notiz: "keine atempause, geschichte wird gemacht..."

heute nur kurz - was in ägypten heute bis zur stunde los ist, lässt sich an vielen stellen medial nachvollziehen. wenn man die summe der berichte zieht, ist das absolut beeindruckend: geschätzt zwischen fünf und acht millionen menschen waren heute in allen großen und kleineren städten des landes auf den straßen. mubaraks tage sind so oder so hinüber, aber ich habe den eindruck, dass meine vermutung von gestern sich immer mehr zur realität manifestiert. was glaubt der mann? und was will er? wenn er jetzt geht, könnte er vermutlich - ausdrücklich: leider - unter der protektion seiner "elitären" kumpane sein zusammengeplündertes vermögen verjubeln. der ganze clan hat laut berichten ca. 40 milliarden dollar in seiner herrschaftszeit zusammengerafft. aber so wie es aussieht, wird er bis zu seinem bitteren - und wieder ausdrücklich: hochverdientem - ende in seinem palast ausharren. wenn´s denn gefällt, bitte sehr. dürfte auch jede menge menschen in ägypten geben, die sich darüber freuen werden, wenn er erreichbar bleibt... puppen mit seinem konterfei baumelten heute jedenfalls schon mal von allerlei masten in kairo.

*

der fast greifbare erste erfolg - absetzung des diktators - des ägyptischen aufstands erschüttert erwartungsgemäß die region - momentan noch ziemlich unter gehen zwei meldungen, deren brisanz sich in kürze zeigen wird - die
nächsten kandidaten aus dem kleinen finsteren freundeskreis von ben ali und mubarak dürfen sich langsam auch schon mal gedanken über ihre zukunft machen:

(...) "Im Nachbarland Syrien gibt es für Freitag und Samstag Aufrufe zu Protesten gegen Unterdrückung und Korruption. Diese sollten auch Ausdruck der Unterstützung für das ägyptische Volk sein, hieß es auf von Oppositionsgruppen betriebenen Internetseiten. Syriens Präsident Baschar al-Assad erklärte per Interview, er wolle mehr politische Reformen in seinem Land. Der Herrscher stützt sich auf die allmächtige Baath-Partei und das Militär. Seit 1963 gilt in Syrien - ähnlich wie seit fast 30 Jahren in Ägypten - ein permanenter Ausnahmezustand. Menschenrechtler beklagen willkürliche Verhaftungen und Folter.

In Algerien kündigten mehrere Gewerkschaften für die kommenden Tage große Streiks an." (...)


ein funke wird zum steppenbrand.

*

edit: als nachtrag gehören unbedingt die folgenden
informationen dazu - in algerien ist es heute schon zu größeren aktionen gekommen:

(...) "Gegen das herrschende System und die sozialen Missstände formierte sich am Dienstag in Algerien breiter Widerstand. Knapp 90.000 Krankenpfleger sowie Beschäftigte aus dem Bildungssektor streikten. (...)

In Tizi Ouzou östlich der Hauptstadt Algier gingen nach Augenzeugenberichten mehrere tausend Studenten und Schüler auf die Straße, um für bessere Studienbedingungen und gegen die autoritäre Herrschaft von Präsident Abdelaziz Bouteflika zu protestieren. Die Demonstranten wurden von zahlreichen Bürgern unterstützt. Organisatoren der Proteste sprachen von 15.000 Teilnehmern.

Am Montag hatten wieder junge Arbeitslose mit Selbstverletzungen auf ihre Perspektivlosigkeit aufmerksam gemacht. Drei Männer im Alter zwischen 27 und 33 Jahren schlitzten sich mit Rasierklingen die Haut auf. Etliche andere Algerier hatten zuvor mit öffentlichen Selbstverbrennungen für Schlagzeilen gesorgt. Zu den jüngsten Fällen gehörte der eines Wachmanns einer Entwicklungsbank. Er versuchte, sich aus Verzweiflung über seine Situation zusammen mit seiner schwerbehinderten zehnjährigen Tochter anzuzünden. Alle Bankmitarbeiter traten daraufhin aus Solidarität in den Streik.

Für den 12. Februar haben Anhänger der Opposition zu einer Demonstration in Algier für einen Sturz des Systems und für ein Ende des seit 1992 geltenden Ausnahmezustands aufgerufen." (...)
demon driver - 1. Feb, 22:54

Was sind die Perspektiven?

Nur mal so zwischendurch gefragt – ohne der Freude über das nahende Ende jetzt schon des zweiten autoritären Regimes in kurzer Zeit, die erwartbaren Verbesserungen zumindest der immateriellen Existenzbedingungen der Bevölkerungen dort und die Hoffnung auf eine Ausweitung auf weitere Länder in irgendeiner Weise die Berechtigung absprechen zu wollen –, weil ich dann aber doch die Euphorie darüber nicht nachvollziehen kann:

Was genau bleibt nach erfolgreicher Absetzung der bisherigen Machthaber als Perspektive für Tunesien, für Ägypten, vielleicht für weitere Länder?

Gibt es auch nur den geringsten Hinweis darauf, dass dort etwas erheblich Besseres entstehen könnte oder auch nur von kritischen Bevölkerungsmassen gewollt wäre, als es in kapitalistischen "Demokratien" wie beispielsweise Deutschland bereits herrscht, also das, wovon hier wiederum wir – das aber nur als eine verschwindend kleine Minderheit – so überzeugt sind, dass es überwunden gehört, wie aktuell die Revoltierenden dort im Hinblick auf ihre Diktaturen?

Gibt es auch nur den geringsten Hinweis auf eine Chance für wirkliche, breite Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen in Tunesien und Ägypten, die, solange die Welt so funktioniert, wie sie es tut, doch nur von einer gesteigerten, erfolgreicheren volkswirtschaftlichen Profitproduktion herrühren könnte?

Ich meine: nein, den gibt es nicht.

mo (Gast) - 2. Feb, 00:06

"stöhn"

relativ kurz, weil ich bald ins bett muss:

ich finde diese einwände auf eine gewisse art und weise sehr "deutsch", und vor allem bilden sie ein geschlossenes system in sich ab, welches an selffulfillig prophecies erinnert.

natürlich ist bzw. wird jetzt nicht alles friede-freude-eierkuchen in den ländern, bloß vergisst du ein paar - aus mener sicht durchaus wesentliche - sachen:

1. wie gestern abend schon angesprochen, sind die erfahrungen, die jetzt millionen machen, unschätzbar - kollektives handeln, der verlust ganz elementarer ängste und die - in vielen fällen erstmalige - findung der eigenen stimme, der ausdruck der eigenen gedanken bilden überhaupt erst mal die basis für alle weiteren möglichkeiten ab. solche erfahrungen nach jahrzehnten der inneren und äußeren erstickung sind nicht mehr aus der welt zu schaffen. und alleine deswegen "lohnt" sich ein aufstand in diesen dimensionen schon.

2. deine rede findet aus einer privilegierten position statt - in einem land mit allgegenwärtiger polizei und geheimdienst, mit alltäglicher folter und täglichen lügen geht es primär erst mal darum, diese zustände schleunigst zu beenden. erst dann können überhaupt gedanken (!) ans danach entstehen. ich betrachte das schlicht als notwehrsituation, und ich finde es anmaßend, darüber von einer abstrakten warte aus, und dann noch mit - anders kann ich das nicht sehen - so etwas wie "effizienzkriterien" darüber zu urteilen (das ist übrigens in anderer form auch etwas, was mich sehr an deiner und auch w-days reaktion zum "kommenden aufstand" ärgert, aber dazu ein andermal.)

3. es wird - und dein unbehagen angesichts dieser tatsache finde ich offensichtlich - in dieser welt niemals einen masterplan für eine "rationale" umwälzung geben können. ich denke, das ich das nicht groß begründen muss. revolution oder auch schon ein "nur" ernsthafter aufstand heisst und hieß schon immer, sich auf einen riskanten, offenen (!) prozeß einzulassen (an dieser tatsache sind imo letztlich auch die bolschewiken gescheitert), in dessem verlauf die eigene persönlichkeit, die eigenen wahrnehmungen und überhaupt das ganze eigene bisherige leben bestenfalls in jeder hinsicht auf den prüfstand kommt, durchgewälzt wird und auch ein stückchen gnadenlos bewertet wird. und nicht vergessen, dass es sich immer auch zwangsläufig um hoch emotionale prozesse handelt - jahre und jahrzehnte der akkumulierten demütigungen, schmerzen, erwungenen und "freiwilligen" unterwerfungen bis hin zu ausgewachsenen traumata lassen sich nicht per purer intellektualität unterbuttern. aus diesem letzteren grund sehe ich auch die notwendigkeit, mit alten "eliten" wirklich öffentlich abzurechnen.

4. natürlich sind die heutigen probleme nicht mehr alleine in einem land, egal welchen, zu lösen, und ebenfalls sehe ich noch nötige, aber bisher fast nicht stattgefundene wahrnehmungsprozesse begl. der nicht mehr stattfinden werdenden zukunft des westlich modells einer technologischen, konsumierenden "zivilisation". aber was jetzt gerade passiert, schafft überhaupt erst eine mögliche (!) basis für solche prozesse. und das, neben den weiter oben angeführten puren notwendigkeiten von sofortigen veränderungen, reicht mir völlig aus, um die aufstände eindeutig zu begrüßen. auch zu diesem punkt ein anderes mal mehr.

vielleicht dazu noch ein interessantes zitat aus einer rumänischen zeitung, welches ungefähr in die gleich richtung geht, die ich meine:

"Afrika brennt. Die Revolution hat begonnen. Die Menschen gehen auf die Straße, weil die Lebensmittelpreise explodiert sind. Sie wollen Freiheit, ein besseres Leben. Das heißt: dasselbe, wofür wir vor 20 Jahren gekämpft haben. Damit wir wie im Westen leben, damit wir all das haben, was die Menschen im Westen haben. Bekommen haben wir die Illusion eines besseren Lebens, in Form von Mobiltelefonen, Farbfernsehern mit 110 Programmen und Häusern, für die auch unsere Kinder werden bezahlen müssen. Wir haben alles, aber auf Pump. (...) Man schreit uns in die Ohren, dass wir frei seien. Aber eigentlich sind wir mit Ketten an den Füßen geboren worden. Wir sind die Sklaven der Mächtigen, derjenigen, die geben."

diese letztgenannte, dämmernde einsicht - die vielleicht auch schon nur in solchen tagen wie jetzt entstehen kann - ist für mich ein letzter schlüssel, um eines nicht mehr allzu fernen tages tatsächlich zu etwas zu kommen, für das wir momentan noch keine worte haben können.
Wednesday - 2. Feb, 10:52

Skepsis als "typisch deutsch" zu definieren, ist echt sowas von fies und gemein.

Spaß beiseite, ich verstehe weder Deine Euphorie noch die Haltung von Leuten, die sich von Ihrem Urlaub am Roten Meer durch nichts abhalten lassen wollen. Ich verstehe auch nicht, warum Du eine so _aufrechte_ Haltung bewahrst und Leute anmaulst, die auf ihre Weise über die Revolten nachdenken. Ich verstehe auch nicht, warum Du Leuten, die der Exit! und konkret-Richtung nahestehen, Zitate wie og ("Afrika brennt") vor die Füße wirfst, als wüssten wir nicht, wohin die supi Marktwirtschaftsrevolutionen geführt hätten.

Abgesehen davon, Afrika brennt nicht. Es ist wieder typisch europäisch, den gesamten Kontinent einzubeziehen, dabei betreffen die Aufstände einige wenige Staaten desselben.

Wann eine Revolution begonnen hat, weiß man erst im Nachhinein. Betrifft die Französische genauso wie die russischen. Viele Änderungsprozesse der letzen 20 Jahre verdienen den Namen Revolution auch gar nicht.

Mir geht vor allem das Pathetische, zu dem Du neigst, schrecklich auf die Nerven. Auch von Freiheit singende Patriotinnen. Ich kann mich an die Lieder der schrecklichen Kroaten und Serben erinnern. Die wollten auch frei sein (Wovon? Ua von einer 2.000-prozentigen Inflation... hat hier niemanden interessiert), und deren Freiheit führte direkt in den Krieg. Daher solltest Du meine Skepsis vielleicht verstehen können.

Auch in Nordafrika wird die EU, die USA und China ihre Finger stecken und Bedingungen stellen. Ohne diese zu erfüllen, werden neue Regierungen nicht im Sinne der Bevölkerung handeln können. Das zu wissen, bedeutet nicht, daß man alles beim Alten lassen will. Sondern, daß man zu Recht befürchtet, daß weltpolitischer Zwang und äussere wirtschaftliche Interessen die aufständischen Menschen knechten werden, nur ein wenig anders als bisher.

Der Südsudan will zB seine Unabhängigkeit. Das kann ich begrüßen oder auch nicht, aber ich kann die Augen nicht davor verschliessen, daß es hier um Öl geht und die Interessen der Menschen zweitrangig sind. Sie sind es, nicht weil ich das so will oder so sehe, sondern weil der Mensch überall auf der Welt nichts wert ist und weggebombt wird, wenn er wirtschaftlichen Interessen Mächtigerer entgegensteht. Das Entsetzliche ist, daß der Mensch noch so viel Lebensfreude und Zuversicht haben kann, er wird unbarmherzig plattgemacht, wenn er im Weg steht, und nichts zeigt mir, daß es in absehbarer Zukunft anders ein wird. Diese Angst, das Mitgefühl und Zuneigung für den Menschen ist legitim und ich lasse mir die nicht nehmen.
demon driver - 2. Feb, 12:32

Differenzen

Mo, wenn wir hier über unsere unterschiedlichen Positionen zu reden versuchen, dann sollten wir vielleicht zuerst einmal nicht auch noch dort Differenzen konstruieren, wo wir gar keine haben.

Für mich ist die Tatsache, dass die ägyptische Bevölkerung gegen ihr autoritäres Regime aufsteht, zuerst einmal uneingeschränkt begrüßenswert. Auch wenn nicht alle Details dieses Aufstands begrüßenswert sind, wie etwa der zuletzt von Wednesday gepostete Video-Link belegt, und auch wenn ich die Perspektiven dieses Aufstands im Hinblick auf eine wirklich bessere Welt, auf eine Emanzipation des Menschen als fast nichtexistent ansehe, aber darauf komme ich nochmal zurück.

Damit erübrigt sich aber schon mal Dein Punkt 2, denn der unterstellt eine Ablehnung, die ich nicht gesagt und nicht gemeint habe.

Dass aber die "privilegierte Position" eines westlichen Beobachters eine Beurteilung der Entwicklung in Ägypten zu einer "Anmaßung" machte, also ich bitte Dich, das ist nur selbst eine groteske Anmaßung. Wäre das so, dürfte hier niemand mehr auch nur darüber reden, Du eingeschlossen. Und nicht nur über Ägypten. Da dürfte man hier über fast gar nichts mehr reden, was in der Welt passiert.

Im übrigen drückt der rumänische Artikel, von Wednesdays Einschränkungen abgesehen, eigentlich genau meine Bedenken aus.

Was die "Erfahrungen" mit dem "kollektiven Handeln" angeht - da verklärst Du, fürchte ich, etwas, was statt in eine emanzipatorische genausogut in eine ganz andere, etwa nationalistisch und rassistisch motivierte Richtung münden kann, auch dazu gibt Wednesdays letzter Link einen Hinweis. Da muss man erst einmal abwarten, was sich in Ägypten noch entwickelt, bevor man in uneingeschränkte Jubelchöre einstimmt, denke ich - zumal die von mir ja schon angedeuteten globalökonomischen Rahmenbedigungen etwas anderes als eine nationalistische Wirtschaftspolitik gar nicht zulassen.

Und da sind wir dann auch bei Deinem eingangs erwähnten "geschlossenen System", das ich Dir jetzt mal freundlicherweise nicht als Pathologisierungsversuch ankreiden will. Aber es ist doch so, dass die Welt ein geschlossenes ökonomisches System *ist*, was Du in deinem Punkt 4 ja zumindest selbst ahnst. Dieses System setzt dem emanzipatorischen Potenzial von solchen zumal regional eng begrenzten Veränderungen, dem Potenzial für eine wirkliche Verbesserung der Lebensbedingungen, *objektive Grenzen*, gegen die keine "Erfahrungen" und kein "kollektives Handeln" irgendetwas entgegenzusetzen haben.

Dass sie das nicht begriffen haben, war übrigens schon im 19. Jahrhundert einer der Gründe dafür, dass prominente Anarchisten vom aufkommenden Marxismus zu Recht als naiv bezeichnet wurden.

Und wenn ich heute Aufrufe zu Aufständen höre ohne Ziel und Plan, weil es ja erstmal um den "Prozess" ginge und sich die Dinge ja im Aufstand quasi erst finden müssten, dann füge ich dem "naiv" auch noch ein "gefährlich" hinzu - gefährlich für die gesamten Bevölkerungen, nicht bloß für die herrschenden Klassen bzw. "Eliten", denn allen droht, wenn da nicht mehr ist als Aufstand um des Aufstands willen, ein schlimmeres Schicksal als vorher.
monoma - 2. Feb, 21:33

die meisten angschnittenen themen...

...bei euch oben werde ich u.a. in einem längeren beitrag aufgreifen, der schon seit einiger zeit mehr und mehr gestalt annimmt - bis dahin werde ich mir - obwohl´s mich durchaus juckt - alles verkneifen, was mir dazu einfällt.

aber ein punkt denn doch, wenn auch (zu) kurz:

"Und wenn ich heute Aufrufe zu Aufständen höre ohne Ziel und Plan, weil es ja erstmal um den "Prozess" ginge und sich die Dinge ja im Aufstand quasi erst finden müssten, dann füge ich dem "naiv" auch noch ein "gefährlich" hinzu - gefährlich für die gesamten Bevölkerungen, nicht bloß für die herrschenden Klassen bzw. "Eliten", denn allen droht, wenn da nicht mehr ist als Aufstand um des Aufstands willen, ein schlimmeres Schicksal als vorher."

definiere bitte mal "schlimmeres schicksal". an diesem punkt sehe ich tatsächlich eine qualitative diffrenz, denn ich bin durchaus der meinung, dass es historische situationen gibt, in denen mensch - und zwar ganz bewußt! - auf "objektive gegebenheiten", scheinbare unmöglichkeiten und besonders auf alle formen von effizienzdenken sch.... muss - und zwar aus einem grund, für den es ein altes und kaum noch gebräuchliches wort gibt, was allerdings das von mir gemeinte auch nur teilweise trifft: würde.

ja, es gibt momente, in denen es nur noch eine möglichkeit gibt, um nicht als mensch innerlich vernichtet zu werden - das klare markieren einer finalen grenze, ein deutliches und großes "nein". egal, mit welchen konsequenzen. das ist eine bestimmte haltung und einstellung, die ich sehr schätze und bewundere, und die meiner meinung nach überhaupt erst vieles von sog. sozialen fortschritten ermöglicht hat.

aber auch zu diesem punkt ein andermal mehr.
demon driver - 2. Feb, 22:53

Schlimmeres Schicksal

heißt schlechtere materielle und immaterielle Lebensbedingungen. Weniger zu essen, weniger Freiheiten, weniger Grund- und Menschenrechte. Vielleicht Geknechtetwerden in einer postkapitalistischen Warlordgesellschaft, oder vielleicht Verhungern in dem Versuch, eine kleine Region den globalen kapitalistischen Verwertungszwängen zu entziehen, der nicht möglich ist, ohne sich von dringend benötigten Gütern und Rohstoffen abzuschneiden. Nichts anderes ist von einem Aufstand zu erwarten, der nur um des Aufstands willen, ohne Ziel und Plan, ohne Sinn und Verstand stattfände. Meine "Würde" sähe ich im Ernstfall wohl eher darin gewahrt, einen solchen Aufstand, der wirklich ohne ein zumindest halbwegs durchdachtes, annehmbares Ablösungsmodell den (regionalen) Sturz des Systems und seiner Strukturen zum Ziel hätte, aktiv zu bekämpfen, als in seiner Unterstützung.
monoma - 2. Feb, 23:12

schlimmeres schicksal

ich habe ja in den letzten drei, vier beiträgen ein paar zitate dringehabt - zu den zuständen auf ägyptischen polizeiwachen, den selbstverbrennungen in algerien und anderswo etc. - ,bei denen ich mich frage, was da noch "schlimmer" werden soll? folter bis zum tod, suizid aufgrund augenscheinlich als unerträglich empfundener lebensbedingungen - also, falls diese argumente deinerseits gegen die aktuellen aufstände auch im süden gedacht sind, kann ich das schon mal nicht gelten lassen. danach wird´s dann komplexer: denn das, was nicht nur du, sondern auch viele andere linke - der trampert-artikel zum "aufstand" war auch so ein beispiel - hier immer wieder beschwören - die relative "freiheit" in den westlichen demokratiesimulationen, der relative wohlstand (zunehmend mehr und mehr für wenige), der relative "rechtsstaat" etc. - all das ist nicht nur mit berechtigung kritisierbar, sondern beruht eben in großen teilen auch auf den eingangs erwähnten zuständen - absolut erbärmlichen und widerwärtigen zuständen - in den meisten regionen des planeten.

(nebenbei: konsequent zueende gedacht, landet man bei der verteidigung all dieser westlichen "zivilisatorischen errungenschaften" dann bei so einem unerträglich reaktionären gesülz, wie es zb. die "bahamas" bis heute produziert. und das ist absolut kein zufall.)

die schlußfolgerungen aus dem obigen, die ich vorläufig ziehe, sind wiederum teil des angesprochenen zukünftigen beitrags.
demon driver - 3. Feb, 13:25

"falls diese argumente deinerseits"

Nein, ich bezog mich nicht auf Ägypten, und es ist mir reichlich schleierhaft, wie Du überhaupt nur die Möglichkeit in Erwägung ziehen kannst - erst recht nach meinem Hinweis auf die "Differenzen" ein bisschen weiter oben. Ich muss sagen, das macht die Auseinandersetzung mit Deinen großenteils ja doch beachtens- und zustimmenswerten Ausführungen in diesem Blog gerade zunehmend unerquicklich.

Was Deine Worte zu unserer westlichen "relativen Freiheit" usw. angeht und die Aussage, dass das Schicksal der Regionen, die nicht mal die haben, mit unserem hier ursächlich verknüpft ist, keine Frage, das ist natürlich so, und Du wirst kaum einen engagierteren Unterstützer dieser Feststellung finden als mich.

Aber auch in dieser Hinsicht frage ich mich, wie man denn glauben kann, ein plan- und zielloser Aufstand hier würde dort irgendetwas verbessern?

Und ich frage mich ernsthaft, was Du aus unserem langen bisherigen Kontakt für einen Eindruck von mir, meinen Haltungen und Überzeugungen mitgenommen hast und wie das passieren konnte, wenn Du heute glaubst, mich davon überzeugen zu müssen, dass die westlichen Zustände schon an sich "mit Berechtigung kritisierbar" seien.

Ich halte nur eine Umsturzlösung, die mangels Ziel und Plan erwartbar und mit Sicherheit schlechtere Lebenswirklichkeiten für alle zur Folge hätte, für keine geeignete Lösung. Zumal unter diesen zu erwartenden Lebenswirklichkeiten auch die "Würde" des Menschen noch ganz anders mit Füßen getreten würde als im Hier und Jetzt (dessen Ende mit ähnlichen Folgen, wenn sich gar nichts ändert, andererseits natürlich auch absehbar ist).
kranich05 - 4. Feb, 18:11

Ich glaube, daß niemand weit und breit "Ziel und Plan" hat.
Ich habe auch keinerlei Hoffnung, daß Ziel und Plan "ent-stehen".
Nichts werden sie sehen, wenn die Menschen nicht anfangen, sich (mittels Kopf und Beinen) zu bewegen. Dort haben Viele angefangen. Wie sie das gerade machen, nötigt mir Bewunderung ab.
Auch bei uns finden sich Menschen, die tatsächlich neu anfangen.

demon driver - 5. Feb, 20:11

Ich denke, man muss hier genau unterscheiden: auf der einen Seite Tunesien, Ägypten, und was noch nachfolgen mag, und auf der anderen Seite wir hier, ich nenn's mal "den Westen".

In Tunesien und Ägypten haben die, die dort rebellieren, durchaus Ziel und Plan: nämlich die Grund- und Menschenrechte und die Elementarfreiheiten des Westens zu bekommen. Das ist ein klar formuliertes und vergleichsweise leicht erreichbares Ziel, das man dort wohl im Wesentlichen auch erreichen wird.

Hier haben wir das schon, was man dort fordert.

An beiden Orten wird das auf lange Frist nicht reichen, hier wie dort scheitern wirkliche Rechte, wirkliche Freiheiten zunehmend nicht nur an der Verwertungslogik des herrschenden Wirtschaftssystems, sondern eben auch daran, dass diese Verwertungslogik es rein materiell immer weniger schafft, Gesamtbevölkerungen vernünftige Lebensbedingungen zu verschaffen.

Nun reicht es da aber doch nicht, einfach nur zu sagen, das ist scheiße (soweit ist es ja richtig!) – das schlagen wir kaputt, und alles weitere sehen wir "dann". "Dann", wenn die Strukturen tatsächlich zerschlagen wären, ohne eine konkrete Vorstellung für neue Strukturen zu haben, gäbe es nämlich plötzlich auch all das nicht mehr, was man in unseren Breiten seit langem zu Recht als Selbstverständlichkeit begreift, was tatsächlich aber nur solange funktioniert, solange auch die kapitalistischen Strukturen funktionieren. Das fängt nicht errst dabei an, weitgehend problemlos halbwegs vernünftige Nahrung zu bekommen, und hört noch nicht auf, wo man wegen einer läppischen Blinddarmentzündung nicht sterben möchte, sondern – ohne direkte Gegenleistung – operiert und dann auch schnell wieder gesund wird.

Es ist richtig, dass auch hier die Herrschenden immer nachdrücklicher darauf hingewiesen werden müssen, dass der Mensch Mindestansprüche hat, wozu auch das gehört, was Mo mit "Würde" auszudrücken versucht, was im Krisenverlauf des Kapitalismus immer weniger erfüllt wird.

Und wenn jetzt "Ziel und Plan" für eine bessere Organisation des globalen Zusammenlebens fehlen, dann muss doch das erste Ziel sein, sowas zu entwickeln, nicht vorher schon alles kaputtzuschlagen, um dann völlig im Regen zu stehen. Am Ende entmachtet man sich dadurch auch selbst. Denn nur solange man noch funktionierende Strukturen hat, solange hat man auch wirkliches Potenzial, sich zusammenzutun und zu vernetzen und vielleicht halt auch doch mal etwas zu entwickeln, was sowas wie "Ziel und Plan" sein könnte.

Mal ganz abgesehen davon, ob mit oder ohne "Ziel und Plan", dass eine Rebellion, hinter der nicht mal ein Promille der Bevölkerung steht, wirklich nur eines erreichen kann: die Handvoll Rebellen in den Knast zu bringen und damit deren revolutionäres Potenzial effektiv kaltzustellen.

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