Montag, 20. November 2006

assoziation: zu den "schulen des verbrechens"

ich hatte im verlauf dieses beitrags vor ein paar monaten auf einen artikel aufmerksam gemacht, in dem folgende - von heute aus betrachtet regelrecht prophetische - worte zu lesen waren:

(...)"Gestörte Jugendliche und verurteilte Sexualstraftäter bleiben sich selbst überlassen, die Behörden sind blind für das, was ihnen gegenüber nötig wäre, und taub für alle Alarmzeichen"(...)

im weiteren verlauf des artikels wird anhand einer konkreten geschichte sehr deutlich, wie die heutigen bedingungen in den knästen hierzulande regelrecht zu einer unvermeidbaren antisozialen bzw. soziopathischen entwicklung führen können (vielleicht bilden die knastbedingungen ja auch den letzten trigger, um bei entsprechend disponierten - was u.a. auch traumatisiert bedeuten kann - persönlichkeiten die im letzten blogbeitrag erwähnten entsprechenden gene zu aktivieren?)

all das fiel mir bei betrachtung des gerade medial verwursteten foltermordes in der jva siegburg wieder ein - erst recht, als ich das hier las:

(...)"Der Mord in Siegburg sei natürlich ein Einzelfall."

aber "natürlich" (siehe weiter unten).

"Doch insbesondere für Jugendliche sei die Zeit im Gefängnis hart. "Sie müssen sich behaupten, sonst gehen sie unter", sagt der Psychologe. Jugendliche versuchten, Macht über Schwächere auszuüben, so bildeten sich Hierarchien. "Sprichwörtlich" sei es, jemanden zu zwingen, den Kopf in die Kloschüssel zu stecken.

Auch "Abzocke" sei üblich: Gefangene drohen demnach anderen damit, dass sie etwas "auf die Schnauze" bekommen, wenn sie etwa keinen Tabak abgäben oder sich weigerten, "Dienstleistungen" auszuüben, wie beispielsweise die Zelle zu putzen. All das gehöre zur Subkultur. Auch Vergewaltigungen seien keine Einzelfälle."(...)


"subkultur" = andere köpfe in die kloschüssel stecken, ansätze von sklaverei, vergewaltigungen. so einfach lässt sich die tatsache von existierender folter in öffentlichen und von steuergeldern finanzierten institutionen als ein PAL (problem anderer leute) von sich selbst abwälzen. keine frage danach, warum wohl die jugendlichen versuchen, "macht über schwächere" auszuüben - keine frage danach, dass dieser präfaschistische sozialdarwinismus durchaus in den herrschenden gesellschaftlichen ideologien mehr als stillschweigend toleriert wird. keine frage danach, welche "wertsysteme" die täter einfach nur in einem unter knastbedingungen besonders extremen konzentrat ausagieren.

und vor allem keine frage danach, ob die institution gefängnis überhaupt jemals etwas anderes erzeugt hat als entweder gebrochene menschen, oder aber vermehrt haß- und racheerfüllte antisoziale ins außen entlässt. ich habe manchmal das gefühl, die psychophysischen wirkungen wären nicht ganz so destruktiv, wenn klipp und klar gesagt werden würde: ihr seid hier drin, um rachebedürfnisse zu stillen (abschreckung oder gar "besserung" gehören erwiesenermaßen nicht zu den wirkungen von strafen). es würde zwar die grundsätzlichen bedingungen nicht ändern, aber immerhin ein stück ehrlichkeit in der gesellschaftlichen kommunikation wiederherstellen (generell dazu: ich habe früher an anderer stelle hier schon mal deutlich gemacht, dass ich rachebedürfnisse grundsätzlich bei den direkten opfern und ihrem umfeld nachvollziehen kann, aber aus ebenso grundsätzlichen erwägungen nicht akzeptieren möchte - rachegefühle entstehen v.a. bei ohnmachtsgefühlen, und auch das sagt einiges über die herrschenden zustände aus).

das einzige wirklich plausible argument für eine soziale isolation mittels einsperren bleibt bis auf weiteres der schutzaspekt - und auch das enthält solange einen zweifelhaften beigeschmack, wie hochgradig antisoziale mitglieder der "eliten" es immer wieder schaffen, jeglichen oder doch wirklich schweren gesellschaftlichen sanktionen zu entgehen.

hinsichtlich der nun aufkommenden forderung nach mehr einzelzellen stellt ein beitrag auf telepolis eine nötige, wenngleich finstere frage:

(...)"Retten Gemeinschaftszellen also wirklich mehr Leben, als sie kosten? Oder schätzt das Wachpersonal an ihnen vielmehr eine gewisse Blockwart-Wirkung, die Alpha-Häftlinge auf potentielle Querulanten ausüben, damit die Wärter nachts nicht so oft rausgeholt werden?"(...)

was würden Sie antworten? empört sein über diese unterstellung? und/oder den ahnungslosen spielen?

(...)"Der Wärterverband gab sich trotzdem überrascht. Friedhelm Sanker beteuerte, er hätte bis zu den Ermittlungen geglaubt, dass es solche Vorfälle nicht gibt. In den letzten Jahren kam es allerdings unter anderem in "Gemeinschaftszellen" in Oslebshausen, Berlin-Tegel, Recklinghausen, Zeithain, Köln, Ichtershausen, Schweinfurt, Naumburg, Fuhlsbüttel, Leipzig und im österreichischen Josefstadt zu ähnlichen Fällen, die darauf hindeuteten, dass es sich nur um die Spitze eines Eisberges handelt.

Als Anfang August 2003 herauskam, dass ein 14jähriger Untersuchungshäftling im Jugendtrakt der Justizanstalt Josefstadt von drei nur wenig älteren Mithäftlingen vergewaltigt wurde, erklärte der damalige Präsident des Jugendgerichtshofs, Udo Jesionek, dass es Justizwachbeamten zufolge "permanent" zu Vergewaltigungen komme."(...)


kann die schlußfolgerung aus den einlassungen seitens des wärterverbandes nicht eigentlich nur lauten, dass in diesem fall der großteil des wachpersonals als völlig untauglich für eine derartige aufgabe angesehen werden muss? die andere alternative würde nämlich tatsächlich heißen: es ist nicht unfähigkeit, sondern absicht. und ich weiß nicht, welche variante ich schlimmer finden würde.

fast schon schlimm finde ich hingegen folgende aussage bezgl. einzelhaft:

(...)"Zeichen einer übertriebenen Gemeinschaftsschwärmerei der Generation Joseph Fischers, die Einzelzellen als "Isolationsfolter" schmäht und die Augen davor verschließt, dass es auch Soziopathen gibt, die in Milieus wie Gefängnissen oder dem Militär durchaus bestimmendere Rollen als in Wohngemeinschaften einnehmen können?"

ohne der "generation joseph fischers" anzugehören oder anzugehören zu wollen, behaupte ich, dass in dieser aussage eine implizite verharmlosung der möglichen folgen von langer einzelhaft steckt - sensorische deprivation heißt hier das stichwort, und die damit verbundenen bekannten fakten gelten nicht nur für die reine isolationshaft, sondern - in individuell gemilderter, jedoch weiterhin grundsätzlich schädlicher form - auch für jegliche einzelhaft. anscheinend hat sich noch nicht überall herumgesprochen, dass das einsperren in engen räumen prinzipiell sehr schnell negative wirkungen auf die menschliche gesundheit nach sich zieht (versuchen Sie´s selbst nur für einen tag, am besten in einem fensterlosen badezimmer bei synthetischem licht).

all das obige spricht allerdings ebenfalls nicht gegen das berechtigte argument, dass es gerade in gefängnissen gehäuft zu einer ballung von antisozialen/soziopathischen persönlichkeiten kommt. ein primär reiner verwahrvollzug mit arbeitszwang kann diese persönlichkeitsstrukturen nicht nur nicht entschärfen, sondern bildet im gegenteil - spiegel der gesellschaft! - auch hier einen reinen humus für deren ungehindertes agieren. und das sich in gemeinschaftszellen solche persönlichkeiten genauso "durchsetzen" wie in den sonstigen "freien" gesellschaftlichen hierarchien, sollte beim heutigen wissen zu den antisozialen störungen im allgemeinen und den soziopathen im besonderen niemand mehr groß überraschen. die pseudoalternative einzelhaft vs. gemeinschaftszelle gleicht also eher der wahl zwischen pest und cholera.

aber womöglich müssen wir - wie so häufig in den verschiedensten anderen gesellschaftlichen bereichen auch - von den übelsten szenarien als den realitätsgetreuesten ausgehen:

"Aber vielleicht ist auch diese Ausübung von Macht durch Mitgefangene an mancher Stelle nicht ganz unerwünscht. Auf diese Weise werden nämlich im Grundgesetz verbotene Körperstrafen und Folter durch die Hintertür Bestandteil des Strafvollzuges und damit auch der "Abschreckung".(...)

in einer zeit, in der ein bekanntes nachrichtenmagazin mit der schlagzeile herauskommt "Die Deutschen müssen das Töten lernen", in der sich die armeelazarette mit traumatisierten soldaten füllen, die an anderen stellen schädelspielchen veranstalten, und in der sich der "terroralarm" als dauernd und gleichzeitig diffus verselbstständigt hat - in so einer zeit ist vielleicht die wiedereinführung eines modifizierten kapo-prinzips nur ausdruck der gleichen objektivistischen (und kranken) logik, die das leben auf diesem planeten für mehr und mehr menschen zu einer hölle werden lässt. willkommen in der freien welt!

Montag, 13. November 2006

notiz: treffende sätze...

...und zwar in einem kurzen bericht zu einem altbekannten thema (siehe z.b. hier und hier, sowie - besonders zum erwähnten aspekt der simulation - die beiträge zur als-ob-persönlichkeit).

(...)"Soziopathie hat allerdings nicht allein anatomische Ursachen. Birbaumer ist der Ansicht, dass man das Verhalten eines Menschen nicht von der Umgebung trennen kann. Auch Gene allein können Soziopathie nicht produzieren, meint er. Denn: "Dissoziales Verhalten ist auch soziales Verhalten. Man muss den Menschen erst einmal in eine Situation bringen, in der ein passendes Gen sich angesprochen fühlt".(...)

dem ist nicht viel hinzuzufügen - außer der tatsache, dass unsere derzeitigen (anti-)sozialen verhältnisse einen wahren humus für derartige entwicklungen darstellen.

notiz: (und wieder mal) alleine mit der mafia

da hatte ich u.a. mit der ehrenwerten gesellschaft sizilianischen ursprungs den letzten beitrag eröffnet, und schon gibt es neue informationen zum wirken einer engen verwandten:

(...)"Laut dem BND-Papier nutzt die 'Ndrangheta Deutschland nicht nur als Durchgangsland für ihren Waffen- und Drogenschmuggel. Die Organisation habe zudem kriminelle Gewinne in zweistelliger Millionenhöhe in den Erwerb von Hotels, Gaststätten und weiteren Immobilien hauptsächlich in Thüringen, Sachsen und an der Ostsee investiert. Nach Erkenntnissen des BND und des Bundeskriminalamtes zieht die 'Ndrangheta den Großteil ihrer Gewinne aus dem internationalen Rauschgift- und Waffenhandel. In beiden Fällen führen die wichtigsten Transitrouten durch Europa über die Bundesrepublik. In Ostdeutschland haben sich zu diesem Zweck laut BND mehrere Clans der Organisation angesiedelt, um von dort aus insbesondere den Waffen- und Sprengstoffschmuggel nach Osteuropa zu organisieren."(...)

geheimdienste sind ja so eine - durchaus zweifelhafte - sache: selbst konspirativ organisiert und tätig, ist manchmal nicht so genau zu beurteilen, ab wann die grenzen zu eigentlich ureigenem mafiösen treiben verwischen. dazu versuchen sie seit dem ende des "realsozialistischem blocks" auch ständig, ihre existenzberechtigung nachzuweisen. und trotzdem tendiere ich dazu, die dargestellten informationen durchaus ernst zu nehmen - ich halte mafiöse strukturen bekanntlich für ein belegbares und aus unseren skandalösen sozialen bedingungen ableitbares phänomen. zu dem staatliche institutionen wie geheimdienste allerdings grundsätzlich nicht nur punktuelle affinitäten aufweisen.

(...)"Darüber hinaus gilt Deutschland neben Belgien, den Niederlanden, Spanien und Frankreich auch als wichtigstes Zentrum der Geldwäscheaktivitäten der 'Ndrangheta. So seien an der Frankfurter Börse große Aktienpakete erworben worden, vor allem von Energiekonzernen.

Davon betroffen ist nach Erkenntnissen des BND auch der russische Energiemulti Gazprom. Aktienpakete des international operierenden Unternehmens wurden demnach von einigen Großclans der 'Ndrangheta gekauft. An Gazprom ist auch der deutsche Energiekonzern Eon Ruhrgas beteiligt. Altkanzler Gerhard Schröder ist zudem Verwaltungsratspräsident des Gazprom-Ablegers Nordeuropäische Gas-Pipeline AG. Außer in Aktienbeteiligungen investiert die Mafia ihre Gewinne in den Erwerb von Immobilien, insbesondere in Ostdeutschland. Die BND-Analyse beruft sich dabei auf Erkenntnisse des BKA und der Landeskriminalämter von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wonach die 'Ndrangheta-Clans "kriminelle Gewinne in erheblichem Umfang in das Gebiet der ehemaligen DDR" leiten. Einer der Schwerpunkte der Investitionen sei dabei die Ostseeküste."(...)


das obige belegt nur noch mal eine wichtige aussage: niemand sollte dem irrtum verfallen, bei solchen mafiösen zuständen handele es sich lediglich um "gesetzwidrige auswüchse" eines ansonsten ganz okayen kapitalismus. eher werden hier die spitzen nicht nur eines eisbergs, sondern eines ganzen eisgebirges sichtbar - es ist mittlerweile kaum noch zu unterscheiden, wo sich die antisozialen praktiken bspw. eines bekannten softdrinkherstellers im umgang mit bspw. als "mißliebig" deklarierten gewerkschaftern oder bei praktizierter ökologischer ignoranz groß vom treiben der cosa nostra, `ndrangheta, dem japanischen yakuza oder den chinesischen triaden unterscheiden lassen. faktisch nur noch dadurch, das die einen juristisch-objektivistisch gesehen überwiegend "legale", und die anderen eben "illegale" geschäfte machen - mit einer sich ständig ausweitenden antisozialen grauzone dazwischen (um der ausgewogenheit wegen: Sie können statt des bekannten getränkekonzerns auch einen ebenso bekannten ölkonzern oder auch einen gleichfalls gut bekannten lebensmittelmulti einsetzen - oder, oder oder...). jedenfalls fühlt sich die illegale mafia in der trauten zweisamkeit mit der legalen ausnehmend wohl - warum auch nicht?

es ist gleichfalls völlig naiv anzunehmen, dass sich ein "zivilisierter" kapitalismus irgendwie anders verhalten würde - er kann es aufgrund seiner strukturellen, primär objektivistischen und damit latent antisozialen, herkunft einfach nicht. das sei vor allem jenen gesagt, die sich die relative ruhe des mit der alten brd assoziierten "rheinischen kapitalismus" zurückwünschen und das für ein praktikables modell halten. sorry, aber Ihr kaffee, mein softdrink, unsere kleidung und unsere energie waren damals bereits genauso blutbespritzt und mit leichengeruch getränkt wie heute. da gibt es keine ausnahmen. lediglich der schein musste aufgrund der historischen umstände besser gewahrt werden als heute.

zurück zur illegalen mafia: die als "ndrangheta" bekannte bandenstruktur wird in einem älteren artikel etwas genauer beleuchtet:

(...)"Die Wurzeln der Organisation reichen weit zurück. Im 19.Jahrhundert entstand sie aus Briganten und Rebellen. Das Wort „’Ndrangheta“ soll sich vom griechischen „andragathos“ – „tapferer Mann“ – ableiten. Früher machten diese „Tapferen“ ihr Geld mit Erpressung und Kidnapping. In Höhlen um Plati und San Luca wurden entführte Norditaliener versteckt.

Mächtig wurde die Mafia aber ausgerechnet durch die Hilfe des Staates für den Mezzogiorno, den Süden Italiens. Sie mästete sich am Eisenbahn- und Autobahnbau sowie an gigantischen Industrieprojekten.

Heute liegt der Jahresumsatz der ’Ndrangheta nach offiziellen Schätzungen bei 35 Milliarden Euro – das ist mehr als die legale Wirtschaftsleistung Kalabriens. Das Hauptgeschäft machen die hundert Clans mit ihren 7000 Mitgliedern nach Erkenntnissen italienischer Ermittler mit dem Drogenhandel.

Nachdem die sizilianischen Mafiosi massiv unter Ermittlungsdruck gerieten, zogen die Vettern vom Festland das Geschäft an sich. So kontrolliert die ’Ndrangheta nunmehr den weltweiten Kokainhandel. Dabei sticht sie sogar die mächtigen kolumbianischen Kartelle aus und kauft die Ernten direkt bei den Koka-Bauern."(...)


eine verzerrte oder deformierte definition von individualismus wird präsentiert - aber denken Sie einmal über die inhalte nach, die uns von den propagandisten des neoliberalen kapitalismus ständig in hirn gewaschen werden:

(...)„Die Politiker wollen uns wie zu Zeiten der Bourbonen-Herrschaft unten halten. Denn wenn wir wachsen, können die nicht mehr mit uns umspringen, wie sie wollen.“ Dann bricht es aus ihm heraus: „Wir Italiener sind Individualisten: Wenn ich eine Milliarde für Infrastruktur bekomme, gebe ich 100 Millionen dafür aus und stecke den Rest in die Tasche. Ein Gemeinschaftssinn existiert nicht. Uns interessiert nur das eigene Haus.“(...)

eine sichtbare antisoziale - und strukturell autistische - einstellung also, bei der ich keine qualitativen unterschiede zu den entsprechenden positionen bspw. der "alle-müssen-den-gürtel-enger-schnallen-und-nur-die-unternehmerische-initiative-wird-uns-retten" -propagandistInnen zu erkennen vermag. selbst das ressentiment gegenüber einem gestaltendem staat (den ich persönlich keineswegs für der weisheit letzten schluß halte) ist wie bei den am rad drehenden kapitalfetischisten vorhanden.

eine ganz gute darstellung der historischen entwicklung der mafia gibt es hier. zu den psychophysischen hintergründen - zb. besonders den familienstrukturen und erziehungspraktiken in sizilien, aber auch kalabrien - gibt es hingegen bisher nur recht wenig material. dieses wenige (mir bekannte) werde ich u.a. im kommenden traumaschwerpunkt genauer vorstellen. und ansonsten verweise ich auf die zu beginn des letzten beitrags hier verlinkten früheren blogbeiträge zum thema.

Dienstag, 7. November 2006

notiz: und zwischendurch - die kleine medienumschau (update)

sehr komprimiert ein paar hinweise auf artikel, die meine aufmerksamkeit aktiviert haben.

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die these vom zerfall der sozialen fähigkeiten (mit der option bandenbildung zum überleben) als ein hauptsymptom in gesellschaften, deren mitglieder durch massive gewaltverhältnisse in die diversen beziehungskrankheiten getrieben werden, habe ich hier schon öfter versucht zu illustrieren - beispiele brasilien, die italienische mafia und überhaupt allgemein mafiartige zustände in den sog. politischen und ökonomischen eliten. ergänzend lässt sich dazu dieser neue artikel lesen:

(...)"Eine Wirtschaft, die als rücksichtslos wahrgenommen wird, hat eine kriminogene Wirkung", macht also Menschen zu Verbrechern, sagt Bussmann."(...)

(...)"Der einzelne müsse sich heute wie ein Unternehmer gebärden, viel mehr Entscheidungen und Verantwortung selbst übernehmen. Selbst gegenüber Regierungsbehörden würden Bürger zu "Konsumenten", die sich nach Marktgesetzen richten müssten. Es herrsche eine "zynische Einstellung gegenüber dem Gesetz". Ökonomische Metaphern würden auch auf den zwischenmenschlichen Bereich ausgedehnt. Eine Kombination aus Misstrauen gegenüber dem Markt, Angst vor Verbrechen und "rechtlichem Zynismus" bilde schließlich das "Syndrom der Marktanomie".(...)


wobei die heutigen gesetze sich diese zynische einstellung durchaus verdienen. ansonsten macht es mal wieder absolut keinen spaß zu sehen, dass einen die eigenen wahrnehmungen nicht betrügen.

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vermutlich sind hier viele leserInnen auch öfter bei telepolis und werden die folgenden empfehlungen schon kennen - ich mache es deshalb kurz.

die staatlichen maßnahmen zur "prävention" gegen offiziell so definierte antisoziale persönlichkeiten besonders unter kindern und jugendlichen sind hier wieder einmal thema. was ich davon halte, habe ich im blog früher schon geschrieben. ansonsten fällt mir zum artikel nur noch ein zitat ein, dessen urheber ich leider vergessen habe - "eine gesellschaft, die angst vor ihren eigenen kindern bekommt, ist erledigt." aber hallo.

desweiteren: eine neue studie zum möglichen zusammenhang zwischen fernsehkonsum und autismus wird besprochen; der zweite teil der reihe zur aufmerksamkeitsdefizit(hyperaktivitäts)störung und ihrer behandlung mit ritalin ist zu lesen, und ebenfalls geht die diskussion über die "pädagogischen" thesen von b. bueb weiter - ich finde ja, man sollte dem nicht noch mehr platz einräumen.

viele explizit "politische" artikel - wie z.b. zu den derzeitigen auseinandersetzungen in mexico - sind ebenfalls empfehlenswert. stöbern Sie einfach selbst herum.

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und zum schluß dieses wie immer unvollständigen überblicks einen artikel, der sich als ergänzung/fortführung vieler beiträge hier im blog liest - besonders an die kleine reihe zum nahostkonflikt sei hier erinnert. Ein Irrenhaus namens Gaza:

(...)"Psychiater Sarraj fürchtet, das Umfeld der Angst, Gewalt, Armut und Hoffnungslosigkeit werde die Generation der Bettnässer in eine von «Gorillas» verwandeln. Er spricht vom Konflikt als einer Psychopathologie, von Israel und Palästina als psychisch kranken Patienten. Der israelische Patient sehe sich immer noch als Opfer, das keine Versöhnung durchlebt habe und deshalb in all seinen Handlungen von Angst getrieben werde. Der palästinensische Patient bleibe gefangen in Gedanken von Widerstand und Vergeltung. Doch das Schicksal der Menschen liegt nicht in den Händen von Psychiatern, sondern von Politikern. Diese waren bisher unfähig, Heilung und Versöhnung zu bringen. Wer hat je das Leid des anderen anerkannt?"(...)

"Wie viele psychisch krank sind und wie ihre Krankheiten heissen, weiss niemand so genau. Statistiken verzeichnen eine Anhäufung von Borderline-Persönlichkeiten, emotional instabilen Personen, die ein zerrüttetes Selbstbild aufweisen und sich nicht mehr in die Gesellschaft integrieren können. Eine Studie des Gaza Community Mental Health Programme stellt fest, dass über 70 Prozent der Kinder an PTBS leiden und knapp 100 Prozent Symptome davon aufweisen: Albträume, Flashbacks, emotionale Stumpfheit, Gleichgültigkeit, Konzentrationsstörung, Schreckhaftigkeit, Angstzustände, Schlaflosigkeit, Depression, manchmal Panik- oder Aggressionsattacken und Bettnässen. Wer Geld hat, kauft Tabletten: Schlaftabletten, Beruhigungstabletten. Man klagt, aber man spricht nicht über psychische Krankheiten. Wenige suchen Hilfe bei einem Psychiater. Wäre das nicht ein Geständnis, dass einen der Besatzer in die Knie gezwungen hat? Ein Eingeständnis von Schwäche in einer Zeit, in der man stark sein muss, in einer Gesellschaft, in der man stigmatisiert würde? Und welche Behandlung ist gut genug, um Wunden zu heilen, die mit jeder Bombe, jedem Angriff erneut zu eitern beginnen?"(...)


keine weiteren worte notwendig.

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edit am 10.11.: zum obigen artikel der nzz bleibt noch nachzutragen, dass ich das wort "volksseele" erstens ärgerlich, zweitens mystifizierend und drittens auch als mißglücktes synonym völlig überflüssig finde.

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einen interessanten juristischen spruch gibt es hier zu bestaunen:

(...)"Die Art der Misshandlungen sind zwar schrecklich. Aber auf der Messlatte dessen, was wir hier sonst so haben, liegen sie im unteren Bereich"..."(...)

so die richterin in diesem verfahren. einen zweijährigen mit fäusten, hausschuh und einer fernbedienung zu schlagen - und ihn zu beißen? ja - der untere bereich - und zwar ganz, ganz weit unten. aber in einem anderen sinne als von der richterin gemeint.

um es deutlich zu machen: selbst, wenn "zorn und überforderung" vielleicht als motive nachzuvollziehen sind - eine rechtfertigung für das dargestellte handeln vermag ich daraus keinesfalls abzuleiten. es ist wieder mal eine geschichte zum haareraufen, bei der als einzige konseqeunz zu konstatieren bleibt, dass es zu solchen situationen überhaupt erst gar nicht kommen darf - was ein grundlegend geändertes verhältnis zu kindern und elternschaft überhaupt impliziert. und zu der heutigen justiz, die in solchen fällen meist entweder pest oder cholera verordnet (und nichts anderes verordnen kann), habe ich an anderen stellen bereits etliches gesagt.

ein weiterer aspekt dieser geschichte ist ebenfalls interessant - und auch nicht unbekannt:

(...)"Von dem Vorwurf, außerdem ein Sexualdelikt begangen zu haben, wurde der 24-Jährige freigesprochen. Das hatte neben seiner Verteidigerin auch der Vertreter der Staatsanwaltschaft beantragt, nachdem ein Psychologe die Glaubwürdigkeit der Hauptzeugin stark in Zweifel gezogen hatte. Die heute 32-jährige Mutter des Opfers leide unter der Borderline-Persönlichkeitsstörung, begründete der Gutachter. "Patienten mit dieser Krankheit neigen dazu, das zu erzählen, was gerade nahe liegt."(...)

zu diesen zweifeln an der glaubwürdigkeit hatte ich früher mal geschrieben:

(...)erstens: es gibt dokumentierte fälle von nachweislich falschen beschuldigungen bezgl. sexualisierter gewalt, oft genug von frauen mit bl-diagnose. die motive dafür können vielfältig sein und sind imo keineswegs generell als indiz für eine durch und durch bösartige persönlichkeit zu werten. wobei: auch letzteres existiert.

zweitens: es gibt noch mehr dokumentierte fälle von zutreffenden anklagen in der selben sache, in denen traumatisierten frauen/kindern oft genug durch unglauben und ignoranz neues unrecht geschieht. auch hier sind häufig frauen mit bl-diagnosen vertreten.

drittens: was für eine aussage steckt im satz von den vorwürfen, die zwar "nicht widerlegbar, aber auch nicht beweisbar" seien? ein eingestelltes ermittlungsverfahren sagt zunächst mal überhaupt nichts aus - "beweise" im juristischen sinne sind nicht unbedingt mit dem gleichzusetzen, was den meisten von uns unter "beweisen" vorschwebt. und gerade sexualisierte gewalt innerhalb der sog. privatsphäre, innerhalb von familien, ist durch die eigenart der situation oft genug nicht juristisch verfolgbar - keine oder eingeschüchterte oder aus "loyalität" schweigende zeugInnen, dazu die traumaspezifischen prozesse von abspaltung und verdrängung. diese logik ist von der justiz bis heute immer noch nicht in ihren konsequenzen begriffen (ausnahmen bestätigen die regel)."(...)


dem - und dem daraus folgenden vielfältigen dilemma - habe ich bis auf weiteres nichts hinzuzufügen, und möchte nur nochmals die these vertreten, dass ich die heutige justiz im angesicht derartiger verhältnisse strukturell weder für geeignet noch kompetent halte.

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ebenfalls früher hatte ich in einem kommentar geschrieben:

(...)"wobei ich persönlich nicht ausschließe, dass verschiedene umweltgifte durchaus eine rolle spielen könnten in dem sinne, dass sie pathologische prozesse verschlimmern/beschleunigen oder vielleicht sogar als eine art auslöser beteiligt sein können, wenn andere wesentliche voraussetzungen für eine autistische entwicklung bereits gegeben sind. das toxische chemikalien natürlich auch psychische bzw. neurologische effekte auslösen können, ist zwar seit langem bekannt, wird aber kaum jemals berücksichtigt."(...)

zu diesem thema gibt es jetzt neue untersuchungen:

(...)"Im Schnitt zeige heute eines von sechs Kindern eine Entwicklungsstörung, sagen die Autoren der neuen Studie. Und fast immer sei das Nervensystem betroffen. Es gehe hier um Konzentrationsschwäche und Koordinationsstörungen, aber auch um so folgenschwere Erkrankungen wie Autismus. Die Mediziner fürchten, dass solche Fälle zunehmen, weil Kinder in den letzten Jahren und Jahrzehnten permanent geringen Konzentrationen der nervenschädigenden Industrie- und Umweltchemikalien ausgesetzt sind. Sie sprechen sogar von einer stillen Pandemie. Millionen Heranwachsende - vom Baby- bis zum Jugendalter - könnten weltweit betroffen sein."(...)

multidimensionales wahrnehmen und denken vorausgesetzt, wäre das als ein weiterer fataler möglicher trigger im zusammenhang mit den beziehungskrankheiten zu begreifen - anscheinend haben wir nicht nur großflächige soziale experimente am laufen - auch das unbedarft-fröhliche herumhantieren mit tausenden von synthetischen chemikalien, von denen i.d.r. die langzeitwirkungen völlig unbekannt sind, darf als potenziell suizidales projekt betrachtet werden.

Sonntag, 5. November 2006

assoziation: von zuständen, die wir nicht wissen wollen (und sollen)

nun ist er also zum tode verurteilt worden, der "wiedergänger hitlers" und inbegriff des "schurken" - für viele seiner opfer und ihrer angehörigen dürfte es sich dabei um die minimalste form von gerechtigkeit handeln; für uns hier in den ländern, die dem treiben saddams nicht nur passiv zugeschaut, sondern es noch aktiv unterstützt haben, bekommen allerdings ausdrücke der befriedigung sehr schnell bei- und nachgeschmäcker. doppelmoral und heuchelei sind dabei nur eine ebene, viel schlimmer finde ich die funktion des delegierten, bei der saddam hussein mit seinem eventuellen tode gleich noch die verantwortlichkeiten der (weltweiten) mittäter ins grab nehmen würde.

ich hatte schon früher einmal kurz ein paar gedanken zur todesstrafe skizziert, und sehe weiterhin keinen anlaß, um davon abzurücken. darum soll es aber jetzt nicht gehen, sondern um einige informationen, wie üblich bisher ohne sichtbare konsequenzen geblieben sind. und um mißverständnisse und fehlinterpretationen beim folgenden gleich zu vermeiden: lesen Sie sich bitte noch einmal meinen letzten kommentar dort durch, der deutlich genug sein sollte.

in einem älteren spon-artikel führt alice miller u.a. aus:

(...)"Es lässt sich nachweisen, dass sich der Charakter eines Tyrannen im Laufe seines Lebens nicht verändert, dass er seine Macht auf destruktive Weise missbraucht, so lange ihm kein Widerstand entgegen gesetzt wird oder so lange er jeden möglichen Widerstand im Keim ersticken kann. Denn sein eigentliches, unbewusstes, hinter allen bewussten Aktivitäten verborgenes Ziel bleibt unverändert: die in der Kindheit erfahrenen und verleugneten Demütigungen mit Hilfe der Macht ungeschehen zu machen. Da dies aber nie erreicht werden kann, weil sich das Vergangene nicht auslöschen und auch nicht verarbeiten lässt, solange man sein damaliges Leiden leugnet, ist das Unterfangen eines Diktators zum Scheitern im Wiederholungszwang verurteilt, für den immer neue Opfer den Preis zahlen. Selbstverständlich bin ich gegen die Todesstrafe im Allgemeinen, doch mit Ausnahme der Diktatoren."(...)

miller, die ich nun vorschneller schuldzuweisungen für unverdächtig halte, begründet diese entscheidung im weiteren damit, dass sich derartige persönlichkeiten auch dadurch "auszeichnen", im mehr oder weniger beteiligten publikum eigene traumatische erinnerungsspuren triggern zu können, die dann nach einer art projektiven entschuldigung> des täters verlangen, der selbst in halluzinierter form an die stelle der ursprünglich gewalttätigen und gleichfalls entschuldigten elternfigur trete:

(...)"Geschlagene, gequälte, gedemütigte Kinder, denen kein helfender Zeuge jemals beistand, entwickeln in der Regel später eine große Toleranz für die Grausamkeiten der Elternfiguren und offenbar eine auffallende Gleichgültigkeit, was das Leiden misshandelter Kinder betrifft. Dass sie einst selbst zu ihnen gehörten, wollen sie auf keinen Fall wissen, und die Gleichgültigkeit bewahrt sie davor, die Augen zu öffnen. So werden sie zu "Anwälten des Bösen", auch wenn sie noch so sehr von ihren humanen Absichten überzeugt sind."(...)

"Je umfangreicher die Verbrechen eines Tyrannen, desto mehr kann er auf Toleranz zählen, solange den Bewunderern der Zugang zum Leiden ihrer eigenen Kindheit verschlossen bleibt."(...)


das ist ein interessanter gedanke, aus dem miller dann für sich ihr fazit zieht:

(...)"Selbst wenn ich für die Kinder, die die Diktatoren einst waren, viel Mitgefühl empfinde, habe ich ganz und gar kein Mitleid mit einem Erwachsenen, der Menschen massenhaft hängen, erschießen oder vergasen ließ. Diesen muss meines Erachtens wie Ceausescu ihre Bühne vollständig entzogen werden, weil sie meinen, nur in der Allmacht existieren zu können und dadurch für andere gefährlich bleiben, solange sie leben."

das würde, wenn nach einer alternative zur todesstrafe gesucht werden würde, nur eine lebenslängliche soziale isolierung bedeuten können - und diese option finde ich bei der hartnäckigen weigerung so ziemlich aller menschlichen gesellschaften auf diesem planeten, sich die folgen ihres umgangs mit sich selbst und v.a. mit ihren kindern genau anzuschauen, nicht nur grundsätzlich sympathischer, sondern auch notwendig - denn mit den todeswünschen gegen personen vom schlage eines saddam hussein werden nicht nur täter, sondern auch zeugen quasi zur selbstentlastung des - bis auf die unmittelbaren opfer und ihres umfeldes - sozusagen vermittelt empörten publikums aus der welt geschafft. zeugen aber für was?

(...)"Saddam Hussein hatte, wie so viele Diktatoren, eine unglaublich traumatische Kindheit. Seine Mutter versuchte ihn abzutreiben, indem sie mit den Fäusten gegen ihren Unterleib schlug, sich mit einem Küchenmesser schnitt und dabei schrie: `In meinem Bauch trage ich einen Satan!´ Sie gab den Säugling weg zu seinem Onkel, einem gewalttätigen Mann, der den Jungen regelmäßig schlug, ihn den `Sohn eines Köters´ nannte, ihm beibrachte, wie man eine Waffe gebrauchte und Schafe stahl. Saddam verübte seinen ersten Mord im Alter von 11 Jahren. Seine politische Karriere konzentrierte sich auf die Ermordung seiner Landsleute, und er genoss besonders die Folter und Exekution von Offizieren, die mit ihm gekämpft hatten."(...)

(lloyd deMause "das emotionale leben der nationen"; siehe literaturliste, s. 29/30)


täter-opfer-dialektik. ein einwand gegen eine solche betrachtungsweise, der mir immer wieder begegnet, lautet ungefähr so: es sei doch zweifelsfrei festzustellen, dass längst nicht alle in ihrer kindheit schlecht bis grausam behandelten kinder später zu gewalttätigen erwachsenen würden; mithin sei eine kausale ableitung unzulässig (und stigmatisierend).

jein. eine kausale ableitung halte ich auch für unzulässig; allerdings möchte ich auf folgende, imo durchaus gesicherte, fakten hinweisen: erstens lassen sich nicht nur bei diktatoren, sondern auch bei "gewöhnlichen" gewaltverbrechern, bei angehörigen mafiöser strukturen und überhaupt bei als kriminell definierten verhaltensweisen (auf die jeweilige gesellschaftliche bedingtheit dieser definition muss ich wohl nicht besonders hinweisen) in den biographien der täter signifikant und überdurchschnittlich häufig als traumatisch zu begreifende kindheitseinflüsse finden. zweitens ist keinesfalls nur offene/physische und "spektakuläre" gewalt gegen kinder traumatisierend. drittens sind die folgen bis heute auch von vielfältigen sozialen einflüssen abhängig, u.a. von geschlechterstereotypen, die es gerade für männer wahrscheinlicher machen, selbst erlebte gewalt später im außen antisozial zu agieren und zu re-inszenieren (aber ebenfalls spielt die eigene sozio-ökonomische klassenlage vermutlich eine rolle, die bei angehörigen der mittel-, aber nochmehr der oberklassen dafür sorgen könnte, dass es hier im zusammenspiel von traumatischer struktur und den klassenspezifischen rollen bspw. eher zu "versteckten" formen des ausagierens kommen könnte - vielleicht auch eine quelle für "als-ob-persönlichkeiten"). viertens kann die erlebte gewalt auch durchaus zu primärer selbstdestruktion führen (bei vielen betroffenen frauen erkennbar). fünftens können traumatische erinnerungsspuren jahrzehntelang abgekapselt und wie eine zeitbombe im gehirn und körpergedächtnis verbleiben, bei einem durchaus als "normal" empfundenen funktionieren seitens der betroffenen und ihrer sozialen umwelt - ohne jemals "auffällig" zu werden (die mit dieser konstellation meistens verbundenen körperlichen beschwerden ohne erkennbare organische ursachen dabei mal vernachlässigt). sechstens ist ein traumahemmender faktor die echte menschliche unterstützung, die ein betroffenes kind findet - das ist insgesamt immer noch viel zu selten der fall, andererseits aber doch schon so häufig, dass sich auch aus dieser gruppe viele lebende beispiele dafür finden lassen, wie durchaus traumatische erlebnisse nicht zwangsläufig zu antisozialer bzw. selbstdestruktiver neuer gewalt führen müssen. all diese umstände werden von denen, die den oben erwähnten einwand vertreten, normalerweise nicht berücksichtigt. und auch das halte ich für unzulässig.

ich habe großen respekt vor allen traumaopfern, die es durch harte arbeit und meistens auch mit unterstützung anderer schaffen, aus den fatalen kreisläufen der re-inszenierung herauszukommen. aber fakt ist imo ebenso, dass es millionen und abermillionen menschen auf diesem planeten gibt, denen das - durch welche umstände auch immer - nicht gelingt. und diese bilden dann das reservoir, aus denen sich dann bei bestimmten konstellationen eben solche "monster" wie saddam hussein entwickeln. monster, die womöglich von anderen monstern benutzt werden?

(...)"Von allen Führern, die ich untersucht habe, ist sein Hintergrund einer der traumatischsten", sagte Psychiater Jerrold Post der "New York Times". Post entwickelt seit Jahrzehnten Psychogramme von Weltpolitikern für die US-Regierung. Er ist Gründer des Zentrums für Persönlichkeitsanalyse beim Geheimdienst CIA. Post hat seine Studien in einem neuen Buch veröffentlicht: "Leaders and Their Followers in a Dangerous World".

Nach Posts Recherchen starben Saddams Vater und sein zwölfähriger Bruder innerhalb weniger Monate, als seine Mutter mit ihm schwanger war. Aus Kummer habe sie vergeblich versucht, das ungeborene Kind und sich selbst zu töten. Nach der Geburt sei Saddam sofort an einen Onkel abgeschoben worden. Als Dreijähriger kehrte er zu der inzwischen wieder verheirateten Mutter zurück. Doch der Stiefvater habe ihn misshandelt und missbraucht, woraufhin Saddam zu dem Onkel zurückgekehrt sei. "Daraus entstehen Menschen mit einem 'verwundeten Ego'", sagte Post der Zeitung. Aus den meisten würden im Erwachsenenleben Versager, doch eine kleine Zahl entwickle einen bösartigen Narzissmus. Als andere Despoten mit dieser Ausprägung nennt Post Osama bin Laden, den nordkoreanischen Führer Kim Jong Il und Adolf Hitler. Sie zeichneten sich durch vier Merkmale aus: extreme Ich-Bezogenheit, Paranoia, Gewissenlosigkeit und den Willen, über Leichen zu gehen."


na, ob dem im auftrag der cia (bekanntlich nicht gerade ein dem humanismus verpflichteter verein) tätigen herrn bei seiner charakterisierung im letzten satz auch seine auftraggeber in den sinn gekommen sind? entsprechende persönlichkeitsanalysen von reagan und den beiden bushs würden bspw. ähnlich aufschlußreiche ergebnisse ans licht befördern - und die jahrelange liebschaft zwischen verschiedenen us-administrationen mit saddam hussein sowie die bei deMause zusammenfassend dargestellte teils offene ermutigung seitens bushs des ersten zur invasion von kuwait vor dem zweiten golfkrieg führen bei mir zu der frage, ob solche defekten persönlichkeiten nicht vielleicht sogar halb-bewußt seitens der selbsterklärten "guten" selektiert und irgendwann für zwecke des eigenen ausagierens eben auch benutzt werden. ein böser verdacht, der sich aber durch die obszönen zustände in dieser welt schon fast aufdrängt.

eine provokation zum schluß: die willkür und brutalität, mit der die einstigen opfer und späteren täter im akt der re-inszenierung dann wiederum neue opfer fordern - ob es sich dabei um massenmörderische diktatoren oder auch kindermörder handelt - lässt sich in eben dieser willkür nicht auch eine information an all jene unter uns finden, die sich - durchaus berechtigt - über diese gewalt empören? ist da nicht auch die information enthalten "wir - verdienen es nicht anders, solange wir so kollektiv vor der grausamkeit ausweichen, wegschauen, sie relativieren und derealisieren oder gar rechtfertigen und entschuldigen - solange werden eben genauso willkürlich und brutal weiter kinder verschwinden, wird weiter gefoltert und gemordet werden - solange, wie wir an die märchen dieses systems glauben und uns als überlebende und gewinner halluzinieren (nur unter schwerem empathieverlust überhaupt möglich" (und seien Sie sicher - am ende wird es weder das eine noch das andere geben).

*

das folgende hat dabei imo durchaus etliches mit dem obigen zu tun - es geht um einen interessanten selbstversuch:

(...)"Eine Expertin für Ernährung, die jeden Lebensmittelskandal kannte und die Zusammensetzung von Nahrungsmittel-Zusatzstoffen genauso auswendig wusste wie Rezepte für Dinkel-Brot. Ein Experte für Umweltfragen, der den Hickmans genau erklären konnte, wie hoch ihr Anteil an der Erderwärmung war. Und eine Verbraucherschützerin, die wusste, welche Firma in welchem Dritte-Welt-Land Diktatoren geschmiert und Minenarbeiter ausgebeutet hatte.

Die drei Experten durchstöberten Schränke, protokollierten Lebensgewohnheiten, zogen skeptisch Augenbrauen hoch und fällten am Schluss ein klares Urteil: Die Hickmans führten ein Leben, das gefährlich für sie selbst und rücksichtslos gegenüber anderen war. So wie das Leben von eigentlich jedem anderen Bewohner der westlichen Welt auch."(...)


ach - "...ein Leben, das gefährlich für sie selbst und rücksichtslos gegenüber anderen war. So wie das Leben von eigentlich jedem anderen Bewohner der westlichen Welt auch." - einer dieser sätze, die bei mir ein gefühl der - ja, erleichterung auslösen, weil in ihnen eine wahrheit ausgesprochen wird, die kollektiv größtenteils nicht gewusst werden will. und daher zu zuständen des irrewerdens an der eigenen - letztlich völlig korrekten - wahrnehmung führen kann.

mir fiele zu diesem satz noch allerlei ein, aber für den moment möchte ich Ihnen diese aussage nur als denkzettel mit in die kommende woche geben - denken Sie mal bei Ihren alltäglichen geschäften daran.

Montag, 30. Oktober 2006

assoziation: wenn die masken fallen - und weiteres zum (nicht nur) *schrecklichen gelächter* (2)

(eigentlich war das folgende als update zu diesem beitrag gedacht (falls Sie ihn noch nicht gelesen haben sollten, tun Sie es für Ihr eigenes verständnis jetzt) - dann wurde es lang und länger, und hätte zusammen mit dem ersten teil vermutlich den platz gesprengt. so wird das also ein eigener zweiter teil, mit dem ich das gewisse lachen dann auch erstmal wieder verbannen möchte).

*

wie schon öfter, so haben auch die verschiedenen aspekte dieses beitrags (teil 1) es vermocht, zunächst noch eher nebelhafte erinnerungen bei mir anzustoßen, die sich dann vor ein paar tagen geklärt haben - zum schrecklichen gelächter nun ein paar gedanken von klaus theweleit und kate millet. zunächst zitiert theweleit ausgiebig rigoberta menchú, die von einem vorfall in einer indigenen siedlung in guatemala anfang der 1980er jahre berichtet:

"Das Militär ist da. Das ganze Dorf ist zum Antreten befohlen, damit es eine Ansprache `des Offiziers´ entgegennehme. Der Hauptmann hat vor, eine Lehrstunde abzuhalten über gefangene `Guerilleros´ und eine Demonstration, was mit denen geschieht, die sich mit der Guerilla einlassen."(...)

(dieses und alle folgenden zitate aus: klaus theweleit, "das land, das ausland heißt"; dtv, münchen 1995; isbn 3-423-30449-9; s. 50 - 53)


die soldaten hatten gefolterte gefangene mitgebracht, deren schicksal immer wieder während der mehrstündigen ansprache als abschreckendes beispiel angeführt wurde:

"Allen Gefolterten gemeinsam war, daß sie keine Fingernägel mehr hatten und daß man ihnen Teile der Fußsohlen abgeschnitten hatte. (...)

Der Offizier fing wieder mit seiner Rede an und sagte, daß wir uns mit dem zufrieden geben müßten, was wir hätten, uns damit begnügen müßten, unsere Tortillas mit Chili zu essen, und uns nicht von kommunistischen Ideen fortreißen lassen dürften."(...)


der kommunismus war damals ein synonym für terrorismus - der letztere hat bekanntlich als schreckgespenst überdauert.

ich möchte die weiteren grausamen einzelheiten des geschehens hier überspringen und gleich zum "höhepunkt" dieser tatsächlichen machtdemonstration kommen:

"Dann befahl der Offizier, die nackten, geschwollenen Mißhandelten an eine Stelle zu bringen, von der aus das ganze Volk sie sehen konnte. Sie wurden hingeschleift, weil sie nicht mehr gehen konnten. Dann rief er die schlimmsten aller Verbrecher, die Kaibiles. Sie tragen eine andere Uniform als die normalen Soldaten. Sie sind besonders ausgebildet und werden zur Guerillabekämpfung eingesetzt. Er rief also die Kaibiles, und sie fingen an, die Gefolterten mit Benzin zu übergießen. (...)

Dann zündeten sie jeden einzelnen an. Viele riefen um Hilfe. Als sie so da standen, schienen sie mehr tot als lebendig, aber als die Körper Feuer fingen, riefen sie um Hilfe. Einige schrien, andere sprangen und hatten keine Stimmen mehr. Das Feuer nahm ihnen sofort den Atem.

Das Volk kochte vor Zorn. Es war unglaublich; einige hatten zwar ihre Macheten dabei, die meisten aber waren völlig unbewaffnet, und doch wollten alle sofort losschlagen, als sie sahen, daß die Soldaten Feuer legten. Sie wollten ihr Leben einsetzen, trotz all der Waffen."


(nebenbei gesagt, und besonders all jenen antisozialen ignoranten ins stammbuch geschrieben, die den "freien westen" mit seiner "demokratie" achso toll finden: das obige - wie auch viele, viele weitere, ähnliche ereignisse in vielen ländern - geschah ersten im namen dieses "freien westens", zweitens letztlich mit wissen und unter kontrolle des letzteren - und zwar in gestalt der damaligen us-administration (reagans amtszeit, zu dem herrn komme ich gleich nochmal); und drittens können Sie getrost davon ausgehen, dass die damaligen verantwortlichen - gerade der höheren grade - bis heute noch frei herumlaufen.)

nun aber die stelle, die für das thema dieses beitrags besonders aufschlußreich ist:

"Die Armee merkte, daß die Leute wütend waren, und der Hauptmann gab den Befehl zum Rückzug. Die Soldaten zogen sich mit den Waffen in der Hand zurück und brüllten Parolen wie auf einer Fiesta.

Ihnen machte es Spaß. Sie lachten und riefen: `Viva la Patria! Viva Guatemala! Es lebe der Präsident! Es lebe die Armee!"(...)


"sie lachten" also mal wieder - theweleit macht sich anschließend an den versuch, aus seiner perspektive - die ich hier nicht weiter kommentieren möchte, weil damit ein ganzes, v.a. psychoanalytisch inspiriertes, gedankengebäude verbunden ist - das geschehen zu verstehen. einige auszüge:

"In ihrem Buch `Entmenschlicht. Versuch über die Folter´ schreibt Kate Millet: (...)`Die Folter wird heute in einem Maße praktiziert, das die Welt bisher noch nie gekannt hat und das selbst die Jahrhunderte der Inquisition in den Schatten stellt´ (...); und das, obwohl die Folter in allen Verfassungen aller Länder offiziell verboten ist. Ein merkwürdiger Widerspruch. Was hat es auf sich mit diesem `Verbot´? Ich glaube, der Bericht von Rigoberta Menchú gibt eine Antwort auf diese Frage:

Warum schießen die Soldaten nicht in die aufgebrachte Menge, die sich anschickt, sie anzugreifen? Es wäre ein leichtes...sie tun es auch sonst ohne Umstände. Aber nicht in diesem Moment...es würde ihn zerstören...sie genießen das Produkt ihres Mordtheaters: sich selbst als Teil einer übergeordneten Macht, die dies alles erlaubt...sie handeln aus dem Zentrum des Gesetzes heraus. Der Kern der Aktion ist die *erlaubte Übertretung ins Verbrecherische*...eine Befreiung...und diese feiern sie mit ihrem Gelächter...es ist Fiesta...(...)

Unser Impuls, das mit Begriffen wie `Satanismus´ oder `Sadismus´ zu belegen, ist so richtig (an der Oberfläche unserer Empörung) wie falsch zur Bezeichnung dessen, was tatsächlich geschieht: Dies schreckliche `Lachen´ ist mir aufgefallen in so vielen Berichten von Folterungen. Berichten, die die Folterer selbst gegeben haben oder Berichten von Augenzeugen von Folterungen. Nur in den Berichten von Überlebenden der Folter fehlt es. Sie haben diesen Moment des `Freudenausbruchs´ des Folterers nicht erlebt; sie waren schon bewußtlos, von Schmerz überwältigt, ausgelöscht in der Wahrnehmung, wenn das `erlösende Lachen´ eintrat bei ihrem Quäler, und die meisten, die davon hätten berichten können, sind tot.

Der Gequälte kann den psychophysischen Vorgang beim Folterer nicht bis zu `seinem Ende´ sehen. Auf ganz andere Weise erlebt aber auch der Folterer die Qual und das Sterben der Opfer nicht. Er ist mit seinem hocherregten Körper und mit seiner Wahrnehmung ganz woanders, er ist absorbiert von seinem eigenen Wachstum, vom Durchbruch in den neuen riesigen Körper, den er hier enthält: Körper einer männlichen Gewaltinstitution, die all dies absegnet, gutheißt, die ihn erhebt für das, was er tut, ihn bezahlt, ihn belohnt."


ich möchte mal den versuch wagen, das obige mit meinen eigenen überlegungen zur folter hier (ziemlich weit unten) zu verbinden bzw. zu ergänzen: der "körper" der institution ist nicht nur metaphorisch von der qualität einer halluzination, also ein produkt des objektivistischen modus - da der folterer zwingend nur im zustand einer extremen wahrnehmungsreduktion überhaupt foltern kann, wird er von seinem psychophysischen defektzustand dahin gebracht, das "angebot" der macht auf "teilhabe" und vor allem sicherheit anzunehmen - eine kompensation realer beziehungsunfähigkeiten massiver art, die der gleichgültige objektivistische modus als werkzeug in eine pseudobeziehung mit den jeweiligen machtinstitutionen verwandelt. und das eine derartige verwandlung u.u. eine art irrer `freude´ auslösen kann - und das dazugehörende gelächter - scheint mir durchaus eine realistische möglichkeit zu sein.

einen weiteren aspekt finde ich ebenfalls ziemlich interessant:

"Kate Millet betont in ihrem Buch immer wieder, daß die Folter nicht im `Illegalen´ passiert, sondern streng staatlich geregelt ist. Die Folter kommt aus dem Zentrum der offiziellen staatlichen Macht, bezeichnet aber einen Umschlagspunkt dieser Macht, den Umschlag ins Kriminelle:

`Das Vorbild ist nicht die Ethik des Kriegers oder des Offiziers, sondern die Mafia, die Kriminalität. Aber es ist eine hochtechnisierte und hochentwickelte kriminelle Gewalt, die alle Vorteile der Verbindung mit der Regierungsmacht auf ihrer Seite hat: Ihr technisches Kernstück ist das große Kommunikationszentrum im Nationalpalast, wo alle Geheimdienstinformationen koordiniert und die Befehle für die Todesschwadronen ausgegeben werden.´

`...denn das Wesen der Folter ist ihre bewußte Grausamkeit, ihre gewollte Unmoral, ihre willentliche Ungerechtigkeit. Ein höhnisches Lachen."


wobei ich finde, dass es auch mit der "ethik des kriegers oder offiziers" im zweifelsfall nicht so weit her ist, da es sich ebenfalls um ein objektivistisches konstrukt handelt. aber die herausarbeitung einer - wieder einmal! - fließenden grenze zur hochorganisierten (staatlichen) kriminalität mit offen terroristischen zügen (und hier ist das wort terror einmal wirklich angebracht) finde ich denn doch ebenso bemerkenswert wie schwer beunruhigend.

*

im ersten teil dieses beitrags hatte ich mit ronald reagan begonnen, und der kreis schließt sich jetzt sozusagen, wenn ich auch mit ihm ende - und mit einem ganz besonderen lachen, welches sich von den bisher erwähnten beispielen doch um einiges unterscheidet. zunächst aber ein paar informationen zu einer ganz bestimmten neurologischen störung:

"Aphasie ist eine Störung, bei der der Patient die Bedeutung von Wörtern nicht mehr erkennen kann, obwohl er sie akustisch hört. Man kann aber nachweisen, daß solche Patienten verstehen können, was ihnen gesagt wird, wenn die Signale, die normalerweise das Sprechen begleiten, vorhanden sind: Ton und Tonfall der Stimme, die Art der Betonung, Gesichtsausdruck, Gestik, Körperhaltung. Sie werden über das vegetative Nervensystem und die propriozeptiven Bahnen, die die Tiefensensibilität der Muskeln übertragen, vermittelt. Diese Tiefensensibilität ist auch Teil unserer empathischen Wahrnehmungen."

(dieses und alle folgenden zitate: arno gruen, "der wahnsinn der normalität"; siehe literaturliste; s. 64/65)


Sie erinnern sich vielleicht - die propriozeptive wahrnehmung, besonders ihre möglichen schädigungen, hat hier schon öfter eine rolle gespielt.

"Sprachliche Kommunikation besteht also nicht nur aus Wörtern; sie ist eingebettet in Ausdrucksformen jenseits des rein Verbalen. Die Wahrnehmung dafür ist bei aphasischen Menschen besonders stark ausgeprägt.

`Emotional stark aufgeladenen Äußerungen können´, wie Oliver Sacks schreibt, `vollständig verstanden werden, auch wenn kein Wort in seiner richtigen Bedeutung getroffen wird... Ich hatte - wie jeder, der mit Aphasikern arbeitet - manchmal das Gefühl, daß man Aphasiker nicht belügen kann. Sie erkennen die Wörter nicht, also kann man sie auch nicht mit Wörtern täuschen; aber sie erfassen mit unfehlbarer Sicherheit die Ausdrucksweise, die die Wörter begleitet, und dies so treffend, spontan und unabsichtlich, wie es nie vorgetäuscht werden könnte, was mit Wörtern allein nur allzu leicht möglich ist.´

Dies zeigt deutlich, daß wir uns beim Erlernen der Sprache nicht nur Kultur aneignen, sondern auch Denkschablonen übernehmen, die uns der Gesellschaft anpassen und unsere Wahrnehmungen verzerren. Entsprechend beseitigt eine sprachliche Hemmung durch einen Gehirnschaden auch die Hemmung unserer früher vorhandenen elementaren Wahrnehmungsmöglichkeiten, also unserer empathischen Fähigkeiten, die mit dem Spracherwerb zurückgedrängt wurden."


dies zur nötigen einführung für das folgende - und für alle, die sich schon die ganze zeit fragen, was zum teufel aphasie, gelächter und reagan miteinander zu tun haben, kommt nun die auflösung - und zwar eine auflösung, die bei mir beim ersten mal für schiere verblüffung, gefolgt von einem "warum wunder ich mich eigentlich so?", gesorgt hat - bitte sehr:

"Oliver Sacks erzählt nun, daß ihm, als er einmal die Abteilung mit den Aphasikern betrat, großes Gelächter entgegenschallte. Die Patienten sahen gerade den Beginn einer Fernsehansprache von Präsident Reagan und waren begierig, sie weiter zu sehen. `Sie sahen den alten Charmeur, den als Schauspieler geübten Redner, sein theatralisches Talent, seine emotionale Ausstrahlung - und die Patienten bogen sich vor Lachen...Der Präsident wird gewöhnlich als eindrucksvoller Redner anerkannt - aber bei den Patienten erregte er ganz offensichtlich nur Gelächter...*Man lügt wohl mit dem Mund*, schrieb Nietzsche, *aber mit dem Maule, das man dabei macht, sagt man doch die Wahrheit.*

Auf Grimassen, auf Falsches oder Unrichtiges im Auftreten oder in der Körperhaltung reagieren Aphasiker mit außergewöhnlicher Sensibilität. Und wenn sie den Sprechenden - dies gilt besonders für blinde Aphasiker - nicht sehen können, haben sie ein untrügbares Ohr für jede akustische Nuance, den Ton, den Rhyrthmus, die Stimmführung, die Musik, für subtile Modulationen und Intonationen, die der menschlichen Stimme Überzeugung geben oder nehmen. Was echt und was unecht ist, können sie auf diese Weise erkennen, ohne die Bedeutung der Wörter zu verstehen. Die Grimassen, das Theatralische, die Gesten und vor allem Ton und Stimmführung des Präsidenten wirkten auf diese wörterlosen, aber hochsensiblen Patienten vorgetäuscht. Sie reagierten auf die eklatanten, ja grotesken Ungereimtheiten und Unaufrichtigkeiten. Sie ließen sich nicht irreführen und waren nicht irrezuführen durch Wörter...Deshalb lachten sie über die Ansprache des Präsidenten.´


tja. was bleibt da eigentlich noch hinzuzufügen? für unsere wahrnehmungsfähigkeiten im allgemeinen stellt diese episode absolut kein gutes zeugnis aus - ich kann mich selbst noch an die allgemeine bewunderung für reagans auftreten nicht nur in den usa erinnern. und im zusammenhang mit dem (biographischen) material, welches lloyd deMause zu reagan und seiner präsidentschaft zusammengetragen hat, wird eher das bild einer schwer geschädigten (u.a. durch eine traumatische kindheit) und die grenze zum offen kriminellen handeln sehr oft überschreitenden antisozialen persönlichkeit mit stark simulativen zügen sichtbar - und das dürfte tatsächlich der authentischen realität eher entsprechen, als alle (posthume) bewunderung für den "alten charmeur".

vielleicht sollten wir einfach fordern, dass jegliche personen innerhalb der sog. "eliten" von aphasikern auf ihre simulativen züge hin überprüft werden? ich fürchte nur, es wäre des gelächters kein ende...

"Damit erhebt sich die Frage, ob es diesen Patienten möglich gewesen wäre, zu ihrer tieferen Wahrnehmung vorzudringen, wenn sie keinen Gehirnschaden gehabt hätten. Es haben alle Menschen empfindungsfähige Wurzeln (bis auf die bereits entsprechend strukturell pränatal geschädigten, anmerk. mo), sie unterscheiden sich jedoch im Grad der Bewußtheit. Da aber der Spracherwerb Teil jenes Prozesses ist, in dessen Verlauf wir die Verbindung zu unserer Empfindungsfähigkeit verlieren, lassen wir uns meistens von äußeren Erscheinungsformen in die Irre führen. Entsprechend folgerte Sacks:

`So listig wurden täuschende Wörter eingesetzt, kombiniert mit täuschender Stimme, daß nur Gehirngeschädigte nicht getäuscht werden konnten´.


wir haben´s wahrlich weit gebracht mit dieser "zivilisation".

Sonntag, 29. Oktober 2006

kontext 29: von *konstruierten* erinnerungen unter gewaltbedingungen

in einem gewissen zusammenhang zu dem gerade im letzten beitrag besprochenen steht ein artikel bei spon, in dem es u.a. um manipulationen am menschlichen gedächtnis geht:

(...)"Die verwirrende Erkenntnis, dass das Gedächtnis keineswegs ein Archiv ist, das pendantisch die Vergangenheit speichert, beschäftigt Neurobiologen, Psychologen und Sozialwissenschaftler inzwischen weltweit. Noch vor 20 Jahren hielt man das Gedächtnis für eine Art Computer, der unbestechlich aufzeichnet, was faktisch geschehen ist.

Dass dies ein Irrtum war, hatte und hat ungeahnte Folgen, etwa bei Kindesmissbrauchs-Prozessen. Die renommierte, aber auch umstrittene Gutachterin Loftus legt immer neue Studien vor, um Richtern zu zeigen, wie wenig Verlass auf das Gedächtnis ist. Wie wenig man den Aussagen von Missbrauchs-Opfern unkritisch Glauben schenken könne, wenn sie sich erst nach Jahrzehnten an die Gewalttat erinnern. Loftus vertritt die Seite der Angeklagten; eine heikle Position.

Doch auch wenn der Streit in der "False Memory"-Debatte kaum lösbar ist - die Studien, die er anstieß, haben die Gedächtnis-Forschung ein gutes Stück vorangebracht. "Eines sollten wir uns klar machen", sagt Loftus, "unser Gedächtnis wird jeden Tag neu geboren."(...)

Im autobiografischen Gedächtnis lagert die persönliche, subjektiv erlebte Lebensgeschichte. Es ist das komplexeste der Erinnerungssysteme und zugleich dasjenige, das bei Kindern als letztes entsteht, im Alter von etwa drei Jahren, wenn ein Kind eine Vorstellung von seinem Selbst zu entwickeln beginnt. Dass Schimpansen und Menschen, die 99 Prozent des genetischen Codes gemeinsam haben, dennoch grundverschieden sind, liege vor allem am autobiografischen Gedächtnis, sagt Markowitsch. Nur der Mensch kann sich an seine Biografie bewusst erinnern, nur er weiß, wie er eine bestimmte Situation erlebt und wie er sich dabei gefühlt hat.

Die Erinnerungen an die Lebensgeschichte prägen die Persönlichkeit, formen die Identität. Doch nicht etwa die objektiven Lebensdaten spielen dabei die Hauptrolle, sondern Gefühle. Sie sind es, die filtern, was im Langzeitspeicher landet und was gelöscht wird. "Gefühle", sagt Markowitsch, "sind die Wächter unserer Erinnerung."(...)


diese (und auch gleich folgende) behauptungen dürften zunächst wie bestätigungen für diejenige weltsicht anmuten, die heute unter dem attribut konstruktivismus angesegelt kommt (mehr zu den sich in diesem zusammenhang stellenden fragen u.a. hier. ) ich betone das "zunächst", weil sich bei den fraglichen forschungen wiedereinmal die grundsätzlich fragmentierende tendenz der westlichen wissenschaft zeigt: erstens ist das sog. autobiographische nicht das einzige gedächtnis beim menschen; zweitens manifestieren sich aller wahrscheinlichkeit bereits selbst pränatale erlebnisse (und auch perinatale bzw. sehr frühe postnatale) bevorzugt in der körperlich-materiellen menschlichen struktur. ein synonym dafür wäre das körpergedächtnis, welches Sie selbst bspw. bei einem chronisch verspannten schulter-nacken-bereich spüren können - ständiges unwillkürliches ducken und an-/verspannen vor einer realen oder auch durch posttraumatischen stress bedingten imaginierten gefahr ist nicht eben selten ein auslöser für derartige verspannungen, bei denen sich im wahrsten sinne des wortes eine haltung der umwelt gegenüber körperlich fixiert. dabei müssen die ursprünglich auslösenden momente tatsächlich keinesfalls dem bewussten gedächtnis zugänglich sein.

in einer arbeit zu zusammenhängen zwischen (psycho-)traumata und wachkoma wird zur körperlichen speicherung von traumatischen stress u.a. ausgeführt:

(...)"Der traumatisierte Leib/Körper vergißt nichts (...). Er nimmt als sozialer Raum Erfahrungen über gelungene und misslungene zwischenmenschliche Beziehungen in sich auf. Durch die Projektions- und Verarbeitungsfläche des Gehirns kann der Körper sich im Ich spiegeln. Im Falle eines Phantomschmerzes behält das Gehirn einen Körperteil in (schmerzvoller) Erinnerung, während der Körper selbst zum Überleben kein Ich-Gehirn benötigt, sondern sich auf sich selbst und durch sich selbst schützen kann. Solange es atmet, ist Hoffnung. Der Körper/Leib ist in der Lage, sein erlittenes Trauma symbolisch auszudrücken (...). Es ist bemerkenswert, dass und wie die moderne Medizin, die am Körper ansetzt, das Objekt ihrer Begierde, den Körper/Leib vernachlässigt und ihn biomechanisch reduziert."(...)

den letzten satz kann ich nur unterstreichen, und eine ähnliche reduktion lässt sich leider auch in vielen bereichen der neurowissenschaften beobachten. ich kenne selbst aus meinen umfeld und auch aus psychiatrischen krankengeschichten viele beispiele dafür, wie sich ein trauma regelrecht "verschlüsselt" in anscheinend nur somatischen symptomen - aber auch bereits in körperlichen haltungen, wie sogar in der art und weise, wie jemand geht - ausdrücken kann. der bewusste zusammenhang ist den betroffenen meistens nicht zugänglich, und genau das dürfte u.a. dazu führen, das sich das gehirn über die lücken biographisch sozusagen etwas "hinwegkonstruiert" - aber das bedeutet eben nicht, das "eigentlich gar nichts passiert ist" - sondern das die authentischen details für die betroffenen nicht mehr zugänglich sind.

(...)"Viele Patienten im Wachkoma zeigen einen "verkrüppelte" Körperlichkeit mit einer sogenannten Dekortikationshaltung bzw. spinalspastischen Haltung: zurückgebeugter überstreckter Kopf, geöffnete Augen, starre indifferente Mimik, Ulnardeviation und Faustschluß der Hände sowie Beugestreck- oder Beuge-Beugespastik von Armen und Beinen, häufig mit Spitzfußbildung einhergehend.

Dieser Zustand der "Verunstaltung" und "Verkrüppelung", über die man lieber nicht reden möchte, erinnert in manchen Teilen an eine vorgeburtliche "primitive" Schutzhaltung, die auch als "Embryonalhaltung" bezeichnet wird. Nach traditionellem, defektmedizinischen Verständnis wird diese starre pathologische Körperhaltung als direkte Folge einer schweren Hirnschädigung aufgefaßt. Demgegenüber ist eine beziehungsmedizinische und psychosomatisch-psychodynamische Sichtweise eher geneigt, diese Körperhaltung auch als ein Resultat zusammenwirkender interner und externer pathologisch-isolativer Lebensbedingungen zu sehen (wie bei einer schweren beidseitigen parietalen Läsionen), oder als reaktiv-psychodynamisch bedingten Dysmorphophobie in Verbindung mit bizarren Körperfehlvorstellungen und Formen des selbstdestruktiven Körperagierens."(...)


was ich gerade mit "verschlüsselt" meinte, wird im folgenden satz deutlicher:

(...)"...sondern nahmen verschiedene Körperhaltungen ein, die in einigen Fällen so charakteristisch waren, daß aus der eingenommenen Körperhaltung auf die Art der Gewalteinwirkung rückgeschlossen werden konnte: die abwehrend-vorgestreckten Arme, die gekrallten Finger, die entsetzte Erstarrung, das ohnmächtige Ausgeliefertsein (Abb. 2). Offensichtlich kam es in der Hypnose zur "Erinnerung" an die im Körpergedächtnis des "autonomen Körperselbst" eingeschriebenen Spuren des Traumas.(...)

all das haben große teile der neurowissenschaftlichen forschung in ihrer hirnfixiertheit offensichtlich nicht so recht auf dem schirm - denn wenn sie es hätten, gehörte das folgende entsprechend ergänzt:

"(...)BLACK-OUTS, Verwechslungen und verzerrte Erinnerungen - was Menschen häufig besorgt an sich selbst wahrnehmen, ist letztlich oft ein Segen. "Unser ganzes Leben ist eine Erfindung", so spitzt Harald Welzer es zu, Sozialpsychologe und Leiter der Gruppe "Erinnerung und Gedächtnis" am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. "Es gehört zur menschlichen Normalität, sich falsch zu erinnern. Das korrekte Erinnern ist das Anomale." Zwar forme das Gedächtnis das Ich, Erinnerung bilde sich aber erst in der Gemeinschaft, in der Kommunikation mit anderen heraus. Welzer spricht vom "kommunikativen Gedächtnis". Ein Ereignis sei nicht das, was passiert sei, sondern das, was erzählt werden könne."

an dieser stelle ist es durchaus nötig, in erinnerung zu rufen, dass sich die zitierte "menschliche normalität" durchaus nicht als "normal" begreifen lässt, wenn unsere jahrtausendealte gewohnheit der gewaltausübung gegen andere, aber auch gegen uns selbst, berücksichtigt wird. sollte gerade ein sozialpsychologe nicht in der lage sein, etwas weiter zu denken? dann könnte es vielleicht mal sehr bald forschungen darüber geben, wie sich "falsche erinnerungen" nicht aus einer menschlichen, sondern einer gewalttätigen realität heraus ergeben. aber sowas möchte natürlich auch niemand wirklich wissen.

(...)"Deutlich zeigt sich dies in Erinnerungsgemeinschaften, etwa bei Menschen, die sich über ihre Kriegserfahrungen austauschen. Die zunächst individuellen Berichte werden sich oft von Treffen zu Treffen immer ähnlicher, bis sie schließlich in eine kollektive Erinnerung münden.

Dieses Phänomen brach sich Bahn anlässlich eines Vortrags des Koblenzer Historikers Helmut Schnatz über den schweren Bombenangriff auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945. Unter den Zuhörern waren viele ältere Dresdner, die sich daran erinnerten, wie britische Tiefflieger sie gejagt hätten, während sie vor den Flammen durch die Straßen flüchteten. Mehrere Teilnehmer sagten, sie hätten sie noch genau vor Augen, "die silbrig schimmernden Mustangjäger".

Doch Schnatz konnte belegen, dass dies unmöglich geschehen sein konnte, weil der durch den Bombenangriff erzeugte gewaltige Feuersturm jeden Tiefflug unmöglich gemacht hatte. Auch hatte eine Auswertung britischer Flugeinsatzpläne und Logbücher keinen Beleg für eine solche Menschenhatz geliefert. Die Zuhörer waren empört. "Ich protestiere dagegen", rief ein alter Mann, "dass fremde Historiker, die gar nicht in Dresden zu Hause sind, über unsere Heimatstadt schreiben dürfen." Hundertfacher Applaus.

Bei der Erinnerung an traumatische Erlebnisse ist das Gedächtnis besonders unzuverlässig: Erfahrungen wie die Dresdner Bombennacht können - ähnlich wie die einer Vergewaltigung - extremen Stress und damit zusammenhängende biochemische Prozesse im Gehirn auslösen, die eine Speicherung von Erinnerungen empfindlich stören. Nur noch Fragmente des ursprünglichen Ereignisses gelangen dann ins Langzeitgedächtnis. Um verstehbare Zusammenhänge bemüht, übernimmt das Gedächtnis dann die kreative Aufgabe, die Lücken zu schließen. Welzer vermutet, dass Erinnerungen an emotional belastende Situationen deutlich mehr hinzugedichtete Episoden enthalten als solche an "normale" Ereignisse.(...)


richtig: traumatische erinnerungen werden aller wahrscheinlichkeit im gehirn in seperaten neuronalen netzwerken gespeichert, die der bewussten erinnerung nicht oder nur sehr fragmentarisch zugänglich sind. dazu kommt die speicherung im körper bzw. den möglichen betroffenen körperregionen selbst. ich hatte oben schon geschrieben, dass es sehr gut sein kann, dass hier vom gehirn tatsächlich realitätskonstruktionen zur hilfe genommen werden, um derartige biographische "lücken" (die ja genauer betrachtet eigentlich keine sind, weil es hier eher um einen defektbedingt und gleichzeitig schützenden nicht möglichen zugriff auf die authentischen erinnerungen geht) sozusagen zu schliessen. nur: ein schwerer fehler scheint mir wie gesagt darin zu liegen, das als "menschliche normalität" zu postulieren. viel treffender ist es meiner meinung, das als menschliche "normalität" unter traumatischen sozialen bedingungen zu begreifen. und das ist ein ganz entscheidender unterschied.

notiz: presseschau gewaltfolgen

wie üblich zwangsläufig unvollständig, und bei der gelegenheit möchte ich die leserInnen nochmals darauf hinweisen, dass ich mich über hinweise auf weitere texte / informationen zu den blogrelevanten themen auch zukünftig freuen würde (dadurch sind bereits einige beiträge entstanden).

*

zur aufgekommenen "unterschichtendebatte" trägt der neurologe, psychiater und psychoanalytiker hans-joachim maaz im aktuellen freitag eine art essay bei, den ich zwar an vielen stellen zu oberflächlich finde, nichtsdestotrotz aber wegen des aussprechens ein paar ganz elementarer dinge empfehlen möchte:

(...)"Sowohl das Wirtschaftswunder im Westen als auch die sozialistische Idee im Osten waren nach dem Krieg geeignet, demokratische Verhältnisse zu etablieren, ohne dass man sich ernsthaft der möglichen Heilung vorhandener seelischer Schäden bei Millionen Deutschen annehmen musste, die Nationalsozialismus, Krieg und Völkermord erst ermöglicht hatten. Dank der tiefenpsychologischen und neurobiologischen Forschung wissen wir, wie frühe Beziehungsstörungen, die Kinder erleiden, noch im Erwachsenen-Alter zu destruktiven innerseelischen Vorgängen führen, die sich bei sozialer Not, psychischer Angst und geeigneter Verführung als kollektiver Wahn abreagieren können, wenn eine Mehrheit davon betroffen ist.(...)

Man mochte sich in beiden deutschen Staaten anfangs mit Aufbauleistungen der Täuschung hingeben, es sei möglich, aus dieser prekären seelischen Notlage herauszuwachsen. Ein verhängnisvoller Irrtum, der durch die Spaltung Deutschlands zusätzlich befördert wurde. Die Täuschung erlaubte es, die innerseelischen Störungen auf die jeweils andere Seite zu projizieren, um eigene Verletzungen und Entfremdungen nicht wahrnehmen zu müssen."


mit der in den letzten sätzen anklingenden interpretation der folgen der spaltung dieses landes steht er nicht ganz alleine da; auch klaus theweleit hat die mauer notwendige bedingung für gegenseitige projektionen ähnlich interpretiert (mehr zu den beiden nachkriegsdeutschlands wird im traumaschwerpunkt zu lesen sein).

"Wir wissen, ein hohler Sozialismus, dessen Ideale eben nicht innerseelisch verankert werden konnten, ist durch den Verlust an Überzeugung und durch seine Mangelwirtschaft kollabiert. Und wir sehen heute, wie eine global entfesselte Marktwirtschaft das humane, soziale und ökologische Gleichgewicht zerstört. Erneut sind wir alle beteiligt an einer derartigen Fehlentwicklung. Wiederum darf keiner sagen, er hätte nichts gewusst. Wir wissen, dass materielles Wachstum begrenzt ist, wir wissen, wie Profitstreben Arbeitslosigkeit und Armut schafft, und wir wissen, dass unsere Lebensform die natürlichen Ressourcen vernichtet und unser Klima im wörtlichen wie übertragenen Sinne zerstört. Wir haben inzwischen auch erfahren, dass es selbst in einer Demokratie möglich ist, Kriege auf der Grundlage von Lügen zu führen. Es gibt also bereits wieder Mehrheiten, die sich von Suggestionen, Manipulationen und verlogenen Ideologien leiten lassen."(...)

das wort "innerseelisch" finde ich ehrlich gesagt ziemlich unglücklich, da es sofort wieder assoziationen zu (anscheinend) "luftigen" und immateriellen sphären aufruft - und diese art spaltung zwischen psyche/"geist" und körper sollte gerade ein gesellschaftlich doch etwas bewussterer professioneller nicht noch befördern. und auch das "bereits wieder" vor den mehrheiten lässt sich imo ruhig streichen - auch in der pseudostabilität des sog. kalten kriegs waren simulative zustände eher die regel.

ganz tendenziell aber kann ich seiner zustandsbeschreibung grundsätzlich beipflichten, und möchte nur noch einen satz herausheben:

(...)"Und wer durch äußere Gewinne seine inneren Defizite befriedigen will - ganz profan gesagt, sein Liebesdefizit mit Geld begleichen will -, der braucht erkennbare Verlierer."(...)

weitergedacht, lässt sich hier irgendwann der begriff von den notwendigen (für die innere stabilität der täter) opfern im sinne von deMause finden. und die "inneren defizite" lassen sich bestimmt auch präzisieren.

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wir bleiben eng am thema und finden in der taz vom wochenende gleich einen ganzen schwerpunkt zum bereich tatort familie. daraus möchte ich u.a. erstens ein interview mit einem sozialwissenschaftler zur situation in den zuständigen behörden empfehlen, in der er nochmals auf den anhand des "falls kevin" sich aufdrängenden verdacht einer art von stillschweigender entscheidung über das wohl von kindern nach ökonomischen kriterien kommentiert:

(...)"Es gab wohl Fehleinschätzungen in den Fallkonferenzen. Dazu aber haben sich die Sparvorschläge im gesamten Organisationsklima wohl als Druck ausgewirkt. Die Fachkräfte hatten vermutlich eine Art Zensur im Kopf. Die bewirkte, dass man nicht mehr fragte, was notwendig ist. Stattdessen fragte man, ob man es noch so eben verantworten kann, das Kind nicht in die Obhut einer Einrichtung zu geben.(...)"

zweitens eine art überblick über die situation in diesem land, die u.a. bereits im blog thematisierte punkte aufgreift:

(...)"Wir wissen nicht einmal viel über Kinder. Die umfassende Studie über das, was Drei- bis Zehnjährige über die Welt denken, welche Träume und Wünsche sie haben, wurde eben erst von der Hilfsorganisation World Vision in Auftrag gegeben. Über Misshandlungen und Vernachlässigungen gibt es nur eine Reihe vereinzelter Untersuchungen. Zwei Kinder sterben pro Woche in Deutschland an Misshandlungen, hat die Unicef herausgefunden. Doch was ist mit der großen Zahl an nicht tödlichen oder nicht sichtbaren Misshandlungen? Wie sieht es mit Vernachlässigungen aus? Hier können Experten nur mit Hilfe der Kriminalstatistik schätzen: Etwa ein Prozent der jährlich geborenen Kinder sind von Verwahrlosung bedroht, glauben sie. Das wären in der Altersgruppe der bis zu Zehnjährigen etwa 80.000 Kinder.

Bei der Berliner Polizei vergleicht man das Dunkelfeld verschiedener Straftaten und zieht daraus Rückschlüsse. "Bei Sexualdelikten gegen Kinder liegt das Verhältnis von einem aufgeklärtem Fall zu einem nicht polizeibekannten in einer Spannbreite von eins zu sechs bis eins zu zwanzig", sagt Michael Havemann, Leiter des Dezernats 12, das auch für Kindesmisshandlungen zuständig ist. "Und weil die Hemmschwelle für Vernachlässigung und Misshandlung wohl höher ist als bei sexuellem Missbrauch liegt die Dunkelziffer wahrscheinlich eher am oberen Ende dieses Spektrums." 2005 ermittelte die Berliner Polizei in 314 Fällen wegen Vernachlässigung und in 472 wegen Misshandlung. Diese Zahlen müsste man wohl mit zwanzig multiplizieren um sich eine Vorstellung vom Ausmaß des Leidens von Kindern zu machen.

Die Berliner Polizei ist bundesweit die einzige, die ein eigenes Kommissariat zur Bekämpfung von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung unterhält. Die Beamten wissen genau, wie verharmlosend diese beiden Begriffe eigentlich sind. "Viele stellen sich unter Misshandlungen einfach nur ein paar blaue Flecke vor", sagt Havemann und blättert Bilder aus Ermittlungsakten auf den Tisch: ausgehungerte Säuglinge, dunkle Striemen von Kleiderbügeln, Glutnarben von Zigaretten, Knochenbrüche, Verbrühungen durch heißes Wasser, Flecken, die von heißen Bügeleisen stammen. Und er erzählt von Kindern, die geschüttelt werden, wenn sie zu viel schreien. Dabei reißen leicht die Brückenvenen, die zwischen Gehirn und Hirnhaut verlaufen. An den Blutungen kann ein Kleinkind durchaus sterben. Häufiger jedoch sind Spätfolgen - schwerste Behinderungen beispielsweise. Dann zitiert Havemann Aussagen von Eltern: "Ich habe dieses Kind in die Welt gesetzt, ich kann damit machen, was ich will", sagen sie. Oder: "Mir tat die Hand vom Schlagen so weh, da musste ich einen Bügel nehmen."(...)


"ich kann damit machen, was ich will" - mein eigentum, im sinne eines beliebigen dings. nicht oft genug kann wiederholt werden, dass es sich bei solchen äußerungen aller wahrscheinlichkeit nach um eine art symptom des objektivistischen wahrnehmungsmodus in einer krankheitswertigen monopolposition handelt - auch die täterInnen nehmen sich letztlich selbst, v.a. ihren körper, als ding wahr - und sitzen als virtuelles und immaterielles "ich" irgendwo "in" ihrem kopf, paranoid und kontrollierend. aber das ist weder ein muss noch gar die angeblich natürliche und einzige variante der menschlichen existenz (auf dieser behauptung gründet sich in letzter konsequenz, nebenbei gesagt, auch der kapitalismus als ideologie).

zur frage, welche gesellschaftlichen schichten (bzw. klassen) eigentlich vorwiegend betroffen sind, gibt es, wie eigentlich nicht anders zu erwarten, streit:

(...)"Die meisten Fälle, sind sich fast alle Experten einig, geschehen in armen Familien. "Vernachlässigung und Misshandlung sind fast ausschließlich ein Phänomen der Unterschicht", sagen unisono der Kriminologe Christian Pfeiffer und der Soziologe Klaus Hurrelmann (siehe Interview). LKA-Chef Havemann hat da andere Erfahrungen. Bei Misshandlungen, sagt er, stammen die Täter aus einem "breiten gesellschaftlichen Spektrum". Der Unterschied sei nur: Grausamkeiten gegen Kinder in Mittel- und Oberschicht äußere sich weniger häufig in körperlicher Gewalt: "Wenn eine Mutter den Hamster der Tochter im Klo runterspült, dann ist das eine seelische Misshandlung, aber dem Kind sieht man nichts an." Auch was Migrantenfamilien betrifft, sprechen die Zahlen der Berliner Polizei eine andere Sprache als die der Forscher. Die meinen, dass dort die Eltern öfter zuschlagen, die Beamten stellen bisher "keine diesbezüglichen Auffälligkeiten" fest. Den logisch scheinenden Befund, dass Drogensucht der Eltern ein erhöhtes Misshandlungsrisiko für Kinder sei, stellt eine noch nicht veröffentlichte Studie aus Leipzig ebenfalls in Frage. "Es besteht noch viel Forschungsbedarf", sagt Heinz Hilger, Präsident des Kinderschutzbundes. Er wehrt sich aber dagegen, eine "Ablenkungsdebatte" über Wohlstandsvernachlässigung zu führen. "Zu 90 Prozent sind Misshandlung und Vernachlässigung ein Problem armer Familien." Wo es Armut gebe, sei nun einmal weniger zu verteilen. Zudem hätten Eltern kaum Möglichkeiten, sich von der Kindererziehung zu entlasten, weil der Babysitter oder ein Kindermädchen zu teuer sind."(...)

ich sage dazu: vor allem die methoden der objektivistischen gewalt sind je nach klasse verschieden - die bürgerlichen mittel- und oberschichten sind sozusagen durch ihre konstruierten selbstbilder in ihrer virtualisierung (verachtung des körpers) weiter fortgeschritten, werden dazu eher durch bestimmte "moralische" (und ebenso konstruierte) gerüste von offener gewalt abgehalten - und greifen dann lieber zu primär "psychisch" erscheinenden formen (die sich aber natürlich letztlich ebenso materiell niederschlagen - bspw. in der neurophysiologie des gehirns - wie die "ganz banale" prügel).

ein streitgespräch greift als letztes einige widersprüche wieder auf, die ich selbst hier schon geäussert habe. ich kann nach wie vor verschiedene argumente nachvollziehen:

(...)"Auch überdauert bei uns das Denken, ein Kind allein als Privatsache zu betrachten. In unseren Köpfen dauert dieses Denken fort: dass Mutterliebe quasi ein Automatismus ist. Dass der Staat sich nicht einmischen sollte. Wir aber müssen deutlich machen: Ein Kind zu erziehen ist keine Privatsache."(...)

finde ich prinzipiell richtig (auch, wenn ich nicht gerade den staat als babysitter sehen möchte).

(...)"Man sollte so etwas nicht mit Androhungen von Strafen verbinden. Mutterliebe lässt sich nicht erzwingen. Im Gegenteil laufen wir dann Gefahr, dass die Eltern sich bevormundet fühlen und sich gegen jede Hilfe sperren."(...)

dito (wobei der aspekt der totalitären tendenzen in jeder art staatlicher kontrolle noch nicht mal angesprochen wurde).

solange die mitglieder dieser gesellschaft hier überwiegend meinen, ohne staat nicht auskommen zu können, wird im interesse der betroffenen kinder vermutlich nichts anderes übrigbleiben, als einen gewissen raum für staatliche sanktionen zuzugestehen - auch wenn mich diese (hoffentlich) übergangslösung keinesfalls zufrieden stimmt.

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es ist ja doch der gleiche staat, der seinen eigenen untertanen (die frage, wieweit dieses untertanendasein gerade bei soldaten eigentlich tatsächlich selbstgewählt ist, sollte beim folgenden immer im hinterkopf bleiben) solches zumutet:

(...)"Wie leben Sie heute mit der PTBS?

Ich würde eher sagen, ich überlebe. Ich schlafe nur mit Tabletten ein und wache nur mit Tabletten wieder auf. Nachts fange ich an zu zittern. Damit ich das Pfeifen im Ohr nicht höre, lasse ich nachts das Radio an. Meine Freundin hat sich schon daran gewähnt. Wenn ich mit ihr oder meiner Tochter zusammen bin, komme ich zur Ruhe. Tagsüber habe ich Flashbacks, bei denen die Bilder wieder auftauchen. Vom Kameraden ohne Kopf, von den Fliegen. Den Blutgeruch habe ich immer in der Nase. Ich hab mir schon Tigerbalsam unter die Nase gerieben. Aber das hilft nicht. 2004 wurde ein Gehirntumor festgestellt. Der wurde schon ein paarmal entfernt, aber er kam immer wieder. Weil ich als Reservist nur eine kleine Rente bekomme, stehe ich vor dem finanziellen Ruin. Ich wurde beim Einsatz dienstunfähig, also kämpfe ich darum, wie ein aktiver Feldwebel bezahlt zu werden. Im November muss ich wieder nach Hamburg ins Bundeswehrkrankenhaus. Ich soll mal wieder untersucht werden, ob ich wirklich PTBS habe. Ich werde von einer Dienststelle an die nächste weitergereicht."(...)


und zum genannten hamburger bundeswehrkrankenhaus findet sich hier einiges interessante:

(...)"Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ist das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg zu einem düsteren Nebenkriegsschauplatz der Auseinandersetzungen in Afghanistan, Bosnien und Kosovo geworden: In der Abteilung VI für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie wurde und wird ein Großteil jener (offiziell) rund 1550 deutschen Soldaten behandelt, die als Folge ihrer Erlebnisse und Erfahrungen an schweren psychischen Störungen, vor allem an der selbstzerstörerischen Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden."(...)

es stellen sich gerade hier so einige fragen - wie kriege auch noch sozusagen indirekt in das soziale gefüge kriegführender gesellschaften eingreifen (und dabei wiederum in großen dimensionen geschädigte, aber gleichzeitig womöglich auch machtkompatible menschen hervorbringen), ist dabei längst keine frage mehr:

(...)"Patienten berichten, dass sie ihre Kinder bei Hausaufgabenhilfe geschlagen haben, was sie früher nie getan hätten", sagte Oberstarzt Dr. Karl-Heinz Biesold, Leitender Arzt der Abteilung VI, der auf dem Balkan und in Afghanistan im Einsatz war. "In akuten Fällen sind die Männer nicht aggressiv, sondern gefühlsmäßig taub. Sie spüren keine Gefühlsregung, weder Freude noch Trauer."(...)

einige fragen, die sich besonders die behandelnden ärzte, psychiater, psychologen/therapeuten stellen lassen müssen, entstehen zwangsläufig bei ansicht des folgenden:

(...)"In Hamburg hat es Dr. Biesold mit Opfern wie David Hallbauer zu tun, der am 13. Juni 1999 in Prizren die ersten tödlichen Schüsse eines Bundeswehrsoldaten abgefeuert hatte, als zwei Serben in einem gelben Lada feuernd auf ihn zurasten. Der 22-Jährige hatte, wie befohlen, erst Einzel-, dann Dauerfeuer abgegeben. Am Ende waren die von 27 Kugeln getroffenen Serben tot. Hallbauer hatte die Bedrohung der zivilen Marktplatzbesucher abgewendet, den ersten Schusswechsel seines Lebens aber konnte er nicht verkraften. Er ist seit drei Jahren in der Hamburger Militärpsychiatrie in Behandlung, seine Bewerbung als Berufssoldat wurde abgelehnt, sein Leben ist ruiniert."(...)

erstens: wer hat eigentlich überhaupt im "politischen" sinne die situation auf dem balkan zu verantworten? serbien als alleine verantwortlich zu begreifen, ist eine bequeme reduktion gerade der deutschen rolle bei der auflösung jugoslawiens. ich frage mich, ob sich die verantwortlichen mediziner auch selbst fragen, was eigentlich die institution, für die sie tätig sind, im ausland zu suchen hat? zweitens: kriege als extemste formen menschlicher gewalt in massendimensionen haben - und das ist seit jahrzehnten auch wissenschaftlich bekannt - nun mal entsprechend extreme folgen, die aber - und das ist wichtig! - keinesfalls immer zb. in form einer ptbs auftreten müssen. der oben beschriebene soldat zeigt imo doch eine durchaus menschliche reaktion: beschossen zu werden und selbst zu töten (auch in notwehr) ist letztlich für keinen menschen leicht "wegzustecken" - ausser für solche, die bereits in ihrer selbst- und fremdwahrnehmung geschädigt sind (die werden womöglich dann als "robuste naturen" noch als vorbilder hingestellt). es ist nicht sehr weit hergeholt zu spekulieren, dass gerade in einem militärkrankenhaus das kriterium der "funktionsfähigkeit" noch um das attribut "dienstfähig" als zeichen einer erfolgreichen behandlung erweitert sein dürfte. aber hat die fähigkeit, innerhalb einer gewaltproduzierenden institution wie einer armee funktionieren zu können, wirklich etwas mit "heilsein" in einem menschlichen sinne zu tun? meine antwort darauf können Sie sich vermutlich vorstellen.

fragen muss sich aber auch der autor des artikels stellen lassen:

(...)"Gebraucht werden jetzt mehr Psychologen für die Früherkennung am Einsatzort, damit man die Nachsorge nicht als Rückzugsgefechte betreiben muss. Wenn nicht, wird die Bundeswehr den "Krieg der Seelen" verlieren."(...)

wer medizinische tätigkeiten als "rückzugsgefecht" bezeichnet und dazu einen "krieg der seelen" postuliert (bei dem so ganz nebenbei das harte aushalten von grausamkeiten und gewalt implizit als "erstrebenswert" - weil nötig zum "gewinnen" - enthalten ist), schrammt bereits ganz nah an der wertung "schreibtischtäter" herum.

Sonntag, 22. Oktober 2006

assoziation: wenn die masken fallen - und einiges unsortierte zum *schrecklichen gelächter* (1) (update)

besonders die angehörigen der sog. politischen "eliten" müssen ja bekanntlich angesichts der hohen präsenz von kameras und mikrofonen in ihrem alltag besonders darauf achtgeben, dass die als-ob-fassaden (simulieren von verantwortlichkeit, humanität, friedensliebe...) gut sitzen. sonst können dabei solche sachen geschehen wie vor ein paar jahrzehnten dem damaligen us-präsidenten reagan, der bei (irrtümlich) schon laufenden mikros fröhlich seine geheimen träume ausplauderte:

"My fellow Americans, I am pleased to tell you I just signed legislation which outlaws Russia forever. The bombing begins in five minutes.

(Liebe amerikanische Mitbürger, ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass ich gerade ein Gesetz unterzeichnet habe, das Russland für immer für vogelfrei erklärt. Die Bombardierung beginnt in fünf Minuten.)"


solches wurde und wird dann normalerweise mit auffälliger rücksichtnahme und irgendwie peinlich berührt schnell unter den teppich gekehrt, und als "mißglückter bzw. schlechter scherz" abgehandelt.

so ist es auch gerade wieder zu beobachten, und das stichwort rußland liefert den übergang von reagan zu einem seiner heutigen kollegen im antisozialen geiste, dem russischen leader putin:

(...)"Beim Treffen mit Israels Regierungschef Ehud Olmert sagte er, dieser möge den israelischen Präsidenten Mosche Katzav, der der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung beschuldigt wird, grüßen lassen: „Was für ein starker Kerl! Zehn Frauen hat er vergewaltigt. Das hätte ich ihm nicht zugetraut. Er hat uns alle überrascht. Wir beneiden ihn alle.“ So zumindest übersetzen die Nachrichtenagenturen das Zitat aus der russischen Zeitung Kommersant. In Wirklichkeit hat Putin nicht „vergewaltigt“ gesagt, sondern: „Mit zehn Frauen ist er fertig geworden“."(...)

was es natürlich kein stück besser macht. solche zitate, die neben dem bekannten handeln dieser leute die antisozialen bis soziopathischen (mindestens) teile ihrer persönlichkeitsstruktur sehr deutlich machen, kommen bezeichnenderweise nur durch eine art pannen überhaupt in die öffentlichkeit:

(...)"Der Journalist kommentierte das Gehörte mit den Worten, das sei einer jener Momente gewesen, in denen man seinen Ohren nicht traue."

(überall auf der welt sind die schäfchen darauf konditioniert, in ihren henkern stets nur gütige und verantwortungsvolle schäfer wahrnehmen zu wollen.)

"Der Journalist äußerte die Vermutung, Putin habe offenbar nicht bemerkt, dass die Mikrofone noch eingeschaltet waren und dass Kolesnikow sich als einziger Journalist noch im Saal aufhielt."(...)

und die für die medienpolitik verantwortlichen in der russischen administration haben offensichtlich keinerlei ahnung davon, wie solche "erklärungen" eigentlich ankommen:

(...)"Es habe sich um einen Übersetzungsfehler gehandelt, versuchte der Kreml heute die Wogen zu glätten. Bei der Übertragung vom Russischen ins Englische werde ein Witz oft nicht richtig wiedergegeben, sagte ein Sprecher heute."(...)

einen witz wollt´ er sich also machen. wer über die verhältnisse in rußland, putins biographie, üblichen männlichen sexismus und das noch kaum verstandene weltweite revival patriarchaler strukturen plus deren gewalttätigkeit länger nachdenkt, wird diesen "witz" einzuschätzen wissen, von dem übrigens ein hintergrund das hier ist:

(...)"In Israel bereitet die Staatsanwaltschaft eine Anklage gegen Katzav vor. Zwei ehemalige weibliche Angestellte werfen dem Präsidenten vor, er habe sie mit Drohungen sexuell gefügig gemacht. Nach der Veröffentlichung dieser Vorwürfe hatten sich weitere Frauen gemeldet, die dem Staatsoberhaupt sexuelle Nötigung vorwerfen. Katzav beteuerte wiederholt seine Unschuld und bezeichnete sich als Opfer eines Erpressungsversuchs."(...)

derartige und andere gewalt witzig zu finden, ist ein wahrlich bemerkenswerter zug - oder zutreffender: vielleicht schon ein klinisch relevantes symptom, zb. für die in der icd unter F60.2 registrierte krankhafte störung?

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edit am 23.10.: der beitrag ist jetzt bei den assoziationen gelandet, und das nicht ohne grund - die frage "was wird eigentlich warum als witzig empfunden?" beschäftigt mich immer wieder mal, und hat bspw. anläßlich des sog. "karikaturenstreites" vor einiger zeit zu einem (nicht veröffentlichten) beitrag geführt, aus dem ich im folgenden einiges entnehme.

zunächst aber ein paar ergänzungen: 1. reagan hat bei seinen zitierten massenmordwünschen gelacht. 2. es ist imo hinsichtlich des hier thematisierten uninteressant, ob putin seine sprüche womöglich "ironisch" gemeint hat (ich glaube das bei betrachtung des handelns von putin und seiner "administration" sowohl innen- wie außen"politisch" absolut nicht - solche leute haben keinen humor, bzw. eher eine bösartige abart davon). 3. ich habe vom revival patriarchaler strukturen geschrieben - und finde das jetzt einen klaren fehler, aus mehreren gründen: von einem revival kann höchstens unter einem bestimmten blickwinkel hinsichtlich der verhältnisse in den westlichen ländern gesprochen werden - susan faludi hat das in den 1990ern in "backlash" speziell bezgl. der lage weißer frauen aus der sozioökonomischen mittelklasse ganz gut herausgearbeitet. im rest der welt sieht und sah es nicht viel besser aus als in den letzten jahrhunderten. dazu kommt, dass eigentlich eine neudefinition des patriarchatsbegriffs längst überfällig ist - in kürze skizziert, würde unbedingt dazu gehören: die koppelung männlichkeit/objektivität aufzulösen (letztere ist geschlechtslos); die ansatzweise begonnene thematisierung patriarchaler verhältnisse in und unter männern weiterzuführen; und die ebenfalls ansatzweise begonnene diskussion zu frauen als täterinnen ebenfalls fortzusetzen. klingt für Sie wie böhmische dörfer? macht nichts, wird zukünftig hier im blog etwas deutlicher werden, was ich selbst unter den benannten punkten verstehe - zb. beim traumathema.

*

was das schreckliche lachen anbelangt, habe ich bereits in anderen inhaltlichen zusammenhängen hier öfter die these vertreten, dass die nazis bei der kenntlichmachung bestimmter essentieller machttechniken und auch bei der sichtbarmachung der durch machtverhältnisse stattfindenden bzw. diese verhältnisse selbst mit hervorbringenden bösartigen psychophysischen deformationen bis heute quasi unerreicht sind. und ich neige in den letzten jahren mehr und mehr zum standpunkt, dass ganz wesentliche lektionen, die wir durch die nazis hinsichtlich unserer menschlichen optionen lernen könnten, bis heute nicht begriffen worden sind - ganz im gegensatz zur behauptung, dass die zeit des nationalsozialismus aus der sicht der geschichts- und sozialwissenschaften so gut erforscht sei wie kaum eine andere geschichtliche epoche. im sinne der streng objektivistischen mainstreamwissenschaften mag das sogar zutreffen - aber wieviele tatsächliche erkenntnisgewinne, gar im sinne einer wirksamen prävention, sind dabei rübergekommen?

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naziführer unter sich, nach dem pogrom vom 9. november 1938. gesprochen wird über "sühne- und gegenmaßnahmen" gegenüber "den juden". einer von ihnen wird das protokoll seiner eigenen worte selbst kommentieren.

Ich hatte das Dokument 1816 PS, das die stenographische Niederschrift über die (...) Sitzung vom 12.11.1938 enthält, mitgebracht und übergab es dem Angeklagten durch die kleine Schiebeklappe, die für diesen Zweck rechts unten im Gitter angebracht ist. Göring las sich das umfangreiche Schriftstück durch, lachte ein paar Mal, schüttelte dann aber den Kopf und sagte: "Wir wollen uns lieber darauf nicht mehr beziehen. Die Äußerungen sind doch wohl ein wenig zu kräftig. Hören Sie z.B. einmal:

"Goebbels: ...Weiterhin halte ich es für notwendig, daß die Juden überall da aus der Öffentlichkeit herausgezogen werden, wo sie provokativ wirken. Es ist z.B. heute noch möglich, daß ein Jude mit einem Deutschen ein gemeinsames Schlafwagenabteil benutzt. Es muß also ein Erlaß des Reichsverkehrsministers herauskommen, daß für Juden besondere Abteile eingerichtet werden, und daß, wenn dieses Abteil besetzt ist, die Juden keinen Anspruch auf Platz haben, daß die Juden aber nur dann, wenn alle Deutschen sitzen, ein besonderes Abteil bekommen, daß sie dagegen nicht unter die Deutschen gemischt werden und daß, wenn kein Platz ist, Juden draußen im Flur zu stehen haben.

Göring: Ich finde es viel vernünftiger, daß man ihnen eigene Abteile gibt.

Goebbels: Aber nicht, wenn der Zug überfüllt ist.

Göring: Einen Moment! Es gibt nur einen jüdischen Wagen. Ist der besetzt, müssen die übrigen zu Hause bleiben.

Goebbels: Aber nehmen wir an, es sind nicht so viele Juden da, die mit dem Fern-D-Zug nach München fahren, sagen wir: es sitzen zwei Juden im Zug, und die anderen Abteile sind überfüllt. Diese beiden Juden hätten nun ein Sonderabteil. Man muß deshalb sagen: die Juden haben erst dann Anspruch auf Platz, wenn alle Deutschen sitzen.

Göring: Das würde ich gar nicht extra fassen, sondern ich würde den Juden ein Wagen oder ein Abteil geben. Und wenn es wirklich jemals so wäre, wie Sie sagen, daß der Zug sonst überfüllt ist, glauben Sie, das machen wir so, da brauche ich kein Gesetz. Da wird er herausgeschmissen, und wenn er allein auf dem Lokus sitzt während der ganzen Fahrt."

...und weiter:

"Goebbels:...Es wäre zu überlegen, ob es nicht notwendig ist, den Juden das Betreten des deutschen Waldes zu verbieten. Heute laufen Juden rudelweise im Grunewald herum. Das ist ein dauerndes Provozieren, wir haben dauernd Zwischenfälle. Was die Juden machen, ist so aufreizend und provokativ, daß es dauernd zu Schlägereien kommt.

Göring: Also wir werden den Juden einen gewissen Waldteil zur Verfügung stellen und Alpers (Forstbeauftragter in Preußen) wird dafür sorgen, daß die verschiedenen Tiere, die den Juden verdammt ähnlich sehen - der Elch hat ja so eine gebogene Nase - dahinkommen und sich da einbürgern!"

...Göring lachte so heftig, daß er erst einmal eine Pause machen mußte, ehe er fortfuhr (...)


nun, wie finden Sie das? so machen historische persönlichkeiten geschichte - unsere geschichte. neben (späteren) rentabilitätsberechnungen über solche fragen zb., ob es sich wirklich lohnt, aus den leichen ermordeter seife, lampenschirme und filzstiefel herzustellen, werden auch sehr ernsthaft fragen nach der belegung von eisenbahnabteilen sowie nach der berechtigung des zugangs zum deutschen wald erörtert. der herr göring hat vermutlich tatsächlich geglaubt, dass daran irgendetwas lustiges gewesen sei. eine art von "humor", die (nicht nur) ihm eigen gewesen zu sein scheint:

Aber auch zu den augenblicklichen Verhältnissen in Deutschland hatte er eine Menge Fragen. Als ich ihm erzählte, daß man sich in der Nürnberger Bevölkerung recht viele Gedanken über Kinder der amerikanischen Negersoldaten mache, die jetzt bereits verschiedentlich ausgesetzt würden, und meine schweren Bedenken über die Gewissenlosigkeit der Mütter ausdrückte, die gar nicht an das zukünftige Schicksal dieser armen Kinder dächten, lachte Göring heftig, wischte sich die Augen und sagte, zu mir gebeugt: "Da machen Sie sich mal keine Sorgen! Die kann man ja in einigen Jahren verheizen." -

(notiert hat sich görings reaktionen der rechtsanwaltsassistent werner bross, der als helfer von görings verteidiger otto stahmer in nürnberg in die prozeßvorbereitung und -durchführung involviert war, und darüber die "Gespräche mit Hermann Göring während des Nürnberger Prozesses" veröffentlichte - flensburg 1950, verlagshaus christian wolff. die obigen zitate stammen aus den seiten 35 bis 37 sowie 167 der originalausgabe.)


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ich begreife görings gelächter als in einem eigenartigen sinne authentisch - authentisch soziopathisch sozusagen. dieses böse gackern ist weltenweit von einem freudvollen, teilenden mitlachen entfernt, von der liebevollen und oft genug leicht boshaften selbstironie, die ich bei menschen sehr anziehend finde. es ist auf niedermachen und zerstören aus, kommt aus einer (halluzinierten) position des obenseins, und findet im dingmodus das mühsame herumkriechen der sklavengemeinde (zu denen faktisch alle anderen ausser sich und der eigenen gang gezählt werden) unter sich unglaublich amüsant. es ist im schlimmsten sinne schadenfroh (eines der treffendsten deutschen wörter, die es überhaupt gibt):

"Die Männer lachen herzhaft, während die Schweine ihre Kiefer in das Menschenfleisch graben. In kurzer Zeit ist von dem armen Teufel kaum noch etwas übrig."

nicht jedes lachen ist gesund. wenn Sie ein solches lachen einmal selbst hören wollen: in der berühmten rede des ss-chefs himmler 1943 in posen gibt es eine solche stelle - hören Sie der originalrede zu und achten Sie darauf, was aus dem publikum nach dem folgenden satz zu hören ist:

"Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden. Es ist ja klar, die anderen sind Schweine, aber dieser eine ist ein prima Jude."

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ohne weitere anmerkungen nun ein teil des nichtveröffentlichten beitrags zum "karikaturenstreit" - ich finde, er passt ergänzend zum thema.

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beim anblick von islamistischen fundamentalisten werden sich die meisten vermutlich fragen: wo haben die denn humor? haben sie nicht, würde ich sagen. aber das ist oberflächlich, wie die obigen beispiele zeigen - es gibt nachweislich gerade unter sog. "führungseliten" eine art von destruktivem und zynischem gelächter, bei dem der witz immer auf kosten anderer geht. und da unterscheiden sich fundamentalisten aller coleur nicht von der mafia und auch nicht von sog. demokratischen führungspersonen. aber gerade die nazis, auch ihre heutigen selbsterklärten nachfolger, sind in dieser "kunst" schwer zu übertreffen. eine mildere und verbreitere variante davon stellt das sog. "politisch unkorrekte" gelächter dar, wie es vor allem gerne von sog. konservativer seite als "tabubruch" dargestellt wird - hier wird der witz zur ideologischen waffe und als "befreiend" halluziniert - "befreiung" von den als lästig empfundenen anforderungen, mit gesellschaftlich stigmatisierten bzw. diskriminierten gruppen/menschen solidarisch zu sein. ich glaube gerne, dass diese rechte art der verachtung von den protagonistInnen sogar als "ehrlich" bzw. authentisch empfunden wird - aber das ist keinesfalls ein beleg für humor, sondern eher für empathiestörungen.

viel zu viel von dem, was heute öffentlich so als "lustig" betrachtet wird, ist eher ganz deutlich verletzend gemeint und wirkt bei den gemeinten meist auch so. und es ist imo sehr bedauerlich, dass sich dabei auch im weitesten sinne als irgendwie "links" geltende medien wie bspw. die "titanic" viel zu häufig auf diese ebene begeben - als reaktion auf wahnsinnige und bösartige realitäten lässt sich das vielleicht begreifen, aber genau diese motivation wird von den derart handelnden entweder nicht gesehen, abgestritten, oder aber als rechtfertigung benutzt.

damit ich nicht falsch verstanden werde: ich will hier nicht für ein sozialpädagogenhaftes klischee von zwischenmenschlichem umgang plädieren - ich schätze selbst auch drastischere formen von humor, auch sarkastische (mit offen zynischen habe ich allerdings zunehmend schwierigkeiten). ebenfalls ist selbstironie eine begrüßenswerte fähigkeit. aber zu oft fehlt mir ein bewußtsein dafür, dass gerade solche gefühle, die sich in verletzenden "scherzhaften" formen ausdrücken, ihre basis immer auch in den unerträglichen realitäten haben, wie sie hier thema sind.

die konstatierte humorlosigkeit in teilen der fundamentalistischen islamistischen bewegungen ebenso wie in den christlichen gegenparts v.a. der usa mag dabei als besonders leicht zu provozierendes ziel reizen - aber ich sehe weit und breit nichts positives, was daraus entstehen könnte - erst recht nicht den fakt, das diejenigen, die mit derlei mitteln arbeiten, sich selbst als "tabubrecher" im namen der "meinungsfreiheit" feiern - dabei agieren sie lediglich ihre eigene verachtung und destruktivität aus. wer solchen "humor" hinnimmt, wird sich nicht mehr über etwaige karikaturen über bspw. auschwitz beschweren dürfen - auch, wenn das ein ganz anderes thema ist. es geht um die methode an sich, mit der hier gearbeitet wird. und nein, das bedeutet noch lange nicht, dass auch grundsätzliche kritik am islam oder anderen religionen bspw. nicht legitim sei - aber die arrogante, alles ins lächerliche ziehende und verletzende art und weise der "kritik" besonders einiger westlicher massenmedien ist ganz offensichtlich nicht an tatsächlichen interkulturellen fortschritten interessiert, sondern an eskalation. und wer jetzt ruft, islamische medien würden doch das gleiche zb. mittels antisemitischer schmähungen betreiben, hat den schuß nicht gehört - das uralte kindische spielchen "aber der hat doch auch..." sagt dabei wieder am meisten über diejenigen aus, die es praktizieren. und spielt im übrigen den fundamentalisten der "anderen seite" perfekt in die hände.

*

vielleicht bringt es das folgende am besten auf den punkt: machen Sie sich einfach klar, dass eine große mehrheit aller heute lebenden menschen auf die eine oder andere art psychophysisch mehr oder weniger schwer verwundet ist, und zwar unabhängig davon, auf welchem kontinent jemand lebt. machen Sie sich weiter klar, dass sich mindestens ein teil dieser verwundungen wiederum in destruktiven und antisozialen verhaltensweisen manifestieren kann und auch manifestiert. dagegen ist selbstschutz legitim und nötig - aber das herumbohren in den fremden wunden hat damit absolut nichts zu tun, sondern verschärft die probleme nur noch. und führt dazu in die irre, indem es von den gerade genannten realitäten wegführt bzw. sie vernebelt. und wer aus eigenen wahrnehmungsdefekten heraus andere auslacht, macht sich selbst - lächerlich.

Freitag, 20. Oktober 2006

notiz: "für freiheit und demokratie", "für volk und vaterland", für... wie lange noch?

innerlich verspüre ich immer öfter bei solchen meldungen eine art von erstarrung - Traumatisierter US-Soldat zerstückelte Freundin.

der inhalt des darunter stehenden berichts ist teils extrem grausam, deshalb möchte ich allen, die aufgrund ihrer eigenen biographie möglicherweise re-traumatisierende triggereffekte verspüren könnten, dringend raten, mit dem lesen vorsichtig zu sein. wobei der dokumentierte horror einmal mehr das deutlich macht, was ich schon öfter unter täter-opfer-dialektik gefasst habe.

eher allgemein geht es dann mit informationen weiter, die für interessierte nicht gar so neu sind, aber nicht oft genug wiederholt werden können:

(...)"Mehr als ein Drittel aller aus dem Irak zurückgekehrten US-Soldaten hat binnen eines Jahres nach dem Einsatz psychologische Hilfe erhalten. Dies geht aus einer Untersuchung des Verteidigungsministeriums in Washington hervor. Bei zwölf Prozent der Heimkehrer wurden demnach psychische Probleme diagnostiziert.

Auch immer mehr Bundeswehrsoldaten leiden nach Auslandseinsätzen an psychischen Störungen: Die Zahl der Einsatzkräfte mit posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) hat sich in den vergangenen drei Jahren fast verdreifacht, teilte das Verteidigungsministerium am Dienstag der Nachrichtenagentur AP mit. Im Jahr 2005 waren demnach mindestens 140 Bundeswehrsoldaten wegen posttraumatischen Störungen in Behandlung. 2003 waren es noch 48 gewesen.

In den USA sehen sich sechs von sieben medizinischen US-Einrichtungen für Kriegsveteranen nicht in der Lage, die wachsende Nachfrage nach Behandlung von PTSD zu decken, heißt es in einem Bericht des Government Accountability Office (einer Art US-Bundesrechnungshof) vom September 2004. Dabei gehen Forscher inzwischen von Hunderttausenden seelisch kranker GIs aus."(...)


mehr zu kriegstraumata bei soldaten ebenfalls im kommenden traumaschwerpunkt - und bis dahin empfehle ich die lektüre dieses älteren beitrags zum thema us-soldaten und trauma: benutzt und weggeworfen.

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