Dienstag, 17. Oktober 2006

notiz: der wahnsinn der normalität

erinnern Sie sich noch an das zitat im letzten teil dieses beitrags?

(...)"Unsere Gesellschaft ist, was Armut betrifft, autistisch. Sie interessiert sich, wie viele Autisten, nur für Systeme. Sie diskutiert die "Agenda 2010", sie predigt den "Umbau des Sozialstaates", sie wägt den Vorteil von "Teilhabegerechtigkeit" gegenüber der "Verteilungsgerechtigkeit" ab, sie kennt tausende Statistiken über die deprimierende Lage auf dem Arbeitsmarkt. Sie spuckt Zahlen, Diagramme und Schaltpläne aus. Sie kann alles abstrahieren. Aber den Kontakt zu denen, die das betrifft, die damit klarkommen müssen, die darunter leiden, diesen Kontakt hat die Gesellschaft verloren. Sie ist unfähig, sich in die Lage armer Menschen hineinzuversetzen oder gar sie zu verstehen. Sie schildert stets eine völlig andere Welt, obwohl doch beide, die Mehrheitsgesellschaft und ihre Armen, in derselben Welt leben."(...)

die groteske derzeitige "diskussion" über die anscheinend wie aus dem nichts über die natürlich mal wieder völlig ahnungslose mehrheitsgesellschaft hereingebrochene "neue unterschicht" ist bei genauer betrachtung eine nachdrückliche unterstreichung der obigen these (und noch einiger anderer): es wird sich ausschließlich um begriffe gestritten, und dazu gibt´s eine ordentlich dosis realitätsverweigerung - etwa dann, wenn allen ernstes behauptet wird, dass die sog. "reform" namens "hartz IV" natürlich nichts mit der immer massiver werdenden verelendung ganzer bevölkerungsgruppen zu tun hätte - und sicher, wer würde denn überhaupt auf eine so abstruse idee kommen? das das bösartige demagogie ist, kann doch nun wirklich jede/r sehen - oder?

(...)"Erhielten am 21. Dezember 2004 noch 270 585 Berliner laufende Hilfe zum Lebensunterhalt, waren es ein Jahr später nur 8266 Personen. Dafür ist die Zahl der Berliner, die unter die Hartz-IV-Gesetze fallen - dazu zählt das neue Sozialgesetzbuch II -, im vergangenen Jahr explosionsartig gestiegen. Als Anfang 2005 Arbeitslosengeld und Sozialhilfe bundesweit zusammengelegt worden waren, zählten die Jobcenter 225 000 Bedarfsgemeinschaften mit 310 000 Menschen. Im März 2005 waren es bereits 279 000 Bedarfsgemeinschaften, im Oktober 314 000. Und bis April 2006 stieg die Zahl auf 335 000 Haushalte an."(...)

naja, großstadt halt, da ist ja alles ein bißchen extremer - aber woanders, zb. in einer kleinen niedersächsischen (nicht sächsischen!) stadt, sieht das bestimmt ganz anders aus. oder?

(...)"So etwa die Kunden der Tafel, deren Armut sie zwingt, sich regelmäßig in die langen Schlangen vor der Ausgabestelle einzureihen. Die ehrenamtliche Vorsitzende Monika Schmidt fühlt sich nach eigenen Angaben von der Politik im Stich gelassen. Viele wollten einfach nicht sehen, wie viel Armut es in Delmenhorst mittlerweile gebe. Und die Zahl derer, die auf die Unterstützung durch die Tafel angewiesen sind, steigt ständig. Laut Schmidt waren vor viereinhalb Jahren 67 Familien Kunden der Tafel, heute sind es 1447 Erwachsene und 492 Kinder, die sich in den Räumen an der Elbinger Straße regelmäßig Lebensmittelspenden abholen. Insbesondere mit der Einführung von Hartz IV habe sich die Lage dramatisch verschlechtert.

Erschütternd auch die Darstellung des Leiters der Parkschule, der darüber berichtete, dass viele Kinder zur Schule kommen und „richtig Hunger haben“. Aber auch in anderen Bereichen, wie etwa der Finanzierung von Klassenfahrten, sei die Armut deutlich spürbar."(...)

(danke an dieser stelle zum wiederholten male für die dokumentation dieser und vieler anderer meldungen an das forum auf der subfrequenz!)


schluß mit lustig - zahlen und statistiken sind zur genüge bekannt bzw. könnten es für alle interessierten sein. sie belegen nur in objektivistischer weise etwas, was seit jahren für alle auch nur noch leidlich wahrnehmungsfähigen menschen ziemlich deutlich ist, so wie der folgende auszug aus einem ebenfalls deutlichen kommentar:

(...)"Und mit Ausnahme einiger versprengter Linker in- und außerhalb der SPD sind sich alle Beteiligten in einem Punkt einig: Eine eigene Mitschuld an der sich ausbreitenden Armut und der Resignation vermögen sie nicht zu erkennen. Genau das ist die Lüge.

Beispiel Hartz IV: Zahllose Praktiker haben gewarnt, dass die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe vor allem Kinder und Jugendliche treffen werde, nicht zuletzt deshalb, weil ein Viertel der von der Kürzung Betroffenen alleinerziehende Mütter sind. Doch Beck, Kauder und ihre Mittäter kümmerte das nicht. Wenn sie jetzt angesichts der Verdoppelung der Kinderarmut in nur zwei Jahren über die Folgen klagen, ohne die eigene Verantwortung zu benennen, ist das bloße Heuchelei im Amt. Noch schwerer wiegt, dass sie die Verarmung der Verlierer bewusst vorantreiben, indem sie die Mehrwertsteuer erhöhen und eine Gesundheitsprämie einfordern. Beides wird wieder die Geringverdiener am härtesten treffen.

Beispiel 400-Euro-Jobs: Jeder Experte hat gewusst, dass die Begünstigung von Midi- und Mini-Jobs den Abbau regulärer Beschäftigung massiv beschleunigen würde. Doch die Gesetzesmacher der vermeintlichen Volksparteien scherte das wenig. Vielmehr förderten sie von der Befristung bis zur Leiharbeit alles, mit dem sich das Angebot an unsicherer, schlecht bezahlter Arbeit ausweiten ließ. Sich nun darüber zu beklagen, dass die so erzeugten Arbeitslosen ihre Bezüge mit Mini-Jobs aufbessern anstatt nach einem der neuen Hungerlohnjobs zu suchen, ist eine zynische Provokation."(...)


zynische provokationen stellen auch die reaktionen der kapitalistischen organisierten schwerkriminalität (deren gangs sich immer noch als "unternehmen" - nichts anderes sind ganz prinzipiell auch die diversen mafiösen vereinigungen, die sich zb.dem profitorientierten frauen- und kinderhandel, dem waffenschmuggel, dem organhandel und weiteren geschäftszweigen widmen - zu bezeichnen pflegen) auf die folgen der von ihnen mitverantworteten zustände dar:

(...)"Eine Realität, die sich so beschreiben lässt, bringt spezielle Sitten hervor. Die Hartnäckigkeit vieler Gläubiger ist so unfein wie die Lage, in die sie mehr und mehr geraten. Man hört zum Beispiel solche Geschichten: Anders als ihr Vorgänger Bewag übe die Energiefirma Vattenfall kräftig Druck auf säumige Kunden aus. Einer ihrer Klientinnen, erzählt Vetter, wurde der Strom abgedreht, obwohl die Mutter eines Säuglings durch die Härtefallregelung gesetzlich geschützt ist. Handyfirmen drohten mit Beugehaft. Fitnessstudios schickten Gerichtsvollzieher. Eine Inkassofirma hat das Konto einer Arbeitslosengeld-II-Empfängerin gepfändet, obwohl dort kein Cent zu holen ist. Gepfändete Konten werden schnell gesperrt, mit Schufaeintrag gibt’s kein neues, ohne Konto keinen Arbeitsplatz."(...)

mehr und mehr wird dadurch auch die bisher versteckte sozialdarwinistische selektion zur offenen:

(...)„Empfindungsschmerz“, nennt er das. Solchen Schmerz braucht das Land. Gillar lässt sich erzählen, wofür die Leute Geld ausgeben. Oft ist ihm unklar, wie sie über die Runden kommen. „Sie sparen an Essen und Körperpflege“, sagt er. „Glauben Sie, meine Klientinnen gehen zur Vorsorgeuntersuchung zum Arzt?“ Kürzlich erlitt eine junge, erschöpfte Mutter einen Hörsturz, im Krankenhaus diagnostizierte man Krebs. Erschreckend viele seiner Klienten sind im letzten Jahr an Krebs erkrankt."(...)

*

die durchsicht der aktuellen medienlandschaft ist eine einzige obszöne zumutung, die gestern selbst meine durchaus belastbaren selbsschutzmechanismen zum kollabieren gebracht hat - gleichmäßig verteilte wut und angst waren die folgen. neben dem schon oben angerissenen gibt es immer mehr und weitere indizien für eine unheilvolle antisoziale entwicklung, und zwar nicht nur in d-land:

eins:

"Die Kriminalität der rechtsextremen Szene in Deutschland ist offenbar nicht zu stoppen. Das Bundeskriminalamt hat von Januar bis Ende August schon fast 8000 rechte Straftaten registriert. Das sind über 20 Prozent mehr als in den ersten acht Monaten des Jahres 2005, damals zählte die Polizei 6605 einschlägige Delikte. Im Vergleich zu dem gleichen Zeitraum 2004 (5127 Straftaten) zeichnet sich sogar ein Anstieg um 50 Prozent ab.(...)

Gleichzeitig nimmt auch die Brutalität der Szene weiter zu. Von Januar bis August zählte die Polizei bundesweit 452 rechte Gewalttaten, bei denen 325 Menschen verletzt wurden. In den ersten acht Monaten 2005 waren es 363 Gewaltdelikte und 302 Verletzte."(...)


zwei:

"Die Deutsche Kinderhilfe hat die Misshandlung von Kindern als "nationale Katastrophe" bezeichnet. Es sei bedrückende Realität, dass fast täglich Kinder mitten unter uns gequält und getötet werden. Der Aufbau einer funktionierenden Kinder- und Jugendhilfe sei die aktuelle Herausforderung, hinter der vieles zurückstehen müsse."

drei:

(...)"In anderthalb Wochen jährt sich der Beginn der Banlieue-Unruhen vom vergangenen Herbst. Pünktlich zu diesem Datum wächst die Gewaltbereitschaft wieder, die Wut in Frankreichs Vorstädten kocht weiter. Die Zeitung "Le Monde" zitiert einen vom Innenministerium erhobenen "städtischen Gewaltindikator". Der sei im September - im Vergleich zum August - um ein Drittel angestiegen - auf 480 Angriffe auf Polizisten allein in diesem einen Monat. Arbeitslosigkeit, Wohnsituation - kaum etwas hat sich zum Besseren verändert, beklagen Vereine und Lokalpolitiker."(...)

vier:

(...)"In Wirklichkeit jedoch hat der globale Triumph des Kapitalismus die größte Welle von Grenzbefestigungen in unserer Geschichte ausgelöst. Der Erdball erinnert heute eher an das späte Römische Reich oder das China der Sung-Dynastie als an das Goldene Zeitalter des viktorianischen Liberalismus. Gut ein Dutzend Länder zieht derzeit den Eisernen Vorhang zu.(...)

Diese internationale Mauer ist keine bloße metaphorische Überhöhung nationaler Grenzen, sondern ein eng gefügtes System von Befestigung, Überwachung, bewaffneten Patrouillen und Internierungslagern, das sich über den halben Planeten zieht und mindestens 12000 Kilometer Festlandsgrenze abriegelt. Für verzweifelte illegale Grenzgänger ist es gefährlicher als einst der Eiserne Vorhang.(...)

Historisch gleicht die derzeitige Einmauerung des Westens jener Periode im zweiten christlichen Jahrhundert, als das Römische Reich von den relativ offenen, durch mobile Legionen geschützten Grenzen des julisch-claudischen Kaiserhauses zum massiven Limes der nachflavischen Herrscher überging. So wie sich die spätrömische Grenze aus verschiedenen Befestigungssystemen zusammensetzte (Hadrianswall, Limes Porolissensis, Fossatum Africae), besteht die Große Mauer des Kapitals aus drei kontinentalen Grenzregimen: der US-amerikanischen frontera, der Festung Europa und der Howard-Linie, die das weiße Australien von Asien trennt.(...)

Die Quäker-Hilfsorganisation American Friends Service Committee schätzt, dass im Lauf der letzten zehn Jahre mindestens 3000, vielleicht sogar 5000 Menschen ums Leben kamen: in Güterwagen vor Laredo erstickt, in Bewässerungskanälen bei El Centro ertrunken, im Organ Pipe Cactus National Monument verdurstet oder in den Bergen östlich von San Diego erfroren. Andere starben bei Buschbränden und Verfolgungsjagden mit der Grenzpolizei, oder sie wurden – wie Menschenrechtsaktivisten berichten – von Bürgerwehren in Arizona ermordet."(...)


was die inzwischen ebenfalls in die tausende gehende zahl der toten an den grenzen der festung europa anbelangt, so war hier im blog bereits genügend dazu zu lesen.

*

mörderische - und für die überlebenden, zu denen bis auf weiteres auch wir gehören, potenziell traumatische - zustände also, grundsätzlich nichts neues (zumindest für die, deren tellerrand - ein etwas seltsames synonym für wahrnehmung - weiter reicht als bis zum nächsten urlaub, der täglichen soap und der nächsten fälligen rate für die eigentumswohnung).

es gibt - und das wird nicht nur ein blick zb. in das dem zuletzt zitierten "zeit"-artikel angeschlossene forum zeigen - durchaus genügend leute, die eine oder auch mehrere der folgenden reaktionen zeigen: a) verleugnung, b) verdrängung, c) rechtfertigung.

um es klipp und klar zu sagen: diese leute sind mittäter und -täterinnen - anders lässt sich die entschuldigende akzeptanz oder gar rechtfertigung der a-sozialen und im schlimmsten sinne des wortes unmenschlichen zustände nicht benennen. in d-land ließe sich auch zusätzlich sagen: sie sind genauso gewollt-ungewollt bösartig wie ihre vorfahren im nationalsozialismus.

eine ganz wesentliche basis, ohne die sich eine derartige realität, wie wir sie erleben müssen, nicht entwickeln könnte, stellen die verschiedenen menschlichen wahrnehmungsmodi dar, die sich in einem ständigen wechselspiel mit der (sozialen) realität befinden, sie gestalten und gleichzeitig von ihr gestaltet werden. ich reite deshalb immer wieder auf diesem punkt herum, weil die wahrnehmung tatsächlich das nadelöhr bildet, durch das wir quasi zur welt kommen, aber die welt auch zu uns kommt. diverse als mit recht pathologisch zu begreifende zustände, in denen sich die menschliche wahrnehmung verfangen kann, bilden ein untrügliches merkmal für die verschiedenen, hier unter beziehungskrankheiten zusammengefassten störungen/krankheiten, zu deren symptomen u.a. (selbst-)destruktives und antisoziales agieren gehören kann. die tödlichen realitäten, die im ersten teil dieses beitrags thema waren, sind mindestens in ihren wirkungen traumatisch - viel schwerer ist es jedoch in der regel nachvollziehbar, dass mit einiger wahrscheinlichkeit gesagt werden kann, dass sie auch wiederum ihrerseits in traumatischen bzw. traumatisierenden verhältnissen ihren ursprung besitzen. und hier liegt imo auch die lösung einiger rätsel verborgen, die im zusammenhang mit den verheerenden entwicklungen auffallen:

- warum regt sich so wenig widerstand?
- warum kann das "teile-und-herrsche"-prinzip (spaltung) der herrschenden "eliten" bis jetzt so gut aufgehen?
- warum gibt es tatsächlich in den verarmenden bevölkerungsteilen nicht nur resignation, sondern auch eine teils stark ausgeprägte bereitschaft zu ressentiments gegen als noch schwächer/ausgegrenzter wahrgenommene menschen?
- welche bedeutungsebenen haben die grenzen, die auf dem planeten real gezogen werden?

um darauf möglichst zutreffende antworten zu geben, ist es nötig, sich tief und intensiv mit dem thema "trauma" zu beschäftigen, und wie angekündigt wird das der nächste blogschwerpunkt in den kommenden wochen und monaten sein, auf den ich mich ab jetzt konzentrieren möchte.

Dienstag, 10. Oktober 2006

notiz: vor unserer haustür (3.update am 12.10.)

besonders im letzten jahr hatte ich hier immer wieder verschiedene meldungen unter den keywords infantizid / gewalt gegen kinder dokumentiert. das diese traurige realität sich nicht deshalb erledigt hat, nur weil es medial gerade keine besonders "spektakuläre" fälle zu vermelden gibt, sollte - so die vielleicht naive hoffnung meinerseits - hoffentlich im bewußtsein präsent sein. es geschieht weiter und immer wieder - vor unserer haustür:

"Das Bremer Jugendamt hatte Alarm geschlagen: Gemeinsam mit der Polizei wollten Mitarbeiter ein Kleinkind aus der elterlichen Wohnung holen. Sie entdeckten den fast zweijährigen Jungen im Kühlschrank - tot.(...)

Das Kind wurde seit seiner Geburt von der Jugendhilfe begleitet, da die Mutter dem Säugling gegenüber gewalttätig war. Das letzte Lebenszeichen des Kindes stammt vom Juli 2006, als ein Arzt das Kind gesehen hatte. Seitdem bekam es kein Mitarbeiter der Sozialbehörde mehr zu Gesicht. Zu der Frage, ob ein solcher Zeitraum für angemessen gehalten wird, machte das Ressort keine Angaben.(...)

Den Ermittlern zufolge wies die Leiche des Kindes Spuren von Mangelerscheinungen auf. Der Junge sei nicht erst in den vergangenen Tagen gestorben. Gegen den Vater wird nun ermittelt. Dabei werde noch geprüft, ob die Staatsanwaltschaft dem Verdächtigen aktive Tötung oder Vernachlässigung des Kindes vorwirft. Er hatte auf die Frage nach dem Kind mit den Worten geantwortet "Da drüben liegt er" und auf den Kühlschrank gedeutet. Danach habe er geschwiegen. Der 41-Jährige befand sich in einem Methadon-Programm gegen seine Drogensucht."


es lässt sich ahnen, was sich für eine trostlose geschichte dahinter verbirgt. ebenso wie im folgenden:

"Vor einer Woche war in einer Müllsortieranlage in Passau ein totes Baby entdeckt worden. Nach Angaben der Mutter sei es bereits tot zur Welt gekommen. Die junge Frau habe sich am Sonntagabend der Polizei gestellt, sagte der Leitende Passauer Oberstaatsanwalt.

Die Mutter habe bei den Vernehmungen ausgesagt, dass sie das Kind bei einer Sturzgeburt auf der Toilette geboren habe. Da das Kind keine Lebenszeichen von sich gegeben habe, habe sie das Neugeborene in einem Plastiksack in die Biotonne geworfen. Bis zur plötzlichen Geburt habe sie nichts von ihrer Schwangerschaft bemerkt, erklärte die Mutter. Es habe bei ihr keinerlei körperliche Anzeichen dafür gegeben. Laut Gerichtsmediziner ist das Baby jedoch lebend zur Welt gekommen."(...)


mal gesetzt den fall, es handelt sich bei der aussage der mutter nicht nur um eine simple (not-)lüge: in was für einem wahrnehmungszustand muss sich eine frau befinden, um monatelang eine schwangerschaft nicht zu bemerken? und wie sah es diesbezgl. mit ihrem sozialen umfeld aus?

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edit am 11.10.: in der bremer geschichte hat es ganz aktuell jetzt erste politische konsequenzen gegeben: die für die sozialbehörden verantwortliche senatorin röpke ist heute zurückgetreten.

(...)"Bei der Pressekonferenz räumte sie ein, schon früher persönlich mit dem Schicksal des Jungen befasst gewesen zu sein.

Nach dem Fund der Leiche waren Fragen über mögliche Versäumnisse der Behörden bei der Betreuung des Jungen laut geworden. Das Kind stand unter der Vormundschaft des Jugendamtes und wurde im Juli zuletzt lebend gesehen. Zunächst war nicht klar, wann zuletzt ein Sozialarbeiter Vater und Sohn besuchte, die im Brennpunktviertel Gröpelingen lebten. Jugendamtsleiter Jürgen Hartwig hatte am Dienstag erklärt, Mitarbeiter der Sozialbehörde hätten regelmäßigen Kontakt zu Eltern und Arzt gehabt und sich vergewissert, "dass die Dinge richtig laufen.


aber genau dieser "regelmäßige kontakt" scheint ja hier real nicht vorhanden gewesen zu sein. mit röpke geht übrigens eine person, die im bremer filz in den letzten monaten gerade im sog. "klinikskandal" eine alles andere als vertrauenerweckende rolle spielte. von daher scheint sie jetzt der neue - hm, skandal völlig untragbar gemacht zu haben. ich werde mich bemühen, die weiteren entwicklungen in dieser geschichte zu verfolgen.

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edit 2 am 12.10.: deutlich sind der tod des kleinen jungen in bremen sowie die zutage getretenen behördlichen versäumnisse heute in der hiesigen presselandschaft hauptthemen; ich möchte aber zunächst nochmals auf den oben verlinkten spon-artikel eingehen, bzw. auf folgende absätze daraus:

(...)"Als Reaktion auf die zahlreichen Fälle von vernachlässigten Kindern hat der Kriminologe Rudolf Egg gefordert, die medizinischen Vorsorgeuntersuchungen gesetzlich vorzuschreiben.

Die Kinderärzte dürften nicht zum verlängerten Arm der Staatsanwaltschaft gemacht werden, seien auf der anderen Seite aber verpflichtet, die Gesundheit der Kinder zu schützen, sagte der Leiter der Kriminologischen Zentralstelle von Bund und Ländern in Wiesbaden."(...)


eine forderung, die vermutlich - und auch nachvollziehbar - größtenteils zustimmung auslösen dürfte. ich hänge da immer noch in einem zwiespalt, den ich hier genauer beschrieben habe:

(...)"ein problem bei den derzeit diskutierten maßnahmen staatlicher und institutioneller eingriffe (denen ich als provisorische sofortmaßnahme im interesse der opfer nicht grundsätzlich abgeneigt bin) besteht imo in der tendenz, das generelle gewaltproblem besonders an familien festzumachen, die nach allen kriterien unter ökonomischer verarmung, schlechter bildung etc. leiden.

sicher - wie früher schon einmal ausgeführt, tragen schlechte bis existenziell bedrohliche ökonomische bedingungen einiges zur wahrscheinlichkeit von gewalttätigen strukturen innerhalb von familien bei. primär auslösend jedoch sind sie nicht. die hier thematisierte gewalt kommt in allen gesellschaftlichen klassen vor, auch in den sog. ober- und mittelschichten. es erscheint nicht nachvollziehbar, warum diese von interventionsprogrammen ausgeschlossen bleiben sollten. so wird das problem ungerechtfertigt verkürzt und an einer bestimmten gesellschaftlichen gruppe festgemacht - einer gruppe zudem, die bereits zunehmend im focus staatlicher und institutioneller maßnahmen steht - die grenze zwischen tatsächlicher hilfe und systematischer entmündigung, kontrolle und repression in zeiten zunehmender ökonomischer verelendung mitsamt den begleitenden sozialen selektionsprozessen ist eine sehr fließende.

bei betrachtung der ständig perfektionierten ausweitung der innerstaatlichen repressionsapparate in der gesamten sog. westlichen welt jedenfalls kann ich mich des eindrucks nicht erwehren, dass weitreichende staatliche eingriffe gerade in den bereits sozial stigmatisierten gruppen sehr schnell für zwecke instrumentalisiert werden können, die mit der vielleicht z.t. aufrichtig gemeinten hilfe nichts mehr zu tun hätten."(...)


in diesem fall - bekannt gewordene gewalt zwischen den eltern, das symptom des drogenabusus u.ä. - hätte jedoch tatsächlich nur die herausnahme des kindes aus dem familiären umfeld etwas rettendes bewirken können. hinterher ist man zwar immer schlauer, jedoch ist eine solch im schlimmsten sinne des wortes dysfunktionale familiensituation ja nun weder ein einzelfall, noch den behördlich verantwortlichen prinzipiell unbekannt. hinsichtlich meiner obigen bedenken schätze ich, dass es bis auf weiteres ein eiertanz bleibt, weitreichende staatliche maßnahmen mit ihrem immanenten repressionspotenzial für u.u. lebensrettende aktionen einzusetzen. in diesem konkreten fall wäre das nötig und vertretbar gewesen - und hat ausgerechnet dann tödliche folgen nach sich gezogen.

und dann wird neben - bekannten - zutreffenden beobachtungen noch einmal eine ganz üble platte aufgelegt:

(...)"Neben der körperlichen Verwahrlosung und Vernachlässigung gebe es nach seiner Beobachtung zunehmend Fälle von psychisch und sozial isolierten Kindern. "Die haben zwar genug zu Essen und Anzuziehen, erfahren in ihren Familien aber sonst keine Zuwendung. Die Isolation vor der elektronischen Spielkonsole führe zu Leistungsmängeln, erklärte Egg unter Hinweis auf die Studien seines Kollegen Christian Pfeiffer aus Hannover."(...)

sind leistungsmängel wirklich das einzige argument, die benannten zustände zu ändern? diese verdammte bwl-logik mit ihren verdinglichenden wirkungen zieht sich wie ein schimmelpilz durch die gesamte gesellschaft. und ist genauso giftig.

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zur jetzt ausgebrochenen politischen diskussion ist u.a. zu lesen:

(...)"Dass der Hintergrund Kostenerwägungen sein könnten, wie Kritiker sagen, bestritten die Vertreter der Sozialbehörde gestern."(...)

naja, das wäre ja auch einmal wirklich eine echte überraschung gewesen, das gegenteil zu hören.

der konkrete diesbezgl. verdacht lautet im großen und ganzen so:

(...)"Böhrnsen ging einen Schritt weiter und sagte, das "gesamte Hilfesystem" müsse auf den Prüfstand. Die Heimleitung hatte ihm gegenüber im Januar darauf hingewiesen, dass sich Praxis der Bremer Sozialbehörde im Umgang mit Kindern in den letzten Jahren geändert habe. Dahinter steht der Verdacht, dass aus Spargründen die Zahl der Heimunterbringungen bürokratisch begrenzt worden ist."(...)

(und diese begrenzung wird dann noch schlimmstenfalls pädagogisch-ideologisch mit einer eigentlich durchaus berechtigten distanz zur institution "heim" begründet, aber das soll jetzt hier nicht weiter vertieft werden).

der behördliche - und bisher bekanntgewordene - umgang lässt jedenfalls etliches im unklaren:

(...)"Im Sozialamt, so berichtete dessen Leiter Jürgen Hartwig, sei die Frage der Erziehungsfähigkeit im Frühjahr 2006 noch kontrovers diskutiert worden, eine Minderheit habe mit Hinweis auf das Kindeswohl darauf gedrungen, das Kind dem Vater zu entziehen, eine Mehrheit habe aber mit Hinweis auf die "Familienorientierung", wie Hartwig formulierte, dagegen entschieden. Bedingung sollte allerdings sein, dass der Vater Hilfe annimmt. Der hatte sich der Vater aber weitgehend erfolgreich entzogen und stattdessen behauptet, er wolle zu seiner Mutter ziehen, die außerhalb Bremens lebe. Damit wäre das Bremer Sozialamt die Verantwortung los gewesen, eine andere Kommune hätte die Zuständigkeit übernehmen müssen.

Als die Großmutter von Kevin dann allerdings im Sommer dem Sozialamt mitteilte, dass ihr Sohn und Kevin gar nicht bei ihr seien, da wuchs offenbar das Misstrauen beim "Fallmanager". Im September beschloss die Fallkonferenz, das Kind dem Vater wegzunehmen. Als am 10. Oktober dann die Polizei die Tür zur Wohnung aufbracht, war es zu spät."(...)


imo wird hier ein schwer durchschaubarer wust aus individuellen versäumnissen und strukturellen begrenzungen sichtbar - "familienorientierung" als behördliches leitbild trifft auf versteckte einsparmotivationen, individuelle wahrnehmungsschwächen und institutionell bedingte behäbigkeit, auf der anderen seite darf jedoch auch nicht der täter/vater vergessen werden, der offensichtlich über ausreichende simulative fähigkeiten verfügte, um den behörden entsprechende fakes vorzusetzen. aus diesen und vermutlich noch anderen quellen entwickelte sich dann die tödliche konstellation. um solche verhältnisse aufzulösen, bedarf es u.a. ziemlich radikaler wahrnehmungserweiterungen als nötiger grundlage - rücktritte und andere personelle konsequenzen sind eher als scheinaktionismus zu werten, der vermutlich als eine art bewährtes placebo ans publikum verabreicht wird.

im betreffenden stadtteil gröpelingen soll übrigens anfang november ein schon länger geplanter aufmarsch der npd stattfinden, und es ist zu befürchten, dass die nazis aus den umständen dieser geschichte - drogenmilieu, behördliche "laschheit" - in noch nicht abzuschätzender form profitieren könnten. einfache "lösungs"angebote bei komplexen situationen stellen eine nicht zu unterschätzende gefahr dar - gerade dann, wenn ein derartig grausiger kindstod mit sicherheit ebenso nicht abzuschätzende tiefgehende emotionale triggereffekte in der bevölkerung bewirkt. ich fürchte, das hier nicht (nur) mein pessimismus spricht.

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edit 3: was zum teufel hat die verantwortliche spon-redaktion dazu veranlasst, die populistischen vorschläge zum internet-pranger für verurteilte sexualstraftäter mit den meldungen zum ermordeten kind in bremen und neuen unerträglichen informationen zusammen in einem schwerpunkt als topaufmacher zu präsentieren? soll das einfach nur zum unfreiwilligen erneuten beleg dafür dienen, dass die sehnsucht nach anscheinend "durchgreifenden lösungen" nicht nur ganz rechts verbreitet ist?

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immerhin stecken auch ein paar informationen in den artikeln dieses zusammenkonstruierten schwerpunkts: so sind inzwischen ermittlungen gegen die sozialbehörde eingeleitet worden, und - mediale und öffentliche aufmerksamkeit erfordern aktionismus - aus berlin wird das folgende bekannt:

(...)"Das Bundesfamilienministerium will noch in diesem Jahr ein Kompetenzzentrum einrichten, das die Aktivitäten in den Ländern koordiniert, begleitet und evaluiert. In die Einrichtung eines Frühwarnsystems für vernachlässigte und misshandelte Kinder sollen den Angaben zufolge zehn Millionen Euro investiert werden.

Den Familien, die mit der Erziehung ihres Kindes völlig überfordert seien, müsse von Anfang an geholfen werden, betonte von der Leyen. In Modellprojekten, die mit Ländern und Kommunen entwickelt wurden, sollen diese Familien vor oder ab der Geburt des Kindes intensiv begleitet werden."(...)


zehn millionen euro. wenn´s nicht so abgrundtief zynisch und traurig wäre, würde mein lachanfall immer noch andauern. (nur zum vergleich ein paar aktuelle zahlen aus dem deutschen rüstungsetat:

(...)"Die Bundesregierung will noch in diesem Jahr neue Rüstungs-Projekte mit einem Volumen von knapp sechs Milliarden Euro auf den Weg bringen. Ein einziger Eurofighter kostet allein 108 Millionen Euro.

Das Verteidigungsministerium bestätigte Berichte über eine entsprechende Planungsliste, die in eine Vorlage des Finanzministeriums an den Haushaltsausschuss des Bundestages einfließen soll. Demnach wird die Bundeswehr neue Fregatten, U-Boote und eine neue Generation geschützter Fahrzeuge erhalten; die Kosten sollen schrittweise im Laufe der kommenden Jahre anfallen.

Verteidigungsminister Jung will unter anderem dem Heer für rund 891 Millionen Euro 272 gepanzerte Transportkraftfahrzeuge vom Typ Boxer zur Verfügung stellen. Das für Auslandseinsätze wichtige vierachsige Fahrzeug kann bis zu zehn Soldaten aufnehmen, ist - mit einem Maschinengewehr ausgestattet - bei einer Reichweite von 1.050 Kilometern über 100 Kilometer pro Stunde schnell und bietet Schutz gegen Minen und Beschuß. Weitere große Rüstungsvorhaben sind vier Fregatten vom Typ 125 für 2,2 Milliarden Euro sowie zwei U-Boote vom Typ 212 für 864 Millionen Euro. Für die Modernisierung des seit 30 Jahren betriebenen Transporthubschraubers CH 53 sollen zudem rund 500 Millionen Euro ausgegeben werden."(...)


sagte hier jemand gerade etwas von prioritäten? soviel wert ist das leben und die gesundheit von menschen - kindern - in den augen der herrschenden zombieklasse.)

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der häßliche verdacht, dass bei der entstehung der mörderischen konstellation für den kleinen jungen in bremen auch kostenfragen bei den versagenden behörden eine rolle gespielt haben könnten, wird durch einen artikel in der morgigen taz doch stark untermauert - ein paar auszüge:

"Nach dem Tod des kleinen Kevin in Bremen erheben freie Träger von Sozialhilfe-Angeboten schwere Vorwürfe gegen den Leiter des Bremer Jugendamtes: Der habe Jugendhilfe nach Kassenlage gemacht. Die Grünen fordern einen Untersuchungsausschuss. (...)

Seit Jahren, so berichtete die Fraktionsvorsitzende Karoline Linnert, würden die Fachvertreter im Jugendhilfeausschuss dagegen Sturm laufen, dass die Kostenbegrenzungen beim Rechtsanspruch auf Hilfe eine immer größere Rolle spielten. "Kevins Tod ist nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt zahlreiche Hinweise, dass Bremer Kindern in Not nicht oder nicht angemessen geholfen wird."

Die Grünen fordern deshalb auch die Suspendierung des Leiters des Jugendamtes, Jürgen Hartwig. Der habe "dafür gesorgt, dass nicht allein nach fachlichen Gesichtspunkten entschieden wird, ob ein Kind in eine Pflegefamilie oder ein Heim kommt." Es sei im Zweifelsfall in Vier-Augen-Gesprächen ein "unerhörter Spardruck" von ihm ausgeübt worden, meinte der jugendpolitische Sprecher Jens Crueger - "rechtswidrig" sei das, da das Kinder- und Jugendhilfegesetz ausschließlich fachliche Kriterien kenne."(...)


und nachdem der leiter des heimes, in dem der kleine kevin zweimal kurzzeitig untergebracht worden war, ausführlich seine version der vorgänge dargestellt hat, kommen ein paar wirklich aufschlußreiche dinge zum vorschein:

(...)"Bestürzt formulierte er einen Bericht an den Träger des Heimes, einen privaten Verein, in dessen Kuratorium der Bürgermeister sitzt - so empört sei er gewesen, "welche Zustände in dieser Stadt herrschen". Denn, so Joachim Pape, jahrelang hatte das Heim rund hundert Fälle von "In-Obhut-Nahmen" von Kindern pro Jahr, 2005 dann nur 44. "Wo sind diese Kinder? Ist plötzlich alles gut?" Papes Verdacht: Das Jugendamt hat seine "Politik" geändert.

Den Verdacht teilen andere private Träger. Seit Monaten führen sie Verhandlungen über die Zahl der vorzuhaltenden Plätze - unter anderem für Kinder in Notfall-Situationen. Die Vertreter des Sozialamtes würden da erklären, Bremen brauche nicht so viele Plätze - der Beleg seien die Zahlen von 2005, heißt es.

Die Auseinandersetzungen im Jugendhilfeausschuss um die "Budgets", die eingehalten und nicht durch steigende "Fallzahlen" überschritten werden dürfen, füllen Aktenordner. "Die Zahl der Fremdplatzierungen darf nicht gesteigert werden", heißt es unmissverständlich in einem Papier der Sozialsenatorin vom 1.8.2006. Indem das Jugendamt den kleinen Kevin wieder in die Obhut des Vaters gegeben hat, hat es nur diese sozialpolitische Vorgabe umgesetzt."(...)


parteipolitik hin, finanzielle interessen der freien träger her - von diesen vermutlich vorhandenen motivationen abgesehen, bleibt dann doch ein einblick in die antisoziale realität einer gesellschaft übrig, in der sich ein durchdrehender kapitalismus und die darin und daran durchdrehenden menschen die bälle zuspielen. sparen bis zum bitteren und tödlichen ende; sparen bei den schwächsten und wehrlosesten. meine finsteren gedanken aus meinem kommentar unten erhalten gerade wieder neue impulse. und unter den jetzt bekanntgewordenen verhältnissen werden auch die rücktritte der "persönlich" verantwortlichen (der leiter des jugendamtes dürfte ebenfalls seinen posten loswerden) tatsächlich als placebos für die öffentlichkeit erkennbar: sie haben lediglich eine überall propagierte "politik" im schlimmsten sinne des wortes exekutiert - und "wo gehobelt wird, fallen nun einmal späne". "das system ist okay, persönliche versäumnisse (die ja eigentlich aus der perspektive des ökonomisch betrachtenden wahns strenggenommen gar keine sind) werden sanktioniert" - und wir schafe sollen wieder in den üblichen betäubungsschlaf zurückfallen. wenn wir das akzeptieren, verdienen wir vielleicht tatsächlich alles weitere.

notiz: kennen Sie Ihr *bauchgehirn*? ein kleiner ausflug zum enterischen nervensystem

ich schreibe hier ja öfter von den menschlichen nervensystemen, und ich weiß nicht, ob das wissen darum tatsächlich weiter verbreitet ist - nun also ein kleiner ausflug in unsere anatomie mitsamt etlichen infos zum ens, dem kleinen bruder oder der kleinen schwester des zns.

(...)"Werden Menschen gefragt, wo Wohl- und Unbehagen, Emotion und Intuition, Freude und Leid am besten zu orten sind, zeigen sie, gleich welcher Herkunft oder Hautfarbe, auf die Leibesmitte. Der Volksmund mit seinen Sprichwörtern wie "Liebe geht durch den Magen" oder "Vor Angst in die Hosen machen" liegt wahrscheinlich gar nicht falsch. Wissenschaftlich gesichert ist, dass das enterische Nervensystem nahezu autark funktioniert - die motorischen Vorgänge im Magen-Darm-Kanal sind auch ohne die Innervation durch Parasympathikus und Sympathikus, also auch bei Durchtrennung der entsprechenden Nervenfasern, gewährleistet. Das Bauchhirn kann Informationen seiner Sensoren selbst bearbeiten und in Eigenregie kontrollieren. Wegen seiner weitgehenden Unabhängigkeit und seinem mit dem ZNS vergleichbaren Aufbau heißt das enterische Nervensystem auch das "kleine Gehirn".

Diese Autonomie ist relativ. Das enterische Nervensystem wird vom ZNS beeinflusst. Sympathikus und Parasympathikus wirken modulierend. Beide fungieren als eine Art Standleitung zwischen den beiden großen Nervensystemen: 80 Prozent der Nervenstränge, die zwischen beiden geschaltet sind, laufen vom Bauch zum Hirn, und nur der Rest verläuft in umgekehrter Richtung. Das enterische Nervensystem sendet viel mehr Signale zur Zentrale als es von dort empfängt."


die letztere aussage ist ziemlich spannend, oder? selbst unter berücksichtigung der tatsache, dass das ens natürlich primäre aufgaben in seiner anatomischen region erfüllt, sind die möglichen komplexen wirkungen, die sich aus der erfüllung dieser aufgaben ergeben, auch hinsichtlich der themen dieses blogs relevant:

"Wie sein großer Bruder ist das kleine Gehirn ein Meister der feinen Manipulation. Denn dass der Transport des Speisebreis durch den Magen-Darm-Kanal weitgehend reibungslos vonstatten geht, verdankt er dem feinen Gespür des kleinen Gehirns in der Magengrube. Es sorgt mit einem fein austarierten Gleichgewicht an aktivierend und hemmend wirkenden Botenstoffen, Hormonen und Sekreten für die Lösung, wenn spezielle Nahrungsbestandteile bei der Verdauung Probleme bereiten. Überwiegen die hemmenden Faktoren, entspannt der Darm so sehr, dass er gelähmt wird. Rezeptoren registrieren keine Wandspannung mehr, Verstopfung ist die Folge. Gewinnen dagegen die erregenden Faktoren die Oberhand, wird der Speisebrei zu schnell transportiert und endet als Durchfall.

Der Bauch reagiert auf jede Stimmungsschwankung. Bei Trauer wird weniger Magensaft, bei Angst mehr Speichel gebildet. Angst treibt den Stuhlgang an und lässt ihn dünner ausfallen. Wut steigert die Grundspannung der Muskeln des Gastrointestinaltraktes. Möglicherweise entspricht die Darmregion auch dem, was Freud als Unterbewusstsein bezeichnete. Diese Hypothese stellt der New Yorker Neurogastroenterologe Michael Gershon auf, Pionier auf dem Gebiet der Erforschung des enterischen Nervensystems. Depressionen, Neurosen oder Angsterkrankungen könnten ihren Ursprung teilweise in einer gestörten Kommunikation von kleinem und großem Gehirn haben. Auffällig: Reizdarm-Patienten neigen Studien zufolge vermehrt zu Ängstlichkeit und Depressivität.

Gleiches gilt auch umgekehrt: Beschwerden durch den Reizdarm könnten eine Reaktion des enterischen Nervensystems auf emotionalen Stress sein. Beweisen lässt sich das noch nicht. Es gibt aber immer mehr Indizien, die solche Theorien untermauern. Die neuesten Forschungsansätze besagen, dass es sich um eine Fehlsteuerung auf Neurotransmitterebene handelt, und zwar sowohl im enterischen als auch im Zentralnervensystem."(...)


aus etlichen gesprächen mit krankenpflegerInnen vor ein paar jahren konnte ich die damals für mich neuen informationen ziehen, dass von diesen patientInnen mit schweren darmerkrankungen wie bspw. morbus crohn oder colitis ulcerosa durch die bank als irgendwie in psychischer hinsicht auffällig empfunden wurden, was bestimmte persönlichkeits- bzw. verhaltensmerkmale wie ängstlichkeit, hilflosigkeit im umgang mit den eigenen gefühlen u.a. betraf. das lässt sich sicher auch als eine folge dieser wirklich scheußlichen krankheiten begreifen; andererseits scheint v.a. psychischer stress mit seinen negativen wirkungen auf das immunsystem die entstehung zu begünstigen.

es ist vermutlich ein fehler, sich bei erklärungsmodellen zu psychophysischen störungen nur auf das kopfhirn zu konzentrieren. als untrennbarer teil des körpers ist das gehirn in ein ebenso untrennbares beziehungsgeflecht zu anderen körperregionen gebettet. klingt banal, aber bei unseren fragmentierenden denkgewohnheiten scheint es nötig zu sein, sich daran immer wieder zu erinnern.

*

merkwürdig ruhig scheint es aktuell bei der erforschung des ens zuzugehen, jedenfalls konnte ich bisher kaum aktuellere texte finden, die sich speziell mit den möglichen wechselwirkungen zwischen kopf und bauch befassen. vor jahren schon brachte die zeitschrift geo einen artikel, der als eine art zusammenfassung des wissens zum ens immer noch einen ganz guten einstieg bietet - auszüge:

(...)"Eigentlich eine Sensation, war doch für damalige Wissenschaftler das Gehirn der uneingeschränkte König über den gesamten Körper. Bayliss und Starling konnten noch nicht wissen, was ihre Kollegen erst viel später herausfanden: Je tiefer im Verdauungstrakt, umso schwächer die Herrschaft des Kopfhirns. Mund, Teile der Speiseröhre und Magen lassen sich temporär noch etwas von oben sagen. Doch hinter dem Magenausgang übernimmt ein anderes Organ die Regie: Was wann wo dort passiert, entscheidet das Bauchhirn. Erst am allerletzten Ende, am Rektum und Anus, regiert das menschliche Gehirn mit bewusster Steuerung wieder mit.

Das Darmhirn hat also Macht: Es kann die Daten seiner Sensoren selbst generieren und verarbeiten, und es kontrolliert einen Set von Reaktionen. Es gibt den Nachbarorganen Anweisungen, koordiniert die Infektabwehr und die Muskelbewegung, es muss schnell entscheiden und gespeichertes Wissen abrufen. Es ist funktionell organisiert, arbeitet mit Kreisläufen. Und es ist in der Lage, unterschiedliche Zustände zu registrieren und darauf zu reagieren. Das zweite Gehirn hat alles, was ein integratives Nervensystem braucht. "Ja", sagt Schemann, "man kann sagen, das Darmhirn denkt."(...)


und deshalb lässt sich der ausdruck von den nervensystemen durchaus berechtigt nutzen. aber vielleicht sollten wir uns auch angewöhnen, von unseren hirnen zu reden?

(...)"Was dem Hirn geschieht, bleibt dem Bauch nicht verborgen. Bei Alzheimer- und Parkinson-Patienten findet sich häufig der gleiche Typ von Gewebeschäden im Kopf- wie im peripheren Hirn. Auch bei BSE, dem "Rinderwahn", ist der Darm extrem befallen.(...)

Der identische Zell- und Molekülaufbau erklärt ebenfalls, warum psychiatrische Medikamente für den Kopf auch auf den Darm wirken, und umgekehrt körpereigene Stoffe als Pharmaka im Gespräch sind. Sekretin etwa, ein Verdauungshormon, wird als Arznei getestet, die möglicherweise autistischen Kinder helfen kann. Ein bekanntes Migränemittel beruhigt hochaktive Eingeweide. Betäubungsmittel können Entzündungen im Trakt in Schach halten. Antidepressiva bewirken umgekehrt Verdauungsstörungen.

So auch die Psycho-Droge Prozac. Sie erhöht die Konzentration des Neurotransmitters Serotonin in den Räumen zwischen den Nervenzellen. Im Kopf hebt diese Veränderung nicht selten die Stimmung. Im Bauch allerdings - Serotonin wirkt beim peristaltischen Reflex - führt sie je nach Dosierung zu Durchfall oder Verstopfung."(...)


yo, wer schon einmal längerer zeit psychopharmaka nutzen musste (ich habe selbst über ein paar jahre phasenweise verschiedene antidepressiva angewandt), dürfte sich noch gut an die diesbezgl. nebenwirkungen erinnern...

"Vor kurzem wurde das erste Medikament gegen die Volkskrankheit "Reizdarm" auf den Markt gebracht, das auf den Erkenntnissen des intensiven Zusammenhangs von Bauchhirn und Psyche basiert: Die Arznei gegen "irritablen Darm" - englisch: "irritable bowel syndrom" oder IBS - wurde ursprünglich als eine Anti-Angst-Droge entwickelt und soll zumindest einigen der Millionen betroffener Menschen helfen. IBS-Symptome: starkes Unwohlsein, Unregelmäßigkeiten beim Stuhlgang, Blähungen und Bauchschmerzen. Nicht weniger als 20 Prozent der Bevölkerung leiden darunter, weitere 20 Prozent plagen sich mit anderen Funktionsstörungen, etwa der chronischen Verstopfung.

Das Verdauungssystem dieser Menschen funktioniert nicht richtig, und kein Arzt weiß warum. Keine anatomischen oder chemischen Effekte sind erkennbar. Deshalb werden IBS-Patienten oft als hypochondrische Spinner abgetan. Dabei beruhten viele solcher Erkrankungen auf einer "neuronalen Fehlfunktion" im Bauch, sagt Michael Schemann. Oder das Darmhirn spiele verrückt. Oder im Dialog zwischen oben und unten hätten sich Missverständnisse eingeschlichen. Mehr als 50 verschiedene Krankheiten werden mittlerweile mit solchen Fehlschaltungen in Zusammenhang gebracht.

Das Bauchhirn entwickele seine eigenen "Neurosen", sagt Michael Gershon. Und noch viel mehr. Erst vor kurzem stellten Forscher fest, dass weitaus mehr Nervenstränge vom Bauch in das Gehirn führen als umgekehrt: 90 Prozent der Verbindungen verlaufen von unten nach oben. Warum? "Weil sie wichtiger sind als die von oben nach unten", sagt Gershon. Die meisten Botschaften vom Darm sind allgegenwärtig, wir nehmen sie nur nicht bewusst wahr - außer den Alarmzeichen wie Übelkeit, Erbrechen oder Schmerzen. Aber die ungeheure Fülle der unbewussten Signale vom Bauch zum Hirn ist voller biologischer Bedeutung."(...)


ob´s nun genau 80 oder 90% sind - die signalstrecken zwischen kopf und bauch scheinen schon fast so etwas wie einbahnstraßen zu sein.

die folgenden aussagen nun könnten sowohl hinsichtlich traumatischer erfahrungen und ihrer folgen als auch bei den als persönlichkeitsstörungen bezeichneten krankheitsbildern von bedeutung sein:

(...)"Früher Lebensstress ist eingebrannt in Gehirn und Bauch und bestimmt die Sensibilität der Darm-Hirn-Achse für das ganze Leben. Eine Beobachtung am Menschen stützt die These: Kinder mit den berüchtigten Säuglings-Koliken wachsen nicht selten zu Erwachsenen mit "irritablem" Darm heran. Ein solches Gedächtnis im Bauchhirn "beruht auf Lernprozessen auf der Mikroebene", sagt Michael Schemann. "Wir finden die gleichen Substanzen und Moleküle, die im Gehirn für Erinnerung benutzt werden."

Das Bauchhirn lernt jung am besten. Denn wie das Kopfhirn reift es nach der Geburt weiter; es ist für mindestens drei Jahre plastisch und entwickelt sich. Frühe "Erfahrungen" des Darms können so die "Persönlichkeit" beider Gehirne beeinflussen. Exzessive oder langanhaltende Furcht hinterlässt Spuren nicht nur im Kopf, sondern auch im Intestinaltrakt, wie Tierexperimente erwiesen haben. So belegen Versuche an erwachsenen Ratten, die man als Neugeborene Stress-Situationen ausgesetzt hat, eine Hypersensitivität der Tiere und ihrer Gedärme mit Reizdarm ähnlichen Symptomen.

Und das stärkste Indiz für die verhängnisvollen Reaktionsketten zwischen Gedärm und Psyche: 40 Prozent der IBS-Patienten leiden, wie neueste Studien zeigen, an Angsterkrankungen und häufig auch an Depressionen."(...)


was selbst die etablierte schulmedizin dazu bewogen hat, psychotherapeutische maßnahmen in betracht zu ziehen.

(...)"Kein Kollege lacht heute mehr, wenn Emeram Mayer, der Neurogastroenterologe und Professor für Physiologie, in den so überraschend umfangreichen Nervenfasern, die das kleine mit dem großen Gehirn von unten nach oben verbinden, quasi das biologische Korrelat menschlicher "Bauchgefühle" sieht - und der Intuition. Sie entsteht aus der Wechselwirkung der zwei intim verschalteten Gehirne.

Als Resultat postulieren Forscher eine "Emotions-Gedächtnis-Bank" im Kopfhirn, die alle hoch gesendeten Reaktionen und Daten des Bauches sammelt. Etwa jene unangenehmen Sensationen bei stark beängstigenden Situationen. Aber auch biologische Chiffren der Vorfreude, wie die harmlosen Schmetterlinge im Bauch oder irritierende Ablehnung beim Augenkontakt mit bestimmten Zeitgenossen.

Jedes Mal, wenn der Mensch eine Entscheidung in einer ähnlichen Situation fällen muss, basiert diese nicht nur auf intellektuellen Kalkulationen, sondern wird massiv von jenen unbewussten Informationen aus dem gigantischen Katalog von gespeicherten Emotionen und Körperreaktionen mitgeprägt, eben den "gut feelings". Darin sehen Forscher auch eine Triebfeder der Evolution: Die starke Ausbildung der vorderen Hirnrinde im Kopf ist dem Bauch zuzuschreiben. Denn von dort unten kommt die größte Masse an Information, an Feedback, wie Emeran Mayer es nennt, das oben verarbeitet werden muss."(...)


nun, wenn Sie nicht wahrnehmungsmäßig schwer beeinträchtigt sein sollten, können Sie (nicht nur) die obige aussage zur intuition an sich selbst nachvollziehen - versuchen Sie einfach mal beim nächsten intuitiven moment, die körperliche "quell-region" zu orten.

und am ende wird zum wiederholten male diese frage gestellt:

(...)"Könnte nicht angesichts dieser Erkenntnisse "der Bauch auch ein Teil der biologischen Matrix für das große Unbewusste sein"? Für jene ebenfalls vor etwa 100 Jahren entdeckte psychische Innenwelt des Menschen, die bis heute realtiv unerforscht in uns schlummert?"(...)

leider fällt mir gerade nicht mehr der urheber der folgenden aussage ein: "legen Sie die hand auf Ihren körper - und Sie legen die hand auf Ihr unbewusstes". wobei die klassifizierung in diesem satz wohl nicht verständlich ist, ohne den miserablen, kulturell verankerten umgang mit dem körper als objekt nicht nur in unserer gesellschaft zu beachten.

Montag, 9. Oktober 2006

kontext 28: mehr zu autismus, empathie, spiegelneuronen und quasiautistischen zuständen

so, wie vor ein paar wochen angekündigt, möchte ich mich nochmals genauer den ergebnissen einer studie widmen, die sich speziell mit dem verhältnis von autismus und empathie beschäftigt - und dabei zu ergebnissen gekommen ist, die u.a. einigen der hier im blog behandelten thesen grundsätzlich widersprechen. wichtig und interessant genug also, um genau hinzuschauen.

(...)"Psychologen schreiben vermehrt über Gemeinsamkeiten zwischen Autisten und Psychopathen, die sie angeblich gefunden haben. J. Arturo Silva konstatiert „eine Assoziation zwischen der Psychopathologie des autistischen Spektrums und dem Verhalten von Serienmördern“. Pierre Flor-Henry schreibt: „Asperger-Syndrom und Psychopathie … teilen sich einige Charakteristika, insbesondere die völlige Abwesenheit jeglicher menschlicher Empathie.“

von den genannten konnte ich bisher keine deutschsprachigen übersetzungen ausfindig machen; hier gibt es eine art zusammenfassung einiger thesen von silva in englisch zu lesen. denen u.a. zu entnehmen ist, dass er bspw. zwei der bekanntesten attentäter der neueren us-amerikanischen geschichte als asperger-verdächtig ansieht. im deutschsprachigen raum lässt sich die these von der verbindung zwischen (asperger-)autismus, empathielosigkeit und psycho- bzw. soziopathischem verhalten in modifizierter form zb. bei j. erik mertz finden.

"Empathie ist die Fähigkeit, Gedanken, Motive und Gefühle anderer Menschen zu erkennen und mit angemessenen Emotionen darauf zu reagieren. Also unser Einfühlungsvermögen. Eine für das Zusammenleben sehr wichtige Eigenschaft: Auf der Empathie basieren Anteilnahme und Hilfsbereitschaft. Wir helfen anderen in schwierigen Situationen, weil wir ihre Not und ihr Leid selbst spüren. Wer solches Mit-Leid nicht empfindet, ist tatsächlich – das belegen Untersuchungen – oft ein Psychopath. Auch Autisten wirken oft teilnahmslos, wenn sie andere in Not sehen. Mit dieser scheinbaren Parallele argumentieren einige Psychologen, um sie mit Gewalttätern und Mördern in eine Ecke zu stellen. Doch besitzen Autisten, nur weil sie nicht helfen, tatsächlich kein Mitgefühl?"

wie im weiteren verlauf dieses beitrags noch zu sehen sein wird, verdichtet sich in letzter zeit die vermutung, dass die sog. spiegelneurone im menschlichen gehirn eine sehr wichtige rolle für die menschliche empathiefähigkeit spielen - und in diesem zusammenhang liegen bereits studien vor, die sich mit dem funktionieren bzw. nichtfunktionieren der spiegelsysteme bei autismus beschäftigen:

(...)"Bei Autisten funktionieren die Gehirnschaltungen, die Menschen ermöglichen die Aktionen anderer wahrzunehmen und zu verstehen, nicht auf die herkömmliche Art und Weise. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie der University of California gekommen. Die EEGs von zehn Patienten mit Autismus wiesen eine Dysfunktion des Spiegelneuronensystems auf. Ihre Spiegelneuronen reagieren nur auf ihre eigenen Aktionen und nicht auf die anderer. Bei Spiegelneuronen handelt es sich um Gehirnzellen im prämotorischen Kortex."
(...)
Heute wird davon ausgegangen, dass das menschliche Spiegelneuronensystem nicht nur bei der Ausführung und Beobachtung von Bewegungen eine Rolle spielt, sondern auch bei höheren kognitiven Prozessen. Dazu gehören zum Beispiel die Sprache, die Fähigkeit andere zu imitieren oder von ihnen zu lernen, ihre Intentionen zu erkennen oder mit ihrem Schmerz zu fühlen. Autismus wird teilweise genau durch Defizite in diesen Bereichen charakterisiert. Frühere Studien legten daher nahe, dass ein dysfunktionales Spiegelneuronensystem die beobachteten Pathologien erklären könnte. Die aktuellen Forschungsergebnisse unterstützen diese Hypothesen in einem entscheidenden Ausmaß."


behalten Sie das obige bitte im hinterkopf, wenn Sie sich die weitere argumentation zur vermuteten empathiefähigkeit von autistischen menschen ansehen - ich zitiere weiter aus dem ursprünglichen artikel:

"In den 1980ern teilte man Empathie noch in zwei Bereiche: kognitive Empathie, nämlich die Fähigkeit, mental in die Haut eines anderen zu schlüpfen, und affektive Empathie, nämlich die emotionale Reaktion auf einen beobachteten Gemütszustand. Letzteres entspricht dem, was man unter Mitgefühl versteht."

und an dieser stelle habe ich das erstemal schwer gestutzt: diese zweiteilung scheint mir keinesfalls sachlich gerechtfertigt zu sein - "kognitive empathie" klingt eher nach einem widerspruch in sich selbst, wenn ich nämlich empathie als den umfassenden (!) prozeß begreife, mittels dem das zwischenmenschliche mitfühlen bzw. -"schwingen" überhaupt erst möglich wird. das wörtchen "kognitiv" in seiner klassischen bedeutung reduziert diesen prozeß meiner meinung nach alleine auf die "mentale" rekonstruktion bzw. simulation von empathie - und eben das ist keinesfalls als empathie im vollen sinne des wortes anzusehen. auch diese art von simulation ist bereits thema von studien bezgl. des autismus geworden, und die daraus gezogenen schlüsse habe ich hier auszugsweise zitiert (in der mitte des beitrags):

"Mitgefühl als "mentale Arithmetik"

Eine Londoner Wissenschaftlerin hat drei Gehirnregionen identifiziert, die bei gesunden Menschen vermutlich für das Einfühlungsvermögen zuständig sind, berichtet das Wissenschaftsmagazin "New Scientist". Autisten dagegen versuchen sich mit Hirnregionen des reinen Verstandes in andere Menschen einzufühlen, sagte Francesca Happe auf der Konferenz der Britischen Psychologischen Gesellschaft in Glasgow."

Bei den gesunden Versuchspersonen stellten die Forscher in drei Hirnregionen eine erhöhte Aktivität fest. Die autistischen Probanden dagegen nutzten ganz andere Gehirnbereiche, um die Aufgaben zu lösen. "Es scheint, dass sie dazu eher den reinen Verstand als die soziale Intelligenz nutzten", erklärt Happe."


"sich mit logik einfühlen" wäre vielleicht tatsächlich die treffende beschreibung von "kognitiver empathie" - nur würde das, wie gesagt, imo eine vollständigkeit der empathischen fähigkeit implizieren, die ich an der stelle nicht erkennen kann - und die ich nach dem bisherigen wissensstand auch nicht für begründbar halte. wieder zurück zum ausgangsartikel:

„Die empathischen Kapazitäten beim Asperger-Syndrom sind zwar zunehmend in den Fokus der Forschung gerückt, doch niemand hat bisher versucht, zwischen diesen Punkten zu unterscheiden“, erklärt Kimberley Rogers. Die Untersuchungen konzentrierten sich fast ausschließlich auf den kognitiven Aspekt. Dabei gibt es seit über zwanzig Jahren ein Verfahren, das beide Komponenten mit 28 Fragen misst: den vom Sozialpsychologen Mark H. Davis entwickelten interpersonellen Reaktivitätsindex (IRI).

Im Center for Brain Health an der NYU beantworteten 21 Erwachsene mit Asperger-Syndrom diese Fragen. Ging es um die kognitive Empathie, schnitten sie tatsächlich schlechter ab als die 23 zum Vergleich herangezogenen „normalen“ Testpersonen. Bei den Fragen zur affektiven Empathie hingegen offenbarten sich keine Unterschiede. Im Gegenteil, emotionsgeladene Situationen versetzten Asperger-Probanden oft stärker in inneren Aufruhr als die psychisch unauffälligen Teilnehmer."


das hier erwähnte schlechtere ergebnis bei der "kognitiven empathie" wäre meiner meinung nach viel eher als indiz für eine abgrenzung vom (asperger-)autismus zum soziopathischen spektrum zu werten; zumindest könnte das darauf hindeuten, dass die oben erwähnten besonderheiten beim "einfühlen" seitens autistischer menschen funktionell und/oder strukturell tatsächlich anders aussehen als die entsprechende besonderheit des "kognitiv empathischen" vermögens bei soziopathen. aber vielleicht ergibt sich die verwirrung auch durch das testverfahren selbst:

"Allerdings hat der IRI eine große Schwäche: Ob die Testpersonen etwa „oft ein Gefühl der Sorge für Leute empfinden, die wenig Glück im Leben haben“, schätzen sie selbst auf einer Skala ein. Es besteht die Gefahr, dass sie so antworten, wie es ihnen sozial erwünscht scheint. Also entwickelten die Forscher ein Verfahren, das sich an konkreten Situationen orientiert, in denen Menschen üblicherweise empathisch reagieren. Die Probanden bekommen Fotos gezeigt, etwa ein weinendes Kind vor einem abgebrannten Haus. Zunächst sollen sie sagen, wie sich das Kind fühlt – es wird also die kognitive Empathie geprüft. Die passende Antwort lautet „elend, kläglich“, und die bekommen die Teilnehmer auch mitgeteilt, bevor es mit den Fragen zur affektiven Empathie weitergeht: Wie sehr wühlt Sie das Bild auf? Fühlen Sie sich selbst beim Betrachten elend?"

und hier kann ich dann nur noch mit dem kopf schütteln: wie sich erstens die erwähnten antworten nach sozialer erwünschtheit dadurch verhindern lassen sollen, indem fotos gezeigt werden, erschließt sich zumindest mir keinesfalls. und zweitens: wenn dazu noch die passenden antworten - die (in diesem fall berechtigt) "sozial erwünschten" - vor dem eigentlichen test mitgeteilt werden - was kann dann tatsächlich berechtigt aus den ergebnissen gefolgert werden?

"17 Probanden mit Asperger-Syndrom durchliefen den Test und bestätigten, was sich zuvor angedeutet hatte: Mitgefühl und Anteilnahme waren bei ihnen ebenso ausgeprägt wie bei jedem anderen. Schwer fällt ihnen dagegen, zu erkennen, was in jemanden vor sich geht. Denn sie können die sozialen Zeichen, die unser Inneres nach außen tragen – also Gesten, Gesichtsausdruck, Tonfall – schlechter „lesen“. Dass Menschen mit autistischen Störungen oft teilnahmslos wirken, liegt also sehr wahrscheinlich daran. Mit Unfähigkeit zu Mitgefühl hat es nichts zu tun."

die letzten aussagen bzgl. des "schlechter lesen" sind imo berechtigt, und auch hier finde ich, dass diese eigenschaften des als solchen definierten autismus eher eine abgrenzung zur klassischen soziopathie nahelegen (weil soziopathen dieses "lesen" i.d.r. besser beherrschen - mit der wichtigen einschränkung der angstwahrnehmung bei sich selbst und bei anderen). was hingegen die folgerung betrifft, dass die empathiefähigkeit genauso "ausgeprägt wie bei jedem anderen" ist, habe ich nicht nur aufgrund der eigenarten der testsituation so meine zweifel. das klassisch autistische spektrum mag sich gerade durch die weitgehende simulative unfähigkeit der betroffenen von der klassischen psycho-/soziopathie unterscheiden. aber gerade bei aspergerautistischen menschen lässt sich imo begründet von einer gewissen simulativen fähigkeit ausgehen - lesen Sie dazu zb. nochmals die aussagen von temple grandin im basisartikel autismus 1. davon ausgehend und berücksichtigend, dass die "richtigen" antworten beim test quasi vorgegeben waren, ließe sich hier eher von einem groben schnitzer der beteiligten forscherInnen reden. so stellt sich zumindest für mich die situation dar, und ich bin gespannt auf Ihre interpretationen des testrahmens.

„Die längste Zeit wurde Autismus als Empathiestörung bezeichnet – in ebenso fälschlicher wie unverantwortlicher Weise“, kritisieren die New Yorker. „Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse dazu beitragen, Autisten den Platz im empathischen Spektrum zu geben, den sie verdienen.“ Der ist jedenfalls nicht auf der Seite von Psychopathen. Denn diese besitzen in der Regel eine sehr gute soziale Wahrnehmung. Zu erfassen, was in anderen vor sich geht, bereitet ihnen keinerlei Probleme. Charakteristisch ist vielmehr, dass sie diese Fähigkeit einsetzen, um ihre Opfer zu manipulieren. Psychopathen fehlt die affektive Empathie, sie empfinden also tatsächlich kein Mitleid."(...)

nein, die ergebnisse berechtigen aufgrund der eigenarten ihres zustandekommens und auch aufgrund der bisherigen erkenntnisse zum zusammenhang zwischen (gestörten) spiegelneuronen und autismus imo nicht dazu, eine solche aussage wie oben zu treffen. zweitens ist der ausdruck "gute soziale wahrnehmung" in bezug auf soziopathen aus meiner sicht einfach falsch - ich habe es in den beiträgen zur als-ob-persönlichkeit irgendwo so ausgedrückt: "sie sind zwar fähig, zu beobachten und das beobachtete auch objektiv korrekt zu beschreiben - aber sie werden davon nicht berührt" - und genau das ist kein ausdruck von "guter sozialer wahrnehmung", sondern eine schwere empathiestörung, die als "kognitive empathie" zu beschreiben lediglich falsche und u.u. gefährliche assoziationen aufruft (empathie lässt sich selbst als ein wahrnehmungsmodus begreifen, der nur in seiner vollen funktionsgestalt - wovon das mitfühlen einen untrennbaren teil darstellt - als vollständig anzusehen ist). eine schwere empathiestörung zudem, die vermutlich durch simulative fähigkeiten kompensiert und maskiert wird.

und gerade beim letzteren wären aus meiner sicht eher elementare unterschiede zwischen dem klassischen autistischen spektrum und der soziopathie festzustellen: die simulativen fähigkeiten sind viel deutlicher auf soziopathischer seite zu sehen. was aber die einschränkungen der empathiefähigkeiten betrifft, so würde ich bis auf weiteres bei beiden eher von quantitativen als qualitativen unterschieden ausgehen.

*

solche diskussionen wie die obigen mögen einigen leserInnen arg akademisch und in gewisser weise abgehoben erscheinen - aber aus meiner perspektive trifft solches aus gründen, die gleich näher beleuchtet werden, keinesfalls zu. die empathiefähigkeiten mitsamt ihren daraus folgenden handlungsoptionen stellen für das gesamte soziale leben eine unverzichtbare bedingung, eine grundlegende basis dar. und wenn hier psychophysische strukturelle und funktionelle schäden und defekte möglich sind, so ist es eine schlichte notwendigkeit, die art und weise dieser schäden und ihrer möglichen individuellen und kollektiven folgen so gut wie möglich zu verstehen. dies gilt umso mehr vor dem hintergrund extrem verbreiteter gewaltvorgänge in den aktuellen und historischen menschlichen gesellschaften.

das wort "autismuskritik" ist daher von mir nicht nur als metapher gemeint: eine begründbare erweiterung des autismusbegriffes halte ich sowohl für möglich als auch für nötig, gerade vor dem hintergrund von modellen und theoretischen hypothesen, die es nahelegen, zustände, die sich funktionell und/oder strukturell als autistisch auch bei nicht derart "offiziell" diagnostizierten menschen begreifen lassen, anders - und vermutlich zutreffender - zu verstehen, als es jetzt der fall ist. das die sich daraus ergebenden verbindungslinien bspw. zwischen dem autistischen spektrum und soziopathischen serienmördern für autistische betroffene keinesfalls angenehm sind, kann ich gut nachvollziehen. jedoch ist es imo einfach eine tatsache, dass nicht nur von dieser psychophysischen störung aus die genannten verbindungen zu teils extrem antisozialen verhaltensweisen existieren - borderline und narzißtische persönlichkeitsstörungen wären ein anderes beispiel.

das es leute geben könnte, die aus diesen verbindungen kurzschlüsse v.a. im handeln herstellen könnten, ist dabei ebenso unbestreitbar. aber das kann kein grund dafür sein, über diese verbindungen keinerlei worte mehr zu verlieren.

eine bisher im blog immer wieder nur angerissene these besteht in der aussage, dass wir alle sozusagen ein gesundes autistisches potenzial in gestalt unseres objektivistischen werkzeugs in uns tragen, welches aber unter bestimmten bedingungen krankheitswertig "entgleisen" kann und im monopolmodus bspw. für ein auch als solches erkennbares autistisches störungsbild sorgt. von letzterem bild bis hin zu einem gesunden gleichgewicht sind dabei vermutlich viele "mischungen" denkbar, in denen betroffene zb. in entscheidenden wahrnehmungsfähigkeiten funktionell in einen quasiautistischen status rutschen können. letztere these wird aus meiner sicht von einer relativ neuen studie untermauert, bei der es um gestörte empathische fähigkeiten und spiegelneurone bei "normalen" menschen geht:

(...)"Die Wissenschaftler konnten nun erstmals nachweisen, dass auch die Aktivität der Spiegelneuronen und somit das Empathie-Niveau von gesunden Menschen Unterschiede zeigen können. Die Studienergebnisse wurden in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht."(...)

"Spiegelneuronen werden beim Verrichten von Handlungen aktiviert, aber auch, wenn man Aktivitäten von anderen Personen beobachtet", erklärt Keysers gegenüber pressetext. In ihrer aktuellen Studie konnten die Forscher zudem erstmals nachweisen, dass es auch "auditive Spiegelneuronen" gibt, die beim Hören eines bestimmten Geräusches aktiviert werden. Ein gutes Beispiel, an dem sich dies zeigen lasse, sei die Getränke-Werbung, wobei man nur das Öffnen einer Dose, das Zischen des Getränkes und ein zufriedenes 'Aaaah' hört. "Man hört nicht nur die Aktion, sondern man fühlt es in sich - das eigene Gehirn fängt an, genau so zu funktionieren wie das Gehirn derjenigen, denen man zuhört", so Keysers.

Die neuen Erkenntnisse seien das Ergebnis einer langen Reihe von Experimenten. So zeigte sich bei Experimenten mit Affen, dass viele Neurone sowohl beim Knacken von Erdnüssen sowie bei der rein akustischen Wahrnehmung dieses spezifischen Knirschens aktiviert wurden. Im neuesten Experiment wurde untersucht, ob dieses Phänomen auch auf Menschen zutrifft. "Wir haben sowohl für Mundaktionen, wie etwa Knirschen, als auch für Handaktionen, beispielsweise das Zerreißen von Papier, erforscht, ob die Aktivitäten im Gehirn sich überlappen, wenn man die Handlungen selber verrichtet oder wenn man nur zuhört", so Keysers. Das haben die Forscher untersucht, indem sie die Gehirnaktivität von 16 Probanden beim Abspielen von verschiedenen Geräuschen in einem Scanner observierten. Es gab tatsächlich eine Überlappung und zwar in der bilateralen temporalen Gyrus sowie in der oberen temporalen Sulcus.

Bei den Experimenten stellte sich weiterhin heraus, dass Menschen mit einem großen Einfühlungsvermögen auch eine höhere Spiegelneuronenaktivität vorweisen."(...)


diese ergebnisse halte ich für sehr bemerkenswert, lassen sie doch verschiedene schlüsse bzw. fragen zu: erstens - wie oben schon erwähnt - können offensichtlich auch nicht als autistisch bezeichnete menschen autistische funktionseinschränkungen aufweisen; zweitens stellt sich die frage, wodurch diese beeinträchtigungen des spiegelsystems jeweils zustandekommen (das wäre einmal eine frage speziell an die psychotraumatologie, weil sich der verdacht äußern lässt, dass gewaltverhältnisse verschiedenster art mitverantwortlich sein können); drittens aber: sind diese defizite reversibel? und wenn ja, auf welche art und weise? viertens: wäre das funktionieren des spiegelsystems nicht vielleicht zukünftig als vorbedingung dafür zu setzen, dass jemand in gesellschaftliche autoritätspositionen gelangen kann? (zumindest solange, wie eine mehrheit unter uns offensichtlich nicht von hierarchischen systemen lassen kann).

ist empathie also für grundsätzlich - in relation zu den herrschenden sozialen bedingungen gesetzt - gesunde menschen am ende sowohl ver- als auch erlernbar? letzteres könnte erfreuliche perspektiven hinsichtlich nötiger gesellschaftlicher veränderungen eröffnen.

*

etwas konkreter möchte ich die obigen gedanken anhand eines textes machen, der sich vor einiger zeit in der "taz" mit dem thema armut in d-land beschäftigt hat. ein ziemlich lesenswerter text, der bei einer passage mein besonderes interesse geweckt hat:

(...)"Der eklatante Mangel an sozialer Empathie ist übrigens nicht neu, und er hat einen Grund. "Wir sind arm an Wissen über Armut", sagt Heiner Geißler. Diesen Befund erstellte der CDU-Politiker bereits 1976; damals war er Sozialminister in Rheinland-Pfalz.

Unsere Gesellschaft ist, was Armut betrifft, autistisch. Sie interessiert sich, wie viele Autisten, nur für Systeme. Sie diskutiert die "Agenda 2010", sie predigt den "Umbau des Sozialstaates", sie wägt den Vorteil von "Teilhabegerechtigkeit" gegenüber der "Verteilungsgerechtigkeit" ab, sie kennt tausende Statistiken über die deprimierende Lage auf dem Arbeitsmarkt. Sie spuckt Zahlen, Diagramme und Schaltpläne aus. Sie kann alles abstrahieren. Aber den Kontakt zu denen, die das betrifft, die damit klarkommen müssen, die darunter leiden, diesen Kontakt hat die Gesellschaft verloren. Sie ist unfähig, sich in die Lage armer Menschen hineinzuversetzen oder gar sie zu verstehen. Sie schildert stets eine völlig andere Welt, obwohl doch beide, die Mehrheitsgesellschaft und ihre Armen, in derselben Welt leben."(...)


mal abgesehen davon, dass das ein weiteres beispiel für die metaphorische nutzung des autismusbegriffs darstellt, wird in der obigen passage doch schon sichtbar, dass sich hier tatsächlich deutliche bezüge zu den gerade behandelten themen finden lassen. bezüge, die sich hier einmal primär auf kollektive wahrnehmungs(un-)fähigkeiten beziehen.

als "mangel an sozialer empathie" lässt sich der allgemeine umgang mit armut und v.a. mit armen schon bezeichnen; der angegebene grund "zuwenig wissen" hingegen überzeugt mich nicht. empathie ist eben keine primär kognitive angelegenheit - was sich beim thema armut u.a. daran sehen lässt, dass auch die vernünftigsten und logischten (kognitiven) vorschläge, die die katastrophalen gesellschaftlichen folgen weit verbreiteter armut berücksichtigen (was auch eine frage des wissens ist), ständig weitgehend ignoriert werden. armut wird zwar beobachtet, aber sie berührt eben viele nicht - und das kann tatsächlich viel mit empathiedefiziten zu tun haben; im konsequenten weiterdenken dann eben auch mit gestörten spiegelneuronen. ich finde das ein nachdrückliches beispiel dafür, was ich in diesem blog immer wieder versuche zu thematisieren: wie das, was so allgemein unter "politik" bzw. gesellschaftlichen bedingungen verstanden wird, eigentlich nicht verständlich ist ohne das wissen um die menschliche psychophysische struktur, ihre möglichen defekte und das entsprechende funktionieren - individuell, und bei weit verbreiteten individuellen eigenschaften dann eben auch kollektiv.

im weiteren zitat werden dazu viele typische produktionen des abstrahierenden objektivistischen modus benannt. und die monopolposition, die diese(r) statt der empathischen wahrnehmung einnehmen, lässt sich durchaus berechtigt als autistische struktur betrachten. ich frage mich wirklich, ob die autorInnen hier intuitiv etwas von den möglichen inneren dynamiken dieser gesellschaft ausgedrückt haben.

Freitag, 6. Oktober 2006

notiz: "Das Gewaltlabor"

mit einigen einschränkungen, was die "spiegel"-typische schreibe und darüber eine gewisse verzerrung der inhalte anbelangt, möchte ich doch den artikel unter der obigen überschrift empfehlen, der sowohl in der aktuellen printausgabe als auch z.zt. online vorhanden ist. er stellt erstens einmal mehr ein beispiel dafür dar, wie sich bestimmte szenarien v.a. aus der science fiction auf einmal in der realität manifestieren können (john brunners werke wären hier neben anderen eine referenz); und zweitens lässt er sich als illustration einiger thesen lesen, die bspw. in diesem beitrag enthalten sind. ebenso empfehle ich nochmals die informationen, die hier ganz am ende zur situation in brasilien zu lesen sind. und auch, wenn die skizzierte realität wieder vielleicht manche zur schlußfolgerung "wolfsgesellschaft" bewegen mag, so bleibe ich bei meiner meinung, dass wir hier eher die bitteren früchte von jahrhunderten sozialer gewalt vor uns haben.

"Die Unterwelt greift nach der Macht, die Reichen von São Paulo verbarrikadieren sich in Luxusburgen und fühlen sich nur in Hubschraubern sicher - die größte Stadt auf der Südhalbkugel der Erde gibt eine Vorahnung von der Zukunft der Mega-Citys."(...)

(...)"Gemeint sind die Unterweltler von São Paulo. Die Kuriere, Dealer, Mörder, Reifendiebe und Kidnapper der Stadt, die jungen Frauen, boshaften Greise, die muskelbepackten Männer, die Zwölfjährigen in kurzen Hosen, und nahezu alle sind bewaffnet. Sie sind Bewohner der schätzungsweise 2000 bis 2400 Favelas von São Paulo allein im Stadtgebiet, organisiert im "Primeiro Comando da Capital", dem "Ersten Hauptstadtkommando". Ein sperriger Name, alle sagen ohnehin nur PCC, wie bei einer Partei. Und stünde Elvira de Souza in diesem Moment in der Lounge, stünde sie neben de Nadai am Tresen, würde sie ihm sogar zustimmen. Si, Senhor, unser Aufstand ist politisch, wir glauben nicht an Wahlversprechen, an Almosen, wir wollen die Macht, ein besseres Leben."(...)

Dienstag, 3. Oktober 2006

kontext 27: von der gewalt gegen kinder, schreibtischtätern und dem schrei nach disziplin (update)

ein thema, welches hier mit trauriger regelmäßigkeit eine rolle spielt - zuerst ein paar neue zahlen des schreckens:

(...)"Mindestens 275 Millionen Kinder weltweit sind von Gewalt in der Familie betroffen. "Es ist gegenwärtig eine der meist verbreiteten Menschenrechtsverletzungen." Sie bleibe ein größtenteils verborgenes Problem, dem sich nur wenige Länder stellen, hieß es in dem Bericht."(...)

und die potenziellen - und belegbaren - folgen sollten sich langsam mal herumgesprochen haben:

(...)"Die Folge solcher - oft traumatischer - Erfahrungen auf psychischer und physischer Ebene können Lernschwierigkeiten und eingeschränktes Sozialverhalten sein. Kinder, die in gewaltgeprägten Familien aufwachsen, können gewalttätiges, leichtsinniges oder kriminelles Verhalten an den Tag legen, leiden an Depressionen oder schweren Angstzuständen, kamen die Experten zum Schluss. Auf Grund der begrenzt verfügbaren Daten in manchen Teilen der Welt bezeichnete UNICEF die Zahl von 275 Millionen Kindern als "vorsichtige Schätzung". Wer in seinen ersten Lebensjahren Zeuge von Gewalt in der Familie wird, für denjenigen erhöhen sich die Chancen enorm, später wieder mit Gewalt in Berührung zu kommen - sei es als Opfer oder als Täter."(...)

in mindestens 275 millionen biographien also "erhöhte chancen", die gewalt in den verschiedenen aspekten zu re-inszenieren (und hier geht es "nur" um die familiäre gewalt gegen kinder; die durch bspw. krieg traumatisierten müssen dazugerechnet werden) - falls wir uns immer noch über die achsounbegreifliche neigung unserer spezies wundern, sich selbst das leben zur hölle zu machen, dürfen und müssen wir uns einfach einzigartige kollektive und selbstmörderische dummheit hinsichtlich unseres nichtwissens über unser psychophysisches funktionieren attestieren. wobei dummheit in einer gewissen hinsicht auch hauptsächlich nichts weiter als ein moralisch wertendes synonym und symptom gestörter wahrnehmung darstellt, letztere ebenso häufig als folge traumatischer gewalt auftritt - und sich so die katze in den eigenen schwanz beißt. diesen absolut fatalen kreislauf des wahnsinns endlich, endlich zu durchbrechen - das stellt imo weiterhin die sinnvollste und dringendste aufgabe unserer zeit dar.

(und nein, bitte keine mißverständnisse: ich möchte traumatisierte menschen damit keinesfalls pauschal als dumm bezeichnen - machen Sie sich vielleicht einfach mal gedanken darüber, was dummheit eigentlich ausmacht. und ich möchte mich bei der quelle für den hinweis auf die obige nachricht bedanken, beim forum der subfrequenz, welches ich als sammlung sehr wichtiger und interessanter informationen nur empfehlen kann. das zugehörige fraktallog ist aus gleichem grund eh bereits verlinkt.)

*

vor dem hintergrund des obigen sind diskussionen besonders bizarr, bei denen es hauptsächlich darum geht, die im angesicht einer gewaltverseuchten welt durchaus nachvollziehbar renitenten kids mit den mitteln aus dem arsenal einer totalitären pädagogik wieder zur ordnung zu rufen - einen lesenswerten kommentar dazu gibt es hier zu lesen:

(...)"Der neueste Katastrophenmanager heißt Bernhard Bueb, war dreißig Jahre lang Leiter der Internatsschule Schloss Salem und präsentiert ein Traktat, mit dem er den Geist der 68er endgültig aus den deutschen Klassenzimmern exorzieren will: Lob der Disziplin heißt sein Werk, das schon kurz nach Erscheinen einen kollektiven Erlösungsseufzer unter den ratlosen Erziehern hervorgerufen hat. Und auch die Journaille schlägt mit den Flügeln vor Begeisterung angesichts des »erfrischenden Tabubruchs«. Kaum eine Zeitung, kaum ein Sender, in der Bueb seine schmalen Thesen nicht immer wieder aufs Neue zum Besten geben darf. Flankiert von Bild,FAZ und Spiegel, soll »Deutschlands strengster Lehrer« in den Schulen für »Recht und Ordnung« sorgen. Gerade noch wurde anlässlich der Fußball-WM der angeblich entspannte Patriotismus gefeiert – in dessen Gefolge die NPD nun im Osten ihre Wahlsiege feiert –, schon sollen die Hacken zusammengeschlagen werden.

Bueb fordert »Strenge, Härte, Disziplin«. Mehr noch: »die vorbehaltlose Anerkennung von Autorität und Disziplin«. Denn: »Erziehung bedeutet immer Führung.« Und: »Wer führt, erwartet Gefolgschaft.« Natürlich will auch er nur das Beste für unsere Kinder: »Die Fürsorge gebietet manchmal Disziplin ohne Debatte.« Gebetsmühlenhaft bläut er dem Publikum die wenigen Maximen seiner Kasernenhofpädagogik ein. Es ist, als wolle er die Prinzipien seiner Kindererziehung erst mal an den erwachsenen Lesern seines Buches exekutieren, indem er ihnen die Lektüre als Strafe auferlegt.

Keine Frage: Tugenden sind gut. Wären sie schlecht, hießen sie Untugenden. Nur muss eine Tugend sich immer danach fragen lassen, für welche Werte sie eingesetzt wird. Mit Disziplin kann man ein Haus bauen, Geige spielen lernen und einen Fünftausendmeterlauf gewinnen. Mit Disziplin kann man den Regenwald abholzen, in den Krieg ziehen und, wie Oskar Lafontaine in seinen lichteren Momenten formulierte, »ein Konzentrationslager führen«.

»Ja, ohne harte Disziplin kann man das Lager nicht in Schuss halten Sie müssen ja durchgreifen.« Sagt nicht Bernhard Bueb, sondern sagte während des Frankfurter Auschwitz-Prozesses der Angeklagte Stefan Baretzki, ehemals Angehöriger der SS und Kommandoführer in Birkenau. Es gibt Begriffe, Bilder, Wendungen, die vor dem Holocaust vergleichsweise harmlos geklungen haben mögen, die seitdem aber so nachhaltig kontaminiert sind, dass, wer sie verwendet, dies selten unschuldig tut.

Dass ein Hörfunkjournalist Bueb darauf hinweisen konnte, dass sein Buch, würde man nur wenige Passagen streichen, auch als das bildungspolitische Programm der NPD gelesen werden könne, dafür trägt der Autor die Verantwortung. Wenn er schreibt: »Die Nationalsozialisten waren Meister der Gemeinschaftserziehung, das darf man nicht verschweigen.« Oder wenn er sagt: »Gehorsam verlor in den letzten vierzig Jahren jedes Ansehen in der Pädagogik, aber nicht in der Armee.« Und man bekommt mehr als eine Ahnung, wofür er seine Schüler fit machen will, wenn er feststellt: »Soziale Tugenden, die Menschen für Extremsituationen qualifizieren, wie sie der Krieg mit sich bringt, bedürfen der Übung wie andere Tugenden auch.«


dem bleibt eigentlich wenig hinzuzufügen. vielleicht schweben dem herrn bueb ja bootcamps nach us-muster vor? es ist eine sache, notwendige und haltbare grenzen bei und für menschen zu setzen, die diese nicht (mehr) bei sich und anderen wahrnehmen können. das dürfte in unserer lage leider unverzichtbar sein. aber gerade bei kindern und jugendlichen mit den erwiesenermaßen gewaltfördernden und offen menschenverachtenden mitteln aus totalitären institutionen wie zb. dem militär zu arbeiten, ist letztlich als verbrechen zu werten. der ruf nach härte und disziplin stellt einerseits das symptom von hilflosigkeit dar, andererseits ist er ebenso ausdruck des bereits oben erwähnten nichtwissens über die psychophysischen menschlichen strukturen, deren funktionsgesetzen wir alle individuell und kollektiv unterworfen sind. im schlimmsten fall werden die effekte aus solcherlei gehirnwäsche auch bewußt eingesetzt bzw. angestrebt - auch dafür stellt der militärische drill das nachdrücklichste beispiel dar (immer noch die eindrucksvollste und sehenswerteste inszenierung dieses drills und seiner folgen: der erste teil von "full metal jacket" von stanley kubrick).

"Nicht das revolutionäre, aber immerhin das kecke Aufbegehren gegen die Obrigkeit (wie es sich in den Werken von Heine über Tucholsky bis Erich Kästner findet) galt lange Zeit in den gescheiteren Teilen des nachwachsenden Bürgertums als Tugend. Irgendetwas ist seitdem geschehen. Denn jetzt werden, wie eine von dieser Zeitung zitierte Umfrage belegt (ZEIT Nr. 37/06), Polizei und Bundeswehr von den Jugendlichen zu den attraktivsten Ausbildungsunternehmen gezählt. Traumberufe, in denen die Strukturen der Demokratie weitgehend außer Kraft gesetzt sind, wo stattdessen Befehl und Gehorsam gelten. Das scheint Buebs Behauptung Recht zu geben, dass die orientierungslos gewordene Jugend für ein gewisses Maß an Härte geradezu dankbar sei. Die Frage ist nur, ob man als Pädagoge diesem Unterwerfungsbegehren folgen oder ob man ihm entgegenarbeiten sollte.

»Das gepriesene Hart-Sein, zu dem da erzogen werden soll«, schreibt Adorno in seiner berühmten Rede Erziehung nach Auschwitz, »bedeutet Gleichgültigkeit gegen den Schmerz schlechthin."


also funktional eine selbstwahrnehmungsreduktion.

"Dabei wird zwischen dem eigenen und dem anderer nicht einmal so sehr fest unterschieden. Wer hart ist gegen sich, der erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz, dessen Regungen er nicht zeigen durfte.« Anders gesagt: Zum Kuscher gehört der Mucker. Und wer klein gemacht wurde, gibt das, einmal aufgestiegen, nach unten weiter. Der Glaube, man müsse der Natur nur ihren Lauf lassen, dann werde sich das Gute schon Bahn brechen, hat die Pädagogik auf einen kurzen Irrweg geführt. Größer, langlebiger, folgenreicher war der Irrglaube, man müsse den Willen der Kinder brechen, um aus ihnen Menschen zu machen."(...)

und u.a. genau dieser zuletzt erwähnte irr- und aberglaube übelster prägung beschert uns bis heute genau die verhältnisse, die weiter oben im bericht von unicef angesprochen werden. all das hat mit "zivilisation" nichts, aber auch gar nichts, zu tun.

(...)"Die Sehnsucht nach der harten Hand, die Ergebenheit vor dem päpstlichen Mummenschanz, der patriotische Taumel während der Weltmeisterschaft, das Wiedererstarken der NPD, die dramatisch sinkenden Wahlbeteiligungen, all das weist auf eine wachsende Demokratiemüdigkeit hin. Das verbliebene Restbürgertum, ebenso denkfaul wie hinfällig, seiner eigenen Geschichte ungewiss oder überdrüssig, hat dem nichts entgegenzusetzen. Lieber sinkt es mit lasziver Eleganz dem starken Mann in die Arme, als sich weiter den Mühen der eigenen Einsichten und Errungenschaften zu unterziehen."(...)

der letzte satz ist zwar schön formuliert, jedoch lässt sich arg bezweifeln, ob das "bürgertum" jemals wirklich daran interessiert war zu begreifen, aus welchen gründen seine und die mitglieder anderer sozialer klassen so "ticken", wie sie´s denn tun. freud hat zwar die tür aufgeschlossen (was sein ewiger verdienst bleiben wird, jenseits aller nötigen und berechtigten kritik), ist letztlich aber noch lange nicht ausreichend zum verstehen unserer selbst. und genau das wird letztlich über sein oder nichtsein der menschheit entscheiden - manchmal finde ich die perspektive eines evolutionären intelligenztestes gar nicht so weit hergeholt. momentan muss am bestehen leider stark gezweifelt werden.

*

edit am 04.10: war ja klar, dass es ergänzungsbedarf verschiedenster art geben würde - also:

- einen sehr, sehr finsteren aspekt habe ich - unzulässigerweise, wie ich finde - auf das militär beschränkt. und zwar einfach die sehr reale variante, dass das brechen gerade, aber nicht nur, von kindlichen persönlichkeiten von denjenigen gewollt und propagiert wird, die selbst in unbeschreiblicher art davon wissen, dass sie auf diese weise erstens eine art sklaven zur persönlichen verfügung bekommen (die eher innerfamiliäre variante), und/oder von den heute herrschenden a-sozialen gesellschaftlichen machtverhältnissen profitieren und ebenfalls wissen, dass eingeschüchterte, verängstigte und zur freien kollektivität unfähige menschen keine bedrohung für den status quo darstellen (diejenigen, die auf die gewalt selbst mit gewalt reagieren, können ebenfalls instrumentalisiert werden - so funktioniert das militär - oder aber sind eine aufgabe für die repressionsapparate und geben dazu noch prächtige gesellschaftliche feind- und schreckbilder ab). im kommenden traumaschwerpunkt werde ich u.a. dem schon früher geäusserten verdacht nachgehen, dass massenhafte traumatisierungen durch soziale gewalt vielleicht einen bisher völlig unterschätzten baustein für hierarchische systeme aller art darstellen.

- zum teil des adorno-zitats mit der erwähnten "gleichgültigkeit gegen schmerz" (bei sich und anderen) hatte ich angemerkt, dass ich das funktional für eine reduktion von selbstwahrnehmung halte. das sollte ruhig ergänzt werden: wieder vor dem hintergrund der eigenheiten traumatischer strukturen lässt sich erkennen, dass die erzeugte gleichgültigkeit sich tatsächlich bereits als posttraumatisches symptom verstehen lässt, vielleicht sogar als symptom von dissoziation. derart können posttraumatische strukturen in einem menschen bei entsprechenden inneren und äußeren dispositionen mindestens zu einer art soziopathie führen - das wäre dann die materialisierung der täter-opfer-dialektik.

- nochmals zur dummheit: ich habe mich da ungeschickt ausgedrückt, bin aber gerade nicht in der lage, das zu präzisieren. das ausmaß und die konsequenzen dessen, was so als dummheit verstanden wird, sind in meinen augen jedenfalls wesentlich weitreichender, als ich so als angenommen unterstelle. der dummheit immanent scheint ihre notorische unterschätzung zu sein, und all das hat sehr sehr viel mit unseren jeweiligen wahrnehmungsfähigkeiten zu tun. anders: bestimmte wahrnehmungstunnel erzeugen das phänomen namens dummheit - und diese tunnel, so meine hypothese, können in bestimmten fällen wiederum auch zu den posttraumafolgen gezählt werden. die untertanen dumm zu halten, was die eigene machtbasis anbelangt, ist jedenfalls bis heute eine tägliche beschäftigung von sog. eliten weltweit.

- vielleicht überflüssig, aber ich möchte es trotzdem erwähnen: mit liebe haben die geschilderten praktiken und vorschläge nichts, aber auch gar nichts, zu tun. sicher, ein grundsätzlich liebevoller umgang mit kindern beinhaltet auch die option, bei auftretender notwendigkeit grenzen zu setzen. aber das "wie" ist hier entscheidend. ich glaube, dass bei einer - potenziell erreichbaren - wesentlich verbesserten individuellen und kollektiven psychophysischen selbstregulation viele der heute zu beobachtenden probleme gerade hinsichtlich eigener und fremder grenzen, die wir uns gar als "normal" anzusehen angewöhnt haben, keine große rolle mehr spielen würden. dabei wären dann auch wesentlich mehr als heute bereits die pränatale phase sowie die umstände der schwangerschaft zu berücksichtigen.

- und zum schluß möchte ich noch auf einen ganz frischen tp-artikel zum thema hinweisen.

Sonntag, 24. September 2006

notiz: "...eine Psychokatastrophe, die es im Gegensatz zu verrückten Rindern und grippekranken Hühnern wohl nie in die Tagesschau bringen wird."

mit den obigen worten kommentiert der leiter eines wirtschafts-nachrichtendienstes die zunahme der - "offiziell" als solche (!) verstandenen - sog. psychischen krankheiten in d-land. im zusammenhang mit den selektierenden praktiken etlicher versicherungsunternehmen hinsichtlich der absicherung gegen berufsunfähigkeit aufgrund psychischer beeinträchtigung nennt der folgende artikel eine schätzung:

(...)"Die Zahl der Bundesbürger, die an behandlungsdürftigen seelischen Erkrankungen leiden, schätzen Experten mittlerweile auf acht Millionen."(...)

ich persönlich halte diese zahl grundsätzlich für zu niedrig angesetzt - wenn Sie sich erstens klarmachen, dass die gezählten "offiziellen" diagnosen in diesem bereich nach teils inhaltlich durchaus unzureichenden diagnostischen modellen gestellt werden, die bspw. die gesamten folgen gesellschaftlich potenziell traumatisierender gewaltzustände noch nicht einmal ansatzweise erfassen können (das liegt u.a. in der bereits seit längerer zeit diskutierten zu engen begrenzung der diagnose der posttraumatischen belastungsstörung, wie sie heute in den diagnostischen katalogen definiert wird, dazu mehr im künftigen traumaschwerpunkt); zweitens dazu berücksichtigen, dass gerade in diesem medizinischen bereich die kriterien für gesund und krank teils auf dem kopf stehen - wenn Sie bspw. aufgrund von mobbing oder stupider schichtarbeit symptome entwickeln und (lohn-)arbeitsunfähig werden, dann mittels klassischer psychiatrischer behandlung mittels psychopharmaka wieder leistungsfähig werden sollten - ist dieses deckeln einer prinzipiell durchaus als gesund (im sinne von symptomen als warnhinweise und im weiteren sinne auch als versuch der selbstregulation zu verstehenden reaktion) zu betrachtenden reaktion auf unzumutbare soziale bedingungen wirklich als "heilung" zu betrachten? eine rhetorische frage.

drittens, und das hängt mit dem obigen punkt zusammen: wie zb. am modell der als-ob-persönlichkeit sehr deutlich zu sehen ist, werden sogar eindeutig schwer psychopathologische zustände überhaupt nicht als solche wahrgenommen, wenn der betroffene mensch es schafft, die "objektiven" aktuellen gesellschaftlichen kriterien für gesundheit zu erfüllen, bei denen die arbeits- und leistungsfähigkeit oder auch das unauffällige funktionieren quasi "naturgemäß" in einem kapitalistischen system an erster stelle steht (und das kriterium von kognitiver intelligenz, die sich bei fast jedem soziopathen finden lässt, gilt ebenfalls per se als kennzeichen von gesundheit). wie hier im blog bereits mehrfach aufgezeigt wurde, können bspw. deutlich antisozial handelnde personen durchaus als "erfolgreiche und tatkräftige" manager (oder auch politiker) durchgehen; und schwer traumatisierte menschen, die ihren posttraumatischen stress zb. in der symptomatik einer arbeitssucht ("worcoholic") ausagieren, werden von einer wahrnehmungsreduzierten sozialen mitwelt für ihre "produktivität" und "leistungsbereitschaft" sogar noch oft gelobt.

viertens kommt ganz banal noch der folgende punkt hinzu:

(...)"Dabei spiegelt diese Zahl vermutlich nur die halbe Wahrheit. Denn Experten schätzen, dass ohnehin nur die Hälfte der behandlungsbedürftigen Menschen auch wirklich professionellen Rat sucht."(...)

was u.a. an der weiterhin vorhandenen aura des irgendwie unheimlichen ebenso liegen dürfte wie an der damit verbundenen gesellschaftlichen stigmatisierung - "du musst nur wollen" bzw. "reiß dich zusammen" sind sätze, die oft genug nicht nur gedacht werden, wenn es um diese art von krankheit geht. wobei ich mich mehr und mehr frage, wie gesund im sinne von empathie- und liebesfähigkeit eigentlich diejenigen tatsächlich sind, die derartiges von sich geben.

und wenn dann noch diejenigen berücksichtigt werden, die aufgrund verschiedenster umstände nicht zur (lohn-)arbeitenden bevölkerung zählen - alte, flüchtlinge, erwerbslose, hausarbeitende frauen - , dann dürfte sich die tatsächliche zahl noch einmal erhöhen. von den kindern und jugendlichen erst gar nicht zu reden:

(...)"Knapp jedes fünfte Kind in Deutschland ist betroffen, jedes zwanzigste Kind gilt als dringend behandlungsbedürftig. Die Rate ist fast so hoch wie bei Erwachsenen."(...)

ich mache immer mal wieder ein kleines gedankenexperiment: stellen Sie sich einmal vor, all diese krankheiten und störungen - die eben in nicht geringer zahl vor allem durch die herrschenden (anti-)sozialen verhältnisse entscheidend mitverursacht werden - würden als sichtbares symptom auch zb. einen deutlichen pickelbefall im gesicht mit sich bringen. wie sähe es wohl im straßenbild der städte aus? eben. und wie sähe wohl die öffentliche reaktion aus, gerade bei berücksichtigung des umgang mit bspw. infektionskrankheiten? das zitat in der überschrift bringt die tatsächliche lage schon ganz gut auf den punkt: wir haben es mit einer situation zu tun, die im falle einer als solche verstandenen epidemie mit zahlen wie den obigen (verursacht von einem mutierten grippevirus zb.) durchaus die wertung "medizinische katastrophensituation" bekommen würde (und zwar zurecht). wie bei so vielen sachverhalten, spielen auch hier wahrnehmungsstörungen und -defekte eine entscheidende und unheilvolle rolle. wahrnehmungsstörungen, die im übrigen bereits selbst als indiz für einige schwere psychophysische störungen gelten können. und nicht nur dieser fakt macht die ganze situation so vertrackt und gefährlich.

*

ausblick: ich hoffe, in der übernächsten woche wieder mehr zeit für die arbeit am blog zu haben. dann wird es zunächst einiges interessante zu den themen autismus und empathie geben, bevor dann der traumaschwerpunkt losgeht. machen Sie´s gut bis dahin.

Dienstag, 19. September 2006

notiz: mit müden knochen...

...und leichten kopfschmerzen nach (und vor) einem langen tag schau ich kurz online in die runde - und finde mal wieder viel zu viel, was mir noch mehr kopfschmerzen bereitet - aber eine geschichte, die ist so - ja, was eigentlich? ehrlich, zynisch, realistisch, widerlich? bitte zum rapport, ministerpräsident:

(...)"Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany sagte kurz nach der Parlamentswahl vom 23. April, er habe die Öffentlichkeit über den Zustand der Wirtschaft belogen, um seine Wiederwahl zu sichern. Er erklärte: "Wir haben am Morgen, am Abend und in der Nacht gelogen." Seine Regierung habe durch "hunderte Tricks" und "göttliche Vorsehung" die Wahl gewonnen."

ach, das geht doch jeder regierung so. lügen, tricks und aberglauben halten den laden am laufen.

"Weiter sagte Gyurcsany: "Was wir in den Monaten davor (vor den Wahlen) heimlich machen konnten, so dass in den letzten Wochen des Wahlkampfes nichts darüber an die Öffentlichkeit dringt, was wir planen, das haben wir getan. Währenddessen wussten wir und ihr wusstet es, dass wir uns, falls der Wahlsieg kommt, danach sehr zusammennehmen müssen."

ach, das geht doch jeder regierung nicht anders. wahlbetrug und beschiss der bevölkerung ist die basis allen regierens.

"Über die Arbeit der Regierung urteilte der Ministerpräsident: "Wir haben es verbockt. Nicht ein bisschen, sondern sehr. In Europa hat man einen solchen Blödsinn, wie wir ihn gemacht haben, noch in keinem anderen Land gemacht. Man kann es erklären. In den letzten anderthalb, zwei Jahren haben wir nur gelogen. Es war vollkommen klar, dass es nicht stimmt, was wir sagen."

ach, das ist doch völlig regierungsspezifisch. blödsinn machen und das blaue von himmel herunter simulieren ist in diesen kreisen die normalität.

"Außerdem sagte der Ministerpräsident in seiner Rede über die Regierungsarbeit: "Wir haben während der letzten vier Jahre eigentlich nichts gemacht. Nichts. Ihr könnt keine einzige bedeutsame Regierungsentscheidung nennen, auf die wir stolz sein könnten, außer jener, dass wir zum Schluss die Regierungsarbeit aus der Scheiße zurückgeholt haben." Weiter hieß es: "Ich bin fast gestorben, als wir eineinhalb Jahre vorgeben mussten, zu regieren."

ach, das ist doch - mir fällt dazu echt nichts mehr ein. es ist letztlich ein historisches dokument ersten ranges - tauschen Sie nur einmal den namen aus, und setzen Sie dafür blairmerkelschröderputinbushchirackohl... ein - und es klingt weiter völlig authentisch und realistisch. und Sie und ich wissen vermutlich auch, warum sich dieser effekt sofort und intuitiv einstellt. scheint fast so, als müsste gyurcsany noch gelobt werden für die tatsache, einmal wirklich klartext geredet zu haben. ungarnspezifisch ist das jedenfalls nicht. und ebensowenig ist dieses treiben an eine der klassischen sog. politischen richtungen gebunden - "sozialistisch", "konservativ", "liberal" - das sind fakebegriffe, die den antisozialen, zerstörenden und quasitotalitären charakter der heutigen "politischen klasse" so ziemlich überall auf dem planeten nur noch notdürftig kaschieren können. genau solche verhältnisse sind es unter anderem, die bei entsprechend geschädigten und disponierten persönlichkeiten den ruf nach "ausmisten!" und dem "starken mann" laut werden lassen - was zwar auch neue fakes und simulationen nach sich zieht, aber nach aller historischer erfahrung in blutbädern zu enden pflegt, die für etliche leute etwas reinigendes an sich zu haben scheinen. nun, wir heutigen wissen das alles - oder könnten es zumindest wissen. die große frage: was werden wir mit diesem wissen anfangen?

Sonntag, 17. September 2006

notiz: "wahlen"?!? (aus aktuellem anlaß)

in aller regel: nein. einige gründe für diese entscheidung sind hier nachzulesen, u.a. auch der folgende auszug:

(...)"tatsächlich sind aber sämtliche existierenden parteien nur dann als "legal" definiert, wenn sie sich innerhalb vorgegebener grenzen bewegen - und wenn diese vorgegebenen grenzen in zeiten wie heute immer enger gezogen werden (was z.b. ganz zentral grundsätzliche fragen nach menschenwürde, materiellen existenzsicherungen, umgang mit asylsuchenden und anderes betrifft), bekommen die parteien insgesamt einen blockähnlichen charakter, der bereits totalitäre elemente enthält - eine art front, in der die anscheinend widerstreitenden positionen sich nur noch in verschiedenheiten bezgl. irgendwelcher detailfragen ausdrücken, wie diese und jene sache denn jetzt genau zu regeln ist.

ein absolutes tabu ist es jedoch, grundsätzlich strukturelle eigenschaften der sozialen und ökonomischen verhältnisse überhaupt zu thematisieren, jedenfalls für die protagonistInnen der "demokratischen parteien" (die rechtsextremen scheinen dieses tabu zu berühren, wobei es sich jedoch auch nur um eine als-ob-aktion handelt - sie wollen vor allem eine offene zuspitzung der vorhandenen hierarchischen strukturen erreichen, nicht ihre grundsätzliche veränderung. zynisch könnte gesagt werden, sie sind ehrlicher, was die forderungen nach gewalt, zwang und repressionen angeht - die programme und aktionen der sog. demokratischen parteien laufen faktisch auf ähnliche resultate hinaus, werden aber durch sog. "vernünftige argumente" kaschiert, und sind dazu noch recht unsicheren ethischen und moralischen normen teilweise unterworfen, die zumindest oberflächlich berücksichtigt werden müssen.

genau darauf verzichten die faschisten fast völlig, machen das als verächtliche schwäche der "systemparteien"aus und ziehen vermutlich aus diesem kontrast die rolle der "einzigen echten opposition", die sie sich gerne selbst geben, und in der sie von entsprechend disponierten persönlichkeiten dann aufgrund dieses kontrastes in der erscheinungsform auch so wahrgenommen werden. dabei könnten sie mit entsprechendem personal, welches zum glück nicht vorhanden scheint, mit ihren erwähnten offenen forderungen durchaus relevante teile heute vorhandener psychoklassen ansprechen, die sich ebenfalls noch wie ihre vorfahren und von ihnen quasi "geerbt" in einer verfassung befinden, in der u.a. sicherheit durch unterwerfung eine lebensmaxime bildet)."(...)


ps. die wahlbeteiligung sinkt kontinuierlich weiter, damit auch die legitimationsbasis von teilen der herrschenden eliten.

pps. die npd ist mit allem recht als (neo)nationalsozialistische partei zu begreifen - wer jetzt, nach fast zwei jahrzehnten - 1987 kam zunächst die dvu in bremen nach jahrzehnten faschistischer erfolglosigkeit bei wahlen wieder in ein parlament (bremen) - erfahrungen mit pogromen, überfällen und über hundert toten, alles zu verantworten von selbsterklärten nazis, immer noch von "protestwählerInnen" schwafelt, will entweder verharmlosen oder aber muss insgeheim davon ausgehen, dass diese wählerInnen die intelligenz- und wahrnehmungsfähigkeiten von amöben besitzen. die realität sieht schon seit über 15 jahren so aus, dass es in diesem land wieder sowohl handlungsfähige strukturen als auch ein solides potenzial für eine gesellschaftliche strömung gibt, bei der offen propagierter mord und totschlag zu ihren erklärten grundlagen gehören. vor diesem hintergrund bleibe ich bei einem schon vor längerer zeit verfassten fazit (das folgende ist formal, nicht inhaltlich, hinsichtlich einiger fehler damals korrigiert und übersichtlicher gemacht worden):

(...)"wenn es sich beim rassismus und antisemitismus um eine innerhalb einer starken minderheit der gesamtbevölkerung weit verbreitete gesellschaftliche strömungen handelt, wie es seit jahren bzw. jahrzehnten in der brd durch entsprechende untersuchungen/umfragen immer wieder bestätigt wird, dann ist die behauptung einer "niederlage" der rechten nicht angebracht und suggeriert imo eine geradezu gefährliche einstellung, weil die folge auch in einer nachlassenden wachsamkeit bestehen kann.

ich finde eher, dass umgekehrt ein schuh draus wird: wenn es knapp 60 jahre nach der völligen militärischen niederschlagung des nationalsozialismus und dem folgenden totalverbot aller diesbezgl. aktivitäten und einer zumindest "offiziellen" ächtung derselbigen in deutschland wieder

a) funktions- und handlungsfähige bundesweite nationalsozialistische strukturen existieren, welche

b) aufmärsche und propagandaaktionen mit teilweise tausenden von teilnehmern durchführen können,

c) dazu zumindest in ostdeutschland in der lage sind, örtlich faktisch als paralleler machtfaktor in konkurrenz zu staatlichen institutionen und kulturellen bzw. pädagogischen angeboten der "offiziellen" gesellschaft zu treten bzw. diese zu unterwandern, und

d) durch militanten ausdruck rassistischer bzw. antisemitischer ressentiments in der lage sind, die "offizielle" politik in ihrem sinne zu beeinflussen (nach dem pogrom von rostock zb. der prompte umfaller der spd in der asylgesetzgebung, durch das auftreten rechtsradikaler parteien eine zum grossen teil positive aufnahme deren positionen zur "ausländerpolitik", das anstoßen eines neuen öffentlichen diskurses über die notwendigkeit von "nationalgefühl" sowie die debatte über den "nötigen schlussstrich" über die deutsche ns-vergangenheit) - das finde ich neben dem offenen strassenterror eindeutig die fatalste und gefährlichste wirkung dieser szene - eine wirkung auch, welche die militanten gruppen der radikalen "linken" nicht mal ansatzweise entfalten konnten - wenn ich mir das also alles zusammen betrachte, scheinen mir einige bereits vor jahrzehnten formulierte langzeitziele der neonationalsozialisten (u.a. das durchsetzen von öffentlichen auftritten sowie die langsame (wieder-)gewöhnung der öffentlichkeit an nationalsozialistische inhalte eher erfolgreich umgesetzt worden zu sein."(...)


und diese gefahr wird nicht durch wahlevents beseitigt werden können - das bestreben der sog. demokraten geht eigentlich immer nur soweit, aus gründen der imagepflege dahingehend zu wirken, die nazis um jeden preis wieder aus den parlamenten herauszubekommen - "aus den augen, aus dem sinn". die sog. aufarbeitung der vergangenheit ist, wie sich nicht nur an diesem verhalten feststellen lässt, bereits vor langer zeit gescheitert. was kein wunder ist, müsste sich doch eine ernsthafte bearbeitung des vorhandenen offen faschistischen potenzials sehr schnell auch verstärkt mit den psychophysischen zuständen der als solche auftretenden faschisten und ihrer sympathisantenszene beschäftigen. genau das aber scheint nicht gewollt zu sein, würden im nächsten schritt doch auch die "demokratischen eliten" in den focus geraten.

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