oder auch mertz, die jeweils viel objektivistischer schreiben - was ich nicht falsch finde, aber als nötige ergänzung ist eben auch kunst bzw. dichtung über die zerstörung in allen variationen nötig. und daher würde ich nicht sagen, dass solche texte generell unpräzise sind - sie sprechen einfach andere ebenen an, die nicht unbedingt auf präzision wert legen - oder aber: die anders präzise sind.

gruß
mo

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