Sonntag, 29. Oktober 2006

kontext 29: von *konstruierten* erinnerungen unter gewaltbedingungen

in einem gewissen zusammenhang zu dem gerade im letzten beitrag besprochenen steht ein artikel bei spon, in dem es u.a. um manipulationen am menschlichen gedächtnis geht:

(...)"Die verwirrende Erkenntnis, dass das Gedächtnis keineswegs ein Archiv ist, das pendantisch die Vergangenheit speichert, beschäftigt Neurobiologen, Psychologen und Sozialwissenschaftler inzwischen weltweit. Noch vor 20 Jahren hielt man das Gedächtnis für eine Art Computer, der unbestechlich aufzeichnet, was faktisch geschehen ist.

Dass dies ein Irrtum war, hatte und hat ungeahnte Folgen, etwa bei Kindesmissbrauchs-Prozessen. Die renommierte, aber auch umstrittene Gutachterin Loftus legt immer neue Studien vor, um Richtern zu zeigen, wie wenig Verlass auf das Gedächtnis ist. Wie wenig man den Aussagen von Missbrauchs-Opfern unkritisch Glauben schenken könne, wenn sie sich erst nach Jahrzehnten an die Gewalttat erinnern. Loftus vertritt die Seite der Angeklagten; eine heikle Position.

Doch auch wenn der Streit in der "False Memory"-Debatte kaum lösbar ist - die Studien, die er anstieß, haben die Gedächtnis-Forschung ein gutes Stück vorangebracht. "Eines sollten wir uns klar machen", sagt Loftus, "unser Gedächtnis wird jeden Tag neu geboren."(...)

Im autobiografischen Gedächtnis lagert die persönliche, subjektiv erlebte Lebensgeschichte. Es ist das komplexeste der Erinnerungssysteme und zugleich dasjenige, das bei Kindern als letztes entsteht, im Alter von etwa drei Jahren, wenn ein Kind eine Vorstellung von seinem Selbst zu entwickeln beginnt. Dass Schimpansen und Menschen, die 99 Prozent des genetischen Codes gemeinsam haben, dennoch grundverschieden sind, liege vor allem am autobiografischen Gedächtnis, sagt Markowitsch. Nur der Mensch kann sich an seine Biografie bewusst erinnern, nur er weiß, wie er eine bestimmte Situation erlebt und wie er sich dabei gefühlt hat.

Die Erinnerungen an die Lebensgeschichte prägen die Persönlichkeit, formen die Identität. Doch nicht etwa die objektiven Lebensdaten spielen dabei die Hauptrolle, sondern Gefühle. Sie sind es, die filtern, was im Langzeitspeicher landet und was gelöscht wird. "Gefühle", sagt Markowitsch, "sind die Wächter unserer Erinnerung."(...)


diese (und auch gleich folgende) behauptungen dürften zunächst wie bestätigungen für diejenige weltsicht anmuten, die heute unter dem attribut konstruktivismus angesegelt kommt (mehr zu den sich in diesem zusammenhang stellenden fragen u.a. hier. ) ich betone das "zunächst", weil sich bei den fraglichen forschungen wiedereinmal die grundsätzlich fragmentierende tendenz der westlichen wissenschaft zeigt: erstens ist das sog. autobiographische nicht das einzige gedächtnis beim menschen; zweitens manifestieren sich aller wahrscheinlichkeit bereits selbst pränatale erlebnisse (und auch perinatale bzw. sehr frühe postnatale) bevorzugt in der körperlich-materiellen menschlichen struktur. ein synonym dafür wäre das körpergedächtnis, welches Sie selbst bspw. bei einem chronisch verspannten schulter-nacken-bereich spüren können - ständiges unwillkürliches ducken und an-/verspannen vor einer realen oder auch durch posttraumatischen stress bedingten imaginierten gefahr ist nicht eben selten ein auslöser für derartige verspannungen, bei denen sich im wahrsten sinne des wortes eine haltung der umwelt gegenüber körperlich fixiert. dabei müssen die ursprünglich auslösenden momente tatsächlich keinesfalls dem bewussten gedächtnis zugänglich sein.

in einer arbeit zu zusammenhängen zwischen (psycho-)traumata und wachkoma wird zur körperlichen speicherung von traumatischen stress u.a. ausgeführt:

(...)"Der traumatisierte Leib/Körper vergißt nichts (...). Er nimmt als sozialer Raum Erfahrungen über gelungene und misslungene zwischenmenschliche Beziehungen in sich auf. Durch die Projektions- und Verarbeitungsfläche des Gehirns kann der Körper sich im Ich spiegeln. Im Falle eines Phantomschmerzes behält das Gehirn einen Körperteil in (schmerzvoller) Erinnerung, während der Körper selbst zum Überleben kein Ich-Gehirn benötigt, sondern sich auf sich selbst und durch sich selbst schützen kann. Solange es atmet, ist Hoffnung. Der Körper/Leib ist in der Lage, sein erlittenes Trauma symbolisch auszudrücken (...). Es ist bemerkenswert, dass und wie die moderne Medizin, die am Körper ansetzt, das Objekt ihrer Begierde, den Körper/Leib vernachlässigt und ihn biomechanisch reduziert."(...)

den letzten satz kann ich nur unterstreichen, und eine ähnliche reduktion lässt sich leider auch in vielen bereichen der neurowissenschaften beobachten. ich kenne selbst aus meinen umfeld und auch aus psychiatrischen krankengeschichten viele beispiele dafür, wie sich ein trauma regelrecht "verschlüsselt" in anscheinend nur somatischen symptomen - aber auch bereits in körperlichen haltungen, wie sogar in der art und weise, wie jemand geht - ausdrücken kann. der bewusste zusammenhang ist den betroffenen meistens nicht zugänglich, und genau das dürfte u.a. dazu führen, das sich das gehirn über die lücken biographisch sozusagen etwas "hinwegkonstruiert" - aber das bedeutet eben nicht, das "eigentlich gar nichts passiert ist" - sondern das die authentischen details für die betroffenen nicht mehr zugänglich sind.

(...)"Viele Patienten im Wachkoma zeigen einen "verkrüppelte" Körperlichkeit mit einer sogenannten Dekortikationshaltung bzw. spinalspastischen Haltung: zurückgebeugter überstreckter Kopf, geöffnete Augen, starre indifferente Mimik, Ulnardeviation und Faustschluß der Hände sowie Beugestreck- oder Beuge-Beugespastik von Armen und Beinen, häufig mit Spitzfußbildung einhergehend.

Dieser Zustand der "Verunstaltung" und "Verkrüppelung", über die man lieber nicht reden möchte, erinnert in manchen Teilen an eine vorgeburtliche "primitive" Schutzhaltung, die auch als "Embryonalhaltung" bezeichnet wird. Nach traditionellem, defektmedizinischen Verständnis wird diese starre pathologische Körperhaltung als direkte Folge einer schweren Hirnschädigung aufgefaßt. Demgegenüber ist eine beziehungsmedizinische und psychosomatisch-psychodynamische Sichtweise eher geneigt, diese Körperhaltung auch als ein Resultat zusammenwirkender interner und externer pathologisch-isolativer Lebensbedingungen zu sehen (wie bei einer schweren beidseitigen parietalen Läsionen), oder als reaktiv-psychodynamisch bedingten Dysmorphophobie in Verbindung mit bizarren Körperfehlvorstellungen und Formen des selbstdestruktiven Körperagierens."(...)


was ich gerade mit "verschlüsselt" meinte, wird im folgenden satz deutlicher:

(...)"...sondern nahmen verschiedene Körperhaltungen ein, die in einigen Fällen so charakteristisch waren, daß aus der eingenommenen Körperhaltung auf die Art der Gewalteinwirkung rückgeschlossen werden konnte: die abwehrend-vorgestreckten Arme, die gekrallten Finger, die entsetzte Erstarrung, das ohnmächtige Ausgeliefertsein (Abb. 2). Offensichtlich kam es in der Hypnose zur "Erinnerung" an die im Körpergedächtnis des "autonomen Körperselbst" eingeschriebenen Spuren des Traumas.(...)

all das haben große teile der neurowissenschaftlichen forschung in ihrer hirnfixiertheit offensichtlich nicht so recht auf dem schirm - denn wenn sie es hätten, gehörte das folgende entsprechend ergänzt:

"(...)BLACK-OUTS, Verwechslungen und verzerrte Erinnerungen - was Menschen häufig besorgt an sich selbst wahrnehmen, ist letztlich oft ein Segen. "Unser ganzes Leben ist eine Erfindung", so spitzt Harald Welzer es zu, Sozialpsychologe und Leiter der Gruppe "Erinnerung und Gedächtnis" am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. "Es gehört zur menschlichen Normalität, sich falsch zu erinnern. Das korrekte Erinnern ist das Anomale." Zwar forme das Gedächtnis das Ich, Erinnerung bilde sich aber erst in der Gemeinschaft, in der Kommunikation mit anderen heraus. Welzer spricht vom "kommunikativen Gedächtnis". Ein Ereignis sei nicht das, was passiert sei, sondern das, was erzählt werden könne."

an dieser stelle ist es durchaus nötig, in erinnerung zu rufen, dass sich die zitierte "menschliche normalität" durchaus nicht als "normal" begreifen lässt, wenn unsere jahrtausendealte gewohnheit der gewaltausübung gegen andere, aber auch gegen uns selbst, berücksichtigt wird. sollte gerade ein sozialpsychologe nicht in der lage sein, etwas weiter zu denken? dann könnte es vielleicht mal sehr bald forschungen darüber geben, wie sich "falsche erinnerungen" nicht aus einer menschlichen, sondern einer gewalttätigen realität heraus ergeben. aber sowas möchte natürlich auch niemand wirklich wissen.

(...)"Deutlich zeigt sich dies in Erinnerungsgemeinschaften, etwa bei Menschen, die sich über ihre Kriegserfahrungen austauschen. Die zunächst individuellen Berichte werden sich oft von Treffen zu Treffen immer ähnlicher, bis sie schließlich in eine kollektive Erinnerung münden.

Dieses Phänomen brach sich Bahn anlässlich eines Vortrags des Koblenzer Historikers Helmut Schnatz über den schweren Bombenangriff auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945. Unter den Zuhörern waren viele ältere Dresdner, die sich daran erinnerten, wie britische Tiefflieger sie gejagt hätten, während sie vor den Flammen durch die Straßen flüchteten. Mehrere Teilnehmer sagten, sie hätten sie noch genau vor Augen, "die silbrig schimmernden Mustangjäger".

Doch Schnatz konnte belegen, dass dies unmöglich geschehen sein konnte, weil der durch den Bombenangriff erzeugte gewaltige Feuersturm jeden Tiefflug unmöglich gemacht hatte. Auch hatte eine Auswertung britischer Flugeinsatzpläne und Logbücher keinen Beleg für eine solche Menschenhatz geliefert. Die Zuhörer waren empört. "Ich protestiere dagegen", rief ein alter Mann, "dass fremde Historiker, die gar nicht in Dresden zu Hause sind, über unsere Heimatstadt schreiben dürfen." Hundertfacher Applaus.

Bei der Erinnerung an traumatische Erlebnisse ist das Gedächtnis besonders unzuverlässig: Erfahrungen wie die Dresdner Bombennacht können - ähnlich wie die einer Vergewaltigung - extremen Stress und damit zusammenhängende biochemische Prozesse im Gehirn auslösen, die eine Speicherung von Erinnerungen empfindlich stören. Nur noch Fragmente des ursprünglichen Ereignisses gelangen dann ins Langzeitgedächtnis. Um verstehbare Zusammenhänge bemüht, übernimmt das Gedächtnis dann die kreative Aufgabe, die Lücken zu schließen. Welzer vermutet, dass Erinnerungen an emotional belastende Situationen deutlich mehr hinzugedichtete Episoden enthalten als solche an "normale" Ereignisse.(...)


richtig: traumatische erinnerungen werden aller wahrscheinlichkeit im gehirn in seperaten neuronalen netzwerken gespeichert, die der bewussten erinnerung nicht oder nur sehr fragmentarisch zugänglich sind. dazu kommt die speicherung im körper bzw. den möglichen betroffenen körperregionen selbst. ich hatte oben schon geschrieben, dass es sehr gut sein kann, dass hier vom gehirn tatsächlich realitätskonstruktionen zur hilfe genommen werden, um derartige biographische "lücken" (die ja genauer betrachtet eigentlich keine sind, weil es hier eher um einen defektbedingt und gleichzeitig schützenden nicht möglichen zugriff auf die authentischen erinnerungen geht) sozusagen zu schliessen. nur: ein schwerer fehler scheint mir wie gesagt darin zu liegen, das als "menschliche normalität" zu postulieren. viel treffender ist es meiner meinung, das als menschliche "normalität" unter traumatischen sozialen bedingungen zu begreifen. und das ist ein ganz entscheidender unterschied.

notiz: presseschau gewaltfolgen

wie üblich zwangsläufig unvollständig, und bei der gelegenheit möchte ich die leserInnen nochmals darauf hinweisen, dass ich mich über hinweise auf weitere texte / informationen zu den blogrelevanten themen auch zukünftig freuen würde (dadurch sind bereits einige beiträge entstanden).

*

zur aufgekommenen "unterschichtendebatte" trägt der neurologe, psychiater und psychoanalytiker hans-joachim maaz im aktuellen freitag eine art essay bei, den ich zwar an vielen stellen zu oberflächlich finde, nichtsdestotrotz aber wegen des aussprechens ein paar ganz elementarer dinge empfehlen möchte:

(...)"Sowohl das Wirtschaftswunder im Westen als auch die sozialistische Idee im Osten waren nach dem Krieg geeignet, demokratische Verhältnisse zu etablieren, ohne dass man sich ernsthaft der möglichen Heilung vorhandener seelischer Schäden bei Millionen Deutschen annehmen musste, die Nationalsozialismus, Krieg und Völkermord erst ermöglicht hatten. Dank der tiefenpsychologischen und neurobiologischen Forschung wissen wir, wie frühe Beziehungsstörungen, die Kinder erleiden, noch im Erwachsenen-Alter zu destruktiven innerseelischen Vorgängen führen, die sich bei sozialer Not, psychischer Angst und geeigneter Verführung als kollektiver Wahn abreagieren können, wenn eine Mehrheit davon betroffen ist.(...)

Man mochte sich in beiden deutschen Staaten anfangs mit Aufbauleistungen der Täuschung hingeben, es sei möglich, aus dieser prekären seelischen Notlage herauszuwachsen. Ein verhängnisvoller Irrtum, der durch die Spaltung Deutschlands zusätzlich befördert wurde. Die Täuschung erlaubte es, die innerseelischen Störungen auf die jeweils andere Seite zu projizieren, um eigene Verletzungen und Entfremdungen nicht wahrnehmen zu müssen."


mit der in den letzten sätzen anklingenden interpretation der folgen der spaltung dieses landes steht er nicht ganz alleine da; auch klaus theweleit hat die mauer notwendige bedingung für gegenseitige projektionen ähnlich interpretiert (mehr zu den beiden nachkriegsdeutschlands wird im traumaschwerpunkt zu lesen sein).

"Wir wissen, ein hohler Sozialismus, dessen Ideale eben nicht innerseelisch verankert werden konnten, ist durch den Verlust an Überzeugung und durch seine Mangelwirtschaft kollabiert. Und wir sehen heute, wie eine global entfesselte Marktwirtschaft das humane, soziale und ökologische Gleichgewicht zerstört. Erneut sind wir alle beteiligt an einer derartigen Fehlentwicklung. Wiederum darf keiner sagen, er hätte nichts gewusst. Wir wissen, dass materielles Wachstum begrenzt ist, wir wissen, wie Profitstreben Arbeitslosigkeit und Armut schafft, und wir wissen, dass unsere Lebensform die natürlichen Ressourcen vernichtet und unser Klima im wörtlichen wie übertragenen Sinne zerstört. Wir haben inzwischen auch erfahren, dass es selbst in einer Demokratie möglich ist, Kriege auf der Grundlage von Lügen zu führen. Es gibt also bereits wieder Mehrheiten, die sich von Suggestionen, Manipulationen und verlogenen Ideologien leiten lassen."(...)

das wort "innerseelisch" finde ich ehrlich gesagt ziemlich unglücklich, da es sofort wieder assoziationen zu (anscheinend) "luftigen" und immateriellen sphären aufruft - und diese art spaltung zwischen psyche/"geist" und körper sollte gerade ein gesellschaftlich doch etwas bewussterer professioneller nicht noch befördern. und auch das "bereits wieder" vor den mehrheiten lässt sich imo ruhig streichen - auch in der pseudostabilität des sog. kalten kriegs waren simulative zustände eher die regel.

ganz tendenziell aber kann ich seiner zustandsbeschreibung grundsätzlich beipflichten, und möchte nur noch einen satz herausheben:

(...)"Und wer durch äußere Gewinne seine inneren Defizite befriedigen will - ganz profan gesagt, sein Liebesdefizit mit Geld begleichen will -, der braucht erkennbare Verlierer."(...)

weitergedacht, lässt sich hier irgendwann der begriff von den notwendigen (für die innere stabilität der täter) opfern im sinne von deMause finden. und die "inneren defizite" lassen sich bestimmt auch präzisieren.

*

wir bleiben eng am thema und finden in der taz vom wochenende gleich einen ganzen schwerpunkt zum bereich tatort familie. daraus möchte ich u.a. erstens ein interview mit einem sozialwissenschaftler zur situation in den zuständigen behörden empfehlen, in der er nochmals auf den anhand des "falls kevin" sich aufdrängenden verdacht einer art von stillschweigender entscheidung über das wohl von kindern nach ökonomischen kriterien kommentiert:

(...)"Es gab wohl Fehleinschätzungen in den Fallkonferenzen. Dazu aber haben sich die Sparvorschläge im gesamten Organisationsklima wohl als Druck ausgewirkt. Die Fachkräfte hatten vermutlich eine Art Zensur im Kopf. Die bewirkte, dass man nicht mehr fragte, was notwendig ist. Stattdessen fragte man, ob man es noch so eben verantworten kann, das Kind nicht in die Obhut einer Einrichtung zu geben.(...)"

zweitens eine art überblick über die situation in diesem land, die u.a. bereits im blog thematisierte punkte aufgreift:

(...)"Wir wissen nicht einmal viel über Kinder. Die umfassende Studie über das, was Drei- bis Zehnjährige über die Welt denken, welche Träume und Wünsche sie haben, wurde eben erst von der Hilfsorganisation World Vision in Auftrag gegeben. Über Misshandlungen und Vernachlässigungen gibt es nur eine Reihe vereinzelter Untersuchungen. Zwei Kinder sterben pro Woche in Deutschland an Misshandlungen, hat die Unicef herausgefunden. Doch was ist mit der großen Zahl an nicht tödlichen oder nicht sichtbaren Misshandlungen? Wie sieht es mit Vernachlässigungen aus? Hier können Experten nur mit Hilfe der Kriminalstatistik schätzen: Etwa ein Prozent der jährlich geborenen Kinder sind von Verwahrlosung bedroht, glauben sie. Das wären in der Altersgruppe der bis zu Zehnjährigen etwa 80.000 Kinder.

Bei der Berliner Polizei vergleicht man das Dunkelfeld verschiedener Straftaten und zieht daraus Rückschlüsse. "Bei Sexualdelikten gegen Kinder liegt das Verhältnis von einem aufgeklärtem Fall zu einem nicht polizeibekannten in einer Spannbreite von eins zu sechs bis eins zu zwanzig", sagt Michael Havemann, Leiter des Dezernats 12, das auch für Kindesmisshandlungen zuständig ist. "Und weil die Hemmschwelle für Vernachlässigung und Misshandlung wohl höher ist als bei sexuellem Missbrauch liegt die Dunkelziffer wahrscheinlich eher am oberen Ende dieses Spektrums." 2005 ermittelte die Berliner Polizei in 314 Fällen wegen Vernachlässigung und in 472 wegen Misshandlung. Diese Zahlen müsste man wohl mit zwanzig multiplizieren um sich eine Vorstellung vom Ausmaß des Leidens von Kindern zu machen.

Die Berliner Polizei ist bundesweit die einzige, die ein eigenes Kommissariat zur Bekämpfung von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung unterhält. Die Beamten wissen genau, wie verharmlosend diese beiden Begriffe eigentlich sind. "Viele stellen sich unter Misshandlungen einfach nur ein paar blaue Flecke vor", sagt Havemann und blättert Bilder aus Ermittlungsakten auf den Tisch: ausgehungerte Säuglinge, dunkle Striemen von Kleiderbügeln, Glutnarben von Zigaretten, Knochenbrüche, Verbrühungen durch heißes Wasser, Flecken, die von heißen Bügeleisen stammen. Und er erzählt von Kindern, die geschüttelt werden, wenn sie zu viel schreien. Dabei reißen leicht die Brückenvenen, die zwischen Gehirn und Hirnhaut verlaufen. An den Blutungen kann ein Kleinkind durchaus sterben. Häufiger jedoch sind Spätfolgen - schwerste Behinderungen beispielsweise. Dann zitiert Havemann Aussagen von Eltern: "Ich habe dieses Kind in die Welt gesetzt, ich kann damit machen, was ich will", sagen sie. Oder: "Mir tat die Hand vom Schlagen so weh, da musste ich einen Bügel nehmen."(...)


"ich kann damit machen, was ich will" - mein eigentum, im sinne eines beliebigen dings. nicht oft genug kann wiederholt werden, dass es sich bei solchen äußerungen aller wahrscheinlichkeit nach um eine art symptom des objektivistischen wahrnehmungsmodus in einer krankheitswertigen monopolposition handelt - auch die täterInnen nehmen sich letztlich selbst, v.a. ihren körper, als ding wahr - und sitzen als virtuelles und immaterielles "ich" irgendwo "in" ihrem kopf, paranoid und kontrollierend. aber das ist weder ein muss noch gar die angeblich natürliche und einzige variante der menschlichen existenz (auf dieser behauptung gründet sich in letzter konsequenz, nebenbei gesagt, auch der kapitalismus als ideologie).

zur frage, welche gesellschaftlichen schichten (bzw. klassen) eigentlich vorwiegend betroffen sind, gibt es, wie eigentlich nicht anders zu erwarten, streit:

(...)"Die meisten Fälle, sind sich fast alle Experten einig, geschehen in armen Familien. "Vernachlässigung und Misshandlung sind fast ausschließlich ein Phänomen der Unterschicht", sagen unisono der Kriminologe Christian Pfeiffer und der Soziologe Klaus Hurrelmann (siehe Interview). LKA-Chef Havemann hat da andere Erfahrungen. Bei Misshandlungen, sagt er, stammen die Täter aus einem "breiten gesellschaftlichen Spektrum". Der Unterschied sei nur: Grausamkeiten gegen Kinder in Mittel- und Oberschicht äußere sich weniger häufig in körperlicher Gewalt: "Wenn eine Mutter den Hamster der Tochter im Klo runterspült, dann ist das eine seelische Misshandlung, aber dem Kind sieht man nichts an." Auch was Migrantenfamilien betrifft, sprechen die Zahlen der Berliner Polizei eine andere Sprache als die der Forscher. Die meinen, dass dort die Eltern öfter zuschlagen, die Beamten stellen bisher "keine diesbezüglichen Auffälligkeiten" fest. Den logisch scheinenden Befund, dass Drogensucht der Eltern ein erhöhtes Misshandlungsrisiko für Kinder sei, stellt eine noch nicht veröffentlichte Studie aus Leipzig ebenfalls in Frage. "Es besteht noch viel Forschungsbedarf", sagt Heinz Hilger, Präsident des Kinderschutzbundes. Er wehrt sich aber dagegen, eine "Ablenkungsdebatte" über Wohlstandsvernachlässigung zu führen. "Zu 90 Prozent sind Misshandlung und Vernachlässigung ein Problem armer Familien." Wo es Armut gebe, sei nun einmal weniger zu verteilen. Zudem hätten Eltern kaum Möglichkeiten, sich von der Kindererziehung zu entlasten, weil der Babysitter oder ein Kindermädchen zu teuer sind."(...)

ich sage dazu: vor allem die methoden der objektivistischen gewalt sind je nach klasse verschieden - die bürgerlichen mittel- und oberschichten sind sozusagen durch ihre konstruierten selbstbilder in ihrer virtualisierung (verachtung des körpers) weiter fortgeschritten, werden dazu eher durch bestimmte "moralische" (und ebenso konstruierte) gerüste von offener gewalt abgehalten - und greifen dann lieber zu primär "psychisch" erscheinenden formen (die sich aber natürlich letztlich ebenso materiell niederschlagen - bspw. in der neurophysiologie des gehirns - wie die "ganz banale" prügel).

ein streitgespräch greift als letztes einige widersprüche wieder auf, die ich selbst hier schon geäussert habe. ich kann nach wie vor verschiedene argumente nachvollziehen:

(...)"Auch überdauert bei uns das Denken, ein Kind allein als Privatsache zu betrachten. In unseren Köpfen dauert dieses Denken fort: dass Mutterliebe quasi ein Automatismus ist. Dass der Staat sich nicht einmischen sollte. Wir aber müssen deutlich machen: Ein Kind zu erziehen ist keine Privatsache."(...)

finde ich prinzipiell richtig (auch, wenn ich nicht gerade den staat als babysitter sehen möchte).

(...)"Man sollte so etwas nicht mit Androhungen von Strafen verbinden. Mutterliebe lässt sich nicht erzwingen. Im Gegenteil laufen wir dann Gefahr, dass die Eltern sich bevormundet fühlen und sich gegen jede Hilfe sperren."(...)

dito (wobei der aspekt der totalitären tendenzen in jeder art staatlicher kontrolle noch nicht mal angesprochen wurde).

solange die mitglieder dieser gesellschaft hier überwiegend meinen, ohne staat nicht auskommen zu können, wird im interesse der betroffenen kinder vermutlich nichts anderes übrigbleiben, als einen gewissen raum für staatliche sanktionen zuzugestehen - auch wenn mich diese (hoffentlich) übergangslösung keinesfalls zufrieden stimmt.

*

es ist ja doch der gleiche staat, der seinen eigenen untertanen (die frage, wieweit dieses untertanendasein gerade bei soldaten eigentlich tatsächlich selbstgewählt ist, sollte beim folgenden immer im hinterkopf bleiben) solches zumutet:

(...)"Wie leben Sie heute mit der PTBS?

Ich würde eher sagen, ich überlebe. Ich schlafe nur mit Tabletten ein und wache nur mit Tabletten wieder auf. Nachts fange ich an zu zittern. Damit ich das Pfeifen im Ohr nicht höre, lasse ich nachts das Radio an. Meine Freundin hat sich schon daran gewähnt. Wenn ich mit ihr oder meiner Tochter zusammen bin, komme ich zur Ruhe. Tagsüber habe ich Flashbacks, bei denen die Bilder wieder auftauchen. Vom Kameraden ohne Kopf, von den Fliegen. Den Blutgeruch habe ich immer in der Nase. Ich hab mir schon Tigerbalsam unter die Nase gerieben. Aber das hilft nicht. 2004 wurde ein Gehirntumor festgestellt. Der wurde schon ein paarmal entfernt, aber er kam immer wieder. Weil ich als Reservist nur eine kleine Rente bekomme, stehe ich vor dem finanziellen Ruin. Ich wurde beim Einsatz dienstunfähig, also kämpfe ich darum, wie ein aktiver Feldwebel bezahlt zu werden. Im November muss ich wieder nach Hamburg ins Bundeswehrkrankenhaus. Ich soll mal wieder untersucht werden, ob ich wirklich PTBS habe. Ich werde von einer Dienststelle an die nächste weitergereicht."(...)


und zum genannten hamburger bundeswehrkrankenhaus findet sich hier einiges interessante:

(...)"Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ist das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg zu einem düsteren Nebenkriegsschauplatz der Auseinandersetzungen in Afghanistan, Bosnien und Kosovo geworden: In der Abteilung VI für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie wurde und wird ein Großteil jener (offiziell) rund 1550 deutschen Soldaten behandelt, die als Folge ihrer Erlebnisse und Erfahrungen an schweren psychischen Störungen, vor allem an der selbstzerstörerischen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden."(...)

es stellen sich gerade hier so einige fragen - wie kriege auch noch sozusagen indirekt in das soziale gefüge kriegführender gesellschaften eingreifen (und dabei wiederum in großen dimensionen geschädigte, aber gleichzeitig womöglich auch machtkompatible menschen hervorbringen), ist dabei längst keine frage mehr:

(...)"Patienten berichten, dass sie ihre Kinder bei Hausaufgabenhilfe geschlagen haben, was sie früher nie getan hätten", sagte Oberstarzt Dr. Karl-Heinz Biesold, Leitender Arzt der Abteilung VI, der auf dem Balkan und in Afghanistan im Einsatz war. "In akuten Fällen sind die Männer nicht aggressiv, sondern gefühlsmäßig taub. Sie spüren keine Gefühlsregung, weder Freude noch Trauer."(...)

einige fragen, die sich besonders die behandelnden ärzte, psychiater, psychologen/therapeuten stellen lassen müssen, entstehen zwangsläufig bei ansicht des folgenden:

(...)"In Hamburg hat es Dr. Biesold mit Opfern wie David Hallbauer zu tun, der am 13. Juni 1999 in Prizren die ersten tödlichen Schüsse eines Bundeswehrsoldaten abgefeuert hatte, als zwei Serben in einem gelben Lada feuernd auf ihn zurasten. Der 22-Jährige hatte, wie befohlen, erst Einzel-, dann Dauerfeuer abgegeben. Am Ende waren die von 27 Kugeln getroffenen Serben tot. Hallbauer hatte die Bedrohung der zivilen Marktplatzbesucher abgewendet, den ersten Schusswechsel seines Lebens aber konnte er nicht verkraften. Er ist seit drei Jahren in der Hamburger Militärpsychiatrie in Behandlung, seine Bewerbung als Berufssoldat wurde abgelehnt, sein Leben ist ruiniert."(...)

erstens: wer hat eigentlich überhaupt im "politischen" sinne die situation auf dem balkan zu verantworten? serbien als alleine verantwortlich zu begreifen, ist eine bequeme reduktion gerade der deutschen rolle bei der auflösung jugoslawiens. ich frage mich, ob sich die verantwortlichen mediziner auch selbst fragen, was eigentlich die institution, für die sie tätig sind, im ausland zu suchen hat? zweitens: kriege als extemste formen menschlicher gewalt in massendimensionen haben - und das ist seit jahrzehnten auch wissenschaftlich bekannt - nun mal entsprechend extreme folgen, die aber - und das ist wichtig! - keinesfalls immer zb. in form einer ptbs auftreten müssen. der oben beschriebene soldat zeigt imo doch eine durchaus menschliche reaktion: beschossen zu werden und selbst zu töten (auch in notwehr) ist letztlich für keinen menschen leicht "wegzustecken" - ausser für solche, die bereits in ihrer selbst- und fremdwahrnehmung geschädigt sind (die werden womöglich dann als "robuste naturen" noch als vorbilder hingestellt). es ist nicht sehr weit hergeholt zu spekulieren, dass gerade in einem militärkrankenhaus das kriterium der "funktionsfähigkeit" noch um das attribut "dienstfähig" als zeichen einer erfolgreichen behandlung erweitert sein dürfte. aber hat die fähigkeit, innerhalb einer gewaltproduzierenden institution wie einer armee funktionieren zu können, wirklich etwas mit "heilsein" in einem menschlichen sinne zu tun? meine antwort darauf können Sie sich vermutlich vorstellen.

fragen muss sich aber auch der autor des artikels stellen lassen:

(...)"Gebraucht werden jetzt mehr Psychologen für die Früherkennung am Einsatzort, damit man die Nachsorge nicht als Rückzugsgefechte betreiben muss. Wenn nicht, wird die Bundeswehr den "Krieg der Seelen" verlieren."(...)

wer medizinische tätigkeiten als "rückzugsgefecht" bezeichnet und dazu einen "krieg der seelen" postuliert (bei dem so ganz nebenbei das harte aushalten von grausamkeiten und gewalt implizit als "erstrebenswert" - weil nötig zum "gewinnen" - enthalten ist), schrammt bereits ganz nah an der wertung "schreibtischtäter" herum.

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