Samstag, 30. Dezember 2006

notiz: innen(an)sichten...

...aus einem "großen deutschen nachrichtenmagazin":

(...)"Ehrlich gesagt", sagt Aust, "das ist so ein bisschen wie früher der Satz ,Geh doch nach drüben'. Neoliberal? Ich weiß gar nicht, was das eigentlich heißt. Realistisch zu sein, zwei und zwei zusammenzählen zu können? Was ist daran neoliberal?" Simpel gesagt: Wenn man den Schwachen ordentlich Druck macht und den Mächtigen devot den Bauch krault." (...)

treffender als im letzten satz wurde selten beschrieben, was heute so unter "realismus" firmiert - eine mörderische mischung aus objektivismus und opportunismus.

Mittwoch, 27. Dezember 2006

notiz: jahresendlesestoff

tja, da bin ich dann doch schneller wieder hier, als ich dachte - aber aus guten gründen, wie ich finde. es gibt ein paar mediale produktionen, die durchaus erwähnenswert sind - weil sie zum nachdenken anregen.

*

passend zum jahresende gibt es unter dem titel Ein Jahr voller Schandtaten einen taz-kommentar, der alleine deshalb auffällig ist, weil er der allgegenwärtigen tendenz zur zynischen schönfärberei und gleichgültigen verdrängung deutlich entgegenläuft - deshalb hier (fast) in voller länge, mit einigen anmerkungen:

(...) 1. Im Dezember publizierten die Vereinten Nationen einen Bericht, laut dem 2 Prozent der Menschen vermögender sind als die Hälfte der Menschheit!

Das Missverhältnis ist zwar keineswegs neu, aber die Tendenz geht rasant in Richtung größerer Ungleichheit. Im globalen Maßstab wie auch in Deutschland. Man muss kein Ökonom sein, um zu erkennen, dass etwas Gravierendes nicht stimmt, wenn "Gürtel enger schnallen" bewirkt, dass punktuell das Fett überquillt."


was bedeutet die aussage im ersten satz konkret?

zunächst einmal haben die ominösen "zwei prozent" durchaus gesichter, namen und adresse: die absolute spitze dieser absoluten minderheit dürfte sich zu einem großen teil im sog. forbes-ranking wiederfinden, jener alljährlichen liste der vierhundert reichsten us-amerikaner:

"Auf der Forbes-Liste der 400 reichsten US-Bürger haben sich in diesem Jahr erstmals nur Dollar-Milliardäre platziert – zusammen besitzen sie 1,25 Billionen." (...)

(und das ausgerechnet ein asperger-autist dieses ranking anführt, darf und sollte vielleicht als mehr denn eine ironische fußnote betrachtet werden.)

für deutschland ist ein derartiges ranking aufgrund der notorischen öffentlichkeitsscheu der hiesigen geldelite schwerer zu erstellen - nichtsdestotrotz ist auch hier einiges bekannt.

diese klüngel und clans haben also zusammen und teils auch einzeln jeweils ein vermögen zur verfügung, dessen dimensionen die verfügbaren haushaltsmittel sehr vieler staaten (die sich übrigens in fast allen fällen bereitwillig für die durchsetzung der interessen der elitären minderheit selbst mittels offener gewalt zur verfügung stellen) locker in den schatten stellt - und ein vermögen, welches sich quasi minütlich in noch in unbekannten größen vermehrt - zu welchen und auf wessen kosten?

"So lebt fast die Hälfte der sechs Milliarden Menschen auf der Erde von weniger als 2 $ pro Tag und 1, 2 Milliarden von weniger als 1 $ pro Tag.

Dazu hat sich der Abstand zwischen den reichsten 20 % der Weltbevölkerung und den ärmsten 20 % in den vergangenen 40 Jahren verdoppelt. Das Vermögen der drei reichsten Milliardäre der Welt übertrifft das Bruttonationalprodukt der 48 ärmsten Entwicklungsländer und deren 600 Millionen Einwohner."


um es ganz konkret zu machen: von dieser extremen schere buchstäblich enthauptet werden erstens kinder, hier bevorzugt mädchen; zweitens frauen. für die - jeweils meist auf schätzungen beruhenden und vermutlich die gesamte jämmerliche realität nicht insgesamt abbildenden - statistischen zahlen recherchieren Sie zb. bei unicef. für deutschland schauen Sie auf den link zur kinderarmut in der liste rechts

die als "indirekte" bezeichneten folgen müssen nach "entwickelten" und unentwickelten regionen aufgeteilt werden und sind kaum zu in ihrer gesamtheit und verwobenheit zu beschreiben - armut lässt sich plausibel in zusammenhang bringen mit:

psychosozialer verelendung, innerfamiliärer gewalt, drogenabusus, armutsinduzierter kriminalität (und folgender drehung der staatlichen repressionsschraube, was dann auch ein ausuferndes knastsystem nach sich zieht, über dessen zustände in diesem land hier in den letzten tagen einiges zu lesen war ), umweltzerstörung, bildung von banden- und mafiastrukturen (die, so wie es ausschaut, von den "eliten" funktionalisiert und genutzt werden - antisoziale mitglieder der unterklassen werden als "rekruten" instrumentalisiert), gesteigertes risiko von (bürger-)kriegen (incl. florierender rüstungsindustrie), fluchtbewegungen planetaren ausmaßes (die tausenden toten zb. an den eu-außengrenzen im süden gehören ebenfalls zu den armutsfolgen), verstärkte und grausamer werdende konkurrenzverhältnisse bei armutsbedrohung (in unseren breiten ist zb. mobbing ein symptom dieser entwicklung) usw. usw.

und nein, man muß wirklich kein ökonom sein (das scheint sogar bei der realitätswahrnehmung eher ein hindernis darzustellen), um solche zustände nicht nur zum schreien, sondern als krieg zu empfinden.

2. Am 30. Oktober veröffentlichte der ehemalige Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern einen Bericht über die globale Erwärmung, der nicht nur, wie alle Untersuchungen und Projektionen zu diesem Thema davor, geradezu apokalyptisch klingt, sondern auch einer breiteren Öffentlichkeit auseinandersetzt, dass Umweltschutz langfristig erheblich wirtschaftlicher ist als Umweltverschmutzung.

Wenn wir national und international handeln, können wir die Konzentration der Treibhausgaskonzentration auf unter 550 ppm (parts per million) halten, womit die schlimmsten Folgen vermieden wären. Zum ersten Mal hat ein Ökonom aus dem Establishment die Kosten für unser Überleben beziffert: 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Da die Militärausgaben diese Summe bei weitem übersteigen, gibt die Menschheit weit mehr für Zerstörung als für Erhaltung aus. Und das nennt sich Realpolitik!


eine ganz gute zusammenfassung der zunehmenden wetteranomalien ist aktuell hier zu lesen. (und das sich die sog. "realpolitik" - ein inzwischen krampfauslösendes unwort - seltsamerweise meistens auf zerstörerische wirkungen aller art konzentriert, ist etwas, was sich u.a. mit etwas wissen um die dynamiken und folgen traumatischer sozialer prozesse begreifen lässt. denn fakt ist dabei auch: wir alle - mit ein paar ganz wenigen ausnahmen - dulden dieses treiben mindestens. und die motivationen dafür sind dringend zu verstehen).

3. 2006 hat gezeigt, wie fragil und beschädigbar unsere westliche Demokratie ist. Früher hätten wir das, was wir gegenwärtig erfahren, "Gegenrevolution" genannt. Auf allen Ebenen werden Errungenschaften eingeschränkt oder abgeschafft, auf die wir stolz sein konnten.

In Großbritannien, dem Mutterland der modernen Demokratie, sollte das juristische Rückgrat der Menschenrechte, das Habeas-Corpus-Recht, abgeschafft werden, und es blieb ironischerweise dem einst konservativen Oberhaus überlassen, den schändlichen Gesetzesentwurf abzuschwächen. In den Vereinigten Staaten unterschrieb Präsident Bush am 17. Oktober ein Gesetz, das Folter und Entführung legalisiert, und widerrief somit einen zentralen Teil der "Bill of Rights" und natürlich auch das Habeas-Corpus-Recht.

Das Gesetz gewährt der Exekutive das außergewöhnlich weitreichende Recht, jeden Menschen auf der Welt als "ungesetzlichen feindlichen Kämpfer" zu bezeichnen und ihn somit zu entrechten. Die CIA darf jeden von uns entführen, in "geheime Gefängnisse" überstellen und foltern. Die derart geernteten "Beweise" sind vor "militärischen Gerichtskommissionen" zugelassen.

Wie das funktioniert (damals allerdings noch "illegal"), haben mehrere deutsche Staatsbürger schmerzhaft erfahren müssen, ohne - auch das gehört zu den Schandtaten dieses Jahres - ausreichend von der eigenen Regierung geschützt worden zu sein. Die Macht der Gesetzlosigkeit, bekannt aus Absolutismus und Faschismus, macht sich breit. Freiheit und Gerechtigkeit sind in ein Koma gefallen, aus dem sie nur eine weitreichende Therapie wieder zum Leben erwecken kann.


suchen Sie einfach mal mit den keywords "folter" und "knast" hier im blog - und Sie werden das obige illustrieren können.

4. Irak ist offensichtlich eine Katastrophe - obwohl wir uns kein profundes Bild davon machen können, denn westliche Journalisten können kaum mehr aus der Grünen Zone in der Hauptstadt Bagdad heraus. Vielleicht schafft in dieser Hinsicht der englischsprachige Nachrichtensender von al-Jazeera ein wenig Abhilfe. Doch für wen?
Mehr als eine halbe Million Iraker sind an den Folgen der Invasion gestorben, lauter unglückliche Opfer im Kampf für die Demokratie. Für manch andere aber ist Irak eine Bonanza sondergleichen. Für Firmen wie Halliburton und Bechtel, die gewaltige Aufträge abgesahnt haben, die höchst virtuell abgerechnet wurden.

Und auch für all jene, denen es gelungen ist, sich an der systematischen Ausplünderung des Iraks zu beteiligen. Laut Schätzungen sind etwa 20 Milliarden Dollar "verschwunden". Egal, wann die Amerikaner und ihre Verbündeten das Land wieder freigeben: Ein substanzieller Teil des irakischen Reichtums hat seine "exit strategy" schon gefunden.


zwei weitere aspekte (nicht nur) zum "kampf gegen den islamistischen terror:" eins und zwei.

5. Die angesehene britische Journalistin Isabel Hilton, Redakteurin von opendemocracy.com , eines der weltweit besten politischen Infosites, antwortete neulich auf die Frage nach dem typischen Charakteristikum unserer Epoche mit der "Lüge".

Tatsächlich ist auffällig, wie unverhohlen die führenden Staatsmänner der Welt (Wladimir Putin, George W. Bush und Tony Blair mögen als Hauptakteure ausreichen) samt ihrer gesamten Equipage lügen und Lügen gestraft werden, und trotzdem keine Konsequenzen ziehen und nicht gezwungen werden, Konsequenzen zu ziehen. Paraphrasiert gesagt: Es gab schlimmere Zeiten, selten aber heuchlerische.


simulationen im sozialen leben - zu denen die lüge "an sich" deutlich gehört - sind ja ein thematischer evergreen in diesem blog. zur untermalung des obigen empfehle ich nochmals dieses hier. übrigens bezweifle ich, dass die oben genannten ihre lügen auch als lügen empfinden.

selten genug, dass ich etwas in unseren zeitungen bedingungslos unterschreiben würde - jetzt folgt ein solch rarer moment:

(...) Wenn wir also in diesen Tagen zum Nachdenken finden und zum Erhoffen ins Neue Jahr hinein, dann wäre es schön, wenn wir nicht aufhörten, uns eine bessere Welt vorzustellen, gerade in Zeiten, in denen ein zynisches Achselzucken als profundes Weltverständnis verkleidet wird. Eine Welt ohne Ausgrenzung von Anderen, ohne Waffenproduktion, ohne imperiales Gangstertum, ohne die Diktatur des Internationalen Währungsfonds und ohne eine Wirtschaftsweise, die die Mehrheit der Menschen zu einer unwürdigen Existenz verdammt, während sie unser aller Zukunft raubt.

Es wäre schön, wenn wir träumen könnten, gegen die verächtlichenden Rufe der Pragmatiker, die Missstände allein kraft ihrer Existenz beglaubigen, während sie den Visionen jegliche Vernunft absprechen. Auch wenn 2006 ein Jahr der Rückschritte war, wir leben in interessanten Zeiten, und das heißt auch, dass wir an Kreuzungen stehen. Und dass es von uns allen abhängt, in welche Richtung es weitergehen wird.


vielleicht geben Sie der obligatorischen silvesterfeier ja auch einen ganz neuen drive, wenn Sie als einstieg einfach den obigen kommentar laut in der runde verlesen?

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auf der gleichen seite der taz, von der der gerade vorgestellte kommentar stammt, findet sich auch eine rubrik zur pressedokumentation, deren heutiger inhalt unfreiwillig (?) weitere aufschlüsse über die desolate verfassung der westlichen gesellschaften bietet:

(...) "SPD-Chef Kurt Beck fühlte sich vom struppigen Frank provoziert und forderte ihn zum Haareschneiden heraus. Das war ein Appell an das Arbeitsethos, das zu den Grundlagen westlicher Gesellschaftsordnung gehört: spontan, humorvoll und angebracht."

das "arbeitsethos", welches hier von einem der führenden kapitalistischen propagandablättchen beschworen wird, lässt sich erstens in seiner konzentriertesten form in drei berühmt-berüchtigten worten fassen: arbeit macht frei. und wer zweitens das verächtliche und ressentimentgeladene geschwätz des k. beck als "humorvoll" bezeichnet, dürfte sich mitsamt seinem humor in dieser gesellschaft ganz wohlfühlen.

folgenden unsinn aus der "washington post" möchte ich hingegen inhaltlich nicht weiter kommentieren:

"In den meisten reichen Ländern der Welt hat die Ungleichheit im vergangenen Vierteljahrhundert zugenommen. Sicher ist es nicht möglich, sie vollständig zu beseitigen, dies wäre auch gar nicht wünschenswert: Ungleiche Entlohnung motiviert Menschen."(...)

aber schauen Sie doch noch mal in das weiter oben verlinkte "forbes-ranking" - an zweiter stelle steht dort erneut

"...Investor und Chef von Berkshire Hathaway, Warren Buffett, mit 46 Milliarden Dollar. Berkshire Hathaway hält unter anderem Anteile an Coca-Cola, Gillette und der Tageszeitung „Washington Post“.

manchmal ist die realität tatsächlich nur eins: unsäglich platt.

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so, und da es ja hier schon ausgiebig um das treiben der sog. "eliten" ging, folgt jetzt zum abschluß ein langer und interessanter ausflug an den starnberger see, für den Sie sich ruhig die zeit nehmen sollten (das war jetzt übrigens ein musterexemplar eines durchaus ungewollten wortspiels).

nur eine kleine textprobe, die zudem auch etliches über menschliche widersprüchlichkeiten und abgründe deutlich macht:

(...) »Ich sage Ihnen was über Starnberg. Wollen Sie eine ehrliche Antwort?« Bitte. »Eine Bombe sollte man da reinwerfen, eine Bombe.« Rudolf Zirngibl ist in Starnberg aufgewachsen, im Kreisrat sitzt er für die CSU, seit 22 Jahren ist er Unternehmer, und er behauptet von sich, dass er in Abgründe gucken könne. »Es ist so widerlich.« Am Ende stünden die Reichen vor ihm und sagten: »Für meine Frau die billigste Kiste. In aller Stille, schnell weg.« (...)

ja. es ist so widerlich.

Montag, 25. Dezember 2006

notiz: lieblose realität vs. "fest der liebe" 4:0 (spiel läuft noch)

unfestliches eins: aus den augen, aus dem sinn - oder was eine justizsenatorin unter "problemlösung" versteht:

(...) "Die neue Justizsenatorin Gisela von der Aue will die Öffentlichkeit nicht mehr über Selbsttötungen in den Gefängnissen unterrichten. Nach Informationen des Tagesspiegels hat von der Aue angewiesen, Selbstmorde nicht mehr zu melden. Die Entscheidung sei in der letzten Woche gefallen, nachdem sich in Moabit erneut ein Untersuchungshäftling das Leben genommen hat. Dass der 37 Jahre alte Siam B. sich mit seinem Bettlaken erhängte, sollte die Öffentlichkeit nicht mehr erfahren. Es war die zehnte Selbsttötung in diesem Jahr – so viele hat es seit 1987 nicht mehr in Berlin gegeben." (...)

natürlich nur aus einem hehren motiv heraus:

(...) "Die Sprecherin der Senatorin, Juliane Baer-Henney, begründete die Anweisung so: Die Persönlichkeitsrechte eines Gefangenen und seiner Familie seien höher zu bewerten als das Interesse der Öffentlichkeit. Dem widersprach Andreas Gram, der Vorsitzende des Rechtsausschusses, gestern vehement. „Das Informationsbedürfnis des Parlamentes ist höher zu bewerten“, urteilte Gram. „So soll wohl verhindert werden rauszufinden, was in den Gefängnissen los ist“, kritisierte der CDU-Politiker – also zum Beispiel Drangsalierungen durch andere Gefangene oder schlechte Haftbedingungen."

"wenn wir schon todesfälle nicht verhindern können (bzw. wollen), so schützen wir dann doch wenigstens das persönlichkeitsrecht" - ich fürchte, die vertreterInnen der sog. politischen klasse meinen ihren zynismus völlig ehrlich. und sollte uns ein hauch von wahrheit aus cdu-mund selbst dann tröstlich stimmen, wenn er erkennbar aus sog. parteipolitischen überlegungen heraus motiviert ist?

dazu auch ein lesenswerter kommentar.

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unfestliches zwei aus mexico: mörderische gewalt gegen frauen ist zwar nicht nur dort eine realität, hat aber in einigen regionen unglaubliche ausmaße erreicht:

(...) Jede Woche verschwindet in Ciudad Juárez mindestens eine Frau, und es wird nie wieder etwas von ihr gehört, es sei denn, ihre Entführer entscheiden sich dafür, ihren leblosen und offensichtlich brutal gefolterten und ermordeten, wüst vergewaltigten und manchmal verstümmelten, manchmal verbrannten Körper verschwinden zu lassen. Weder die Verzweiflung und Angst der Familien, mit der Unsicherheit leben zu müssen, ob ihre Töchter, die das Haus verlassen, auch zurückkehren werden, noch die fast 300 Morde und über 600 Vermissten lösen die Bereitwilligkeit aus, diese Taten unter Kontrolle zu bekommen. (...)

Die mexikanische Journalistin und Feministin Mariana Berlanga treibt derzeit eine Untersuchung über die Frauenemorde in Ciudad Juárez und deren Verbindung mit den Institutionen und den Produnktionsgepflogenheiten der Maquilas ( Billiglohnfabriken ) der Region voran. Sie ist Aktivistin im Bereich der Aufklärung der Morde und im Kampf gegen die Straflosigkeit in Juárez, insbesondere was die Gewaltakte die dort gegen/an Frauen verübt werden anbetrifft.(...)

Marina: In México, wie in anderen verschiedenen Ländern Lateinamerikas und der Welt, war die Gewalt gegen Frauen, einschliesslich der Morde, immer charakteristisch. Aber seit 13 Jahren überrascht uns eine neue Form dieser Gewalt, nämlich dass Frauen nicht nur einfach aus irgendeinem Grund ermordet werden, sondern dass es ein gemeinsames Muster gibt. Das heisst, es werden immer wieder an öffentlichen Orten die Körper toter Frauen aufgefunden, die Zeichen von Folter, sexueller Gewalt und Verstümmelungen aufweisen. Diese Art von Fällen überrascht uns seit 13 Jahren, obwohl die Gewalt gegen Frauen schon vorher strukturiert und systematisch gewesen ist. Vor 13 Jahren ist damit begonnen worde, die Fälle zu zählen und publik zu machen, was keine Rechtfertigung dafür ist, dass seit 13 Jahren solche Dinge geschehen.

Es werden Frauen getötet, die sehr spezifische Kennzeichen besitzen und nicht irgendwelche, jedenfalls nicht in dieser Weise. Die Ermordeten sind immer von brauner Hautfarbe, haben indigene Züge und sind zierlich. Bis vor Kurzem handelte es sich noch um jungendliche Frauen; inzwischen müssen wir sagen, dass Kinder davon betroffen sind, Mädchen im Alter von sechs, fünf bis zu drei Jahren! (...)


lesen Sie´s!

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unfestliches drei: gibt es eigentlich auch nur einen nachvollziehbaren grund dafür, warum dieser gesellschaft all der selbstproduzierte wahnsinn nicht auch an einem 24. dezember auf die füße fallen sollte? eben:

(...) "Die Großeltern hatten der Polizei einen Hinweis gegeben. Die Beamten fanden den Jungen tot in der Wohnung seiner Eltern. Die 29-jährige Mutter, eine arbeitlose Verkäuferin, sei wegen des Verdachts auf Totschlag festgenommen worden, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Eine Obduktion ergab Anzeichen für einen gewaltsamen Tod des Jungen.

Über die genauen Todesumstände teilte die Staatsanwaltschaft zunächst nichts mit. Die Ermittlungen ergaben bisher, dass sich die Eltern des Kindes an Heiligabend gestritten hatten. In seiner Wut habe der 30-jährige Vater die Wohnung verlassen und sei zu seinen Eltern gegangen. Danach sei zunächst der Vater in die Wohnung zurückgekehrt, später auch dessen Eltern. Diese hätten dann um Mitternacht die Polizei darüber informiert, dass ihr Enkelkind tot sei." (...)


ist Ihnen - neben der trostlosen wiederholung, mit der solche meldungen fast im wochentakt auftauchen - auch das attribut arbeitslos bei der bezeichnung der wahrscheinlichen täterin aufgefallen? genau so werden ressentiments produziert.

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unfestliches vier: falls Sie wiedereinmal bei Ihren geschenken innerlich aufgestöhnt haben und die frage eines umtauschs auf dem tisch liegt - nun, hier gibt´s einen buchtipp:

(...) Brigitte Schwaiger, "Fallen lassen", Czernin Verlag 2006, ISBN 9783707600827

(...) "Schizophrenie, Depression, Borderline-Syndrom - die zyklisch wechselnden Diagnosen der Ärzte sind ein Spiegelbild der prinzipiellen Unkommunizierbarkeit ihrer Leidenszustände und gleichzeitig der gesellschaftlichen Unsicherheit im Umgang mit seelisch Erkrankten. Darüber lässt sich trefflich entspannt räsonieren, doch hier ist das Opfer eine allem Ungemach zum Trotze disziplinierte Schriftstellerin, die uns voll Zorn mit den ihr verbliebenen schriftstellerischen Mitteln - und dazu zählt die Gabe der klaren, präzisen Beobachtung - erzählt, wie man als Betroffene lebt.

Ihr bewusst schlicht gehaltener Bericht gibt uns keine Darstellung eines gigantischen Fantasmas, wie die legendären "Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken" des Senatsrates Schreber, der Freud zu seiner Theorie der Paranoia angeregt hat; er ist auch kein Versuch, den eigenen Wahn, der zur Tötung der Gattin geführt hat, intellektuell zu meistern, wie ihn der französische Philosoph Althusser unternommen hat. Brigitte Schwaiger hat ein unprätentiöses, aber unter die Haut gehendes Protokoll des Lebens in drei Höllen verfasst - ihrer inneren Hölle, der des sozialen Umfelds und schließlich der der institutionellen Verwaltung von so genannten Geisteskrankheiten in Wien.

Wie lebt man mit einer Antriebslosigkeit, die einen in die Verwahrlosung treibt, wie lebt man mit Panikattacken, die einen zu Hause festhalten? Wie meistert man den Spagat, dass man einerseits "Beziehungen aufrechterhalten" soll und sich gleichzeitig seinen Mitmenschen nicht mehr verständlich machen kann, zur Körperpflege außerstande ist und am Ende nur mehr "nervt", so dass die Besucher ausbleiben? Und schließlich: Wie lebt man in jener absoluten Hölle, in der diese Krankheiten verwaltet werden, im psychiatrischen Krankenhaus der Gemeinde Wien auf der Baumgartner Höhe? Der Name Steinhof ist verpönt, man soll jetzt Otto-Wagner-Spital sagen." (...)


ob das wirklich nur als "öffentliche schande" begriffen werden soll? schließlich ist hier, ebenso wie in den weiter oben beschriebenen beispielen, zum wiederholten mal die logik der verdinglichung zu besichtigen - und in dieser logik geht es hier auch noch um weitgehend nutzlose dinge:

(...) "Da leben Männer und Frauen, Depressive und Aggressive, Schizophrene, Paranoiker und Heroinsüchtige auf engem Raum, junge und alte, Angehörige verschiedener Nationalitäten in einer Situation, die immer wieder - so Schwaiger - "Missverständnisse und Streit, sogar Androhung von Gewalt und Gewalttätigkeit" produziert.

Die Vorstellung, dass sich eine Insassin des Steinhofs damit tröstet, dass Juden in Konzentrationslagern mehr hätten leiden müssen ist unerträglich - jener Steinhof, den Brigitte Schwaiger schildert, ist eine öffentliche Schande." (...)


- sprach die empörte bürgerlichkeit (und wandte sich dann wahrscheinlich wieder ihren ach so wichtigen geschäften zu). wie wäre es denn, mal die floskel "unerträglich" als wahrnehmung real zuzulassen? das könnte dann nämlich tatsächlich veränderungspotenziale freisetzen.

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wir lesen uns hier vermutlich spätestens in der ersten januarwoche wieder - dann wird´s auch mit der traumareihe losgehen. und ich wünsche allen leserInnen, das Sie die tage, welche den schönen ausdruck "zwischen den jahren" tragen, wirklich einmal zur besinnung nutzen können.

Freitag, 15. Dezember 2006

notiz: blüten des wahns - medienumschau neue folge

wie in der überschrift schon angedeutet - eine sammlung neuer variationen des immergleichen.

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in zeiten, in denen sich hochschulen / universitäten überwiegend als produzenten von geeignetem menschenmaterial für den blutdurstigen götzen namens "wirtschaft" verstehen, ist bei dieser produktion ausschuß aufgrund diverser materialfehler kaum zu vermeiden - ach, Sie stören sich an meiner verdinglichenden ausdrucksweise? aber aber, betrachten Sie sich den folgenden ratschlag sog. experten für dieses letztlich das geschäft störende potenzial und vor allem: denken Sie ihn bis zum konsequenten ende.

(...)"Die beiden Experten hören ihnen zu und raten dann: "Lügen Sie, was das Zeug hält. Tunen Sie Ihren Lebenslauf."(...)

wie gesagt: denken Sie das konsequent zu ende - denken Sie bspw. einmal an die Ihnen vielleicht bekannten praktiken, fehlerhafte produkte (ich meine gerade tatsächliche dinge) "aufzuhübschen" um derart dann doch noch einen erbärmlichen profit herausschlagen zu können. versuchen Sie, (sich) das darin offenbarende welt- und menschenbild zu beschreiben. und machen Sie sich auch noch einmal klar, das gerade bei den sog. psychischen (psychophysischen) krankheiten - zu denen die beziehungskrankheiten gehören - ein ganz wesentlicher teil und auslöser darin besteht, dass der beziehungsbereich bei den betroffenen von ausser kontrolle geratenen virtuellen "realitäten", fakes und als-ob-zuständen geprägt - oder besser: ersetzt - wird.

was würden Sie übrigens von einem medizinischen experten halten, der einem alkoholiker empfiehlt "Saufen Sie, was das Zeug hält"?

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eine art glaubensbekenntnis:

(...)"Ich glaube fest an den Wert und die Bedeutung privater Besitzrechte", sagt er. "Ohne deren Schutz werden wir zu Sklaven."(...)

amen. wer hat so etwas nötig? vielleicht solche leute, wie sie hier skizziert werden?

"Er liebte Besitz, nicht etwa massenhaft Besitztümer, sondern ein paar ausgesuchte Objekte, von denen er sich nie trennte. So etwas verlieh einem Menschen Selbstachtung. Nicht Prunk, sondern Qualität und Kennerschaft. Besitz erinnerte ihn daran, daß er existierte (sic!), und bewirkte, daß er sich seiner Existenz erfreute. So einfach war das. Und war das etwa nichts? Er existierte."

und danach hatte ich, quasi als kurzbeschreibung, geschrieben:

"besitz als verifikation der eigenen (defekten und beschädigten) existenz" - und als kompensation natürlich. das ist u.a. ein grund, der die auseinandersetzung mit diesen strukturen so schwierig macht - für solche leute geht es buchstäblich und tatsächlich um alles. aber ebenso für uns.

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es handelt sich dabei aller wahrscheinlichkeit nach um die gleichen leute, deren antisoziales agieren auch in folgendem kommentar quasi als eine art naturgesetzlichkeit hingenommen wird:

(...)"Beide sind - hätte man früher gesagt - erkennbar Dickköpfe: immer mit dem Schädel durch die Wand. Heute würde man vielleicht von Macho-Typen reden, wenn die beiden nicht eine so unsinnliche Sturheit auszeichnete. Beide gelten sie als beratungsresistent, beide schießen ungerührt Böcke. Der eine verunstaltet gerichtsnotorisch den Berliner Hauptbahnhof, der andere setzte Milliarden in den Sand für unverkäufliche Luxusmodelle in einem "Volks"-Wagen-Konzern. Für Kritik sind beide absolut unerreichbar. Untertänigkeit ist die einzige Weise, sich ihnen zu nähern. Gewiss, kompetent sollte man sein. Aber Kompetenz ohne Untertänigkeit wird als Majestätsbeleidigung geahndet."(...)

grenzverletzend, kritikunfähig, aggressiv im negativen sinne, extrem hierarchieorientiert...warum fällt mir bei solchen beschreibungen bloß immer wieder der icd-code F60.2 ein? allerdings kommen offensichtlich diverse betroffene keinesfalls grundsätzlich in einen "konflikt mit der gesellschaft", sondern gelten im gegenteil solange noch als "vorbilder", bis das destruktive treiben dann doch unhaltbar (für ihre kumpanen, besonders aus imagegründen) wird. vorbilder aber werden sie weswegen? herr l. beantwortet uns die frage so:

(...)"Offenbar braucht es zur Umsteuerung solcher riesiger Institutionen hin zu einer flexiblen, kreativen und kostenbewussten Wettbewerbsfähigkeit tatsächlich solcher herkulanischen Typen, die mit enormer Kraft, Rücksichtslosigkeit und Unbeirrbarkeit ihre Schneisen schlagen."(...)

na, und wer ist für solche rücksichtslosen projekte aufgrund der strukturellen eigenarten der persönlichkeit am besten geeignet? eben:

(...)"Der Psychopath ist zum Heldenidol der neuen Wirtschaft erhoben worden. (...) Der Psychopath ist der glänzende Soloartist der sozialen Akrobatik, ein unübertroffener Manipulator, (...)"

(da ich ja selbst hier immer wieder auf differenzierungen hinweise und auch darauf beharre: setzen Sie "antisoziale persönlichkeit" ein, von der die echten soziopathen eher eine untergruppe bilden - damit können Sie dann nicht falsch liegen.)

und dann gibt es in den letzten absätzen vor allem eine art selbstentblößung zu bestaunen - und ich denke, dass da der herr l. stellvertretend für viele seiner medienkollegInnen, und eh für die selbsterklärten "eliten" dieser gesellschaft gesehen werden darf:

(...)"Aber ginge es nicht auch ein wenig anders: Könnten solche Leitwölfe nicht auch einmal an sich zweifeln? Könnten sie sich nicht gelegentlich selbstkritisch über die Schulter schauen und sich sagen: "Hör' mal zu, Hartmut/Ferdinand, auch Du bist nicht unfehlbar!" Könnten nicht Führungsstärke und Skepsis, könnten nicht Sturheit und laufende Selbstkorrektur eine so viel angenehmere Legierung eingehen?"

dazu müssten die benannten überhaupt erstmal so etwas wie ein authentisches selbst leben bzw. sein - incl. der damit verbundenen (selbst-)wahrnehmungsfähigkeiten. aber wenn sie solche menschen wären, wären sie schlicht nicht in den positionen, in denen sie sind - mangels existenziellem interesse (besitz, hierarchien, machtspielchen und der ganze andere (selbst-)mörderische dreck sind auch immer, ich schrieb es oben schon, als kompensationsversuche tiefgreifend geschädigter persönlichkeiten zu sehen).

"Offen gestanden: Ich weiß das nicht! Wünschen würde man es sich. Bedenkt man aber den ungeheuren Druck, der auf solchen Anführern lastet, seien es Kanzler oder Chefs, dann befürchtet man fast, sie würden alsbald in Depression versinken, wenn sie solche Selbstzweifel ernstlich zulassen wollten. Willy Brandt, zum Beispiel, war gewiss außenpolitisch ein großer Kanzler. Aber dies doch nur für kurze Zeit, auch weil ihm die nötige Härte abging, weil er immer wieder in tiefe Depressionen verfiel.

Ich fürchte also, man muss mit solchen Hammer-Typen wie Mehdorn und Piëch leben, wenn man die Herkulestaten sehen will, die andere vermissen ließen, und über die Kollateralschäden solcher Durchmarsch-Anführer muss man sich trösten mit dem Wissen: Auch diese Leute werden eines Tages abgelöst. Heilige gibt es eben nicht, jedenfalls nicht im Management. Und die vollkommenen Gestalten, die einem einfallen könnten, hatten nie einen Konzernumbau zu bewältigen, waren nie Macher, sondern immer Moralisten."


und da ist die hose endgültig unten - selbstzweifel führen also zwangsweise zu depressionen - doch nur bei solchen leuten, die wirklich riesenmist fabriziert haben; die beginnen, das zu erkennen und zusätzlich als voraussetzung dafür noch mindestens fragmentarisch über relikte existenzieller menschlicher wahrnehmungsfähigkeiten verfügen müssen. "kollateralschäden" ist dann der passende - und zynische - begriff für die verbrannte erde (= geschädigte und/oder tote menschen), die solche "hammer-typen" in diversen sozialen bezügen zu hinterlassen pflegen. und am ende wird noch die keule "moralist" (lies: kein "realist", utopist, "gutmensch" etc.) rausgeholt, um derart die antisozialität als irgendwie "notwendig" hinzustellen - und die so handelnden ebenso (das sie eines tages "ersetzbar" sind, verrät ebenfalls einiges über die welt der "eliten" - aber einen trost kann ich darin nicht erkennen).

unter anderem wg. solcher artikel wie dem obigen bezeiche ich etliche angehörige des medienbetriebes als prostituierte der herrschenden antisozialen fraktionen.

*

als nächstes ein bemerkenswerter offener brief einer jungen frau, der nicht nur ein beispiel für die art der gerade erwähnten "kollateralschäden" darstellt, sondern gleichzeitig auch mitten in den fragen nach den möglichen verbindungen zwischen diagnosen wie borderline und (post-)traumatischen störungen landet:

"Ich möchte einen Bericht verfassen für alle diejenigen, die das Glück im Leben gehabt haben, eine fundierte Ausbildung machen zu dürfen, die das Glück hatten, aufgefangen zu werden in dieser unserer Gesellschaft. Wenn Sie meine Worte und das, was ich hier schreibe, nicht verstehen wollen, wenn Ihr Herz ein Eisklotz ist, dann löschen Sie von mir aus meine Worte, und denken nicht mehr darüber nach; genießen Sie Ihr schönes Leben!!! Aber wenn Sie etwas mitfühlend sind, dann lesen Sie meine Zeilen die ich Ihnen schreibe."(...)

nehmen Sie sich die zeit. wirklich.

ich persönlich halte die geschilderte realität für authentisch, und möchte nur ein paar punkte herausgreifen:

(...)"Ich saß in einem Café und lernte durch Zufall eine junge Frau von ca. 25 Jahren kennen, die mir stolz erzählte, sie würde bei der Arge in Köln Mülheim arbeiten. Als ich anmerkte, ich sei Arbeitslose, sah diese Dame mich mit einem vor Mitleid aber auch Ekel triefenden Blick an und sagte, die Arbeitslosen seien das doch alle selber schuld, daß sie in dieser Misere sind. Sie werden auch gar nicht mehr da rauskommen, weil sie faul gewesen sind und ja auch nie richtig arbeiten wollten. - Auf meine Nachfrage, ob das die Meinung der so genannten Fallmanager widerspiegelt, und ob sie nicht wüsste, daß nicht jeder das Glück hat, im Leben, erwiderte sie, das interessiere sie nicht. Es wäre wahnsinnig aufregend, Menschen aus dem Büro raus zu schmeißen, und ihnen Druck zu machen, indem man ihnen das ALG 2 streicht. Sie hätte das erst heute wieder gemacht, und das wäre schon gut, solche Macht zu haben."(...)

na, woran erinnern Sie die letzten sätze der anonymen sachbearbeiterin (nehmen Sie diesen begriff übrigens mal ruhig ganz wörtlich, das passt schon)? ist´s nicht der gleiche schlag, wenn auch sozusagen in kleinerer ausführung, der oben vom herrn l. so devot präventiv entschuldigt worden ist?

(...)"Meine Abteilung, die für mich zuständig ist, heißt Disability-Abteilung. Es soll eine besondere Abteilung sein, in der geschulte Fallmanager sich um Menschen kümmern sollen, die gesundheitliche Einschränkungen haben. Aber ich habe den schlimmen Eindruck, dass diese Hilfe eine Farce ist. Es soll einfach noch mehr Druck auf Menschen ausgeübt werden, denen es eh schon schlecht geht, die am Rande unserer Gesellschaft stehen, die überall mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Ich bin seit ein paar Jahren in Therapie, gelte als so genannter Mensch mit psychischen Schwierigkeiten (...)"

was kein wunder ist bei den biographischen fragmenten, die sichtbar werden:

(...)"Ich kann nicht von einem Menschen, der umhegt und umsorgt aufgewachsen ist, verlangen daß er mich versteht. Er hat ja nie die Härte des Lebens wirklich erleben können. Deshalb werden ihn meine Worte wahrscheinlich auch kalt lassen. Ich hatte nicht das Glück, in meinem Leben behütet aufzuwachsen, sorgenfrei meine Kindheit und Jugend genießen zu können. Man hat mir Steine in die Wiege gelegt, die ich noch heute schwer entfernen kann.

Ich war ein Kind von 9 Jahren, als mein Alkohol erkrankter Vater mich in ein Heim steckte, was man als eine Art Kinderknast bezeichnen kann, Es gab dort Fenster, die zum Teil vergittert waren. Wir konnten nicht einfach in die Freiheit gehen. Das Heim lag weit abseits jener Stadt, zu der es gehörte. Uns Heimkindern war es verboten, das Heimgelände zu verlassen. Teilweise über 2 Jahre es gab keinen Kontakt zu Angehörigen - und wenn, dann nur sehr sporadisch. Wenn ich als Kind von 9 Jahren, das ich gewesen bin, damals erleben musste, daß mich erwachsene Erzieher mit Gewalt unter die heiße Dusche zerrten, mich an den Haaren die Treppe runter rissen, mir die Haare anflämmten, mich mit Medikamenten vollstopften, damit ich endlich ruhig war."(...)


...

(erinnern Sie sich an die vielen dokumentierten berichte über aktuelle fälle von gewalt gegen kinder? und auch an das, was ich zb. hier als täter-opfer-dialektik bezeichnet habe?)

(...)"Warum setzt man einem Menschen, der als Borderline gilt, auch noch jemanden vor, der absolut nervös ist und gar nicht fähig, sich in meine Gefühle und Probleme rein zu versetzen? Ist das eine böse Absicht der Arge, weil man doch weiß, was gewisse Reaktionen bei Menschen mit unserer Problematik auslösen können."(...)

(und erinnern Sie sich auch an die beiträge, in denen die komplizierten verbindungen zwischen borderline und trauma thema waren? ich denke nach wie vor (und werde das im kommenden traumaschwerpunkt näher begründen), dass borderline auch in einer schwer bestimmbaren größenordnung als "vertuschungsdiagnose" angesehen werden kann - abwälzen von gesellschaftlich produzierten gewaltfolgen mittels psychiatrischer hilfe auf die "konstitution" des einzelnen. ich betone das "auch", weil ich denke, dass etwas wie borderline tatsächlich existiert - aber nicht unbedingt im heutigen sinne der diagnostischen kataloge. für die borderline-definition (mit antisozialem schwerpunkt), die ich mittlerweile für plausibel halte, wäre zb. die zitierte "sachbearbeiterin" weit eher typisch als die verfasserin des briefes.)

(...)"Ist es verwunderlich liebe verantwortliche Politiker, daß ich nie Vertrauen aufbauen konnte in den letzten Jahren? Wenn ich als so kleines Kind, das ich gewesen bin, ständig und jeden Tag den Alkoholkonsum meiner Eltern ertragen musste, ist es dann nicht normal, daß ich kein Vertrauen in diese Welt setzen konnte? Es ist nicht verwunderlich, daß ich heute da bin, wo ich bin. Ihr so genannten Psychologen und Pädagogen, Ihr habt Mitschuld an meiner Misere, die ich in meinem Leben erlebt habe, Ich weiß, dass einige Psychologen da waren, die damals am Anfang ihrer Grossen Karriere standen. Es ist einfach, eine Diagnose zu stellen und ein Leben auch in Zukunft zu erschweren. Ich hatte kein Vertrauen in diese Welt mehr gehabt, erst recht nicht, als mir eine alte ausgebildete Erzieherin gesagt hat: „Man hätte dich mit dieser Diagnose besser abgetrieben.“(...)

wer ist hier nun krank? die autorin, ihre eltern, die bei den diversen institutionen angestellten, die diagnostizierenden...? ist das gesamtbild nicht eher die katastrophe, welches eine realität wiederspiegelt, in der an allen ecken und enden schwere und schwerste beziehungsstörungen wahrzunehmen sind, und in der die weitaus meisten menschen (ja, auch Sie und ich) in irgendwelchen formen in die verhängnisvolle täter-opfer-dialektik verstrickt sind?

es ist - wie so vieles andere in diesen zeiten - nur noch zum schreiend davonlaufen.

*

wie auch dieses hier:

"Ein Vierjähriger wurde im US-Bundesstaat Texas der sexuellen Belästigung beschuldigt, weil er eine Frau umarmt und dabei deren Brüste berührt hat. Der Junge wurde von der Vorschule suspendiert."

am ende des artikels sind noch weitere beispiele für staatliche repressionen gegen kleine kinder in den usa aufgeführt, und ich empfehle besonders den link zur geschichte des zwölfjährigen, den seine mutter verhaften liess, weil er unerlaubterweise weihnachtsgeschenke auspackte. der betreffende junge wird dort mit dem "aufmerksamkeitsdefizitsyndrom" in verbindung gebracht, und falls das so sein sollte, wäre die ganze geschichte mal wieder ein beleg für ein totalversagen aller beteiligten "verantwortlichen" zu betrachten - wer bringt solche kinder zur welt; wer schafft die bedingungen, unter denen kinder derartige symptome entwickeln; wer lässt die jeweiligen eltern/mütter im stich; und wem fällt nichts weiter als "härte" ein, um mit dem menschlichen elend umzugehen? der fragenkatalog wäre noch zu erweitern, aber die antworten werden - natürlich - keineswegs besser oder angenehmer.

*

und wenn ich mir jetzt diese obige kleine auswahl des normalen wahns anschaue, dann spüre ich einen effekt, den Sie vielleicht nachvollziehen können - diese unterschiedlichen geschichten weisen durchaus viele verbindungslinien auf, und genau das finde ich extrem beunruhigend. einiges wird im traumaschwerpunkt deutlicher werden, an dem ich jetzt wieder weiterarbeiten werde. machen Sie´s gut bis dahin.

Montag, 4. Dezember 2006

notiz: nachträge

nachtrag eins: zum thema "justizvollzug" im jugendknast empfehle ich diese bildergalerie der zeit - besonders die betrachtung der bilder 13 und 14. ebenfalls diese reportage.

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und zweitens (nicht nur) zum thema amok: mit dem untertitel Über Emsdetten, Dschungel-Soldaten und das Wesen der Pädagogik beginnt ein artikel im freitag, der in einige interessante richtungen schweift:

(...)"In Deutschland sollte es grundsätzlich misstrauisch stimmen, wenn gegen das ruchlose, blutrünstige, monströse Bild zu Felde gezogen wird. Der Nationalsozialismus hat bekanntermaßen ein regelrechtes Bilderverbot gegen Darstellungen des Abgründigen und Ekelhaften verhängt. Der Bereitschaft seiner Bürger, zu foltern und zu töten, tat das keinen Abbruch. Es war im Gegenteil sogar so, dass die Fähigkeit zur Gewaltausübung mit einer Ästhetik des Reinen, "Schönen" und Eindeutigen verschränkt war.

Insofern sind Bilderkonsum und Gewalt, Videospiele und bewaffnete Amokläufe eben nicht in der Form miteinander verbunden, wie Jugendsoziologen, Journalisten und Küchenpsychologie dieser Tage behaupten. Interessanter wäre es, sich das anzuschauen, worüber nicht gesprochen wird, weil es als völlig normal erscheint. Ein Dokumentarfilm über einen sich bei einem Consulting-Unternehmen bewerbenden BWL-Diplomanden, der in der vergangenen Woche parallel zu mehreren "Die-Jugend-muss-gerettet-werden"-Talkshows gezeigt wurde, könnte als Beispiel dafür dienen.

Der Film war unaufgeregt erzählt, die Äußerungen der Protagonisten blieben unkommentiert. Ein Studiumsabsolvent saß mit den Eltern in einem Familienwohnzimmer und sprach von den Anforderungen des Arbeitsmarkts. Der Vater stellte - durchaus ein gewisses Bedauern erkennen lassend - fest, dass sich die Situation in den Unternehmen verändert habe. Die Konkurrenz sei größer geworden, auch zwischen den Mitarbeitern, und sein Sohn, Mitte 20, fügte hinzu, dass man nun härter angreifen müsse. In einem weiteren Interview äußerte ein anderer Vater, die Ehefrau signalisierte nickend Zustimmung, dass das ganze Leben ein Kampf sei - was er für nichts Schlechtes halte. Genau das wolle doch die menschliche Natur, das stete Ringen mit sich und den anderen. Der BWL-Diplomand ergänzte, offensichtlich unmittelbar nach dem Bewerbungsgespräch, dass er sich - falls ihn die Arbeit überfordern sollte - fragen müsse, ob er an dieser Stelle richtig sei. Eine andere Bewerberin - potenzielle Teamkollegin und Konkurrentin - zeigte sich zunächst im Wellness-Bereich eines Hotels. Mit ein paar Bahnen im Schwimmbecken bereitete sie ihren Körper auf die Belastungen des bevorstehenden Arbeitstages vor. Im Hotelzimmer wenig später erklärte die junge Frau, sie habe es immer schon geliebt, wenn etwas los sei. Genau das schätze sie an ihrem - potenziellen - Arbeitgeber. Hier werde man nie in Ruhe gelassen, täglich vor neue Aufgaben gestellt, habe ständig etwas zu erledigen. Es klang, als werde - nach erfolgreich vollzogener Gehirnwäsche - ein Körper-Seele-Paket zum Verkauf feilgeboten.

Diese Bemerkungen sind deswegen so bemerkenswert, weil sie deutlich machen, was sich in den letzten Jahren im Alltagsverstand durchgesetzt hat: Die Gesellschaft gilt als Kampfzusammenhang und das Individuum als konkurrenzbereites Subjekt, das sich in einem lebenslangen Wettbewerb zu behaupten hat, sich geistig und körperlich permanent fit machen muss, ja mehr noch: sich fit machen will."(...)


der angeblich "ständige kampf" ist zwar eine mögliche wahrnehmungsposition - aber eine, die erst aufgrund ständiger gewaltpräsenz in so ziemlich allen sozialen bezügen mitsamt ihren potenziell traumatischen folgen zur dominanten position werden kann (um in der folge, sozusagen in weiterführung ihrer gewalttätigen entstehungsgeschichte, sich dann auch prompt als anthropologische konstante - "menschliche natur"- auszugeben und versucht, sich mittels dieser behauptung durchzusetzen. an diese defekte, weil traumainduzierte, wahrnehmung und die daraus entstehende realität als einzig mögliche zu glauben, ist letztlich jedoch (selbst-)mörderisch.)

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ps: zur zeit sind hier und auch woanders ein paar diskussionen offen - archenoe, wildwuchs und netbitch, ich werde versuchen, das so nach und nach abzuarbeiten.

Mittwoch, 29. November 2006

notiz: vergessene zonen der zerstörung

in verlaufe dieses beitrags hatte ich neulich einen längeren auszug zur epidemischen verbreitung (post-)traumatischer störungen im gaza-streifen zitiert - und wie sich die realitäten in ganz verschiedenen regionen des planeten mittlerweile strukturell gleichen, wird hier deutlich:

(...)"Seit Beginn des ersten Tschetschenienkrieges im Jahr 1994 gehören Minendetonationen, Verschleppungen, Vergewaltigungen und Tod zu dem Alltag der tschetschenischen Kinder.

Nach Schätzungen internationaler Menschenrechtsorganisationen sind 42.000 Kinder in den beiden Kriegen getötet worden. 25.000 Kinder haben einen Elternteil verloren, mehr als 1200 sind Vollwaisen; 19.000 Kinder sind Invaliden.(...)

Mediziner gehen davon aus, dass 90 Prozent der tschetschenischen Kinder und Jugendlichen psychisch stark traumatisiert sind. In einem Gespräch mit Radio Svoboda ("Radio Freiheit") warnte einer der führenden Psychiater Tschetscheniens, Mussa Dalsaew, vor Folgeerscheinungen: "Wenn sich die Situation etwas beruhigt hat, wenn der Krieg zu Ende ist und aktive Wiederaufbauarbeiten beginnen, dann können Probleme explodieren, die bis dahin hinter der brüchigen Fassade der Schutzmechanismen versteckt gehalten wurden."(...)


tschetschenien. ist ja irgendwo da hinten, ganz weit weg.

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die ersten beiträge des trauma-schwerpunktes sind in der arbeit; aber den genauen zeitpunkt, wann es hier losgeht, möchte ich bewußt nicht genau festlegen - erstens bin ich da aufgrund früherer erfahrungen hier sozusagen ein gebranntes kind, zweitens stellen sich diverse aspekte des themas - nicht ganz überraschend - als ziemlich belastend heraus (wiedermal - aber das ist mir immer noch lieber als pure abstumpfung). ich bitte also die leserInnen um etwas geduld.

Montag, 27. November 2006

assoziation: ausweitung der kampfzone - fragen und anmerkungen zum amok neuen typs

"Ich wohne in Denver und möchte fast jeden Einwohner dort umbringen. Ihr versteckt euch am besten alle in euren Häusern, aber ich werde jeden erwischen. Ich werde zielen, um zu töten, und ich werde alles vernichten"

(eric harris, einer der beiden täter aus littleton vor der tat auf seiner website - zitiert nach: götz eisenberg "amok - kinder der kälte"; rowohlt, hamburg 2000; isbn 3 499 22738 X; s.88)

*

(...)"Das führte dazu, dass der junge Mann im Februar 2005 auf eine damals 19-Jährige mit einem 20 Zentimeter langen Küchenmesser einstach. Als Grund dafür nannte er später „Hass auf Menschen“, er habe einfach irgendjemanden umbringen wollen. Die Polizei sprach von einer „Zeitbombe für Neumarkt“.(...)

*

"Ich hasse euch und eure Art! Ihr müsst alle sterben!
Seit meinem 6. Lebensjahr wurde ich von euch allen verarscht! Nun müsst ihr dafür bezahlen!"

(aus dem abschiedsbrief von sebastian b.)

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"Aber in Wahrheit kann nichts die immer häufigere Wiederkehr jener Augenblicke verhindern, in denen Ihre absolute Einsamkeit, das Gefühl einer universellen Leere und die Ahnung, dass Ihre Existenz auf ein schmerzhaftes und endgültiges Desaster zuläuft, Sie in einen Zustand echten Leidens stürzen."

(michel houllebecq "ausweitung der kampfzone"; rowohlt tb; hamburg 2000; isbn 3 499 22730 4; s.15)


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1. ist die bezeichnung "amok" für taten wie in emsdetten, erfurt und littleton angemessen?

hierzu habe ich im gleichen beitrag, aus dem das obige zitat über das messerattentat von neumarkt stammt, angemerkt:

(...)"nun ist dieses wort inzwischen medial mit einer bedeutung aufgeladen, die sich vom ursprung des begriffs recht weit entfernt hat (die berüchtigten "schulmassaker" der letzten jahre wie zb. in erfurt erfüllen einige der gleich aufgeführten kriterien nicht; so war zb. in den meisten fällen durchaus eine gezielte planung/vorbereitung der täter zu verzeichnen) - ein "echter" amokzustand zeichnet sich meines wissens durch mehrere einmalige eigenschaften aus: er entsteht a) anscheinend aus dem "nichts" heraus, also sehr plötzlich; ist b) an ein begrenztes zeitfenster (das können auch nur ein paar minuten sein) gebunden; stellt c) einen extremen psychophysischen zustand mit teils deutlich verifizierbaren veränderungen zb. des muskeltonus im gesamten körper (unwillkürliche extreme anspannung) und stark herabgesetzter schmerzempfindlichkeit dar; und wird d) in der regel von einer nachfolgenden amnesie beim amoklaufenden begleitet - d.h., die erinnerung an die taten im amokzustand sind wie ausgelöscht und nicht bewusst zugänglich. all diese phänomene zusammengenommen haben dazu geführt, dass amokereignisse in teilen der psychiatrischen forschung inzwischen im weitesten sinne den dissoziativen zuständen zugerechnet werden" (...)

ein echter amokzustand lässt sich also auch durchaus als ein extremkonzentrat solcher bewußtseinszustände betrachten, die im allgemeinen unter begriffen wie eruptiv und affekttaten zusammengefasst werden. und das übergreifend als dissoziative zustände zu begreifen, scheint mir duchaus berechtigt zu sein.

auf die fraglichen taten wie die des sebastian b. jedoch treffen diese kriterien bei näherer betrachtung nicht zu - hier geht es eher teils um jahrelange entwicklungen, die rückblickend betrachtet mit unerbittlicher konsequenz auf ihr tödliches finale zulaufen. und gerade bei den jeweiligen taten an schulen fällt die lange vorlaufzeit auf, in denen die täter durchaus mehr oder weniger offen ankündigen, was sie zu tun gedenken - und auch, warum sie es tun wollen. von daher wäre es, wenn denn der begriff hier überhaupt weiter benutzt werden soll, sinnvoller, von einem amok neuen typs zu sprechen - und damit ist die frage implizit gestellt, wie zu diesem phänomen kommen kann. ebenfalls stellt sich allerdings eine weitere frage:

2. warum wird vor allem medial hartnäckig an der bezeichnung "amok" festgehalten?

wenn ich davon ausgehe, dass sich die meisten mainstreammedien keinesfalls der information über reale zustände verpflichtet fühlen, sondern - und zu dieser feststellung reicht u.a. die frage nach ihren besitzern - es erstens als ihre aufgabe betrachten, die herrschenden zustände primär zu rechtfertigen (egal, wie subtil oder kritisch das auch im einzelfalle geschehen mag) und zweitens im zusammenhang mit diesem zweck zunehmend dazu übergehen, simulationen, fakes und als-ob-realitäten als quasi drogenförmige sedativa zu produzieren und zu verbreiten, dann wird deutlich, dass sich die obige frage nicht nur als wortklauberei abtun lässt.

ich vermute, dass eher die allgemein verbreiteten assoziationen zum wort amok eine große rolle spielen: etwas irgendwie unverständliches und unheimliches, das einzelne täter - und ihre opfer - genauso "schicksalhaft" trifft wie ein blitzschlag. und die größtenteils unter diesem namen daherkommende "ursachenforschung" landet jedesmal mit zuverlässiger sicherheit bei killerspielen und wahlweise dem ruf nach mehr disziplin und kontrolle bei kindern / jugendlichen oder eben nach mehr pädagogen und psychologen.

diese diskussionen - deren inhalten ich durchaus ein fitzelchen berechtigung zugestehe, dazu später mehr - sind ein zuverlässiges indiz vor allem für eine tatsache: diese gesellschaft will größtenteils weiterhin nichts davon wissen, was sie permanent für eine realität produziert - eine grundsätzlich und potenziell für alle mörderische nämlich, und bei nicht dissoziierter wahrnehmung ist es fast unmöglich, diese korrekte wahrnehmungsebene zu verleugnen.

womöglich haben wir also am beispiel des wortes amok eine art modell vor uns, wie medial daran gearbeitet wird, wahrnehmungen zu fragmentieren / zu spalten: als-ob-zusammenhänge werden konstruiert (wie im falle der pc-spiele; wobei das für die konstruktion zuständige bewußtseinswerkzeug wie früher schon beschrieben immer nur mit realem material arbeiten kann - daher der nicht umgehbare realitätskern in dieser als-ob-erklärung, wobei dieser kern nach bearbeitung durch den objektivistischen modus so verfremdet ist, dass seine bezüge faktisch mehr oder weniger unkenntlich sind); und primäre zusammenhänge (die bspw. im brief des sebastian b. in der sinnfrage implizit enthalten sind), die viele mitglieder dieser gesellschaft womöglich dazu zwingen würden, die herrschende realität anders zu begreifen, werden so lange aufgesplittet, bis die tat tatsächlich seltsam bezugslos erscheint oder aber nur noch in verzerrten bezügen vermittelt wird.

diesem vorhaben stehen im aktuellen fall die virtuellen äußerungen des täters etwas im wege; und womöglich ist das der tiefere grund für die beobachteten versuche, diese virtuellen spuren quasi unsichtbar zu machen.

3. was ist mit der ungleich verteilten empathie für den täter und seine opfer?

eine interessante frage; und sie wird imo nicht ausreichend dadurch beantwortet, dass es sebastian b. aus was für gründen auch immer glücklicherweise nicht vermochte, andere mit in den tod zu nehmen. "nur" etliche verletzte also, und dieses "nur" mag in einer spektakelsüchtigen gesellschaft bereits einen teil der antworten bedeuten. ich vermute jedoch - auch anhand meiner eigenen, und durchaus auch ambivalenten reaktionen - noch weitere ebenen: opfer sind unattraktiv und uncool, sie sind in gewisser weise lästig, weil sie eine eigene deutliche positionierung zur tat verlangen - und weitergedacht ebenso natürlich zum kontext der tat, der aber hier - wie oben schon angedeutet - praktisch sofort grundsätzliche fragen nach dem eigenen leben in dieser gesellschaft aufwirft. unbequeme fragen also noch dazu. diese merkwürdige art der täterorientierung - und zwar ausdrücklich nicht in dem sinne, die entwicklungsgeschichte einer tat emotional und kognitiv zu verstehen, um sie für die zukunft mittels präventiven handlungen, die radikale gesellschaftliche veränderungen beinhalten, möglichst ausschließen zu können - ist nicht nur im aktuellen fall zu beobachten.

dazu kommt - und das lässt sich an unterschiedlichsten medialen orten, vor allem aber hier im netz, wahrnehmen: es gibt zwischen teilen der botschaft des täters und einem größeren publikum prozesse der wiedererkennung eigener zustände. und ich vermute, gerade dieser umstand ist letztlich für die oben erwähnten zensurversuche hauptverantwortlich. der brief, soviel inhaltlich fragliche und auch faschistoide momente er auch enthält, scheint einiges von den aktuellen gesellschaftlichen tiefenströmungen auszudrücken - und es sollte nicht der fehler gemacht werden, alle staatlichen handlanger für so dumm zu halten, dass sie diesen effekt nicht bemerken würden. einen aspekt dieser wiedererkennung hat übrigens imo vor ein paar tagen die taz ganz gut auf einen wichtigen punkt gebracht:

(...)"Der Brief ist ein ganz genau ausgearbeitetes Zeugnis klassischer Teenage Angst mit allem, was dazu gehört - bekannt eben nicht nur aus Büchern, Fernsehen, Kino und Popmusik, sondern auch aus dem eigenen Leben von wohl fast jedem Jungen, der in der westlichen Welt groß geworden ist: Die Umgebung versteht einen nicht, Mädchen beachten einen nicht, Lehrer kümmern sich nicht, Zukunftsversprechen sind nichts wert. Die große, gemeine Konsumoberflächenwelt lenkt von den wesentlichen Fragen ab. Und die Gesellschaft ist nicht bereit, Abweichungen zu akzeptieren und lockt stattdessen mit einem teuflischen Pakt: Gib deine Individualität auf, und du bekommst Teilhabe."(...)

was haben die opfer außer ihrem trauma da noch entgegenzusetzen? aber gerade die wahrnehmung dieser realität - das ein in welcher art und weise auch immer psychophysisch ge- und beschädigter junger mann sein persönliches trauma auf diese art und weise an anderen sozusagen multipliziert - ist imo grund genug dafür, sich sowohl mit dem täter als auch mit den opfern gleicherweise empathisch auseinanderzusetzen. auch, wenn es gerade bezgl. der letzteren enorme schwierigkeiten dabei gibt:

(...)"Oft hassen wir die Opfer nachgerade: Sie verursachen in uns großes Unbehagen, wir schämen uns für unser Mitgefühl, weil wir das Opfer in uns selbst hassen. Der Haß resultiert aus unserer Scham, daß wir uns selbst einmal zu Opfern gemacht haben, als wir uns unterwarfen. Und daran wollen wir nach Möglichkeit nicht erinnert werden."(...)

(arno gruen "der wahnsinn der normalität"; siehe literaturliste, s.92/93)


so ein fazit von gruen, welches er u.a. aus der untersuchung verschiedenster mordprozesse in den usa zieht, bei denen es - vielleicht ähnlich dem fall o.j. simpson - zu einer mehr oder weniger offenen öffentlichen solidarisierung mit den jeweiligen täterInnen kam, während ihre opfer dem schweigen anheimfielen (oder schlimmstenfalls zu schuldigen wurden). das dürfte strukturell dem entsprechen, was alice miller in ihrem zitat im beitrag zu saddam hussein weiter unten im blog bezgl. der öffentlichen wirkung von diktatoren beschrieben hat: bewunderung und entschuldigung (beides hat nichts zu tun mit einem bemühen um verständnis für den hintergrund der taten!) sind oft genug der falsche gegenpol zur ebenso falschen verdammung und dehumanisierung der täter, mit denen sie nicht nur quasi aus der menschheit ausgeschlossen werden, sondern damit gleichzeitig auch vorhandenen verbindungen zu unserem lebensstil entsorgt werden sollen - um den preis der ständigen wiederholung des terrors.

was gruen mit "unterwerfung" meint? nun, wir alle haben uns - bis auf glückliche ausnahmefälle, bei denen die eltern psychophysisch im eher gesunden bereich waren - bereits als kinder dem zwang zur anpassung unterworfen - schule und arbeitswelten bauen später darauf "nur" noch auf. und irgendwo wissen wir das auch alle - und bei vielen dürfte darin ein grund liegen für die unerträglichkeit der wahrnehmung, wenn andere menschen wirklich frei sind (wenig genug sind`s und können es unter diesen bedingungen tatsächlich relativ(!) sein) - sie erinnern uns an das, was wir sein könnten - genauso, wie opfer uns an das erinnern, was wir meistens auch sind - und damit an ohnmacht, angst, scham und demütigung.

eine weitere mögliche ebene hatte ich neulich hier in einem anderen kontext erwähnt - in solchen taten stecken immer auch informationen über den gesellschaftlichen status quo, und...

"...ist da nicht auch die information enthalten "wir - verdienen es nicht anders, solange wir so kollektiv vor der grausamkeit ausweichen, wegschauen, sie relativieren und derealisieren oder gar rechtfertigen und entschuldigen - solange werden eben genauso willkürlich und brutal weiter kinder verschwinden, wird weiter gefoltert und gemordet werden - solange, wie wir an die märchen dieses systems glauben und uns als überlebende und gewinner halluzinieren (nur unter schwerem empathieverlust überhaupt möglich)" (und seien Sie sicher - am ende wird es weder das eine noch das andere geben)."

anders: der gegenpol der mangelnden empathie für die opfer, nämlich die weigerung, den täter in irgendeiner weise zu verstehen (was, ich muss mich da wiederholen, nicht mit akzeptanz gleichzusetzen ist!), macht blind und taub für die tatsache, dass wir insgesamt kollektiv dringend aus solchen und anderen taten konsequenzen ziehen müssen - und die weigerung, genau solche konsequenzen zu ziehen, zeichnet imo mehrheitlich diejenigen aus, die sich einem verstehen verweigern - darin nicht unähnlich denen, die bis heute immer noch bspw. die ns-verbrechen als "nichtverstehbar" hinstellen. auch dieser standpunkt ist ein bequemer in dem sinne, als das "unverstehbares" nicht die eigene lebensweise tangieren kann. aus diesem grund bezeichne ich diese position auch als reaktionär.

4. sind solche täter "psychisch" krank? (anders: was sagt die orthodoxe psychiatrie dazu? und wie sehen alternativansätze aus?)

ich habe es hier in beiträgen bspw. zu folter oder gewalt an kindern immer wieder erwähnt, und wiederhole das jetzt: wer mehrfach bewaffnet und mit bomben am körper eine von hunderten kindern / jugendlichen bevölkerte schule betritt und dort tatsächlich anfängt, um sich zu schießen - der befindet sich - wie andere täter auch - zwingend in einem objektivistischen wahrnehmungsmodus mit den hauptkennzeichen empathielosigkeit und verdinglichung (seiner selbst und aller anderen). das alleine - zusammen mit der gerade bei solchen taten meist offen erkennbaren suizidalen tendenz - legt eine schwere psychophysische pathologie mehr als nahe. zum problem mit den etablierten psychiatrischen diagnosen und ihren definitionen von gesundheit / krankheit habe ich hier ebenfalls schon ausgiebig geschrieben - und das folgende sollte auch unter diesen gesichtspunkten gelesen werden:

(...)"Bei etwa der Hälfte der dokumentierten Amokläufe schien es der Göttinger Forschungsgruppe möglich, Indizien für schwerwiegende psychische Störungen der Täter festzustellen, die sie in einem breiten Spektrum von Psychosen (Schizophrenie, Depression, paranoide Störung) bis hin zu `psychopathischen Normvarianten´ angesiedelt sahen. Thomas Knecht gelangt im Rahmen der inzwischen verfeinerten und weiterentwickelten psychiatrischen Diagnostik zu dem Schluß, daß man beim Gros der Amokläufer eine sogenannte narzißtische oder Borderline-Persönlichkeitsstörung vermuten könne, die durch folgende Züge charakterisiert sei: Ich-Schwäche, Identitätsunsicherheit, erhöhte Vulnerabilität und Kränkbarkeit, einen passiv-aggressiven Charakter und eine Neigung zu unkontrollierbaren Impulsdurchbrüchen. Nebenmerkmale seien berufliche Überanpassung, häufiger Stellenwechsel, Beziehungsschwierigkeiten, sexuelle Abstinenz und Waffenfanatismus.

Auch bei meiner Sichtung von Presseberichten über Amokläufe der letzten Jahre habe ich den Eindruck gewonnen, daß zwischen den charakteristischen Zügen des Amokläufers und den Leitsymptomen der Borderline-Persönlichkeitsstörung eine auffällige Übereinstimmung herrscht."(...)


kinder der kälte - titel

- so götz eisenberg auf den seiten 34/35 seines eingangs bereits zitierten buches "amok - kinder der kälte". wir halten also fest: erstens wird seitens der orthodoxen psychiatrie "etwa die hälfte" dokumentierter amoktaten als von pathologischen persönlichkeitsstrukturen herrührend betrachtet; und zweitens tauchen zwei wohlbekannte diagnosen aus dem bereich der beziehungskrankheiten wieder mal auf: die narzisstische und die borderline-ps. wenn Sie schon länger hier lesen, wird Ihnen vermutlich nachvollziehbar sein, warum gerade borderline schon seit jahren als diagnose eine art schreckgespenst nicht nur für die derart diagnostizierten, sondern auch für viele therapeutInnen aller coleur darstellt: ob es sich um politische diktaturen handelt, gewalttätige eltern, antisoziale manager und jetzt noch amokläufer: immer taucht borderline unter den ersten namen auf, wenn es um passende diagnosen geht. ist das sachlich berechtigt? wie üblich bei dieser frage kann ich nur mit "jein" antworten, und verweise auf die entsprechenden beiträge hier im blog - suchen Sie im index oder der seiteninternen suchmaske.

grundsätzlich habe ich hier eine ähnliche meinung wie bei vielen anderen gewaltformen: die etablierten psychiatrischen ansätze, und auch die orthodox-psychoanalytischen, sind aufgrund strukturell fehlerhafter menschenbilder nur beschränkt in der lage, für tatsächlich realitätsangemessenes verständnis zu sorgen. ich halte sebastian b. und andere täter schon für psychophysisch gestört, aber die art dieser störung ist nur fragmentarisch und/oder verzerrt in den heutigen diagnostischen katalogen enthalten.

5. ist amok ein "männliches" phänomen?

bis auf weiteres tatsächlich ja. zwar gibt es auch affekttaten von frauen, hauptsächlich im sog. häuslichen beziehungsbereich. aber diese besondere art der öffentlichen gewalt, schwerbewaffnet und grundsätzlich wahllos, ist bisher eine männliche domäne. ich glaube allerdings, dass es nur noch eine frage der zeit ist, bis sich das ändert: ähnlich wie bei den essstörungen, von denen seit kurzer zeit inzwischen auch zunehmend mehr und mehr männer betroffen sind, während gleichzeitig prügelnde mädchengangs deutlich machen, dass eine emanzipation, die sich in abstrakter (objektivistischer) "gleichstellung" erschöpft, keine wirkliche emanzipation darstellt. nicht frauen in polizei und bundeswehr stellen ein indiz für tatsächlichen gesellschaftlichen fortschritt dar, sondern die realisierung von verhältnissen, in denen polizei und armeen zunehmend mehr und mehr beschäftigungslos werden würden, würde so einen fortschritt bedeuten.

konstruierte identitäten, die bis heute den kern der gesellschaftlichen geschlechterstereotypen bilden, sind beliebig austausch- und natürlich auch dekonstruierbar - aber das eigentliche problem versteckt sich eher dahinter: konstruierte identitäten bilden primär krücken für diejenigen, die aufgrund psychophysischer schäden die (körperlichen) grundlagen ihrer eigenen authentischen identität entweder nicht (mehr) wahrnehmen oder aber deren grundlagen erst gar nicht entwickeln konnten. aus dieser perspektive wird deutlich, dass bspw. sebastian b. eine sehr martialische, sehr reduzierte und sehr klassische "männliche" identität eher wie ein kleidungsstück genutzt hat, um die sichtbare tatsache der unfähigkeit zum eigenen authentischen sein quasi zu maskieren. und in diesem punkt unterscheidet er sich keinesfalls von millionen menschen, die sich mit derartigen konstruktionen ebenfalls durchs leben schlagen. unterscheiden tut er sich aber bspw. von typischen strukturellen soziopathen (die solche konstrukte - und nichts weiter - gewohnt sind) dadurch, dass er zumindest zeitweise unter dieser authentischen unfähigkeit gelitten haben muss - stichwort ungehörte hilferufe.

6. was haben virtuelle welten zb. in pc-spielen mit all dem zu tun?

ich stelle diese frage nicht umsonst nach dem gerade thematisierten - konstruierte identitäten oder auch simulationen von identität und realität stellen imo den wahren kern in der debatte rund um die rolle der "killerspiele" dar:

(...)"Welche Rolle spielt das Internet und Computerspiele bei solchen Taten?

Das kommt auch nur bei bestimmten Persönlichkeiten zum Tragen, nämlich solchen, die den "Als-ob-Charakter" von Internet-Spielen nicht erkennen, sondern das eins zu eins nehmen. Ballerspiele führen nicht bei allen Jugendlichen zu vermehrter Gewalt, sondern nur bei bestimmten, die dann mehr und mehr die Unterschiede zwischen Fantasie, virtueller und realer Welt nicht mehr erkennen. Hinzu kommen in der Regel aber die Persönlichkeitsstörungen oder psychiatrischen Auffälligkeiten von Amokläufern."(...)


ich bin der meinung, dass die letzten sätze korrigiert werden müssen: bei vielen der unter den persönlichkeitsstörungen laufenden diagnosen ist es ein ganz zentrales problem, dass die - objektivistisch produzierten - simulationen und konstruktionen hierarchisch nicht mehr der gesunden, authentischen und vollständigen subjektivität als werkzeug dienen, sondern das verhältnis auf dem kopf steht: die simulationen, fakes und konstruktionen springen kompensatorisch in einem elementaren mangelzustand anstelle der gesunden realitätswahrnehmung ein. und dieser prozeß dürfte einen ganz zentralen teil bei allen beziehungskrankheiten ausmachen. um den richtig benannten als-ob-charakter virtueller welten nicht mehr als solchen erkennen zu können, ist eine schwere wahrnehmungsschädigung - materiell-körperlich basiert - eine grundsätzliche vorbedingung.

ich habe übrigens so meine eigenen erfahrungen mit mörderischen virtuellen welten, und vor einigen jahren lange nächte mit spielen wie gta 3 und dem nachfolger, gta vice city sowie den ersten teil von max payne verbracht. und ich ziehe daraus für mich folgende schlüsse - in kurzform:

erstens würde ich kindern bis mindestens 16 jahren den umgang mit solchen spielen nicht gestatten wollen, zweitens können sie - gerade bei der virtuellen detailfülle und den möglichkeiten der "gta"-reihe - tatsächlich einer art flucht incl. suchteffekten vorschub leisten (dazu reicht ihre nutzung in einer schwierigen lebensphase ohne weitere persönliche dispositionen imo bereits aus), drittens aber habe ich sie als aggressionsabbauend erlebt (kann mir aber auch das gegenteil vorstellen), und viertens - deswegen halte ich sie für eine kunstform - stellen sie, ähnlich wie gute science fiction, beklemmende dystopien dar - in der gta-reihe unterlegt mit zynischem humor, während "max payne" nicht nur aufgrund tatsächlicher entsprechender traumsequenzen alptraumartige züge aufweist. in "gta 3" ist die an new york angelehnte stadt namens "liberty city" (bereits der name ist der blanke hohn auf die kapitalistische "freiheit") säuberlich unterteilt in die machtbereiche verschiedener banden und clans - von der cosa nostra über die triaden und den yakuza bis hin zum kolumbianischen kokain-kartell ist die elite der als solches definierten organisierten kriminalität vorhanden, und dazwischen tummeln sich etliche, ethnisch organisierte streetgangs. eine brutale und korrupte polizei sowie extrem mißgelaunte und ständig schlagbereite passantInnen vervollständigen ein virtuelles bild, welches sich bei der betrachtung der realität in diversen regionen des planeten nur als prophetisch bezeichnen lässt. vielleicht ist das auch ein - versteckter - grund für manche zensurbestrebungen. in "vice city" und indirekt auch in "gta 3" gibt es dazu regulär bzw. mittels cheats die möglichkeit, selbst als spielfigur amok zu laufen bzw. die gesamte stadtbevölkerung in einen amokartigen kampfzustand "alle gegen alle" zu verwickeln.

"max payne" hingegen - mit der durchaus interessanten story "soziopathische konzernchefin überschwemmt mithilfe der mafia die gesellschaft mit einer droge, abfallprodukt von waffenversuchen der us-army" - weist alle elemente eines ego-shooters auf, und in dieser rolle des "einsamen rächers" sind die grenzen zum amok permanent fließend. wobei die dort gezeichnete virtuelle welt mit ihrer extremen grausam- und bösartigkeit auch quasi dazu auffordert, mit ihr bzw. ihren virtuellen einwohnern schluß zu machen (ich finde es übrigens ein ganz interessantes detail, dass sowohl in diesem spiel als auch in "gta 3" die jeweils als eiskalt dargestellten oberbösen (konzernchefin, sowie weibliche bosse der yakuza und der kolumbianischen mafia, bei der cosa nostra werden in "gta 3" dazu noch witze über den mutterkult italienischer mafiosi gemacht) jeweils frauen sind - dazu in "max payne" mit allen zügen einer bösen mama, die letztlich auch eine tochterfigur - die frau von max payne - sowie ihr "enkelkind", noch ein baby, umbringt bzw. umbringen lässt. ich kann mir schlecht vorstellen, dass sich spiele-entwickler mit borderline-müttern befassen - woher also stammen diese bilder?)

vielleicht mögen sich nun gerade diejenigen unter Ihnen, die mit solchen spielen nichts im sinn haben, in ihrer ablehnung bestätigt fühlen - aber ich möchte abschließend nochmal die zwei für mich entscheidenden punkte hervorheben: genauso wenig, wie bspw. ein naziparteitagsfilm von leni riefenstahl niemanden zum nazi machen kann, der/die nicht schon entsprechende dispositionen besitzt, kann eine virtuelle spielwelt jemanden zum amok bringen. der zusammenbruch der wahrnehmungsfähigkeiten, welche die grenzen zwischen virtuell und real unsicher werden lassen, hat mit solchen spielen imo nichts zu tun. sie können einen fortschreitenden prozess der de-realisierung (als dissoziatives phänomen) möglicherweise verstärken - aber nicht auslösen.und vor diesem hintergrund sollte der aktionismus "verbietet die killerspiele!", der uns gegenwärtig mal wieder als hauptmaßnahme gegen taten wie in emsdetten präsentiert wird, als das verstanden werden, was er imo tatsächlich ist: schein- und ablenkungsdebatten innerhalb gesellschaftlicher kreise, die ihre köpfe gegenüber der selbst produzierten realität größtenteils weiter tief im sand stecken haben.

***

bei der frage danach, woher denn nun dieser deutlich ausgesprochene allgemeine "hass auf menschen" bei den amoktätern stammt, kam mir bei betrachtung des briefes von sebastian b. sehr schnell ein buch in den sinn, dem ich gleichfalls die bezeichnung "dystopie" geben würde - ausweitung der kampfzone von michel houellebecq (hinter dem link verbergen sich eine kurze inhaltsangabe & rezension) war ende der 1990er und rund um die jahrhundertwende in mehreren europäischen ländern ein bestseller, was ich bei diesem buch nach wie vor bemerkenswert finde und mir als einleuchtendste erklärung scheint, dass der autor hier kollektive tiefenströmungen sehr unguter art angesprochen hat - und das ist etwas, was ich jetzt jenseits aller formalen literatur-, sprachkritik usw. näher unter die lupe nehmen möchte.

kampfzone - titel

der roman enthält letztlich viele themen, die auch hier im blog dominant sind: es ist erstens - in seiner hoffnungslosigkeit, seinem zynismus und seiner beschreibung schwerer beziehungsstörungen - ein echtes stück fiktionale borderline-literatur; es ist zweitens - ohne es jemals auszusprechen - ein bericht über allgemein verbreitete autistische züge im sozialen leben; es ist drittens eine - wenngleich ungenaue und inkonsequente - kritik an orthodoxer psychiatrie und psychoanalyse (die hier aber auch v.a. deswegen abgelehnt werden, weil der namenlose ich-erzähler eigentlich nicht wirklich wissen will, was mit ihm passiert); es macht viertens eine aufschlußreiche, konsequente und konkretistische gleichsetzung von sex = liebe auf; enthält fünftens eine fast schon geniale beschreibung des objektivistischen modus´ in funktion - und legt, damit zum letzten punkt, mit der aufdeckung einer bedrohlichen und tödlichen allgegenwärtigen lieblosigkeit meiner meinung auch die eigentliche basis (nicht nur) für den amok unserer tage frei.

der ich-erzähler ohne namen arbeitet als informatiker, ist materiell relativ gut gestellt - und entwickelt im verlaufe der geschichte, die er in einer ständig beobachtenden position beschreibt, eine schwere psychophysische krise, die er an sich selbst und an anderen vor allem an der unmöglichkeit, menschliche beziehungen einzugehen - was sich für ihn v.a. am vorhandensein bzw. nichtvorhandensein sexueller beziehungen manifestiert - festmacht. er beschreibt eine zunehmend sinnloser werdende welt von egozentrischen, vordergründig narzisstischen und sich ständig am arbeits- und sexmarkt prostituierenden persönlichkeiten, die als perspektive aus seiner sicht nichts weiter als die allmähliche aussonderung aufgrund alter und biologischem verfall vor sich haben. liebe in all ihren möglichen variationen, auch und gerade freundschaft (und freundlichkeit), ist in dieser welt nicht (mehr) vorhanden (besser: kann nicht mehr wahrgenommen und/oder geäussert werden, was aber aufs gleiche hinausläuft).

im verlauf des romans unternimmt er mit einem kollegen eine geschäftsreise, erlebt und beschreibt dessen scheitern beim versuch des "frauenaufreißens" (auch so ein verräterisches wort) und empfiehlt diesem dann zur "bedürfnisbefriedigung" einen mord (und nicht nur an dieser stelle wird der implizite bezug zum amok imo sehr deutlich - lassen Sie sich nicht von der oberflächlichen thematik ablenken):

(...)"Was soll ich bloß tun?", sagte er.

"Hol dir doch einen runter."

"Meinst du, es ist gelaufen?"

"Natürlich. Es ist schon lange gelaufen, von Anfang an ist es gelaufen. Du wirst nie einen erotischen Traum für junge Mädchen darstellen, Raphael. Du musst dich damit abfinden; diese Dinge sind nichts für dich. Auf alle Fälle ist es längst zu spät. Der sexuelle Misserfolg, Raphael, den du seit der Pubertät erfahren hast, die Frustration, die dich verfolgt, seit du dreizehn bist, werden in dir eine unauslöschliche Spur hinterlassen. Selbst wenn du irgendwann einmal Frauen haben solltest, was ich ehrlich gesagt nicht glaube, wird das nicht genügen; nichts wird jemals genügen. Du wirst immer ein Waisenkind dieser Jugendlieben bleiben, die du nicht erfahren hast. Die Wunde in dir schmerzt; sie wird immer schmerzhafter werden. Eine schreckliche, unbarmherzige Bitterkeit wird am Ende dein Herz erfüllen. Für dich gibt es weder Erlösung noch Linderung. So ist das. Aber das soll nicht heißen, dass dir jede Möglichkeit der Rache verboten ist. Diese Frauen, die du so sehr begehrst, kannst du auch besitzen.(...) du kannst schon jetzt ihr Leben besitzen. Noch heute Abend sollst du die Laufbahn des Mörders betreten; glaub mir, mein Freund, das ist die einzige Chance, die dir bleibt. Wenn du diese Frauen vor der Spitze deines Messers zittern und um ihre Jugend flehen siehst, wirst du wahrhaftig ihr Herr und Meister sein; du wirst ihren Leib und ihre Seele besitzen."(...)

(houllebecq "ausweitung der kampfzone"; s.o., s.126/127)


mehrere strukturen sind hier bemerkenswert: die durchaus für viele männer immer noch realität darstellende ausschließliche vorstellung, dass sex - und zwar nur sex - die einzige und "eigentliche" form zwischenmenschlicher beziehungen darstelle (konkretistische, d.h. gegenständlich-objektivistische wahrnehmung: sex als engste und wortwörtlich "naheste" möglichkeit der beziehung - in der realität verhält sich das bekanntlich durchaus nicht so), dient hier als ausgangspunkt für eine vernichtende kausalkette: kein sex = keine beziehung = ewige schmerzen = endpunkt rache.

wenn ich mir die lebensläufe der vorwiegend jung-männlichen amoktäter anschaue, mit den immer wieder festgestellten merkmalen der sozialen isolation incl. fehlens von beziehungen zu frauen, und dazu die entsprechende gesellschaftlich herrschende ideologie und praxis berücksichtige, in der sexualität tatsächlich zu einer art alles dominierendem platzhalter für die mehr und mehr fehlende vielfalt von lebendigen und liebevollen menschlichen beziehungen geworden ist, zu allem überfluß auch noch zusehends unter die räder der "marktgesetze" geraten ist - äußere attraktivität konform der jeweiligen mainstreamproduzierten nachfrage mitsamt der fähigkeit, das eigene image gut zu verkaufen, erhöhen die eigenen chancen, von anderen als investitionswürdiges (zeit, aufmerksamkeit) objekt der begierde wahrgenommen zu werden - wenn ich mir also diese verhältnisse so betrachte, dann ist es für mich eine plausible möglichkeit, dass die - glücklicherweise in relation bisher immer noch kleine - gruppe der jugendlichen amoktäter auch versucht, tatsächlich an derlei erbärmlichen verhältnissen rache zu üben. ich möchte das ausdrücklich als these verstanden wissen.

auch der ich-erzähler gebraucht, wie schon gesagt, sexualität während des ganzen romans in ziemlich genau dem gerade skizzierten rahmen als metapher für beziehungen überhaupt, und das bedeutet für den sex nichts weiter als eine hoffnungslose überfrachtung hinsichtlich seiner möglichkeiten und seines sinns. sicher, sexuelle frustrationen können verdammt schmerzhaft sein, jedoch entsteht dieser schmerz erstens bei niemandem in einem gesellschaftlichen vakuum, und kann zweitens durch andere gelebte beziehungsformen doch recht stark relativiert werden. diesbezgl. befindet sich die figur des erzählers in der "kampfzone" nicht nur in einer eben solchen, sondern vor allem auch in einem wahrnehmungstunnel.

im buch schrammt der kollege des erzählers dann tatsächlich kurz an einem (doppel-)mord vorbei, um wenig später in einem sehr suizidverdächtigen autounfall (die näheren umstände werden bewußt mystifizierend offengehalten) sein unglückliches leben zu beenden.

*

weisen die obigen aspekte für mich schon eine sehr spezielle verbindung zum amokthema auf, so betrachte ich die allgemeine atmosphäre des romans, die ich oben schon kurz skizziert habe, als potenziellen humus für amok - potenziell deshalb, weil es eben einige verschiedene möglichkeiten gibt, mit den dystopischen zuständen irgendwie "klarzukommen". der namenlose erzähler agiert eher nach innen aus, landet im weiteren verlauf bei einem psychiater mit der diagnose einer depression, verläßt seinen job bzw. wird gleichzeitig entlassen, und landet schließlich in einer psychiatrischen klinik. wo er sich u.a. folgende gedanken zu seinen mitpatientInnen macht:

(...)"Ich verfiel langsam auf den Gedanken, dass all diese Leute, Männer wie Frauen, überhaupt nicht gestört waren; sie litten bloß unter einem Mangel an Liebe. Ihre Gesten, ihr Verhalten, ihre Mimik zeugten von einem herzzereißenden Durst nach körperlicher Berührung und Zärtlichkeit; aber das war natürlich nicht möglich. Deshalb wimmerten sie, stießen Schreie aus, zerkratzten sich mit ihren Fingernägeln. Während meines Aufenthalts hat einer sich erfolgreich kastriert."(...)

("ausweitung der kampzone"; s.164)


der mangel an liebe ist natürlich in einer allgemeinen art eine ganz richtige diagnose (und zieht dazu ganz real diverse störungen im psychophysischen funktionieren nach sich); die gleichzeitig wieder durch die oben thematisierte einschränkung des liebesbegriffes verzerrt und in gewisser weise auch entwertet wird. das macht der erzähler im "finale" des buches selbst deutlich, zu dessen einleitung er zunächst aus der psychiatrie entlassen wird:

(...)"Ich verließ die Klinik an einem 26. Mai; ich erinnere mich an die Sonne, die Wärme, die Atmosphäre der Freiheit auf den Straßen. Es war unerträglich."(...)

("ausweitung der kampfzone"; s.165)


ohne Sie erschrecken zu wollen - aber in meinen eigenen krisenzeiten hätte ich ganz haargenau ähnliche sätze formulieren können. für mich heute u.a. symptome einer krankheitswertigen wahrnehmungsverschiebung ins objektivistische hinein. und mit diesem begriff komme ich dann zum schluß des buches, welches auch gleichzeitig das für mich eindrucksvollste zitat überhaupt liefert. der erzähler begibt sich nach einem kurzen und trostlosen intermezzo in seiner leeren wohnung (wo er zudem beginnt, selbstverletzendes verhalten zu praktizieren) auf eine reise ohne ziel, und beobachtet sich an derem ende in folgender art und weise:

(...)"Das Wetter ist wunderschön, mild, frühlingshaft. Auch der Wald von Mazas, schön und zutiefst beruhigend. Ein richtiger Gebirgswald mit steil ansteigenden Pfaden, Lichtungen, einer Sonne, die überall durchdringt. Die Wiesen sind von Narzissen bedeckt. Man fühlt sich wohl und ist glücklich; weit und breit kein Mensch. Etwas scheint hier möglich zu sein. Man hat das Gefühl, sich an einem Ausgangspunkt zu befinden.

Und plötzlich verschwindet alles. Eine große geistige Ohrfeige wirft mich zurück auf mein innerstes Wesen. Und ich prüfe mich, werde ironisch, aber gleichzeitig habe ich Achtung vor mir. Wie sehr ich mich, bis ans Ende, zu großen geistigen Bildern fähig fühle! Wie deutlich die Vorstellung noch ist, die ich mir von der Welt mache!(...)

Ich lege mich auf eine Wiese in die Sonne. Und jetzt auf einmal der Schmerz, während ich in dieser so sanften Wiese liege, mitten in dieser so freundlichen, beruhigenden Landschaft. Alles, was Quelle der Teilnahme, der Lust, der unschuldigen Sinnesharmonie hätte werden können, ist zu einer Quelle von Unglück und Schmerz geworden. Gleichzeitig empfinde ich heftig die Möglichkeit der Freude. Seit Jahren marschiere ich an der Seite eines Gespenstes, das mir gleicht und das in einem theoretischen Paradies lebt, in engster Beziehung zur Welt. Ich habe lange geglaubt, dass es mir möglich wäre, diese Gestalt zu erreichen. Jetzt nicht mehr.

Ich fahre noch etwas tiefer in den Wald hinein. (...) Die Landschaft ist jetzt so sanft, so freundlich und froh, dass mir die Haut wehtut. Ich bin mitten im Abgrund. Ich spüre meine Haut wie eine Grenze; die Außenwelt ist das, was mich zermalmt. Heilloses Gefühl der Trennung; von nun an bin ich ein Gefangener in mir selbst. Die sublime Verschmelzung wird nicht stattfinden; das Lebensziel ist verfehlt. Es ist zwei Uhr nachmittags."

("ausweitung der kampfzone"; s.169/170)


das ist - zumindest für mich - eine ganz eindeutige darstellung dessen, was ich hier immer wieder als objektivistischen wahrnehmungsmodus bezeichne - und ich nehme jetzt mein eigenes entsprechendes werkzeug zur hilfe, um das deutlich zu machen.

- das "wohlfühlen und glücklich sein" ist an die abwesenheit anderer menschen geknüpft - nun kann ein derartiges alleinsein manchmal notwendig und wohltuend sein; im kontext dieser geschichte jedoch ist einsamkeit der dominierende zustand. und ein "wohlfühlen" in einsamkeit hat eher etwas damit zu tun, dass andere als störend empfunden werden. störend bei was?

- vermutlich bei den "großen geistigen Bildern" und der "Vorstellung(!) von der Welt" - die ganze und gesunde subjektive wahrnehmung ist geschädigt, und als kompensation treten bilder und fiktionen der realität an deren stelle. in dieser situation ist die wahrnehmung der vielfältigen und ständig vorhandenen beziehungsmäßigen einbindung in die welt (und zu anderen menschen) nicht mehr vorhanden - u.a. mit dieser folge:

- "Alles, was Quelle der Teilnahme, der Lust, der unschuldigen Sinnesharmonie hätte werden können, ist zu einer Quelle von Unglück und Schmerz geworden." was für ein satz! eigentlich spricht er für sich selbst, aber trotzdem: der dominante objektivistische modus kann diese teilhabe (= beziehungswahrnehmung) funktional nicht "produzieren", sondern nur tote fiktionen davon.

- das "Gespenst" stellt folgerichtig die gesamte, körperlich basierte subjektivität (incl. körper) dar, von der sich der beobachtende objektivistische modus quasi verabschiedet hat - und jetzt als (fiktiver) gegenpol fungiert.

- und wenn die (unauflöslichen) beziehungen zur welt nicht mehr wahrgenommen werden können, kann die gesamte "außenwelt" einen bedrohlichen, "zermalmenden" touch bekommen - die objektivistische wahrnehmungsposition ist auch eine latent paranoide. gefangen in sich selbst...

- die lakonische feststellung "Es ist zwei Uhr nachmittags." weist auf den automaten- bzw. computerhaften werkzeugcharakter dieses zustandes hin - unbeeindruckt wird bis zum letzten und unter (fast) allen umständen beobachtet und registriert; und letztlich bedeutet der bezug auf ein objektivistisches und abstraktes, fremdbestimmtes zeitraster auch so etwas wie (als-ob)sicherheit.

so. und warum ich finde, dass das alles eine menge mehr als bspw. pc-spiele mit den psychophysischen zuständen von jungen amokläufern zu tun hat - diese frage können und dürfen Sie sich eigentlich jetzt selbst beantworten. vor allem dann, wenn Sie einerseits die empathielosigkeit und andererseits auch das selbstmitleid berücksichtigen, welches ein entgleister und dominanter objektivistischer zustand mit sich bringt - ersteres zwangsläufig, das zweite eher nur in bestimmten konstellationen.

Dienstag, 21. November 2006

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ich begrüße das kulturblog und den capitalverbrecher und möchte beide blogs der aufmerksamkeit der leserInnen empfehlen.

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Texte E.Mertz
Schönen guten Tag allerseits, ich bin seit geraumer...
Danfu - 2. Sep, 21:15

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