möglicherweise erinnern Sie sich noch an diesen beitrag, in dem es u.a. um die zunehmende verbreitung von sozialer isolation und einsamkeit in den usa geht. ich möchte das nochmalige lesen empfehlen, denn zusammen mit den gleich folgenden informationen geht es hier um fatale konsequenzen gesellschaftlicher realitäten, die nicht erst seit gestern für die große mehrheit aller lebenden menschen bedrohliche formen angenommen haben.
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jetzt zu den eben erwähnten informationen, die ich zwei artikeln des deutschen ärzteblattes entnommen habe. zum einen gibt es dort unter der überschrift Deutliche Zunahme neurologischer Erkrankungen zu lesen:
(...)"Offensichtlich ist dagegen der Grund für die Zunahme der Alzheimer-Erkrankungen: die steigende Lebenserwartung. Sie zählt mit 67 von 1.000 US-Amerikanern zu den häufigsten (schweren) neurologischen Erkrankungen. Auch die Zahl der Parkinsonerkrankungen, an der heute 10 von 1.000 US-Amerikaner erkranken, wird weiter ansteigen. In einem weiteren Beitrag prognostiziert Ray Dorsey von der Rochester Universität eine Verdopplung der Zahlen bis zum Jahr 2030 (Neurology 2007 68: 384-386)".(...)
(das der artikel auch aussagen über die hier bereits öfter erwähnten steigenden zahlen von diagnosen aus dem "offiziellen" autistischen spektrum macht und dazu kurz den immer noch laufenden streit über die interpretation dieser zahlen streift, soll hier ausnahmsweise einmal nicht das thema sein).
eine komprimierte zusammenfassung des derzeitigen informationsstands zur alzheimer-demenz findet sich hier. wobei zu sagen ist, dass ergänzend eigentlich diese studienergebnisse dazugehören. und wie schon gesagt: erinnern Sie sich nochmals an das ausmaß der verbreitung von sozialer isolation in den usa.
"Menschen, die sich einsam und verlassen fühlten, erkrankten den Ergebnissen einer Kohortenstudie zufolge mehr als doppelt so häufig an einer Alzheimer-Demenz wie gesellige Menschen. Die Autoren glauben in den Archives of General Psychiatry (2007; 64: 234-240) nicht, dass der soziale Rückzug ein Frühsymptom der Erkrankung ist, haben aber keine Erklärung, wie negative Emotionen die doch massiven strukturellen Veränderungen im Gehirn des Alzheimerkranken auslösen könnten.(...)
Mit dem Memory and Aging Project erforschen Mediziner der Rush Universität in Chicago seit Jahren die vielfältigen Aspekte der Alzheimer-Demenz. Dazu gehört die Tatsache, dass viele Personen bereits vor dem Ausbruch der Erkrankung zunehmend sozial isoliert sind. In der aktuellen Studie zeigen Robert Wilson und Mitarbeiter, dass allein schon das Gefühl der sozialen Isolierung mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko assoziiert ist. Die 823 Senioren, die sich seit Ende 2000 an dem Projekt beteiligen, wurden in einem Fragebogen zu Beginn der Studie und danach jährlich wieder nach ihren Gefühlen befragt."(...)
die tatsache, dass alleine schon das gefühl der sozialen isolierung (und das ist hier nun mal wahrnehmungsmäßig relevant) "mit einem erhöhten erkrankungsrisiko assoziiert" ist, stellt dabei keineswegs eine besonders neue erkenntnis dar - und sie ist auch bei weitem nicht nur im hinblick auf alzheimer von belang. mit dem fortschreitenden wissen der neurowissenschaften wird immer mehr das deutlich, was im nächsten absatz an erster stelle steht:
(...)"Die Studie zeige, dass soziale Interaktionen einen spürbaren Einfluss auf das Gehirn haben, meint Susanne Sorensen von der britischen Alzheimer's Society, welche die Studie auf ihrer Internetseite kommentiert. Ähnlich äußert sich Rebecca Wood vom Alzheimer's Research Trust, einer britischen Stiftung. Mahnend weist sie auf Fragmentierungstendenzen in der Gesellschaft mit der Zunahme sozial isolierter Menschen hin, die langfristig einen „echten“ Einfluss auf die mentale und physische Gesundheit der Bevölkerung haben könnte."
das "könnte" streichen wir an dieser stelle mal. wichtig wäre nach diesem schritt eher, die art und weise dieses einflusses und seine folgen möglichst genau zu bestimmen - aber diese aufgabe würde eine veränderung im menschen- und weltverständnis erfordern, die offensichtlich auch für wissenschaftlerInnen nicht so einfach zu realisieren ist:
"Weder die Autoren noch die Kommentatoren haben jedoch eine Idee, wie die psychosozialen Faktoren in die Pathophysiologie der Alzheimer-Erkrankung einwirken und wie sie zum massiven Untergang von Hirnzellen betragen könnten."
ach? wirklich überhaupt keine idee?
(...)"Unsere Versuche bestätigen, dass soziale Isolation der mit Abstand größte Stressfaktor ist, weit vor Elektro- oder Kälteschocks", erklärt Professor Bauke Buwalda von der niederländischen Universität Groningen den Sinn dieses Experiments."(...)
stress nun wiederum, und das ist meines wissens mittlerweile wirklich keine spekulation mehr, stress kann psychophysisch sehr fatale wirkungen mit sich bringen:
(...)"Zwischenmenschliche Belastungen, Überforderungen oder bereits kleinere psychische Anspannung schalten im Hirn Stressgene an, deren Produkte über den Blutweg die Nebenniere erreichen, wo vermehrt Cortisol produziert wird. Letzteres unterdrückt die Produktion von Sexualhormonen und die Immunabwehr. In diesem Sinne werden heute in der Psychoneuroimmunologie mögliche Zusammenhänge zwischen Stress und Krebs diskutiert. Aber auch zur Alzheimer-Entstehung bieten sich Verbindungen an: Stressgene hemmen andere Gene, die Nervenwachstumsfaktoren produzieren. Auch vermag laut Bauer Stress ein bestimmtes Protein Alzheimer-typisch zu verändern."(...)
vielleicht sollten sich die autoren der oben erwähnten alzheimer-studie einfach mal mehr außerhalb ihrer vermutlichen wahrnehmungstunnel bewegen?
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ich habe vor langer zeit selbst mal ein halbes jahr auf zwei pflegestationen eines privat (lies: kommerziell) betriebenen sog. "alten- und pflegeheims" gearbeitet. und von den vielen in diverser hinsicht unangenehmen erinnerungen ist mir das miterleben des in einem atemberaubenden tempo vor sich gehenden dementen verfalls eines alten mannes als eine der nachdrücklichsten im gedächtnis. dieser mann kam in einem durchaus "fitten" zustand in die station, d.h. er konnte sich um seine sachen selbst kümmern, war geistig klar und orientiert, kommunikationsfähig, nicht bettlägerig und - neben einigen heutigen alterstypischen beschränkungen - durchaus jemand, zu dem das attribut "rüstig" gepaßt hat.
all das änderte sich in nur zwei- bis drei monaten des stationären aufenthaltes in extremer und erschreckender hinsicht.
neben einem etwas schleichender vonstatten gehenden körperlichen verfall fielen als erstes kleine vergeßlichkeiten auf, ebenso wie unsicherheiten in form längerer pausen im gespräch. diese symptome steigerten sich im laufe der - kurzen - zeit zu einer mehr oder weniger vollausgebildeten allgemeinen demenz.
wie gesagt, diese geschichte liegt schon über zwei jahrzehnte zurück und natürlich könnte auch eine zufällig gerade in dieser zeit voll "aktiv" gewordene primär "hirnorganische" krankheit mit verantwortlich gewesen sein - das kann ich nicht mehr rekonstruieren. aber selbst in diesem falle würde sich die frage nach dem oder den auslösern dieser aktivität stellen.
und damit zu dem, was heute immer als psychosoziale bedingungen bezeichnet wird: das klima - und zwar sowohl allgemein als speziell das arbeitsklima - dieser station war ein durchaus desolates: eine autoritär auftretende und willkürlich handelnde stationsleiterin, medikamenten- und alkoholprobleme bei teilen des personals - und einige phänomene mehr, die heute wohl unter den begriffen mobbing und burn-out laufen würden (supervision war natürlich völlig unbekannt). das verhältnis zu den "patientInnen" wiederum war unter diesen umständen - wie konnte es auch anders sein? - ein verdinglichendes in dem sinne, dass die reibungslosigkeit des betriebs vorgeordnet an erster stelle stand, weit vor allen etwaigen bedürfnissen der alten. dazu wurde großzügig von medikamenten, v.a. psychopharmaka, gebrauch gemacht. die reine befriedigung der körperlichen grundbedürfnisse wurde zwar gewährleistet, jedoch wurde auch hier der formale rahmen an die erste stelle gesetzt. was konkret bspw. bedeutete, dass der wunsch einer alten frau nach einem zusätzlichen nachtisch beim mittagessen glatt abgeschmettert wurde - "aus prinzip". es blieb jeden tag einiges an essensportionen über, und diese reste wurden jeden tag in den "schweineeimer" geschmissen und entsorgt. an der verfügbarkeit eines zweiten nachtisch lag es also nicht.
aber am "prinzip". was hier als synonym dafür zu lesen ist, dass ein großteil des personals die alten als störend und lästig empfand - gerade und besonders dann, wenn sie bedürfnisse äußerten, die über die vorgeschriebene minimalversorgung hinausgingen. ich will hier generell kein altenpflegerInnen-bashing betreiben: dieser beruf ist aus meiner perspektive einer der schwierigsten, den es gibt. die ständige konfrontation mit verfall, krankheit und v.a. dem tod unter bedingungen von personalknappheit (Sie wissen schon: die "betriebswirtschaftliche logik"...) und grotesk schlechter bezahlung verlangt eine enorme persönliche stärke, die aber unter den herrschenden gesellschaftlichen bedingungen niemals ausreichen kann. das nur am rande.
"minimalversorgung" jedenfalls meinte damals auch, dass die bedürfnisse nach aktivität und kommunikation - sofern noch vorhanden - seitens der bewohnerInnen in der art "befriedigt" wurden, dass diejenigen, die nicht ständig bettlägerig waren, nach dem frühstück angezogen wurden und bis zum - am späten nachmittag stattfindenden - abendessen in einen scheußlich eingerichteten raum vor den fernseher gepackt wurden - programm nebensächlich - und dort unter weitgehender sprachlosigkeit und sich selbst überlassen vor sich hindämmerten, bis sie wieder ins bett befördert wurden.
manifeste lieblosigkeit - auch ein synonym für soziale isolation. ich habe in den paar monaten dort selbst psychophysische symptome entwickelt, und bin nach einer schweren auseinandersetzung mit der erwähnten stationsleiterin auf eine andere station versetzt worden, auf der ich eine art gegenmodell zum gerade beschriebenen kennenlernen konnte. ein pflegeteam, das aus den eigenarten und den persönlichen fähigkeiten seiner mitglieder heraus sowohl insgesamt ein ganz anderes arbeitsklima etablieren konnte und v.a. seine aufgaben auch jenseits des vorgeschriebenen minimalismus suchte und fand. so wurden zb. spielnachmittage und ausflüge organisiert, und besonders jeden tag und immer wieder das gespräch mit den alten gesucht - und sich zeit genommen. ich kann von heute aus nicht sagen, ob die verantwortliche stationsleitung dazu besondere kämpfe mit der heimleitung ausfechten musste. ich vermute eher, dass lediglich die vorhandenen möglichkeiten konsequent ausgeschöpft wurden.
und als basis dafür braucht es u.a. ein empfinden dafür, es bei pflegerischen tätigkeiten eben nicht mit irgendwelchen dingen zu tun zu haben, die sich beliebig in die ecke stellen lassen - und später wieder rausgeholt werden.
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warum ich diese geschichten gerade erwähnt habe, sollte eigentlich deutlich sein. und seit damals muss ich immer wieder über einige aspekte von demenz nachdenken, die mir deutliche botschaften zu enthalten scheinen, welche unter berücksichtigung des themas soziale isolation noch deutlicher zu werden:
demenz bedeutet vergessen. und ich kann mir kaum etwas in einem gewissen sinne wirkungsvolleres vorstellen als strukturelle hirnveränderungen, um einsamkeit, schmerzen, demütigungen und allgemeinen stress ein für alle mal anscheinend zu entkommen.
demenz bedeutet selbstverlust. und damit verschwindet die angriffsfläche für die gerade genannten negativen zustände.
demenz bedeutet einen funktional autistischen zustand immer weiter um sich greifender (scheinbarer) beziehungslosigkeit. die sich speziell und konkret in den sozialen beziehungen manifestiert. das lässt sich als sehr umfassenden rückzug aus dem wichtigsten bereich des menschlichen lebens interpretieren.
und mit all dem obigen ganz eng zusammen hängt für mich der letzte aspekt, den ich erwähnen möchte: demenz bedeutet letztlich eine rückkehr in die früheste kindheit. zu meinen alltäglichen arbeiten damals gehörten füttern, windelwechsel sowie waschen - alte babys. ein zustand der zunehmenden hilflosigkeit, in dem die elementarsten körperfunktionen eine - wie auch immer konkret aussehende - zuwendung und aufmerksamkeit praktisch "erzwingen". ich kann mir nicht helfen: auch das lässt sich als ein - nicht "bewußt" durchgeführter und aus bestimmter perspektive kreativer - ausweg aus einer position der isolation interpretieren, bei dem selbstachtung, scham- und stolzgefühle keinerlei hindernisse mehr darstellen können, weil sie schlicht vergessen werden.
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was aus dem obigen für folgerungen bezgl. unserer lebensverhältnisse zu ziehen sind, möchte ich Ihnen überlassen.
alles gute zum 65. und danke für viele jahre inspirationen und anregungen - in der hoffnung, dass es noch lange so weitergehen möge. die "männerphantasien" waren für mich ein schlüssel für eine andere art der wahrnehmung - und es ist selten genug, dass sich solches über kulturelle produktionen sagen lässt.
mehr hier.
(...)"Mit seiner Doktorarbeit traf Theweleit den Nerv des Publikums. Seine Dissertation 1977 und 1978 über "faschistisches Bewusstsein und der soldatischen Prägung des Ich" bildeten die Grundlage für das Buch "Männerphantasien". Darin geht Theweleit mit Hilfe von Freikorpsliteratur der Frage nach, welcher Typ Mann im Dritten Reich in den Sog des Faschismus geriet.
"Die Frage ist hoch aktuell", sagt Theweleit. Es gehe darum, wie ein Mensch ein Nazi und ein zum Töten bereiter Soldat werden könne. Sein Ziel sei es, die Leser zu einer Auseinandersetzung mit dieser Frage zu bewegen. Eine wichtige Rolle nehme dabei das Verhältnis zwischen Mann und Frau ein."(...)
so lautet der letzte satz eines artikels zu - nein, nicht zu den kommenden klimaveränderungen, sondern zu einer neuen fernsehserie. tv-frei, wie ich sehr weitgehend bin, interessiert mich nun diese serie zwar weniger (auch wenn die inhalte recht realitätsgetreu zu sein scheinen), nichtsdestotrotz ist der satz eine absolut passende überschrift für diese neue ausgabe des kleinen presserundblicks.
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ich weiß, dass hier noch einiges gerade an antworten auf kommentare von verschiedenen leserInnen aussteht - und möchte die betreffenden deshalb schon mal um entschuldigung bitten. ich bin persönlich gerade in einer stresssituation und komme deshalb nur sporadisch zur arbeit hier im blog.
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und einiges gibt es gerade aus den letzten tagen nachzutragen, was ich thematisch relevant finde. ich fange mit ein paar ergänzungen zu verschiedenen blogthemen an.
der sog. amoklauf von emsdetten ist, wie nicht anders zu erwarten war, bereits schon wieder halb dem öffentlich-medialen vergessen anheim gefallen. ich hatte damals besonders zum aspekt der auffälligen geschlechtlichen verteilung bei amok-tätern bzw. der frage, ob es sich dabei um ein "männliches" phänomen handelt, geschrieben:
(...)"bis auf weiteres tatsächlich ja. zwar gibt es auch affekttaten von frauen, hauptsächlich im sog. häuslichen beziehungsbereich. aber diese besondere art der öffentlichen gewalt, schwerbewaffnet und grundsätzlich wahllos, ist bisher eine männliche domäne. ich glaube allerdings, dass es nur noch eine frage der zeit ist, bis sich das ändert: ähnlich wie bei den essstörungen, von denen seit kurzer zeit inzwischen auch zunehmend mehr und mehr männer betroffen sind, während gleichzeitig prügelnde mädchengangs deutlich machen, dass eine emanzipation, die sich in abstrakter (objektivistischer) "gleichstellung" erschöpft, keine wirkliche emanzipation darstellt"(...)
ich hätte mir - ähnlich wie in anderen fällen - gewünscht, dass meine obige prognose nicht so schnell zur realität wird:
"Eine angetrunkene Frau hat in Halberstadt mit einem Messer wahllos auf Passanten eingestochen. Wie die Polizei mitteilte, wurden dabei gestern Abend drei Menschen verletzt. Die 28-jährige Täterin habe das Messer zunächst einer 66-jährigen Frau an den Hinterkopf geschlagen. 20 Minuten später habe sie eine junge Frau oberhalb der Brust verletzt. Danach habe die Frau noch einen Radfahrer angegriffen. Ihm sei das 17 Zentimeter lange Küchenmesser so in die Schulter gerammt worden, dass er operiert werden musste."(...)
ich bin persönlich bei meiner spekulation ebenfalls davon ausgegangen, dass für den fall solcher taten von frauen gleichfalls ein relativ junges alter der täterinnen zu beobachten sein wird - einfach deswegen, weil alle menschen, die etwa seit 1980 geboren worden sind, völlig ohne jede wahl und vergleichsmöglichkeiten in die zunehmenden realen antisozialen verfallsprozesse dieser gesellschaft - die sich v.a. in einer explosion virtueller bzw. objektivistischer phänomene manifestiert - gezogen worden sind und werden. zusammen mit den jeweiligen individuellen entwicklungs(un)möglichkeiten und - bedingungen ist das ein punkt, den ich nicht unterschätzen würde (selbst für den fall, dass die betreffende junge frau noch in der alten ddr sozialisiert geworden sein sollte - dieser staat hatte bekanntlich seine eigenen varianten der verdinglichung, und hat sich dazu, wie der gesamte sog. ostblock, immer nur im vergleich mit dem extremkapitalismus des westens wahrgenommen - und ist darüber letztlich in einer position des anhängsels, der billigen kopie, gelandet.)
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was ich gerade oben geschrieben habe, sollte etwas klarer werden bei ansicht eines artikels, der sich u.a. näher mit der üblen erscheinung des sog. happy slapping beschäftigt:
(...)"Happy slapping - so heißt im Szenejargon die absonderliche Mode, mit der Handykamera Misshandlungen aufzunehmen, die man selbst begeht. Happy slapping, fröhliches Dreinschlagen, wird häufig nicht als Gewaltakt wahrgenommen, die Opfer werden nicht als Opfer angesehen, sondern eher als Kleindarsteller, oft kommen sie zufällig des Wegs, sind zur falschen Zeit am falschen Ort.
Slappen ist eine Art kollektives Freizeitvergnügen. "Es tut gut, irgendwelche Leute zu verhauen, außerdem macht es Spaß", ist in einem Chatforum im Internet zu lesen, und: "Auch wenn es denjenigen, die verhauen werden, wahrscheinlich wehtut, ist es witzig, als ob man einen Sketch im Fernsehen sieht."(...)
dieses "zur falschen zeit am falschen ort" sein ist übrigens für mich von genau der gleichen art, wie es sich bei opfern von amokläufern finden lässt - was weitergedacht auch bedeutet, dass den täterInnen der konkrete mensch jeweils mehr oder weniger in allen aspekten völlig egal ist - mittel zum zweck. soll das nun noch als interpersonale gewalt (= aus einer entgleisten, wenn auch noch grundsätzlich und realen subjektiven wahrnehmung heraus) begriffen werden, oder doch eher als grundsätzlich a-personale (der/die andere kann und wird nicht mehr als mensch wahrgenommen)? die wahrscheinliche antwort findet sich auf der dritten seite des artikels:
(...)"Klaus Hurrelmann, der Erziehungswissenschaftler aus Bielefeld, denkt vor allem an die Opfer, wenn er eine Erklärung dafür sucht, warum so oft nach dem Zufälligkeitsprinzip zugelangt wird.
Der Ehrenkodex hat sich geändert und damit das Verhältnis zwischen Opfer und Täter." Es gebe keine Regel mehr, die das Opfer schütze, sein Schicksal spiele keine Rolle mehr. Wie auch, fragt er, wo doch der Mensch, der malträtiert werde, "in einer Mischung aus Kurzschluss und psychischem Ausnahmezustand nicht mehr als Mensch wahrgenommen wird?".
Heute gehe es selten darum, die Missetat eines anderen zu vergelten, sich für eigenes Unrecht zu rächen. Der Mensch, der auf der Straße, in der Schule geprügelt werde, sei in der Wahrnehmung der Täter "ein virtueller Mensch".(...)
yo. der letzte satz bringt es auf den katastrophalen punkt, der eine entwicklungstendenz zusammenfasst, die für sich ebenso einen solchen öffentlichen alarm auslösen müsste, wie es gerade hinsichtlich des klimas zu beobachten ist (ich bin dabei, nicht sehr überraschend, der meinung, dass es zwischen den beiden entwicklungen gar nicht mal so untergründige verbindungen gibt - mehr dazu später).
nur den "psychischen ausnahmenzustand" würde ich präzisieren wollen: genauer wäre es, von einem zustand der psychophysischen schädigung der wahrnehmungsgrundlagen mit der folge der dominanz objektivierender bzw. objektivistischer/verdinglichender teilwahrnehmung zu reden. die im artikel ebenfalls erwähnte "langeweile" lässt sich bereits als symptom dieses zustands betrachten, weil sie als ausdruck einer impliziten und zwangsweise mit der dominanz des objektivistischen modus (der ja nur eine art werkzeug darstellt und für die aufgabe der kontinuierlichen sinnwahrnehmung weder gedacht noch funktionabel ist) zusammenhängenden sinnlosigkeit des lebens zu begreifen ist.
diese sinnlosigkeit ist dabei letztlich völlig unausweichlich in einer kultur, die sich - mit einiger wahrscheinlichkeit bedingt durch die massenhafte verbreitung von gewalt in so ziemlich allen sozialen bezügen mitsamt ihren traumatischen folgen, die sich eben auch in einer ebenso verbreiteten schädigung der wahrnehmungs- und empathiefähigkeiten manifestiert - schon seit jahrhunderten auf dem suizidalen irrweg der leugnung, verdrängung und abspaltung der tatsache befindet, dass menschen sowohl unabänderlich soziale wesen sind als auch - ebenso unabänderlich - von den engsten sozialen beziehungen angefangen bis hin zur verwobenheit in die planetarische ökologie in ein uraltes und lebenslanges beziehungsgeflecht eingebunden sind, aus dem es selbst - ich sagte es früher schon - für autisten aller coleur keine realen, sondern immer nur halluzinierte - virtuelle - "ausgänge" geben kann. können diese tatsachen mitsamt den daraus folgenden möglichkeiten und aufgaben nicht (mehr) kontinuierlich als selbstverständliche realität wahrgenommen werden, so ist das gefühl einer umfassenden und ständigen sinnlosigkeit die logische konsequenz. und diese totalitäre leere wird dann, jeweils kulturabhängig, mit beliebigen konstruktionen - also produkten des objektivistischen modus - versucht zu füllen. global beliebt dabei "götter" und "nationen", die sich heute in einen wettlauf mit dem konsequenten und auf eine historisch neue weise totalitär verdinglichenden ökonomismus des westens befinden, der auf seine perverse art und weise die ganze geschichte auf den kranken und in einem klinischen sinne wahnsinngen punkt bringt: quantifizierung, vergleich, abstraktion und konkurrenz. und es ist absolut kein zufall, dass damit genau die internen "funktionsprizipien" des objektivistischen modus im menschen benannt sind.
und "suizidaler irrweg" deswegen, weil das genannte beziehungsgeflecht zwar keine realen ausgänge, aber für jedes individuum ein sehr reales ende hat: nämlich den eigenen tod. das ist und bleibt die einzige (!) möglichkeit, wobei diese in diesem beziehungsgeflecht bereits vorgesehen ist, ebenfalls einen teil dessen darstellt und auch sinnvolle funktionen erfüllt.
was in einem strukturellen oder funktionellen autistischen/objektivistischen modus befindliche menschen allerdings - leider - können, ist die zerstörung gerade derjenigen materiellen grundlagen und teile des beziehungsgeflechtes, die für das überleben nicht nur unserer spezies lebensnotwendig sind. wer einen entscheidenden teil der eigenen wahrnehmungsfähigkeiten eingebüßt hat (und stattdessen als objektivistisches surrogat z.b. den eigenen quantifizierbaren profit als einzigen "lebenssinn" zur verfügung hat), wird erstens weder rücksichtnahme auf soziale und ökonomische beziehungen und grenzen kennen, zweitens weitgehend ignorant gegenüber allen entsprechenden warnsignalen bleiben (von denen das leid von lebewesen für alle empathiefähigen menschen eines der wichtigsten darstellt), und drittens im schlechtesten fall nicht einmal das problem begreifen können - und damit ist eine unüberwindlichende grenze für jeden heutigen begriff von "politik" gesetzt, die abstrakt und objektivistisch von einer diffusen "gleichheit" aller menschen ausgeht. es gibt nun aber real durchaus qualitative psychophysische unterschiede zwischen menschen, die im extremfall die wahrnehmung völlig unterschiedlicher welten bedeuten - die nazis z.b. haben mit ihrem gerede von "untermenschen" imo nicht nur unsinn erzählt, sondern auf ihre eigene art und weise ihren wahrnehmungsstatus durchaus korrekt beschrieben - und sie haben uns mit ihrem handeln einen deutlichen hinweis darauf hinterlassen, was derartige wahrnehmungsbeschränkungen für folgen haben können (die schweren und ernsten konsequenzen aus dieser situation für alle bestrebungen, die auf radikale und nötige gesellschaftliche veränderungen abziehen, sollen ein anderes mal thema sein.)
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was ich mit dem obigen konkret meine, wird anhand eines tp-artikels gleich mehrfach deutlich: einmal werden dort die neuesten bestrebungen des konzerns "exxon" thematisiert, mittels lobbyarbeit (dieser konzern und seine diesbezgl. methoden waren in einem der letzten beiträge hier schon thema) die uno-studie zur globalen erwärmung zu wiederlegen - die offensichtliche gleichgültigkeit gegenüber den verheerenden folgen des eigenen handelns, die mafiöse art und weise der manipulationsversuche sowie das augenscheinliche interesse am profit einiger weniger machen diesen und andere konzerne als objektivistische institutionen deutlich, die sehr berechtigt als "feinde des planeten" bezeichnet werden müssen.
zum anderen wird einer der vom kapital gekauften wissenschaftler mit worten zitiert, die an klarheit und deutlichkeit nicht mehr zu wünschen übrig lassen - und sie machen meiner meinung nach das, was ich oben abstrakt versucht habe zu beschreiben, in einer plastischen art und weise greifbar - der betreffende schreibt bezgl. all derer, die die notwendigkeit zu drastischen veränderungen des parasitären westlichen lebensstils sehen, folgendes:
(...)"Alles, was in Richtung Emissionsbegrenzung geht, zeigt eine `begrenzte Vernunft´ – und dient den Interessen einer mächtigen `tödlichen Koalition´– von Leuten, `die fossile Energien hassen, Autos, große Häuser, urbane Ausweitung, Autobahnen, reiche Leute, dicke Menschen, Industrie, Flugzeuge, Fleischkonsum, nicht recyclebares Papier und alles andere, was jemanden Freude bereitet (...)"
eines der eindrucksvolleren beispiele der irren - und real tödlichen - logik des mainstreams der westlichen kultur, wie ich finde. hier steht alles buchstäblich auf dem kopf, d.h. weist eine unübersehbare perverse und v.a. dingorientierte tendenz auf: "fossile energien, autos, große häuser, großstädte, autobahnen, reichtum, industrie, flugzeuge" gelten hier nicht als mittel, die menschlichen lebensnotwendigen grundlagen zu sichern und dabei mit realer rationalität (= eine rationalität, die aus der gesamten vollständigen subjektivität stammt und darum auch emotional fundiert ist) die positiven und negativen konsequenzen von technischen errungenschaften und bestimmten lebensstilen abzuwägen und bei überwiegen letzterer die betreffenden "errungenschaften" eben auch nötigenfalls - und zwar letztlich im eigenen interesse - abzuschaffen bzw. verträglich anzupassen. nein, das einzige "argument", welches für klimaschäden durch fossile energien, landschaftsversiegelung durch urbanität, tausende verkehrstote und die gesamten negativen folgen unserer wahnsinnigen motorisierung, immense soziale verwerfungen und instabilitäten durch die ungerechtigkeiten des arm-reich-gefälles, die endlos bekannten risiken aller art durch übermäßige industrialisierung, die ebenfalls nicht mehr zu verantwortenden schäden durch den flugverkehr, das elend von millionen tieren und sonstige katastrophale wirkungen des westlichen lebensstils vorgebracht wird, ist - und das ist kaum zu glauben, auch wenn´s zu erwarten war:
freude.
es ist erstens interessant zu sehen, wie im angesicht der nur noch von kompletten ignoranten und bewußten tätern zu leugnenden desaströsen folgen des kapitalismus gerade ein vertreter der benannten gruppe all das ideologische geschwafel von "rationalität" und "objektivität" eben als genau das kenntlich werden lässt, und sich auf die verpönten gefühle zurückzieht (den aspekt der projektion, mit dem im obigen zitat kritikern "hass" vorgeworfen wird, lasse ich hier mal außen vor):
"wir prassen, verschwenden und vergiften uns und alle anderen zwar, führen ein wahrhaft parasitäres leben nicht nur auf kosten von milliarden heutiger menschen und eigentlich der gesamten ökosphäre, sondern ruinieren gleich auch noch unzählige kommende generationen mit und üben mit all dem bzw. den mitteln zur durchsetzung dieser lebensweise zwar massive gewalt aus - aber das macht uns freude"
zweitens aber ist es ungeheuer wichtig, sich über den psychophysischen ursprung dieser "freude" klarzuwerden: sie ist letztlich ein surrogat, ein objektivistisches konstrukt, welches die reale unfähigkeit zum genießen - zu dem zeit, stille, intensität und v.a. liebesfähigkeit im weitesten sinne gehört - nicht mal mehr ansatzweise verdecken kann. was alleine dadurch bestätigt wird, dass es sich im kern hier um "freude" an prozessen der destruktion und vernichtung handelt. und bezgl. des letzteren sollten wir imo diese "freude" wortwörtlich nehmen: ich vermute, dass es sich bei extrem vielen vertreterInnen der heutigen "eliten" letztlich um leute handelt, die sich selbst, andere menschen und alles lebendige überhaupt zutiefst hassen und verachten. das ist eine logische folgerung aus ihrem mörderischen treiben. zum anderen aber ist tatsächlich der surrogatcharakter wichtig: in einer grundsätzlich autistischen/objektivistischen wahrnehmung gibt es keinerlei authentische sinnlichkeit, die in all ihren vielfältigen erscheinungsweisen für echte freude (und darüber auch für impliziten lebenssinn) sorgen kann. stattdessen wird eine pervertierte freude alleine aus den konstruktionen gezogen, die der objektivistische modus produzieren kann: mehr haben - und zwar in einer quantifizierbaren und konkretistischen art und weise - als andere (hier dürfte die eigentlich quelle für das irrsinnige raffen von geld und beliebigen dingen zu suchen sein) ; sich in einem ebenfalls quantifizierbaren und konkretistischen maßstab größer als andere fühlen (einer der wichtigsten motoren für alle hierarchischen systeme).
schauen Sie sich einfach mal in unseren verschiedenen lebensbereichen um, wo dort überall diese quantifizierbaren und konkretistischen maßstäbe zu finden sind - und Sie können sehen, wie weit die surrogate für ein authentisches soziales leben bereits in diese gesellschaft eingedrungen sind.
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es ist höchste zeit, sich von dieser wahnsinnigen und suizidalen verirrung radikal zu verabschieden.
wenn ich über nachrichten wie diese näher nachdenke, dann ist das ergebnis einerseits, dass ich mehr und mehr dazu tendiere anzunehmen, dass sich die sog. "eliten" weltweit mehr oder weniger einem zustand des offenen psychotischen agierens nähern - in politik- und geschichtswissenschaften werden solche ereignisse dann unter namen wie "diktatur", "totalitarismus" oder "autoritäre formierung" abgeheftet, meist unter mehr oder weniger gelungenen versuchen, die damit real verbundenen leiden, schmerzen und zerstörungen in abstraktionen bzw. objektivistischen konstruktionen verschwinden zu lassen. andererseits ist eine untrennbare reaktion ebenfalls auch ein emotionaler aufruhr, der von fassungslosigkeit bis hin zur wut reicht - ich wäre sehr an weiteren reaktionen von anderen auf das folgende interessiert:
(...)"Japanische Lehrer sollen in Zukunft aufmüpfige Schüler in die Ecke stellen und mit leichten Schlägen auf den Kopf bestrafen - das schlug eine Expertenkommission Ministerpräsident Shinzo Abe vor. Die "Prügelstrafe light" fand Abes ausdrückliche Zustimmung, um wachsender Gewalt und Disziplinlosigkeit an den Schulen zu begegnen.
Auf keinen Fall gehe es aber darum, die Schüler wie früher mit dem Stock zu züchtigen oder brutal zu verprügeln, sagte ein Sprecher Abes. Neben den Disziplinarmaßnahmen ist auch eine Ausweitung der Unterrichtszeit geplant. Etwa zehn Prozent länger sollen die Schüler lernen, denn aus Sicht der Regierung haben ihre Leistungen nachgelassen. Letzten Monat hatte das Parlament zudem ein Gesetz verabschiedet, das mehr Patriotismus in Japans Schulen tragen soll."(...)
das wort zurichtung, und zwar für das (im kern total sinnlose) ökonomische "rat race", trifft es hier schon ganz genau. zur sinnkonstruktion gibt´s dann wieder mal das altbewährte emotionale stützkorsett namens "patriotismus" für in ihrer authentischen identität geschädigte menschen.
zu einigen weiteren zuständen in japan mehr hier und hier.
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edit: und dann kommt mir prompt dieser artikel vor die augen, dessen inhalt durchaus als eine art alternativprogramm zu den japanischen maßnahmen - bei ähnlicher problemlage - gelesen werden kann (und auch, wenn mir kandinsky unten im kommentar zuvorgekommen ist, lasse ich die schon geschriebene ergänzung jetzt einfach so stehen):
(...)"An Privatschulen wie dem Wellington College wurden bereits "Glücklichkeitsstunden" oder Unterricht in well-being eingeführt, nachdem die Regierung empfohlen hatte, es sei auch wichtig für die Kinder, emotionale Intelligenz zu entwickeln und ihre Gefühle kennen zu lernen, die auch das Verhalten prägen. Geistige Leistungsfähigkeit und soziales Verhalten finden auf der Grundlage der emotionalen Intelligenz statt, glaubt man nicht ganz zu Unrecht, weswegen das britische Kultusministerium bereits 2005 den Umgang mit Gefühlen als Thema des Unterrichts in Schulen vorgeschlagen hat. In diesem Jahr sollen die ersten Versuche an Schulen bewerten werden, um zu entscheiden, ob man "happiness classes" als Pflichtstunden an allen Schulen einführt.
Britische Schulen haben bereits jetzt die Verpflichtung, sich um das geistige, emotionale und soziale Wohl der Schüler zu kümmern. So sollen bereits alle Grundschulen Sitzungen machen, auf denen die Schüler über ihre Gefühle sprechen. Dabei sollen die Lehrer Anleitungen geben, wie man Freundschaften schließt, Streitereien schlichtet oder mit Ärger umgehrt. Sekundärschulen sollen emotionale Bildung (emotional literacy) in diesem Jahr mit den Themen Selbstbewusstsein, Mitgefühl, Kontrolle von Gefühlen, Selbstmotivation und soziale Interaktion einführen."(...)
hmhmhm. ich bin stark zwiegespalten. grundsätzlich finde ich die ignoranz und nichtthematisierung von ganzen und wesentlichen bereichen des menschlichens lebens - richtig: gefühle, "psyche", körper - innerhalb des bisherigens schulsystems nicht nur in de. einen bezeichenden ausdruck für die allgemeine gesellschaftliche dissoziation. und würde deshalb auch grundsätzlich konzepte wie oben stark begrüßen (alleine schon, wenn ich mich an meine eigene schulzeit erinnere - zurichtung zu einem ökonomie-kompatiblen wesen bei gleichzeitigem einseitigem training der objektivistischen fähigkeiten unter ignoranz aller "nur" angeblich subjektiven (lies: von geringem wert) reaktionen und empfindungen.)
mit der einführung solcher maßnahmen wird dann übrigens spätestens jetzt auch staatlicherseits unausgesprochen zugegeben, dass die heutigen gesellschaftlichen verhältnisse auf so derart viele menschen destruktive wirkungen haben, dass ganz elementare soziale fähigkeiten nachhaltig in massenhaften dimensionen ge- und zerstört sind, und von derart betroffenen als eltern dann eben auch nicht mehr weitergegeben können.
andererseits: wenn ich das ganze dann zusammen mit entwicklungen in großbritannien betrachte, wie sie bspw. im verlauf dieses beitrags oder auch hier erkennbar werden, und dazu berücksichtige, dass dieses land wie der gesamte sog. "freie westen" unter dem diktat einer zunehmend mörderischer werdenden allgemeinen verdinglichung und der ökonomistischen logik steht, kann ich mir die frage nicht verkneifen, ob wir vor diesem hintergrund ernsthaft davon ausgehen können, dass sich die herrschenden "eliten" selbst ein derartiges ei ins nest legen.
will sagen: kein herrschaftssystem - wirklich keins - hatte und kann interesse an selbstbewußten und psychophysisch gesunden menschen haben - es würde sich selbst den nötigen boden unter den füßen wegziehen. von daher befürchte ich spontan eher, dass es sich bei den dargestellten absichten tatsächlich eher um eine breit angelegte konditionierung von kindern handelt, die in den herrschenden verhältnissen formal funktionsfähig gemacht werden sollen - denn auch noch der raubgierigste kapitalismus ist für die ungestörte abwicklung der geschäfte wenigstens auf simulationen von sozialem verhalten angewiesen.
wenn es sich anders verhalten würde und bspw. tatsächlich empathie(un)fähigkeiten im täglichen leben thematisiert werden würde, wäre ich der letzte, der daran herumnörgeln würde - es wäre dann im gegenteil eine art von sozialem großversuch, der in ganz vielen bereichen gewaltige - und zur abwechslung einmal tendenziell positive - konsequenzen haben könnte. aber erstmal finde ich es berechtigt, sehr mißtrauisch zu bleiben.
was seit bekanntwerden der geschichte des getöteten kindes immer wieder vermutet worden war (und ebenso regelmäßig von den involvierten "führungspersonen" der bremischen politik abgestritten wurde), ist jetzt durch eine aussage eines ehemals leitenden beamten vor dem entsprechenden untersuchungsausschuß bekräftigt worden - das gesamte statement ist hier zu finden, ich möchte nur ein paar kernaussagen wiedergeben - "AfSD" ist übrigens das kürzel für "amt für soziale dienste":
(...)"Ich wollte ihre Aufmerksamkeit auf institutionelle, atmosphärische und fachliche Rahmenbedingungen lenken, innerhalb derer das Fehlverhalten möglich war und zugelassen wurde. Für die Arbeit im AfSD wäre auch ohne den tragischen Tod des kleinen Kevin eine Zäsur dringlich angezeigt gewesen, damit notwendige fachliche Weichenstellungen vorgenommen würden. Der Maßnahmenkatalog der neuen Senatorin zu beabsichtigten Veränderungen im AfSD macht unübersehbar deutlich, welche Mängel es gab und gibt, die erst jetzt mit der Aufarbeitung des Kevin-Falles offen angesprochen werden.(...)
Ich möchte mit ihrer Erlaubnis mit einem Selbstzitat beginnen. 1999 habe ich in einer Entgegnung zum Gesamtkonzept für die ambulanten Dienste in einem internen Papier formuliert:
`Die Praxis der Jugendhilfe gerät in Gefahr, dass die von ihr erbrachten und zu erbringenden Leistungen künftig nur noch unter monetären Gesichtspunkten betrachtet werden. (…) Zu warnen ist davor, dass sozial benachteiligende Lebenslagen der Adressaten aus dem Blickfeld geraten und die Sicht öffentlicher Verantwortung und Aufgabenwahrnehmung verschwindet.´
Der Fall Kevin ist ein krasses und tragisches Beispiel dafür, dass die Warnungen ihre Berechtigung hatten. Die Kritik an dem Konzept wurde auch in ausführlichen Fachartikeln mit den Überschriften „Zur Tyrannei des Wegschauens“ und „Neue Steuerung und Systemik – eine verhängnisvolle Affäre“ publiziert. Eine offene Diskussion darüber hat die Amtsleitung nicht zugelassen, sondern als `Energievergeudung` diffamiert.
In den Jahren der Umsetzung dieses Konzeptes ist im AfSD ein Kostendruck-Regime errichtet worden. Eine kleine Gruppe von Leitungskräften, die nicht alle nach fachlicher Eignung und Erfahrung ausgewählt wurden, hat - durch die Weitergabe des Drucks an die Mitarbeiter - daran mitgewirkt, dass es bei einem Teil der Fachkräfte zu einer Deformation des fachlichen Selbstbewusstseins gekommen ist."(...)
dieses "kostendruck-regime" ist ganz maßgeblich durch vorschläge einer sog. unternehmungsberatung initiiert worden, also einer der verkörperungen jenes wahnzustandes, in dem nichts anderes mehr wahrgenommen werden kann als (pseudo-)"sachzwänge", "leistungsfähigkeiten" und "kosten-nutzen-rechnungen" - der mensch reduziert zu einem antisozialen und quasi-autistischen homo oeconomicus.
(...)"Das Fazit meiner Analyse ist, dass bei den Veränderungen im AfSD betriebswirtschaftliche Denk- und Handlungsmuster eine die Fachlichkeit überlagernde Eigendynamik entfaltet haben, die zu Lasten gründlicher fachlicher Abwägungen in der Alltagspraxis des Amtes ging. Das AfSD hat sich zu einem Exerzierfeld zur Einführung des neoliberal ausgerichteten „Neuen Steuerungsmodells“ entwickelt. Der Amtsleitung fungierte als Sparkommissar und sah sich beauftragt, die Sanierung des Bremischen Haushaltes zu unterstützen. Sie hat diesen Auftrag in unerträglich autoritärer und auch m.E. den gesetzlichen Aufträgen widersprechender Weise umgesetzt."(...)
das ist erstaunlich deutlich, und lässt mich wiederum mein vorläufiges fazit, welches ich damals gezogen hatte, präzisieren: das handeln des direkt verantwortlichen täters, also des vaters, erhält durch die immer deutlicher werdenden behördeninternen abläufe seinen realistischen kontext zurück. will sagen: es gab einen (im objektivistischen modus befindlichen und selbst nach den herrschenden psychiatrischen kriterien als gestört anzusehenden) täter, dessen handeln aber mindestens bei einer funktionierenden sozialen matrix (zu der in diesem fall auch behördliche sozialarbeit gehört hätte, die sich eben nicht primär im zustand der unterwerfung unter konstruierte "sparnotwendigkeiten" befindet) früher auffällig geworden wäre, wenn nicht gar verhindert hätte werden können. nun wird der täter derzeit psychiatrisch begutachtet - aber lassen sich nicht strukturelle verwandschaften zwischen ihm, den untätigen verantwortlichen behördenmitarbeitern sowie der handelnden in politik und "beratung" finden, die sich auf den gemeinsamen nenner "verdinglichende wahrnehmung von menschen" bringen lassen? es bleibt bis auf weiteres ein wunschtraum, dass die letzteren ebenfalls einmal bezgl. ihrer allgemeinen wahrnehmungs(un)fähigkeiten genauso begutachtet werden, wie es im falle des vaters von kevin für normal erachtet wird.
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ein weiterer nachtrag: ich hatte ja damals bereits die befürchtung, dass die ganze geschichte auch von seiten der nazis als propaganda in ihrer typischen verzerrt-emotionalen art und weise benutzt werden könnte - und genau das ist mittlerweile passiert, wenn auch glücklicherweise vorläufig im kleinen rahmen. wobei das problem darin liegt, dass die nazis mit einiger wahrscheinlichkeit mehr stillschweigende zustimmung von der sich immer als "schweigende mehrheit" definierenden gruppe der opportunistischen recht-und-ordnungsfixierten bevölkerungsgruppe bekommen, als es aus dem anblick der kläglichen kundgebung heraus zunächst zu schließen wäre:
(...)"Am Ende mahnten sie allein und im Regen. Keine 25 Personen folgten am Samstagvormittag dem Aufruf des rechtsradikalen "Bündnis Keine Gewalt" zu einer "Mahnwache" gegen die Therapierung von "Kindermördern" vor dem Osterholzer Friedhof. Hintergund der von NPD-Kreisen sowie der Hooligan-Truppe "Backstreet Skinheads" organisierten Kundgebung ist die Verwahrung des Ziehvaters des getöteten Jungen Kevin in der Psychiatrie des Zentralkrankenhauses (ZKH) Ost."(...)
das sich die möchtegern-nachfolger von massenmördern unter dem namen "bündnis keine gewalt" versammeln, passt dabei perfekt in diese zeit.
nicht vergessen möchte ich den hinweis auf ein interview mit einem angehörigen der branche, deren tätigkeit als professionelle fake-industrie vermutlich schwer unterschätzt wird. einige gleichzeitig erschütternd und erfreulich deutliche auzüge:
(...)"Sie behaupten auch, Ehrlichkeit sei für die Politik kein relevantes Kriterium.
Kocks: Richtig. Und das ist kein Zynismus, das ist der Zustand des Aufgeklärtseins. Die Wahrheitskategorie hat mit Geschäften nichts zu tun. Ein Autohändler möchte Geschäfte machen, und ein Politiker möchte das auf einer anderen Ebene auch. In Demokratien müssen Sie Machtausübung - zynisch könnte man sagen: leider - legitimieren. Deshalb müssen Sie die Leute von Ihren politischen Maßnahmen überzeugen. Dass es dabei nicht um die reine Wahrheit geht, ist mittlerweile Allgemeingut. Auf die Frage: 'Glauben Sie Politikern?', antworten nur 15 Prozent uneingeschränkt mit ja. Und die müssen Sie im Grunde genommen zum Arzt schicken."(...)
so wird auch noch ganz nebenbei die bedeutung des wortes "aufklärung" manipuliert: in der denkwelt dieses konstruktivisten ist das offensichtlich die rein kognitive wahrnehmung eines zustands der sozialen zerstörung, die lediglich objektivistisch registriert und unter dem eigenen nutzkalkül bewertet wird. zynisch bleibt das allerdings weiterhin, und die konstatierte - angebliche - nichtbeziehung von wahrheit und geschäften klingt haargenau wie die hier dokumentierte behauptung, das gefühle und "geschäfte" nichts miteinander zu tun hätten. haben sie auf einer ebene auch nicht, aber ganz anders, als es die zitierten meinen. es ist eigentlich unglaublich, dass diese selbstdemaskierungen von protagonisten der herrschenden a-sozialen zustände ohne sichtbare konsequenzen bleiben.
und dann wird es noch deutlicher - was für einen begriff von authentizität hat so jemand?
(...)"Also geht es in der politischen Auseinandersetzung darum, wer der bessere Schauspieler ist?
Kocks: Es geht um fiktionale Glaubwürdigkeit. Wir können einen Politiker nicht als Person beurteilen, weil wir ihn nicht wirklich kennen, sondern nur in seiner Rolle. Die kann er authentischer oder weniger authentisch spielen. Authentizität ist eine bestimmte Art der Inszenierung, auf die wir mit der Zubilligung von Vertrauen reagieren. Authentizität ist aber nicht Wahrheit: Leute, die im Stadttheater sitzen und den Hamlet sehen, glauben doch nicht, sie wären jetzt wirklich in Dänemark und es wären Geister da"(...)
"authentizität ist eine bestimmte art der inszenierung" - so klingt das gerede der völlig flexibilisierten, globalisierten und konstruktivistischen ich-manager, die den waren-fetischismus, die verdinglichende logik und ihren letztlich funktional autistischen wahrnehmungsstatus in totalität als ersatzoption und identitätskrücke für verlorengegangene (selbst-)wahrnehmungsfähigkeiten - und in letzter konsequenz für ihren fehlenden persönlichkeitskern (durchaus materiell gemeint) - akzeptiert haben (früher waren dafür bevorzugt götter und nationen beliebt - aber auch die haben ja bekanntlich eine art revival).
natürlich kann authentizität auch simuliert werden, aber hier geht es um jemanden, der ganz offensichtlich nichts anderes als simulationen wahrnimmt (bzw. wahrnehmen kann). und seine beschriebenen schwierigkeiten mit seiner branche dürften eher daher rühren, dass er seinen wahrnehmungsstatus bis in die letzte konsequenz hinein deutlich werden lässt - und dabei womöglich berufsspezifische strukturen zu sehr kenntlich macht.
(...)"Mit welchem Rollenbild möchten Sie denn gerne wahrgenommen werden?
Kocks: Ich? Der käufliche Intellektuelle. Klar. Brain to hire."
sich selbst zur nutte machen und stolz drauf sein. sie wissen irgendwo, was sie tun. andererseits wissen sie´s auch wieder nicht - sonst würden sie vor sich selbst schreiend davonrennen.
zum wiederholten male gesammelte unerträglichkeiten. wann es hier mit der trauma-reihe weitergeht, kann ich übrigens gerade nicht genau sagen - ich peile übernächste woche an.
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china, so ist es sinngemäß immer wieder aus den reihen besonders der sog. ökonomischen elite vieler westlicher länder zu hören, china sei in verschiedener hinsicht ein vorbild - gerade was die umsetzung kapitalistischer prinzipien unter verzicht auf praktisch das meiste betrifft, was ein selbstbestimmtes menschliches leben in einer funktionierenden sozialen matrix ausmacht. und wenn eine "politik", so wie sie im folgenden artikel dargestellt ist, immer wieder implizit als beispielhaft hingestellt wird, gibt es allen grund, für die innere entwicklung nicht nur dieses landes hier einiges zu befürchten:
(...)"Chinas Behörden und Unternehmen greifen immer häufiger zu Mafiamethoden, um Kritiker und Journalisten mundtot zu machen. Im Juni 2006 wurde der Bauer Fu Xiancai, der über Korruptionsfälle am Drei-Schluchten-Staudamm berichtet hatte, offenbar im Auftrag der lokalen Polizei zusammengeschlagen. Er überlebte knapp und ist seitdem vom Hals ab gelähmt. Auch Umweltaktivisten und Journalisten, die über schmutzige Industrien berichten wollten, wurden Opfer von Misshandlungen."(...)
"mafiamethoden" trifft es auf den punkt - unvermeidbar überall da, wo das prinzip der verdinglichung als siamesischer zwilling mit der kapitalistischen ökonomie auftritt. also letztlich immer, weil sich dieses paar nicht einfach durch eine operation trennen lässt.
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was auch das nächste zitat belegt:
(...)"Der inzwischen über Sexskandale und wegen persönlicher Begünstigung zu Fall gekommene David Blunkett ordnete während seiner Amtszeit an, die Armee im Strafgefängnis Lincoln einmarschieren zu lassen und revoltierende Gefangene mit Maschinengewehren zusammenzuschießen. »Menschenleben interessieren mich nicht«, kreischte er den damals für Gefängnisse zuständigen höchsten Beamten Martin Narey an, der sich weigerte, den Befehl auszuführen."(...)
so geschehen in einer der traditionellen "stützen" der freien welt - und man beachte, dass der kerl nicht wg. seiner mörderischen absichten geflogen ist.
im übrigen ist das, was in diesem artikel sonst noch so zu lesen ist, bestens geeignet, nun die chinesischen machthaber ihrerseits vor neid erblassen zu lassen.
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die dabei mit hoher wahrscheinlichkeit ebenso wie der zitierte britische ex-funktionsträger unter maßgeblicher beteiligung von psychophysischen defekten wie schweren empathiestörungen ihre antisozialen "politiken" ausbrüten. dazu gibt´s gerade bei telepolis die vorstellung einer studie, welche zu ergebnissen kommt, die keinesfalls wirklich überraschen können:
(...)"Nach einer Studie der Psychologen Adam Galinsky von der Northwestern University, Joe Magee von der Wagner Graduate School of Public Service an der NYU und Ena Inesi und Deborah Gruenfeld von der Stanford University scheint es so zu sein, dass Machtausübung systematisch verhindert, die Perspektive eines Mitmenschen einnehmen und die Gefühle von diesem erkennen zu können (A. Galinsky et al.: Power and Perspectives Not Taken, in: Volime 17 - Number 12/2006). Macht ist, wie die Psychologen sagen , gerade das Gegenteil von Einfühlungsvermögen, nämlich die Fähigkeit, andere Menschen mit Belohnungen und Strafen beeinflussen zu können. Wer andere besser verstehen kann, übernimmt deren Perspektiven und wird auch dadurch beeinflusst, Mächtige sind rigider und halten an ihrer Identität stärker fest. Dafür leisten sie sich mehr Vorurteile und denken weniger komplex. Wer Macht hat, übt eine entsprechend große Kontrolle über Ressourcen aus und ist daher weniger abhängig als andere Menschen. Zudem seien Mächtige vor allem auf ihre Ziele orientiert und daher nicht auf eine korrekte Deutung der Befindlichkeit und Interessen der Mitmenschen ausgerichtet."(...)
wiedermal eine - wie ich allerdings finde - nicht ganz vollständige darstellung der funktionsweise von personen, die sich überwiegend oder gar ständig im objektivistischen modus befinden. ich frage mich, wie lange wir noch warten wollen, um aus den sich verdichtenden informationen über den zustand derjenigen, die sich als "machtmenschen" bezeichnen lassen, konsequenzen zu ziehen?
neulich abends in einem café machte mich ein freund auf einen artikel der zeitschrift "neon" aufmerksam, der bei mir zunächst großes unglauben, später dann wachsende bestürzung auslöste. worum es geht? darum:
(...)"Seit den 90er-Jahren nehmen Zusammenstöße zwischen Menschen und Elefanten beunruhigend zu. Die "New York Times"widmete dem Phänomen sogar einen mehrseitigen Artikel. Diese Konflikte sind so alltäglich geworden, dass Elefantenforscher sie seit zehn Jahren in einer eigenen statistischen Kategorie H.E.C. (Human-Elephant-Conflict) erfassen. Beispiele aus jüngster Zeit:
Im nordindischen Bundesstaat Jharkand töteten Elefanten zwischen 2000 und 2004 insgesamt 300 Menschen. Im Bundesstaat Assam (mit ca. 5000 Elefanten) verdrängen sich Menschen und Elefanten gegenseitig aus Waldgebieten; seit 1994 starben dabei 605 Menschen durch Elefanten und umgekehrt 265 Elefanten durch aufgebrachte Dorfbewohner. In Nepal terrorisierte ein Elefantenbulle im Oktober mehrere Dörfer und tötete 12 Menschen. Eine indische Tageszeitung warnte sogar bereits, sich Tempel-Elefanten zu nähern, obwohl Elefanten den Hindus als heilige Tiere gelten.
In Afrika gibt es H.E.C.-Meldungen aus Sambia, Tansania, Uganda, Kenia. In Natal (Südafrika) wurden Elefantenherden Opfer der Rückgabe ehemals "weißen" Farmlandes an schwarze Einwohner: Die Tiere mussten umgesiedelt werden. Aus mehreren Reservaten meldeten Ranger, dass Elefantengruppen Safaribesucher und Rhinozerosse angriffen. Auch untereinander werden sie aggressiver. Im Addo-Nationalpark (Südafrika) sind bereits 90 Prozent aller getöteten Elefantenbullen Opfer anderer Bullen; normalerweise sind es höchstens 6 Prozent."(...)

nun werden tiere erstens generell nicht grundlos aggressiv, und zweitens geht es im falle der elefanten (die neben den walen nicht zufällig einen recht großen beliebheitsstatus haben, gelten sie doch - unter normalen, d.h. artgemäßen lebensbedingungen - als liebenswerte, soziale und intelligente tiere) darum, dass in dem oben bezeichneten konflikt sowie ebenso in den herden intern dazu absolut untypische verhaltensweisen sichtbar werden - nach einem weiteren bericht schließen sich junge elefantenbullen zu aggressiven gruppen zusammen, die ihre zeit hauptsächlich mit zerstörerischem verhalten füllen - bis hin zur vergewaltigung von rhinozerossen. ebenso wird von sehr gezielten angriffen auf dörfer berichtet. das erinnert Sie an etwas? korrekt:
(...)"Die aus Uganda stammende Tier-Ethnologin und Wildlife-Beraterin Eva Abe zieht eine klare Parallele zwischen besonders auffälligen jungen Elefantenbullen und menschlichen Kindersoldaten in afrikanischen Bürgerkriegsgebieten. "Wir haben mehr als 200 Flüchtlingscamps in Nord-Uganda. Es gibt dort kaum Erwachsene. Es sind Camps voller Kinder, ohne Eltern und Großeltern, ohne Schulen, ohne Infrastruktur. In diesen Camps werden Kindersoldaten rekrutiert. Sie haben nichts anderes."
es gibt dabei ein paar mehr als nur oberflächliche ähnlichkeiten zwischen menschen und elefanten, die dann auch dieses verhalten beleuchten können:
"Für den Fang eines jungen Elefanten muss in der Regel dessen Mutter getötet werden. Allein diese Erfahrung kann ein Elefantenjunges lebenslang traumatisieren. Wie Menschen haben auch Elefanten eine lange Kindheitsphase, mindestens acht Jahre, in der sie eng an der Seite ihrer Mutter bleiben, mitbetreut von Tanten, Großmutter, älteren Schwestern. In dieser umsorgten Kindheit werden differenzierte soziale Kompetenzen ausgeformt. Experten berichten, dass sie sogar Tränen weinen, wenn sie traurig sind. Auch rabaukenhafte Jungbullen werden durch das enge Familiensystem diszipliniert. Versuche scheinen zu zeigen, dass Elefanten sich ihres "Ichs" bewusst sein können,(...). Das wurde bisher nur bei Schimpansen und (eingeschränkt) bei Delfinen beobachtet.
Der Verlust älterer Herdenmitglieder durch Jagd oder Vertreibung hat automatisch Auswirkungen auf die jüngeren. Sie sind wie verwahrloste, vernachlässigte Kinder und können ihre Nachkommen selbst nicht herdengerecht sozialisieren. Neurologen fanden in Elefantengehirnen nicht nur einen großen Hippocampus (Sitz ihres guten Gedächtnisses), sondern auch ausgeprägte Strukturen eines limbischen Systems, das Emotionen entwickeln kann - sofern eine intensive soziale Interaktion in der Herde stattfindet. Ist sie gestört oder zu kurz, bleiben Reaktionen und Bindungen des Tieres grob und instabil."(...)
(die andeutung auf ein vorhandenes selbstbewußstsein bezieht sich auf den sog. spiegeltest.)
für den moment nur drei gedanken dazu: erstens lassen sich tatsächlich viele ähnlichkeiten mit prozessen menschlicher traumatisierungen sowie den teils gewalttätigen versuchen der "verarbeitung" / re-inszenierung entdecken. zweitens reagieren die tiere hier - auch das ist eine ähnlichkeit - auf zerstörungen ihres sozialgefüges in einer art und weise, die gegenüber ihrem sonstigen verhalten deutlich als ver-rückt zu bezeichnen ist (und da elefanten nicht nur metaphorisch über ein sehr gutes gedächtnis verfügen, erinnern sie sich auch daran, wer ihre feinde sind und ihnen leid zugefügt hat).
drittens aber: ich habe es neulich schon zum thema tiertransporte geschrieben, dass sich auch in der miesen, verachtenden und gleichgültigen behandlung von tieren - in freier wildbahn und erst recht in gefangenschaft - genau der gleiche verdinglichende wahrnehmungsmodus bemerkbar macht, der auch die soziale basis der menschlichen gesellschaft bedroht. und es ist nicht nur eine bittere pointe, sondern bereits ein symptom für den besorgniserregenden zustand unserer sozialstrukturen, dass viele menschen eher für tierschutz - gegen den ich keinesfalls etwas habe, im gegenteil - zu mobilisieren sind als für aktivitäten, die ein sozusagen artgerechtes leben für menschen ermöglichen würden. ich sehe es schon vor mir, dass wir erst bis zu dem punkt kommen mussten, an dem traumatisierte elefanten als türöffner für eine breite öffentliche aufmerksamkeit gegenüber der realität und den folgen von traumata dienen müssen. und das ist - und zwar in jeder hinsicht - schlicht erbärmlich.
ps: ich finde, das elefanten wunderschöne tiere sind.
*
von ge- und verstörten tieren nun zurück zu ge- und verstörten menschen: das thema magersucht (anorexia nervosa) macht an der spitze der essstörungen derzeit mal wieder schlagzeilen - die überschrift dieses artikels lautet "Mein Körper, mein Feind" - und die ist allerdings in meinen augen völlig zutreffend. egal, aus welchen gründen jemand eine magersucht entwickelt - der aspekt der kontrolle des eigenen körpers, die sich darin bereits manifestierende spaltung zwischen körper und einem virtuellen "ich" und die rücksichtslosigkeit, mit der dieses reduzierte "ich" seine fiktionen selbst um den preis der eigenen vernichtung real werden lassen will, ist jeweils deutlich zu beobachten und weist auf vieles von dem hin, was ich bisher in etlichen beiträgen hinsichtlich der eigenarten von möglichen störungen der menschlichen psychophysis versucht habe, aufzuzeigen. es ist definitiv kein primär individuelles problem.
mehr auch hier und hier.
*
zum abschluß wieder einmal eine geschichte von lügen, betrug und fakes, wie sie in der kapitalistischen ökonomie alltäglich ist - besonders interessant ist dieses mal die branche, von der die rede ist:
(...)"Ich war über dreißig Jahre korrupt, habe Menschen bestochen und die Manipulation von Daten gedeckt.
Da sind Sie nicht der Einzige.
Klar. Aber es geht hier um kranke Menschen beziehungsweise um Menschen, die durch diese Präparate erst richtig krank werden oder sich umbringen oder andere gefährden.
Wie meinen Sie das?
Es ist kein Geheimnis, dass Arzneimittelstudien, die schlecht ausgehen, oft nicht veröffentlich werden. Sie werden auch nicht den Behörden vorgelegt, die etwa über die Zulassung eines Medikaments entscheiden. Sie verschwinden einfach in den Schubladen der Firmen.
Fluoxetin kann nicht nur Angst, Nervosität und Schlaflosigkeit herbeiführen, es besteht auch das Risiko von aggressivem Verhalten und konkreten Suizidgedanken, weil depressive Patienten durch den selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer aktiviert werden. Wussten Sie das schon damals?
Ja, solche negative Effekte waren bekannt.
Und die alarmierenden Daten wurden unterdrückt?
Ja. Sie wurden jedenfalls nicht weiter verfolgt, um die Zulassung nicht zu gefährden."(...)
fluoxetin ist - das werden vermutlich viele leserInnen hier wissen - der wirkstoff des bekannten "prozac", welches für die hersteller durchaus als "ökonomischer erfolg" (für ihre eigene börse und die ihrer aktionäre zumindest, die gesamtgesellschaftliche bilanz dürfte etwas anders aussehen) gewertet werden kann. zumindest bei solchen zahlen:
"In den USA wird die Zahl der Prozac-Konsumenten auf 20 Millionen geschätzt. Es wurde dort nach der Einführung 1987 als Wundermittel gefeiert und galt wegen seiner antriebssteigernden Wirkung als Yuppie-Droge."
zweifelhafte schmiermittel für eine noch zweifelhaftere gesellschaftsform mit den usa an der spitze, die inzwischen jeden tag unzählige male ihre eigene bankrotterklärung unterzeichnet. die frage ist nicht mehr, ob diese elende farce irgendwann ein ende hat - denn das wird sie haben, und zwar unabwendbar. die frage ist, wann und unter welchen umständen dieses überfällige ende eintreten wird - genauer: ob genügend soziale substanz übrigbleiben wird, um ein leben, welches diesen namen auch verdienen würde, zu realisieren.
für die antwort sind wir heutigen zuständig.
*
edit am 13.01.07: zum letzten thema oben, und da besonders zur feststellung des interviewers hinsichtlich korruption und manipulation - "Da sind Sie nicht der Einzige" - , passt ebenfalls ein artikel, in dem bezgl. einer der verantwortlichen personen der treffende satz "Ein Feind des Planeten" zu lesen ist. es geht um den energiekonzern "exxon", der nachweislich seit jahren mittels manipulationen von daten und studien sowie einem ganzen arsenal sog. "pr"-maßnahmen (zu dieser professionellen fake-maschinerie mehr hier) einfluß auf öffentliche und wissenschaftliche diskussionen zu den ursachen der klimaerwärmung genommen hat. das geht bis zur beeinflussung von schulkindern:
(...)"Exxon nimmt nicht nur Einfluss auf die wissenschaftliche Debatte. Auch die Lehrerschaft in den USA scheint fest in der Hand der Ölfirma zu sein. Als die Produzenten von "An Inconvenient Truth", einem weltweit äußerst erfolgreichen Film des ehemaligen demokratischen Vizepräsidenten Al Gore über die globale Erwärmung, Schulen in Amerika 55.000 Kopien des Films umsonst zur Verfügung stellen wollte, lehnte die "National Science Teachers Association" (NSTA) ab. Die offizielle Begründung: Der Film sei tendenziös. In einem Nebensatz ließ sie mehr durchblicken: Man wolle sein Fundraising nicht gefährden. Einer der größten Sponsoren der NSTA ist Exxon. Während "An Inconvenient Truth" in Norwegen und Schweden inzwischen zum festen Lehrplan gehört, bekommen US-Schüler von Exxon produzierte Filme gezeigt. Die sind für die NSTA offenbar objektiv genug."(...)
ich würde übrigens dringend dazu raten, nicht dem kurzschluss zu verfallen, die im artikel ebenfalls genannten und offensichtlich ein kleines fitzelchen mehr realitätswahrnehmung aufweisenden anderen konzerne ob ihres verhaltens generell zu entlasten. mit allergrößter sicherheit dürfte hier kühle kalkulation hinsichtlich der folgen für das eigene image eine gewichtige rolle gespielt haben. und dazu kommt noch, dass das betreffende thema nur eines von vielen ist, in dem sich solche konzerne nicht anders als jeder gewöhnliche mafiaclan verhalten.
eine folgerung aus solchen und anderen geschichten, die ich schon früher gezogen habe: diese "unternehmen" - und das sie primär schützende system mitsamt allen beteiligten institutionen - haben jeden anspruch auf respektierung oder gar loyalität verloren. und wer sie schützt, verteidigt oder rechtfertigt, macht sich unausweichlich selbst zum mittäter. das gilt übrigens prinzipiell auch für die "nur" passive duldung dieses treibens.
eine vorbemerkung: ich hätte im zusammenhang mit den historischen diagnosen im traumakontext gerne eine entsprechend chronologische reihenfolge eingehalten - deshalb waren nach der gerade thematisierten hysterie eigentlich die beiträge zur neurasthenie und der rentenneurose geplant, letztere vor allem als militärpsychiatrisches werkzeug nach dem ersten weltkrieg. inzwischen sind mir aber neue materialien bekannt geworden, die sowohl die neurasthenie in einen engen zusammenhang mit der rentenneurose stellen, als auch die eingrenzung von letzterer auf das militär sowie die 1920er jahre als nicht sachlich gerechtfertigt erscheinen lassen. die rentenneurose hatte augenscheinlich bereits vor dem weltkrieg - und da im zivilen leben - eine bedeutung auch und gerade hinsichtlich des oberthemas gesellschaft und psychotraumata, die eine grundsätzliche überarbeitung der fragmentarisch vorhandenen beiträge nötig macht. von daher verschiebe ich die nun, hoffe auf Ihr verständnis und ziehe dafür die keinesfalls weniger interessante "vegetative dystonie" vor.
***
wobei ich diese verschiebung vor allem wegen der nun noch nicht vorhandenen vergleichsmöglichkeiten gerade zwischen den symptome der neurasthenie und der vegetativen dystonie etwas schade finde - aber ich komme bei der neurasthenie nochmal drauf zurück.
was macht aber nun die "vegetative dystonie" eigentlich aus?
"Folgende Symptome können Ausdruck einer Vegetativen Dystonie sein: Nervosität, Unruhe, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit, Schwindelgefühl, klimakterische Beschwerden, Kurzatmigkeit, flache Atmung, Kopfschmerzen, Verkrampfungen der Muskulatur (Wadenkrämpfe, Zehenkrämpfe, Muskelzittern, Muskelzucken), Herzbeschwerden (unregelmäßiger Schlag, Herzstolpern, Herzjagen, Herzschmerz, Beklemmungsgefühl in der Brust), Krämpfe in den Blutgefäßen (kalte Hände), Krämpfe im Magen, Magendrücken, im Darm und in der Blase, Verstopfung, Leber-Galle-Beschwerden (starke Blähungen), Verlust der sexuellen Lust.
Häufig findet sich ein diffuses Ineinanderfließen von körperlichen Beschwerden und rein seelisch empfundenen Symptomen wie Angst, Unruhe, Unlust. Viele leiden zudem unter mehreren Störungen/Beschwerden."
während die dystonie ein allgemeiner begriff für eine neurologische und muskuläre erkrankung ist, welche recht viele ausprägungen annehmen kann, stellt die vorsilbe "vegetative" davor einen klassischen fall einer diagnose dar, die zwar pompös klingt, jedoch inhaltlich eigentlich nichts zu bieten hat.
und wenn Sie sich auch nur ein klein wenig medizinisch interessieren, wird Ihnen die obige auflistung aus beschreibungen von diversesten und verschiedensten möglichen krankheiten und störungen vermutlich sehr bekannt vorkommen - die aufgezählten symptome sind tatsächlich derart unspezifisch und als indikatoren für alles mögliche zu sehen, dass es nicht selten hinsichtlich des modells der "vegetativen dystonie" zu solch harschen urteilen kommt:
Die im deutschen Sprachraum leider häufig verwendete, wissenschaftlich nicht anerkannte Diagnose einer sogenannte vegetativen Dystonie, hat nichts mit Dystonie gemein.
Das Wort "vegetativ" bezieht sich in der Medizin auf ein unwillkürliches Nervensystem, das solche Phänomene wie Blutdruck, Puls, Atemfrequenz und Verdauung regelt. Wenn leichtere oder schwer fassbare Unregelmäßigkeiten in diesem System auftreten, die nicht organisch erklärt werden können und somit schwer zu einer präzisen Diagnose zu zuordnen sind, greifen einige Ärzte den Begriff "vegetative Dystonie" auf, um eine Diagnose anzubieten. In der Regel verbirgt sich hinter dem Begriff eine Verlegenheitsdiagnose.
Vegetative Dystonie ist eine Verlegenheitsdiagnose!
und mehr gibt es zum medizinischen inhalt dieser diagnostischen konstruktion eigentlich nicht zu sagen.
(so ist sie denn in der neuesten ausgabe der deutschsprachigen icd-10 auch nicht mehr enthalten, während sie es meines wissens in einer der vorgängerversionen durchaus bis zur aufnahme geschafft hatte.)
interessant ist hierbei die tatsache, dass diese diagnose eigentlich nur in deutschland zur anwendung kam (bzw. in einzelfällen immer noch kommt) - in anderen ländern ist sie faktisch unbekannt!
ebenfalls interessant ist in meinen augen auch, dass sie besonders in den 1960er und 70er jahren ihre "blütephase" in d-land hatte. warum dieser geographische/zeitliche aspekt möglicherweise von bedeutung sein könnte, versuche ich gleich zu skizzieren.
von einem neurologen habe ich im netz noch folgendes gefunden /den link habe ich leider verschlampt):
Hinter einer solchen Zuordnung ("vegetative Dystonie") kann sich in der Praxis auch einmal eine depressive Erkrankung, eine Persönlichkeitsstörung oder Suchterkrankung verbergen.
yo - wenn man sich die symptome bewußt macht, die zu dieser "diagnose" führen können, ist das durchaus plausibel - allgemeine unruhe, verdauungsbeschwerden, schlechter schlaf - "...und überhaupt stimmt irgendetwas nicht." wenn derlei symptomen, die wie schon gesagt bei vielen krankhaften störungen auftreten können, keine organischen befunde zugeordnet werden konnten, war es früher also an der zeit, diese diagnose aus dem ärztlichen zauberkästchen zu holen - wenn auch niemandem damit geholfen wurde, so klang das doch "offiziell" genug, um den patientInnen das gefühl geben zu können, wirklich an einer krankheit zu leiden - und sich nicht etwa etwas einzubilden, oder gar irgendwie als "psycho" zu gelten, was früher gesellschaftlich noch stärker tabuisiert und mit ängsten besetzt war als heute - und selbst heute ist es diesbezgl. ja immer noch recht krass.
um meine eigene meinung dazu gleich vorwegzunehmen: ich denke, dass viele menschen mit dieser diagnose auch ernstlich krank waren - bloß litten sie tatsächlich an etwas, das einen entsetzlichen hintergrund und ursprung besaß.
richtig "klick" hat es in meinem kopf gemacht, als ich folgendes buch las, aus dem ich jetzt ein paar sätze zitiere:
"Neben meinem eigenen Erkenntnis- und Arbeitsprozeß über meine Identität als Mitläuferkind und Angehöriger der `zweiten Generation´ hat mich immer wieder die Frage beschäftigt: Kann ein Tätervolk in den Dimensionen der deutschen Verbrechen psychisch so `ungestraft´ davonkommen, wie es das vordergründige Erfolgs- und Verdrängungsbild der Deutschen in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg vermuten ließ ? (...)
Allmählich wurde mir aber deutlich, daß es eine Kluft gibt zwischen der öffentlichen politischen Bewältigung des Themas und dem untergründig schwelenden Leid in den Familien, das durch den öffentlichen Diskurs kaum berührt wurde.
Bereits in einer früheren Arbeit (...) hatte ich vermutet, daß die jahrzehntelang nach dem Krieg gestellte Diagnose `vegetative Dystonie´ ein Sammelbecken von Störungen enthielt, deren partiell ursächliche Verbindung zur NS-Geschichte niemand wissen wollte; (...)
(tilmann moser "dämonische figuren"; s.117/118)
damit hat moser meiner ansicht nach voll auf den punkt getroffen.
"vegetative dystonie" wurde mehrheitlich bei solchen menschen diagnostiziert, die während des nationalsozialismus und im zweiten weltkrieg noch kinder bzw. jugendliche waren, also genau die teile der deutschen bevölkerung, die hinsichtlich dieser zeit mit dem begriff "zweite generation" bezeichnet werden (die an ns und krieg beteiligten erwachsenen stellen die "erste" dar). und es waren mehrheitlich die angehörigen der "zweiten generation", die ab den späten 1950er jahren in die phase des "erwachsenseins" gelangten.
was hatten diese menschen in der regel während kindheit und jugend erlebt?
- militärische niederschlagung und zusammenbruch einer der brutalsten diktaturen der menscheitsgeschichte
- einen weltkrieg, der alle bis dato bekannten vorstellungen eines krieges hinsichtlich zerstörung und gewaltexzessen sprengte
- bombenkrieg mit all seinen begleiterscheinungen ("kellerdasein")
- ständige präsenz von tod und zerstörung in unvorstellbaren dimensionen
- möglicherweise flucht und/oder vertreibung aus dem vertrauten umfeld
- sehr wahrscheinlich verlust von verwandten/freunden/bekannten
- hunger
- die bis kriegsende anhaltende indoktrination durch das ns-regime
- die materielle not, die kälte und den hunger der nachkriegsjahre
- die existenz in ruinenlandschaften
- die wahrnehmung, einer bevölkerung anzugehören, unter deren (schweigender) zustimmung oder ignoranz die fabrikmäßige vernichtung von millionen durchgeführt wurde - und der gegenüber deshalb auch nach dem krieg z.t. weltweit verachtung entgegenschlug
und speziell in vielen deutschen familien:
- die wiederkehr von fremd gewordenen kriegsgefangenen oder im kz inhaftierten angehörigen
- ns-täter, die sich nach der befreiung zu "opfern" machten und ihre vergangenheit nicht nur nach aussen hin (ver-)leugneten
- ns-täter und mitläufer, die tatsächlich durch den krieg in irgendeiner form zu opfern wurden, und diese tatsache als einzige zulässige wahrehmung bei sich und kindern/angehörigen durchsetzten
- familien, die krachend auseinanderflogen: zb. bei gleichzeitiger existenz von ns-tätern und -verfolgten in ein und der gleichen familie (was gar nicht so selten vorkam)
- bei ns-opfern und auch zahllosen kriegsgeschädigten schweigen, sprachlosigkeit, kränkungen, wut, trauer...
und vor diesem hintergrund ständige lügen (als-ob-verhalten: als ob alles eine heile welt wäre...), kommunikationsverweigerung, unehrlichkeit, orientierungslosigkeit, ängste aller art, versteckspielen, zerrissenheiten aller art, moralisch-ethische verwirrung...all das in den phasen von kindheit und jugend, wo an sich ganz andere erfahrungen, wie zb. die des der-welt-vertrauen-könnens, an erster stelle stehen sollten - und ein ehrlicher austausch über die damit einhergehende verwirrung und orientierungslosigkeit hinsichtlich der eigenen persönlichkeit gefragt wäre, gerade in der phase der sog. pubertät.
und all das auch vor dem hintergrund der notwendigkeit, unbedingt funktionieren zu müssen - nämlich als arbeitskraft in irgendeiner art beim projekt "wiederaufbau" mit völliger fixierung auf die materiellen aspekte des lebens.
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eigentlich sind die oben erwähnten konstellationen allesamt idealer nährboden für schwere und schwerste traumatisierungen in massenhaften dimensionen. moser hat mit seiner weiter oben erwähnten frage nach den psychischen folgen in der deutschen bevölkerung also völlig recht - wo waren diese folgen geblieben, die nach all den schrecken des krieges (und für eine minderheit auch durch den terror der nazis) eigentlich unausweichlich zu erwarten sind und waren (und die bei den überlebenden aus den kz ja auch z.t. registriert wurden, wenn auch hier mit erheblicher zeitlicher verzögerung)?
ich denke, es spielen hier viele einflüsse eine rolle, die teils auch in den historischen ereignissen (wie "kalter krieg", deutsche teilung u.a.) begründet liegen. ich kann und will hier nicht auf alles eingehen. aber meine eigene hypothese dazu ist folgende:
um (psychische) symptome auszubilden, ist ein gewisser teil an ungebundener psychopyhsischer energie notwendig. ebenfalls muß eine gewisse grundsätzliche befriedigung der elementarsten materiellen bedürfnisse, v.a. nach nahrung, vorhanden sein. dazu dürfen äußere bedrohungen nur eine bestimmte stärke und bedeutung in der eigenen wahrnehmung besitzen (dringen sie zu stark durch, können alleine dadurch symptome entstehen.)
ich beziehe mich dabei einerseits auf die beobachtung, dass bei der deutschen zivilbevölkerung während des krieges die zahl psychischer erkrankungen "neurotischer" art anscheinend tatsächlich drastisch abgenommen hat, andererseits während der letzten phase des bombenkrieges ebenso wirklich schwere psychiatrische zustandsbilder (leute "drehten durch") verstärkt auftraten.
das klingt nur auf den ersten blick unlogisch: das "leichtere" oder diffuse psychische symptome sich zurückbilden, hat in aussergewöhnlichen, länger anhaltenden und (lebens-)bedrohlichen situationen, die aber nicht als individuelles, sondern kollektives schicksal (wichtig!) wahrgenommen werden, einfach damit zu tun, dass so ziemlich alle persönlichen ressourcen zur bewältigung und zum handling dieser situation gebraucht werden und damit gebunden sind. ebenfalls werden in solchen zeiten (kriege und z.t. auch schwere naturkatastrophen) bestimmte belastende probleme und umstände, die in "normalen" zeiten individuell ein schweres gewicht besaßen, ziemlich unwichtig und belanglos - gerade dann, wenn es um einen permanenten materiellen existenzkampf, vielleicht sogar ums nackte überleben, geht (aus dieser konstellation entstammen vermutlich übrigens die bekannten redefiguren vor allem alter menschen, die sich über die "laschheit" der jeweiligen jugend auslassen: "macht ihr erstmal das durch, was wir durchgemacht haben" usw. usf. - dieses durchaus reaktionäre gerede besitzt im oben beschriebenen einen realen kern).
im krieg und auch noch in der nachkriegszeit scheint eine mehrheit der deutschen bevölkerung psychophysisch genau nach diesen oder ähnlichen mechanismen funktioniert zu haben, was angesichts der oben aufgeführten kriterien auch zu passen scheint. allerdings sind die ganzen belastungen teils wirklich unerträglicher art in dieser epoche damit nicht verschwunden - sie wurden natürlich von den menschen wahrgenommen und auch in irgendwelchen formen gespeichert. die frage bloß: wie machten sie sich bemerkbar? denn die auseinandersetzung mit tod, terror, schrecken, verlust, zerstörung, wut und trauer ist nichts, dem auszuweichen wir imstande sind - die auseinandersetzung damit gehört zu unserer grundausstattung .
aber sie läßt sich zumindest verdrängen, wenigstens zeitweise, und wenigstens auf andere ebenen. und daraus zu meiner eigentlichen hypothese:
1. das sog. "wirtschaftswunder" ist zu einem großen teil, primär psychophysisch gesehen, auf einer riesigen kollektiven verdrängungsleistung aufgebaut.
das durchaus nachvollziehbare bestreben, sich einigermaßen erträgliche materielle lebensumstände aufzubauen, schlug irgendwann in eine art des wirklich besinnungslosen konsums als selbstzweck um - konsum und materieller wohlstand als lebenssinn an sich, dazu ein begriff von arbeit als ebensolcher "wert" an sich (wobei das auf vorhandene alte und fatale tendenzen in der deutschen geschichte aufbaute). beides sind irrationale "bewältigungstechniken" für probleme, die sich bis heute zb. in der gestalt des "workoholic" einiger beliebtheit erfreuen. ebenfalls ist die fixierung auf das ansammeln von materiellen dingen als kompensation immer noch eine gebräuchliche strategie, um sich um entscheidende (und meistens schmerzhafte) dinge des lebens herumzumogeln
2. ich kann es zwar nicht statistisch belegen, halte es jedoch für einigermaßen wahrscheinlich:
genau in der phase, in der für eine mehrheit der damaligen bevölkerung erstmals wieder nach dem krieg einigermaßen erträgliche materielle lebensumstände hinsichtlich wohnen etc. bestanden, und in der die rationale arbeit an der verbesserung dieser bedingungen in einen irrationalen konsumismus umschlug - genau in dieser phase, ca. zu beginn der 1960er jahre, begann auch die karriere der "vegetativen dystonie". für wahrscheinlich halte ich es für deshalb, weil es eine - wie ich zumindest finde - einleuchtende logik hätte: nachdem eine gewisse normalität im alltagsleben wieder hergestellt war (auf den verschiedensten ebenen: die ruinenlandschaften verschwanden etc.) und ebenso individuell für die meisten leute eine "normale" struktur in ihrem leben vorhanden war, gab es jetzt wieder freiraum zum nachdenken, fühlen und erinnern.
ich bezweifle jedoch stark, dass das, was da an gefühlen und erinnerungen in dieser generation hochkam, wirklich von den meisten gewünscht war. verdrängung war weiter angesagt, und so suchten sich die unerträglichen erinnerungen , wie in derlei konstellationen nicht unüblich, trotzdem einen weg, um an die oberfläche zu kommen - die diffusen symptome "ohne organischen befund" sind eigentlich ein klassisch "psychosomatischer" ausdruck dafür. nicht verwunderlich in einer gesellschaft, die als erstes ihre ruhe haben wollte, von krieg, diktatur, eigener verantwortung und moralisch-ethischen fragen nichts wissen wollte - und derart auch von ihrem eigenen leiden nichts wissen konnte (das dabei wieder auch diverse äussere faktoren eine rolle spielten, ist wohl klar - aber das ändert nichts am befund).
wie sagte der weiter oben zitierte neurologe noch?
hinter dieser diagnose "vegetative dystonie" kann sich u.u. auch eine "depression, eine persönlichkeitsstörung oder suchterkrankung" verbergen. eben. aber genau zu und von diesen störungen gibt es auch etliche verbindungen zur posttraumatischen belastungsstörung, wie wir sie heute kennen.
und eine ptbs oder analoge traumasymptome wären eigentlich, wie schon gesagt, bei derartigen traumatisierungen in massenhaften dimensionen als störung bei vielen angehörigen der zweiten generation zu erwarten gewesen.
inzwischen wird das thema "die deutsche bevölkerung auch als opfer" angesprochen - sei es in der thematisierung des bombenkrieges, oder auch mittels der seit mitte der 1980er jahre stattfindenden beschäftigung mit den familien von nazitätern. ich finde das absolut notwendig, mit einem ganz wichtigen zusatz: solange diese auseinandersetzung nicht für die relativierung der deutschen verbrechen instrumentalisiert wird. es sind oberflächlich zwei verschiedene, allerdings letztlich komplex und untrennbar zusammenhängende ebenen: eine der politisch-historischen, und eine der eher psychohistorischen betrachtung. und auf der letzteren ist das thema der damaligen deutschen opfer des krieges und der daraus folgenden konsequenzen speziell für das gesellschaftliche leben in diesem land durchaus zu diskutieren. ich bin sogar der meinung, dass es zur prävention gegenüber ähnlichen entwicklungstendenzen wie vor dem ersten und zweiten weltkrieg unverzichtbar ist.
nochmal tilmann moser zum thema:
"Die ganze Bandbreite von Traumatisierung durch die Folgen von Politik und Krieg wird uns erst allmählich bewußt. Ebenso die Verletzungen durch die Gewalt zwischen den Geschlechtern wie die zwischen Eltern und Kindern. Zwischen diesen disparat erscheinenden Ebenen bestehen kausale, aber komplizierte Verbindungen."
auch damit hat er meiner meinung nach völlig recht. im rahmen dieser reihe wird es bei den transgenerationalen oder tradierten traumata um eine der inzwischen bekannten arten gehen, wie sich traumatische zustände, die aus einem der obn genannten bereiche stammen, von generation zu generation "fortpflanzen" können.
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so. und jetzt in ganz eigener sache noch etwas zu meiner motivation, sich mit diesem thema - trauma - und überhaupt dem ganzen blog so zu beschäftigen:
ich bin selbst angehöriger der "dritten generation", und habe in meiner herkunftsfamilie (zu der ich den kontakt schon seit langer zeit völlig abgebrochen habe) selbst etliches von dem vorgefunden, was ich weiter oben beschreiben habe: eltern als kinder bombenkrieg und flucht ausgesetzt, beide großväter als täter in die nazi-diktatur involviert (einer davon, mein damaliger "lieblingsopa", war eine zeitlang als wachmann im kz auschwitz tätig - das habe ich erst lange nach seinem tod erfahren.)
etliches, was in der bis heute erschienenen literatur zu deutschen familien mit täter-opfer-erfahrungen beschrieben wird, hat mich im laufe der zeit dazu gebracht, meine eigene biographie nach solchen mustern, die sich strukturell durchaus ähneln, zu durchsuchen. und ich denke, dass ich dabei auch fündig geworden bin - ob es die absolute kommunikationsunfähigkeit in "meiner" familie war, das schweigen zu praktisch allen wirklich wichtigen themen, oder aber auch mein eigenes, bereits als kind erwachtes und mir lange unerklärliches interesse für diese geschichtliche epoche - faschismus und krieg - , welches sich vor allem durch emotionalen aufruhr bis heute kenntlich macht, wenn ich mit diesen themen in berührung komme - das zusammen mit anderen, eher subtilen dingen, die ich jetzt nicht weiter ausführen will, bringt mich selbst dazu, von meinem heutigen wissenstand zumindest einen relevanten teil meiner eigenen probleme in zusammenhang mit dieser familiengeschichte zu bringen. lösen muß ich diese probleme natürlich trotzdem selbst - aber mir hilft es zumindest intellektuell und auch emotional weiter, eine sehr wahrscheinliche quelle für sie geortet zu haben.
das vielleicht als anregung für Sie, selbst mal Ihre familiengeschichte(n) nach derlei zu durchforschen. das eine menge zeit ins land gegangen ist, spielt bei psychopsychischen prozessen solcher art keine rolle - die haben ihre eigene zeit. und die lange tabuisierung diverser themen in d-land lässt sich durchaus als eine art latenzzeit betrachten. bei den monströsen dimensionen der ereignisse eigentlich kein wunder, wie ich finde (und auch da stimme ich tilmann mosers entsprechnden aussagen in seinem oben verlinkten vortrag zu).
in unseren körpern und köpfen dürfte die gewalt des vergangenen jahrhunderts - welches mit recht als das mörderischste der geschichte benannt werden kann - noch lange nicht erledigt sein. umso beklemmender, dass wir als spezies anscheinend so lernresistent sind - selbst unter der prämisse, dass die auseinandersetzung mit eigenen traumatischen strukturen zu den mühevollsten und anspruchsvollsten arbeiten überhaupt gehört, die wir als menschen angehen können. und wir sind noch viel zuweit von der allgemeinen erkenntnis entfernt, dass diese arbeit schlicht unter dem aspekt der lebensfähigkeit der menschheit letztlich unverzichtbar und sehr dringlich ist.
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warum die "vegetative dystonie" als ein spezifischer beitrag der psychiatrie in form einer konstruierten diagnose zu den skizzierten verdrängungsprozessen zu sehen ist, sollte aber jetzt insgesamt etwas klarer geworden sein.
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im letzten jahr erhielt ich freundlicherweise (an dieser stelle dank an s.p.) das original eines artikels aus der printausgabe des spiegel nr. 49/2005, der durchaus zu den besseren dieses magazins gezählt werden kann. unter der überschrift "getrauert wurde nie" geht es auch um das thema dieses beitrags - und einige auszüge möchte ich im folgenden wiedergeben:
(...)"Dabei hatten Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung die Deutschen auch zu einem Volk von Traumatisierten gemacht: Etwa 1,7 Millionen tote Zivilisten, 5,3 Millionen tote Soldaten, über 11 Millionen in Kriegsgefangenschaft. Millionen Vermisste, Hunderttausende Frauen und Mädchen vergewaltigt, Männer verkrüppelt, Städte in Trümmern, Familien zerrissen. Jedes vierte Kind wuchs ohne Vater auf."(...)
ich finde, dass sich das durchaus einmal in ruhe wahrnehmen lassen sollte, ohne sofort in eine debatte über schuld und verantwortlichkeiten abzugleiten: unbestritten: die damalige deutsche bevölkerung hat in ihrer mehrheit mindestens den terror der nazis geduldet. aber dieses und die anderen bekannten fakten können im gegenzug keinesfalls zur relativierung der psychophysischen folgen - die den funktionsgesetzen unserer biologie, als ganzes verstanden, unterworfen sind bzw. ihren ausdruck darstellen - des szenarios am ende des krieges benutzt werden. das ist schlicht unangemessen und verhindert ein absolut notwendiges verständnis der dimensionen und konsequenzen, um die es hier geht.
(...)"Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder - die Ideale der Nazi-Erziehung halfen nun dabei, die Zähne zusammenzubeißen, zu schweigen, runterzuschlucken.(...)
Das größte Tabu blieben die seelischen Beschädigungen derer, die an der Front gekämpft hatten. Dabei waren in unzählige Familien Männer heimgekehrt, die wie in Eis gehüllt immer nur schwiegen oder als Gefangene ihrer Alpträume die Nächte durchschrien. Doch kaum einer gab zu, dass er die Bilder nicht loswurde von Menschen, die er getötet hatte, vom Elend des Schützengrabens. Wehe, einer hätte erzählt, dass er vor Angst in die Hose gemacht hätte."(...)
es gleicht sich monoton und trostlos, von land zu land und von krieg zu krieg - und einen gedanken speziell zur geschichte dieses landes: könnte es sein, dass wir bis heute der nazi-fiktion des quasi "von natur aus" schmerzfreien und harten "deutschen mannes" erliegen, indem wir bspw. die noch lebenden wehrmachtsangehörigen nur in der täterperspektive wahrnehmen (mit der sie selbst übrigens auch erfolgreich einer auseinandersetzung mit sich selbst aus dem wege gehen konnten)?
(...)Heute würde man sagen `posttraumatische Belastungsstörung´. Die Diagnose stammt aus der Zeit des Vietnam-Kriegs (was im übrigen nicht stimmt; die ptbs taucht 1980 das erstemal im dsm auf, anmerk. mo). Jder zweite US-Soldat wurde dort, zumindest zeitweise, zum seelischen Wrack. Amerikanische Militärpsychiater erkannten psychische Symptome aber schon im Zweiten Weltkrieg als Krankheit an, in weit über einer Million Fällen.
In der deutschen Wehrmacht dagegen galt es schnell als Ausdruck charakterlicher Minderwertigkeit, wenn einer durchdrehte. Half Ruhe im Lazarett nichts, wurden traumatisierte Soldaten mit Elektroschocks traktiert oder in "Feldsonderabteilungen" zum Minenräumen eingesetzt."(...)
die praktiken der militärpsychiatrie werden in dieser reihe noch genauer beleuchtet werden. ich möchte aber vor allem auf das zusammentreffen dieser traumatisierten männer - wandelnde denkmäler für die täter-opfer-dialektik - mit dem nachkriegsalltag eingehen:
(...)"Kaum war er wieder da, ging es los mit dem Drill", sagt die Tochter. "Er hat unser Haus zum Kasernenhof gemacht."
War das Kind unfolgsam, musste es die Hände über dem Kopf falten wie zu einer spitzen Tüte, auf dem Esstisch auf- und abgehen und unter Tränen singen: " Hier tanzt ein Bi-Ba-Butzemann."
Hörte der Vater aus dem Bad kein Wasserrauschen, riss er die Toilettentür auf: "Ein deutsches Kind ist ein sauberes Kind! Hundertmal aufschreiben: Nach dem Stuhlgang, vor dem Essen, Hände waschen nicht vergessen!" Weil sie den Satz nur 97-mal notierte, hieß es: "Antreten zum Latrineputzen. Mit der Zahnbürste! Und singen musste ich dabei."(...)
mit "sie" und "ich" ist hier die ehemalige radio-moderatorin monika jetter gemeint, deren sendungen auf ndr 2 mich in meiner kinder- und jugendzeit oft genug ob ihrer plapperhaftigkeit ziemlich genervt haben - dieser typische radio-frohsinn halt (der im übrigen die biographischen schattenseiten der moderatorin perfekt maskieren konnte - das finde ich von heute aus). sie hat jedenfalls ein buch zu ihrem vater geschrieben, welches sie inzwischen auf einigen kongressen zu kriegskindheiten vorstellte - und bei einem dieser kongresse...
"...brachen bei vielen Zuhörern die eigenen Erinnerungen hervor, an die Verrohung und Brutalität, die wie ein Schwelbrand unter der bonbonfarbenen Oberfläche des Wirtschaftswunders verborgen lagen. Eine Frau berichtete unter Tränen, dass ihr Vater sie gezwungen habe, wie eine Ente vor ihm herumzuwatscheln, wenn sie zu weinen anfing. Später erfuhr sie, dass der Entengang in der Wehrmacht zur Demütigung in der Rekrutenausbildung ingesetzt wurde."
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ich breche an dieser stelle ab. es gäbe noch sehr, sehr viel an querverbindungen und verstecken beziehungen aufzuzeigen - aber das würde mich gerade völlig überfordern, und ich betrachte dieses blog an solchen punkten auch eher als eine art impulsgeber. das rechts verlinkte buch von sabine bode, die arbeiten von tilmann moser sowie der link zur "kriegskinder"-seite seien denjenigen empfohlen, die sich tiefer mit dem ganzen beschäftigen möchten.
kennen Sie übrigens den treffenden spruch "es ist deutsch in kaltland"? woher diese kälte kommt, ist nicht schwer zu verstehen - wenn man sich traut, genau wahrzunehmen.