themenabend "psychopathen" bei arte - der tv-tipp für sonntag, 19.04. [update]

passend nicht nur zum beitrag über simulierte welten und soziopathen, sondern auch zu vielen anderen hier im blog, bringt arte morgen eine art themenabend zur psychopathie, für die ich weiterhin lieber den passenderen (und unbelasteteren) begriff soziopathie bevorzuge:

"Sie missachten gesellschaftliche Regeln und Erwartungen ohne Schuldgefühl und Reue, kennen kein Gewissen, enttäuschen und verletzen ihre Mitmenschen. Dabei wirken sie auf den ersten Blick äußerst charmant und einnehmend. Die Rede ist von Psychopathen, die ein böses Spiel mit ihrer Umgebung treiben, ohne gleich kriminell oder sadistisch zu sein. Der Themenabend spürt den Grenzen zwischen krank und gesund nach und beschreibt die subtile Bedrohung, die von Psychopathen ausgeht."(...)

und der abend beginnt zunächst mit einem
alten bekannten, nämlich dem talentierten mr. ripley - wenn die verfilmung, die ich noch nicht kenne, gleichfalls so überzeugend wie das buch von patricia highsmith sein sollte, ist das ein passender einstieg. wobei ich die ankündigung der nachfolgenden dokumentation noch interessanter finde:

(...)"Filmemacher Ian Walker hat Sam Vaknin begleitet, einen Menschen, der von sich selbst behauptet "größenwahnsinnig, abstoßend, widersprüchlich, skrupellos, unberechenbar und unzuverlässig" zu sein. Im Gegensatz zu den meisten Psychopathen möchte Vaknin seinem Wesen auf die Spur kommen und wissen, warum er sich nur für sich selbst interessiert und bereit ist, sowohl sich als auch andere zu verletzen oder gar zu zerstören.

"Ich bin ein Psychopath", behauptet Sam Vaknin von sich selbst. Aber ein schlechter Mensch ist er in seinen Augen nicht. Es interessiert ihn bloß nichts - außer es geht um ihn selbst. Er hat wie viele Psychopathen mit Charme und großer Manipulationskraft einige Menschenleben aus dem Gleis geworfen. Und er hat die Extreme einer sozial überaus unverträglichen Existenz durchlebt, die erfolgreichen Seiten und die Abgründe des zerstörerischen Wesens am eigenen Körper erfahren sowie seine Mitmenschen erfahren lassen.

Doch im Gegensatz zu vielen seiner Wesensgenossen will Sam Vaknin Sicherheit über seine Diagnose von Wissenschaftlerseite. Wurde er wirklich ohne Gewissen geboren? Der australische Dokumentarfilmer Ian Walker begleitet Sam Vaknin und seine stets leidende, aber immer loyale Ehefrau Lidija bei der Suche nach der Antwort. Die Reise führt tief hinein in das Denken und Fühlen eines Psychopathen."(...)


das dürfte nicht nur ein tipp für alle allgemein an den menschlichen möglichkeiten interessierten sein, sondern speziell für alle, die wissen möchten, wie relevante teile unserer gesellschaftlichen "eliten" so ticken. und wer über aufzeichnungsmöglichkeiten verfügt, sollte diese speziell bei der doku laufen lassen. ich bin jedenfalls sehr gespannt und finde es erfreulich, dass das thema derart endlich mal eine größere öffentlichkeit erfährt.

*

edit am 20.04.: der film von ian walker hat zumindest für mich im goßen und ganzen das gehalten, was die ankündigung versprochen hat - die rücksichtlosigkeit (die in solchen fällen gerne mit "aufrichtigkeit" verwechselt wird) und dreistigkeit des sam vaknin wurde an vielen entscheidenden punkten aufschlußreich eingefangen; ebenfalls die elementare lieblosigkeit, mit der vaknin die sog. "beziehung" führt - seine charakterisierung der frau als u.a. "weißes blatt papier" (welches er dann beschreibt), macht seine selbst- und fremdwahrnehmung bzw. besser die defekte in dieser mehr als deutlich. interessant auch seine anfängliche selbststilisierung als narzisst (mit der er im übrigen durch sein buch noch geld verdient), die erst im laufe der im film dokumentierten psychiatrisch-neurologischen untersuchungen widerlegt wird - er ist tatsächlich ein klinischer soziopath, was die erste begutachtende psychologin und v.a. der psychoanalytiker an der zweiten station nicht bestätigen wollten, was vermutlich größtenteils mit an den denk- und diagnosemodellen liegt, die beide angewendet haben. walker hat aber primär durch den einsatz seiner versteckten kamera auch deutlich gemacht, dass eigentlich erst der alltägliche umgang mit soziopathen die ganze destruktive wirkung solcher leute deutlich macht; und dementsprechend überhaupt erst dann der entsprechende diagnostische verdacht aufkommen kann. neu war für mich immerhin die relative sicherheit bei der diagnosestellung, die sich durch den kombinierten einsatz von hirnscans und testverfahren wie dem von robert hare ergibt - das (anscheinend) sehr selbstsichere auftreten, der durchaus vorhandene (wenn auch meist verletzende witz) in kombination mit der als-ob-aufrichtigkeit und der rätselhaften wirkung des soziopathischen "charmes" machen es tatsächlich sehr schwer, hinter dieser maske die extrem kranke und krankmachende persönlichkeitsstruktur zu erkennen. da dürfte dann viel von dem gelten, was im ersten teil des eingangs verlinkten blogbeitrags zu als-ob-persönlichkeiten an zitaten von j.e. mertz zu der von ihm so genannten "psychoallergischen reaktion" zu lesen ist - die zeichen der eigenen wahrnehmung im umgang mit soziopathen bleiben meist so subtil, dass sich das "normale" gegenüber dann eher in irritationen und ausufernder selbstreflexion verliert, was dann für den soziopathen bei seinem treiben erleichternd wirkt.

beklemmend das verzweifelte klammern der ehefrau an ihrem konstruierten bild des "geliebten", welches auch durch die bestätigte diagnose nicht gestoppt werden kann. noch beklemmender aber die darstellung dessen, wie soziopathen anhand körperlicher bewegungsmuster opferpersönlichkeiten identifizieren können.

die bezüge zum öffentlichen leben, v.a. der rolle von soziopathen in der ökonomie, waren zwar vorhanden, wurden aber meiner meinung nach zu beiläufig abgehandelt. dabei ist einer entscheidenden frage nach dem sehen dieser doku eigentlich überhaupt nicht mehr auszuweichen: wie viele solcher leute sind in führungspositionen in politik, wirtschaft und militär unterwegs? wenn man sich das treiben in diesen bereichen so betrachtet, kann die antwort nur niederschmetternd sein.

und auch zu einer alten streifrage hier im blog möchte ich noch was sagen: oberflächlich weist vaknin sicher zunächst überhaupt keine züge auf, die irgendwie als autistisch verstanden werden könnten. wenn man als zentrales und definitorisches merkmal von autismus jedoch weitgehende bis totale störungen der beziehungsfähigkeiten ansieht, ist er in meiner wahrnehmung ein gutes beispiel für strukturellen und simulationsfähigen autismus, wie er eben von mertz beschrieben wird.

die dokumentation wird bei arte zweimal in den nächsten tagen wiederholt: am 24.04. um 9.55 h morgens, und am 27.04. um 03.00 h morgens.
somebody (Gast) - 20. Apr, 14:20

gruselig

die sendung ist für sieben tage auch hier einsehbar:

http://plus7.arte.tv/de/detailPage/1697660,CmC=2574338,scheduleId=2539510.html


mir hat der film sehr gut gefallen auch wenn er einen durchaus verstörenden einfluss auf mich hatte... interessant finde ich besonders wie die selbstbeschreibungen des sam vaknin sich mit den hypothesen von mertz decken. vielen dank für den tipp, ohne ihn hätte ich diese hochinteressante dokumentation verpassst!

K. (Gast) - 23. Apr, 19:58

Bei mir kam der Film sehr oberflächlich an und ist vielleicht auch eher als sanfter Einstieg zum Thema Soziopathie gedacht. Vielleicht hab ich auch schon zuviel darüber gelesen; nicht nur in der Fachliteratur, auch in der Belletristik wimmelt es nur so von verstörenden Typen wie S. Vaknin, und schlimmeren Fällen. Ich stimme ausserdem jedem zu, der sagt, daß eine Kultur, die auf Panikmache und Höllenvisionen basiert, die von Furcht, Qual und Tod besessen ist, solche "Mutanten" geradezu heranzüchtet.

Seine Frau Lidija ist ja so die typische Begleitperson solcher Menschen... Wie wird ihr Erwachen aussehen, oder wird sie es schaffen, dieses bis in den Tod zu verdrängen? Vaknin hat mich mehrmals an meinen Vater erinnert, der war in seinen besten Zeiten noch viel schlimmer drauf. Er "entschuldigt" mittlerweile sein Auftreten mit dem "schweren Kampf ums Leben". Er hatte allerdings den einzig wirklich schweren Kampf ums Leben, während seine Mutter mit ihm, den gehassten Kind, schwanger war, und die ihn nach der Geburt sofort am liebsten umgebracht hätte... Was die wiederum erlebt haben muss, weiß kein Mensch, der noch lebt. Vielleicht besser so. Obwohl man alles wissen muss, alles. Oder? Ja, doch!
Gast (Gast) - 25. Apr, 16:00

Wie unbrauchbar die Diagnosemodelle der Psychologin und später des Psychoanalytikers de Vries zur Einschätzung Vaknins waren, ist noch zusätzlich beklemmend im Hinblick auf die Opfer. Würde die Ehefrau Lydia mit ihren seelischen Verletztungen durch Vaknin bei diesen Leuten Hilfe suchen, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch sie einer Fehleinschätzung zum Opfer fiele und gar nicht ernstgenommen würde.

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