basis: anmerkungen zur psychiatrie und ihren diagnosen

so. nehmen Sie sich zeit und entspannen Sie sich - es wird jetzt etwas kompliziert.

autismuskritik ist absicht dieses blogs - warum denn dieses? sind autistInnen nicht diese sprachlosen kinder, die ihren schädel ständig gegen die wand hämmern? oder jene liebenswert-exzentrischen asperger-autistInnen, die teils imponierende kognitive oder "kreative" fähigkeiten besitzen?

vergessen Sie solche und ähnliche klischees - es gibt autismus zwar a u c h in solchen erscheinungsformen wie oben skizziert, und mit derlei bildern wird autismus auch von vielen menschen assoziiert ( "rain man" und albert einstein lassen grüßen). tatsächlich aber gibt es plausible gründe und indizien dafür, autismus (als synonym für weitgehende bzw. totale beziehungsunfähigkeit und empathielosigkeit) bzw. autistische zustände als weit verbreiteten ausdruck bzw. möglichen mitverantwortlichen grund diverser katastrophaler gesellschaftlicher entwicklungen anzusehen. darunter besonders solche, welche die allgemein soziale und ganz konkret die zwischenmenschliche ebene von beziehungen aller art betreffen.

bevor wir darangehen können, uns das genauer anzuschauen, ist allerdings einige vorarbeit nötig. vorarbeit z.b. hinsichtlich des begriffs von psychiatrischen diagnosen.

ich werde im weiteren verlauf dieses blogs besonders auf folgende diagnostische begriffe immer wieder zurückkommen - angegeben ist der gerade jeweils gültige "offizielle" diagnostische code der aktuellsten deutschen icd-10 :
  • asperger-autismus F84.5
  • atypischer autismus F84.1
  • (alexithymie, ein begriff, der eher ein phänomen beschreibt - das nicht-lesen-können von gefühlen, welches sich durchaus auch zb. bei den autistischen störungen oder auch der schizoiden ps beobachten lässt. der begriff und seine benutzung sind aber durchaus interessant, daher taucht er hier auch auf.)
  • borderline (-persönlichkeitsstörung, -syndrom) *bps F60.3- (und folgende)
  • aufmerksamkeitsdefizitsyndrom *ad(h)s F90.0
  • posttraumatische belastungsstörung *ptbs F43.1
  • schizoide persönlichkeitsstörung F60.1
  • antisoziale bzw. dissoziale persönlichkeitsstörung (soziopathie) F60.2
  • narzisstische persönlichkeitsstörung *nps F60.8
  • dissoziative persönlichkeitsstörungen (bekannter als "multiple persönlichkeit") F44.- (und folgende)
ebenso ist es ganz nützlich, sich etwas unter dem begriff komorbidität vorstellen zu können - vor allem dann, wenn deutlich wird, dass psychiatrische diagnosen selten alleine kommen - asperger bspw. ist häufig mit ads als komorbidität gekoppelt und umgekehrt, borderline wiederum häufig mit ads, ptbs und der dissoziativen ps, dazu gibt es komorbiditäten mit nps und dem antisozialen spektrum. usw. usf.

hinter der obigen liste von diagnostischen begriffen verbergen sich neben teils wüsten und erbitterten auseinandersetzungen von psychiatern bzw. psychotherapeutInnen aller möglichen schulen ebenso unermeßliches leid - wobei der begriff "betroffene" bei einigen dieser diagnosen nicht so sehr die "eigentlich betroffenen" als vielmehr ihr jeweiliges engeres oder auch weiteres soziales umfeld meint -, als auch eine verwirrende vielzahl von definitionen und abgrenzungen, die teilweise eindeutig ideologischer art sind. dazu spielt das thema zwischenmenschlicher gewalt in ihren verschiedenen formen eine gewichtige, ja sogar zentrale rolle. und so ziemlich alle oben gelisteten diagnosen besitzen in ihren jeweiligen zentralen symptomen ein mehr oder weniger offen sichtbares moment an gewaltigen einschränkungen der beziehungsfähigkeit(-en) im weitesten sinne.

psychiatrie - ein fall für sich

wer sich die geschichte der westlichen institutionalisierten psychiatrie genauer anschaut, besonders ihre traurigen und negativen "höhepunkte" bspw. in gestalt der militärpsychiatrie , der nationalsozialistischen "euthanasie"-aktion "T4" sowie der willigen (selbst-)instrumentalisierung zur durchsetzung genormter begriffe von gesundheit und krankheit und der stigmatisierung alles davon abweichenden (von therapeutischen methoden wie schockbehandlungen und psychopharmaka gar nicht erst zu reden), wird nicht umhin kommen, gegenüber diesem ganzen bereich eine gesunde skepsis zu entwickeln. ließe sich nun klipp und klar sagen, dass die diagnostischen konstruktionen und modelle dieser institution gänzlich an den haaren herbeigezogen wären, so würde das etliches sicherlich einfacher machen. jedoch: trotz der kenntnis all der zweifelhaften bis völlig abzulehnenden seiten der orthodoxen psychiatrie ist es imo nachweislich so, dass es viele der in den diagnostischen katalogen erfassten phänomene tatsächlich gibt. und bis auf weiteres sehe ich kein anderes instrumentarium - auch keine andere sprache - zur verfügung stehen als eben das, welches der psychiatrie entstammt.

skepsis ist also sozusagen als grundhaltung angebracht. diagnostische konzepte zb. sind imo grundsätzlich als komplexitätsreduzierende modelle anzusehen, von denen es üblicherweise keinerlei modellgetreue 1:1-umsetzungen in der realität gibt. ebenso ist stets ein bestimmter gehalt an - meist gesellschaftstragender - ideologie miteinzubeziehen, genauso wie die regelmässig unterschlagenen subjektiven motivationen und einschätzungen, die in derlei modelle einfließen.

aber wie schon gesagt: ich halte trotz allem immer weniger davon, das, was als "wahnsinn" in dieser kultur bezeichnet wird, zu verharmlosen oder zu glorifizieren. eine besonders aus den linkeren teilen des politischen spektrums stammende sichtweise, die sich teils auch in der sog. antipsychiatrie manifestiert hat (und theoretisch stark von leuten wie michel foucault beeinflusst wurde), hat sicher in bestimmten bereichen der psychiatriekritik notwendiges geleistet. aber mit der konstruktion eines bildes vom wahnsinnigen menschen als quasi heroischem outdrop, der mit seiner verrückten art ein mörderisches system ins leere laufen lässt, an die stelle berechtigt demontierter mythen letztlich nur neue gesetzt. und das könnte ein gewaltiges eigentor in der hinsicht gewesen sein, dass sich eine progressiv gemeinte linke psychiatriekritik damit unfreiwillig an der vernebelung äußerst bedrohlicher gesellschaftlicher entwicklungen beteiligt. (ein strukturell ähnliches phänomen lässt sich im übrigen auch an der bis heute in gewissen linken kreisen üblichen verharmlosung bzw. glorifizierung von (historischen) piraten aufzeigen -in der realität ist es so, das die weitaus meisten piraten bis heute durchaus treffend als mörder, plünderer und vergewaltiger bezeichnet werden können, denen ihre soziale mitwelt schlicht am arsch vorbeigeht. piratenflaggen mögen zwar etwas "verwegenes" transportieren, sind jedoch faktisch ein symbol für massiv antisoziales verhalten.)

das alles ist als notwendige einführung meiner meinung nach nötig. auch, um etwas deutlicher zu machen, aus welchen perspektiven ich hier schreibe.

ein weiteres: viele detaillierte informationen zu den einzelnen diagnostischen konzepten, gerade über die jeweiligen auseinandersetzungen dazu, kann ich hier nur fragmentarisch und in einzelfällen einbringen. die vorhandene literatur zu den hier thematisierten bereichen füllt ganze bibliotheken. und der/die interessierte leserIn sei deshalb zum einstieg an die hier geposteten links verwiesen.
Faroer (Gast) - 27. Jun, 00:09

Piraten...

Nanana, also die genannten Piraten waren eine Fraktion, gefährlich waren Piraten ja nicht wegen der Freibeuterei, sondern wegen der Frefahrerei, weil sie genossenschaftlich organisiert Schiffahrt bzw. Seehandel betrieben! Und sich nur einem beugten: Vor Gott und auf hoher See... (Thompson lesen: The First Philosophers. Eine gute, in der Historikerbrantsche nur als Giftschrank-Geheim-Tip weitergereichte Arbeit, in der die aussergewöhnliche Situation des Mittelmeeres dargelegt wird, wo im Gegensatz zu anderen Weltgegenden wegen der Seefahrt minder wertdichte Güter wie Öl und Getreide zur Ware werden konnten und Seefahrt wegen seiner schwierigen Kontrollierbarkeit überhapt den Freihandelsgedanken entstehen liess samt einem ganzen Bündel weiterer Implikationen)

Faroer

monoma - 30. Jun, 13:58

jein.

es mag ja sein, dass sich auch beispiele für libertäres (nicht im neoliberalistischen sinne gemeint) und solidarisches verhalten in der geschichte von piraten auf den weltmeeren finden lassen - und trotzdem: primär eine männergesellschaft, die sich eigene regeln gegeben hat - darin imo vergleichbar anderen bandenstrukturen wie den bereits im blog erwähnten maras in mittel- und südamerika oder auch den "hells angels".

das derlei gruppen auch immer wieder mit den etablierten staatlichen/ökonomischen "ordnungen" kollidieren, ist imo eher eine art nebeneffekt - die wesentlichen elemente der erwähnten ordnungen wie ausgeprägte hierarchien und eine normalität gewalttätigen verhaltens werden von ihnen im allgemeinen akzeptiert und auch sehr deutlich praktiziert. grundsätzlich emanzipatorische tendenzen vermag ich da nicht zu erkennen.

und was die heutigen piraten bspw. in asien anbelangt, so ist bei denen - selbst nach der notwendigen berücksichtigung von medial vermittelter stigmatisierung und verdammung - erst recht nichts mehr von den historisch vielleicht manchmal erkennbaren freiheitlichen tendenzen zu merken - eher repräsentieren eher sie einen teil der nach recht beliebigen jeweils aktuellen kriterien ausgeschlossenen und illegalisierten teile des sog. freien marktes.
Faroer (Gast) - 2. Jul, 04:17

Naja

Die Freifahrer wurden als "Piraterie" mit ähnlicher Argumentationskonstellation bekämpft, wie das Internet wegen der Kinderpornographie, viele, die Internet nicht aus eigener Anschauung kennen synonymisieren Internet mit Kinderpornographie, "ftp-Szene" (!), Raubkopierer u. dgl.
So ähnlich war es mit Piraterie: Ein geringer Teil der Freifahrer waren Piraten, Freifahrer waren genossenschaftlich organisiertes Boots- und Schiffeigentum, meist aus Dörfern, wo alle zusammenlegten und die Crew zumeist arbeitslose Dorfbewohner waren, ähnlich den "Jenischen", die nur zur Winterszeit in ihre Gemeinde zurückkehren durften und ausserhalb dieser Zeit zum Umherziehen gezwungen waren, zumeist als "fahrendes Volk", Gaukler, Kleinsthändler und Reparaturinstanz (Kesselflicker").

Naja, soweit mein Hintergrundrauschen in den Bildungslücken

Faroer
monoma - 5. Jul, 14:48

hintergrundrauschen erinnert mich doch an etwas...(kennen wir uns virtuell?)

ansonsten: kann es ein, dass wir etwas aneinander vorbei geredet haben? ich meine schon piraten - und nicht die genannten freifahrer.
Faroer (Gast) - 8. Jul, 00:39

Nochmals: Piraten

Piraterie im heutigen Sinn, nämlich das Entern fremder Schiffe, wurde von ALLEN (!) betrieben, nur den Freifahrern hat man dies angekreidet. Auf See herrschte eher Kriegszustand als an Land, die meisten Schiffe hatten das Recht, fremde, insbesondere "gegnerische" Schiffe - Gegner war jedes Land, das je mit dem eigenen (==unter dessen Schutz man Stand) Krieg führte - zu kapern und deren Waren zu plündern. Nur den Freifahrern wurde diese Form der Piraterie nicht zugestanden bzw. entwickelte sich der moderne Pirateriebegriff dahingehend, dass Schiffe, die nicht einer Hoheit unterstellt sind, einfach Piraten seien, ungeachtet, ob sie "Piraterie" betreiben oder nicht.

Viktor Klemperer lesen, LTU, da wird sehr schön vorgeführt, wie z. B. der Begriff "Kinderpornographie" zum Begriff "Internet" wird/werden könnte...

Faroer

PS.:"Du musst das Anzeigen von Bildern in deinem Browser ermöglichen, um das Formular abschicken zu können!" stimmt nicht, der Firefox kriegt die Meldung trotzden, der Konqueror aber kanns...
monoma - 8. Jul, 18:17

re:

Piraterie im heutigen Sinn, nämlich das Entern fremder Schiffe, wurde von ALLEN (!) betrieben, nur den Freifahrern hat man dies angekreidet.

das stimmt natürlich, aber ich sehe nicht, wo das meinen einwand entkräftet. ich sehe eher folgendes, allzu bekannte szenario, welches sich eben auch im zusammenhang mit anderen bandenstrukturen von der klassischen mafia über hooligans bis hin zu rocker-gruppen finden lässt: der einzige unterschied zwischen denen und der "regulären" ökonomischen/politischen macht besteht in ihrer illegalisierung. weder in ihren "zielsetzungen" noch in ihren inneren strukturen lassen sich imo grundsätzlich unterschiede finden (style ist hier zweitrangig).

und genau diesen punkt meinte ich im ausgangsbeitrag - ich sehe die teilweise glorifizierung von outlaws von links aus diesem grund eben nicht als besonders positiv an. ganz platt: der feind meines feindes ist nicht automatisch mein freund.

und das widerspricht imo auch nicht der realität, dass es in einzelfällen immer wieder auch mal kriminalisierte menschen/gruppen gibt, deren tun ich durchaus korrekt und unterstützenswert finde. die herrschenden, teils offen antisozialen gesetze können keinesfalls als verbindliche normen akzeptiert werden.

so, damit sollte es hoffentlich klarer geworden sein?

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