assoziation: "der kommende aufstand" - ein (gedrucktes) gespenst geht um in europa

"Die Polizei hat die Kontrolle verloren. Das kann man nicht nur in Harlingen erleben, wo in der Nacht von Sonntag auf Montag die größte Schienenblockade in der Geschichte des Wendlands läuft. Eine Schlüsselszene spielt sich 11 Kilometer entfernt ab. Am Kreisverkehr westlich von Dannenberg, dort wo sich die zentralen Kreisstraßen 216 und 248 kreuzen, haben Bauern mit dutzenden Treckern eine schmale Passierstelle eingerichtet: Hier kontrollieren sie den Zugangsverkehr in die Region. „Klar darfst du durch", ruft ein Landwirt einem Autofahrer zu. "Nur keine Polizisten!"

(neulich im wendland)

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May 2010 Greek protests

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zwei orte in europa, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten - einmal die beschauliche ländliche provinz im östlichen niedersachsen; zum anderen die griechische hauptstadt athen. und zwei szenen, die sich jenseits aller unterschiede ideal zur illustration der thesen jenes textes eignen, der im folgenden thema sein soll. vorher aber noch das: die szene in athen fand in jenen tagen des vergangenen mai statt, in denen zehntausende rund um das griechische parlament strömten, in dem die sog. sparbeschlüsse verabschiedet wurden - tage, in sich denen griechenland tatsächlich vielleicht mehr noch als im winter 2008 am rande eines allgemeinen aufstands befand. diese dynamik wurde wie auf einen schlag mit dem
tod von drei bankangestellten unter durchaus diskussionswürdigen umständen beendet. aber genau diese geschichte kann auch exemplarisch für all das janusköpfige stehen, was mit dem begriff aufstand untrennbar assoziiert ist.

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der kommende aufstand also - hinter dem link verbirgt sich die druckreife pdf-fassung dieses textes (aus der ich im folgenden auch zitieren werde), der seit ein paar jahren erst versteckt, dann immer offener, in immer mehr ländern zum gegenstand aufgeregter mutmaßungen mutiert. zumindest im sinne der aufmerksamkeitsökonomie kann sich das "unsichtbare komitee", welches wahlweise als herausgeber und/oder autorInnenkollektiv betrachtet werden kann, bereits etliche punkte gutschreiben. ich weiß seit ein paar jahren von der existenz dieses textes, hauptsächlich aufgrund der furore, die er in frankreich ausgelöst hat (wo sich das buch durchaus als heimlicher bestseller bezeichnen lässt). geschrieben irgendwann in den jahren nach den unruhen in den banlieus 2005, bezieht sich der text zwar auch logischerweise auf spezielle ausprägungen der innerfranzösischen gesellschaftlichen verhältnisse, lässt sich aber durchaus ebenfalls als eine allgemeine situationsbeschreibung vieler gesellschaften des sog. westens lesen. und vor diesem hintergrund empfehle ich durchaus die lektüre. angemerkt werden sollte noch, dass zu dieser lektüre auch ein neueres vorwort gehört, welches 2009 geschrieben wurde und sich zentral auf die griechische dezemberrevolte 2008 bezieht. und dort wird meiner meinung nach deutlicher als in den vorherigen ausgaben, dass sich das "unsichtbare komitee" selbst als kommunistisch verortet - ein kommunismus allerdings, der sich historisch eher an der pariser commune als an die bolschewiki anlehnt.

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hierzulande gab es meines wissens die erste nennenswerte mediale reaktion im mainstream, nachdem der text 2009 tatsächlich in einem verlag erschien und seitdem wie ein ganz normales buch für knapp einen zehner in etlichen buchhandlungen zu erwerben ist (ein vorgang, der im kapitalismus zwar normal, aber gerade bei diesem text mit einem höchstmaß an absurdität verbunden ist). in der "taz" durfte ein mitarbeiter der grünen bundestagsfraktion einen eher unverblümten
verriß schreiben, mit einem - aus seiner sicht - nachvollziehbaren schwerpunkt:

(...) "Mit derartigen Grobschnitzereien bedient dieser Diskurs das grassierende Ressentiment gegen repräsentative Demokratien und ihre Institutionen." (...)

ist natürlich auch zu ärgerlich, wenn man sich als irgendwielinker unter dem dach der grünen partei in der "repräsentativen demokratie und ihren institutionen" häuslich und vor allem bequem eingerichtet hat - und dann kommen da irgendwelche anonymen chaoten aus frankreich und feuern genau gegen das eigene heim eine theoretische breitseite ab, die in gewisser weise massenwirksam zu werden droht. da heißt es dann, die eigene vergangenheit zu plündern, um diesem treiben systemtragende riegel vorzuschieben.

in den letzten wochen nun wurde der kommende aufstand aus gründen, die mir nicht ganz klar sind - stuttgart und gorleben mögen hier eine rolle spielen - auch zum thema besonders des konservativen und "liberalen" feuilletons. den interessantesten beitrag finde ich denjenigen von nils minkmar in der "faz", der unter dem titel
Seid faul und militant! unter anderem den wirkungsgrad des textes einzugrenzen versucht:

(...) "Doch das ist erst der Anfang: „Nie war das Gefühl eines unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs so lebhaft!“ So steht es in „Der kommende Aufstand“, einem französischen Buch, das dieser Tage abseits der Buchhandlungen und Bestsellerlisten stetig an Lesern und Relevanz gewinnt. Glenn Beck, der einflussreiche rechtsanarchistische amerikanische Fernsehprediger, hat schon vor Monaten eine ganze Sendung lang gegen das Werk monologisiert. An britischen und französischen Universitäten wird es als kanonischer Text studiert und besprochen.

Und wenn, wie in der vergangenen Woche in Berlin, nachts die Autos brennen, im Kanzleramt ein Sprengkörper griechischer Anarchisten gefunden wird und die S-Bahn aus ungeklärten Gründen ausfällt und sich in der Stadt das Gefühl einer nahenden Großstörung breitmacht, dann passt das dermaßen perfekt zu der in diesem Buch entwickelten Strategie, dass man an bloßen Zufall nicht mehr glauben mag." (...)


minkmar setzt sich als vielleicht einziger autor der ganzen rezensentenriege besonders am schluß seines besprechung auf eine ernstzunehmende art und weise mit den thesen des "aufstands" auseinander, und darauf werde ich später nochmals zurückkommen. ansonsten taucht in so ziemlich allen artikeln über kurz oder lang unweigerlich der name michel houellebecq auf, und vielleicht lässt sich hier auch eine art feuilletonistischer strategie bei der arbeit sehen, die darauf zielt, die explosivität einiger inhaltlicher thesen mittels der magischen beschwörung "und es sei und werde kunst!" zu entschärfen - deutlicher wird das in der
"neuen züricher":

(...) "Ich wollte mir das Bändchen eigentlich nur aus Neugier und aus Jux kaufen, davon überzeugt, dass sein verquaster Inhalt und sein schwerverdaulicher Jargon mich schmunzeln machen würden. Zumindest was letzteren Punkt betrifft, lag ich freilich völlig daneben. «L'insurrection qui vient» verzichtet weitgehend auf jede Phraseologie und ist in einem eiskalten, messerscharfen Stil verfasst. Das Bändchen liest sich wie ein früher Roman von Michel Houellebecq, nur ist es viel besser geschrieben (was zugegebenermassen mit einem Mindestmass an Begabung nicht sehr schwer ist)." (...)

gerade die letzten sätze lassen sich als schönes beispiel für das obligatorische bürgerliche kulturgeschwätz ansehen, und an houellebecq ist in diesem zusammenhang anscheinend wirklich kein vorbeikommen, wie auch die
"süddeutsche" findet:

(...) "Das Besondere an dem Buch ist dessen glänzender Stil. Der Text kommt ohne das sonstige phraseologische Sperrholz linker Pamphlete aus, die Autoren schreiben mit situationistischem Schwung und gleichzeitig düsterrevolutionärem Zorn eine "Ästhetik des Widerstands" für das neue Jahrtausend. Der erste Teil ist in sieben "Kreise" unterteilt, ein Verweis auf Dantes Inferno. In der Hölle unserer Tage ist der Mensch eine kleine, überflüssige Konsum-Monade, der als Lebenssinn nur das kalte Neonlicht der Warenwelt bleibt. Das System ist überall, fast wie Gas ist es noch in die letzten Ritzen des Privatlebens gedrungen. Aber gerade weil es unbesiegbar und übermächtig ist, muss man jetzt dagegen aufbegehren.

Während die meisten Europäer seit zwei Jahren angststarr auf die vielköpfige Hydra der Krise blicken und darauf hoffen, dass alles noch mal gutgehen möge, wird hier mit heiterster Miene davon ausgegangen, dass die Katastrophe des Zusammenbruchs längst begonnen hat. (...)

Kurzum: Die ersten 60 Seiten sind eine Gegenwartsanalyse, so beißend wie poetisch, geschult an Guy Debord, Antonio Negri, Giorgio Agamben, und oft meint man Michel Houellebecqs Stimme durchzuhören, wenn da genüsslich die Kälte und Vereinsamung der Leistungsgesellschaft beschrieben wird." (...)


naja. jenseits von houellebecq, von dem ich besonders seine "ausweitung der kampfzone" schätze, sind mir beim ersten lesen vor allem folgende dinge aufgefallen: erstens setzt der text durchaus einiges voraus; zweitens eignet er sich nicht nur deswegen - ohne das jetzt abwertend zu meinen - nicht unbedingt dafür, mal eben schnell die pause auf der nächsten baustelle abzupassen und dort den arbeitern eine alternative zum totschläger mit den vier buchstaben in die hand zu geben; und drittens enthält er tatsächlich eine fülle von metaphern und sätzen, die geeignet sind, dinge und verhältnisse auf den punkt zu bringen oder sie zumindest kenntlich werden zu lassen. viertens aber sind jenseits aller formulierungskünste dann doch die inhaltlichen aussagen bei so einem text immer noch das wichtigste, und einige dieser aussagen sollen im nächsten beitrag genauer unter die lupe genommen werden. wobei ich einerseits besonders aus meiner heutigen perspektive (d.h. dieses blogs) schauen werde, zum anderen aber auch meine eigene vergangenheit eine rolle spielt - etliche jahre in der autonomen linken haben mich auch etliche sog. militanzdebatten miterleben lassen, ebenso wie direkte erlebnisse der existenz, folgen und wirkungen von (massen-)militanz - im guten wie im schlechten.

*

und unabhängig von meinen eigenen inhaltlichen wertungen noch dieses: falls Sie dieses jahr wieder mal nicht wissen, ob und was Sie weihnachten verschenken sollen, ist das ein guter tipp. ausgedruckt, hübsch gebunden und mit wahlweise kunstvoller schleife oder aber an einem pflasterstein angebunden, eignet sich der kommende aufstand als stilvolles und zeitgemäßes präsent unter jedem baum. und statt der obligatorischen lieder lässt sich damit eine inspirierende leserunde im kreise der liebsten veranstalten. und auch auf jeder firmenweihnachtsfeier ist ein großes hallo! garantiert.
monoma - 13. Nov, 02:59

und hier geht´s...


Wednesday - 14. Jan, 09:53

Meine ersten Einschätzungen des Manifestes werden hier üppig bestätigt: "Das Komitee mag nicht: willensstarke Frauen, aufgelöste Familienbindung, Pop, westliche Kultur."

Meine Frage, wer hat hier was gegen die westliche Kultur? Ohne sie gäbe es weder Punk noch Jazz, keine moderne Kunst, und ja, keine proletarischen Revolutionen, kolegi. Arm wär die Welt, sag ich.

"Aus dem Nichts taucht der Jude als Welt-Innenarchitekt auf" - ja, Trampert fasst es besonders schön zusammen: "Der Begriff »Kommunismus« wird neu definiert als »Aufruf und Name für all die Welten, die gegen die imperiale Befriedung Widerstand leisten« – also auch die Taliban und die Hamas. Deshalb kennt der »Aufstand« auch keine »Zugehörigkeit zu einer Klasse, Rasse oder einem Wohnviertel«. Die behauptete Existenz von Rassen ist eine der vielen Entgleisungen. »Faschismus oder Anarchismus« (in einem Atemzug) trennten falsch zwischen »dem, was wir sind, was wir machen, und dem, was wir werden«. Diese Geschwätzigkeit durchzieht das ganze Buch. Was wir sind und werden, das ist auch fürs Komitee nicht dasselbe. Es fragt: »Wie ernährt man sich, wenn alles lahm gelegt ist?« und empfiehlt die »Kriegs-Landwirtschaft«. Es will »nie wieder arbeiten«, aber »die Nahrungsmittelkulturen der ländlichen Zonen wieder herstellen«, und das, obwohl »die Zukunft keine Zukunft hat« und »die Gegenwart ausweglos ist«. Unendliches Palaver!"

Ciao
W.
demon driver - 15. Jan, 23:33

Gelesen

Nur so als kurze Ergänzung: ich hab's inzwischen gelesen, und finde die Bedenken im Wesentlichen bestätigt. Wenn das den heutigen Querschnitt der irgendwie linken und "revolutionären" Intelligentsia Frankreichs wiederspiegelte, dann müsste man sich in Europa noch mehr vor allen europäischen Revolutionsbestrebungen fürchten, als man das ohnehin muss...
monoma - 13. Nov, 03:44

zwei filme bei arte gerade...

...passend zum thema:

für eine andere welt

"Griechenland, Frankreich, Dänemark, Brasilien oder China - überall auf der Welt regt sich entschiedener Widerstand. Hier der Zorn der Jugendlichen, dort die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, der Aufstand der vom System Ausgeschlossenen.

Nie zuvor war der Geist der Revolte so stark und so verbreitet. Allein im Jahr 2009 wurden weltweit 524 Aufstände gezählt, und fast ein Drittel davon fand in Europa statt. Alle Proteste werden von jungen Menschen getragen, die ihrem Unmut über die Globalisierung Luft machen wollen."


und speziell zu den französischen unruhen 2005, die auch das "unsichtbare komitee" inspiriert haben:

die rebellen aus der vorstadt

"Clichy-sous-Bois/Ile de France: Am 27. Oktober 2005 suchten drei Jugendliche, die von der Polizei verfolgt wurden, in einem Umspannwerk Zuflucht. Zwei von ihnen starben an Stromschlägen, der dritte erlitt schwere Verbrennungen.

Wenige Stunden später kam es überall in Frankreich zu Aufständen bisher ungekannten Ausmaßes, die in den kommenden Tagen weltweit für Schlagzeilen sorgten.
Es gab viele untaugliche Erklärungsversuche für diese Aufstände: Manche glaubten, die Revolution stehe unmittelbar vor der Tür, andere sahen darin eine islamistisch motivierte Revolte, wieder andere vermuteten, Bandenkämpfe oder das Werk von Drogenbossen.

Die Medien, die Politiker, die Polizei und sogenannte Sachverständige haben zu oft zur Vereinfachung der Debatte beigetragen und die Menschen in den betroffenen Vorstädten zum Schweigen verurteilt. Diese Dokumentation will sie endlich zu Wort kommen lassen: die Rebellen von gestern und heute, ihre Eltern, ihre Erzieher und die lokalen Akteure.

Moussa, Mara, Paul und Penda leben in Villiers-sur-Marne im Viertel Hautes Noues: eine Vorstadt geprägt von urbaner Fehlplanung, von Armut und hoher Jugendarbeitslosigkeit. Sie reden über ihre Wut und ihre Verzweiflung - und über ihre Rebellion."


die arte-dokus sind meistens ganz informativ, stehen aber online nur begrenzt beim sender selbst zur verfügung.

genova (Gast) - 13. Nov, 19:20

Wednesday,
sehe ich ähnlich.

Ich warne nur davor, solche Geschichten ahistorisch zu sehen. Man sieht sich immer gerne schnell in einer historisch bedeutsamen Situation, und der Titel "Der kommende Aufstand" hört sich danach an. Der Arte-Themenabend kam ähnlich rüber, aber ich bin da skeptisch. Heute vor 20 Jahren gab es die größten Straßenschlachten mit der Polizei in Berlin seit Bestehen der BRD (Hausräumung Mainzer Straße). Was folgte daraus? Nichts.

Ich habe eher das Gefühl, dass derzeit eine unpolitische Phase das Geschehen bestimmt: S21 u.ä. sind ja okay, aber es fehlt die Aufmerksamkeit für die Strukturen dahinter. Und die Reaktionen auf Sarrazin weist ja eher auf einen Umsturz von rechts hin.

Wenn ich mir die Korrelationen von 68 überlege: Da gab es nachhaltige kulturelle Veränderungen, die politische Überlegungen begleiteten. Das halte ich für notwendig. Da ist heute nichts zu spüren.

Rebellion im Sinne bloßer Kurzaufstände mit abgefackelter Infrastruktur in Armengebieten sind jederzeit drin, aber was bringt das? Polizeiaufrüstung, sonst nichts. Und was sollte daraus folgen, wenn die Betroffenen keine Forderungen formulieren können? Sie wären dann immer noch auf Machthaber angewiesen, die dann gefälligst in ihrem Sinne handeln sollen. Es würde vielleicht funktionieren, wenn sie ökonomisch fürs System nicht überflüssig wären. Da sie es aber sind, braucht man nicht ernsthaft auf sie einzugehen.

Monoma,
stimmt schon, man sollte das Buch lesen. Aber es ist mein Eindruck, den ich aus ein bisschen Beschäftigung damit gewonnen habe. Wo kämen wir hin, kritisierten wir nur das, was wir kennen? ;-)
monoma - 14. Nov, 17:25

@genova

"Aber es ist mein Eindruck, den ich aus ein bisschen Beschäftigung damit gewonnen habe."

nochmal: der eindruck ist schlicht falsch, weil das im buch skizzierte kommunenprojekt keinesfalls die weltflucht als ziel hat. und als voraussetzung für eine diskussion darum ist dein eindruck deshalb nicht nur völlig ungeeignet, sondern einfach als vorgehensweise ärgerlich. gehst du bei anderen themen eigentlich auch so mit deren grundlagen um?
monoma - 13. Nov, 04:01

noch ne rezension

der vollständigkeit halber, diesmal vom "deutschlandradio kultur"

(...) "Die Kampfschrift trifft offenbar einen Nerv. "Der kommende Aufstand" hat bereits neue Kreise für linke Debatten erschlossen, die sich bislang nur wenig dafür interessiert haben. Sie verbindet ein großes Unwohlsein mit den herrschenden Verhältnissen. Das Buch bringt dieses Gefühl auf den Punkt und zeigt einen krachenden Ausweg, indem die Menschen dem System mit absoluter Verweigerung begegnen sollen." (...)

ich bin übrigens sehr gespannt, wie hierzulande eine mögliche reaktion seitens der üblichen - staatlichen, behördlichen, parteiapparatlichen - verdächtigen ausfällt, falls ihnen jetzt so langsam auffallen sollte, das sich dieser text gerade verbreitet. ich sag´s mal so: wenn sie sehr dumm sind, verbieten sie´s ... ;-)

genova (Gast) - 13. Nov, 13:47

Das mit der totalen Verweigerung hat doch noch nie funktioniert. Das kommt mir vor wie die Nach68er, die in Kommunen aufs Land zogen und Selbstversorgung betreiben wollten, bis sie merkten, wie viel Arbeit das ist. Das wird die Mehrheitsgesellschaft in keinster Weise interessieren. Und Stromklau und andere Sabotage ist ja gut und schön, aber das ändert nix, außer dass die Stromkonzerne die Preise für die anderen noch ein bisschen anheben, um die Verluste auszugleichen.

Sorry, aber was ich bis jetzt über das Buch gehört habe, halte ich das für pubertär. Oder für einen Diskussionsbeitrag, aber nicht mehr. Raus aus den Städten, zurück aufs Land. Wandervögel oder was?
monoma - 13. Nov, 18:23

@genova

vielleicht solltest du es einfach mal lesen - dann würdest du nämlich feststellen können, dass es da um etwas ziemlich anderes geht, allerdings zwangsläufig mit offenen enden. es ist sehr wohl nötig und legitim, den text zu kritisieren, aber nicht mit irgendwelchen aufgeschnappten brocken aus zweiter hand.

btw: als totale verweigerung - ich hatte das früher hier mal in einem anderen kontext als "totale aufkündigung der loyalität" beschrieben - ist hier nach meinem verständnis eher eine innere einstellung, meinetwegen auch haltung gemeint. und das ist auch für stadtbewohner möglich.
Wednesday - 13. Nov, 18:58

> Das wird die Mehrheitsgesellschaft in keinster Weise interessieren.

Ähnliches schlich mir auch durch den Kopf.

Mit Rebellen zu sympathisieren ist einfach; dahinter eine keimende Revolution sehen zu wollen, ist sehr gewagt. Im Wendland und in Stuttgart demonstrieren keine Hungernden und Frierenden, und diejenigen, die demonstrieren, machen das nicht, um gegen Hunger und Vertreibung anzugehen, oder gegen die unaufhaltsam weiterschreitende Verteuerung des Gesundheitswesens, oder die Verladung von Giftmüll ins arme Nicht-Europa.

Von der europäischen Mehrheitsgesellschaft, die sich vor allem um geschniegelte Vorgärten kümmert und in Kopftüchern die eigentliche Gefahr für die europäische, naja: Demokratie und Kaufkraft halluziniert, erwarte ich keinen Umsturz - ausser den faschistischen. Unsere, also Europas, Keller sind ja weiterhin voller Toter, alter wie neuer.

W.
Wednesday - 13. Nov, 19:13

> vielleicht solltest du es einfach mal lesen

Sie sahen hier den zarten Beginn und das abrupte Ende einer Diskussion.

;-)
genova (Gast) - 13. Nov, 19:21

ganz schön kompliziert hier. Mein Kommentar steht an der falschen Stelle.
Wednesday - 13. Nov, 21:03

> Mein Kommentar steht an der falschen Stelle.

Passt. Ich erinnere mich, wie oft die konservative Medienlandschaft Klein, Negri etc. lobend erwähnt hat. Naja, Lob von der falschen Seite kann neutralisierend wirken. Und dabei halten ich Negris oder Kleins Werke weder für bahnbrechend noch gar die Revolution vorbereitend; schließlich haben die Genannten reformistische Bewegungen wie Attac beeinflusst. Bücher von Jutta Ditfurth oder Ebermann/Trampert hingegen hab ich noch nie in einer SZ oder FR erwähnt gesehen, sind wahrscheinlich doch zu radikal.

Wahrscheinlich kann sich trotzdem kaum wer weder das Ende der Herrschaft noch die Welt ohne Marktwirtschaft vorstellen. Ich kann das nicht übelnehmen, denn das Andere ist schwer vermittelbar, auch wenn ich meine, es mir selber wohle vorstellen zu können (ist aber eine Selbstlüge). Ein Ergebnis aus der Theorie ist, daß sie nicht ausreicht, um das befreite Leben zu beginnen; und in der Praxis bringt es nichts, wenn sich da und dort Nischen bilden.

Man kann vielleicht ein wenig hoffen, daß Erfahrungen kumulieren und zu irgendwas führen, so weltgeistmutationsmässig; aber wenn der Kapitalismus zB in China und Indien nun erst zur Höchstform aufläuft, wenn die Menschheit total lohnarbeitsgeimpft und konsumistisch ist, und wenn es immer mehr unbewohnbar gemachte Landschaft gibt, weiß ich auch nicht, wozu.

W.
sansculotte - 13. Nov, 21:39

Ich fürchte fast

die Revolution ist bis auf weiteres abgesagt. Warum? Weil es bequemer ist, sich in einem bestehenden Werkel einzurichten, als "das Andere" zu gestalten.

Wissen wir überhaupt, was "das Andere" ist? Wie es beschaffen sein, wie es funktionieren soll?

Die bloße Negation führt stets zu noch mehr des Schlimmen. Die planlose französische Revolution hat einen König getötet und einen Kaiser installiert. Die unausgegorene und überworfene russische Revolution hat Massenmörder und Diktatoren hervorgebracht. Keiner dieser Revolutionen ist es gelungen, an der Basis des Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells zu rütteln.

Macht euch Gedanken, Leute, wie die postrevolutionäre Gesellschaft aussehen müsste. Wie soll das neue Gesellschafts- und Wirtschaftssystem beschaffen sein? Da muss man schon an Verhältnisse gehen, die allen selbstverständlich erscheinen: privater Bodenbesitz, Eigentum, Zinsgeld, Geldschöpfung, Schuldverhältnisse. Macht euch firm über Umlaufgeld, Bodenreformen, Zinsverbot und Demurrage, Freiwirtschaft, Jubeljahr, und zwar über alle ideologischen Animositäten hinweg, alles muss von Grund auf in Frage gestellt, neu überdacht, konzipiert, geplant werden. Die Interessenvertreter der alten Ordnung müssen identifiziert und benamst werden und zwar ohne Denkverbote, denn von dort droht schlimmste Repression. Das Beharrungsvermögen und die Machtmittel der alten Ordnung müssen einer realistischen Analyse unterzogen werden, und ich denke, hier sieht es angesichts des fortgeschrittenen Waffenstandes des modernen militärisch-technischen Komplexes (wir sind weit, weit über die konventionelle Waffentechnik hinaus!) denkbar schlecht aus.

Kritk allein ist zuwenig.

2cents, s
Wednesday - 13. Nov, 22:35

"Fast Furcht", ha ha ha!
sansculotte - 13. Nov, 22:51

ist in wien ein gängiger ausdruck. hierorts fürchtet man nie ganz oder gar nicht, sondern immer fast, halbwegs, ein wenig, ein bissel - das hat den vorteil, dass man sich nicht eindeutig festgelegt hat, was mitunter sehr entspannend sein kann und die Beichte erspart ;-)
genova (Gast) - 15. Nov, 11:37

Monoma:

Monoma,

ärgerlich? Was ich da oben geschrieben habe, steht für sich, daran ist nix ärgerlich. Und wenn dieses Buch permanent falsch rezensiert wird, dann ist es offenbar scheiße geschrieben. Was steht denn drin, teile es uns doch einfach mal mit! Sarrazin hat übrigens auch so argumentiert: Wer sein Buch nicht komplett gelesen hat, darf nicht darüber reden.

(Davon abgesehen: Hier zu posten, ist ein Abenteuer. Wo erscheint der Kommentar? Wie antworten? Das ist ja eine vorsintflutliche Software.)
monoma - 15. Nov, 14:02

geht´s noch?

genova, das ist eine absolut abstruse nummer, die du hier abziehst:

- du kommst an und behauptest über einen text, den du ja nach eigener aussage nicht gelesen hast, einfach mal irgendwas ins blaue hinein - deine "eindrücke", die du was weiß ich wo aufgeschnappt hast ("wandervogel, stadtflucht, aussteiger").

- ich erzähle dir, dass das im großen und ganzen blödsinn ist, was du behauptest (und das ist es tatsächlich, ganz unabhängig davon, wie ich selbst den inhalt bewerte - aber das von dir behauptete lässt sich selbst bei grundsätzlich ablehnender haltung nicht aus dem text herauslesen).

- du bleibst aber offensichtlich bei deiner meinung ohne jede reale grundlage und verlangst jetzt noch, dass ich dir eine zusammenfassung präsentiere - wtf?

- wer rezensiert das buch "permanent falsch"? bisher habe ich nirgendwo etwas gefunden, was deinen fiktionen auch nur ansatzweise nahekam.

- und was ist das für ein blödsinniger vergleich mit sarrazin? dessen zentrale "thesen" wurden auszugsweise an vielen stellen veröffentlicht, zudem war aufgrund seiner vorherigen "karriere" schon deutlich absehbar, worauf er eigentlich hinauswill.

ich komme dann demnächst mal zu dir rüber, behaupte einfach mal irgendwas über ein buch, welches ich garantiert nicht gelesen habe, und betrachte das dann als diskussionsbeitrag - weil das ja schließlich "für sich steht".

manmanman!

ps: kommentare werden hier in einzelnen threads gezeigt, d.h. unter jedem ausgangskommentar steht "antworten", und das ist auch der richtige platz dafür, um auf einen folgekommentar zu antworten.

pps: falls du weiterhin versuchst, auf einer absolut nicht bzw. nur vom hörensagen aufgeschnappten grundlage hier den text zu diskutieren, werde ich das schlicht und einfach ignorieren. der grund dafür sollte deutlich sein.
genova (Gast) - 15. Nov, 16:06

Und wo ist jetzt hier der Ausgangskommentar?

Das ist doch alles extrem unübersichtlich hier. Bei jeder vernünftigen Software steht unter dem letzten Kommentar irgendwas von antworten. Egal.

Monoma,
ich habe die Rezensionen in der FAZ und in der SZ gelesen, die gingen beide in diese Richtung. Der Auszug, den du oben vom Deutschlandradio präsentierst, geht in dieselbe Richtung. Totale Verweigerung. Ich erlaue mir in der Tat, aufgrund dieser drei Aussagen eine eigene Aussage zum Buch, ich halte mich da auch nicht für absolut, es ist ein Beitrag. Wenn du meinst, in dem Buch steht was ganz anderes, dann schreib es halt in einem Absatz hin. Das scheint dir allerdings schwerzufallen. Es ist schon eine Art Ausschluss aus einer Diskussion, was du hier betreibst.

Du kannst jederzeit rüberkommen und über ein Buch, über das du zwei Rezensionen gelesen hast, etwas behaupten. Ich bin nicht so schnell eingeschnappt.
monoma - 15. Nov, 16:41

dein problem...

"ich habe die Rezensionen in der FAZ und in der SZ gelesen, die gingen beide in diese Richtung. Der Auszug, den du oben vom Deutschlandradio präsentierst, geht in dieselbe Richtung. Totale Verweigerung."

... liegt unter anderem offensichtlich darin, dass du wild herum assoziierst - ich hatte weiter oben schon heschrieben, dass der ausdruck "totale verweigerung" auch für eine innere haltung steht, und so finde ich in ihn auch im text verwendet.

wo du das von dir gemeinte übrigens aus den erwähnten rezensionen herauslesen willst, bleibt mir ein rätsel - bzw. das kann nur dann zustande kommen, wenn du dich am gerade thematisierten begriff festklammerst und ihn eindimensional interpretierst.

dein demonstrierter starrsinn, auch nach der ersten eindeutig verneinenden antwort auf deine spekulationen trotzdem dabei zu bleiben, macht das ganze so unerfreulich. ich betrachte es übrigens keinesfalls als meine aufgabe, dir hier eine gebrauchsfertige rezension zu präsentieren, was bei diesem text auch gar nicht möglich wäre, weil er gerade im bereich des "was tun?" zwangsweise ergebnisoffen geschrieben ist und auf basis des kommunenkonzeptes nur anregungen liefert. und das finde ich nicht nur nachvollziehbar, sondern für so ein thema auch wünschenswert.

ansonsten scheint dir entgangen zu sein, dass ich bereits das gesamte erste kapitel - "erster kreis" - ausführlich dargestellt und kommentiert habe. und das werde ich mit dem rest ähnlich halten, und zwar dann, wenn´s mir passt. falls dein interesse am thema so groß ist, wie du es hier kund tust, verstehe ich eigentlich auch nicht, warum du das ganze teil nicht selber liest.

und noch was: wer auf einen text, den er selbst gar nicht gelesen hat, mit wertungen wie "pubertär" und "scheiße geschrieben" reagiert, der muss nicht mehr "ausgeschlossen" werden, sondern schafft das völlig alleine. von daher darfst du deine projektionen auch selbst behalten.
Wednesday - 15. Nov, 17:11

Ein im Sterben liegendes Gebilde opfert sich als Inhalt, um als Form zu überleben

> dass du wild herum assoziierst

Aber hallo! Du hast das doch unter "Assoziationen" veröffentlicht. ;-)

Ein wenig zum Text: er ist wie ein laaanger Werbeslogan geschrieben, nicht wie eine Analyse, trotzdem merkt man beim Lesen eine Art Aufguss von zahlreichen Wildcat-Artikeln und ähnlichen Publikationen, die man hier kennt. Das macht ihn einerseits leicht leserlich, andererseits kann man ihn deswegen tatsächlich etwas albern und pathetisch finden. Und natürlich auch gut: die freundlichen Rezensionen sind nicht zuletzt sicherlich der eingängigen Sprache geschuldet.
Und ja, daß ausgerechnet ein israelischer Offizier als Feindbeispiel zitiert wird (warum nicht ein birmanesischer), macht mir das Ganze schlagartig unsymphatisch.
Zum Inhalt will ich mich nicht weiter äussern, es ist mir zu mühselig.

P.S.: Viell. kannst Du eine Einstellung ändern - wenn man zu lange an einer Antwort bastelt, wird man abgemeldet; dabei kann der geschriebene Text verloren gehen.
genova (Gast) - 15. Nov, 17:23

monoma

da dir die FAZ-Rezension ja ganz gut gefällt: Minkmar sagt dort nichts darüber, was die Verfasser eigentlich wollen außer Sabotage. Attac ist schon zu konsensorientiert. Die bisherigen Organisationen, die Linken, werden komplett abgelehnt, schreibt Minkmar. Das halte ich in der Tat für pubertär. Und da dir ja der letzte Absatz aus der FAZ am Herzen liegt, bin ich schon gespannt auf die Antwort. Da werden ja mal flott irakische Verhältnisse angedeutet.

Was anderes als die totale Verweigerung finde ich nicht. Aus der soll dann wohl irgendwie was anderes entstehen, da kommt dann wieder das Irak-Argument.

Ich lasse mich ja gerne überzeugen, dass in dem Buch mehr steckt, aber es ist mühsam, wenn mir hier gleich wilde Vorwürfe um die Ohren gehauen werden, nur weil ich das Werk nicht als die neue heilige Schrift begreife.

Diese Themen der totalen Verweigerung sind ja en vogue, da das System alles umfasst, muss man sich halt vollständig aus seiner Verklammerung lösen. Da ist was dran. Aber als Handlungsanleitung ist das eben was anderes als ein Roman von Houellebecq. Mein Verdacht ist da eher, dass das in der Praxis so laufen wird, dass die Überflüssigen erst recht ausgeschlossen werden und die Glorifizierung der Favelas in genau ebensolchen endet.
monoma - 15. Nov, 17:33

@w-day

Aber hallo! Du hast das doch unter "Assoziationen" veröffentlicht. ;-)

ja, aber nicht unter "völlig freie assoziationen ohne grundlage zum besprochenen thema"...

zum israelischen offizier: ich glaube, dass es sich dabei primär um ein geeignetes beispiel für die gemeinte "urbanen" neuen arten der aufstandsbekämpfung handelt (die mauerdurchbrüche etc.), und würde dahinter nicht unbedingt sofort antisemitische ressentiments vermuten - auch, wenn die in der französischen linken durchaus verbreitet zu sein scheinen.

ich fand ja eher die stelle im älteren vorwort von 2007 völlig daneben, wo ohne jede ironie und hochkommata von "rasse" die rede war.

zum ps: da kann ich nix dran machen, aber ich denke, du musst auf der anmeldeseite ein häkchen bei "angemeldet bleiben" setzen.
monoma - 15. Nov, 17:59

@genova

"Minkmar sagt dort nichts darüber, was die Verfasser eigentlich wollen außer Sabotage. Attac ist schon zu konsensorientiert. Die bisherigen Organisationen, die Linken, werden komplett abgelehnt, schreibt Minkmar. Das halte ich in der Tat für pubertär."

ich vermute, hätte minkmar das ausführlicher gemacht, wäre er u.u. inzwischen mindestens seinen job los...

aber das, was du da schreibst, ist eben auch ein treffendes beispiel für die wilden assoziationen deinerseits. der text hat eine bestimmte und konsequent beibehaltene logik, innerhalb derer die scharfe distanzierung nicht nur von allen organisationen, sondern auch von den sog. kulturellen, politischen (auch linken bis linksradikalen) und sonstigen informellen milieus durchaus sinn macht (ohne das ich mir diese logik zu eigen machen müsste) und wenigstens ansatzweise auch begründet wird - deshalb auch der positive bezug auf die "sprachlose" revolte in den banlieus.

und es ist weder eine "heilige schrift" (das würde am meisten den intentionen des "unsichtbaren komitees" selbst zuwiderlaufen, würde ich behaupten) noch eine handlungsanweisung in der art eines kochbuches.

es ist einfach ein versuch, aus einer recht exzentrischen ("situationistisch" trifft es nur teilweise, finde ich) perspektive zunächst eine an vielen punkten pointierte gegenwartsanalyse zu liefern, um dann im letzten drittel eine art skizzenhaften rahmen eines möglichen (aus-)weges zu zeichen - und dabei gilt "der weg ist das ziel". und innerhalb dieser skizze wird - und darauf zielen bisher alle mir bekannten rezensionen besonders ab - auch in einem kleinen teil auf fragen der sabotage und bewaffnung eingegangen.

minkmar könnte zu seinen letzten bemerkungen in seinem artikel im übrigen auch durch das vorwort der deutschen übersetzerInnen inspiriert worden sein, weil die in anderen worten genau den gleichen einwand erheben - und das ist ein problem, welches ich auch sehe und selbst nochmal genauer aufgreifen werde: wenn unter den heutigen umständen die staatliche macht zerfällt, stößt - im ganz allgemeinen sinne verstanden - die mafia ins vakuum.

letzteres halte ich für eine reale gefahr, nur bleibt nichts anderes übrig, als sich damit zu beschäftigen. um die konfrontation mit der mafia (als synonym) kommt sowieso keine emanzipative bewegung herum. der text formuliert in der hinsicht übrigens keinesfalls etwas neues, aber schafft es immerhin deutlicher, genau dieses problem ins licht zu holen.
Wednesday - 15. Nov, 18:11

> mauerdurchbrüche etc.

Da kann ich auch die moderne Städtebaupolitik nehmen, es gibt einfachere Beispiele als das Sprengen von Decken und Mauern, zB das Abdrängen Einkommensschwacher in eigene, eindeutig dem Verfall anheimgegebene Bezirke, die sich ggf. gut einkesseln lassen; die funktionale Gestaltung von Plätzen, auf denen man sich versammeln könnte: um diese herum werden Einkaufszentren, "Kulturzentren" und Shoppingzeilen aufgestellt, keine Wohnhäuser, denn das würde zu leicht, naja, Material beherbergen lassen; Kameraüberwachung undundund.

Vielleicht träumt die (französische?) Linke noch zu intensiv von Barrikadenkämpfen. Im Text jedenfalls wird unverblümt und fast andächtig Ästhetik und Wirksamkeit von Feuer beschworen. Mit Feuer und Flamme wird sich aber keine hochgerüstete Regierung der Welt stürzen lassen. Hm... was tun?
monoma - 15. Nov, 18:31

auf s. 36...

...der pdf-version:

Ein Offizier der israelischen Verteidigungskräfte mit einem Diplom in Philosophie erklärt: »Der Feind interpretiert den Raum in klassischer und traditioneller Weise und ich weigere mich, seiner Interpretation zu folgen und in seine Fallen zu tappen. […] Ich will ihn überraschen! Hierin liegt die Essenz des Krieges. Ich muss gewinnen. […] Deshalb habe ich mir die Methode ausgesucht, die mich die Mauern durchqueren lässt... Wie ein Wurm, der sich fortbewegt, indem er alles, was er auf dem Weg findet, frisst.«

ich finde das ein durchaus interessantes zitat, welches ich als beispiel für den umgang mit der kategorie "raum" innerhalb eines krieges in einer "urbanen landschaft" vermutlich ebenfalls nutzen würde, wenn ich mir denn ausfährlicher darüber gedanken machen würde. klar ist das ein extrembeispiel; andererseits sind die funktionen von breiten (zu breit für schnellen barrikadenbau) boulevards und alleen in den europäischen metropolen jetzt in vielerlei hinsicht auch schon wieder historisch - das ist noch architektonische couterinsurgency aus dem 19. jahrhundert.

zum anderen: wenn so etwas wie die pariser commune (von der franz. revolution ganz zu schweigen) hierzulande stattgefunden hätte, wäre es nicht zumindest nachvollziehbar, dass wir dann einen ganz anderen bezug zu parolen wie zb. "auf die barrikaden! brennt das rathaus nieder!" hätten? einen, der auch emotional sehr anders aufgeladen wäre?
Wednesday - 15. Nov, 18:43

> ganz anderen bezug zu parolen wie zb. "auf die barrikaden! brennt
> das rathaus nieder!" hätten? einen, der auch emotional sehr anders
> aufgeladen wäre?

Hm, dann dürfte ja im Zusammenhang mit Revolution nur in Frankreich das Feuer eine solche Bedeutung haben. Hat es aber nicht, oder? Rot wabert das Feuer jeder Revolution, wie die Fahne und das Blut; "Feuer und Flamme" geistert auch hier herum, Feuer überhaupt ist soweit ich weiß ein starkes Mittel Aufständischer gewesen, bevor die Städte immer steinerner wurden und die Feuerwehr effektiver. Feuer hat anscheinend stets und überall eine ganz besondere Faszination ausgeübt; Feuer hat leider auch religiös-esoterische Momente. Feuer zerstört gründlich und ist ausserordentlich schmerzhaft; mir ist es als Waffe sehr zuwider. Ich mag auch die damit verbundenen Metaphern und Assoziationen nicht sonderlich.

In der BRD bringe ich große Feuer allerdings unweigerlich mit der Reichspogromnacht zusammen. Das kann ein Grund sein, daß hier die Aufladung eine andere ist.
Wednesday - 16. Nov, 10:19

"Die seit Jahrtausenden geübte Praxis der monetären Steuerung von Individuen und Gesellschaften funktioniert nicht mehr."
sansculotte - 16. Nov, 13:01

Genau.

Das meinte ich.

"Die seit Jahrtausenden geübte Praxis der monetären Steuerung von Individuen und Gesellschaften funktioniert nicht mehr."

Und vielleicht noch einmal der Hinweis hierauf.

Wobei Hörmann die Eigentumsverhältnisse in der Geldschöpfung weiterhin ausblendet. Aber guter Ansatz. :-)
monoma - 21. Nov, 18:14

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Herr Liebreiz (Gast) - 25. Dez, 14:15

Zitat: "nochmal: der eindruck ist schlicht falsch, weil das im buch skizzierte kommunenprojekt keinesfalls die weltflucht als ziel hat. und als voraussetzung für eine diskussion darum ist dein eindruck deshalb nicht nur völlig ungeeignet, sondern einfach als vorgehensweise ärgerlich. gehst du bei anderen themen eigentlich auch so mit deren grundlagen um?"

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen. Ich sehe es anders als jener, die die hier zitierten Zeilen trafen. Mich bewegt hier vielmehr der Wille zum Ausschluss von Meinung bzw. Eindruck. Gerade an diesen Stellen sollte man sich konstruktiv auseinandersetzen.

monoma - 25. Dez, 15:13

ausschluß?

vielleicht stehe ich ja etwas auf dem schlauch, aber eine konstruktive auseinandersetzung zu einem text (aus einem spektrum und mit intentionen, welche ich zumindest teilweise positiv sehe) kann für mich nur sinn machen auf der grundlage eben dieses textes. und nicht auf der grundlage von eindrücken o.ä., die wiederum aus aufgeschnapptem aus zweiter hand resultieren. ausschließen würde ich dann, wenn ich eine inhaltlich (!) bezogene aussage mit hand und fuß einfach ignorieren oder unterdrücken würde. aber darum geht´s in diesem fall gerade nicht.

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