kontext 69: ein finsteres ereignis (und ein mieses gefühl) [2. update]

von einer beziehungstat ist aktuell seitens der polizei die rede - gemeint ist das bis zur stunde immer noch weitgehend unklare tödliche geschehen am gestrigen frühen abend:

"Eine Frau ist im baden-württembergischen Lörrach in ein Krankenhaus gestürmt und hat um sich geschossen. Vier Menschen sind tot, darunter die Täterin selbst. Vor dem Amoklauf hatte sich eine Explosion in einem Haus gegenüber der Klinik ereignet, in dem später zwei Leichen gefunden wurden." (...)

war in ersten meldungen noch von einer toten frau und einem toten kind die rede, die in dem erwähnten haus aufgefunden wurden, so ist inzwischen von einem toten mann die rede. möglicherweise also dadurch die wertung seitens der ermittler als beziehungstat. und möglicherweise (!) auch ein gedanklicher kurzschluss, wenn denn denen nicht noch mehr bekannt sein sollte - ich kann mir die gedankenkette "toter mann und kleines kind + bewaffnete, flüchtende und schießende frau = beziehungstat. anders geht´s gar nicht" lebhaft vorstellen. und ich frage mich auch, was wäre, wenn wir die geschlechter in der obigen gleichung jeweils gegeneinander ersetzen würden - wäre dann auch noch die rede von einer beziehungstat? oder würde das wort "amok" im vordergrund stehen? wobei ich selbst finde, dass eben auch die männlichen "amok"-täter in gewisser weise beziehungstäter darstellen, wenn auch in einem etwas anderen sinne als dem "klassischen".

das nur mal als erste gedanken zu einem ereignis, bei dem ich aufgrund der manifestierten destruktiven energie und besonderen umstände (explosion, eine bewaffnete frau mit einer - lt. den meisten meldungen zu dieser stunde - maschinenpistole) noch nachfolgende updates in den nächsten tagen vor mir sehe. (gut, die maschinenpistole ist zu einer kleinkalibrigen "sport"pistole geschrumpft - mit ca. 300 schuß munition und einem messer bewaffnet, ist das allerdings trotzdem als potenziell verheerende ausrüstung zu betrachten).

*

und das miese gefühl? rührt eigentlich aus zwei quellen, einmal dem ereignis selbst, zum anderen aber auch hinsichtlich meiner eigenen
kassandrarufe in der vergangenheit:

(...) "5. ist amok ein "männliches" phänomen?

bis auf weiteres tatsächlich ja. zwar gibt es auch affekttaten von frauen, hauptsächlich im sog. häuslichen beziehungsbereich. aber diese besondere art der öffentlichen gewalt, schwerbewaffnet und grundsätzlich wahllos, ist bisher eine männliche domäne. ich glaube allerdings, dass es nur noch eine frage der zeit ist, bis sich das ändert: ähnlich wie bei den essstörungen, von denen seit kurzer zeit inzwischen auch zunehmend mehr und mehr männer betroffen sind, während gleichzeitig prügelnde mädchengangs deutlich machen, dass eine emanzipation, die sich in abstrakter (objektivistischer) "gleichstellung" erschöpft, keine wirkliche emanzipation darstellt. nicht frauen in polizei und bundeswehr stellen ein indiz für tatsächlichen gesellschaftlichen fortschritt dar, sondern die realisierung von verhältnissen, in denen polizei und armeen zunehmend mehr und mehr beschäftigungslos werden würden, würde so einen fortschritt bedeuten." (...)


keine wirklich schöne sache, wenn die entwicklung einer gesellschaft so vorhersagbar zu werden scheint...

eine spekulation gestatte ich mir dann doch, nachdem ich obigen absatz gerade wieder gelesen habe: vielleicht handelt es sich hier auch um etwas, was tatsächlich zunächst als beziehungstat begann und sich schnell zu einem amok(artigen) zustand entwickelte. aber wie gesagt, zu dieser stunde reine spekulation. im übrigen kann ich mich gerade an keinen derartigen fall mit einer so bewaffneten täterin hierzulande erinnern; ich hatte
hier vor einigen jahren mal einen damals medial unter "amok" vermerkten angriff einer "angetrunkenen frau" in halberstadt auf mehrere passanten / radfahrerInnen mit einem messer verzeichnet - aber sonst völlige fehlanzeige. und es wäre eine durchaus fatale und völlig überflüssige entwicklung, zukünftig neben den mokkern (zu diesem begriff siehe john brunner) auch noch verstärkt deren weibliche variante erwähnen zu müssen.

*

edit 1: die geschichte wird langsam
deutlicher:

(...) "Die mit einer Pistole bewaffnete Frau habe zunächst ihren früheren Lebensgefährten sowie ein fünf Jahre altes gemeinsames Kind getötet" (...)

weiteres vermutlich im laufe des tages.

*

edit 2: der meines wissens letzte stand von heute macht noch mehr
deutlich:

(...) "Die Amokläuferin von Lörrach ist vermutlich mit der noch frischen Trennung von ihrem Mann und dem fünfjährigen Sohn nicht klargekommen. Es liege nahe, „dass eine Beziehungsproblematik Auslöser für die Tat war“, sagte der der Leitende Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer am Montag in Lörrach. Die von Polizisten getötete 41- jährige Sportschützin habe zuletzt „psychisch angespannt“ gewirkt. In der Klinik, in der sie einen Pfleger erschoss, hatte sie vor sechs Jahren eine Fehlgeburt. Die Rechtsanwältin Sabine R. brachte ihren Mann um, als der 44- jährige Schreiner am Sonntagabend den Sohn bei ihr in der Lörracher Innenstadt abholen wollte. Sie waren seit Juni getrennt. Der Junge lebte bei seinem Vater und war über das Wochenende zu Besuch bei seiner Mutter. Den bisherigen Ermittlungen zufolge wurde er erschlagen." (...)

ich möchte mir wirklich nicht vorstellen - obwohl es aus grundsätzlichen erwägungen nötig erscheint - welche "beziehungsproblematik" eine frau zu solch einer tat bringen kann. das sieht jedenfalls nach einer vorgenommenen tabula rasa aus - "gut bewaffnet" den ex-partner und das gemeinsame kind zu töten, die eigene umgebung in brand setzen, um dann einen biographisch aller wahrscheinlichkeit nach extrem negativ besetzten ort aufzusuchen, um dort weiter zu wüten.

wäre es bei der tat in dem büro/ der wohnung geblieben, würde die wertung "amok" so nicht getroffen werden können. die nach dem doppelmord stattgefundenen und offensichtlich tatsächlich wahllosen angriffe auf ihr unbekannte stützen jedoch zumindest oberflächlich betrachtet meine gestrige spekulation oben. und der ganze ablauf der tat erinnert ebenfalls an den im gleichen zeitraum wie "winnenden" stattfindenden amok von
alabama - hier hatte der täter damals ebenfalls zuerst opfer im engsten sozialen umfeld (familienmitglieder) heimgesucht, bevor ihm unbekannte in die schußlinie gerieten. die zukunft wird zeigen, ob dieses spezielle muster - eine sehr persönliche "abrechnung" mutiert zu einem echten amok - einen trend anzeigt.

*

was bleibt neben der immer mit solchen taten verbundenen beklemmung? ausnahmsweise nicht die "killerspiel-debatte"; ansonsten betreiben die weitaus meisten medien das übliche nach solchen ereignissen: sie fragmentieren und lösen zusammenhänge auf, damit ja niemand auf die idee kommt, weitere fragen zu stellen. und ebenfalls üblich und schon öfter gehört sind derartige
statements:

(...) "Dass so etwas bei uns hier passiert, hätte ich nicht für möglich gehalten", sagt ein älterer Mann. Hier in Lörrach, da leben sie doch in einer heilen Welt, dachten sie. Hier, wo die berühmte lila Schokolade produziert wird, wo die Schweiz und Frankreich nur einen Steinwurf entfernt sind, da gibt es keinen Hass. "Ein Amoklauf bei uns? Nein", meint eine Frau, "das kennt man doch sonst nur aus den Großstädten." (...)

beim letzten satz rutschten meine augenbrauen hoch - so, man "kennt das sonst nur aus großstädten"? die durcheinandergewürfelte liste der orte der bekannten "amok"-taten in den letzten jahren sieht hinsichtlich ihrer auf- und abgerundeten einwohnerInnenzahl mit stand vom 31.12.2009 so aus (quelle wikipedia):
  • erfurt: 203.900
  • winnenden: 27.500
  • emsdetten: 35.600
  • ansbach: 40.400
  • lörrach: 48.200
ich frage mich inzwischen ernsthaft, ob das nur ein etwas bizarrer zufall ist - von erfurt einmal abgesehen, wobei die wertung "großstadt" jenseits des formalen kriteriums für diese stadt eher nicht ernsthaft gebraucht wird. es sind jedenfalls bisher eindeutig die provinziellen kleinstädte, die offenbar das ideale milieu für derartige taten darstellen. vielleicht wäre es aus präventionsgründen sinnvoller, anstatt eines "killerspielverbotes" solche provinzstädte vorsichtshalber zu plätten...?
hf - 20. Sep, 20:51

eine Ergänzung noch zur "falschen", ein abstrakten Emanzipation (die ich dennoch für einen kleinen Schritt in die richtige Richtung erachte): Inzwischen nehmen auch aggressive Fahrweisen von Frauen zu. Häufig "Karrierefrauen". Die Täterin, nebenbei, war Anwältin, also Akademikerin. Ich weiß nicht, ob "erfolgreiche" Anwältin. Aber ein Wink mag es sein...

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